Kalte Zukunft - Benjamin Blizz - ebook

Kalte Zukunft ebook

Benjamin Blizz

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Opis

2023: Noch immer verschließt die Welt ihre Augen vor den schwindenden Energieressourcen und dem drohenden ökologischen Kollaps. Hawkes Enterprises ist ein internationales, auf alternative Energien ausgerichtetes Forschungsunternehmen. Weltweit führt der Konzern den Bau- und Ausbau regenerativer Energiegewinnungssysteme durch. Doch woran arbeitet eine Gruppe von Wissenschaftlern in einem geheimen Forschungszentrum in Deutschland und was versucht die Forschungsleiterin Estella Meinhard zu verbergen? Während einer Investorenpräsentation in der Sahara kommt es zu einem unerklärlichen, verheerenden Brand. Shane O’Brien, Chefredakteur eines renommierten Wirtschaftsmagazins, beginnt Nachforschungen anzustellen. Wurde die Anlage sabotiert? Und in welchem Zusammenhang steht der Zwischenfall mit dem entscheidenden Durchbruch, den Hawkes Enterprises um jeden Preis geheim halten will? Seine Recherchen führen den Journalisten immer tiefer in ein Netz aus Korruption, eiskalten Machenschaften und politischen Verwicklungen. Er wird Zeuge einer Verschwörung globalen Ausmaßes und gerät schließlich selbst ins Fadenkreuz der ominösen Drahtzieher.

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Table of Contents

Teil 1: Alternativen

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Teil 2: Vorbereitungen

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Teil 3: Fusionen

Kapitel 36

Kapitel 37

Kapitel 38

Kapitel 39

Kapitel 40

Kapitel 41

Kapitel 42

Kapitel 43

Kapitel 44

Kapitel 45

Kapitel 46

Kapitel 47

Kapitel 48

Kapitel 49

Kapitel 50

Kapitel 51

Kapitel 52

Kapitel 53

Kapitel 54

Kapitel 55

Kapitel 56

Kapitel 57

Kapitel 58

Kapitel 59

Kapitel 60

Kapitel 61

Kapitel 62

Teil 4: Erare humanum est

Kapitel 63

Kapitel 64

Kapitel 65

Kapitel 66

Kapitel 67

Kapitel 68

Kapitel 69

Kapitel 70

Kapitel 71

Kapitel 72

Kapitel 73

Kapitel 74

Teil 5:  Judaskuss [Epilog]

Kapitel 75

Kalte Zukunft

Benjamin Blizz

© 2015 Benjamin Blizz

© 2015 Begedia Verlag

Lektorat - Uwe Helmut Grave, Harald Giersche

Umschlagbild und Illustration - Jan Robbe

Covergestaltung und Satz - Begedia Verlag

ISBN 978-3-95777-036-3

Besuchen Sie unsere Webseite:

http://verlag.begedia.de

Teil 1: Alternativen

Kapitel 1

27. Februar 2023

American Airlines Sonderflug

Luftraum über der Westsahara

»Darf ich Ihnen noch ein Getränk servieren, Sir?«, riss ihn die nervtötend piepsige Stimme der beflissenen Stewardess aus dem Halbschlaf.

Gottverdammt, das Einzige, was ich wirklich möchte, ist meine Ruhe! Was werde ich wohl wollen, wenn ich meine Augen geschlossen habe?, faltete er sie in Gedanken zusammen und stellte sich ihren schockierten Gesichtsausdruck vor. Stattdessen streckte er sich jedoch und lächelte ihr freundlich zu. »Noch einen Kaffee, bitte!«

Das dumme Ding hatte vermutlich seinen ersten Tag und bemühte sich, perfekt zu erscheinen, um den Chief Purser, den ranghöchsten Steward der Kabinenbesatzung, der seit dem Start mit Argusaugen über all ihre Schritte wachte, zu beeindrucken.

Er konnte es der jungen Frau nicht einmal verdenken. In diesem Alter hatte er sich selbst noch der Illusion hingegeben, die Welt sei gemeinhin ein perfekter Ort, wenn man sich nur genügend anstrengte. Wie er diesen uneingeschränkten Optimismus doch vermisste. Jung sein bedeutete, dass einem alle Wege offenstanden, und selbst wenn nicht, erfreute man sich der vermeintlichen Tatsache, dass es schon irgendwie laufen würde.

Pustekuchen!

Zu dieser simplen Erkenntnis gelangte wohl früher oder später jedes denkende Mitglied der verkorksten Gesellschaft mit ihrem monotonen Alltag von Arbeit, Bier und Sportschau.

Die andere Variante war jedoch noch viel schlimmer: Man versuchte, diese Erkenntnis auszublenden, sie zu verdrängen, glaubte fest daran, eines fernen Tages etwas an der ›o heiligen Zukunft‹ ändern zu können. Diesen Weg hatte Shane O’Brien, gebürtiger Brite mit mütterlicherseits deutschen Vorfahren, gewählt – und büßte nun jeden Tag dafür.

Als ihm zum ersten Mal bewusst geworden war, wie schlecht es wirklich um die Welt stand, war es bereits zu spät gewesen. Auf der Autobahn des Lebens hatte er die richtige Ausfahrt verpasst; und Wenden war keine Option, es sei denn, man wollte fortan als gemeingefährlicher Geisterfahrer umherirren, bis einen irgendwann irgendjemand aus dem Verkehr zog. Nein, er war gezwungen, dem ihm vorbestimmten Weg ins Ungewisse weiter zu folgen. Klar, er hätte sich treiben, die Welt an sich vorbeiziehen lassen können, doch dann würde er noch fahren, wenn die Straße längst zu Ende war. Bevor die letzte Ausfahrt auftauchte, musste er sein Ziel erreicht haben. Bis dahin gab es noch so viele Dinge zu erledigen, so viele Artikel zu schreiben …

Würden seine Bemühungen überhaupt eines Tages Früchte tragen? Er wusste es nicht, und das machte es ihm außerordentlich schwer, weiter an seinen Idealen einer heilen Zukunft festzuhalten.

Was war er überhaupt für ein Mensch, den Wink des Teufels nicht verstehen zu wollen, dass die Erde nicht mehr nur auf den Abgrund zusteuerte, sondern den kritischen Punkt längst überschritten hatte? Nach Auffassung derjenigen, die ihn für seine innovativen Ideen lobten, war er ein unverbesserlicher Altruist, nach Auffassung seiner Ex-Verlobten ein unverbesserliches versoffenes Arschloch. Er wollte nicht wählen, also akzeptierte er beides.

Der einzige Grund, der ihn eben daran gehindert hatte, statt des Kaffees einen gedankenvernichtenden Bushmills Single Malt Whisky zu bestellen, war die bevorstehende Ankunft in Sun City, wie sie in eingeweihten Kreisen genannt wurde.

Natürlich hatte man ihn eingeladen. Wer lud ihn denn nicht ein, wenn es um die Zukunft der ganz großen Wirtschaft innerhalb der immer kontroverser diskutierten Energiepolitik ging? Jeder erhoffte sich einen guten Artikel von ihm. Das war es, was die Big-Bosse von ihm wollten, was sie dazu brachte, ihm förmlich sonst wo rein zu kriechen und ihn mit Präsenten und Angeboten aller Art zu überschütten.

Vor seinem inneren Auge sah er eine abstruse Schlagzeile aufblitzen: Shane O’Brien, Chefredakteur der Future Economy und Top-Berater aller Energieunternehmen, erschlagen von gewaltigem Werbepräsent! Das amüsierte ihn ungemein – und dabei hatte er doch kaum etwas getrunken.

Genauso schnell wie der verrückte Gedanke gekommen war, verschwand er auch wieder.

Shane atmete tief durch, versuchte, wieder einen klaren Kopf zu bekommen. Im Grunde genommen freute er sich sogar auf das bevorstehende Zusammentreffen. Im Vergleich zu anderen aussichtlosen Projekten entsprach dieses nämlich ganz seinen Vorstellungen.

Als er vor einigen Jahren von dem kühnen Vorhaben, eine flächendeckende modifizierte Fotovoltaik-Anlage in der Wüste Nordafrikas zu erbauen, gehört hatte, war er sofort hellauf begeistert gewesen. Natürlich gab es bereits Solarstrom-Anlagen in Afrika, Kalifornien und anderen sonnenreichen Ländern, doch diese übertraf in Größe und Effizienz ihre Konkurrenten bei Weitem. Das System, das die Effizienz der Anlage auf so einmalige Weise steigerte, nannte sich PECS – Photon Element Coil System –, ein neuartiges Verfahren, bei dem die Technik der Photonenspule nochmals verbessert worden war. Endlich ging mal jemand einen Schritt in die richtige Richtung; umso mehr hatte sich Shane darüber gefreut, eine Einladung zur Eröffnung der Anlage und des angrenzenden Unternehmenskomplexes erhalten zu haben.

Neben ihm waren noch zahlreiche Vertreter verschiedener Energieunternehmen, Umweltschützer und Investoren geladen. Es versprach eine interessante Runde zu werden.

Die Stewardess kam mit dem Kaffee. Er lächelte ihr aufmunternd zu, während sie ihm einschenkte und sah ihr hinterher, als sie eine graziöse Wende machte und in der Kabinenküche verschwand. Talent hatte sie, angesichts eines so ausladenden Hüftschwungs in elf Kilometern Höhe.

Shane lehnte den Kopf zurück. Der Sessel war bequem und lud zum Versinken ein. Wenn die Lichter in der Kabine gedimmt wurden, konnte man ihn zu einem Bett umfunktionieren – kein Vergleich zu den engen Sitzen in der Economy-Klasse. Schon seit einigen Jahren reiste er nur noch First-Class – ausgenommen Privatjets – und hatte die damit verbundenen Annehmlichkeiten zu schätzen gelernt.

Noch lag die Boeing 747-800 der American Airlines ruhig in der Luft, doch schon bald würde sie von Turbulenzen, die berüchtigt für diese Gegend waren, unangenehm durchgeschüttelt werden. Der strahlendblaue wolkenlose Himmel versprach zwar einen ruhigen Sinkflug, aber dieser Anblick war trügerisch. Clear-Air Turbulenzen traten vor allem dort auf, wo man sie am wenigsten erwartete.  

Es hatte Shane zunächst verwundert, als man ihm angeboten hatte, an einem Testflug teilzunehmen, der von einer renommierten Airline durchgeführt werden und bei dem auch gleich das Personal, das für die Eröffnungsfeier benötigt wurde, eingeflogen werden sollte. Warum sollte AA sein Streckennetz um eine Fotovoltaik-Anlage in Nordafrika erweitern wollen?

Doch dann war durchgesickert, dass der Betreiber der Anlage plante, in die Tourismusbranche einzusteigen – auch wenn Shane sich bisher noch nicht so recht vorstellen konnte, was man darunter zu verstehen hatte.

Jedenfalls verfügte der in der Demokratisch Arabischen Republik Sahara erbaute Unternehmenskomplex über eine eigene Start- und Landebahn, die sogar für größere Maschinen ausgelegt war und auf die das Flugzeug jetzt Kurs nahm. SunCity war nur ein Zwischenstopp. Die meisten Passagiere steuerten Johannesburg International an.

Shane nahm sein Netbook aus der Tasche und stellte es vor sich auf das kleine Edelholztischchen, um vor der Landung noch rasch seine E-Mails durchzusehen – eine Routinearbeit, die er mehrmals täglich hinter sich brachte. Heute war jedoch etwas anders: Sein Ordner für Familie und Freunde, in dem sich normalerweise nur vergessene Geburtstagsglückwünsche befanden, enthielt ausnahmsweise eine Nachricht, die sein Interesse weckte. Wenn er es sich recht überlegte, war dies die erste E-Mail aus diesem Ordner, die er überhaupt las. Sie stammte von Chantal, seiner Ex-Verlobten.

Chantal. Der Name war ihm von Anfang an zuwider gewesen und hatte augenscheinlich wie ein schlechtes Omen auf ihrer Beziehung gelegen. Zum Glück war ihre Person nicht mit der heruntergekommenen Nachbarschaftsprostituierten vergleichbar, an die er bei diesem Namen immer denken musste. Im Gegenteil, ›seine‹ Chantal war das pure Leben: spontan, witzig, einige Jahre jünger als er und mit der göttlichen Gabe gesegnet, nicht alles unnötig und breit ausdiskutieren zu müssen. Außerdem teilte sie seine Passion für edle Whiskys und nahm nie Wasser zum Verdünnen, wie es die meisten Frauen taten.

Warum, zum Teufel, hatte es mit ihnen nicht funktioniert? Ja, er kannte die Antwort auf diese Frage, doch verspürte er nicht die geringste Lust, sich jetzt damit auseinanderzusetzen.

Shane öffnete die im Imperfekt verfasste und mit wasserperlendem Hintergrund unterlegte Nachricht und suchte zwischen Passagen wie ›deswegen konnte ich dich einfach nicht mehr ertragen‹ und ›weil du einfach nur eine stinkende Schnapsleiche bist‹ nach dem Satz, der konkret aussagte, warum sie ihn wirklich verlassen hatte. Endlich hatte er die betreffende Stelle gefunden und betätigte innerlich sofort die Entfernen-Taste, um sich vorzustellen, wie die Buchstaben einer nach dem anderen verschwanden.

Wie hatte sie ihn bloß wegen James Paterson in den Wind schlagen können? James, der nicht einmal seine eigene Krawatte binden konnte, ohne dabei wie ein erdrosselter Pinguin auszusehen. Und dann war der Funke zwischen den beiden auch noch im Yoga-Kurs übergesprungen. Beim Yoga! Hallo, geht’s noch?

Shane hatte es sich bisher tapfer verkniffen, Paterson als Schwulen abzustempeln. Was konnten Homosexuelle dafür, wenn sich manche Männer effeminiert und seltsam benahmen?

Er spülte seine aufsteigende Wut mit einem Schluck Kaffee herunter und dachte, dass sich Chantal keinen besseren Zeitpunkt hätte aussuchen können, um ihm diese Nachricht zu schicken. Angekündigt hatte sie sie ihm bereits vor Wochen, bis dato aber wahrscheinlich nie die passenden Worte gefunden.

Erfreulicherweise hielt ihn die Bordansage vom Weiterlesen ab: »Sehr geehrte Damen und Herren, Ladys and Gentlemen, wir haben unsere Reiseflughöhe verlassen und beginnen nun mit dem Landeanflug. Wir bitten Sie, die Sicherheitsgurte anzulegen und die Rücklehnen in eine aufrechte Position zu bringen. Vielen Dank für Ihr Verständnis.« Shane fühlte sich nicht angesprochen. Nachdem sie über dem Atlantik in heftige Turbulenzen geraten waren, hatte er ohnehin darauf verzichtet, den Gurt wieder abzulegen.

Er verbannte Chantal aus seinen Gedanken und konzentrierte sich auf die weiteren Nachrichten. Eine stammte von Richard Feyn, dem Hauptgesellschafter von Future Economy. Das Wirtschaftsmagazin hatte sich vor etwa zwei Jahren aus der Financial Times Deutschland abgespalten und erfreute sich seitdem größter Beliebtheit, was nicht zuletzt auf Shanes Artikel und Kolumnen zurückzuführen war. Nicht nur das Magazin, sondern auch Shanes Konto hatte im Zuge dieser Entwicklung einen großen Sprung nach vorn gemacht.

Das Einzige, was er sich von all dem Geld nicht leisten konnte, war Freizeit. Zwischen Auslandsaufenthalten, Firmenbesuchen und Schreiben fehlte ihm schlichtweg die Zeit, die Früchte seiner harten Arbeit unbeschwert zu genießen. Während sein nagelneuer Aston Martin DB11 mit umweltschonendem Wasserstoffantrieb in der Garage seiner kleinen Villa in Frankfurt am Main dem Staub anheimfiel, setzte seine Jacht im Bootsschuppen Rost und andere schwer zu entfernende Ablagerungen an, die er sich lieber nicht genauer vorstellen wollte.

Die übereifrige Flugbegleiterin, deren fliederfarbene Bluse einen großzügigen Blick auf ihr Dekolleté freigab, lächelte ihm vom Platz eines fettleibigen Asiaten aus zu und schickte noch einen vielsagenden Blick hinterher. Augenscheinlich versuchte sie, ihm Avancen zu machen, doch er ließ sich nicht auf das Spiel ein. Kaum dem Teenager-Alter entsprungene Gören interessierten ihn nicht, sei ihr Hüftschwung auch noch so verführerisch! Umgekehrt interessierten sie sich zu seinem Leidwesen für ihn, denn für einen Mann seines Alters sah er noch blendend aus.

Sein nicht unbedingt gesunder Lebensstil hatte in den über fünfzig Jahren, die er nun schon auf dieser Erde weilte, weniger Spuren an ihm hinterlassen, als man hätte erwarten sollen. Das ergrauende, aber feste Haar im Salt’n-Pepper Style trug er kurz und gepflegt, genau wie den akkurat getrimmten Dreitagebart. Sein Gesicht besaß markante Züge, wirkte dabei aber mehr freundlich als hart – was im Kontrast zu seinem oft aufbrausenden Verhalten stand, doch das sah man einem Menschen glücklicherweise nicht auf Anhieb an.

Auf das Motto ›Kleider machen Leute‹ gab er meist nicht viel, trug heute aber aus gegebenem Anlass einen maßgeschneiderten Armani-Anzug, der in punkto Kostspieligkeit nur noch von der unter seinem Hemdärmel hervorschauenden Omega-Uhr übertroffen wurde. Mit diesem Outfit zollte er ausschließlich den Kreisen Tribut, in denen er sich beruflich bewegte – viel lieber wäre er in kurzer Hose und bedrucktem T-Shirt angereist.

Gedankenverloren ließ er seinen Blick aus dem Fenster schweifen. Sah die weitläufige Wüste unter einer dünnen Wolkendecke vorbeiziehen. Nur vereinzelt zeichneten sich Gebäude und Straßen in dem aschgelben Sandmeer ab. Alles wirkte so trostlos, so monoton, dass sich trotz der vermutlich abartig hohen Temperaturen eine eisige Kälte um sein Herz klammerte. Vielleicht machten ihm aber auch nur die Turbulenzen zu schaffen …

Shane zwang sich, seinen Fokus auf einen bestimmten Punkt in der Ferne zu richten, doch je näher sie dem Boden kamen, desto unangenehmer flimmerte die Luft über dem kochenden Sand und er musste den Blick abwenden.

Wieso stecke ich Idiot bei dieser Hitze in einem Armani-Anzug?

Das Display in der Rückenlehne des Vordersitzes zeigte nun die Wetterbedingungen des Zielortes, doch Shane ignorierte die Anzeige. Dass es draußen brüllend heiß war, konnte er sich auch so denken.

Um sich aus der Luft einen umfassenden Überblick zu verschaffen, drehte er den Kopf, stierte aus dem gegenüberliegenden Fenster und wartete darauf, dass die ersten voneinander abzugrenzenden Konturen sichtbar wurden. Stopp! Hatte er nicht eben etwas Grünes aufblitzen sehen?

Das Flugzeug neigte sich langsam zur Seite und flog eine weite Rechtskurve, um zur Landung anzusetzen. Nun sah Shane in aller Deutlichkeit, was sein Blick bisher nur kurz gestreift hatte: eine ausladende, grün leuchtende Oase, die sich über eine gewaltige Fläche hinter den Gebäudekomplexen und zur Rechten der Solarstromanlage erstreckte. Palmen und Sträucher so weit das Auge reichte! Doch damit nicht genug: Unzählige kleine Flüsse schlängelten sich durch die Vegetation und mündeten in einen großen See mit kristallklarem, hellblauem Wasser. Es war ein wunderbarerer Anblick.

Die Betreiber hatten nicht übertrieben, als sie in dem Einladungsschreiben ein überwältigendes Naturschauspiel angekündigt hatten. Eine Oase in der Wüste erinnerte daran, dass selbst unter extremsten Bedingungen etwas wirklich Schönes gedeihen konnte.

Nur mit Mühe konnte sich Shane davon losreißen, vor allem, wenn die Alternative war, sich Feyns Ermahnungen bezüglich seines bisweilen überbordenden Temperaments antun zu müssen»Geh sparsam mit deinen Kommentaren um, Shane!« Darauf ließ sich auch diese Mail reduzieren. Stets derselbe Tenor, nur mit neuen Floskeln umschrieben.

Seit Shanes unschöner Auseinandersetzung mit einem Vertreter eines großen Energiekonzerns war Feyn um den guten Ruf seines Magazins besorgt und geizte daher nicht mit Ermahnungen dieser Art. Früher hatte Shane nie lange gefackelt und jedwede Kritik entrüstet von sich gewiesen, doch im Laufe der Jahre war er etwas selbstkritischer geworden. Feyn hatte recht, in seinen Äußerungen bezüglich Öl, Erdgas und Atomstrom wurde er tatsächlich immer ›radikaler‹ – was vor allem daran lag, dass seiner Ansicht nach die konventionellen Energiegewinnungsmethoden dem absoluten Untergang geweiht waren. Trotzdem scheffelten die meisten Energieunternehmen in ihrer Ignoranz und Geldversessenheit damit immer noch Milliarden, statt sich mutig an der Erforschung zukunftssicherer Energiequellen zu beteiligen. Methoden wie Fracking waren in Shanes Augen der Gipfel dessen, was man der Erde antun konnte.

Er klappte das Netbook zu und verstaute es in seiner Aktentasche, in der sich noch ein altmodischer Terminkalender und ein Ersatzunterhemd befanden sowie einige Unterlagen, die er auf dem Flug eigentlich hatte durchsehen wollen. Als er den Reißverschluss der Tasche zuzog, ging ein Ruck durch das Flugzeug, und das Quietschen von Bremsen erfüllte die Kabine. Sie waren gelandet, zweifelsohne. Der Pilot aktivierte die Schubumkehr und die Maschine wurde langsamer. Während sie zum Terminal rollte, bedankte sich der Copilot bei den Fluggästen für ihre Anwesenheit und wünschte ihnen noch einen schönen Tag.

Mühsam, als wäre er am Polster festgebacken, stemmte sich Shane aus dem Sitz, klemmte sich die Aktentasche unter den Arm und steuerte auf den Ausgang zu. Obwohl das Flugzeug über eine Gangway mit dem Terminal verbunden war, schlug ihm eine brütende Hitze entgegen.

Dann mal rein ins Vergnügen!, dachte er sich und ging auf das Empfangskomitee zu.

Kapitel 2

»Im Namen von Hawkes Energy möchte ich Sie ganz herzlich in Sun City willkommen heißen, Mr. O’Brien. Ich hoffe, Sie hatten einen angenehmen Flug.«

Diesmal lächelte ihm eine schwarzhaarige Asiatin zu, wahrscheinlich eine Japanerin, aber das konnte er nicht mit Sicherheit sagen. Trotz seiner ausgedehnten Reiseerfahrung fiel es ihm immer noch schwer, einige ethnische Gruppierungen auseinanderzuhalten.

»Danke der Nachfrage; es war so angenehm, wie ein Fünf-Stunden-Flug nur sein kann«, bemerkte er ironisch und reichte sein Handgepäck einem Roomboy in adretter Uniform, der sich bisher diskret im Hintergrund gehalten hatte.

»Ich bin die Hotelmanagerin, mein Name ist Amaya Ling. Wenn Sie irgendetwas benötigen, zögern Sie nicht, sich an mich zu wenden. Ich stehe Ihnen jederzeit zur Verfügung.«

»Der Regen in der Nacht - ein interessanter Name«, bemerkte Shane zur Überraschung der jungen Managerin.

Sie schaute ihm fasziniert in die Augen, als ob sie darin nach einer Erklärung für seine Sprachkenntnisse suchte. »Eine … treffende Übersetzung«, begann sie zögerlich. »Entschuldigen Sie, wenn ich irritiert wirke, aber bislang sind mir nicht viele Menschen begegnet, die auf diesem Gebiet bewandert sind, und Sie sehen nicht aus, als hätten Sie asiatische Wurzeln.«

Shane lächelte entwaffnend. »Nein, in der Tat nicht. Allerdings werden Sie noch viel erstaunter sein, wenn ich Sie darauf aufmerksam mache, dass Ihr Vorname japanischen, Ihr Nachname hingegen chinesischen Ursprungs ist. Äußerst merkwürdig.«

Mit beinahe mystischer Stimme wies er sie auf diesen Umstand hin, als wäre er ein Zauberer, der sein Publikum mit der Magie seiner Worte fesseln wollte. Sie konterte mit einem herzerwärmenden Lächeln und gratulierte ihm konsequenterweise mit einer westlichen Redewendung: »Hut ab!«

Shane ließ seinen Blick schweifen. Alles wirkte so mondän, wie man es von den Riesen der Energiebranche erwarten konnte: edle Marmorfliesen im Schachbrettmuster, weiß getünchte Wände, mit Samt bespannte Stühle … er hätte den Raum mit geschlossenen Augen beschreiben können.

»Würden Sie mir bitte folgen?«, sagte Miss Ling und führte ihn von der Gangway fort. »Ich schlage vor, dass ich Sie zunächst mit den Annehmlichkeiten des Hotels vertraut mache, bevor ich Ihnen Ihr Zimmer zeige.«

Ihre spitzen, hochhackigen Schuhe klackten auf dem kalten Steinboden, als sie dicht gefolgt von Shane die klimatisierte Wartehalle durchquerte. Sie kamen zu einem Durchgang, vor dem ein Ganzkörperscanner und ein Röntgengerät für Handgepäckstücke standen. Ling nickte den Sicherheitsleuten kurz zu und schritt dann durch den Scanner.

Als sie Shanes skeptischen Blick bemerkte, erklärte sie kurz: »Eine Routinekontrolle. Zu Ihrer eigenen Sicherheit!«

Belustigt und zugleich resigniert schüttelte der Journalist den Kopf. »Sie haben eine wundervolle Art, von den Tatsachen abzulenken, aber ich lebe nicht hinter dem Mond, wissen Sie? Mir ist sehr wohl bewusst, dass wir es mit einer neuartigen, hochsensiblen Technologie zu tun haben, an deren Geheimhaltung und Schutz Hawkes Enterprises sehr gelegen ist. Ich bin schließlich seit über zwanzig Jahren im Geschäft.« Befreit, das losgeworden zu sein, legte er ohne weitere Aufforderung Armbanduhr, Gürtel sowie Brieftasche ab und ließ sich durch den Scanner führen.

Auf der anderen Seite wurde er von Ling in Empfang genommen, die ein wenig wie vor den Kopf gestoßen wirkte, allerdings ihre professionelle Freundlichkeit aufrechthielt. Shane konnte sich gut vorstellen, was in diesem Moment in ihr vorging. Erst hatte er sie für sich eingenommen und ihr dann ihre eigene Unzulänglichkeit vor Augen geführt. Bereute er seine spitze Bemerkung? Ein wenig, aber im Gegensatz zu ihr würde er sich nicht weiter damit befassen.

Versöhnlich nahm er das Gespräch wieder auf, so als wäre nichts geschehen. »In Anbetracht der Ausmaße der Kollektorflächen stelle ich es mir schwierig vor, überall einen hohen Sicherheitsstandard aufrechtzuerhalten. Man sagte mir, es sei in letzter Zeit vermehrt zu Übergriffen seitens einheimischer Extremisten gekommen.«

Auf Lings Gesicht trat ein Ausdruck von Überraschung, aber auch Verärgerung. »Ich weiß nicht, woher Sie diese Informationen haben und kann Ihnen versichern, dass es sich nicht um Übergriffe, sondern lediglich um friedliche Protestaktionen gehandelt hat – von Nomaden, die seit Jahrtausenden diese Wüste bevölkern und in unserer Anwesenheit eine Schändung ihres Lebensraumes sehen. Bisher haben sie jedoch keine aggressiven Tendenzen oder Absichten gezeigt; sie wollen schlicht und ergreifend, dass wir ihr Land verlassen.«

Shane konnte förmlich spüren, wie es in Ling kochte. Sie empfand offenbar große Sympathie für die Wüstenbewohner, daran änderte auch ihre Anstellung bei diesem Unternehmen nichts. Er vermutete, dass ihr eigener kultureller Hintergrund maßgebend für ihre Anteilnahme war.

»In den Nomaden hat man praktischerweise einen Verantwortlichen gefunden«, fuhr die Managerin fort.

»Einen Verantwortlichen wofür?«, hakte Shane sofort nach. Seine journalistische Neugier wurde schlagartig geweckt, und einmal angefacht brannte sie wie ein Napalm-Feuer.

Ling stockte, und aus den Augenwinkeln konnte Shane sehen, wie sich ihr Gesichtsausdruck verhärtete. Es schien, als würde sie abwägen, wie viel sie sagen konnte. Sagen durfte.

»Die Sicherheit der Anlage zu gewährleisten ist kein Kinderspiel. Dass es da zu gewissen …« Sie zögerte.

»Es gab also Schwierigkeiten, verstehe ich Sie da richtig?«

»Nun ja …«

»Und Sie denken, dass die Nomaden als Sündenbock dafür herhalten müssen.«

Mit seinen Schlussfolgerungen manipulierte Shane die junge Frau geschickt und sie ging ihm in die Falle.

»Ja, aber die Nomaden können es unmöglich gewesen sein.«

Shane ließ nicht locker. »Weil …?«

Doch Ling durchschaute sein Spiel allmählich und unterbrach ihn barsch. »Hören Sie, wir haben hier alles unter Kontrolle, verstanden? Ich schlage vor, ich zeige Ihnen nun das Hotel. Sollten Sie weitere Fragen haben, die Sicherheit betreffend, wenden Sie sich bitte an Mr. Fritzsch. Er ist dafür zuständig.«  

Shane begann, die junge Frau zu mögen. Sie konnte sich ja doch behaupten! Was für ihn leider bedeutete, dass sie wahrscheinlich keine weiteren Informationen mehr über die Zwischenfälle mit den Nomaden preisgeben würde. Deshalb beschloss er, es vorerst dabei zu belassen.

Sie betraten eine gähnend leere, dem Bauhaus-Stil nachempfundene Hotellobby. Klare Formen und gradlinige Schnitte dominierten das Bild. Ein Atrium mit exotischen Grünpflanzen und künstlichem Flusslauf lud zum Verweilen ein.

»Warum ist es hier so leer?«, erkundigte sich Shane. Von den Mitarbeitern, die gemeinsam mit ihm das Flugzeug verlassen hatten, fehlte jede Spur.

»Sie sind der erste offizielle Gast«, erklärte ihm Ling. »Die anderen werden erst morgen im Laufe des Tages eintreffen. Aufgrund von engen Terminplänen hat sonst niemand den Testflug in Anspruch genommen.«

Shane nickte. »Unter anderen Umständen träfe das sicherlich auch auf mich zu, doch ich komme gerade aus dem Urlaub und wollte die Zeit zu Hause nicht ungenutzt auf dem Sprung verbringen. Stattdessen erschien es mir sinnvoller, mich hier vorab ein wenig umzusehen.«

Was er verschwieg, war die Tatsache, dass er zu besonderen Anlässen immer auf diese Weise vorging. Der Urlaub war lediglich ein Vorwand. Er pflegte grundsätzlich, die Lage zu sondieren bevor andere es taten, so war er ihnen stets einen Schritt voraus. Nur wenn ihn die Aussicht auf eine bestimmte Gala oder einen bestimmten Empfang in Langeweile versetze, zögerte er den Moment des Eintreffens so lange wie möglich hinaus.

Ling führte ihn durch einen langen, an eine Felsgrotte erinnernden Gang zum Wellness-Bereich. »Der Aqua-Park und die Saunalandschaft sind rund um die Uhr geöffnet«, sagte sie. »Der Massagetempel schließt täglich um 22:00 Uhr. Handtücher und Badelatschen erhalten Sie an der Rezeption oder vom Zimmerservice.«

Sie verließen den Nassbereich und besichtigten die Tagungsräume, die Tennis- und Squash-Plätze, den Kinosaal und das Kasino. Shane staunte nicht schlecht, was man hier in der kurzen Zeit alles geschaffen hatte. Wenn das PECS-Kraftwerk nur halb so überzeugend war wie das Hotel und das Freizeitangebot, dann waren dem Unternehmen positive Kritiken sicher.

»Eine Frage könnten Sie mir vielleicht noch beantworten«, wandte sich Shane beim Verlassen des Kasinos an Ling. »Warum baut man in dieser Einöde eine solch luxuriöse Ferienanlage und einen eigenen Flughafen?«

»Man hat mich gewarnt, dass Sie alles hinterfragen würden«, bemerkte Ling spitz und blieb kurz stehen.

»Das ist nun einmal mein Job«, meinte Shane. »Außerdem hinterfrage ich nicht, ich recherchiere. Wenn Ihre Arbeitgeber einen repräsentativen Bericht über ihr Unternehmen lesen wollen, brauche ich Informationen und keine Rätsel. Was verbindet diese Ferienanlage mit dem PECS-Kraftwerk?«

»Der Endkunde«, sagte Ling kurz und knapp.

Endkunde. Das Wort schwebte zwischen ihnen. Shane sah sie fragend an.

»Das ist eigentlich ganz einfach: Im Planungsausschuss diskutierte man die Bedeutung der Anlage im Hinblick auf die erklärten Unternehmensziele, und man wurde sich einig, dass diese ihre Umsetzung am besten in der Errichtung einer Ferienanlage finden würden. Immer mehr Menschen sollen von den Vorteilen alternativer Energien überzeugt werden. Sie können hier einen interessanten und erholsamen Urlaub verbringen und tun dabei gleichzeitig etwas für die Umwelt. Es sind noch weitere Projekte geplant, aber ich möchte Miss Meinhard, der Forschungsleiterin von Hawkes Enterprises, nicht vorgreifen.«

Shane bedankte sich für die Auskunft. »Das ist schon mal ein guter Anfang, auf dem ich meine Berichterstattung aufbauen kann.« Er bedachte sie mit einem freundlichen Blick, der sie für den ruppigen Kommentar von vorhin entschädigen sollte.

»Möchten Sie jetzt Ihr Zimmer sehen?«, fragte sie und konnte ihre Erleichterung, nicht länger über das Thema sprechen zu müssen, nur schwer verbergen.

»Ja, gerne. Aber zuvor müsste ich dringend wissen, wo …« Er sah sich suchend um und wirkte beinahe verzweifelt.

»Wenn Sie mir sagen, wonach Sie suchen, kann ich Ihnen vielleicht behilflich sein«, schlug Ling vor. »Was kann denn nicht warten, bis Sie auf dem Zimmer sind?«

Seine vermeintliche Verklemmung erfüllte sie mit leichter Schadenfreude. Vom ersten Moment an, da sie Shane begegnet war, hatte sie die autoritäre Aura, die ihn umgab, gespürt und fühlte sich gleichsam davon angezogen wie abgestoßen. Wenn er nicht so eine fordernde und verletzende Art gehabt hätte, hätte sie möglicherweise versucht, ihn näher kennenzulernen. So aber hoffte sie lediglich, dass sie ihm nicht allzu oft begegnen würde.

Shane schaute sie lächelnd an und sagte: »Ich suche die Bar.«

Kapitel 3

Shane war ein wenig benommen von den Cocktails, die er getrunken hatte. Wankend stand er in seiner Suite und war sich unschlüssig, was er als Nächstes tun sollte.

Aus dem Anzug musste er auf jeden Fall raus, so viel stand fest, denn trotz Klimaanlage schwitzte er sich halbtot. Seine Hände wanderten unter den Krawattenknoten, doch was normalerweise ein Akt von Sekunden war, zog sich heute hin. Das verdammte Ding wollte sich einfach nicht lösen! Aus einem Anflug von Nervosität heraus begann er, daran zu zerren und zu reißen, aber das verschlimmerte es nur noch. Ihn überkam regelrechte Panik, als er meinte, den Knoten noch fester gezogen zu haben. Die Krawatte schien ein Eigenleben zu entwickeln und ihn erwürgen zu wollen. Erst der Blick in den Spiegel brachte ihn wieder auf den Boden der Vernunft zurück und er riss sich den Stofffetzen erleichtert vom Hals.

Solche Panikattacken suchten ihn nur selten heim, aber wenn, dann trafen sie ihn mit voller Wucht. Chantal hatte gemeint, das könnte mit seinem ungesunden Lebensstil zusammenhängen. Wenn es etwas gab, das er noch mehr hasste als schlechten Whisky, dann waren das Seelenklempner. Aber auch zu richtigen Ärzten hatte er nur bedingt Vertrauen.  

Als er sich auszog, versuchte er, den obligatorischen Blick in den Spiegel zu vermeiden. Er wusste, wie gut er aussah und dass sich das harte Training auszahlte. Das Einzige, was ihm ein Blick in den Spiegel also gebracht hätte, wäre Bestätigung gewesen, und die führte nur dazu, dass er sich noch ungesünder ernährte. Nur weil er vor Jahren mit dem Joggen und anderen Ausdauersportarten angefangen hatte, lagerten die Folgen seines nicht unerheblichen Alkoholkonsums noch tief unter seiner Haut, wo sie bisher nur Ultraschalluntersuchungen zutage fördern konnten. 20 Prozent Aufhellungen an der Leber hatte ihm der Arzt bescheinigt und zu einer ausgeglicheneren Lebensweise geraten. Einen Whisky weniger am Tag hatte Shane daraus gemacht und sich sogar daran gehalten.

Er sprang unter die Dusche, das half ihm meistens, wieder einen klaren Kopf zu bekommen.

Angenehm temperiertes Wasser schoss aus unzähligen Düsen in den Wänden und in der Decke und massierte seine Haut. Ein Prozessor errechnete mit Hilfe von optischen Sensoren die Körpergröße der duschenden Person und regulierte dementsprechend den Wasserdruck an empfindlichen Körperstellen wie den Augen oder dem Mund. Technik, die in ihrer Ausgereiftheit beeindruckte, der Dekadenz aber die Krone aufsetzte.

Dasselbe galt auch für den Rest der Suite. Sie ließ keine Wünsche offen. In dem Wohnbereich mit Flachbildfernseher, Eckcouchgarnitur und Minibar hätten wahrscheinlich zwanzig Kinder dieses armen Kontinents Platz gefunden, die sich stattdessen in winzigen Wellblechhütten zusammenquetschen mussten. Aber daran wollte Shane erst gar nicht denken. Er war hier, um den Aufenthalt zu genießen und nicht, um sich über Armutszustände in der Dritten Welt den Kopf zu zerbrechen.

Er trocknete sich ab und ging hinüber ins Schlafzimmer, das auf die Oase ausgerichtet war und eine umwerfende Aussicht auf die Seenlandschaft bot. Falls die Sonne tagsüber zu grell hereinschien, konnte man die Scheiben per Knopfdruck verdunkeln.

Shane legte seine Wertgegenstände in den Safe und warf noch einen raschen Blick auf sein Smartphone. Er hatte versucht, Chantal zu erreichen, aber es war niemand rangegangen – sie hatte auch keine Nachricht hinterlassen.

Es war schon eigenartig – nachdem sie ihn hintergangen hatte, hatte er erst nur Verachtung für sie übrig gehabt, doch jetzt, wo es endgültig vorbei war, ergriff eine Sehnsucht von ihm Besitz, die er selbst nicht für möglich gehalten hätte. Das Einzige, womit er sie in all den Jahren betrogen hatte, waren seine Arbeit und der Alkohol gewesen.

Shane verjagte abrupt seine Gedanken – das war ein ganz schlechtes Thema, vor allem dann, wenn er angetrunken war. Er musste unbedingt heraus aus der Einsamkeit dieses Zimmers.

In kurzer Hose und Polohemd machte er sich zurück auf den Weg in die Gesellschaft. Er konnte grundsätzlich nie lange an ein und demselben Ort verweilen, ein innerer Drang zog ihn beständig weiter.

Die Empfangshalle lag wie vor zwei Stunden leer und verlassen da, nur dass jetzt ein altmodischer Gepäckwagen vor der Rezeption stand, der in Shane nostalgische Gefühle aufkommen ließ. Er liebte diesen Charme der Vorkriegsjahre des vergangenen Jahrhunderts.

Als er sich dem Tresen näherte, schoss plötzlich eine junge Frau mit blonden Haaren und sanften, ebenen Gesichtszügen dahinter hervor. Shane war versucht, sich wie ein Gentlemen zu benehmen und sich ihr vorzustellen, doch wie so oft übernahm stattdessen die kindliche Seite in ihm die Kontrolle über sein Handeln. Er räusperte sich affektiert.

»Suchen Sie etwas Bestimmtes? Ich lasse den Sicherheitsdienst rufen, wenn Sie sich nicht erklären.«

Welcher Teufel ihn nur immer wieder ritt, wenn er solche albernen Bemerkungen machte!

Wie nicht anders zu erwarten, fuhr sie zu ihm herum und taxierte ihn mit einem bohrenden Blick. »Und Sie sind?« Ihre Stimme klang misstrauisch, aber nicht feindselig.

»Der Hotelmanager! Wenn Sie mir angekündigt worden wären, hätte ich selbstverständlich jemanden vom Service beauftragt, sich um Ihr Gepäck zu kümmern.«

»Das ist nicht Ihr Ernst.« Sie prustete los vor Lachen, was in Shane augenblicklich ein Gefühl von Sympathie weckte. Es war ein unbedachtes, nicht auf Gesellschaftsfähigkeit getrimmtes Lachen und deswegen mochte er es. Auch wie sie sich ansonsten präsentierte, gefiel ihm: Sie war dezent geschminkt, hatte einen unaufdringlichen Lippenstift aufgelegt und trug helle sommerliche Kleidung.

»Der Hotelmanager, soso. Ich hatte mir Miss Ling immer attraktiver vorgestellt.«

Es war ersichtlich, dass sie sein Spiel durchschaut hatte, und Shane war froh, dass sie nicht zu der Sorte Frau gehörte, die zum Lachen in den Keller ging.

»Estella Meinhard.« Sie reichte ihm über den Tresen die Hand.

»Shane O’Brien. Wenn Sie jetzt nicht wissen, wer ich bin, fühle ich mich ernsthaft gekränkt.«

»Oh, natürlich! Willkommen, Mr. O’Brien. So früh hätte ich Sie nicht erwartet, nachdem, was ich über Sie gehört habe.«

»Was haben Sie denn über mich gehört?«, fragte er.

»Man sagt, dass Sie ein Talent dafür hätten, auf den letzten Drücker zu erscheinen.« Sie nahm kein Blatt vor den Mund, noch eine Eigenschaft, die Shane bei Frauen zu schätzen wusste.

Er fand, dass ein Lob angebracht wäre. »Eine überwältigende Anlage! Waren Sie am Bau beteiligt?«

»Nein, ich bin die Forschungsleiterin unseres deutschen Mutterkonzerns. Womit scheinbar das Privileg verbunden ist, mir die Schlüssel selber holen zu dürfen.«

Wenn sie jetzt noch dem einen oder anderen Schlückchen nicht abgeneigt wäre, ja dann wäre sie perfekt, dachte Shane, auf den ein gesundes Maß an Sarkasmus so belebend wirkte wie die erste Tasse Kaffee am Morgen. »Kann ich Ihnen mit dem Gepäck helfen?«

»Nein, danke. Dafür werde ich lieber das Personal bemühen.«

»Wie wäre es dann mit einem Drink?«, schlug er vor. »Ein Swimming Pool wäre jetzt genau das Richtige, passend zum Farbton Ihrer Augen und der unsäglichen Hitze da draußen.«

»Halten Sie mich etwa für eine reiche Millionärsgattin, die sich von so was bezirzen lässt? Mal im Ernst: Augen wie ein Swimming Pool!« Sie verdrehte selbige, also die Augen.

»Bitte verzeihen Sie mir meine Ausdrucksweise, mir scheint wohl die Hitze zu Kopf gestiegen sein«, zog er sich geschickt aus der Affäre.

»Hey, wie wäre es mit morgen?«, fragte sie, als er sich schon zum Gehen wenden wollte.

Die Schlacht war also noch nicht verloren.

»Ich nehme Sie beim Wort«, sagte Shane, kehrte ihr den Rücken zu und ging davon. Er wusste, wann ein starker Abgang gefordert war und konnte förmlich spüren, wie sie ihm entgeistert hinterherschaute.

Als er außer Sichtweite war, blieb er kurz stehen, um zu überlegen, was er als Nächstes machen könnte. Allein an die Bar zu gehen war keine Option, und so entschloss er sich, auf eigene Faust ein wenig das Gelände zu erkunden. Dass sich niemand auf den Gängen aufhielt, kam ihm dabei sehr gelegen. Je weniger Leute ihn behelligten, desto ungestörter konnte er herumschnüffeln.

Er ging am Kinosaal vorbei und kam zu einer Abzweigung, die gefühlsmäßig von der Hotelanlage wegführte – also genau in die Richtung, in die er wollte. Durch die Fenster sah er einen langen, schwach beleuchteten Verbindungstunnel, der hinüber zum Firmenkomplex führte, wo er die Laboratorien und das Kontrollzentrum der Solarstromanlage vermutete. Niemand hatte ihm explizit verboten, das Hotel zu verlassen, und so schlüpfte er durch die halb angelehnte Flügeltür und machte sich auf den Weg zur anderen Seite. Draußen brach soeben die Dämmerung herein.

Shane hatte kaum die Hälfte der Strecke hinter sich gelegt, als vor ihm plötzlich ein Mann in mitternachtsblauem Anzug auf den Korridor trat und ihm den Weg versperrte. »Kann ich Ihnen helfen, Sir? Dieser Bereich ist für Gäste gesperrt.«

Der Mann überragte Shane um einen Kopf und seine Stimme war von einer solchen Tiefe, dass man sie leicht mit dem Brummen eines Generators hätte verwechseln können. Er musste um die Vierzig sein, hatte ein breites kantiges Gesicht und dunkelblondes bis hellbraunes Haar, das sich an den Ecken bereits zu lichten begann. Mit seinem schmalen, säuberlich gestutzten Schnurrbart erinnerte er auf beunruhigende Weise an einen Tartar, und seine in Falten gelegte Stirn zeugte von unverhohlenem Misstrauen.

»Entschuldigen Sie bitte, das war mir nicht bewusst. Das entsprechende Hinweisschild muss ich wohl übersehen haben. Ich wollte mich eigentlich nur ein wenig mit der Anlage vertraut machen. Shane O’Brien, Future Economy.«

»Bill Fritzsch, ich bin der Sicherheitschef.« Mit seinem Händedruck brach er Shane fast die Knochen, und dieser konnte sich des Eindrucks nicht erwehren, dass es sich dabei mehr um eine Machtdemonstration denn um Unachtsamkeit handelte. »Die Kameras sehen Sie überall«, fügte der Hüne mit schiefem Grinsen hinzu und deutete auf ein fast unsichtbares Loch in der Decke.

Shane musterte die etwa haselnussgroße Linse und freute sich über die interne Information, die ihm der Sicherheitschef höchstpersönlich so bereitwillig zugespielt hatte. Möglicherweise konnte er ihm noch weitere Interna entlocken und so mehr über die ungewöhnlichen Vorkommnisse in Erfahrung bringen, die Ling vorhin während ihres emotionalen Ausbruchs unbedachterweise erwähnt hatte. Ihr Gesichtsausdruck ging ihm nicht mehr aus dem Kopf. Sie hatte ernsthaft mitgenommen gewirkt. An dem Ganzen war womöglich mehr dran, als es zu diesem Augenblick den Anschein hatte.

Er musste sich auf jeden Fall Gewissheit verschaffen, ob die Anschuldigungen gegen die Nomaden gerechtfertigt waren – seine Aufgabe bestand schließlich darin, das Konzept und die Umsetzung dieser Anlage auf Herz und Nieren zu prüfen. War die Technik des PECS-Kraftwerks unausgereift und Hawkes Enterprises versuchte nun, die Schuld abzuwälzen, würde er das in seinem Artikel erwähnen. Er fühlte sich nämlich in erster Linie seinen Lesern verpflichtet, die aus seinen Artikeln Rückschlüsse auf das Investitionspotential bestimmter Unternehmen zogen.

Als Wirtschaftsjournalist besaß er gewisse Ähnlichkeit mit einem privaten Ermittler. Statt ein Thema nur oberflächlich anzukratzen und wohlwollend darüber zu berichten, drang er oft tief in die Materie ein und förderte dabei nicht selten pikante Details zu Tage, die ein vollkommen anderes Licht auf bestimmte Sachverhalte warfen. Dabei kam man unweigerlich mit Wirtschaftskriminalität in Berührung – die Recherche ging dann nahtlos in das Sammeln von Beweisen über.

Shane hatte gehofft, dass es in diesem Fall nicht so weit kommen würde – das Projekt war wirklich vielversprechend –, doch hatte er einmal Witterung aufgenommen, gab es kein Zurück mehr. Er beschloss, den Sicherheitschef ein wenig auszuquetschen.

»Es ist wirklich ein glücklicher Zufall, dass ich Sie noch vor Beginn der Präsentation treffe. Ich würde nämlich gern mehr über Ihren Arbeitsbereich erfahren. Sie müssen wissen, ich bin Journalist und es gehört zu meinen Aufgaben, eine gründlich ausrecherchierte Reportage über die Anlage zu verfassen. Dabei möchte ich selbstverständlich auf alle Aspekte eingehen. Ein Blick hinter die Kulissen der Sicherheit wäre bestimmt überaus aufschlussreich, schon deshalb, weil geplant ist, künftig Angebote für Touristen einzurichten.«

»Dagegen gibt es im Prinzip nichts einzuwenden«, entgegnete Fritzsch nachdenklich, »aber ich muss zuerst mit Miss Meinhard Rücksprache halten.« Er wirkte nervös, obwohl es dafür keinen erkennbaren Grund gab.

»Wie praktisch, dass ich mich gerade ausführlich mit ihr unterhalten habe«, behauptete Shane dreist. »Sie hatte keine Einwände und auch Miss Ling verwies mich an Sie.« Mit dieser Halbwahrheit bewegte er sich auf sehr, sehr dünnem Eis, und er konnte nur inständig hoffen, dass es nicht auf der Stelle unter ihm nachgab.

Fritzschs Gesichtszüge entspannten sich. »Naja, man wird Sie schon nicht ohne Grund eingeladen haben«, meinte er und deutete mit einer knappen Geste auf eine graue Stahltür. »Kommen Sie, ich zeige Ihnen die Sicherheitszentrale. Die neue Schicht hat gerade begonnen, es sollte also nicht viel los sein.«  

Er öffnete die Tür und führte Shane in ein geschmackvoll eingerichtetes Büro, das durch eine Glaswand vom Rest der Zentrale abgetrennt wurde. Shane stellte sich vor, wie der Sicherheitschef hier saß, die Arme verschränkt, die Beine auf den Schreibtisch gelegt, und seine Mitarbeiter überwachte.

Shane ging ganz nah an die Glasscheibe heran und ließ seinen Blick schweifen. Was er sah, hätte einem Science Fiction-Film entsprungen sein können: Vor einer überdimensionierten Monitorwand, in der bestimmt mehr als vierzig Bildschirme verankert waren und von der ein einschläferndes, dunkelgrünes Leuchten ausging, saßen junge Männer und Frauen in einheitlichen schwarzgrauen T-Shirts und prüften die Anzeigen. Es sah aus wie auf der Brücke eines Raumschiffs.

»Sie haben hier keine Kosten gescheut, was?«

Der Sicherheitschef lächelte. »Sehen Sie den großen Tisch in der Mitte des Raums?«

»Sie meinen dieses futuristische Gebilde?«

»Ja. Das ist eine taktische Konsole, das Neueste, was die Sicherheitstechnik zu bieten hat.«

Shane ließ sich seine Überraschung nicht zu sehr anmerken, aber damit hatte er in der Tat nicht gerechnet. »Darf ich?«, fragte er und deutete auf die Tür zur Zentrale.

»Bitte, nur zu«, erwiderte Fritzsch. »Dafür sind wir ja jetzt hier.«    

Als Shane die Zentrale betrat, wurde er von einem unangenehmen monotonen Summen empfangen, das von den elektronischen Geräten herrührte und einem durch Mark und Bein ging. Wie konnten sich die Mitarbeiter bei dieser Geräuschkulisse nur konzentrieren? Er hätte es keine zehn Minuten hier drinnen ausgehalten.

Fritzsch übernahm die Führung. Stolz schritt er an der Konsole entlang und fuhr mit den Fingern über den Rand. Der Bildschirm, ein Touchscreen mit selbstreinigender Oberfläche, maß ein Meter mal anderthalb Meter, hatte eine gestochen scharfe Auflösung und war horizontal auf einem Betonsockel montiert. Im Moment zeigte er eine topografische Darstellung des Geländes.

»Das Besondere an dieser Station ist, dass wir über einen Uplink auf einen Satelliten des Bundesnachrichtendienstes zugreifen können«, erklärte Fritzsch. »Das erleichtert uns zum einen die Lokalisierung defekter Kollektoren, zum anderen das Aufspüren potentieller Gefahrenquellen. In Kombination mit den Infrarot- und Bewegungsmeldern im Außenbereich ist somit eine lückenlose Überwachung der Anlage möglich.«

Shane war da skeptisch. »Korrigieren Sie mich, wenn ich mich irre, aber wenn der Satellit vom Bundesnachrichtendienst genutzt wird, ist er doch nicht die ganze Zeit auf die Anlage ausgerichtet.«

Fritzschs Miene verfinsterte sich. Er hatte offenbar nicht erwartet, dass Shane diesen misslichen Umstand erwähnen würde.

»Nein, Sie irren sich nicht. Es ist in der Tat so, dass wir die Nutzung des Satelliten anmelden müssen. Jeder neue Verbindungsaufbau dauert dreißig Minuten.«

Shane beließ es dabei und nickte freundlich. Er wollte es sich mit Fritzsch nicht verscherzen. Zumindest nicht, solange er Informationen aus ihm herausholen konnte.  

»Nehmen wir einmal an, es käme zu Handgreiflichkeiten: ein Ehepaar im Streit, eine eifersüchtige Freundin …«, deutete Shane schmunzelnd an. »Wie lange würde es dauern, bis Ihre Sicherheitskräfte eingreifen könnten?«

»Das hängt davon ab, wo sie gebraucht werden. Spätestens aber nach 120 Sekunden. So lange brauchen meine Männer, um den entferntesten Sektor zu erreichen.«

»Wie viele Sektoren gibt es insgesamt?«

»Zwölf«, sagte Fritzsch. »Wollen Sie einen Blick auf die Überwachungskameras werfen?«

Shane überging den diskreten Hinweis, er möge aufhören, sein Gegenüber mit Fragen zu löchern, und fuhr ungeniert fort.

»Wie sieht es mit dem Wissenschaftskomplex aus? Dort herrschen doch sicherlich strengere Sicherheitsvorkehrungen.«

»Tut mir leid«, wiegelte Fritzsch ab, »aber ich darf Ihnen diesbezüglich keine weiteren Auskünfte geben.«

Shane, der bereits mehr erfahren hatte, als er sich jemals zu erträumen gewagt hätte, lenkte besänftigend ein. »Das verstehe ich natürlich. Fühlen Sie sich bitte nicht unter Druck gesetzt. Aus mir spricht nur meine journalistische Neugier.«

Insgeheim überlegte er, wie er am besten auf sein eigentliches Interesse zu sprechen kommen könnte. Es war eine Gratwanderung, denn wenn er zu offenkundig vorging, würde Fritzsch misstrauisch werden und die Chance wäre vertan.

In diesem Moment knackte ein Lautsprecher und die aufgeregte Stimme einer jungen Frau war zu hören. »Johnson an Fritzsch. Bitte melden Sie sich.«

Der Sicherheitschef zückte sein Funkgerät und öffnete den Kanal. »Hier Fritzsch, sprechen Sie, Johnson.«

»Wir … haben hier etwas gefunden, Sir. Es wäre besser, wenn Sie sich das ansehen.«

Beunruhigung zeichnete sich auf Fritzschs Gesicht ab, und seinem Verhalten nach zu urteilen, erlebte er diese Situation nicht zum ersten Mal. »Verstanden, Johnson, ich bin auf dem Weg!« Der Hüne war bereits an der Tür, als er sich noch einmal umdrehte. »Entschuldigen Sie, Mr. O’Brien, aber die Pflicht ruft. Soll ich Sie hinausbegleiten?«

»Keine Sorge, ich finde schon selbst raus.«

Fritzsch nickte Shane kurz zu und stürmte aus dem Raum.

Shanes Nackenhärchen stellten sich in freudiger Erwartung auf. Vorausgesetzt, er ging geschickt vor, bot sich ihm jetzt die einmalige Gelegenheit, nach Hinweisen zu suchen.

In unmittelbarer Nähe hielten sich im Moment lediglich zwei Sicherheitskräfte auf. Einer von ihnen schaute kurz hoch, um Shane zu mustern. Dieser zweifelte nicht daran, dass sie ein Auge auf ihn haben würden, denn Fritzsch hatte ihn nur deshalb alleine zurückgelassen, weil er sich vollkommen auf seine Männer verließ. Doch Shane hatte vor, gerissener als sie zu sein.

Beiläufig schlenderte er auf einen Kaffeeautomaten zu, der gegenüber von Fritzschs Schreibtisch stand. »Ich nehme mir nur einen Becher und dann bin ich weg«, rief er dem Mann zu, der ihn aufmerksam, aber nicht sonderlich interessiert beobachtete. Die Begründung schien ihm zu genügen und er wandte sich wieder dem Geschehen auf dem Monitor zu.

Shane atmete erleichtert auf. Die erste Hürde war genommen, und während er die Liste der Heißgetränke überflog, legte er sich im Kopf die Orte zurecht, an denen er als Erstes suchen würde. Fritzschs Computer oder die akribisch sortierten Aktenordner im großen verglasten Wandschrank schieden von vornherein aus, das wäre zu auffällig, doch es gab noch andere Möglichkeiten. Aus Erfahrung wusste Shane, dass Telefonnotizen, Terminplaner und bekritzelte Schreibtischunterlagen wahre Fundgruben für Anhaltspunkte aller Art sein konnten.  

Er bestellte einen Latte Macchiato, damit das Gerät für eine Weile beschäftigt war, und ging unauffällig zum Schreibtisch, der noch penibler aufgeräumt war als der Aktenschrank. Bis auf einige Berichte und Materiallisten konnte Shane auf Anhieb keine weiteren Unterlagen entdecken, weshalb er sich gleich der Schreibtischunterlage zuwendete. Wie er gehofft hatte, war Fritzsch nicht nur ein ordnungsliebender Mensch, er ging auch auf Nummer sicher, indem er selbst unwesentliche Gedankengänge schriftlich festhielt.

Shane verfügte über eine hohe Merkfähigkeit. Sein Gedächtnis galt als eidetisch, was sich auch mit zunehmendem Alter kaum geändert hatte und ihm hier und jetzt sehr von Nutzen war.

Konzentriert blieb er für einen kurzen Moment an einer auf die Schnelle dahingekritzelten, aber nahezu perfekten Zeichnung hängen, die Fritzsch am Rand der Unterlage hinterlassen hatte. Sie zeigte ein kleines Mädchen in der Umgebung der Oase. Fritzschs Tochter? Jedenfalls hatte der äußerlich grobschlächtige Sicherheitschef Talent. Wie leicht man sich doch in den Menschen täuschen konnte!

Neben der Zeichnung standen ein paar kurze Sätze:

Trojaner wurde aus dem System entfernt. Nach Serverupdate wieder fehlerfrei. Stephen trotzdem besorgt: Server nicht am Internet. Woher Trojaner?

Shane blickte nachdenklich auf die handgeschriebenen Zeilen. Ein Trojaner im Netzwerk der Anlage? Das war in der Tat besorgniserregend – wenn man bedachte, dass die Server höchstwahrscheinlich durch komplexe Firewalls und entsprechende Schutzprogramme gesichert wurden. Wie konnte also Malware in das System gelangen?

Trojaner waren Schadprogramme, die sich im Gegensatz zu Viren nicht reproduzierten und größtenteils absichtlich ins System eingeschleust wurden. Der Virus legte durch seine Vervielfältigung den Computer lahm, der Trojaner operierte dagegen im Hintergrund, indem er Backdoor- oder Spionageprogramme schuf.

Während Shane den Hinweis gedanklich verarbeitete, wanderte sein Blick zu einer herkömmlichen Pinnwand aus Kork, die an der Wand rechts neben Fritzschs Workstation hing. Die bunten Zettel, teils übereinander gepinnt, erinnerten ihn an einen Baum, was der äußerst kreative Fritzsch mit dieser Anordnung wahrscheinlich auch bezweckt hatte. Es musste schwer für ihn sein, einer verhältnismäßig eintönigen Arbeit nachzugehen, die ihm keine Möglichkeit bot, seine ausgeprägte künstlerische Ader auszuleben.

Ein roter Zettel in der Mitte des Baums stach aus der Masse hervor. Neben einer Telefonnummer, die Landesvorwahl gehörte zu Kanada, standen wieder einige Notizen:

Materialversagen unwahrscheinlich. Kabelbrände werden hauptsächlich durch defekte Sicherungen verursacht.Speed Cable Inc. liegen keine Vergleichswerte vor.Sollen Verteilerkästen überprüfen!

Allmählich dämmerte Shane, wofür man die Nomaden verantwortlich machen wollte und warum Ling von ihrer Unschuld überzeugt war. Erst ein Trojaner-Befall im Computernetzwerk, dann defekte Teile in den PECS-Modulen – das war ganz sicher nicht die Handschrift technikverachtender Wüstenbewohner.

»Ihr Kaffee wird kalt!« Ertappt zuckte Shane zusammen, fing sich aber sofort wieder und drehte sich mit dem unschuldigsten Lächeln, das er zustande bringen konnte, zu seinem Gegenüber herum. »Oh, ich war ganz in Gedanken. Der Jetlag, wissen Sie?«

Der junge Sicherheitsmann fixierte ihn aus schmalen, dunkelbraunen Augen. Noch wirkte er lediglich misstrauisch, aber das konnte schnell in Feindseligkeit umschlagen, sobald ihm klar wurde, dass Shane sich unerlaubt Einsicht in vertrauliche Unterlagen verschafft hatte. Höchste Zeit, zu verschwinden!

Mit einem dankbaren Nicken nahm Shane dem Sicherheitsmann den Kaffeebecher aus der Hand und wandte sich zum Gehen. »Ich werde mich für ein paar Stunden aufs Ohr hauen. Kaffee ist das beste Einschlafmittel.«

Während er den Rückzug antrat, spürte er den wachsamen Blick des jungen Mannes in seinem Rücken. Ob der Verdacht geschöpft hatte? Shane konnte es nicht mit Gewissheit sagen, aber von nun an musste er sehr vorsichtig sein. Irgendetwas ging hier nicht mit rechten Dingen zu.

Kapitel 4

28. Februar 2023

Sun City

Obwohl das Bett bequem, die kalte Dusche erfrischend und das Frühstücksbuffet überwältigend gewesen waren, erfreute sich Shane nicht des Gefühls des Ausgeschlafen-Seins. Gähnend blickte er zu Estella Meinhard hinüber, die soeben mit der Hoteldirektorin Miss Ling und einem Gefolge herausgeputzter Zimmermädchen in Richtung Flughafengebäude verschwand. In Kürze würden die weiteren Gäste eintreffen.

Als Erstes Thalia Morgan, der weibliche Nachfolgepart Al Gores, wie sie von den Medien genannt wurde. Wie Gore war sie zunächst Politikerin gewesen und hatte sich dann dem Umweltschutz gewidmet. Nun zählte sie zu den weltweit angesehensten Frauen und war zugleich Vorsitzende der Green Earth Foundation und Beraterin zahlreicher renommierter Umweltschutz-Organisationen. Shane freute sich bereits darauf, sie wiederzusehen, dennoch hielt er es nicht für nötig, zum Empfang zu erscheinen.

Er studierte die weiteren Namen auf der Gästeliste und das geplante Programm. Unter Thalia Morgan standen David Meier, Vorstandsvorsitzender des marktbeherrschenden deutschen Energiekonzerns, Lennard Frank, privater Investor in Begleitung seiner Frau Marie, einige ihm unbekannte Investoren und hochrangige Wissenschaftler sowie William Crosswind, republikanischer Energiepolitiker, der seine Traditionsverbundenheit überwunden hatte und innovativen Technologien nun aufgeschlossen gegenübertrat.  

Vorsichtig nippte Shane an seinem kochend heißen Kaffee. In ihm rumorte es – ein natürlicher Widerwille gegen jedwede Form von Empfängen und Zusammentreffen sogenannter Eliten, denn bei Veranstaltung dieser Art wurde von ihm erwartet, die Gäste zu hofieren und ihnen so viel Ehrerbietung und Aufmerksamkeit zu erweisen, dass sie sich bedeutender fühlten als der Durchschnitt der Menschen. Doch was unterschied sie vom Rest der Bevölkerung? Sie leisteten einen hohen Beitrag, ja, obschon die Auslegung dieses Aspekts natürlich sehr relativ war. Aber leitete sich daraus der Anspruch auf Besserbehandlung ab? Dieses alberne Getue – die heuchlerischen Zusicherungen und die immer gleichen, nichtssagenden Floskeln –, all das versetzte Shane innerlich in Rage.

Dort, wo der Flyer ein Bild einer PECS-Solarzelle zeigte, erschien nun in Shanes Kopf das Gesicht der jungen Forschungsleiterin. Eine kindliche Schwärmerei sorgte dafür, dass er ihr offenes freundliches Lächeln nicht mehr vergessen konnte. So hatte er sich schon lange nicht mehr gefühlt; allerdings war er sich über seine Gefühle auch nicht wirklich im Klaren. Er musste sie unbedingt besser kennenlernen, andernfalls könnte sie eine Leere in ihm zurücklassen, die er sich wahrscheinlich nie verzeihen würde.

Eigentlich war es lächerlich! Er hatte sie gerade einmal fünf Minuten mit ihr unterhalten und trotzdem übte sie eine Faszination auf ihn aus, die ihn an die Zeit seiner Jugend erinnerte. Wie hieß es doch so schön: Ein paar Minuten, um jemanden zu mögen, eine Stunde, um sich in ihn zu verlieben – und ein Leben, um ihn wieder zu vergessen.

Er versuchte, die kreisenden Gedanken in seinem Schädel zur Ruhe zu bringen und widmete sich weiter dem Flyer. Das Programm sah erst für 15:00 Uhr ein erstes gemeinsames Zusammentreffen aller Gäste in der Bibliothek vor. Demnach blieb ihm noch genügend Zeit, um im Pool ein paar Bahnen zu ziehen. Wenn es einen Sport gab, der Shane erfüllte, dann war es das Schwimmen. Das Wasser vermittelte ihm das Gefühl, getragen zu werden; gleichzeitig umhüllte es seinen Körper wie eine wärmende Schutzschicht, die ihn gegen die störenden Einflüsse des Alltags abschottete. In seiner Schulzeit hatte er sogar den ersten Platz der britischen Meisterschaft im Freistilschwimmen bei den unter 20jährigen gewonnen. Aus dem ehemaligen Leistungssport war mit den Jahren jedoch nur noch ein erholsames Hobby geworden. Wie so viele Dinge im Leben, für die er nie die Zeit fand.

Vom Tisch aus beobachtete er die emsigen Angestellten, die seit dem frühen Morgen förmlich aus allen Löchern gekrochen kamen und sich in Scharen ihren Aufgaben widmeten. Jedes Mal, wenn er so viele arbeitende Menschen sah, musste er unwillkürlich an einen Ameisenstaat denken. Aber was war die Menschheit genaugenommen denn mehr als ein Ameisenstaat?

Kapitel 5

»Meine sehr geehrten Damen und Herren, dürfte ich um Ihre Aufmerksamkeit bitten!«, verschaffte sich Estella Meinhard breit lächelnd Gehör.

Die in Smalltalk vertieften Gäste wandten sich ihr zu und verstummten in ihren Unterhaltungen.

»Setzen Sie sich doch bitte!«

Estella deutete auf die gepolsterten Ledersessel mit rotem Brokat. Shane kippte den letzten Rest Champagner noch halbwegs würdevoll herunter und folgte ihrer Anweisung.

»Als Erstes möchte ich Sie noch einmal ganz herzlich im Namen von Hawkes Energy und Hawkes Enterprises begrüßen. Mein Name ist Estella Meinhard, aber Sie haben mich ja bereits beim Empfang kennengelernt. Warum Sie alle hier sind, brauche ich Ihnen wohl nicht zu erläutern, da ich davon ausgehe, dass Sie unser Einladungsschreiben gelesen haben – oder zumindest Ihre Sekretärinnen!«

Zögerliches Lachen breitete sich in der Bibliothek aus.

»Bevor ich nun weiter auf unser Vorhaben und das Programm der nächsten zwei Tage eingehe, möchte ich Sie noch mit den Projektleitern der Anlage bekannt machen.«

Zwei Männer in Anzug und eine wenig attraktive Frau gehobenen Alters traten vor. Den einen Mann erkannte Shane als Bill Fritzsch, den Sicherheitschef.

»Mister Heckler ist der leitende Wissenschaftler des PECS-Kraftwerks und für alle dortigen Aufgaben verantwortlich«, stellte sie den graubärtigen Mann ganz links vor. Die Gäste schenkten ihm einen kurzen Beifall.

»Danke!«, sagte Heckler verlegen. »Neben dem reibungslosen Ablauf der Anlage beaufsichtige ich unter anderem auch unser technisches Labor, in welchem wir unsere Forschungen zu einer effizienteren Energiegewinnung aus alternativen Quellen betreiben. Der Großteil der Forschung von Hawkes Enterprises findet jedoch in unserem Hauptsitz in Deutschland statt. In den nächsten Tagen werde ich gerne all Ihre technischen Fragen beantworten.«

Wieder Beifall. Nervös trat der Wissenschaftler zurück.

»Nun darf ich Ihnen Mrs. Blinow, die Geschäftsführerin von Sun City vorstellen.«

Shane musterte die pummelige Russin und ertappte sich dabei, wie er sie unwillkürlich mit einem Walrossweibchen verglich und ihr Gesicht in Gedanken um spitze Stoßzähne ergänzte.

»Wie Miss Meinhard bereits erwähnt hat, bin ich die Geschäftsführerin unserer kleinen Stadt in der Wüste und somit hauptsächlich für Ihr Wohlbefinden und das der zukünftigen Besucher verantwortlich. Sollten Sie irgendeinen Wunsch haben, zögern Sie nicht, ihn mir oder Miss Ling mitzuteilen. Im Laufe des heutigen Dinners werde ich Sie mit der Planung unserer zukünftigen Urlaubsanlage vertraut machen.«

»Da werden Sie sich vor Fragen kaum retten können«, kam es aus der Menge. David Meier hatte ein breites, unhöfliches Grinsen aufgesetzt und sah sich Bestätigung suchend um.

Shane war ihm erst zwei- oder dreimal begegnet, aber das Verhalten des Vorstandsvorsitzenden war stets dasselbe: rüpelhaft und abwertend, was auch die eher verhaltenen Reaktionen der anderen Anwesenden erklärte.

»Ich verstehe nicht, wie man auf die Idee kommen kann, eine Urlaubsanlage mitten in der Wüste zu errichten und diese auch noch an ein Kraftwerk zu koppeln. Hier gibt es doch für Touristen rein gar nichts von Interesse. Einen trostloseren Ort habe ich noch nie gesehen.«

»Ich glaube, Sie brauchen eine neue Brille, David«, ergriff Lennard Frank zum ersten Mal das Wort. »Haben Sie denn noch nicht einmal die Zeit gefunden, aus dem Fenster zu schauen?«

Frank spielte natürlich auf die Oasenlandschaft an, doch Meier schien offensichtlich nicht zu wissen, wovon der Privatinvestor sprach – zumindest ließ sein gleichgültiger Ausdruck darauf schließen.

»Ich weiß nicht, was Sie meinen, Lennard«, erwiderte er leicht gereizt. Kichern breitete sich aus, was die schlechte Laune des ungemütlichen Geschäftsmannes nur noch verstärkte.

»Beim Dinner können wir uns gerne darüber unterhalten«, sagte Blinow und sorgte damit wieder für Ruhe.

Shane ließ seinen Blick durch die auf antik getrimmte Bibliothek schweifen. Das Höflichkeitsgeplänkel interessierte ihn herzlich wenig. Ob die Bücher echt sind?, fragte er sich mit einem gewissen Amüsement. Aber es wäre wohl ziemlich unangebracht gewesen, Buchattrappen in die Regale zu stellen.

Der Raum wurde durch altmodische Kerzenleuchter mit Glühbirnen erhellt und besaß weder Fenster noch andere Türen als die, durch die sie gekommen waren.

Shane lehnte sich zurück. Die Zeit, die Estella brauchte, um Fritzsch vorzustellen, konnte er dazu benutzen, sich einen Überblick über die anderen Gäste zu verschaffen. Es bereitete ihm immer wieder ein heimliches Vergnügen, andere zu beobachten, wenn diese nicht damit rechneten.

Beispielsweise Thalia Morgan, die bis jetzt noch kein Wort gesagt hatte. Sie saß aufrecht auf ihrem Stuhl und gab sich interessiert, doch wenn man genau hinschaute, konnte man ihre nervös zuckenden Augenlieder erkennen, was ein Zeichen für unruhige Langweile war.

Meier trommelte, ohne einen Hehl aus seiner Nervosität zu machen, auf der Armlehne herum. Ein Wunder, dass er überhaupt erschienen war.

»Dann bedanke ich mich an dieser Stelle für Ihre Aufmerksamkeit und überlasse Sie wieder der Gesellschaft der anderen.« Mit diesen Worten wollte sich Estella Meinhard verabschieden, doch bevor sie den Raum verlassen konnte, erhob sich Shane von seinem Platz.

»Ich hätte vorher noch eine Frage, Miss Meinhard!«

»Ja?«, sagte sie höflich.

»Wir wissen jetzt, wer hier wo das Sagen hat, aber über Sie haben wir noch nichts erfahren. Weshalb übernehmen Sie diese Präsentation, wo Sie doch offensichtlich nicht die Leiterin dieses Projekts sind?«

An ihrer Reaktion konnte Shane erkennen, dass er ins Schwarze getroffen hatte. Die Frage war natürlich überflüssig, er wusste, wer sie war und was sie hier tat, aber ihn reizte der Versuch, sie dazu zu bringen, noch mehr Details über sich selbst preiszugeben. Im Grunde genommen hatte sie es sich auch selber zuzuschreiben, dass er sie bloßstellte, denn schließlich gebot es die Höflichkeit, ein paar persönliche Eckdaten mit einfließen zu lassen, wenn man sich vorstellte.

»Entschuldigen Sie, das muss mir wohl entgangen sein. Wir Wissenschaftler denken oft außerhalb normaler Maßstäbe«, versuchte sie ihre Nervosität zu überspielen. Gelingen wollte es nicht so recht, aber niemand schien sich daran zu stören. »Ich bin die Forschungsleiterin unseres Mutterkonzerns Hawkes Enterprises. Normalerweise arbeite ich in Deutschland, aber da unser Tochterunternehmen hier in der Sahara das weltweit erste und größte PECS-Kraftwerk eröffnet, habe ich es mir nicht nehmen lassen, die Präsentation persönlich zu übernehmen. Wenn Sie noch mehr über mich erfahren möchten, Mr. O’Brien, schlage ich vor, dass Sie das Dossier lesen, das Sie in den Händen halten!«

Das versetzte Shane einen fühlbaren kleinen Stich in die Magengegend. »Autsch!«, flüsterte er in sich hinein. Aber ihr konsternierter Gesichtsausdruck war es wert gewesen! Derartige Sticheleien waren es, die ihm zu seinem geteilten Ruf verholfen hatten.

Die Gäste erhoben sich und fanden sich zu Grüppchen zusammen, um die vorangegangenen Gespräche wieder aufzunehmen. Estella warf Shane von der anderen Seite des Raums einen beleidigten Blick zu. War das eine Aufforderung? Gemächlich schlenderte er in ihre Richtung, schüttelte Meier, Morgan und Lennard die Hand und begrüßte deren Frauen mit einer leichten Umarmung.

Ein junger Mann, schätzungsweise um die Fünfundzwanzig, musterte ihn verstohlen von der Seite. Shane wusste nicht, wer er war, verspürte jedoch von Anfang an eine natürliche Abneigung gegen ihn. Trotzdem wagte er den Sprung in die Offensive und ging auf ihn zu.

»Sind wir uns schon einmal begegnet? Ich habe ein furchtbar schlechtes Gedächtnis. Shane O’Brien …« Er streckte ihm die Hand entgegen. Der Mann zögerte, griff dann jedoch zu.

»Dirk Wagner. Ich bin der persönliche Assistent von Herrn Meier«, sagte er in gebrochenem Englisch. »Und nein, wir sind uns noch nicht begegnet.«

Shane verabschiedete sich höflich und zog, sobald er außer Reichweite war, eine hässliche Grimasse.

»Ja, er ist wirklich etwas unangenehm«, sagte Meinhard, die sich unbemerkt an ihn herangepirscht hatte. »Er ist ein bisschen wie Sie, finden Sie nicht?«

»Oh, ich bitte Sie! Ich habe wenigstens Stil, was man von diesem … Individuum da nicht behaupten kann.«

Sein Kommentar brachte sie zum Lachen. »Da wir uns noch nicht lange kennen, würde ich nicht so weit gehen, Sie als überheblichen Kotzbrocken zu bezeichnen …«

»Nein, natürlich nicht«, sagte Shane mit schiefem Grinsen.

»Was ich eigentlich nur sagen wollte, ist, dass Sie eine ganz spezielle Art haben«, beendete Estella den unterbrochenen Satz.

»Ich nehme das mal als Kompliment. Sagen Sie, kommt es oft vor, dass Sie vor Publikum sprechen, oder war das Ihr erstes Mal?«

»Sind Sie von Geburt an so taktvoll oder üben Sie noch?«, entgegnete sie schlagfertig. Sie lernte offenbar schnell, denn das war die einzige Möglichkeit, mit Männern wie Shane umzugehen. Sie bewies Selbstbewusstsein und das gefiel ihm, zwang ihn aber, seine Taktik zu ändern.

»Die Frage war durchaus ernst gemeint«, behauptete er. »Als ich das erste Mal vor mehr als 50 Personen sprechen musste, habe ich mich jedenfalls nicht besonders wohl gefühlt. Ich glaube, seit der Grundschule hatte ich nicht mehr so gestottert.«

»Und warum sind Sie jetzt so ein viel gebuchter Redner? Ich dachte, Sie seien Wirtschaftsjournalist.«