Kaltes Land - D. J. Franzen - ebook

Kaltes Land ebook

d.j. franzen

0,0

Opis

Das zerstörte Bonn liegt hinter den Pilgern, deren Gruppe erneut angewachsen ist. Familien und vereinzelte Flüchtlinge haben sich den Pilgern bei ihrer Flucht angeschlossen, und Jörg übernimmt die Führung der Schar. Er will sie zu einem geheimen NATO-Kommandobunker bringen, den er 'Suite 12/26' nennt. Doch Armageddon hat nicht nur Leid und Tod gebracht, die Katastrophe hat auch die überlebenden Menschen verändert. Und so führt Jörg die Pilger durch ein … … Kaltes Land

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Armageddon, die Suche nach Eden

Band 6

Kaltes Land

© 2012 Begedia Verlag

© 2012 D.J. Franzen

ISBN: 978-3-95777-018-9 (epub)

Idee und Exposé: D. J. Franzen

Umschlagbild: Lothar Bauer

Layout und Satz: Begedia Verlag

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Das zerstörte Bonn liegt hinter den Pilgern, deren Gruppe erneut angewachsen ist. Familien und vereinzelte Flüchtlinge haben sich den Pilgern bei ihrer Flucht angeschlossen, und Jörg übernimmt die Führung der Schar. Er will sie zu einem geheimen NATO-Kommandobunker bringen, den er »Suite 12/26« nennt.

Doch Armageddon hat nicht nur Leid und Tod gebracht, die Katastrophe hat auch die überlebenden Menschen verändert. Und so führt Jörg die Pilger durch ein …

… kaltes Land

Prolog

»Brennen sollen sie!«

»Ja, genau! Sie haben uns das Virus gebracht!«

Eine Frau kreischte. Ihre Stimme war dabei so hoch, dass die Worte aus ihrem Mund zu einem unartikulierten Schrei verschmolzen, aus dem man keine menschliche Sprache mehr heraushören konnte. Die Stimmen der aufgebrachten Dorfbewohner sammelten sich zu einem Chor.

Brennen … brennen … brennen …

Levi Kleinmann drehte sich langsam um die eigene Achse, sah sich auf dem Marktplatz um, spürte die Blicke der Menschen auf sich ruhen. Ihre Angst, die in Hass umschlug, legte sich wie eine schwere Decke um ihn. Ja, er wollte die Kontrolle behalten, wollte seine kleine Gemeinschaft vor den Gefahren der neuen Welt da draußen beschützen. Aber um diesen Preis?

… brennen … brennen … brennen …

Langsam hob er die Hände. Die Menge wurde leiser, aber von Ruhe oder gar klarem Denken war weiterhin nichts zu spüren.

»Meine Freunde«, begann er seine Rede. »Lasst uns bitte nichts überstürzen!«

»Wenn du nicht vorneweg gehst, dann bist du keinen Deut besser als die!«, brüllte ein rotgesichtiger Mann.

»Aber Leute …«

»Nein!«, brüllte der Rotgesichtige dazwischen. »Mir ist es egal, ob es Zigeuner sind, die über den bösen Blick verfügen, oder eine Gruppe Pfadfinder, die sich rein zufällig das Virus eingefangen hat. Sie sind eine Gefahr, und es gibt nur eine Möglichkeit, wie man dieser Gefahr begegnen kann! Du bist Arzt, du weißt es!«

Der Mann riss eine Fackel hoch. Die Menge murmelte und nahm leise wieder ihren Chor auf.

… brennen … brennen … brennen …

Doktor Levi Kleinmann schluckte. Das hier konnte alles nicht wahr sein. Es durfte nicht wahr sein! Wie konnte aus diesen Menschen, vernünftigen, zivilisierten Männern und Frauen, in so kurzer Zeit ein Mob werden, wie er im Mittelalter durch die Straßen und Gassen gezogen sein mochte, um vermeintliche Hexen zu verbrennen?

Levis Blicke streiften die Eingartners. Anna Eingartner war es, die so hysterisch kreischte, während ihr Mann Peter seine Motorsäge schwang, als sei er König Artus, der seine Ritter mit Excalibur auf den Kampf gegen Mordred einschwor. »Eingewanderte«, wie man sie hier im Dorf bezeichnete, »Aussteiger« würde man sie in der Stadt nennen. Ausgebrannte Stadtmenschen, die hier vor dem Ausbruch der Seuche die Ruhe und den Frieden des Landlebens gesucht hatten und ökologischen Ackerbau betrieben. Jetzt waren sie nur noch ein Teil des blutrünstigen Mobs.

… brennen … brennen … brennen …

So wie Harald »Harry« Westmann. Er schritt die erste Reihe des Mobs entlang, wie ein General seine Truppen inspizieren mochte. Sein ohnehin schon rotes Gesicht bekam im Licht der Fackeln und Campingleuchten etwas Dämonisches, während er den Mob mit rudernden Armen und brennendem Blick anfeuerte.

… brennen … brennen … brennen …

Harry drehte sich langsam zu Levi um, musterte ihn mit seinem hasserfüllten Blick. Für einen verrückten Moment musste Levi sich ein hysterisches Kichern verbeißen. Harry sah mit seinen derben Cordhosen, den dicken Gummistiefeln und dem karierten Hemd nicht unbedingt wie ein Napoleon aus. Dann trat Harry ganz nah an ihn heran, und der Moment verflog.

»Also, mein Freund«, sagte der Rotgesichtige ganz leise, ja nahezu zärtlich, wobei in seiner Stimme Drohung und Misstrauen mitschwangen. »Bist du für uns, oder bist du gegen uns?«

Levi schluckte trocken. Harrys Atem war geschwängert vom scharfen Aroma des Selbstgebrannten, den der Bauer in seiner Scheune zubereitete. Man konnte das Zeug auch zum Desinfizieren von Wunden sowie dem Reinigen von Kacheln in Schweineställen nutzen, und nur die todesmutigsten unter den Dorfbewohnern tranken den Rachenputzer auch.

»Harry, du weißt …«

»Für uns, oder gegen uns?«, fuhr Harry dem anderen ins Wort.

Die Menge schwieg.

Levi sah noch einmal in ihre Gesichter. Es hatte keinen Zweck. Wollte er überleben, gab es nur eine Antwort: »Für euch.«

***

Aus den unruhigen Schatten zwischen den Häusern beobachteten Annika und Thilo das Geschehen. Thilo wischte sich verstohlen eine Träne aus den Augenwinkeln. Annika nahm ihn vorsichtig in die Arme.

»Thilo, es …« Annika stockte. Würde es helfen, wenn sie ihm sagte, dass es ihr leidtat? Kaum, aber es war besser, ein paar Worte des Trosts auszusprechen, als schweigend hier zu hocken. »Es tut mir leid. Thilo.«

Der Junge nickte stumm. Annika sah, wie sein Adamsapfel auf und ab hüpfte, während er um seine Fassung rang. Zitternd holte der Junge tief Luft.

»Meine Eltern … ein tobender Mob …«

Annika strich ihm eine Haarsträhne aus dem Gesicht.

»Geht es?«, fragte sie.

»Ja.«

»Dann komm! Wir sollten sie warnen.«

Thilo sah Annika tief in die Augen, und das Mädchen zuckte zurück. In Thilos Augen war etwas erloschen, was sie vorher dort immer gefunden hatte, egal was auch passierte war – Hoffnung. Sie war erloschen wie eine Kerzenflamme bei einem Windstoß.

»Wir werden weggehen, oder?«

Annika nickte.

»Ohne unsere Eltern, richtig?«

Erneutes Nicken. Annika spürte, wie auch ihr die Tränen in die Augen stiegen. Auf dem Marktplatz wurde es ruhiger. Es gab einen leisen Wortwechsel, den sie hier nicht verstehen konnten, ohne ihre Fähigkeiten zu nutzen.

Thilo straffte sich und stand langsam auf. »Dann lass uns gehen.« Seine Stimme klang zittrig, verriet das Kind, dass er trotz seines ernsten Aussehens noch war. »Es wird eine Flucht ohne Abschied werden.«

Annika erhob sich ebenfalls, und wie zwei Schatten verschwanden sie in der Dunkelheit.

Hinter ihnen zog auch der Mob los. Er wollte die Fremden brennen sehen …

Kapitel I

Gastfreundschaft

10 Stunden zuvor

Sandra saß neben Jörg auf dem Notsitz des Beifahrers und sah nachdenklich aus dem Fenster. Die herbstliche Landschaft zog an ihnen vorbei, als sei sie eine Leinwand, auf der ein göttlicher Künstler seine gesamte Farbpalette ausprobiert hatte. Satte Rot- und Goldtöne zwischen dem dichten Grün von Nadelbäumen und regennassen Wiesen, ein strahlend blauer Himmel ohne eine einzige Wolke … es war, als hätte es den regnerischen Sturm der vergangenen drei Tage nie gegeben.

Sandras Finger trommelten unbewusst einen hektischen Rhythmus auf ihren Knien. Jörg schielte aus den Augenwinkeln zu ihr herüber. Sanft legte er ihr eine Hand auf den Arm. »He, alles in Ordnung?«

»Ja. Warum?«

»Du wirkst nervös.«

Sandra grinste schief. »Das ist nur der Trieb der Zugvögel«, versuchte sie, witzig zu sein.

Jörg spürte, dass Sandra sich nur mit Mühe beherrschen konnte, und wie ihr aufbrausendes Temperament hinter ihrer vorgeblichen Ruhe brodelte. »Bist du sicher?«

»Ja, verdammt!«, fand Sandra beinahe wieder zu ihrer alten Form zurück. »Ich will einfach nur weg hier, verstehst du das?«

Jörg zog seine Hand zurück und konzentrierte sich auf die Straße.

»Ich bin auch froh, dass wir wieder unterwegs sind«, murmelte er. »Der Hof war zwar als Rastplatz okay, aber dort haben wir irgendwie auch wie auf dem Präsentierteller gesessen. Wäre im schlimmsten Fall nicht zu verteidigen gewesen. Ich mache mir nur Sorgen wegen Martin und Stephan.«

»Stephan kann von mir aus abkratzen.«

Jörg seufzte herzhaft. »Was läuft da zwischen euch beiden? Muss ich mir Sorgen machen?«

»Was laufen? Mit dem? Vergissses!«

»Was ist es dann?«

»Der hat sowas Schmieriges an sich, wenn die Kinder in seiner Nähe sind, vor allem bei den Mädchen.«

»Vielleicht will er einfach nur nett sein?« Jörg zuckte mit den Schultern. »Aber wir können ihn ja auch aus dem Bett in Lemmys Bus hierher verfrachten. Dann steckt er zwar mit großer Wahrscheinlichkeit die anderen mit seiner Erkältung an, aber du hättest ihn im Auge, und Lemmys Laune würde sich auch bessern …«

Sandra brummte etwas Unverständliches. Jörg sah vorsichtig noch einmal genauer hin. Ihr Blick hatte etwas von einem Kriegsveteranen. Dieses legendäre Tausend-Yard-Starren, das oftmals auch Flüchtlinge aus Kriegsgebieten in den Augen hatten.

Plötzlich versteifte er sich, bremste den Bus ab. Auch Sandra sah sich aufmerksam um. Lemmys Tourbus kam leicht versetzt hinter ihnen zum Stehen.

»Hörst du das?«, fragte Jörg.

Sandra schwieg und legte den Zeigefinger vor die Lippen.

Schwere Schritte erklangen, als Roland nach vorne stapfte. »Alles okay?«

»Klappe!«, fuhr Sandra auf, und legte lauschend den Kopf schief.

Da war ein leises Geräusch, über dem Nageln der Dieselmotoren kaum zu vernehmen. Aber es wurde allmählich lauter. Ein zischendes Dröhnen das …

Jörg beugte sich vor und spähte durch die Windschutzscheibe in den Himmel. Dann sah er es! Ein kleines, silbrig glänzendes Etwas, das mit hoher Geschwindigkeit über sie hinwegzog und einen weißen Kondensstreifen in das helle Blau des Himmels ätzte. Es flog entgegen der Richtung, in der die Pilger unterwegs waren.

Jörgs Augen brannten.

»Ein Jet«, sagte er leise. Seine Stimme klang belegt.

»Ja«, flüsterte Sandra. Auch in ihrer Stimme schwang so etwas wie Sehnsucht mit. »Das letzte Mal, als ich so …«

Ein Schrei unterbrach sie unsanft. Gleichzeitig knallte ein blutiges, halbverwestes Ding, das einmal ein Mensch gewesen sein mochte, mit Wucht gegen die Seitentür des Busses. Jörg schreckte hoch und Sandra hatte ihre Pistole bereits im Anschlag, als ihr bewusst wurde, dass da Glas zwischen ihr und dem Ding da draußen war.

»Heilige Scheiße!«, entfuhr es Roland. »Jetzt hat meine Unterhose doch tatsächlich ein paar Rostflecken abbekommen.«

Jörg grinste über die schräge Metapher, Sandra verzog das Gesicht.

»Weichei.«

Jörg fuhr langsam wieder an und behielt dabei die Umgebung im Auge. Die Straße bog sich in eine langgezogene Rechtskurve. Ein bewaldeter Hügel versperrte den Blick auf das, was hinter der Kurve lag, weshalb Jörg die niedrige Geschwindigkeit von knapp 30 Stundenkilometern beibehielt. Sicher war sicher. Sie konnten es sich nicht leisten, bei voller Fahrt gegen einen umgestürzten Baum zu rauschen.

»Ob das ein Einzelgänger war?«, überlegte Roland laut.

»Steig aus und frag ihn«, brummte Sandra.

Roland ging auf ihre launige Bemerkung nicht ein, stattdessen murmelte er: »Ich wünschte, wir wären in Texas.«

»Warum?« Jörg runzelte die Stirn.

»Weil dort rein statistisch sogar jeder zweite Säugling mindestens eine Schusswaffe hat.«

Plötzlich stieg Jörg in die Eisen. Roland sah überrascht auf, und seine Kinnlade fiel herab.

Vor ihnen führte die Straße in ein dichtes Waldgebiet. Drei Traktoren waren als Sperre quer über die Straße verteilt. Vor der improvisierten Barrikade standen etwa zehn Männer in der derben Kleidung von Bauern, alle hielten Flinten und Jagdgewehre schussbereit in Händen. Roland sah sogar einen Mann, der sich breitbeinig wie Django aufgebaut hatte. An seinen Hüften hingen zwei schwere Revolver in einem klischeehaft wirkendem Pistolengürtel. Roland schluckte trocken.

»Willkommen in Texas, mein Freund«, murmelte Jörg.

***

Die getragenen Klänge der »Suite Nr.1 in G-Dur für Cello«, von Johann Sebastian Bach wehten durch das Haus. Harry blieb in der offenen Haustür stehen und verzog das Gesicht. Missmutig starrte er den Flur entlang, der direkt in den Warteraum der kleinen Arztpraxis führte. Schubert und der Doc waren wieder einmal mit ihrem Katzengejammer beschäftigt.

»Kein Wunder, dass sich keine Stinker hierher verirren«, murmelte er leise vor sich hin. Er zögerte noch, das Haus zu betreten. Der Bürgermeister, Anton Schubert, konnte ziemlich harsch reagieren, wenn er in seiner Musizierstunde mit dem Doc unterbrochen wurde. Aber andererseits war dies ja auch ein besonderer Anlass, eine Notsituation sozusagen.

Harry griff in seine grobe Fellweste und holte einen Flachmann hervor. Ansetzen, den Kopf für einen kräftigen Schluck nach hinten kippen, und die Welt sah schon viel besser aus, als der Selbstgebrannte seine Kehle wie flüssiges Feuer hinabrauschte. Selbst das Gekratze und Gejaule der beiden Celli wurde erträglicher.

Mit festem Schritt betrat Harry das Wartezimmer von Doktor Levi Kleinmann, dem stellvertretenden Bürgermeister, und räusperte sich. Die beiden Männer unterbrachen ihr Spiel und sahen auf. Eilig nahm Harry den formlosen Lappen vom Kopf, der einmal ein Hut gewesen war. Mit nervösen Fingern drehte und knetete er das Teil, während Anton Schubert ihn mit seinen kalten blauen Augen musterte.

»Ich hoffe, es ist wichtig«, schnarrte Schubert.

»Ja, Herr Bürgermeister.« Harry nickte eifrig. »Wir haben Besuch von Fremden.«

»Migranten?«

»Nein, Herr Bürgermeister, Flüchtlinge. Sie kommen aus Bonn, sagen sie.«

»Also doch Migranten.« Schubert legte den Bogen seines Cellos auf die Seite. »Wo?«

»An unserer nördlichen Sperre auf der Landwehrstraße, Herr Bürgermeister. Sie sind in zwei Bussen unterwegs.«

»In zwei Bussen?«, echote Schubert mit hochgezogenen Augenbrauen.

Harry konnte nur nicken. In Momenten wie diesen, wo er mit höhergestellten Persönlichkeiten reden musste, wünschte er sich ganz weit weg. Die Venus wäre vielleicht in angemessener Entfernung. Aber seine Scheune, in der es immer stickig und faulig roch und in der er seine Schnapsbrennerei betrieb, würde es auch schon tun. Doch alles Wünschen half nicht. Schubert musterte ihn mit seinem kalten Blick, der Doktor sah interessiert aus … und Harry fühlte sich in seinen groben Sachen und den klobigen Stiefeln vollkommen fehl am Platz.

»Wie habt ihr sie entdeckt?«

»Bei unserer täglichen Patrouille, Herr Bürgermeister. Wir wollten die Nordfelder kontrollieren und alles für die Ernte vorbereiten, al…«

»Wie viele?«, fuhr Schubert dazwischen.

»Ich weiß nicht. Vielleicht fünfzig?«

»Und warum habt ihr sie nicht weggejagt?«

Harry schluckte. Jetzt kam der Moment der Wahrheit. Seine Scheune, das schäbige alte Ding, welches nach verfaultem Obst und scharfem Alkohol roch, wurde in seinem Denken plötzlich zum Garten Eden.

»Herr Bürgermeister … da war, äh, da kam hinter den Bussen ein Stinker hervor. Wir wissen nicht woher der kam, ob ihn die Fremden mitgebracht haben, oder ob er sich verirrt hat. Aber er war auf alle Fälle da und …«

»Ein Stinker?«, rief Kleinmann, der bisher geschwiegen hatte.

»Ja, Herr Doktor.«

»Hat er einen von uns angefallen?«

»Nein«, antwortete Harry mit aufkeimendem Stolz in der Stimme. »Hab ihn mit meiner ollen Berta voll eins in die Murmel verpasst. Ist zerplatzt wie ’ne überreife Melone.«

Harry zupfte kurz am Gurt seiner Jagdflinte und erlaubte sich ein kleines Lächeln. Knurrend stand Schubert auf und lehnte das Cello vorsichtig an seinen Stuhl.

»Dann werde ich mir das wohl doch ansehen müssen. Sie verzeihen, Herr Doktor?«

Nicht zum ersten Mal wunderte sich Harry, wie ein derart großer, schwerer Mann mit solch dicken und behaarten Fingern ein so kleines Instrument spielen konnte, ohne es zu zerbrechen.

Doktor Kleinmann erhob sich ebenfalls. »Ich werde mitkommen. Vielleicht ist Gefahr im Verzug.«

Schubert nickte und winkte Harry, er solle vorausgehen.

***

An der Straßensperre war die Atmosphäre frostig bis eisig. Auf der einen Seite standen die beiden Busse mit den Pilgern, auf der anderen die Bauern. Schweigend starrten sich die Gruppen an, während alle darauf warteten, dass ein Entscheidungsträger kommen und die Sache bereinigen würde. Für ein Wendemanöver war die Straße zu eng, ihre Ränder durch den Starkregen der letzten Tage soweit aufgeweicht, dass Jörg es nicht riskieren wollte, mit einem der Fahrzeuge im Matsch steckenzubleiben.

Die Situation war ein Patt. Dass der Knirscher, der sie einige hundert Meter vor der Kurve so erschreckt hatte, mit ihnen zusammen hier aufgetaucht war, machte die ganze Sache nicht gerade leichter.

Der dicke Mann mit dem roten Gesicht, der wohl der Anführer der Bauern war, hatte das Ding ohne Vorwarnung knapp an Jörgs Kopf vorbei mit einem Schuss in die Stirn erledigt. Hätte Jörg nicht noch zur Hälfte im Bus gestanden, wäre Sandra mit gezogener Waffe an ihm vorbeigestürmt und hätte alles noch viel schlimmer gemacht. So hatte er sie zurückhalten können, und es war bei einem kurzen Wortwechsel zwischen ihm und den Bauern geblieben. Die Bauern wollten die Pilger nicht durchlassen, und Jörg weigerte sich, die Fahrzeuge durch den Schlamm hindurch zu wenden.

Der kleine Dicke mit dem roten Gesicht und dem O-beinigen Gang war daraufhin losgezogen, um »den Bürgermeister zu holen, der hier wohl eine Entscheidung treffen muss«. Vorher hatte er noch seine Kollegen angewiesen, keinen von den »Migranten« durchzulassen.

Das war jetzt etwa eine Stunde her. Sandra ging unruhig auf und ab. »Wir sollten uns den Weg freiballern«, brummte sie missmutig.

Jörg atmete tief durch und schwieg. Er war froh, dass sie heute ihr Temperament etwas besser unter Kontrolle hatte als gewöhnlich. Und vor allem war er froh, dass Stephan sich eine Erkältung eingefangen hatte und verschnupft ganz hinten in Lemmys Tourbus lag. Wenn der jetzt auch noch hier draußen wäre … Jörg seufzte herzhaft.

»Hat kein’ Zweck«, meinte Lemmy, der sich zu den anderen gesellt hatte. Sein Präzisionsgewehr mit dem langen Zielfernrohr hatte er sich lässig über die Schulter gelegt. »Die hamm mehr Feuerkraft inne Fingers als wie wir.«

Sandra fuhr herum. Ihr Blick verschoss Blitze, doch Lemmy blieb gelassen, als sie mit dem Finger auf ihn zeigte. »Halt die Klappe, du Witzbold!«

»Bleib ma’ geschmeidig, Kleine. Das wird sich schon alles regeln – irgendwie.«

Sandra setzte zu einer geharnischten Antwort an, als ihr Blick auf Lemmys T-Shirt fiel. Sie blies die Luft aus den aufgeblähten Wangen. Das Shirt war schwarz, und auf der Vorderseite prangte die Büste von Beethoven. Um das Antlitz des Komponisten stand in schwungvollen knallroten Buchstaben »The Master rocks« geschrieben.

»Hast du auch noch andere Klamotten im Gepäck?«, fauchte Sandra, nachdem sie sich wieder gefangen hatte. »Mit sowas kommst du nämlich nicht überall gut an, weißt du?«

In Lemmys Gesicht erschien das Grinsen eines kleinen Jungen, dem ein besonders guter Streich gelungen war. Langsam drehte er sich um und präsentierte der jungen Frau den Aufdruck auf der Rückseite seines Shirts: »Mozart rulez«

Roland sah es und verbarg nur mit Mühe ein lautes Lachen hinter einem Husten und einer vor den Mund schnellenden Hand. Bevor Sandra endgültig aus der Haut fahren konnte, legte Jörg ihr eine Hand auf die Schulter.

»Schluss jetzt!«, flüsterte er eindringlich.

Sandra holte Luft zu einer Erwiderung, und Jörg griff ein wenig fester zu. Sein Blick bohrte sich in den ihren. Für einen Moment sah es so aus, als wolle sie ihm an die Kehle gehen, doch dann entspannte sie sich wieder.

»Lemmy«, sagte Jörg, ohne Sandra aus den Augen zu lassen. »Schau mal nach, ob mit Stephan und Martin alles in Ordnung ist, ja?«

»Si, Cheffe«, erwiderte der schlaksige Mann und stieg in seinen Tourbus.