John Flack. Roman - Edgar Wallace - ebook
Opis

Acht bis an die Zähne bewaffnete Männer von Scotland Yard bewachen einen Transport von 73000 Pfund Sterling. Aber der Geldtransporter mit Geld und seine Bewacher verschwindet auf der Straße von London nach Tilbury. Nach dem mysteriösen Verschwinden fehlt jede Spur. As wirklich geschehen?

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Edgar Wallace

John Flack

Roman

Übertragen von Ravi Ravendro

Warschau 2017

Inhalt

Einleitung

1

2

3

4

5

6

7

8

9

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Einleitung

Ehrlich gesagt – es ist ungehörig, wenn nicht sogar gesetzwidrig, daß die wenigen Personen, die das traurige Vorrecht besitzen, im Irrengefängnis von Broadmoor aus und ein gehen zu können, auf irgendeinen auffallenden Insassen besonders aufmerksam gemacht werden. Wenn es vorkommt, handelt es sich dabei fast immer um denselben Mann; einen Mann, der sehr berüchtigt gewesen war und dessen Verbrechen ganz England in höchster Spannung gehalten hatten, bis Gerichtsärzte und Gerichtshof ihn nach diesem Platz ohne Hoffnung verbannten.

Am häufigsten wurde also auf diesen John Flack hingewiesen; meist wenn er gerade über den Gefängnishof schlich, die Hände auf dem Rücken, das Kinn auf die Brust gesenkt, ein langer, dürrer, alter Mann in einem schlechtsitzenden Anzug aus grauem Stoff, der mit niemand ein Wort wechselte.

»Das ist John Flack... Der Flack... Der gerissenste Verbrecher der Welt... ›Klaps-John-Flack‹... Neun Morde...«

Gefangene, die wegen Totschlags in Broadmoor gehalten wurden, waren in ihren seltenen klaren Augenblicken stolz auf den alten John. Die Beamten, die ihn für die Nacht einschlossen und während seines Schlafs beobachteten, hatten wenig zu seinen Ungunsten zu sagen. Niemals gab er Veranlassung zu irgendeiner Störung, und in all den sechs Jahren seiner Gefangenschaft hatte er nicht einmal einen jener Tobsuchtsanfälle gehabt, die so oft einen armen unbeteiligten Teufel ins Krankenhaus und den rasenden Übeltäter selbst in eine Gummizelle bringen.

Die meiste Zeit verbrachte er mit Schreiben und Lesen. Er war ein Künstler mit der Feder, und er schrieb mit außerordentlicher Geschwindigkeit. Hunderte von kleinen Schulheften hatte er mit einer großen Abhandlung über »Verbrechen« angefüllt. Der Gefängnisdirektor ließ ihm seinen Willen und erlaubte ihm, seine Hefte zu behalten, in der Hoffnung, diese zu gegebener Zeit seinem bereits sehr interessanten Museum einverleiben zu können.

Einmal gab ihm der alte Flack – es war ein außerordentliches Zugeständnis – eines seiner Hefte zu lesen, und dar Direktor las und schnappte nach Luft. Der Titel lautete: »Wie raube ich ein Bankgewölbe aus, wenn nur zwei Wächter Dienst haben.« Der Direktor, ein ehemaliger Militär, las und las, hielt zeitweise inne und kratzte sich verblüfft hinter den Ohren; dies Schriftstück in der sauberen, deutlichen Handschrift John Flacks erinnerte ihn lebhaft an einen Divisionsbefehl zum Angriff. Keine noch so unbedeutende Kleinigkeit war übersehen, jedem möglichen Zwischenfall war Rechnung getragen. Es war nicht nur die Zusammensetzung des Betäubungsmittels angegeben, das gebraucht werden sollte, um »den Außenwächter unschädlich zu machen«, es war sogar eine weitere Fußnote beigefügt, die hier wörtlich angeführt werden mag:

Sollte das Betäubungsmittel nicht zu erhalten sein, rate ich, einen Vorstadtdoktor aufzusuchen und ihm folgende Krankheitserscheinungen anzugeben... Der Arzt wird dann das gewünschte Betäubungsmittel in verdünntem Zustand verschreiben. Man verschaffe sich sechs Flaschen von dieser Medizin und wende dann folgende Methode an, um das gewünschte Betäubungsmittel auszuscheiden...

»Haben Sie viel von dieser Sorte geschrieben, Flack?« fragte der Beamte erstaunt.

»Warum?« John Flack zuckte seine mageren Schultern. »Das mache ich zu meinem Vergnügen, bloß um mein Gedächtnis zu üben. Ich habe schon dreiundsechzig Bücher über das gleiche Thema geschrieben und finde keine Verbesserung mehr. Während der ganzen sechs Jahre, die ich nun hier bin, habe ich keine Verbesserung meines alten Systems austüfteln können.«

Scherzte er? War das ein Produkt eines kranken Gehirns? Der Direktor, der an die Eigenarten seiner Pfleglinge gewöhnt war, konnte sich über John Flack keine klare Meinung bilden.

»Wollen Sie vielleicht sagen, Sie haben ein Lexikon über Verbrechen geschrieben?« fragte er ungläubig. »Wo ist es?«

Statt jeder Antwort verzogen sich Flacks schmale Lippen zu einem höhnischen Lächeln.

Dreiundsechzig handgeschriebene Bände stellten das Lebenswerk John Flacks dar. Es war eine Leistung, auf die er sehr stolz war.

Als bei einer anderen Gelegenheit der Direktor wieder auf seine außergewöhnlichen schriftstellerischen Arbeiten anspielte, sagte er:

»Ich habe damit ein großes Vermögen in die Hände eines geschickten Mannes gelegt – vorausgesetzt natürlich«, fügte er nachdenklich hinzu, »daß er ein resoluter Kerl ist und daß die Bücher bald in seine Hände kommen. In diesen Tagen wissenschaftlicher Entdeckungen ist, was heute neu ist, morgen schon überholt.«

Der Direktor hatte seine Zweifel an dem Vorhandensein dieser gefährlichen Bücher, mußte aber kurze Zeit nach dieser Unterhaltung seine Ansicht berichtigen. Scotland Yard, wo man selten, wenn überhaupt jemals, Phantomen nachjagt, sandte Oberinspektor Simpson, einen Mann ohne jede Phantasie – der diesem Umstand auch seine Beförderung verdankte. Seine Unterredung mit »Klaps-John-Flack« war sehr kurz.

»Es handelt sich um deine Bücher, Flack«, sagte er, »es wäre bedauerlich, wenn sie in die falschen Hände fallen würden. Ravini sagt, du hast fast hundert Bücher irgendwo versteckt.«

»Ravini?« Der alte John Flack fletschte die Zähne. »Hören Sie mal, Simpson! Sie glauben doch nicht etwa, daß Sie mich mein ganzes Leben lang an diesem verwünschten Platz festhalten können? Oder...? Dann irren Sie sich nämlich verdammt. In irgendeiner Nacht verschwinde ich stillschweigend – Sie können das dem Direktor erzählen, wenn Sie wollen – , und dann werde ich mal mit Ravini unter vier Augen sprechen.«

Seine Stimme wurde laut und kreischend, und das alte irre Flackern, das Simpson schon von früher kannte, erschien wieder in seinen Augen.

»Haben Sie jemals Tagträume, Simpson? Ich habe drei. Ich habe eine neue Methode herausgefunden, um mit einer Million verschwinden zu können. Das ist Nummer eins, ist aber nicht so wichtig. Nummer zwei hat mit Reeder zu tun. Meinetwegen können Sie J. G. alles wiedererzählen. Ich träume davon, daß ich ihn mal treffe – allein – in einer netten, dunklen, nebligen Nacht, wenn die Schutzleute nicht sagen können, aus welcher Richtung die Schreie kommen. Und mein dritter Traum befaßt sich mit Ravini. George Ravini hat eine Chance, und die ist, er stirbt, bevor ich hier 'rauskomme.«

»Du bist verrückt«, entfuhr es Simpson.

»Darum bin ich ja hier«, erwiderte John Flack.

Diese Unterhaltung und die mit dem Direktor waren die beiden längsten, die er im Lauf der sechs Jahre in Broadmoor geführt hatte. Wenn er nicht schrieb, schlenderte er durch die Gefängnisanlagen, das Kinn auf der Brust, die Hände hinter dem Rücken verschränkt. Manchmal kam er während dieser Wanderungen in die Nähe der hohen Umfassungsmauer, und man munkelte, daß er Briefe hinüberwarf. Wahrscheinlich hatte er einen Boten gefunden, der seine zahlreichen chiffrierten Briefe in die Außenwelt beförderte und kurze Antworten zurückbrachte. Er war sehr gut Freund mit dem Aufsichtsbeamten seiner Abteilung, und eines Tages wurde dieser mit durchschnittener Kehle aufgefunden. Das Tor der Abteilung stand weit offen, und John Flack war in die Welt zurückgekehrt, um seine Tagträume zu verwirklichen.

1

Zwei peinliche Gedanken beschäftigten Margaret Belman, während der Süd-Expreß sie dem Knotenpunkt Selford und der kleinen Nebenbahn, die von dort nach Siltbury kroch, entgegenführte.

Der erste Gedanke hatte natürlich mit den durchgreifenden Änderungen zu tun, die sie vorhatte, und mit deren Wirkung auf Mr. J. G. Reeder, diesen gütigen Menschen.

Als sie ihm mitgeteilt hatte, daß sie eine Stellung auf dem Land suchte, hätte er doch wenigstens etwas Bedauern zeigen können: Eine gewisse Verdrossenheit wäre auf jeden Fall angemessen gewesen. Statt dessen hatte ihn diese Mitteilung sichtlich gefreut.

»Ich fürchte, ich werde nicht oft in die Stadt kommen können«, hatte sie gesagt.

»Das freut mich aber wirklich«, hatte Mr. Reeder erwidert und noch irgend etwas Nichtssagendes über den Wert zeitweiliger Luftveränderung und den Vorzug, der Natur näherzukommen, hinzugefügt. Er war tatsächlich viel heiterer gewesen als in der vergangenen Woche, und das war kränkend.

Margaret Belmans hübsches Gesicht verzog sich, als sie an ihre Enttäuschung und ihren Ärger dachte. Alle Gedanken, ihre Bewerbung vielleicht doch noch aufzugeben, waren wie fortgeblasen. Sie bildete sich auch nicht einen Augenblick ein, daß ein Sekretärinnenposten mit sechshundert Pfund pro Jahr ihr so ohne weiteres in den Schoß fallen würde. Für einen solchen Posten war sie ja völlig ungeeignet, hatte keinerlei Erfahrung im Hotelfach, und ihre Aussichten, angenommen zu werden, waren äußerst gering. Der Italiener aber, der so oft versucht hatte, ihre Bekanntschaft zu machen, war eine jener täglichen Unannehmlichkeiten, mit denen ein junges Mädchen, das für seinen Lebensunterhalt arbeiten muß, so vertraut ist, daß sie unter gewöhnlichen Umständen keinen zweiten Gedanken an ihn verschwendet haben würde. Heute morgen jedoch war er ihr bis zum Bahnhof gefolgt und hatte sicher gehört, wie sie ihrer Begleiterin sagte, sie würde mit dem 6.15-Zug zurückkommen.

Ein Schutzmann würde kurzen Prozeß mit ihm machen – falls sie sich den Unannehmlichkeiten eines öffentlichen Skandals aussetzen wollte. Aber jedes noch so tatkräftige Mädchen schreckt vor einer derartig peinlichen Szene zurück, und so mußte sie eben diese Angelegenheit auf eigene Faust erledigen. Das war keine angenehme Aussicht, und dies allein genügte, ihr einen sonst vielleicht netten und interessanten Nachmittag zu verderben. Und Mr. Reeder...

Margaret Belman runzelte die Stirn. Sie war dreiundzwanzig Jahre alt und befand sich also in einem Alter, in dem man jüngere Männer manchmal recht langweilig findet. Andererseits sind aber Männer um fünfzig auch nicht besonders anziehend, und Mr. Reeders Bartkoteletten, die ihm das Aussehen eines schottischen Kellermeisters gaben, konnte sie schon gar nicht leiden. Er war ja zweifellos ein lieber Mensch...

In diesem Augenblick lief der Zug in der Station ein, und sie befand sich schon auf dem überraschend kleinen Bahnhof in Siltbury, ehe sie sich noch im klaren war, ob sie in Mr. Reeder verliebt war oder sich nur über ihn geärgert hatte.

Vor der Sperre stand ein gebrechliches Taxi, dessen Chauffeur sie zum Einsteigen aufforderte. Sie gab ihm die Adresse an, und nach einer kurzen Fahrt hielten sie vor einem engen Torweg.

»Das ist der bequemste Weg für Sie, Miss! Mr. Davers Büro ist am Ende der Einfahrt.«

Der Chauffeur war ein schlauer alter Mann, der schon so manche Bewerberin um einen Sekretärinnenposten nach Larmes Keep gefahren hatte, und er nahm an, daß diese hier, die niedlichste von allen, auch nicht als Gast kam. Erstens brachte sie kein Gepäck mit, und zweitens war der Fahrkartenkontrolleur hinter ihr hergelaufen, um ihr die versehentlich abgegebene Rückfahrkarte zurückzugeben.

»Soll ich nicht lieber auf Sie warten, Miss...?«

»Ach ja, bitte«, sagte Margaret Belman hastig, als sie aus dem altersschwachen Vehikel stieg.

»Sind Sie bestellt?«

Der Chauffeur war eine stadtbekannte Persönlichkeit und beanspruchte als solche gewisse Vorrechte.

»Ich frage bloß, weil 'ne Masse junger Frauensleute nach Larmes Keep gekommen ist, ohne bestellt gewesen zu sein, und Mr. Daver wollte sie nicht empfangen. Die haben bloß die Anzeige 'rausgeschnitten und sind hergekommen. Aber in der Anzeige steht ›schriftliche Bewerbungen‹. Ich glaube, ich habe so ein Dutzend junger Frauensleute hierhergefahren, die nicht bestellt waren. Ich sage Ihnen das nur zu Ihrem eigenen Besten.«

Das junge Mädchen lächelte.

»Sie hätten das meinen Kolleginnen sagen sollen, bevor sie vom Bahnhof wegfuhren«, sagte sie gut gelaunt, »und hätten ihnen so die Kosten für ein Taxi ersparen können. Ja, ich bin bestellt.«

Hier am Tor hatte sie einen guten Ausblick auf Larmes Keep. Es hatte keinerlei Ähnlichkeit mit einem Hotel und noch weniger mit einer besseren Pension, die es doch sein sollte. Der Teil des Hauses, der ursprünglich wohl ein Verlies gewesen war, war deutlich zu erkennen, obgleich die steilen, grauen Mauern hinter Efeu versteckt waren, der auch einen Teil des in späterer Zeit angebauten Gebäudes bedeckte.

Sie schaute über eine glatte, grüne Grasfläche, auf der einige Rohrstühle und Tische standen, zu einem Rosengarten hinüber, der jetzt im Spätherbst noch in prächtigen Farben leuchtete. Dahinter befand sich ein Kranz von Fichten, der bis an den Rand der Klippen zu reichen schien.

Sie sah ein Stückchen graublauer See und den leichten Rauchschleier eines Dampfers. Ein sanfter Wind trug den Duft der Blumen zu ihr, den sie entzückt einatmete.

»Ist es hier nicht wundervoll?« Sie atmete tief.

Der Chauffeur meinte, es wäre ›nicht schlecht‹ und deutete dann auf das Haus.

»Gehen Sie zu dem kleinen Vorbau dort – erst vor ein paar Jahren angebaut. Mr. Daver ist mehr Schriftsteller als Pensionsinhaber.«

Sie öffnete das eichene Tor und ging den Weg hinauf zum Allerheiligsten des schriftstellernden Pensionsbesitzers. Das unebene Pflaster wurde auf beiden Seiten von dichten Blumenbeeten eingefaßt. Der Anbau hatte ein hohes Fenster und eine schmale grüne Tür. Augenscheinlich war sie gesehen worden, denn die Tür öffnete sich, als sie ihre Hand nach dem Messingklingelzug ausstreckte.

Vor ihr stand Mr. Daver selbst. Ein großer, magerer Mann in den Fünfzig, mit einem gelben, koboldartigen Gesicht und einem Lächeln, das allen Sinn für Humor, dessen sie fähig war, wachrief. Sie hätte am liebsten laut aufgelacht. Die lange Oberlippe hing über die untere hinweg, und das Gesicht war schmal und faltig. Die runden, braunen Glotzaugen, die gerunzelte Stirn und ein Haarschopf, der senkrecht in die Luft stand, verstärkten noch sein koboldartiges Aussehen...

»Miss Belman?« fragte er mit einer gewissen Hast.

Er lispelte etwas und hatte eine Art, seine Hände zu verschränken, als hätte er die größte Besorgnis, er könnte mißfallen.

»Kommen Sie bitte in meine Höhle«, sagte er.

Die ›Höhle‹ war ein sehr bequem eingerichtetes Studierzimmer, dessen eine Wand ganz unter Büchern verschwand. Er schloß die Tür und schob ihr mit einem leisen, nervösen Lachen einen Stuhl hin.

»Ich freue mich, daß Sie gekommen sind. Hatten Sie eine angenehme Reise? Aber sicherlich, nicht wahr? Und London...? Heiß und schwül... Leider, kann ich mir denken. Wollen Sie nicht eine Tasse Tee trinken? Aber natürlich!«

Er stieß Fragen und Antworten so schnell heraus, daß sie keine Möglichkeit hatte, eine Antwort zu geben, und er hatte den Telefonhörer in der Hand und schon Tee bestellt, ehe sie noch irgendeinen Wunsch geäußert hatte.

»Sie sind jung – sehr jung«, er schüttelte traurig seinen Kopf. »Vierundzwanzig – nicht wahr? Können Sie Schreibmaschine schreiben? Was für eine lächerliche Frage!«

»Es ist sehr liebenswürdig von Ihnen, Mr. Daver, mich zu empfangen«, sagte sie, »und ich kann auch keinen Augenblick annehmen, daß ich Ihren Ansprüchen genügen werde. Ich habe gar keine Erfahrung im Hotelwesen, und nach dem Gehalt, das Sie aussetzen, muß ich annehmen...«

»Immer ruhig«, sagte Mr. Daver und schüttelte feierlich seinen Kopf. »Gerade Sie brauche ich. Arbeit gibt es sehr wenig, aber auch das ist mir zuviel. Meine Privatarbeiten« – er deutete mit der Hand auf den Schreibtisch, der mit Papieren bedeckt war – »nehmen mich außerordentlich in Anspruch. Ich brauche eine Dame, die die Bücher führt... meine Interessen wahrnimmt. Jemand, dem ich vertrauen kann. Ich verlasse mich auf Gesichter. Sie auch? Ich glaube, ja. Und auf die Handschrift...! Sie doch auch...? Drei Monate lang habe ich annonciert. Mit fünfunddreißig Bewerberinnen habe ich sprechen müssen! Einfach unmöglich... Und ihre Stimmen – schrecklich! Ich beurteile Menschen nach ihrer Stimme... Sie sicherlich auch. Als Sie am vergangenen Montag telefonierten, sagte ich mir gleich: Die Stimme!«

Er hatte seine Finger so fest ineinander verflochten, daß die – Knöchel ganz weiß waren, und diesmal konnte sie das Lachen nicht verbeißen.

»Aber Mr. Daver, ich weiß ja gar nichts von der Arbeit in einer Pension. Ich glaube sicher, daß ich es lernen könnte – und ich möchte die Stellung natürlich schrecklich gern haben. Das Gehalt ist ja furchtbar anständig.«

»Furchtbar anständig«, wiederholte er brummend, »wie merkwürdig die beiden Worte nebeneinander klingen...! Meine Haushälterin. Sehr freundlich von Ihnen, Mrs. Burton, daß Sie den Tee bringen.«

Die Tür hatte sich geöffnet, und eine Frau mit einem silbernen Teebrett kam herein. Sie war sehr adrett in Schwarz gekleidet. Ihre Augen blickten kaum nach Margaret hin, als sie wartete, während Mr. Daver sprach.

»Mrs. Burton, diese junge Dame ist die neue Sekretärin unserer Gesellschaft. Sie muß das beste Zimmer im Haus haben, das blaue Zimmer. Aber – warten Sie mal!« er biß sich besorgt auf die Lippen – »vielleicht lieben Sie Blau gar nicht?«

Margaret lachte.

»Mir ist jede Farbe recht«, sagte sie, »aber ich habe mich doch noch gar nicht entschieden...«

»Gehen Sie bitte mit Mrs. Burton. Sehen Sie sich das Haus an... Ihr Büro... Ihr Zimmer. – Mrs. Burton!«

Er wies auf die Tür, und ehe das junge Mädchen wußte, was sie eigentlich tat, war sie schon der Haushälterin durch die Tür gefolgt.

Ein schmaler Gang verband Mr. Davers Privatbüro mit dem Haus, und Margaret wurde in einen großen, hohen Raum geführt, der die ganze Breite des Gebäudes einnahm.

»Der Bankettsaal«, erklärte Mrs. Burton mit dünner Stimme, die durch ihre Eintönigkeit auffiel, »wird jetzt als Gesellschaftszimmer benutzt. Wir haben nur drei Pensionäre. Mr. Daver ist sehr eigen. Im Winter haben wir 'ne Masse Gäste.«

»Drei Gäste! Das ist nicht sehr rentabel.«

Mrs. Burton schnüffelte.

»Mr. Daver will ja gar nicht, daß es sich bezahlt macht. Ihm liegt hauptsächlich an Gesellschaft. Er hat ja doch nur darum aus Larmes Keep eine Pension gemacht, weil es ihm Vergnügen macht, Leute kommen und gehen zu sehen, ohne daß er gezwungen ist, mit ihnen zu sprechen. Das ist eben sein Steckenpferd!«

»Ein teures Steckenpferd«, sagte Margaret, und Mrs. Burton schnüffelte wieder.

Auf der anderen Seite der großen Halle lag ein kleiner und viel gemütlicherer Salon mit großen, hohen Flügelfenstern, die auf den Rasenplatz hinausgingen. Draußen, vor dem Fenster, saßen drei Personen beim Tee. Eine von ihnen war ein ältlicher Geistlicher mit einem strengen, harten Gesicht. Er aß Toast, las ein geistliches Blatt und hatte anscheinend seine Nachbarn vergessen. Die zweite war ein junges Mädchen, ungefähr in Margarets Alter, mit einem sehr blassen Gesicht, aber trotz ihrer Blässe von außerordentlicher Schönheit. Ein Paar große, dunkle Augen betrachteten einen Augenblick den Neuankömmling und kehrten dann zu ihrem Gegenüber, einem militärisch aussehenden Mann in den Fünfzigern, zurück.

Mrs. Burton wartete, bis sie die breite Treppe in den Oberstock hinaufgingen, ehe sie über die drei Personen sprach.

»Der Geistliche ist ein Dekan aus Südafrika, die junge Dame ist Miss Olga Crewe, und der andere Herr ist Oberst Hothling – alle sind Pensionäre. Hier ist Ihr Zimmer, Miss.«

Es war in der Tat das Juwel eines Zimmers; ein Zimmer, wie Margaret es sich erträumt hatte. Es war mit erlesenem Geschmack möbliert und hatte, wie alle anderen Zimmer in Larmes Keep, ein eigenes Badezimmer. Die Wände waren bis zu halber Höhe getäfelt, die Decke von Balken getragen. Unterhalb des Parkettfußbodens befand sich wahrscheinlich der ursprüngliche Steinboden.

Margaret blickte sich um und seufzte. Es würde sehr schwer werden, diese Stellung abzulehnen, und warum sie überhaupt Bedenken hatte, diesen Posten anzunehmen, konnte sie um alles in der Welt nicht verstehen.

»Es ist ein wundervolles Zimmer«, sagte sie, und Mrs. Burton blickte gleichgültig umher.

»Es ist sehr alt«, sagte sie. »Ich kann alte Häuser nicht leiden. Früher habe ich in Brixton gewohnt...«

Sie hielt plötzlich inne, schnüffelte in mißbilligender Weise und klapperte mit den Schlüsseln, die sie in der Hand hielt.

»Es gefällt Ihnen doch?«

»Gefallen? Sie meinen, ich nehme die Stellung an? Ich weiß noch nicht.«

Mrs. Burton blickte wieder im Zimmer umher. Das junge Mädchen hatte den Eindruck, als suchte sie danach, irgend etwas zum Lobe von Larmes Keep zu sagen – irgend etwas, das Margaret bestimmen sollte, die Stellung anzunehmen. Schließlich sagte sie:

»Das Essen ist gut.«

Margaret lächelte.

Als sie durch die Halle zurückging, sah sie wieder die drei Personen, die sie schon beim Tee gesehen hatte. Der Oberst ging allein, der Geistliche und das blasse Mädchen schlenderten über den Rasenplatz und sprachen miteinander. Mr. Daver saß an seinem Schreibtisch, hatte die Stirn auf die Hand gestützt und kaute an seinem Federhalter, als Mrs. Burton die Tür hinter ihnen schloß.

»Das Zimmer gefällt Ihnen? Selbstverständlich. Sie treten an – wann? Ich denke, Montag in acht Tagen. Eine wirkliche Erlösung! Haben Sie mit Mrs. Burton gesprochen?« Er drohte schelmisch mit dem Finger. »Aha! Jetzt begreifen Sie. Sie ist einfach unmöglich. Kann ich es ihr überlassen, eine Herzogin zu empfangen oder einen Fürsten zu verabschieden? Kann ich es ihr überlassen, die kleinen Streitigkeiten zu schlichten, die natürlich, zwischen Gästen vorkommen? Sie haben ganz recht..., das kann ich nicht. Ich muß eine Dame hier haben..., ich muß, ich muß.«

Er nickte nachdrücklich mit dem Kopf, seine verschmitzten, braunen Augen waren liebenswürdig auf sie geheftet, und die überhängende Oberlippe verzog sich zu einem entzückten Grinsen.

»Meine Arbeit leidet, wie Sie sehen; ständig herausgerissen zu werden, um Nichtigkeiten, wie zum Beispiel das Aufspannen eines Tennisnetzes, zu erledigen – unerträglich!«

»Sie schreiben wohl sehr viel?« gelang es ihr einzuwerfen. Sie hatte das merkwürdige Gefühl, daß sie ihre Entscheidung bis zum allerletzten Augenblick hinausschieben müßte.

»Sehr viel. Kriminalistik. Ah, das interessiert Sie wohl? Ich arbeite an einer Enzyklopädie des Verbrechens«, sagte er nachdrücklich, beinahe dramatisch.

»Des Verbrechens?«

Er nickte.

»Das ist eine meiner Liebhabereien. Ich bin ein reicher Mann und kann mir Liebhabereien gestatten. Das Haus hier ist auch eine davon. Ich verliere jährlich ungefähr viertausend Pfund daran, aber das macht mir nichts aus. Ich suche mir meine Gäste aus. Wenn mich einer langweilt, sage ich ihm, daß er gehen muß – daß sein Zimmer anderweitig vergeben ist. Könnte ich das mit meinen Freunden oder Bekannten so machen? Sicherlich nicht. – Die Leute interessieren mich, füllen mein Haus, leisten mir Gesellschaft und amüsieren mich. Wann treten Sie an?«

»Ich denke...« Sie zögerte.

»Montag in acht Tagen. Ausgezeichnet!« Er schüttelte ihr kräftig die Hand. »Sie brauchen sich hier nicht einsam zu fühlen. Wenn meine Gäste Ihnen langweilig werden, laden Sie Ihre eigenen Freunde ein. Sie können als Gäste meines Hauses kommen. Also bis Montag!«

Sie ging den Gartenweg zu dem wartenden Chauffeur hinunter, verwirrt und unentschlossener denn je.

»Haben Sie die Stelle erhalten, Miss?« fragte der freundliche Mann.

»Ich glaube, ja«, entgegnete Margaret.

Sie warf einen Blick zurück auf Larmes Keep. Die Rasenplätze waren verlassen, aber dicht in der Nähe sah sie die Gestalt einer Frau auftauchen, nur für einen kurzen Augenblick, dann verschwand sie wieder hinter einem Gürtel von Lorbeerbäumen, der parallel mit der Umfassungsmauer des Grundstücks lief. Es führte ein wenig betretener Fußweg durch die Büsche. Margaret erkannte Mrs. Burton. Sie hatte die Hände vor das Gesicht geschlagen und stolperte blindlings vorwärts, und zu seinem Erstaunen hörte das junge Mädchen, wie sie schluchzte.

»Das ist die Haushälterin – sie ist etwas übergeschnappt«, sagte der Chauffeur gelassen.

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