Katharina von Bora - Albrecht Thoma - ebook

Katharina von Bora ebook

Albrecht Thoma

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Opis

Katharina von Bora, genannt Die Lutherin, (* 29. Januar 1499; gestorben 20. Dezember 1552 in Torgau) war die Ehefrau des deutschen Reformators Martin Luther. Diese Biografie zeichnet ihr Leben Station für Station nach.

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Katharina von Bora

Geschichtliches Lebensbild

Albrecht Thoma

Inhalt:

Martin Luther – Biografie und Bibliografie

Katharina von Bora

Vorwort.

1. Kapitel - Katharinas Herkunft und Familie.

2. Kapitel - Im Kloster.

3. Kapitel - Die Flucht aus dem Kloster

4. Kapitel - Eingewöhnung ins weltliche Leben.

5. Kapitel. - Katharinas Heirat.

6. Kapitel - Das erste Jahr von Katharinas Ehestand.

7. Kapitel. - Katharina als Mutter ihrer Kinder und Hausgenossen.

8. Kapitel - Katharinas Haushalt und Wirtschaft.

9. Kapitel - „Wunderliche Rechnung zwischen D. Martin und Käthe.“

10. Kapitel - Häusliche Leiden und Freuden.

11. Kapitel - Hochzeiten und Krankheiten, Pest und Tod.

12. Kapitel - Tischgenossen und Tischreden.

13. Kapitel - Hausfreunde.

14. Kapitel. - Käthe und Luther.

15. Kapitel. - Luthers Tod.

16. Kapitel. - Luthers Testament.

17. Kapitel. - Krieg und Flucht.

18. Kapitel. - Der Witwenstand.

19. Kapitel. - Katharinas Tod.

Katharina von Thoma, Albrecht Thoma

Jazzybee Verlag Jürgen Beck

Loschberg 9

86450 Altenmünster

ISBN: 9783849617707

www.jazzybee-verlag.de

[email protected]

Martin Luther – Biografie und Bibliografie

Reformator Deutschlands, geb. 10. Nov. 1483 in Eisleben, gest. daselbst 18. Febr. 1546. Seine Vorfahren gehörten dem freien Bauernstand an. Die Sitte der Erbteilung trieb seinen Vater Hans L. (gest. 1530) von Möhra bei Eisenach in das Mansfeldische, wo er dem Bergbau oblag. In dem Städtchen Mansfeld, unweit Eisleben, verlebte L. seine Jugend, von Vater und Mutter (Margarete Ziegler, gest. 1531) fromm und streng, ja hart erzogen. 1497 wurde er nach Magdeburg, 1499 nach Eisenach zur Schule geschickt, an beiden Orten darauf angewiesen, sein Brot durch Kurrendesingen zu erwerben, bis er im Hause der trefflichen Frau Ursula Cotta (gest. 1511) eine Unterkunft fand. Seine Gaben entfalteten sich jetzt kräftig, und als er 1501 die Universität Erfurt bezog, unterstützte ihn auch sein Vater, nach dessen Wünschen er Rechtsgelehrter werden sollte, »vom Segen seines löblichen Bergguts«. Nach damaliger Sitte begann L., ehe er sich der Brotwissenschaft zuwandte, mit Studien allgemeiner Art und eignete sich rasch die nötigen Bedingungen der Disputierkunst, Geistesgegenwart und Schlagfertigkeit, an. Zugleich lernte er die lateinischen Klassiker kennen und trat in nahe Beziehungen zu den Vertretern des in Erfurt blühenden Humanismus, wie Crotus Rubianus und Johannes Lang. Er erwarb sich 1502 das philosophische Bakkalaureat, 1505 die Magisterwürde; aber zu einer ernsten Beschäftigung mit der Bibel, die er damals zuerst auf der Universitätsbibliothek kennen lernte, kam es noch nicht.

Ein »Schrecken vom Himmel«, der ihn bei Gelegenheit eines Gewitters 2. Juli 1505 überfiel, brachte einen keimenden Entschluss zur Reise. Er trat zur Überraschung seiner Freunde 17. Juli 1505 in das Augustinerkloster zu Erfurt, legte das Gelübde ab und empfing 2. Mai 1507 die Priesterweihe. Erst bei dieser Gelegenheit sah er seinen Vater wieder. Nur allmählich und widerstrebend fand sich der alte Luther in den Schritt, den sein Sohn getan. Dieser hatte einstweilen im Kloster Gelegenheit gehabt, recht »fromm« zu werden, wonach schon längst sein Sinn gestanden. Aber die ersehnte Ruhe stellte sich nicht bei ihm ein, geschweige denn das Bewusstsein eines hohen Verdienstes. Zwar warf er sich in der Angst vor dem Zorn Gottes mit leidenschaftlicher Hingebung in ein Leben voll Entsagung, Pein und Buße, und anfangs ist ihm auch kein niederer Dienst erspart geblieben, während er gleichzeitig seine Studien mit dem entschlossensten Eifer wieder aufnahm. In der Einsamkeit seiner Zelle aber durchlebte L. Momente tiefer Schwermut und Verzweiflung. Den Faden, der ihn endlich zum Licht empor leitete, legte ihm ein alter Klosterbruder in die Hand, der ihn einfach auf den Artikel von der Sündenvergebung verwies. Auch der Ordensprovinzial Staupitz half dem erwachenden Bewusstsein von der Gnade nach. Dazu kam, dass das Studium der Schrift allmählich über die scholastische Theologie, die L. in ihrer spätmittelalterlichen Gestalt erfasst hatte, den Sieg davontrug. Sein ganzes späteres Sein und Wirken ruht auf diesem inneren Prozess, in dem sich sein Verhältnis zu Gott festgestellt hat, und was er so errungen, sollte er auch nicht lange für sich allein besitzen. Es war Staupitz, der ihn 1508 an die neue Universität nach Wittenberg brachte. Hier las er zuerst über Aristoteles, ward dann 1509 biblischer Bakkalaureus und im Oktober 1512 Doktor der Theologie, nachdem er wahrscheinlich vom Herbst 1509 bis Ostern 1511 wieder in Erfurt gewirkt und im Spätjahr 1510 oder 1511 im Auftrag des Augustinerordens eine Reise nach Rom gemacht hatte. Aber keineswegs regte sich, wie in Hutten, in ihm der Gedanke, Rom zu bekämpfen. Dazu war er nach seinem eignen Geständnis »noch zu jung«. Zu Anfang 1512 kehrte er als treuer Sohn der Kirche nach Deutschland zurück und bewahrte die Verehrung für die römische Kirche, den Glauben an ihre unbedingte Autorität noch lange, als er bereits sachlich in Widerspruch mit derselben getreten war. Fortgesetzte Studien in den Paulinischen Briefen, über die er jetzt als Doktor der Theologie (18. Okt. 1512) auch Vorlesungen hielt, außerdem aber auch in den Schriften Augustins, Taulers und Gansforts sowie in der »deutschen Theologie« hatten schon um 1516 seinem theologischen Bewusstsein jenes eigentümliche, ausschließlich auf die nur dem Glauben sich darbietende, unverdiente Gnade Gottes in Christus konzentrierte Gepräge gegeben, das ihm alle Prämissen zu seiner reformatorischen Wirksamkeit lieferte. Schon jetzt predigte er nicht bloß in der Klosterkirche, sondern auch in der städtischen Pfarrkirche in dieser Richtung, die er, 1515 zum Distriktsvikar der Augustinerkonvente in Meißen und Thüringen erwählt, auch seinem Orden mitzuteilen suchte, daher der letztere im Streit mit Tetzel alsbald auf seine Seite trat.

Es war der von Tetzel auf die Spitze getriebene Missbrauch des Ablasses, der L. auf das Kampffeld rief. Während der Ablaßkrämer in unmittelbarer Nähe Wittenbergs, in Jüterbog, seine Bude aufgeschlagen hatte, feierte man 1. Nov. 1517 die Kirchweihe der Schloßkirche in Wittenberg. Es war Sitte, solche Tage auch durch Publikationen zu verherrlichen, die an der Kirchtür angeschlagen wurden. So tat am Vorabende des Festes L. Der einfache Inhalt seiner 95 Thesen (beste Ausgabe von Köhler, Leipz. 1903) läuft hinaus auf die Unterscheidung des Begriffs der Buße im biblischen Sinn als eines inneren, sittlichen Vorganges von dem kirchlichen System der Leistungen und Bürgschaften. Der Erfolg der Thesen überraschte ihn selbst. »Dieselben liefen schier in 14 Tagen durch ganz Deutschland, denn alle Welt klagte über das Ablass.« Schon mit Beginn des Jahres 1518 ruft der Zensor aller im römischen Gebiet erscheinenden Bücher, Silvester Prierias, die unbedingte Autorität des Papstes gegen Luthers Sätze ins Feld. Jetzt richtete sich L. auf die bisher nicht geahnte Möglichkeit ein, zum Ketzer gestempelt zu werden. Am 26. April verteidigte er in Heidelberg. wohin ihn ein Augustinerkonvent geführt hatte, die Hauptsätze des Augustinismus. Im August erfolgte die Vorladung nach Rom. Indessen kam es nur 13.–15. Okt. zu einem Gespräch mit dem päpstlichen Legaten Cajetan in Augsburg, wobei L. den von ihm geforderten einfachen Widerruf verweigerte, dafür aber sich berief »vom übel berichteten Papst auf den besser zu berichtenden«. Eine Appellation an ein Konzil folgte im November von Wittenberg aus nach. Gleichwohl vermochte ihn im Januar 1519 der päpstliche Kammerherr Karl v. Miltitz in Altenburg zu einer Art von Waffenstillstand zu bewegen. Diesen hat zuerst der päpstliche Theologe Johann von Eck gebrochen, der schon seit einem Jahr in einer literarischen Fehde mit Karlstadt begriffen war. So wurde nun vom 27. Juni bis 16. Juli in Leipzig disputiert, zwischen Eck und Karlstadt über die Lehre vom freien Willen, zwischen Eck und L. über den Primat des Papstes; aus diesem scholastischen Streit ist der volle Gegensatz der kirchlichen Prinzipien erwachsen. L. nahm in Leipzig die ihm von Eck aufgedrängte Solidarität mit der Sache von Johann Hus wenigstens teilweise an und behauptete, dass selbst ein großes Konzil wie das Konstanzer irren könne. Damit war der Bruch mit dem katholischen Kirchenwesen im Grundsatz erfolgt; kühn schritt nun L. fort zur Lehre vom Priestertum aller Gläubigen, von der christlichen Freiheit, vom Rechte der christlichen Subjektivität. Eine ungemein fruchtbare schriftstellerische Tätigkeit hatte er schon im Jahr zuvor begonnen und setzte sie unermüdlich fort. Unter den neuen Forderungen erscheint jetzt auch das Abendmahl unter beiderlei Gestalt für die Laien. Dass die Kirche notwendig ein irdisches Haupt haben müsse, ward in der Schrift »Von dem Papsttum zu Rom« 1520 geleugnet, während L. gleichzeitig auch mit so entschiedenen Feinden Roms wie Hutten in Verbindung trat. Da erschien die päpstliche Bulle vom 15. Juni, in der 41 Sätze aus Luthers Schriften für ketzerisch erklärt, ihm selbst eine Frist von 60 Tagen zum Widerruf gestellt wurde. Zur selben Zeit hatte aber auch L. die gesamte Tragweite der neuen Ideen, die ihn erfüllten, entwickelt und alle Folgerungen aus dem neuen Prinzip öffentlich vorgetragen in den schon im Sommer erschienenen großen reformatorischen Schriften: »An den christlichen Adel deutscher Nation, von des christlichen Standes Besserung« und »Von der babylonischen Gefangenschaft der Kirche«. Dazu kam noch der Traktat »Von der Freiheit eines Christenmenschen« als Gegengabe auf die Bulle, die er 10. Dez. nebst den päpstlichen Dekretalen einem vor dem Elstertor in Wittenberg angezündeten Feuer übergab. Von jenen drei Hauptschriften aber ruft die erste die Christenheit zum Kampf wider die Anmaßungen des Papstes und des Standes, der allein für den geistlichen gehalten sein will; die zweite zerstört die geistlichen Bande, womit jener Stand mit seinen Gnadenmitteln die Seelen knechtet; die dritte weist in dem unmittelbaren Verhältnis, in dem der an Christus Gläubige zu Gott steht, den tiefsten Grund seiner Ruhe und Seligkeit nach. Eine Schrift: »Wider die Bulle des Endchrists«, schließt die schriftstellerische Wirksamkeit für dieses Entscheidungsjahr ab, und eine ausführliche Widerlegung der Bulle leitet die Ereignisse von 1521 ein: die eigentliche Bannbulle 3. Jan. 1521, die Vorladung vor Kaiser und Reich, die Abreise von Wittenberg 2. April, Ankunft in Worms 16. April, sein zweimaliges Erscheinen vor dem Reichstag, 17. und 18. April, endigend mit mutiger Ablehnung des geforderten Widerrufs. »Gott helf' mir!« rief er noch im Reichstag; »ich bin hindurch!«, als er wieder in der Herberge ankam. Am 26. April verließ er Worms; 4. Mai wurde er auf Veranstalten seines bisherigen Beschützers, des Kurfürsten Friedrich des Weisen von Sachsen, von verkappten Reitern überfallen und auf die Wartburg geführt, wo er, für die Welt nicht mehr existierend, als »Junker Georg« bis 1. März 1522 lebte. Die Reichsacht war 26. Mai 1521 über ihn ausgesprochen worden. Er aber überraschte von seinem unbekannten »Patmos« aus die Welt mit neuen Flugschriften, belehrte über das Wesen der Beichte, eiferte gegen Privatmessen, geistliche und Klostergelübde, schrieb seine »Deutsche Postille« und begann im Dezember 1521 die deutsche Bibelübersetzung. Einstweilen war in Wittenberg Karlstadt als praktischer Reformator aufgetreten; wie er gegen den Zölibat, so eiferten reformfreundliche Ordensgenossen Luthers, nachdem sie das Augustinerkloster verlassen hatten, Gabriel Didymus an der Spitze, gegen das Messopfer. Das Spätjahr brachte mit andern Neuerungen auch das Abendmahl unter beiderlei Gestalt, ganz zuletzt aber auch die Zwickauer Propheten; Karlstadt wurde zuerst mit fortgerissen, Melanchthon, seit August 1518 Luthers Kollege, schwankte; dem Kurfürsten wuchsen die Dinge über den Kopf. Im Februar 1522 kam es zum Bildersturm.

Da brach L., jeglichem Radikalismus feind, eigenmächtig von der Wartburg auf, traf 6. März in Wittenberg ein und beschwor den Sturm, acht Tage lang predigend, von der Kanzel aus. Seitdem war er unbedingt Herr der Lage, die Fanatiker räumten das Feld. Von neuem wurde die Sache der Reformation durch die Erhebung Sickingens und der Reichsritterschaft 1522 gefährdet, die, obwohl sie in ihrer eignen Sache das Schwert zogen, sich doch den Schein gaben, als wollten sie »dem Evangelio eine Öffnung machen«. L. hatte sich aber dem ihm sonst befreundeten Sickingen, der 1523 den Tod fand, nicht angeschlossen. Schlug er in der Schrift: »Ermahnung an alle Christen, sich zu hüten vor Aufruhr und Empörung« (im Dezember 1521) einen beruhigenden Ton an, so rief er doch wiederholt dieselben Christen zur Selbsthilfe auf: »Von weltlicher Obrigkeit und wie weit man ihr Gehorsam schuldig sei« (im Januar 1523); »Dass eine christliche Versammlung oder Gemeinde das Recht und Macht habe, alle Lehre zu urteilen und Lehrer zu berufen, ein- und abzusetzen: Grund und Ursach aus der Schrift« (Ostern 1523). Vornehmlich aber entwickelte er jetzt jene mit der inneren Freiheit beginnende, nach außen nur allmählich, aber sicher fortschreitende reformatorische Tätigkeit, die im Laufe der 1520er Jahre zuerst Gottesdienst, Kirchenlied und Sakramentsfeier, bald auch Schule und Kirchenverfassung umfasste und so bezeichnend ist für seine Weise im Gegensatz zu der Reformation in der Schweiz. Hierher gehören die Schriften: »Von Ordnung des Gottesdienstes in der Gemeinde« (1523); »Formula missae« (1523); »Greuel der Stillmesse« (1524); der »Ausruf an die Bürgermeister und Ratsherren der Städte in deutschen Landen« (1524) und das erste »Deutsche Gesangbuch« (1524). Die wertvollste Gabe an das Volk aber war und blieb die deutsche Bibel: das Neue Testament war schon im September 1522 (daher Septemberbibel genannt), das Alte 1534 vollendet. Sein Streit mit den Papisten, der ihm 1522 auch zu einer groben Schrift gegen Heinrich VIII. von England Veranlassung gegeben, trug ihm schließlich die Feindschaft des Erasmus ein, gegen dessen Schrift »De libero arbitrio« (1524) L. im Sinne der strengsten Prädestination sein Werk »De servo arbitrio« im Dezember 1525 verfasste. Dasselbe Jahr 1525 brachte mit dem Bauernkrieg auch gänzlichen Bruch mit Karlstadt, der Partei Münzers und der Wiedertäufer. Im Januar erschien die Schrift »Wider die himmlischen Propheten«, konservativ in Sachen der Bilderfrage und des Abendmahldogmas, hinsichtlich dessen schon damals der Gegensatz zwischen ihm einerseits, Karlstadt und den Schweizern anderseits zutage trat. Dem Bauernaufstand hat er im Thüringischen die eigne Person, aber auch zwei Schriften entgegengestellt: »Ermahnung zum Frieden auf die zwölf Artikel« und, als dies nichts half, »Wider die räuberischen und mörderischen Bauern«. Nachdem er schon 1524 die Mönchskutte abgelegt, trat er 13. Juni 1525 in die Ehe mit der ehemaligen Nonne Katharina von Bora.

In den nächsten Jahren gestaltete sich nun unter Luthers unmittelbarem Einfluß in fester und dauerhafter Weise die Organisation der neuen Kirche in Sachsen: zunächst der Kultus durch seine »Deutsche Messe und Ordnung des Gottesdienstes« (1526); dann war er vom Oktober 1528 bis Januar 1530 persönlich bei dem Werk der Kirchenvisitation tätig, durch welche die neue Kirche erst recht in die Erscheinung trat. Zwischenhinein erschienen im Januar 1529 der »Große« und einige Monate später der »Kleine Katechismus«, ein Werk, das im Verein mit Luthers Liedern (»Ein' feste Burg« etc.) die Grundlage der protestantischen Volkserziehung für Jahrhunderte geworden ist. Dasselbe Jahr brachte auch den endgültigen Bruch mit den Schweizern. Nicht bloß die bekannte Differenz bezüglich des Abendmahls, dessen Bedeutung und Wert sich L. nur mit Hilfe von aus der katholischen Scholastik überkommenen Vorstellungsformen gegenständlich machen konnte, trieb dazu; L. betrachtete auch voller Misstrauen den umfassenden Plan, den Zwingli und der Landgraf von Hessen zur Vernichtung des Papsttums und des katholischen Kaisertums vermittelst einer gemeinsamen Aktion aller reformatorischen Kräfte entworfen hatten. Gleichzeitig verwarf er die Idee des bewaffneten Widerstandes und vollzog auf dem Religionsgespräch zu Marburg (1.–4. Okt. 1529) mit eigner Hand den verhängnisvollen Riss zwischen der sächsischen und der süddeutsch-schweizerischen Reformation. »Es sind keine Leute auf dem Erdreich, mit denen ich lieber wollte Eins sagen, denn mit den Wittenbergern«, sagte Zwingli. »Ihr habt einen andern Geist als wir«, entgegnete L., indem er dem reformatorischen Rivalen nur diejenige Liebe zu gewähren sich herbeiließ, die man auch den Feinden schuldig sei.

So kam es, dass schon auf dem Augsburger Reichstag 1530 die sächsischen und die oberdeutschen Stände mit getrenntem Bekenntnis auftraten. L. selbst durfte als Geächteter dort nicht erscheinen, sondern brachte die Zeit auf der Feste Coburg zu, wo er nicht bloß eine wunderbare schriftstellerische Tätigkeit entfaltete, sondern auch selbst durch Rat und Trost aller Art in den mühseligen Gang der Verhandlungen zu Augsburg eingriff. Aber die leitende Rolle teilte er in den endlosen theologischen, kirchlichen und politischen Verhandlungen der noch folgenden 15 Jahre seines Lebens nicht bloß mit den Fürsten und Staatsmännern, die sich der neuen Kirche zugewandt hatten, sondern auch mit Theologen, wie Melanchthon. Wenn letzterer sich den Reformierten gegenüber durch tunlichste Ermäßigung der Zumutungen, die L. an sie stellte, wirkliche Verdienste erwarb, so war es doch wieder L., der manche üble Folgen dieser Nachgiebigkeit, wo Melanchthon sie auch den römischen Versuchen gegenüber bewies, abwehrte und den Fortbestand der evangelischen Freiheit wahrte. In diesem Geist schrieb L. 1537 die Schmalkaldischen Artikel und lehnte 1541 die Vermittlungsvorschläge von Regensburg und 1545 die Teilnahme am Tridentiner Konzil ab. Schweren Verdruss verursachte ihm die Doppelehe des Landgrafen Philipp von Hessen, die er aber selbst in einem geheimen Beichtrat als geringeres Übel im Vergleich zur Hurerei gestattet habe (1539). In diesem Handel zeigte sich L. von seiner schwächsten Seite. Nicht genug, dass er auf der Eisenacher Konferenz (1540) dem Landgrafen, der sich weigerte, um die Doppelehe geheim zuhalten, »stark zu lugen« raten ließ: »ein geringe lugen zu tun, war besser dan sovil mortgeschrei auf sich zu laden«, denn »ein notlugen, ein nutzlugen, hilfflugen zu tun, wer nicht widder Gott«, sondern er erklärte sich auch in einem Brief an den Landgrafen bereit, sich selbst der Notlüge in dieser Angelegenheit bedienen zu wollen, indem er sich auf das Beispiel Christi, der da gesagt habe: der Sohn weiß von dem Tage nichts, und auf seine Stellung als Beichtvater berief, die ihm verbiete, das, was ihm gebeichtet worden, bekannt zu machen.

Abgesehen von kleinen Reisen, die ihn namentlich öfters an den Hof des Kurfürsten nach Torgau brachten, 1539 auch nach Leipzig, wo Herzog Heinrich die Reformation einführte, verblieb er jetzt meist in Wittenberg, beraten und aufgesucht von Tausenden. Dazu lebte er in unermüdlicher Sorge um seine Gemeinde, war ein eifriger und beliebter Prediger, offener und warmer Freund, mit der Welt meist auf gutem Fuße stehend und übersprudelnd von Scherz und heiterer Laune. Furcht war ihm gänzlich unbekannt. Er konnte nicht bloß ruhig das Martyrium an sich herantreten sehen, es war sogar eine gewisse Sehnsucht danach in ihm vorhanden. Der Kampf war ihm willkommen, und zwar stand er nicht bloß Menschen gegenüber, sondern überwand auch die Angst und Pein der Hölle, die seiner Meinung nach geschäftig arbeitete, seine Vernunft zu verdüstern. Wenn es so im eignen Herzen unsicher wurde, so kamen über ihn unsäglich bittere Stunden, wie er denn oft und viel über harte Anfechtung klagt. Dazu traten leibliche Übel, quälende Beschwerden, Kongestionen, Dysenterie, Steinschmerzen. Gleichwohl blieb seine Arbeitskraft ungeschmälert. Er pflegte seine Predigten, Traktate, Bekenntnisse in Einem Guss zu geben; es entstand immer ein Ganzes, wenn er zur Feder griff. So ist er der größte populäre Schriftsteller der Deutschen geworden. Mit ihm beginnt eine neue Periode in der Geschichte der deutschen Sprache, die er merkwürdig in der Gewalt hatte. Energie des Stils, Kraft der Dialektik, Pathos der Überzeugung vereinigen sich in seinen Schriften. Der durchdringende, helle Verstand der überall spricht, der warme Ton, der über alles ausgegossen ist, die hellen Lichter, die seine bewegliche Phantasie aufsetzt, die dunkeln Schlagschatten: alles zeigt, wie er mit seinem Herzblut schreibt und arbeitet bei heiterer und trüber Laune. Ja, gerade seine Streitschriften sprudeln von seinem ureigensten Geist, von einem unvergleichlichen Humor. In seiner Polemik gegen Heinrich VIII. von England und später gegen Heinrich von Braunschweig hat er wohl das Größtmögliche in Derbheit geleistet, und die mehr als bescheidene Abbitte, zu der er sich herbeiließ, sobald Aussichten vorhanden waren, den ersteren für die Reformation zu gewinnen, gehört zu den entschiedenen Schwächen seines Lebens. Und dennoch hatte er recht, wenn er von sich selbst sagte: »Meine Schale mag hart sein, aber mein Kern ist weich und süß.« Das Familienleben des Mannes, der mit einer ganzen Welt und gar oft auch mit sich selbst im Kampfe lag, der übermenschliche Anstrengungen hinter sich hatte und mit Gott und dem Teufel auf persönlichem Fuße stand, war ruhig und lieblich. Gern weilt er im Kreise der Seinen; Kinder gelten ihm als der höchste Segen und das festeste Band der Liebe. Man kann nichts Schöneres lesen als jenen Brief, den er von Coburg aus an seinen Sohn Hans schrieb, nichts Rührenderes sehen als sein Verhalten am Krankenbett seines Töchterchens Magdalene. Gern öffnete er, der in späteren Jahren zu einem gewissen Wohlstand gediehen war, sein Haus den Freunden zu frohem Verkehr und den Armen zur Zuflucht. Für das Unglück hatte er ein ungemein weiches Herz. Geben war ihm eine Seligkeit. Er selbst nahm nur schwer ein Geschenk an. »Es gebührt uns nicht, Reichtum zu haben«, sprach er und lehnte auch das oft sehr hohe Honorar, das ihm die Buchhändler boten, folgerichtig bis zuletzt ab; denn mit seinem Talent zu wuchern, erschien ihm als Sünde. Sein ganzes Hauswesen war einfach eingerichtet; das Mahl würzte heitere, oft auch derbe Scherzrede, wie die »Tischreden« beweisen. Vor allem aber war er, wie auch die Gegner zuweilen anerkannten, eine gerade, ehrliche, fromme Natur. Dem gewaltigen Grundpathos seines Wesens, darin seine antirömische Mission begründet war, ist er bis zum letzten Hauche getreu geblieben. Von Steinschmerzen so gepeinigt, dass er zu sterben glaubte, empfahl er im Februar 1537 den Fürsten beständigen Hass gegen den Papst. Auch damals wiederholte er mitten unter Gebeten und Sterbenswünschen seinen Vers: »Pestis eram vivus, moriens ero mors tua, papa.« Er wollte nur noch bis Pfingsten leben, um den Papst in Druckschriften noch härter anzugreifen; aber er lebte noch fast ein Jahrzehnt, und erst 1545 erschien die gedrohte Schrift »Wider das Papsttum, vom Teufel gestiftet«, während schon das Jahr zuvor sein »Kurzes Bekenntnis vom heiligen Sakrament« bewiesen hatte, dass er auch den Reformierten gegenüber seit 20 Jahren derselbe geblieben war. Damit zerstörte er fast mutwillig die 1536 in der sogen. Wittenberger Konkordie mühsam hergestellte Eintracht mit den Oberländern. Doch soll er nach Melanchthons späteren Mitteilungen in seinem letzten Lebensjahr erkannt haben, dass er in der Sache des Abendmahls den Zwinglianern gegenüber »zu viel getan«. Der Aufenthalt in Wittenberg wurde ihm zuletzt durch das ungezügelte Treiben der Jugend so verleidet, dass er 1545 die Stadt in der Absicht verließ, sein Haus daselbst zu verkaufen. Er kehrte erst wieder nach Wittenberg zurück, als Universität und Magistrat das Versprechen gegeben, dem Ärgernis zu steuern. Sein letztes Werk sollte ein Werk der Versöhnung sein. Es galt der Einigung der Grafen von Mansfeld. Vom 23. Jan. bis 16. Febr. 1546 brachte er mit der Reise und dem Geschäft zu. In Eisleben kam er schon krank in die Herberge, und es überkam ihm eine Ahnung, dass er hier, wo er geboren sei, auch sterben werde. Dennoch predigte er viermal. Am 17. Febr. wurde er bettlägerig. Stärkungen halfen nichts; da fragten ihn, nachdem er sich Gott befohlen hatte, Doktor Jonas und Magister Coelius, ob er auf seine Lehre sterben wolle, und er gab ihnen ein festes »Ja« zur Antwort. Bald darauf, 18. Febr. 1546, starb er. Seine Leiche wurde nach Wittenberg gebracht und in der Schloßkirche beerdigt.

[Luthers Familie.]L. hinterließ außer seiner Gattin eine Tochter, Margarete (vgl. Nietzki, Margarete von Künheim, Königsb. 1900), und drei Söhne: Johann, geb. 7. Juni 1526, Rat bei den Söhnen des Kurfürsten Johann Friedrich, dann in Diensten des Herzogs Albrecht von Preußen, gest. 28. Okt. 1575 in Königsberg; Martin, geb. 7. Nov. 1531, Theologe, gest. 3. Mai 1565; Paul, geb. 28. Jan. 1533, kursächsischer Leibarzt, gest. 8. Mai 1593 in Leipzig, Stammhalter der Familie. Zwei Kinder waren vor ihm gestorben. Luthers männliche Nachkommenschaft erlosch 1759 mit Martin Gottlob L., Rechtskonsulenten in Dresden. Vgl. Nobbe, Genealogisches Hausbuch der Nachkommen Luthers (Leipz. 1871); Horbach, Die Nachkommen Luthers (das. 1896).

[Luthers Werke.]Die wichtigsten Ausgaben der Werke Luthers sind die Wittenberger Ausgabe (1539 bis 1559, 12 Bde. deutsche und 7 Bde. lateinische Schriften), die Jenaer (1555–65, 8 deutsche und 4 lateinische Bände, 2 Ergänzungsbände), die Hallesche von Walch (1740–53, 24 Bde.) und die Erlanger (von Irmischer, deutsche Schriften, 67 Bde., 1826–1857; 2. Aufl. von Enders, Frankf. a. M. 1862 ff.; lateinische Schriften, 1829–86, Bd. 1–28, dazu 3 Bände »Commentarii in Novum Testamentum«. 1843–44, und 7 Bände »Opera varii argumenti«, 1865–73). Von der im Jahr der vierten Säkularfeier 1883 begonnenen Weimarer »Kritischen Gesamtausgabe« erschienen bis 1905: Bd. 1–9,11–16,19,20,23–25,27–29. Eine treffliche Ausgabe aller wichtigern Schriften mit guten Einleitungen und Erläuterungen ist die von Buchwald, Kawerau, Köstlin u.a. (3. Aufl., Berl. 1905, 10 Bde.), die auch in kleinerer Ausgabe als »Luthers Werke für das christliche Hans« (3 Bde.) vorliegt. Eine Sammlung der kleinern Schriften erschien unter dem Titel: »Martin L. als deutscher Klassiker« (Frankf. 1871–83, 3 Bde.). Luthers »Briefe« wurden von De Wette (Berl. 1825–1828, 5 Bde.; der 6. Bd. von Seidemann, das. 1856), von Burkhardt (Leipz. 1866), von Kolde (»Analecta Lutherana«, Gotha 1883) und von Enders (Kalw 1884–1903, 10 Bde.) herausgegeben, seine »Politischen Schriften« von Mundt (Berl. 1844; neue Ausg., Leipz. 1868), seine »Kirchenpostille« von Francke (Leipz. 1844, Dresd. 1872), seine »Geistlichen Lieder« am besten von Ph. Wackernagel (Stuttg. 1856), Goedeke (Leipz. 1883) und Schleusner (Wittenb. 1892). Die »Tischreden« (ältere Gesamtausgabe der deutschen von Förstemann u. Bindseil, Berl. 1844–48, 4 Bde., der lateinischen von Bindseil, Lemgo 1863–66, 3 Bde.) haben neuerdings aus Tagebüchern und andern Aufzeichnungen von Luthers Hausfreunden wertvolle Ergänzungen erfahren. Vgl. die Nachschriften von Lauterbach (hrsg. von Seidemann, Dresd. 1872), Cordatus (von Wrampelmeyer, Halle 1885), Schlaginhauffen (von Preger, Leipz. 1888), Mathesius (von Loesche in den »Analecta Lutherana et Melanchthoniana«, Gotha 1892, und Kroker, Leipz. 1903). »Disputationen Dr. M. Luthers in den Jahren 1535 bis 1546 an der Universität Wittenberg gehalten« veröffentlichte Drews (Götting. 1895, 2 Tle.); Luthers »Sprichwörtersammlung« Thiele (Weim. 1900).

[Biographien etc.]Von bleibendem Wert ist die Lebensbeschreibung Luthers durch den zeitgenössischen Joh. Mathesius (s. d.) in 17 Predigten (Nürnb. 1566; beste Ausg. von Loesche, Prag 1898). Aus den neuern Biographien sind hervorzuheben: J. Köstlin, Martin L. Sein Leben und seine Schriften (Elberf. 1875, 2 Bde.; 5. Aufl., hrsg. von G. Kawerau, Berl. 1903; kleine Ausg., 9. Aufl., Leipz. 1891); Kolde, Martin L. (Gotha 1884–93, 2 Bde.); Berger, Martin L. in kulturgeschichtlicher Darstellung (bisher Bd. 1 u. 2, erste Hälfte, Berl. 1895–98); Hausrath, Luthers Leben (das. 1904, 2 Bde.). Volkstümlich: M. Rade (Paul Martin), Doktor Martin Luthers Leben, Taten und Meinungen (Neusalza 1883, 3 Bde.; neue Ausg., Tübing. 1901). Von kürzern Darstellungen sind die von H. Lang (Berl. 1870), G. Freytag (Leipz. 1883), M. Lenz (3. Aufl., Berl. 1897) und A. Harnack (3. Aufl., Gieß. 1901) zu erwähnen. Vgl. weiter J. Köstlin, Luthers Theologie, in ihrer geschichtlichen Entwickelung etc. (Stuttg. 1862, 2 Bde.; 2. Aufl., das. 1901); Th. Harnack, Luthers Theologie (Erlang. 1862–86, 2 Bde.); Francke, Grundzüge der Schriftsprache Luthers (Görlitz 1888).

[Katholische Polemik.]Eine umfassende Biographie vom ultramontanen Standpunkt lieferte der Konvertit Evers: »Martin L., Lebens- und Charakterbild, von ihm selbst gezeichnet« (Mainz 1883–91, 6 Bde.) Mit tiefgründiger Gelehrsamkeit versuchte H. Denifle: »L. und Luthertum in der ersten Entwickelung, quellenmäßig dargestellt« (Bd. 1, Mainz 1904; 2. umgearbeitete Aufl., das. 1904–05; dazu die Broschüre »L. in rationalistischer und christlicher Beleuchtung«, das. 1904), sowohl die neuern protestantischen Arbeiten über Luthers Werke und Leben als unwissenschaftlich wie auch den Reformator selbst als Religions- und Volksverderber zu erweisen. Aus der großen Literatur, die diesem Angriff als Antwort dienen sollte, sind zu erwähnen: R. Fester, Religionskrieg und Geschichtswissenschaft (Münch. 1904); W. Köhler, Ein Wort zu Denifles L. (Tübing. 1904); R. Seeberg, L. und Luthertum in der neuesten katholischen Beleuchtung (Leipz. 1904). Mit besonderer Vorliebe hat sich die Polemik früher mit Luthers Lebensende beschäftigt. Die Verleumdung, L. habe Selbstmord begangen (vgl. zuletzt Majunke, Luthers Lebensende, Mainz 1890), ist als durch die Schriften von Kolde (3. Aufl., Leipz. 1890), Kawerau (Barm. 1890) und dem Katholiken N. Paulus (Freiburg 1898) endgültig widerlegt zu betrachten. Aus der übrigen Kontroversliteratur vgl. Kawerau, L. und seine Gegner (in den »Würzburger Luthervorträgen«, Münch. 1903), und S. Merkle, Reformationsgeschichtliche Streitfragen (das. 1904).

[Bildnisse, Denkmäler, poetische Darstellungen, Stiftungen.]L. selbst und sein Wirken haben den bildenden Künsten und, minder glücklich, auch der Poesie vielfach zum Vorwurf gedient. Seine äußere Erscheinung ist der Nachwelt am treuesten durch seinen Zeitgenossen Lukas Cranach den Ältern überliefert worden, der schon beim Beginn des Reformationswerkes ein persönlicher Freund Luthers war und seither bis an sein Lebensende zahllose Bildnisse Luthers geliefert hat. Es sind teils Zeichnungen, die in Kupferstich und Holzschnitt vervielfältigt wurden und daher am meisten in die Massen gedrungen sind, teils Ölgemälde, die L. im Brustbild oder in ganzer Figur, bisweilen im Zusammenhang mit einer größern Komposition darstellen. Das älteste datierte Lutherbildnis Cranachs ist ein von ihm selbst ausgeführter Kupferstich von 1519, der L. in halber Figur und in der Kutte des Augustinermönchs, mit der Linken ein Buch haltend, darstellt. Ihm sind zwei ähnliche Holzschnitte von 1520 nachgebildet. Es folgen zwei Kupferstiche von 1520 und 1521, die ebenfalls L. als Mönch darstellen. Der Zeit nach zunächst kommt ein in Holzschnitt ausgeführtes Brustbild Luthers als Junker Jörg, das von Cranach eigenhändig in Holz geschnitten worden ist und auch die Jahreszahl 1522 trägt. Nachdem L. die Mönchstracht abgetan und einen schwarzen Predigertalar angelegt hatte, zeichnete und malte ihn Cranach von neuem, und diese Bilder sind, besonders seit 1526, wo ihn Cranach als Seitenstück zu dem Bildnis seiner Gattin Katharina von Bora abermals nach der Natur malte, für die folgende Zeit maßgebend für die meist handwerksmäßige Vervielfältigung. In Öl gemalte Lutherbildnisse von Cranach, seinem Sohn und seinen Schülern befinden sich in den Galerien zu Gotha, Weimar, Dresden, Leipzig, München u.a. Von den größern Kompositionen Cranachs ist die bedeutsamste das Altarbild der Stadtkirche in Wittenberg, wo L. inmitten seiner Gemeinde predigend dargestellt ist. Luthers Bildnis nach dem Tode, L. im Sterbehemd, hat Lukas Fortenagel aus Halle gemalt. Das Originalbildnis soll die Universitätsbibliothek in Leipzig besitzen, nach dem mehrere Kopien (eine in der Dresdener Galerie) angefertigt worden sind. Nach diesem Bilde scheint auch die sogen. Totenmaske Luthers gemacht zu sein, die in Gipsabgüssen verbreitet worden ist. – Das 300jährige Reformationsjubiläum von 1817 gab der Darstellung Luthers durch die bildende Kunst einen neuen Aufschwung. An der Spitze steht Schwerdgeburth in Weimar mit seinen Kupferstichen: L. auf dem Reichstage in Worms und L. im Kreise seiner Familie. Ihm folgten die Künstler der Düsseldorfer Schule C. F. Lessing (Anschlag der Thesen, L. verbrennt die päpstliche Bannbulle, Luthers Disputation mit Eck), Julius Hübner (Disputation mit Eck), August Noack (Religionsgespräch zu Marburg) und F. W. Martersteig (Einzug in Worms und Übergabe der Augsburger Konfession). In gleichem Geiste waren in neuerer Zeit tätig Gustav König (48 Reformationsbilder und Illustrationen zu Luthers Liedern, daher Lutherkönig genannt), W. Lindenschmit (der junge L. von seinen Eltern in die Klosterschule zu Erfurt gebracht, L. im Hause der Frau Cotta in Eisenach singend, L. in Rom, L. und Kardinal Cajetan), G. Spangenberg (L. im Hause der Frau Cotta, L. die Bibel übersetzend, L. als Junker Jörg, Einzug in Worms, L. im Kreise seiner Familie musizierend), A. v. Heyden (Luthers Begegnung mit Frundsberg in Worms), A. v. Werner (L. auf dem Reichstag in Worms), F. Pauwels und Paul Thumann (von beiden 14 Wandgemälde mit Szenen aus Luthers Leben auf der Wartburg). – Denkmäler befinden sich in Wittenberg (von Schadow 1821), in Worms (figurenreiches Reformationsdenkmal nach dem Entwurf von Rietschel, 1868, in Möhra (Bronzestatue von Ferd. Müller, 1861), in Eisleben (von Siemering, 1883), in Leipzig (Doppelstatue mit Melanchthon, von Schilling, 1883), in Dresden (Wiederholung der Lutherfigur vom Wormser Denkmal, 1885), in Magdeburg (von Hundrieser, 1886), in Eisenach (von Donndorf, 1895), in Berlin (großes Erzdenkmal mit acht Nebenfiguren, von Otto und Toberentz, 1895, und in Hannover (von Dopmeyer, 1900).

Schon aus dem 16. Jahrh. existieren zahlreiche Dichtungen zur Verherrlichung Luthers, unter denen das Spruchgedicht des Hans Sachs »Die wittenbergisch nachtigal, die man iez höret überal« (1523) die erste Stelle einnimmt; aber es fehlte auch nicht an Verhöhnungen und Spottgedichten der Gegner, darunter Murners Dichtung »Von dem großen Lutherischen Narren« (1522; Neudruck von Kurz, Zürich 1848). In dramatischen Dichtungen wurde L. gefeiert von Andreas Hartmann (»Curriculum vitae Lutheri«, 1600) und Martin Rinckart (»Der Eislebische Ritter«, 1613; Neudruck, Halle 1883), denen sich zum ersten Jubiläum der Reformation die »Tezelomania« (1617) anschloß. Sehr schwach war die epische »Lutheriade« (1760–61) des Gottschedianers Chr. Friedrich v. Derschau. Zu Anfang des 19. Jahrh. dichtete Zacharias Werner sein später widerrufenes Drama »Martin L., oder die Weihe der Kraft« (1807), A. v. Klingemann seinen »Martin L.« (1809); zu Anfang des 20. Jahrh. Adolf Bartels »Martin L., eine dramatische Trilogie« (Münch. 1903), August Strindberg »Die Nachtigall von Wittenberg« (5. Aufl., Leipz. 1905). Das Lutherjubiläum von 1883 gab Anlaß zur Entstehung einer Gruppe von dramatischen Festspielen, sogen. Lutherspielen (von Hans Herrig, W. Henzen, Otto Devrient, A. Trümpelmann u.a.), die zum größern Teil nach Art der dramatischen Spiele des 16. Jahrh. von Volks- und Bürgerkreisen dargestellt wurden, und unter denen die Spiele von Devrient und Herrig die weiteste Verbreitung und Geltung erlangten (vgl. Erdmann, Die Lutherfestspiele, Wittenb. 1889). Versuche zu epischer Darstellung unternahmen Rudolf Hagenbach in »L. und seine Zeit« (1838) und Adolf Schults in »Martin L.« (1853). Das Gesamtleben Luthers bearbeitete K. A. Wildenhahn (1851–53) zu einem historischen Roman. Größer erscheint der Reformator zumeist, wo er in historischen Romanen als Episodenfigur auftritt, was am besten in Heinrich v. Kleists »Michael Kohlhas« (1808), weniger glücklich z. B. in G. Freytags »Marcus König« (1876) geschehen ist.

Die dritte Säkularfeier von Luthers Tod (1846) veranlaßte unter dem Namen Luther-Stiftung mehrere Stiftungen für Waisen, arme und verwahrloste Kinder, auch zur Unterstützung noch vorhandener Nachkommen aus Luthers Familie. Die vierte Säkularfeier von Luthers Geburtstag (1883) führte zur Gründung einer Allgemeinen deutschen Luther-Stiftung, die bestimmt ist, die Erziehung von Söhnen und Töchtern evangelischer Pfarrer und Lehrer zu fördern; aus dem Reste der für das Wormser Lutherdenkmal gesammelten Geldsumme wurde ein Luther-Stipendium für Theologen angelegt.

Katharina von Bora

Vorwort.

In dem „Leben Luthers“ bietet das Kapitel „Luthers Häuslichkeit“ als freundliche Idylle ein liebliches Ausruhen von den dramatischen Kämpfen und dem epischen Gange einer reformatorischen Wirksamkeit. Die Briefe an eine „liebe Hausfrau“ sind unter den Tausenden seiner Episteln die schönsten und originellsten. Dafür liegt der Grund doch nicht allein in dem reichen Gemüt und dem geistvollen Humor des großen Mannes, sondern auch in der Persönlichkeit seiner lebhaften, temperamentvollen Gattin. Es muß doch eine bedeutende Frau gewesen sein, die der große Mann als seine Lebensgefährtin zu sich emporhob und die sich getraute, die Gattin des gewaltigen Reformators zu werden und der es gelungen ist, ihm zu genügen; und ein sympathischer Charakter mußte das sein, an dem er seine frohe Laune so schön entfalten konnte. Sie hat ihrem Doktor das schöne Heim geschaffen und das vorbildliche evangelische Pfarrhaus. Und so lebt auch Luthers Käthe als die Genossin von dem Liebling und Stolz unserer Nation in der Seele des deutschen Volkes in gutem Gedenken.

Es kann nun auffallen, daß eine eigentliche Lebensgeschichte der Gattin Luthers bisher noch gar nicht erschienen ist, daß fast mehr schmähsüchtige Feinde, wie vor hundertfünfzig Jahren ein Engelhard, ihre wenig lauteren Künste an dieser Aufgabe geübt haben; und besonders ist zu verwundern, daß in dem letzten halben Jahrhundert, diesem so hervorragend historischen Zeitalter, — seit den beiden gleichzeitig erschienenen quellenreichen Skizzen von Beste und Hofmann — keine Biographie entstand, nicht einmal für dieses Jubiläumsjahr ihres vierhundertjährigen Geburtstages.

Der Grund dieser eigentümlichen Erscheinung liegt aber doch klar. Einmal wird eben in „Luthers Leben“ das Bild Katharinas von Bora stets mit hineingemalt; sodann ist es schwierig, neben der gewaltigen Gestalt ihres Gatten sie recht zur Geltung kommen zu lassen; endlich ist eine mühsame Kleinarbeit erforderlich, um eine lebensvolle Zeichnung zu entwerfen, und überraschende Entdeckungen sind bei aller Findigkeit hier nicht zu machen.

Dennoch verdient Luthers Käthe — so viel das geschehen kann — für sich besonders betrachtet zu werden, wie ja ihr Bild so oft für sich neben demjenigen des großen Doktors gemalt ist. Ist Frau Käthe freilich nichts ohne den D. Martinus, so kann man doch auch fragen: Was wäre Luther ohne seine Käthe? Dem Lebensbilde des großen Reformators fehlte das menschlich Anziehende, fehlten die vor allem uns Deutschen ausbrechenden gemütlichen Beziehungen des Familienlebens. Und das hat Frau Käthe ihm geschaffen. Ihr ist es zu verdanken, daß die Welt ihn so lange, und so lange in geistiger Frische und freudigem Arbeitseifer gehabt hat.

So mag es ein Denkmal sein, und — wie es der schlichten deutschen Hausfrau geziemt — ein anspruchsloses, was ihr hier zu ihrem vierhundertjährigen Gedächtnistage gesetzt ist.

1. Kapitel - Katharinas Herkunft und Familie.

Zur Zeit der Reformation umfaßte das Land Sachsen etwa das heutige Königreich, den größten Teil der Provinz Sachsen und die thüringisch-sächsischen Staaten. Diese sächsischen Lande aber waren seit dem Erbvertrag von 1485 zwischen den Ernestinern und Albertinern geteilt in ein Kurfürstentum und ein Herzogtum. Wunderlich genug war diese Teilung, aber ganz nach damaligen Verhältnissen: zum Albertinischen Herzogtum, auch „Meißen“ genannt, gehörte der größte Teil vom heutigen Königreich mit den Städten Meißen, Dresden, Chemnitz; ferner ein schmaler Streifen von Leipzig bis nach Langensalza. Dazwischen dehnte sich das Kurfürstentum mit den Hauptstädten Wittenberg, Torgau, Weimar, Gotha, Eisenach westwärts, und Zwickau und Koburg nach Süden. Die Kursachsen sahen mit einigem Stolz auf ihre Nachbarn herab, welche bloß herzoglich waren, gebrauchten auch wohl den alten Spottreim: „Die Meißner sind Gleisner“. Wenn's auch nicht wahr war, es reimte sich doch gut.

Aus dem Herzogtum Meißen stammte nun Katharina von Bora, Luthers Hausfrau, während er selbst ein geborener Mansfelder, dann ein Bürger der kursächsischen Residenz Wittenberg und Beamter des Kurfürsten war. Er beklagte sich wohl bei seiner Frau über ihren Landesherrn, Herzog Georg den Bärtigen, welcher, ein heftiger Gegner der Reformation, mit Luther in steter Fehde lag, gehässige Schriften gegen ihn losließ und die Lutheraner im Lande „Meißen“ verfolgte. Daneben neckte Luther seine Käthe auch, als sie in Leipzig bei seinen Lebzeiten die Märe von seinem Tode verbreiteten: „Solches erdichten die Naseweisen, deine Landsleute“.

Im Meißenschen nun hinter der Freiberger Mulde, eine Stunde ostwärts von dem „Schloß und Städtchen“ Nossen lagen die beiden Ortschaften Wendisch- und Deutschenbora, eine Viertelstunde von einander zwischen Tannengehölzen, denn Tanne heißt auf slavisch „Bor“. Hier hatte das Geschlecht der Bora seinen Stammsitz. Von dort verpflanzte es sich in verschiedenen Zweigen an viele Orte des Sachsenlandes; so auch in die Nähe von Bitterfeld und Borna, je fünf Stunden nördlich und südlich von Leipzig. Sie führten alle im Wappen einen steigenden roten Löwen mit erhobener rechter Pranke in goldenem Feld und den Pfauenschweif als Helmzier.

Aus welchem dieser neun oder zehn Zweige aber Frau Katharina, des Reformators Ehegattin, stammte, ist nicht mehr gewiß auszumachen. Mehr als sieben Orte, wie bei dem Vater der griechischen Dichtung, Homer, streiten sich um die Ehre, ihre Geburtsstätte zu sein: das ist fast jeder Ort, wo früher oder später Bora gewohnt und gewaltet haben. Aber man kann eher noch beweisen, daß sie aus acht dieser Orte nicht stammt, als daß sie am neunten Ort wirklich geboren sei.

Vielleicht ist Katharinas Geburtsort beim alten Stammsitz des Geschlechts: zu Hirschfeld, einem sehr fruchtbaren Hofgut in der dörferreichen Hochebene, wo man nördlich nach dem nahen Deutsch-Bora und dem etwas ferneren Wendisch-Bora schaut, gen Westen aber, in einer Entfernung von einer Stunde, die burggekrönte Bergnase von Nossen erblickt.

Wahrscheinlicher aber wurde Käthe zu Lippendorf geboren. Westwärts nämlich von Borna an der Pleiße zieht sich als meißnisches Gebiet ein weites Blachfeld, dessen Einförmigkeit nur durch dunkle Gehölze unterbrochen wird. Nur ein paar hundert Schritte von dem Kirchdorf Medewitzsch erhebt sich das Häuflein Häuser des kleinen Dörfchens Lippendorf und etwas abseits gelegen ein größeres Gut, mit einem Teiche dahinter. Das war zwar kein rittermäßiger Hofsitz, aber doch ein stattliches Lehngut, das heutzutage seinen Besitzer zu einem wohlhabenden Bauern macht. Um 1482 saß dort ein Hans von Bora mit seiner Gemahlin Katharina; um 1505 ist's ein Jan von Bora mit seiner Gattin Margarete, einer geborenen von Ende. Wahrscheinlich ist Hans und Jan nicht Vater und Sohn, sondern dieselbe Person und Margarete nur seine zweite Ehefrau.

Hier wäre nun Katharina an dem Ende des fünfzehnten Jahrhunderts, 15-1/4 Jahre nach Martin Luther, auf die Welt gekommen. In diesem bauernhofähnlichen Anwesen wäre sie — vielleicht unter einer Stiefmutter — herangewachsen. An diesem Teich hätte sie als Kind gespielt und hinübergeschaut nach dem nahen Rittersitz Kieritzsch mit seinem Schloßpark und kleinen Kirchlein, und weiterhin über die Wiesen und Gehölze der Mark Nixdorf nach der „Wüstung Zollsdorf“ — wo sie später als ehrsame Hausfrau und Doktorin vom fernen Wittenberg herkommend hausen und wirtschaften sollte, wie sie's zu Lippendorf in Hof und Stall, Küche und Keller von der fleißigen Mutter gelernt.

Aber sicher ist diese Annahme nicht. Es kann auch ein anderer Ort Katharinas Geburtsstätte sein.

Ja, sicher weiß man nicht einmal den Namen von Vater und Mutter. Hans konnte der Vater wohl geheißen haben, so hieß damals jeder dritte Mann, auch im Bora'schen Geschlecht. Und nach einer andern, nicht unglaubwürdigen Nachricht wäre die Mutter eine geborene von Haubitz gewesen und hätte nach der Tradition den ebenfalls zu jener Zeit sehr beliebten Namen Anna getragen. Dann wäre freilich Lippendorf nicht Käthes Heimat gewesen. Unzweifelhaft gewiß ist nur ihr Geburtstag, der 29. Januar 1499; denn dieser Tag ist auf einer Schaumünze eingegraben, die heute noch vorhanden ist.

Auch ihre nächsten Verwandten sind bekannt.

Katharina hatte wenigstens noch drei Brüder. Der eine, dessen Name nicht genannt ist, verheiratete sich mit einer gewissen Christina und starb ziemlich frühzeitig, vielleicht schon um 1540. Denn sein Sohn Florian, der etwa gleichaltrig mit Luthers Aeltestem d.h. damals vierzehn Jahre alt war, wurde um diese Zeit ins Haus genommen und wollte 1546 die Rechte studieren; damals war „Christina von Bora Witfraw“.

Der andere Bruder Katharinas ist Hans von Bora. Er war 1531 in Diensten des Herzogs Albrecht von Preußen, kehrte aber etwa 1534 von dort zurück, um für sich und seine Brüder das Gütlein Zulsdorf als „Erbdächlein“ zu übernehmen. Er bekam in seinen Mannesjahren von seinem Schwager Luther und von Justus Jonas das Lob eines „aufrichtigen, feinen und treuen Menschen“. „Treu und brav ist er, das weiß ich, dazu auch geschickt und fleißig“, bezeugt ihm Luther.

Weniger Löbliches ist von dem dritten Bruder Klemens bekannt. Er kam mit Bruder Hans nach Königsberg, geriet aber nach dessen Rückkehr in die Gesellschaft eines adligen Raufboldes, der in seiner Gegenwart einen Zimmergesellen im Rausch erstach, was ihm selbst übeln Ruf zuzog und ihn in Ungnaden bei dem Herzog brachte.

Außer den Brüdern Katharinas ist auch eine Muhme (Base) Lene bekannt, welche später in Luthers Haus lebte. Es wird dies niemand anders sein als die Magdalena von Bora, des Vaters Schwester, welche freilich zur Zeit von Katharinas Geburt schon lange im Kloster Nimbschen lebte.

Wenn es wahr ist, daß um 1525 eine Maria von Bora auf Zulsdorf sich nach Wittenberg verheiratete, so müssen auf diesem Vorwerk in den zwanziger Jahren noch nahe Verwandte gelebt haben. Reich konnten diese aber nicht sein, denn das ganze Gut war nur 600 fl. wert und nährte seinen Mann nicht, wie später Bruder Hans selbst erfuhr. Ein weiterer Verwandter Katharinas war Paul von Rachwitz, welcher zu Bitterfeld wohnte in dessen Nähe auch in Zweig der Bora hauste.

Die Familie Katharinas muß recht arm gewesen sein: es heißt sogar: sie war in die äußerste Bedrängnis geraten. Florian, der Sohn des ältesten Bruders, war jedenfalls nach seines Vaters Tod, obwohl dieser wahrscheinlich das Erbgut besaß, doch auf Stipendien angewiesen für seine Studien. Bruder Hans war am preußischen Hof so ärmlich gestellt, daß Luther für ihn dem Herzog Albrecht „beschwerlich sein“ und schreiben mußte: „Nachdem meiner Käthen Bruder Hans von Bora nichts hat und am Hofe Kleid und Futter genug nicht hat, wollten E.F.Gn. verschaffen, daß ihm jedes Vierteljahr ein paar Gulden würden zugeworfen, damit er auch Hemd und andere Notdurft bezahlen möchte.“

Katharina selbst endlich hat, wie es scheint, nicht einmal ein Leibgeding mit ins Kloster bekommen, wie es andere, wohlhabendere adlige Fräulein mit durchschnittlich 3 Schock jährlich erhielten; und auf ihre Einsegnung konnte sie nur 30 Groschen spenden, während neue Nonnen wohl 100 oder wenigstens 40 Groschen opferten. Bei ihrer Heirat konnte sie keine Mitgift in die Ehe bringen.

So ist also Katharina von Bora — wo es auch sei — in gar engen Verhältnissen aufgewachsen, und wenn man sich das junge Mädchen etwa als zartes Ritterfräulein am Burgfenster mit dem Stickrahmen oder als Jägerin auf stolzem Zelter vorstellen wollte, so gäbe das ein gar falsches Bild. Wir haben sie uns vielmehr zu denken wie eine junge Bauerntochter auf dem Hofgut schaltend und waltend, der Mutter an die Hand gehend in der Wirtschaft, zugleich als die Aelteste, vielleicht als einziges Töchterlein, auch eine gewisse Selbständigkeit und Herrschergabe entfaltend, wie sie sich später in der reifen Frau entwickelt zeigt.

Freilich ein wirkliches anschauliches Bild ihrer Kindheit zu entwerfen vermögen wir nicht, dazu fehlen alle Anhaltspunkte, alle Formen und Farben. Wir mögen dies bestimmte Bild aus der ersten Jugendzeit, in die wir uns bei einem Menschenleben so gerne versenken, bei Katharina schmerzlich vermissen, da sich die ganze Umgebung, der Hintergrund der Landschaft und selbst die notwendige Staffage von Vater und Mutter und alles, was auf ein junges Menschenkind einwirkt, bis auf die Namen verwischen und verschwinden, während zum Beispiel bei ihrem Gatten, dem Doktor Luther, Elternhaus, Vater, Mutter, Geschwister, Gespielen, Heimat und Schule so deutlich und plastisch sich herausheben, daß sie ein gar lebendiges und farbenreiches Gemälde geben. Aber man kann sich doch auch wieder über diesen Mangel leicht trösten.

Denn wie es scheint, sind die Eltern beide früh gestorben. Sobald Katharina ins Licht der Geschichte tritt mit ihrer Heirat, ja schon bei ihrer Entweichung aus dem Kloster, ist jede Spur von ihnen verschwunden: die Eltern erscheinen nicht bei ihrer Hochzeit, wie die Eltern von Luther; sie werden um ihre Einwilligung nicht gefragt, worauf doch Luther sonst so großes Gewicht legt; ja sie kommen schon nicht in Betracht bei der Flucht aus dem Kloster, als es sich um eine Unterkunft handelt; und auch während der ganzen Klosterzeit kommt Vater und Mutter nicht zum Vorschein, wie es doch oftmals bei Klosterjungfrauen der Fall ist. Vielleicht ist gerade der Eltern früher Tod für Katharina die Veranlassung gewesen, so bald ins Kloster einzutreten.

Wie dem aber auch sei, die geistige Entwicklung des jungen Fräuleins fällt nicht in das Elternhaus. Denn sehr früh kam Katharina von daheim fort und ihre bewußte Jugendzeit verbrachte sie fern von der Heimat im Jungfrauen-Stift.

So fällt Katharinas Eintritt, obwohl sie 15 Jahre jünger war, etwa in dieselbe Zeit, als der Erfurter Magister Martin Luther die Studien verließ und in das Kloster der Augustiner ging.

2. Kapitel - Im Kloster.

Wenn heutzutage ein armes Mädchen aus besseren Ständen versorgt werden soll, das nicht auf große Mitgift und darum auf Verheiratung rechnen und somit dem natürlichen weiblichen Beruf, dem Familienleben, voraussichtlich entsagen muß, so kommt es in eine Anstalt und bildet sich zur Lehrerin oder dergleichen aus. Im Mittelalter kam so ein armes Fräulein, dessen Ausstattung die schmalen Erbgüter der Stammhalter und Schwestern noch mehr geschmälert hätte, zur Versorgung ins Kloster. Die alten Klöster (der Benediktiner, Cisterzienser, Bernhardiner) wurden so Versorgungsanstalten. Es waren adelige Stifter, fromme Anstalten der Vorfahren, worin „ehrsame“ (d.h. adelige) Jungfrauen Gott dienen und für die Seelen der Lebenden und Verstorbenen beten sollten. Statt des jetzigen „geistigen“ Berufs zum Wirken in der Welt für lebendige Menschen diente damals der „geistliche“ Beruf zur Verehrung Gottes und der Heiligen, zum ewigen Seelenheil der Lebenden, namentlich aber der toten Anverwandten im Fegefeuer. Statt der heutigen freien und doch nicht immer freiwilligen Entschließung zu einem selbstgewählten Beruf, der freilich immer nur bedingungsweise und auf Zeit ergriffen wird, galt es damals die „ewige“ unwiderrufliche „Vergelübdung“ auf Lebenszeit; statt der „Emanzipation“, welche einer außer dem Familienleben stehenden Jungfrau heute mehr oder weniger wartet, harrte ihrer damals die „Klausur“, die Einschließung in die Klostermauern in einem streng geschlossenen Verband, dem „Orden“, unter dem straffen Bande der „Regel“, der Klostersatzungen.

Nach Begabung und Neigung zu diesem geistlichen Beruf wurde da wenig gefragt, und es konnte auch keine Rücksicht darauf genommen werden. Dazu war in diesen Zeiten die elterliche Autorität, namentlich über Töchter, viel zu groß, und der Familiensinn in solchen adeligen Häusern war ein zu stark ausgeprägter, als daß sich ein Glied in individueller Neigung gegen das Herkommen und die Familiensitte wie gegen die Forderungen der Existenzbedingungen seines Geschlechts aufgelehnt hätte. Nach den kirchlichen Bestimmungen galt der Grundsatz: „Einen Mönch macht entweder die elterliche Vergelübdung oder die eigene Einwilligung“, also in erster Linie die Bestimmung der Eltern! Diese hielten es eben für eine standesgemäße Versorgung und zugleich für einen „guten seligen Stand“, wie eine Nonne aus dieser Zeit erklärt.

Zudem wurden die Töchter in einem Alter in das Stift gethan, wo von einer Willensentscheidung gar keine Rede sein konnte. Die Mädchen waren noch Kinder. Der Eintritt konnte schon im sechsten Lebensjahr geschehen; viele kamen auch später hinein, wenn sich die Familienverhältnisse durch Wachstum der Kinderzahl, Tod der Mutter und dergleichen anders gestalteten. Aber auch in noch früherem Alter wurden „Kostkinder“ aufgenommen, welche dann auch oft Klosterjungfrauen wurden.

„Es ist eine hohe Not und Tyrannei, daß man leider die Kinder, sonderlich das schwache Weibervolk und junge Mädchen in die Klöster stößet, reizet und gehen läßt“ — so äußert sich Luther gerade über das Kloster, worin sich Katharina von Bora befand, und ruft entrüstet aus: „O die unbarmherzigen Eltern und Freunde (Verwandten), die mit den Ihren so schrecklich und greulich verfahren!“

Nicht anders erging es auch der Tochter aus dem verarmten Hause Bora. Katharina ward ins Kloster geschickt — gefragt wurde das Kind natürlich nicht; es geschah „ohne ihren Willen“, wie denn Luther im allgemeinen von ihr und ihren Mitschwestern von Verstoßung ins Kloster redet und von Zwang. Er fragt bei dieser Gelegenheit seine Zeitgenossen: „Wie viel meinst du, daß Nonnen in Klöstern sind, die fröhlich und mit Lust ungezwungen ihren Gottesdienst thun und Orden tragen? Unter tausend kaum eine. Was ist's, daß du solches Kind läßt also sein Leben und alle seine Werke verlieren?“

Katharina kam vielleicht schon mit dem 6. Lebensjahr ins Kloster; denn in ihrem sechsten Lebensjahr verschreibt Jan von Bora auf Lippendorf alle seine Güter allda seiner — vielleicht in diesem Jahr geheirateten zweiten — Ehefrau. Jedenfalls war Katharina im zehnten Lebensjahr (1509) schon Klosterjungfrau; und zwar nicht mehr die jüngste, sondern die zweitjüngste von den Aufgenommenen und blieb noch lange Jahre (bis 1516) die vorletzte in der Reihe der Schwestern.

Klöster gab es damals genug im Land: es wurden allein im Meißnischen gegen 30 Nonnenklöster gezählt. In welches Kloster Katharina eintreten sollte, das stand von vornherein fest: es mußte das adelige Cisterzienserinnen-Kloster „Marienthron“ oder „Gottesthron“ Nimbschen bei Borna im Kurfürstentum Sachsen sein. Denn hier war eine Muhme von Vaterseite, vielleicht Vatersschwester Magdalene von Bora schon lange Zeit Klosterjungfrau und bekleidete von 1502-8 das Amt einer Siechenmeisterin, d.h. Krankenwärterin der Nonnen. Außerdem waren, scheint es, noch zwei Verwandte aus der mütterlichen Familie der Haubitz da: eine ältere Margarete und eine jüngere Anna.

Das Kloster Nimbschen hat eine hübsche Lage. Eine Stunde unterhalb, nachdem die beiden Mulden, die Zwickauer von Süden und die Freiberger von Osten her zusammengeflossen sind zu der großen Mulde, erweitert sich das enge Flußthal zu einer viertelstundebreiten ebenen Aue, welche die Form eines länglichen Blattes hat und eine halbe Stunde lang ist. Am Ostufer zieht sich eine schroffe Felswand aus Porphyr hin, an welche das Muldebett sich anschmiegt; im Westen begrenzt eine niedrige, sanfter ansteigende, waldbewachsene Hügelkette den Werder. Ueber der nördlichen Blattspitze, die scharf durch die zusammenrückenden Felswände abschließt, erhob sich eine Burg und jenseits der Thalsperre, ungesehen von der Aue aus, liegt die Stadt Grimma; an dem obern Ende der Aue, unmittelbar am Fuße des westlichen Waldhügels, stand das Kloster. Es war also abgelegen von der Welt, abgeschlossen durch die beiden Hügelreihen, nur mit dem Blick auf die stille ruhige Aue. Drüben floß die Mulde ungesehen tief in ihren Ufern, überragt von der Felswand, hüben erhob sich der hügelige Klosterwald. Nordwärts davon schimmerte ein ziemlich großer Teich, welcher die leckere Fastenspeise barg.

Aus dem Hügel unmittelbar neben dem Kloster waren die schmutzig braunen Porphyrsteine gebrochen, mit welchen die Mauern und Klostergebäude aufgebaut waren; ein Graben an diesem Hügel hin verhinderte noch mehr den unbefugten Zutritt.

Das Klostergebäude war sehr umfangreich, denn so eine alte Cisterzienser-Abtei bildete eine Welt für sich: nach alter Regel mußte das Kloster alle seine Bedürfnisse selber durch eigene Wirtschaft befriedigen. Daher gab es neben dem eigentlichen „Gotteshaus“, wie ein geistliches Stift genannt wurde, noch allerlei Wirtschaftsgebäude: Ställe für Pferde, Rinder, Schweine, Geflügel mit den nötigen Knechten und Mägden, Hirten und Hirtinnen für Füllen, Kühe, Schafe (das Kloster hatte deren 1800!), Schweine und Gänse; ferner Mäher, Drescher, Holzhauer, eine „Käsemutter“. Das Kloster selbst zerfiel in zwei Gebäudekomplexe: „die Propstei“ und die „Klausur“. Die Propstei schloß sich um den äußeren Klosterhof und umfaßte die Wohnung des Vorstehers oder Propstes, eines „Halbgeistlichen“, welcher mit „Ehren“ („Ehr“) angeredet wurde, dann die Behausung des Verwalters oder Vogts (Voit) samt dem Schreiber; ferner das „Predigerhaus“, in welchem die zwei „Herren an der Pforte“, d.i. Mönche aus dem Kloster Pforta, als Beichtväter wohnten, denn Pforta hatte die Oberaufsicht über Nimbschen. Ein Brauhaus, Backhaus, Schlachthaus, Schmiede, Mühle, Küche und Keller waren noch da, worin die verschiedenen Klosterhandwerker hausten und hantierten; auf dem Thorhaus saß der Thorwärter Thalheym. Ein „Hellenheyszer“ hatte die Oefen zu besorgen.

Es war eine gar umfangreiche Wirtschaft und ein großes Personal: 40-50 Leute waren in der Klosterzeit Katharinas von Bora täglich „über den Hof“ zu speisen; und dazu mußten Löhne gezahlt werden, vom Oberknecht mit 4 Schock 16 Groschen und Vorsteher mit 4 Schock an bis zur Gänsehirtin, welche nur 40 Groschen bekam.

Um alle diese Personen zu besolden und neben den Klosterfrauen zu speisen, brauchte es natürlich großer Einkünfte an Geld, Getreide, Hühnern, Eiern u.s.w. von den Klosterdörfern und Höfen, außer den Klostergütern, die vom Klosterpersonal selbst bewirtschaftet wurden. Ferner hatten die Bauern noch gar manche Fronden mit Ackern, Düngen, Dreschen, Mähen und Heuen, Schneiden, Holzmachen, Hopfen pflücken, Flachs und Hanf raufen, riffeln und rösten, Schafscheren, Jagdfron (Treiben bei der Jagd) wofür teilweise Essen und Trinken, bei der Jagd auch Geld gereicht wurde.

Die Nonnen selbst wohnten in der „Klausur“, einem zweiten Gebäudekomplex, welcher im Viereck um einen kleinen Hof gebaut war und aus der Kirche, dem Refektorium (Speisehaus), dem Dormitorium (Schlafhaus mit den Zellen) und dem Konvent (Versammlungshaus) bestand. Die Abtei, die Wohnung der Aebtissin, welche nicht zur Klausur gehörte, war zwischen dieser und dem Propsthofe.

Hier im Kloster lebten nun einige vierzig Töchter adeliger Häuser aus verschiedenen Gegenden des kurfürstlichen und herzoglichen Sachsen. Dazu kamen noch ein halb Dutzend „Konversen“ oder Laienschwestern, die um Gottes willen, d.h. umsonst dienten. Ferner mehrere bezahlte „Kochmeide“, darunter eine Köchin, und die „Frauen-Meid“, d.h. die Dienerin der Aebtissin. Diese hatte außerdem noch zwei Knaben zu ihrer Verfügung, die natürlich im äußern Klosterhof wohnten und zu Kleidern und Schuhen zusammen 1 Schock jährlich erhielten.

Die adeligen Klosterfrauen bildeten die Sammlung, den Konvent und hießen daher auch Konventualinnen. Das war eine kleine weibliche Adelsrepublik, die sich in allen Dingen selbst regierte nach der „Regel“, den Gesetzen, auf die sie eingeschworen waren — bloß unter Oberaufsicht ihres Visitators, des Abtes von Pforta, der aber auch nur auf Grund der Regel anordnen und rügen konnte. Die Regel war die des hl. Bernhard, eine etwas strengere Abart derjenigen der gewöhnlichen alten Benediktinerinnen.

Die Nonnen waren außer der Aebtissin in die Klausur