Kinder fotografieren - Allison Tyler Jones - ebook

Kinder fotografieren ebook

Allison Tyler Jones

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Opis

Mit diesem Buch lernen Sie, authentische Porträts von Kindern zu fotografieren. Sie lernen Fotos zu machen, die jenseits von Klischees das Wesen und die Persönlichkeit der Kinder zeigen. Ob als Einzelporträt, mit Lieblingsspielzeug oder -tier, in Interaktion mit den Geschwistern oder der ganzen Familie. Doch Kinder sind anspruchsvolle Models. Für ein erfolgreiches Shooting müssen Sie neben Ihrem fotografischen Handwerkszeug und sorgfältiger Planung auch Improvisationsvermögen, Schnelligkeit und Entertainer-Qualitäten mitbringen. Hier helfen Ihnen im ersten Teil die kleine Kindercharakter-Typologie und die Liste der häufigsten Fehler, sich auch auf schwierige Kandidaten vorzubereiten. Der zweite Teil zeigt Ihnen ausführlich, wie Sie beim Shooting im Studio oder vor Ort Kinder ins rechte Licht setzen. Die Autorin stellt Ihnen neben den Grundlagen detailliert einige Lichtarten und Beleuchtungssituationen vor. Sie erlernen dabei das genaue Arbeiten mit verschiedenen Lichtquellen und -Formern sowie Techniken etwa zum Erreichen eines weißen Hintergrundes. Der dritte Teil widmet sich der Durchführung des Shootings: welche Kleidung & Requisiten werden benötigt, wie schaffen Sie die nötige Atmosphäre, welche Posen und Blickwinkel eignen sich, wie organisieren und managen Sie das Shooting - auch wenn die Kinder (und Eltern) gestresst sind? Zwei Shooting-Beispiele zeigen, wie das bis hierher Beschriebenein der Praxis funktioniert. Der vierte Teil schließt mit den fertigen Bildern und ihrer Übergabe an den Kunden - mit Beratung bei der Auswahl und einer angemessen wertigen Präsentation.

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Allison Tyler Jones verdient Ihren Lebensunterhalt mit authentischen Porträts von Kindern und ihren Familien. Als Co-Autorin hat sie bereits drei Bücher über Fotografie mit verfasst, ihre Workshops sind regelmäßig ausgebucht. Mehr über sie und ihre Arbeit erfahren Sie auf ihrer Website www.atjphoto.com.

Zu diesem Buch – sowie zu vielen weiteren dpunkt.büchern – können Sie auch das entsprechende E-Book im PDF-Format herunterladen. Werden Sie dazu einfach Mitglied bei dpun kt.plus+:

www.dpunkt.de/plus

Kinder fotografieren

Der Leitfaden für 100 %ig authentische Porträts

Allison Tyler Jones

Lektorat: Boris Karnikowski, karnikowski.com

Übersetzung: Isolde Kommer, Großerlach, und Christoph Kommer, Dresden, mersinkommer.de

Fachgutachter für die deutsche Ausgabe: Birgit Hart und Ishtar Najjar, lala-fotografie.de

Copy-Editing: Petra Kienle, Fürstenfeldbruck

Satz: Isolde Kommer, Großerlach, und Tilly Mersin, Großerlach, mersinkommer.de

Herstellung: Birgit Bäuerlein

Umschlaggestaltung: Helmut Kraus, exclam.de

Druck und Bindung: Stürtz GmbH; Würzburg

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen National-

bibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

ISBN

Buch 978-3-86490-184-3

PDF 978-3-86491-527-7

ePub 978-3-86491-528-4

1. Auflage 2014

Copyright © 2014 dpunkt.verlag GmbH

Wieblinger Weg 17

69123 Heidelberg

Copyright © 2014 by Allison Tyler Jones. Title of English-language original: 100% KID,

ISBN 978-0-321-95740-5, published by Peachpit Press.

German-language edition copyright © 2014 by dpunkt.verlag.

All rights reserved.

Die vorliegende Publikation ist urheberrechtlich geschützt. Alle Rechte vorbehalten. Die Verwendung der Texte und Abbildungen, auch auszugsweise, ist ohne die schriftliche Zustimmung des Verlags urheberrechtswidrig und daher strafbar. Dies gilt insbesondere für die Vervielfältigung, Übersetzung oder die Verwendung in elektronischen Systemen.

Es wird darauf hingewiesen, dass die im Buch verwendeten Soft- und Hardware-Bezeichnungen sowie Markennamen und Produktbezeichnungen der jeweiligen Firmen im Allgemeinen warenzeichen-, marken- oder patentrechtlichem Schutz unterliegen.

Alle Angaben und Programme in diesem Buch wurden mit größter Sorgfalt kontrolliert. Weder Autor noch Verlag können jedoch für Schäden haftbar gemacht werden, die in Zusammenhang mit der Verwendung dieses Buches stehen.

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Für meinen Mann Ivan.

Er ist der netteste und humorvollste Mensch, den ich kenne –

und er macht die Wäsche.

Meine beste Entscheidung überhaupt.

Dank

Ein Buch zu schreiben ist ganz ähnlich wie ein Baby zu bekommen. Ganz am Anfang haben Sie Spaß – und dann wieder, wenn Sie das fertige Produkt in den Händen halten. Die Zeit dazwischen ist miserabel.

Die wundervollen Lektoren und Designer bei Peachpit Press waren sozusagen die Hebammen, die mich durch den mühevollen Prozess geleiteten. Ted Waitt überzeugte mich davon, wie großartig es sei, noch ein Buch zu schreiben. Susan Rimermans Fachkenntnisse und geradlinige Ratschläge brachten mich immer wieder in die richtige Spur; und durch Anne Marie Walkers geschicktes Lektorat wirke ich schlauer, als ich in Wirklichkeit bin. Die Herstellerin Tracey Croom und die Grafikerinnen Charlene Charles Will und Kim Scott hatten Verständnis für mein zwanghaftes Bedürfnis nach negativem Raum. Sie gestalteten ein Buch, bei dem ich stolz bin, dass mein Name darauf steht.

Mein Studiomanager und Assistent Jeff Starr arbeitete nicht nur unermüdlich, um all die Bilder für den Druck zu organisieren und zu bearbeiten, sondern musste sich auch mein endloses Nörgeln und Jammern über die Deadlines anhören. Danke.

Der größte Dank geht an meine Mutter Karen Hathcock Tyler, die am 11. April 2013 verstarb. Sie schenkte mir das Leben und die Liebe zum Lernen, zu Büchern und zur Sprache. Außerdem schenkte sie mir fünf jüngere Geschwister, die meine besten Freunde und treuen Anhänger sind: Loren Tyler, Ann Tyler Smith, Caroline Tyler DeCesare, Doug Tyler und Laurel Tyler.

Dieses Buch wäre ohne meine wunderbaren Kunden unmöglich gewesen. Sie erlauben mir, ihre Kinder bei jedem Shooting herumzukommandieren, zu necken und zu manipulieren.

Zuletzt möchte ich meinen eigenen Kindern danken: Bryson und Tierra Jones, Lauren Myers, Breckyn Jones, Keaton Myers, Jamyn Jones, Harrison Jones und Hayden Jones. Ohne euch hätte ich ein sauberes Haus, keine Schwangerschaftsstreifen, naturblondes Haar und einen dicken Geldbeutel. Aber wer braucht das alles? Das Leben wäre ohne euch so langweilig. Ich liebe euch.

Inhalt

Vorwort

TEIL 1 VISION

1   FANGEN SIE BEIM KIND AN

Porträts statt Schnappschüsse

Das authentische Kind

2   WAPPNEN SIE SICH

Die Basis schaffen

Das Einmaleins der Kinderpsychologie

Es ist eine Phase

Die häufigsten Fehler bei der Kinderfotografie

3   ENTWICKELN SIE IHREN STIL

Nichts Neues unter der Sonne

Ihr kritisches Auge

Was gefällt Ihnen?

Finden Sie Ihre Musen

Aus der Praxis lernen

Experimentieren. Beurteilen. Weitermachen.

TEIL 2 VORGEHENSWEISE

4   BELEUCHTUNG

Licht ist Ihr Medium

Ein Wort zum Blitzlicht

Licht. Kamera. Action

Fangen Sie irgendwo an

5   FÜNF GRUNDLAGEN DER STUDIOBELEUCHTUNG

Stimmung

Hauptlicht

Formen

Messen

Bewegen

6   EIN LICHT, FÜNF MÖGLICHKEITEN IM STUDIO

Nummer 1: Das Licht feathern

Nummer 2: Butterfly-Licht

Nummer 3: Rembrandt-Look

Nummer 4: Silhouetten mit einer Lichtquelle

Nummer 5: Dramatisches Spotlight

7   EINE LANZE FÜR DEN WEISSEN HINTERGRUND

Der Aufbau

Den Hintergrund beleuchten

Ein Hintergrund, mehrere Looks

Bewegung beleuchten

Bildnachbearbeitung

8   BELEUCHTUNG VOR ORT

Blitztechnik vor Ort

Beleuchtungsstile vor Ort

Studio- oder Vor-Ort-Termin?

TEIL 3 SHOOTING

9   STYLING UND REQUISITEN

Kinder stylen

Requisiten – ja oder nein?

10 REGIE FÜHREN

Es ist alles Ihre Schuld

Welcher Aufnahmewinkel?

Posen

Den natürlichen Ausdruck provozieren

Umgang mit der Energie am Set

Häufige Probleme

Erst fotografieren, dann disziplinieren

Das unerwartete Element

11 PRAKTISCHE STUDIOARBEIT

Studioaufnahme: Lucy

Studioaufnahme: Samantha

TEIL 4 DAS ENDPRODUKT

12 DIE ARBEIT ZU ENDE BRINGEN

Ein echter Fotograf

Schätzen Sie Ihre eigene Arbeit

Index

Vorwort

Das Heilmittel gegen Langeweile ist Neugier. Gegen Neugier gibt es kein Heilmittel. —Dorothy Parker

ISO 100, 1/200 s, f/11, 70–200 mm-Objektiv

Vor ein paar Jahren stand ich vor einer Gruppe äußerst begabter Fotografen aus der ganzen Welt. Wir nahmen an einem Workshop teil, der von zwei berühmten New Yorker Fotografen geleitet wurde, deren Arbeiten regelmäßig in Vanity Fair und Vogue sowie in den Schaufenstern von Ketten wie Gap zu sehen sind. Jeder Teilnehmer sollte der Gruppe und den Seminarleitern seine zehn Lieblingsbilder zeigen. Mitten in meiner Präsentation unterbrach mich Mr. Vanity Fair-Fotograf und sagte: »Nun ja, ich muss Ihnen ehrlich gestehen: Ich könnte niemals Kinder fotografieren.«

Wer die Kinderfotografie als Betätigungsfeld gewählt hat, ist möglicherweise ein bisschen verrückt. Wenn Sie selbst Kinder haben, ist es nur natürlich, dass Sie einige Fotos von ihnen haben möchten. Was ist aber mit uns, die wir gerne fremde Kinder fotografieren? Wir haben es uns zum Beruf gemacht, irre Grimassen zu schneiden, uns auf dem Boden herumzuwälzen und wie ein Schwein zu grunzen, nur um einem griesgrämigen Kleinkind den gewünschten Ausdruck zu entlocken. Gibt es denn keine einfachere Möglichkeit, sein Geld zu verdienen?

Vielleicht sind wir selbst noch nicht erwachsen und genießen es schlichtweg, unter »unseresgleichen« zu sein. Vielleicht ist momentan einfach trendy, ein Kinderfotograf zu sein – und warum nicht? Sie müssen sich nur eine gute Kamera und Photoshop kaufen, nicht wahr? Oder vielleicht haben wir erkannt, wie überraschend und magisch es sein kann, Bilder von jungen Menschen zu machen, die noch keine soziale Maske entwickelt haben – und die Offenheit und das Wunder, ein Kind zu sein, einzufangen.

Dieses Buch habe ich für Fotografen geschrieben, die besser werden möchten, die die Herausforderungen des natürlichen Lichts gemeistert haben und nun einen Blick auf die furchteinflößende Welt der Studiobeleuchtung werfen möchten, für Fotografen, die neugierig sind, kontinuierlich lernen und ihre Kunst und die Zusammenarbeit mit ihren Models verbessern möchten.

Es gibt gefühlte zigtausend Bücher auf dem Markt, die sich mit der Technik der Fotografie beschäftigen. Die meisten davon zeigen diese Technik anhand von langbeinigen Models, Profisportlern oder schmuddeligen Rockmusikern – alles vermutlich wohlerzogene Erwachsene, die stillsitzen und Regieanweisungen folgen können. Ich liebe diese Bücher und die Techniken, die darin vermittelt werden; wie soll ich aber ein durch Süßigkeiten aufgeputschtes Kleinkind mit einem Beauty-Dish beleuchten? Wie um alles in der Welt erreiche ich einen Beleuchtungskontrast von 3:1, wenn das Kind noch nicht einmal an einer Stelle bleibt, geschweige denn in die Kamera sieht? Und es sind nicht nur die Kinder, die eine Herausforderung darstellen. Ich bezweifle, dass die Mutter des langbeinigen Supermodels hinter dem Fotografen steht und ruft: »Lächeln, Schatz!«

Also konzentriert sich dieses Buch nicht auf allgemeine Beleuchtungstipps und -techniken, sondern ganz speziell darauf, wie Sie Kinder beleuchten, fotografieren und mit ihnen umgehen. Das Ziel besteht darin, ein authentisches Bild des jeweiligen Kindes einzufangen.

Sie lernen den Umgang mit Slave-Blitzen sowohl im Studio als auch vor Ort, erfahren, dass Sie keinen LKW voller Beleuchtungsausrüstung brauchen, um interessante Porträts zu schaffen, und dass in den meisten Fällen ein einziges Licht ausreicht.

Sie entdecken Methoden, die Ihnen das Selbstvertrauen geben, mit schwierigen Kindern und schwierigen Eltern umzugehen – Methoden, die ich jeden Tag in meinem Fotostudio nutze, um mit Erwartungen umzugehen und die gewünschte Aufnahme in den Kasten zu bekommen.

Sie erlernen die erprobten (und leicht seltsamen) Tricks, mittels derer ich meinen Models zu einem authentischen Ausdruck verhelfe, und Sie nehmen auch praktische Tipps mit, wie Sie die Kinder stylen und posieren lassen und wie Sie Regie führen. Jede Technik und jeder Tipp in diesem Buch dient einzig und allein dem Zweck, schön beleuchtete, aussagekräftige Bilder von Kindern zu fotografieren.

Was Sie in diesem Buch nicht finden werden, sind komplizierte Schaubilder und Kontrastverhältnisse. Es gibt kaum Rechenformeln. Sie werden auch erstaunlich wenig Photoshop-Anleitungen finden. Scott Kelby beispielsweise hat gute Photoshop-Bücher geschrieben; lesen Sie diese.

Ich möchte mit diesem Buch andere tapfere Fotografen ermutigen, die sich auf dem Weg in den Irrsinn und die Freuden der Kinderfotografie befinden. Ich möchte Sie ermutigen, Ihren inneren Künstler zu motivieren und neu zu überdenken, wie Sie auf Ihre jungen Models zugehen. Ich möchte Sie inspirieren, neue Techniken zu lernen oder bereits Bekanntes zu verfeinern. Gehen Sie über das Übliche und Risikolose hinaus. Sie werden dabei ein paar große Fehler begehen; aber am Schluss werden Sie Ihre besten Bilder überhaupt machen.

TEIL 1

VISION

1

Fangen Sie beim Kind an

Ältere Dame: Sie haben aber ein hübsches Kind. Mutter: Das ist noch gar nichts, sie sollten erst mal sein Foto sehen. —Anonym

ISO 200, 1/200 s., f/8, 70–200-mm-Objektiv

Natürlich sollte ein Buch über Kinderfotografie »beim Kind anfangen« – aber wie viele Kinderfotos haben Sie schon gesehen, die sich auf alles andere konzentrieren als auf das Kind? Stattdessen steht auf vielen Bildern ein auf schäbig gemachtes Ambiente, ein Sofa im Kornfeld oder ein riesiges Ballettröckchen im Mittelpunkt. All das mag lustig und trendy sein, aber was hat es mit dem porträtierten Kind zu tun?

In diesem Kapitel möchte ich Sie ermuntern zu hinterfragen, wie Sie auf die Kinder zugehen, die Sie fotografieren möchten. Ich ermutige Sie, sich Zeit zu nehmen für das, was in Ihrem Kopf passiert, und Ihre Arbeit zu hinterfragen. Wie gelangen Sie zu interessanteren, persönlicheren, humorvolleren und authentischeren Bildern?

Porträts statt Schnappschüsse

Es genügt nicht, einfach eine getreue Abbildung eines Kindes aufzunehmen. Das bietet jeder simple Schnappschuss. Ein Schnappschuss vermittelt einfach, wen oder was Sie wann und wo fotografiert haben. Ein Porträt bietet hingegen eine umfassendere Aussage über die abgebildete Person. Sehen Sie sich zur Veranschaulichung das Foto in Abbildung 1.1 an. Es zeigt ein kleines Mädchen mit seinen Eltern auf der Terrasse. Wenn Sie diese Familie kennen, dann lautet die Bildaussage für Sie die Familie Giles auf ihrer Terrasse. Mama wird das Foto lieben, Oma ebenfalls. Sicherlich gehört es zu unseren Aufgaben als Fotograf, ein schnörkelloses Bild unserer Kunden aufzunehmen. Aber gehört zur Kunst der Fotografie nicht noch etwas mehr? Statt einfach nur ein Foto von einem bestimmten Kind zu schießen, könnten Sie das Kind doch auch so porträtieren, dass es auch jemandem, der das Kind nicht kennt, eine Aussage vermittelt oder Emotionen weckt? Genau dadurch unterscheidet sich ein Schnappschuss von einem Porträt.

Möchten Sie Gefühle wecken, reicht ein einfacher Schnappschuss nicht. Sie müssen gründlicher nachdenken und Sie müssen beim Kind anfangen. Wer ist dieses Kind überhaupt, was wissen Sie über seine Persönlichkeit? Wie können Sie diese Information im zweidimensionalen Medium der Fotografie darstellen? Sobald Sie sich dessen bewusst sind, können Sie all Ihr technisches Wissen ausspielen und Ihre fotografischen Werkzeuge für ein einzigartiges Porträt des Kindes nutzen.

Das kleine Mädchen in Abbildung 1.1 ist ein Einzelkind und das Familienleben dreht sich ganz um sie. Sie ist niedlich und herzig und doch hat sie ihre Familie voll im Griff. Abbildung 1.2 zeigt dasselbe kleine Mädchen, dieselben Eltern und dieselbe Terrasse. Dieses Bild spricht nicht nur nahestehende Familienmitglieder an, sondern richtet sich an ein größeres Publikum und lotet allgemeinere Themen aus – etwa die Liebe zwischen Familienmitgliedern und ein kleines Mädchen, das für seine Eltern den Mittelpunkt der Welt darstellt. Die Eltern sehen sich an, als würden sie denken: »Oh hallo, dich kenne ich doch!«, und damit wird ein Familiengefühl ausgedrückt, das die meisten Partner während der ersten intensiven Elternjahre miteinander teilen. Dies ist ein Porträt und kein Schnappschuss.

Was sind Ihre Ziele?

Ihre Aufgabe als Fotograf ist möglicherweise eine andere, als Sie denken. Wenn Sie gefragt werden: »Was möchten Sie als Fotograf erreichen?«, dann gibt es ebenso viele und ebenso unterschiedliche Antworten wie

Abb. 1.1 Ein Schnappschuss von einem Mädchen und seinen Eltern – normal, aber langweilig. Sie können das besser (links).

ISO 400, 1/200 s, f/2.8, 70–200mm-Objektiv

Abb. 1.2 Ein Porträt desselben kleinen Mädchens und seiner Eltern. Dieses Bild vermittelt allerdings mehr als die Summe seiner Teile (unten).

ISO 400, 1/200 s, f/2.8, 70–200 mm-Objektiv

Fotografen: »Meiner Leidenschaft nachgehen.« »Geld verdienen.« »Mich selbst ausdrücken.« »Berühmt sein.« All das könnte das Ergebnis der richtigen Absicht sein, nämlich eine Empfindung oder ein Gefühl beim Betrachter zu wecken, ungeachtet dessen, ob der Betrachter die Person(en) im Bild kennt oder nicht. Beides wird geweckt, wenn der Betrachter auf etwas Universelles in diesem Bild reagiert – er erkennt etwas Authentisches, das in Verbindung mit einer allgemein bekannten menschlichen Erfahrung steht.

Am besten lässt es sich so erklären: Ein solches Bild ruft übergeordnete Ideen in Ihrem Gehirn auf. Wenn Sie Abbildung 1.3 betrachten, sehen Sie einfach ein typisches Foto von Emily, Olivia und Sarah beim Tennisunterricht. Abbildung 1.4 hingegen entlockt Ihnen ein Lächeln, weil Sie damit allgemeinere Motive verbinden, etwa Freundschaft, Frauen beim Training, Geheimnisse und so weiter. Dieses Bild kann auf unterschiedliche Weise interpretiert werden.

Wecken Sie Empfindungen oder Gefühle beim Betrachter.

Abb. 1.3 Süße Mädchen bei einer Tennisstunde. Diese Art von Foto könnten Mama oder Papa arrangieren und aufnehmen (rechts).

ISO 100, 1/200 s, f/13, 70–200 mm-Objektiv

Abb. 1.4 Versuchen Sie, ein erzählerischen Element einzubringen. So erhalten Sie Bilder, die ein breiteres Publikum ansprechen und die mehr aussagen als nur, wer auf dem Foto zu sehen ist (gegenüberliegende Seite).

ISO 100, 1/200 s, f/13, 70–200 mm-Objektiv

Abb. 1.5 Dieses Kind durfte seine Lieblingssachen mitbringen. So entsteht ein authentisches Porträt (gegenüberliegende Seite).

ISO 100, 1/200 s, f/11, 70–200 mm-Objektiv

Mehr als nur das Offensichtliche

Können Sie ein authentisches Foto machen, das zugleich mehr aussagt als ein Schnappschuss, auch wenn dem Kind die Gegenwart der Kamera bewusst ist? Natürlich geht das; und hier kommt neben Ihrem Verständnis für das fotografierte Kind auch Ihr technisches Wissen ins Spiel. Sie legen alle Elemente fest und porträtieren das Kind auf authentische Art und Weise. Sie wählen Beleuchtung, Kamerawinkel und Pose und entscheiden, welche Anweisungen Sie geben. Fragen Sie sich dann, was Sie über dieses Kind aussagen möchten. Möchten Sie den süßen Jungen mit seinem Engelsgesicht zur Geltung bringen oder zeigen, wie versessen er auf sein momentanes Lieblingsspielzeug ist (Abbildung 1.5)? Sie müssen Zeit investieren und genau nachdenken, um sich mit jedem Kind sorgfältig auseinanderzusetzen. Ihre Bilder spiegeln diese Sorgfalt und Überlegung beim Entstehungsprozess dann aber auch wider.

Das authentische Kind

Vor Jahren beauftragte mich eine Kundin namens Debbie, ihre beiden kleinen Töchter zu fotografieren. Die eine war damals vier, die andere sechs Jahre alt. Auf der Suche nach der perfekten Kleidung kam Debbie aus dem Einkaufen gar nicht mehr heraus. Zum Fototermin erschienen die Mädchen dann in makellosen, weißen Kleidchen, die Haare zu strengen, perfekten Zöpfen frisiert und mit saubergeschrubbten Gesichtern. Ich machte niedliche Aufnahmen und alle waren glücklich.

Eine Woche später kam Debbie mit ihren Mädels im Schlepptau an, um sich die Probeabzüge anzusehen. Das ältere Mädchen trug eine Latzhose mit Eisflecken und darüber noch ein Ballettröckchen, in ihren Ohren steckten iPod-Knöpfe und auf der Nase saß Mamas Sonnenbrille. Die kleine Schwester hatte sich am Morgen selbst die Nägel lackiert (und die Finger größtenteils gleich mit) und ihre Zöpfchen saßen ungleichmäßig und strubbelig auf ihrem Kopf. Sie umklammerte eine Barbiesammlung und versuchte dabei, eine abgewetzte glitzernde Handtasche auf ihrer kleinen Schulter zu behalten. Debbie entschuldigte sich für den unordentlichen Auftritt; sie hatte morgens keine Zeit gehabt, die Mädchen zurechtzumachen. Ich war am Boden zerstört und jammerte: »Warum haben Sie sie nicht so zum Fototermin gebracht?«

»Das kann nicht Ihr Ernst sein!« entgegnete Debbie. »So sehen sie immer aus, wenn ich sie nicht selbst herrichte!«

Ich weiß, was alle Mütter älterer Kinder wissen: Eines Tages werden die Mädchen zu alt für ihre Barbies und Kleidchen und fragen nach dem Autoschlüssel. Bei der genannten Familie hängt jetzt ein schönes, niedliches Porträt zweier Schwestern von vier und sechs Jahren in ihren weißen Kleidchen. Hübsch. Niedlich. Langweilig. Das war nicht das, was ich wollte. Und da habe ich meine wahre Leidenschaft erkannt, das Authentische an Kindern zu fotografieren. Gut, böse oder hässlich – solange es authentisch ist, möchte ich genau das porträtieren.

Betrachten Sie das nette und süße Porträt des kleinen Mädchens in Abbildung 1.6. Wie die kleinen Mädchen aus meiner letzten Geschichte ist sie hübsch angezogen und posiert bereitwillig für mich. Vergleichen Sie das Foto mit Abbildung 1.7, der letzten Aufnahme ihres Fototermins. Dieses Bild entstand, nachdem sie sich bereits wieder für den Heimweg umgezogen hatte. Sie hatte zwei Röcke angezogen (weil einer eben nicht genügt) und dazu noch ihre Ugg-Boots. Sie griff sich Mamas alte Handtasche (jetzt ihre) und ihre eigene Ray-Ban-Sonnenbrille. Zu diesem Zeitpunkt hatte sie bereits etwas Saft auf ihr Tank-Top gekleckert und war bereit für den Abmarsch.

Ich lege niemals die Kamera weg, bevor der Kunde nicht aus der Tür ist.

Abb. 1.6 Ein süßes, aber vorhersehbares Porträt eines niedlichen kleinen Mädchens.

ISO 100, 1/200 s, f/8, 70–200 mm-Objektiv

Aber ich habe eine sehr wichtige Lektion gelernt: Ich lege niemals die Kamera weg, bevor der Kunde nicht aus der Tür ist. Ich brachte sie für ein, zwei schnelle Aufnahmen zurück ans Set und schaltete den Ventilator ein. Dieses Bild habe ich als 20-Meter-Leinwand in meinem Büro aufgehängt. Es soll mir als Ansporn dienen, stets aufs Neue auf 100 % authentische Kinderfotos hinzuarbeiten.

Abb. 1.7 Halten Sie vor allem am Ende des Fototermins Ihre Kamera bereit und bleiben Sie aufmerksam. Beim Umziehen für den Heimweg stellte sich dieses kleine Mädchen seine eigene Kombination aus Kleidung und Accessoires zusammen, die zu 100 % ihm entsprach (gegenüberliegende Seite).

ISO 100, 1/200 s, f/11, 70–200 mm-Objektiv

2

Wappnen Sie sich

Arbeite niemals mit Kindern oder Tieren. —W.C. Fields

ISO 100, 1/250 s, f/10, 70–200 mm-Objektiv

Sprechen Sie sie direkt an und nicht von oben herab. Immer.

Wenn Sie Ihre Tage damit zubringen wollen, Kinder zu fotografieren, sollten Sie halb Zirkusclown, halb Psychotherapeut sein. Ihre Arbeit wird einfacher, wenn Sie genug Zeit einplanen, sich in jedes Kind hineinzuversetzen und seine Persönlichkeit zu erfassen.

Dieses Kapitel zeigt, wie Sie herausfinden, was in den Kindern steckt, und bereitet Sie auf einige Persönlichkeitstypen vor, die Ihnen begegnen werden. Und Sie erfahren, wie Alter und Entwicklungsphasen das Verhalten beeinflussen können und wie Sie damit umgehen.

Die Basis schaffen

Es hat seinen Grund, warum ich keine Landschaften oder Stillleben fotografiere: Ich muss zu meinem Motiv eine Beziehung aufbauen können. Der schönste Teil jeden Shootings ist für mich die Zeit, in der ich Kontakt zu den Kindern aufbaue. Ich beschleunige den Aufbau der Beziehung erheblich, indem ich einige wichtige Informationen über das Kind sammle, bevor es zum ersten Mal mein Studio betritt.

Für mich ist es am einfachsten, mich vor dem Fototermin mit den Eltern zu treffen, um Informationen zu sammeln.

Das Kunden-Interview

Das Vorgespräch ist entscheidend für den Erfolg eines jeden Shootings. Tatsächlich vereinbare ich keinen Fototermin ohne vorhergehendes Gespräch. Ob telefonisch oder persönlich – das ist die Gelegenheit, bei der ich von Mama oder Papa das Wesentliche über die Kinder erfahre, die ich fotografieren werde. Ich möchte wissen, was die Kinder mögen, was sie hassen und was sie für eine Persönlichkeit haben. Da an den meisten meiner Shootings mehrere Kinder einer Familie beteiligt sind, frage ich die Eltern nach Informationen zu jedem Kind und nach den Beziehungen der Geschwister zueinander.

Das Kunden-Interview bricht das Eis und ermöglicht ein erstes Kennenlernen. Mama und Papa müssen entscheiden, ob ich ihnen so sympathisch bin, dass sie mich für das Fotografieren ihrer Kinder bezahlen wollen. Und ich muss sichergehen, dass die Kunden verstehen, wie ich arbeite und was ich von Ihnen während des Fototermins erwarte, sodass es dabei keine Überraschungen gibt.

Ich habe einen Fragebogen entwickelt, den ich immer verwende. Neben der Frage nach Name und Alter der Kinder erkundige ich mich nach bestimmten Dingen wie:

• Was mögen sie gerade? (irgendwelche Besessenheiten?)

• Wer ist das Girlie (oder der Wildfang)? Wer ist der Sportler oder der Bücherwurm?

• Wer ist der Frechdachs?

• Wer ist der Liebling?

• Was möchten sie werden, wenn sie groß sind?

• Was ist einzigartig an jedem Kind?

• Mit welchem Geschwisterteil kommt er/sie am besten/am wenigsten aus?

• Gibt es irgendwelche körperlichen Merkmale, die besonders sind oder die Sie hervorgehoben haben möchten?

• Farbe der Haare, der Augen, der Haut?

• Dürfen sie Süßigkeiten bekommen?

• Gibt es ein Spielzeug/ein Deckchen/einen Gegenstand, der/das ihnen besonders am Herzen liegt?

• Was denken Sie, welche Schwierigkeiten mich bei der Arbeit mit diesem Kind erwarten?

• Welches ist die beste Eigenschaft des Kindes?

• Irgendwelche besonderen Eigenarten? (Daumennuckeln? Haare zwirbeln? Grimassen schneiden?)

Respekt zahlt sich aus

Behandeln Sie Kinder prinzipiell mit demselben Respekt und derselben Rücksicht wie deren Eltern. Sprechen Sie sie direkt und nicht von oben herab an. Immer. Wenn meine Kunden mit den Kindern hereinkommen, begrüße ich zuerst die Kids. Wenn nötig, beuge ich mich herunter oder gehe in die Knie, schaue ihnen in die Augen, reiche zur Begrüßung die Hand und sage: »Hallo, <Name des Kindes>, freut mich, dich kennenzulernen.« Manche Kinder können damit nichts anfangen, andere sind ein wenig scheu, aber Sie wären überrascht, wie viele kommen und mir die Hand schütteln: Diese habe ich beim Shooting schon für mich gewonnen.

Durch die Kontaktaufnahme mit den Kindern, bevor ich überhaupt die Kamera in die Hand nehme, können die Eltern das Shooting genießen. Sie müssen die Kinder nicht ständig anleiten oder ihnen drohen, sondern können entspannt zuschauen und sich an den Mätzchen und der Individualität ihrer Sprösslinge erfreuen.

Das Einmaleins der Kinderpsychologie

Obwohl jedes Kind einzigartig ist, werden Ihnen einige Persönlichkeitsmerkmale immer wieder begegnen. Der Schlüssel für ein erfolgreiches Shooting ist herauszufinden, wie das Kind tickt, und Ihre Interaktion an die individuellen Persönlichkeitsmerkmale anzupassen.

Das zurückhaltende Kind

Das zurückhaltende Kind schätzt eine Situation zuerst ab, bevor es sich öffnet. Von Natur aus vorsichtig, mag es nicht bedrängt werden. Wenn Sie ein geselliger Mensch sind und bei diesem Kind zu früh zu aufdringlich werden, macht es dicht. Ich habe (auf die harte Tour) gelernt, das zurückhaltende Kind auf mich zukommen zu lassen, statt es aus der Reserve locken zu wollen.

Sprechen Sie zuerst eines der Geschwister an und versuchen Sie so, das Interesse des zurückhaltenden Kindes am Gespräch zu wecken. Wenn es zum Beispiel Hayden heißt, können Sie zu seinem älteren Bruder sagen: »Sag mal, mag Hayden Videospiele?« Die meisten jüngeren Kinder können es nicht leiden, wenn ihre älteren Geschwister für sie reden, und ergreifen umgehend selbst das Wort, um zu antworten, und die Unterhaltung zwischen Ihnen beiden beginnt. Gibt es kein Geschwister, können Sie diesen Trick über die Eltern versuchen.

Der 18 Monate alte Junge in Abbildung 2.1 war nicht nur zurückhaltend, sondern sehr schüchtern. Er wollte nichts mit mir zu tun haben, deshalb fotografierte ich zunächst seine ältere Schwester. Als ich ein paar Bilder von ihr hatte, machte ich eine große Sache daraus, ihr die Fotos auf dem Bildschirm meiner Kamera zu zeigen. Der Kleine wurde neugierig und wollte sehen, was wir da taten. Seine Schwester und ich überredeten ihn dazu, ein paar Fotos von sich schießen zu lassen, damit er sich selbst in der Kamera sehen konnte.

Die Bilder, wie sie ihn zum Mitmachen überredet, betonen ihre Beziehung in der momentanen Entwicklungsphase.

Abb. 2.1 Dieser kleine Junge brauchte einige Zeit, um während des Shootings warmzuwerden.

ISO 100, 1/200 s, f/11, 70–200 mm-Objektiv

Der Frechdachs

Der Frechdachs hat ein großes Ego und das Sagen. Er wird Ihnen sagen, wie Sie was zu tun haben – und wenn Sie nicht aufpassen, wird er das ganze Shooting an sich reißen. Dieser Typ geht mit jüngeren Geschwistern oft sehr herrisch um, aber auch mit allen anderen. Augenscheinlich möchte er zwar, dass alles nach seinem Willen läuft – in Wirklichkeit will er jedoch vor allem von Ihnen gemocht und akzeptiert werden. Deshalb der große Auftritt.

Bringen Sie den Frechdachs im Shooting frühzeitig auf Ihre Seite. Nehmen Sie ihn vertraulich zur Seite und übertragen Sie ihm für irgendetwas die Verantwortung. Sagen Sie zum Beispiel: »Ich brauche deine Hilfe; kannst du dafür Sorge tragen, dass alle Schuhe da drüben aufgereiht sind?« Der Satz »Ich brauche deine Hilfe« ist wichtig, um das vorlaute Kind auf Ihre Seite zu kriegen. Er befriedigt den Wunsch, über etwas das Kommando zu haben, sowie das Bedürfnis, der Person zu gefallen, die tatsächlich das Sagen hat (Sie!).

Das kleine Mädchen in Abbildung 2.2 war ein sehr charmanter Frechdachs. Sie war schlauer und gewitzter als wir alle und hatte große Pläne. Ich übertrug ihr während des Fototermins das Kommando über ihre Eltern, was sie toll fand. Ich musste nur zu ihr sagen: »Du musst für mich auf deine Eltern aufpassen. Lass sie nicht von den Stühlen aufstehen, sonst bekommen sie Ärger!« Ihre Reaktion auf die Ernennung zur Vorgesetzten brachte neue Energie in das Shooting.

Das schwierige Kind

Wenn ich mich mit Kunden unterhalte und wir die Liste der Kinder durchgehen, halten sie manchmal inne und sagen etwas wie: »Und dann ist da noch Jack. Jack ist, nun, ein wenig lebhaft«, oder sie nutzen ähnliche Euphemismen, die aussagen, dass der Umgang mit dem Kind im Grunde ein Alptraum ist (Abbildung 2.3). Viele Fotografen bekommen allein beim Gedanken an die Arbeit mit solchen Kindern Magengeschwüre.

Schwierige Kinder (selbst manche Babys) spüren, dass Sie etwas von ihnen wollen, und sind entschlossen, es Ihnen nicht zu geben. Das schwierige Kind wird vor Ihnen davonlaufen, verrückte Grimassen schneiden oder bei der leisesten Provokation in Tränen ausbrechen. Sie schmeicheln und beschwören und die Eltern drohen, doch die Arbeit mit dieser Sorte Kind ist unmöglich.

Der Satz »Ich brauche deine Hilfe« ist wichtig, um den Frechdachs auf Ihre Seite zu kriegen.

Abb. 2.2 Es schmeichelt der herrischen Natur des Frechdachses, wenn Sie ihm die »Verantwortung« für die Eltern geben (gegenüberliegende Seite).

ISO 100, 1/200 s, f/11, 70–200 mm-Objektiv

Abb. 2.3 Das T-Shirt sagt alles. Das schwierige Kind hat kein Interesse daran, etwas für Sie zu tun.

ISO 100, 1/200 s, f/11, 70–200 mm-Objektiv

Das Ganze bekommt schnell die Dynamik eines Tauziehens. Wenn Sie das Gefühl haben, sich an einem Ende des Taus zu befinden, ist es Zeit, »das Seil fallenzulassen«. Versuchen Sie es mit drei magischen Worten, die sofort das Seil erschlaffen lassen und Spannung abbauen: »Du musst nicht.«

Das mag verrückt klingen, denn schließlich müssen Sie Ihre Bilder in den Kasten bekommen. Vertrauen Sie mir: Diese drei Worte verringern den momentanen Druck und verschaffen Ihnen etwas Luft, um zu überlegen, wie Sie am besten die Kooperation des Kindes erlangen.

Das sechsjährige Mädchen in Abbildung 2.4 war Teil einer größeren Gruppe von Enkeln, die mit ihren Großeltern fotografiert wurden. Sie war mit der ganzen Situation nicht glücklich und als ich anfing, brach sie aus heiterem Himmel in Tränen aus.

Sofort nahm ich die Kamera runter und fragte: »Was ist los, Avery?« Sie schrie (wobei ihr Tränen und Schnodder über das gerötete Gesicht liefen): »Ich hasse fotografieren!« Bevor Großmutter und Mutter anfangen konnten, sie zum Nachgeben zu überreden, sagte ich: »Das ist okay, du musst nicht.« Alle sahen mich an, als wäre ich verrückt geworden.

Abb. 2.4 Ein potenzieller Trotzanfall wurde durch die Verschwörung gegen den Opa verhindert.

ISO 100, 1/200 s, f/11, 70–200 mm-Objektiv

Ich ließ die Zügel schießen und sie eine Sekunde darüber nachdenken. Dann bat ich sie, zu mir herüberzukommen, damit ich ihr ein Geheimnis verraten könne, das niemand anders hören sollte. Fasziniert, aber skeptisch näherte sie sich. (Das schwierige Kind riecht Manipulation auf einen Kilometer.) Ich flüsterte ihr ins Ohr: »Wäre es nicht lustig, wenn ich nach dem Fotografieren behaupten würde, ich wollte von Großpapa und dir ein Bild machen? Und wenn ich »Jetzt« sage, haust du ihm auf den Popo und ich schieß’ ein Foto von ihm, wie er ›Autsch‹ sagt!« Sie begann zu kichern und stimmte zu, dass das eine gute Idee wäre. Um unseren Pakt zu besiegeln, flüsterte ich: »Ok, können wir dann nur ein paar Fotos machen und dann versohlen wir Großpapa den Hintern? Aber das ist unser Geheimnis, sag’s niemand!« Mit unserem Geheimnis, von dem sonst niemand wusste, fühlte sie sich als bevorzugter Insider und machte während des gesamten 90-minütigen Shootings mit wie ein Profi. Natürlich bekam sie am Schluss ihre Belohnung – genau wie ihr Großvater!

Versuchen Sie nicht, die Poserin zu bremsen; lassen Sie sie machen und schauen Sie, was passiert.

Abb. 2.5 Diese Poserin befand sich auf einem imaginären Catwalk; der kleine Bruder hatte andere Vorstellungen (gegenüberliegende Seite).

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Die Poserin

Poser sind nicht immer, aber meistens Mädchen. Die Poserin besucht vielleicht eine Tanzschule und wurde von Fotografen in allen möglichen verrückten Posen geschult. Statt die Poserin bremsen zu wollen, lassen Sie sie machen und warten Sie ab, was passiert. Sagen Sie ihr, dass sie sich jedes Mal, bevor der Blitz auslöst, eine andere Pose einfallen lassen soll. Das fordert ihre darstellerischen Fähigkeiten heraus und fördert die gute Stimmung.

Die Poserin und ältere Schwester in Abbildung 2.5 war eines meiner lebhafteren Models. Sie befand sich andauernd in Bewegung, ihr kleiner Bruder hingegen war nicht immer dabei. Ich ließ sie nach Herzenslust machen und wusste, dass die Ergebnisse ganz unterhaltsam sein würden. Der Kontrast zwischen den beiden bringt ihre Persönlichkeiten zur Geltung und mich zum Lachen.

Die Nervensäge

Die Nervensäge sitzt niemals still. Sie schneidet ständig Grimassen oder plagt ihre Geschwister. Stören ist ihr Ding und sie weiß nie, wann es genug ist.

Die Nervensäge lechzt nach Aufmerksamkeit und holt sich diese auf jede erdenkliche Weise. Ich liebe es, diese Art Kinder zu fotografieren, denn sie agieren unvorhersehbar, sodass die Fotos nicht gestellt wirken. Das heißt nicht, dass sie nicht auch nervenaufreibend sein könnten. Wenn Sie jedoch Ihr Ziel fest im Blick behalten, halten Sie so allerhand aus, um zu einem großartigen Foto zu kommen.

Die beste Methode, mit den Nervensägen dieser Welt zurechtzukommen: Halten Sie ihnen einen Köder vor die Nase. Handeln Sie einen Deal aus, dass am Ende des Shootings eine Karate-Jump-Session dran ist oder was immer sonst sie vor Ihrer Kamera ausprobieren möchten – unter der Bedingung, dass sie Ihnen zuerst das liefern, was Sie für Ihre Fotos brauchen. Wenn sie es nicht bis zum Ende aushalten, machen Sie ein paar Fotos für sich und lassen Sie sie dann ihr Ding machen. Wechseln Sie zwischen Ihrem Konzept und den Actionbildern der Kinder hin und her. Diese Methode eignet sich vor allem bei jüngeren Kindern, die noch nicht so ohne Weiteres auf die versprochene Belohnung warten können wie die älteren. Der kleine Junge in Abbildung 2.6 beschwerte sich fortwährend darüber, dass er zwischen seiner Schwester und seinen Kusinen stehen musste. Ich erlaubte ihm, wie ein Lead-Sänger zu posieren, während seine Schwestern den Background-Chor bildeten. Das stellte seine Persönlichkeit in den Mittelpunkt.

Das beste Mittel für den Umgang mit Nervensägen ist ein Köder vor der Nase.

Abb. 2.6 Ich stellte diese Nervensäge in den Vordergrund und ließ ihn wie einen Leadsänger agieren. Das brachte seinen inneren Rockstar zum Vorschein (gegenüberliegende Seite).

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Es ist eine Phase

Manche kindlichen Eigenarten sind entwicklungsabhängig. Neugeborene sind schläfrig, Dreijährige trotzig und Zehnjährige sind unbefangen und goldig. Das Erkennen der aktuellen Entwicklungsphase des Kindes verhilft Ihnen zu Verständnis und Geduld und lässt Sie während eines Fototermins die Oberhand behalten.

Neugeborene

Ganze Bücher sind der Fotografie von Neugeborenen gewidmet. Dies ist eine Spezialisierung für die geduldigen, superlieben Babyflüsterer dieser Welt – nicht wirklich mein Ding. Geben Sie mir aber ein launisches älteres Geschwisterteil, das ich mit dem Neugeborenen fotografieren kann, dann bin ich ganz die Ihre. Die Faszination der älteren Geschwister für dieses neue Alien, das ihre Welt in Aufruhr versetzt, finde ich viel interessanter als das Baby allein. Manchmal sind die älteren Kinder nicht wirklich fasziniert, dann ist ein wenig Hilfe nötig.

Was man für Neugeborene zur Hand haben sollte

Für Sitzungen mit Neugeborenen braucht es Geduld und ein paar Extras:

•Leichte Kleidung für Sie. Für Neugeborene brauchen Sie einen sehr warmen Raum, besonders wenn Sie sie ohne Kleidung fotografieren wollen. Ziehen Sie sich dementsprechend an.

•Papiertücher und Hygienereiniger. Es werden Missgeschicke passieren. Seien Sie vorbereitet.

•Weiße Wickeltücher. Mit diesen dehnbaren, strukturierten Tüchern lassen sich prima Babytragen schlingen, mit denen ein älteres Geschwister das Baby halten kann.

•Ersatz für alles. Sagen Sie der Mutter, sie soll fünfmal so viele Windeln, Feuchttücher und Strampler mitbringen, wie sie ihrer Ansicht nach braucht, außerdem zusätzliche Milchfläschchen, falls sie nicht stillt.

•Hand-Desinfektionsmittel. Für Sie, Ihren Assistenten und jeden, der das Baby anfasst. Mama wird solche Details zu schätzen wissen.

•Süßigkeiten. Halten Sie zur Motivation älterer Geschwister Süßigkeiten bereit, um interessante Fotos mit dem Baby machen zu können.

Abb. 2.7 Diese ältere Schwester schaut mit einem »Was soll ich damit anfangen?«-Blick in die Kamera.

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Für ein Foto von einer älteren Schwester mit dem kleinen Brüderchen steckten wir ein Smartie hinter das Ohr des Babys und baten die Schwester, es zu suchen.

Wenn ich ältere Geschwister mit einem Neugeborenen fotografiere, versuche ich sie für mich zu gewinnen, indem ich die Unterschiede hervorhebe: wie groß der ältere Bruder/die ältere Schwester, das Baby hingegen ja noch »winzig« ist und noch nicht wirklich was kann. Manchmal beginne ich mit einer Frage wie: »Ist das dein Baby? Das ist ja so winzig. Es kann nicht rennen und springen wie du, stimmt’s? Du bist ja schon so groß. Ich wette, du bist eine große Hilfe.« Bemerkungen zur Größe und dazu, wie verantwortungsvoll sie sind, kommen bei dreibis vierjährigen Kindern gut an (Abbildung 2.7).

Tipp:

Entspannte Mutter, entspanntes Baby. Beruhigen Sie junge Mütter, dass das Shooting zwar mindestens zwei Stunden dauern wird, dass Sie aber Rücksicht auf nötige Windelwechsel und die Fütterungszeiten nehmen werden.

Babys von sechs Monaten bis ein Jahr