Ja. Aber... - Annebärbel Dr. Jungbluth - ebook

Ja. Aber... ebook

Annebärbel Dr. Jungbluth

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Opis

Eine Frau findet ihren Weg durch die Zeit. Als Kind habe ich Krieg und Nachkrieg erlebt. In der Aufbruchphase unseres Landes wollte ich schnell Verantwortung übernehmen und wurde mit 23 Jahren Ärztin. 50 Jahre, ein halbes Jahrhundert lang, war ich in Berlin als Ärztin tätig, in Klinik, Ambulanz, im Magistrat von Berlin und im Sport- und Erholungszentrum. Der interessierte Leser kann Antworten finden auf Fragen , die auch heute noch aktuell sind: Was wurde aus unseren Kriegskindern? Wie war das reale Leben in der DDR? Warum tickt der Ossi so, wie er tickt? Wie sieht es hinter den Kulissen des Gesundheitswesens aus, gestern und heute? Kurzweilig erzähle ich von meinen Eindrücken, Erlebnissen und über meine Gedanken in unserer jüngeren Geschichte. Schauen Sie einfach hinein und bilden sich Ihre eigene Meinung.

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Inhaltsverzeichnis

Das Abenteuer Leben beginnt

Als Heiden in Kummerow

Gen Süden

Leben am Flunsch

Alles wird anders

Ab jetzt entscheide ich

Unser Schloss Gripsholm

Start ins wirkliche Leben

Wir studieren

Ich tanze im Studentenensemble

Ich werde erwachsen

Mut zur Familie

Erste Schritte in der Klinik

Chef am Haken

Gratwanderungen zwischen Leben und Tod

Als Reisearzt in Bulgarien

Die Chirurgie lässt mich nicht los

Hausbesuche sind immer vier Treppen

Ein Tag hat 24 Stunden

Mein Babyjahr

Mein Großer wird Schulkind

Mit dreißig am Ziel?

Ich lande bei der Polizei

Anke kommt in die Schule

Wir bauen eine Datsche

Ich bin nicht mehr „kaderrein“

Die Erde dreht sich trotzdem

Ein ganz normaler Kinderarzt?

Bereichspädiater in Biesdorf

Berlin - Marzahn

Der Rennsteiglauf – meine Olympiade

Mythos Gesundheit

Abenteuer Kaukasus

Ärztin im Sport- und Erholungszentrum

Jungunternehmer „50 plus“

Wir gliedern uns ein

Praxisgründung

Meine Kinder finden ihren Weg

Ich besuche meinen Bruder

Spagat zwischen Arzt und Unternehmer

Moderner Ruhestand

Mit 60 ist noch lange nicht Schluss

Genug gearbeitet

Das Abenteuer Leben beginnt

Als Heiden in Kummerow

Am Rande der großen Stadt, wo Straßennamen auf Promenade enden, Allee, Weg oder Steg, wo Vögel singen, wo Nachbarn sich kennen und grüßen, hier wurde ich geboren, hier habe ich meinen ersten Atemzug getan.

War jedoch mein erster Schrei ein Freudenschrei?

Plötzlich war es furchtbar kalt und laut und hell.

Atmen sollte ich auch alleine.

Mich hatte niemand gefragt, von wem ich in die Welt

geschickt werden wollte, wann und wohin

und ob überhaupt.

Es konnte nur ein Schrei der Empörung sein.

Enge, kratzende Dinge zog man mir an.

Vor Erschöpfung schlief ich ein, vorsichtshalber

mit geballten Fäusten.

Es dauerte nicht lange, so wurde ich vor Hunger wach.

Auch so ein unangenehmes neues Gefühl. Aber schreien

konnte ich schon und mich bemerkbar machen.

Die ersten Tage verbrachte ich mit Trinken und Schlafen. Die Ruhe täuschte. Mein kleines Gehirn ratterte, funkte und knisterte in allen Furchen und Synapsen. Jetzt musste sich zeigen, ob alles richtig funktionierte, ob alles vorhanden war, um gewappnet zu sein für das große Abenteuer Leben.

Zwar wurde ich nicht in einem Maharadscha-Palast geboren, nicht in einem bitterkalten Iglu, aber auch nicht in einer kargenHütte in Afrika. Ich konnte mit meinem Häuschen am Rande Berlins ganz zufrieden sein. Nur war der Oktober 1939 nicht der günstigste Zeitpunkt.

Mit jedem neuen Tag konnte ich Interessantes entdecken. Zuerst trauten sich meine Augen, die Helligkeit zu testen. Ich blinzelte und sah Muttis lächelndes Gesicht nah über mir, während ich lustvoll trank und kuschelte.

Eigentlich war es doch ganz schön hier, in dieser grellen, lauten Welt.

Nach und nach beteiligte ich mich selbst an dem Geschehen, konnte lächeln, bald auch plappern und vor Freude juchzen. Vor allen Dingen konnte ich nach Herzenslust strampeln. Nur Traute schaute skeptisch. Ihr Prinzessinnendasein war nicht mehr das alte, jetzt gab es zwei Prinzessinnen. Und mein Vater? Das war der nette Herr, der gelegentlich zu Besuch kam und Geschenke mitbrachte. Die Großen meinten, er sei im Krieg. Was das auch war, ich nahm es hin, kannte es nicht anders.

Mein erstes Abenteuer ließ nicht lange auf sich warten.

Wölfchen, unser kleiner Bruder, war geboren worden und wir Mädel sollten beschäftigt werden. Über Nacht hatte Frau Holle einen weißen Teppich ausgebreitet. Jetzt funkelte er mit vielen kleinen Sternen in der Sonne. Ein netter Junge aus der Nachbarschaft lud uns ein zu einer Schlittenfahrt. Weit und breit gab es keine Berge, nicht einmal kleine Hügel. So setzten wir uns auf den Schlitten und er zog los mit uns. Auch sein Hund freute sich über die fröhliche Gesellschaft. Wir glitten vorbei an weißgepuderten Zäunen, an Briefkästen und Pfählen, die weiße Mützchen aufgesetzt hatten, an Sträuchern und Gräsern, die sich unter der Last zur Seite bogen. DerSchnee knirschte lustig unter den Kufen, gefrorene Pfützenknisterten wieder anders. Wir waren schön warm eingepackt, ich hätte es eine Weile so ausgehalten.

Doch wir kommen an einen Bach. Kleine Wellen kräuseln sich den Lauf entlang, plätschern munter in die Welt. Gerade hatte ich gelernt, im Winter kann man über Wasser fahren, weil es gefroren ist. Jetzt ist immer noch Winter und das Wasser im Bach ist nicht gefroren. Neugierig schaue ich den Wellen nach, wie sie immer weiter unter der Brücke verschwinden. Gerade so groß, dass ich mich auf dem Zwischensteg des Geländers aufstützen kann, kommt es, wie es kommen muss. Ich beuge mich so weit vor, bis ich direkten Kontakt mit ihnen habe.

Huch, ist das kalt.

Pudelnass stehe ich im Bach und verstehe die Welt nicht mehr. Der Hund des Nachbarn ist zuerst bei mir. Ganzerstaunt sehe ich ihn über mir an der Böschung, eben noch war er neben mir auf der Brücke. Meine Rolle durchs Geländer war perfekt, das Wasser nicht tief und mir geht es gut. Meine Bergung ist unproblematisch. Als Eiszapfen zu Hause angekommen, wärmt mich Mutti in ihrem Bett, heißer Holundersaft aus unserem Garten wärmt mich von innen.

Der Krieg rückte näher und näher. Ein kleiner Flughafen war nicht weit und Wünsdorf, das Hauptquartier des Heeres. Wie leicht konnte eine Bombe ihr Ziel verfehlen und uns treffen. Immer öfter saßen wir im engen Keller, fröstelnd, eng beieinander und verfolgten das bedrohliche Pfeifen. Wo wird sie wohl niedergehen? Wen wird es diesmal treffen?

Rechtzeitig hatten wir einen Notausstieg geprobt. Vor dem kleinen Fenster lag ein Sandsack. Würden wir Kinder es notfalls schaffen, ihn wegzuschieben und würden wirdann auch durchpassen? Wo der Kopf Platz fand, hatteauch unser kleiner Körper kein Problem. Wir passten durch. Das war einganz amüsantes Spiel. Nochjahrelangprobierteich jedes Gitter aus, ob ich auch durchpassen würde.

Bald bot sich die Chance, den schrecklichen Bombennächten zu entfliehen. Die Dorfschule in Biesenbrow war verwaist, der Lehrer in den Krieg beordert. Diese Nachricht erreichte auch

meine Mutter. Als Studienrätin mit den Fächern Deutsch

und Mathematik war sie gut gerüstet. Sie musste nicht

lange überlegen. Ohne zu zögern nahm sie die Stelle an.

Wir sollten also Ehm Welks Kummerow kennen lernen,

Kummerow im Bruch hinterm Berge, wo im Sommer

die Wolken weißer, die Farben kräftiger scheinen als anderswo.

Der Weg vom Bahnhof war ganz schön lang für meine kurzen Beine. Müde erreichte unser kleiner Trupp, Traute, Wölfi und ich im Schlepp meiner Mutter, endlich das Dorf, neugierig beäugt von den Bäuerinnen.

Das war also die neue Lehrerin.

Aber wie sprachen die denn? Ich verstand kein Wort. Mutti versuchte uns etwas Unverständliches zu erklären. Die Frauen machten jedoch keinen bösen Eindruck und leiteten uns gerne in das Pfarrhaus. Es sollte für die nächste Zeit unser Zuhause sein.

Der Krieg war nun weit weg, die Erwachsenen verschonten uns vor schlimmen Nachrichten. Männer gab es kaum im Dorf, das waren wir gewohnt.

Vor der Kirche, die das Pfarrhaus von der Schule trennt, breitete sich ein kleiner Teich aus. Der war insofern interessant, als ein riesiger Felsbrocken sich darin erhob, und majestätisch über allem Treiben wachte. Nur wer Mut hatte, konnte ihn mit zwei Sprüngen über einen anderen Stein erreichen. Wer dies geschafft hatte, thronte wie ein König vor dem kleinen Dorfplatz.

In den Schulpausen erfüllte ein vielstimmiges fröhliches Lachen die klare Luft. Ich mischte mich gerne unter die Schulkinder, sie ließen mich auch mitspielen. Wenn aber die Pause zu Ende ging, war es plötzlich einsam und still.

Einmal kommen die großen Jungs auf eine Idee:

„Komm doch einfach mit.“

„Ja, das wäre doch was“, ergänzt ein anderer.

„Meint ihr wirklich?“

„Das wird ein Riesengaudi.“

„Ich weiß nicht.“

„Na, deine Mutter wird Augen machen.“

Diesen Gedanken finde ich gut und muss unwillkürlich schmunzeln:

„Ja, prima.“

Nun sitze ich in dem einzigen Klassenraum zwischen den Großen in der letzten Reihe. Mit den Bänken kann man nicht einmal kippeln. Sie sind fest und stabil mit den Tischen verbunden

Hier mussten einst Martin Grambauer und Ulrike Breithaupt gesessen haben, die Heiden von Kummerow.

Ich kann alles gut überblicken. Die Kleinen sitzen vorne, haben artig ihre Schiefertafeln auf den Tisch gelegt und warten gespannt, was gleich passieren würde. Die etwas Größeren dahinter nehmen es lockerer, freuen sich diebisch auf die kommenden Ereignisse und ich throne stolz hier hinten bei den Großen. Die feixen über das ganze Gesicht.

Mein Hochgefühl, wie ein Schulkind hier zu sitzen, verliert sich schnell, als Mutti in die Klasse tritt. Ruhig und bestimmt bemerkt sie:

„Bärbel, du bist noch etwas klein für die Schule.“

Artig verlasse ich den Klassenraum.

Ich bin wohl wirklich noch zu klein.

Nochaufgewühlt von dem eben Erlebten, erobere ich mir den großen Stein im Teich und habe die ganze Welt für mich.Ich spüre den Wind auf meiner Haut,atme tief den Duft von frisch gemähtem Heu und schaue den weißen Wolken nach. Im matten Grün des Wassers spiegelt sich die Sonne wider, von Ferne schallt Hundegebell herüber.Ungestört kann ich träumen von der fremden Welt der Großen.

Im Winter kannten die Schulanfänger alle Buchstaben, sie konnten nun lesen. Einigen fiel es schwerer, sie hatten noch ihre Mühe mit den Texten. So jedoch nicht Traute. Sie hatte kein Verständnis dafür und prahlte laut:

„Pah, das kann ja meine kleine Schwester besser!“

„Du spinnst doch, das glaubst du doch selber nicht.

„Nee, wirklich, die kann das.“

Mit der kleinen Schwester war ich gemeint. Ich hatte meiner großen Schwester zwar manchmal bei den Schularbeiten zugesehen, interessierte mich auch für die einzelnen Buchstaben. Mein Lesen beschränkte sich jedoch auf die Straßennamen des Dorfes. Die anderen wollten es genau wissen. Sie zückten eilfertig die Fibel, schlugen ganz hinten den letzten Text auf. Ich sollte lesen. Ihre großen, verschwitzten Körper beugten sich von allen Seiten über mich.Mir wurde ganz schwummerig zumute. Alle wollten das Spektakel ganz nah erleben. Und ich las, las halbwegs flüssigdie kleine Geschichte von einer Schmiede. Nur das „ Zischen“ wollte nicht richtig über meine Lippen. Die Großen stauntennicht schlecht und nahmen michgleich auf inihren Kreis, den Kreis der Schulkinder.

So wurde ich auch zum Kindergeburtstag ins Schloss eingeladen, sollte es nun von innen kennen lernen. Staunend betrat ich einen großen Saal und sah einen riesigen, bunt gedeckten Tisch, so groß, wie ich ihn noch nie gesehen hatte. Mit meiner Schwester saß ich ziemlich weit entfernt vom

Geburtstagskind, der Kuchen schmeckte trotzdem. Als Höhepunkt war eine Schlittenfahrt versprochen worden. Auch hier gab es keine Berge, nur weites, flaches Land. Dafür aber Pferde, die man vor die Schlitten spannen konnte, vor eine lange, fröhliche Schlittenschlange. Auf den Feldern hatte der Schnee alle Furchen und Hügel zugedeckt, mühelos trabte das Pferd über die weite Ebene. Ich fand es nicht lustig. Zusammen mit Traute hing ich am Ende der Schlittenschlange. Das Tempo war enorm. Ängstlich klammerte ich mich an den Schlitten, in ständiger Sorge, bei den forschen Schlenkern böse in den Schnee geschleudert zu werden. Erst als unser Schlitten weiter vorne vertaut wurde, genoss auch ich diese winterliche Fahrt.

Meine Mutter begann in Biesenbrow wieder zu malen. Mein Porträt blieb leider unvollendet. Die rote Schleife in meinem Haar strahlte schon deutlich aus dem Bild hervor. Auch schrieb sie Märchen und kleine Geschichten. Einst hatte sie ihre Kindheitserinnerungen aus dem 1. Weltkrieg niedergeschrieben und erfolgreich veröffentlicht. Jetzt hatte sie endlich wieder Muße zu schreiben. Später wird sie sagen, dass es ihre glücklichste Zeit gewesen sei.

Der Krieg machte auch um Biesenbrow keinen Bogen, die Erwachsenen wurden unruhig, konnten ihre Sorgen nicht mehr verbergen. Für uns Kinder wurden sichere Verstecke gesucht. Zwischen dem Ende des ausladenden Daches und der Decke fand sich ein kleiner Hohlraum, in den wir gerade reinpassten. Von hier oben konnte ich den gesamten Raum überblicken. Es machte mir Angst, wie eindringlich wir belehrt wurden, im Ernstfall, wenn die Soldaten kämen, absolut still zu sein, was auch passieren würde.

Die Großen sprachen immer öfter geheimnisvoll miteinander.

Ich bekam immer größere Ohren, lief zu meiner Freundin: „Hast du gehört, dort steht ein Zug mit Verwundeten?“

„Ja, am Bahnhof, wollen wir hin?“

„Wollen wir wirklich?“

„Ein Gleis soll kaputt sein, es werden nur Züge an die Front durchgelassen.“

Mutti hatte mein Lauschen bemerkt und mich davor gewarnt, dort hinzugehen. Nun erst richtig neugierig geworden, stahl ich mich mit meiner Freundin zum Bahnhof.

So also sah der Krieg aus:

Müde Männer in Uniform, leere traurige Augen.

Rauchend standen sie vor dem Zug,

kauerten wie verloren an der Böschung,

saßen oder lagen in den Abteilen.

Überall Verbände, schmutziggelb verkrustete Verbände.

Manchen fehlte ein Arm oder ein Bein.

Verschämt schlichen wir uns zurück ins Dorf.

Von Tag zu Tag wurde es unruhiger in Biesenbrow, viele wollten weg. Auch wir packten unsere Sachen, wollten wieder nach Berlin.

Auf dem Bahnhof angekommen, lärmte uns eine aufgeregte Menschenmenge entgegen. Schweißgetränkte Luft machte uns das Atmen schwer. Vorne standen Uniformierte und ließen niemand auf den Bahnsteig. Niemand sollte fliehen.

Wir waren nicht als Einheimische registriert, sie konnten uns nicht verwehren nach Hause zu fahren. Durch ein Spalier finster blickender Menschen folgten wir Mutter auf den Bahnsteig und in den Zug nach Berlin.

Gen Süden

Unfreundlich und kalt empfängt uns der Bahnhof in Berlin. Kein Baum, kein Strauch, nur lange, graue Häuserschluchten. Wir steigen viele Stufen hinab in den Untergrund zur S-Bahn. Die Fahrt währt nicht lange, sie endet im Bahnhof Friedrichstraße.

Fliegeralarm!

Mit drei kleinen Kindern und viel Gepäck steht meine Mutter unten auf dem Bahnsteig und kann nur warten. Unser Zuhause noch weit weg.

Ich lasse meinen Blick gelangweilt durch die Halle schweifen.

Was ist das? Das mussich näher betrachten.

Da kriechen Stufen langsam aus dem Boden, erheben sich und laufen immer höher. Ohne die geringste Anstrengung können die Menschen nach oben gelangen.

Das muss toll sein. Aber was wollen die denn da oben, wo dochFliegeralarm ist?

Meine Neugierde ist übermächtig. Vorsichtig stelle auch ich meine Füße auf dieses Wunderband. Ich spüre ein angenehm leichtes Gefühl, werde sanft nach oben getragen. Plötzlich höre ich meinen Namen rufen, sehe Muttis erschrockenes Gesicht. Der Zauber ist verflogen. Oben angekommen laufen die Menschen in allen Richtungen auseinander.

Wie komme ich jetzt wieder zurück?

Eine Treppe nach unten kann ich nirgends finden. Alle eilen vorbei, niemand beachtet mich. Sie haben alle ein festes Ziel. Nur ich irre mit meinem schlechten Gewissen suchend hin und her.

„Mensch, du dumme Ziege“, tönt plötzlich hinter mir eine vertraute Stimme. Es klingt wie Engelsglocken. Schuldbewusst stehe ich vor meiner großen Schwester. „Nun komm schon“, ergänzt sie wütend. Sie kennt den Weg nach unten und muss meinen Leichtsinn wieder ausbügeln.

Endlich Entwarnung, es kann weitergehen. Die Bomben haben die Südstrecke beschädigt, wir müssen über den Ring ausweichen. Also wieder mit der Rolltreppe nach oben und diesmal in den Zug nach Ostkreuz steigen. Dicht an dicht drängen sich Menschen in die überfüllte S-Bahn, wir mitten unter ihnen. Sie schleicht sich nur mühsam vorwärts, schiebt sich von einem Haus zum nächsten. Sie stehen zum Greifen nah, direkt an der Bahntrasse.

Aber es sind keine Häuser mehr, die ich da sehe, nur absonderliche Gebilde:

Halbe Wohnzimmer,

manchmal hängt noch ein Bild an der Wand,

Treppen,

die im Nirgendwo enden,

Mauern,

die keinen Sinn mehr haben.

Feuer

knistert in den Abenddunst,

Hitze

spüren wir bis zu uns.

Weit und breit keine Feuerwehr.

Nur stummes, endloses Entsetzen.

Nach mühevollem Umsteigen am Ostkreuz, in Papestraße und langer Fahrt Richtung Süden, können wir endlich zu Hause ausschlafen.

Wie die meisten Menschen in dieser Zeit hatte auch meine Mutter Angst vor den Russen. Sie waren unsere Feinde gewesen in diesem Krieg. Unsere Väter hatten ihre Dörfer und Städte verbrannt und nun überrollten sie uns in unserem eigenen Land.

Was würde geschehen? Wie würden sie Vergeltung üben?

Schon seit einiger Zeit hatte sie den Entschluss gefasst, zu den Amerikanern zu entfliehen. Sie waren inzwischen in Thüringen einmarschiert. In Erfurt, wo sie ihre Kindheit verbracht hatte, lebten noch Freunde und Bekannte von ihr. Ihnen hatte sie einige Sachen geschickt, wir würden nachkommen. Die Pakete kamen nie an, das erfuhren wir erst später.

Jetzt hatten wir ein festes Ziel. Aber wie sollten wir nach Erfurt gelangen? Die Bahn schied aus. Sie fuhr nicht zuverlässig und wenn sie fuhr, war es gefährlich. Zu oft hatte Mutter von Tieffliegern gehört. Auf freiem Gelände bot die Bahn ein gutes Angriffsziel, war den Fliegern schutzlos ausgeliefert. Dieses Risiko wollte sie nicht eingehen. Autos oder Benzin gab es nicht für Zivilisten. Wir mussten die Strecke von Berlin nach Erfurt zu Fuß bewältigen. Es kam nur eine lange Wanderung infrage. Gemeinsam mit Tante Inge, Muttis Schwester, und einer Bekannten stapften wir los. Die Route gen Süden eingeschlagen, trällerten wir immer mal ein munteres Lied. Manchmal pfiffen die Großen nur so vor sich hin. Ich wollte es ihnen gleichtun, brachte aber nur ein paar krude Töne hervor. Die Wanderung war jedoch lang genug, um es richtig zu lernen. Abends erzählte uns Mutti in irgendeiner Scheune schöne Geschichten. Auch von dem klugen, weitsichtigen Odysseus, der jedes Unglück mutig überwand. Besonders hat mir imponiert, wie er den einäugigen Zyklopen überlistet hatte. Der konnte nur um Hilfe schreien:

„Niemand hat mir ein Leid getan“,

weil Odysseus sich als Niemand ausgegeben hatte.

Nach solchen Geschichten schliefen wir wunderbar ein.

Die Frontlinien näherten sich von beiden Seiten. Um von einem Dorf zum nächsten zu gelangen, benötigten wir einen Passierschein. Zunächst funktionierte das ganz gut, schließlich erhielten wir keinen Schein mehr. Wir liefen auf entlegenen Feldwegen weiter. Eines Tages mussten wir unbedingt über eine größere Brücke. Die war militärstrategisch wichtig und wurde von Soldaten bewacht.

„Nicht lange überlegen“, berieten die Großen, „sie beobachten uns bereits.“

Beherzt gehen wir auf den Posten zu. Mutti und Tante Inge vertrauen auf die geographische Unkenntnis der fremden Soldaten. Sie ziehen den letzten, jetzt ungültigen Schein hervor, weisen temperamentvoll auf imaginäre Orte in der Ferne, reden, gestikulieren und reden auf sie ein, bis sie uns nur loswerden wollen. Mit der uns möglichen Eile rauschen wir den nächsten Feldweg entlang, im Nacken die Angst, sie könnten unseren Bluff noch entdecken.

Einige Tage später trafen wir auf gut gelaunte französische Soldaten, die nach Hause wollten. Der Krieg war zu Ende.

Deutschland existierte nicht mehr, nur noch Besatzungszonen. Wir wollten in die amerikanische, hatten also den gleichen Weg wie die Soldaten. Uns Kinder setzten sie auf ihren Wagen und flott ging es voran gen Westen. Eine vortreffliche Aussicht hatte ich auf ihrer Bagage. Die Elbe war schnell erreicht, doch hier war Stopp. Die Brücke war gesprengt worden.

Die Amerikaner hatten einen Fährverkehr eingerichtet. Die Franzosen konnten gleich in ihr Schnellboot einsteigen, wir sollten mit der nächsten Tour nachkommen. Unser Gepäck nahmen sie gleich mit und trösteten uns Kinder mit Blockschokolade aus ihrer Eisernen Reserve. Zum größten Teil wanderte diese Schokolade nun ihrerseits in unsere Eiserne Reserve. Jedes von uns Kindern besaß ein Köfferchen mit wichtigen Papieren, etwas Geld und Essbarem. Das war selbstverständlich. Niemand konnte wissen, ob wir nicht in irgendeinem Chaos getrennt würden und uns mutterseelenallein durchschlagen müssten. Jetzt landete auch leckere Schokolade in diesen Köfferchen.

Immer mehr heimkehrende Franzosen strebten in ihre Heimat, das Boot der Amerikaner wurde schnell voll. Für uns fand sich kein Platz mehr.

Immer mehr Zivilisten treffen ein, campieren wie wir neben der Straße und schauen sehnsuchtsvoll zum anderen Ufer. Von Ferne sehen wir, wie unsere Sachen neue Besitzer finden. Besonders traurig ist Mutter, als ein Soldat ihr schönes rotes Samtkleid prüfend in die Höhe hält, es für gut befindet und einsteckt. Es leuchtet wie eine Flagge zu uns herüber.

Ein findiger Einheimischer nutzt die Gelegenheit und macht sein Boot flott. Die Ersten steigen ein und fahren über denFluss, ein breiter Frühlingsstrom zu dieser Zeit. Mit Sorge verfolgen wir die Fahrt, beobachten, wie das kleine Boot mit der starken Strömung kämpft. Wieder an unserem Ufer gelandet, ist es weit von uns entfernt. Auf dem unwegsamen Gelände gelangen wir erst zum Boot, als es bereits wieder voll ist.

„Das schaffen wir nie“, klagt Mutti „wir müssen uns etwas einfallen lassen.“

„Ja, ich denke auch “, meint Tante Inge, „ich werde vorlaufen und den Käp´ten überreden, auf uns zu warten.“ Gesagt, getan. Bei der nächsten Tour können wir als Erste einsteigen.

Aber was für ein Boot?! Alt und morsch. Gewiss war es bereits abgewrackt gewesen. Es gibt kein Zurück mehr. Mutti hält mit bloßen Händen ein Loch im Boden zu, andere schöpfen das eindringende Wasser wieder raus. Mutti ist keine gute Schwimmerin, Tante Inge vielleicht. Trübe, schmutzigbraune Brühe strudelt Richtung Norden, schlägt wuchtig gegen die Bordwand. Mühsam kämpft der Motor dagegen an. Trotzdem erreichen wir trockenen, festen Boden auf der anderen Seite.

Wir hatten wohl einen Schutzengel.

Noch heute lege ich regelmäßig eine Gedenkminute ein, wenn ich auf einer sicheren Brücke über die Elbe fahre.

Meine Mutter schien nun etwas entspannter auszuschreiten, wir befanden uns bereits im amerikanischen Sektor. Einige Kilometer vor unserem Ziel konnten wir auf die Ladefläche eines kleinen dreirädrigen Transporters steigen und rollten so der Stadt entgegen.

Voller Hoffnung und gesund, nach vier Wochen Wanderschaft, hatten wir Erfurt erreicht. Als Erstes überraschte mich eineFrau, die ihren Garten umgrub. Die Erde war so ganz anders, schwarz und fest, nicht so leicht und sandig, wie ich es von zuHause aus kannte. Sie hatte ordentlich Mühe, die schwere Arbeit zu bewältigen, aber sie wollte anbauen und pflanzen. Der Krieg war wirklich zu Ende.

Wie erwartet stand in Berlin die Rote Armee. Keiner der westlichen Alliierten wollte auf die Reichshauptstadt verzichten. Sie wurde zerschnitten und aufgeteilt wie ein Kuchen, lieber verzichteten die Amerikaner auf Thüringen. Berlin wurde ein halbes Jahrhundert lang zur Frontstadt, zum Brennpunkt des Kalten Krieges zwischen Ost und West.

Wir sahen die Amerikaner noch in Erfurt, wie sie auf ihre LKWs sprangen und abfuhren. Der Sinn unserer Flucht war an der Realität zerplatzt. Weiter wollten wir nicht mehr.

Leben am Flunsch

In Erfurt arbeitete meine Mutter wieder als Mathe-Lehrerin. Zunächst an einer Grundschule, ein Jahr später an der Oberschule und ab 1947 als Dozentin für Mathematik an der späteren Pädagogischen Hochschule. Sie bildete nun ihrerseits Mathelehrer aus. Sie hatte die herrliche Gabe, komplizierte Dinge einfach zu erklären. Das konnte sie gut.

In einem Mantel, selbst geschneidert aus zwei Decken, aus zwei verschiedenfarbigen Decken modisch geschneidert, stand sie in schlecht geheizten Räumen vor ihren Studenten. Die hatten lange Zeit keinen Stift mehr in den Händen gehalten, nur starre, todbringende Waffen.

Ich verstand nicht, warum Erwachsene noch zur Schule gehen mussten. Verwundert schaute ich auf die vielen roten Zeichen, wenn Mutti abends ihre Arbeiten korrigierte.

Wieso machen Erwachsene noch so viele Fehler?

Ich hatte gedacht, sie wüssten immer alles, sie taten jedenfalls so.

Und wie sollte es mit mir weiter gehen?

Mutti stellte mich dem Schuldirektor vor. Freundlich unterhielt er sich mit mir über dies und das, fragte nach der Malfolge der Zwei. Das war puppenleicht. Auch einen kleinen Text las ich vor. Das „Z“ konnte ich korrekt aussprechen, ich konnte ja inzwischen auch pfeifen.

„Nun“, überlegte er, „was wollen wir da machen? Sie beherrscht ja schon den Lernstoff der ersten Klasse.“

„Ja“, erwiderte Mutti, „deswegen sind wir hier. Sie wäre wohl unterfordert in der ersten Klasse“

„Aber was ist mit dem Schreiben?“

„Das schafft sie auch, wir haben ja noch ein paar Wochen Zeit.“

Der Direktor war einverstanden und Mutti übte jeden Tag einen neuen Buchstaben mit mir. Nicht mit Griffel und Schiefertafel, wie es bei Erstklässlern üblich war, sondern gleich mit Federhalter und Tinte. Für schöne Schrift war keine Zeit. Außerdem bin ich Linkshänder. Mutti drang darauf, mich der Tradition zu fügen, die sich an Rechtshändern orientiert. Sie sorgte sich vor der Diskriminierung eines Außenseiters. So nahm ich ganz selbstverständlich meinen Federhalter in die rechte Hand und wurde beidhändig. Der Grundstock für meine Doktorschrift war gelegt.

Ende Juni konnte ich alle Buchstaben schreiben und schnupperte in die Klasse, mit der ich in das zweite Schuljahr versetzt werden sollte. Meinen ersten Schultag feierten wir nicht gerade überschwänglich. Die selbstgebastelte Schultüte war dem Jahr 1945 angemessen.

Mein Vater kehrte aus dem Krieg zurück. Körperlich unversehrt. Über seine Erlebnisse und sein Tun in dieser Zeit hat er niemals ein Wort verloren. Er war mir fremd in meinem bisherigen Leben und er blieb mir auch fremd.

Endlich bekamen wir eine Wohnung zugewiesen und konnten unsere provisorische Bleibe verlassen. Die obere Etage in einer Villa, an drei Seiten ein Balkon, direkt am Flutgraben der Gera. Die Erfurter nannten ihn liebevoll ihren Flunsch. Im Sommer ein friedlicher Graben mit viel wildem Grün, war er der ideale Spielplatz für uns Kinder. In die steile Böschung, die von der Straße nach unten führte, hatten wir Kuhlen gebuddelt. Diese Stufen schlängelten sich als schmaler Pfad durch die Wildnis, eine ideale Fluchtrute beim Versteckspielen. Gelegentlich wuchteten Nachbarn große Steine in den Graben. In dem angestauten Wasser konnten wir spielen und planschen. Das Freibad gegenüber war für die Besatzer und ihre Familien reserviert. Als es später auch für uns geöffnet wurde, überwand ich meine Furcht vor dem tiefen Wasser, schwamm dem langen Stock des Schwimmlehrers hinterher bis es auch ohne ihn ging.

Am Ufer des Baches wuchs saftiges Gras in Hülle und Fülle. Es jeden Tag zu pflücken fanden wir nicht toll, unsere Kaninchen brauchten jedoch Futter. Sie lebten auf unserem Balkon, waren keine niedlichen Spielgefährten. Sie sollten den kargen Speiseplan ergänzen. Der war recht originell. Alle Mütter dieser Zeit waren Künstler der Improvisation. Alle möglichen Ersatzstoffe, von Honig über Zucker bis Butter, landeten in unseren Bäuchen. „Schiebewurst“ wurde zum großen Hit. Manchmal gelangen uns Gelegenheitskäufe. Eines Tages hatten wir eine ordentliche Portion Haferflocken erstanden, leider ungeschält. Gerne aßen wir die süße Suppe und schluckten tapfer die Haferflocken mitsamt ihren Spelzen hinunter. Ausgepresster Mohn, geformt zu trockenen, harten Scheiben, landete ebenfalls in unserer Speisekammer. Mutti musste sie stets mit einer großen Zange bearbeiten, um ihnen etwas Substanz zu entreißen. Aber an jedem Wochenende zauberte sie einen herrlichen Kuchen auf den Tisch.

Und niemals werde ich den strengen Geschmack von Lebertran vergessen.

Im Frühjahr wird dieser harmlose Flunsch zum gurgelnden, tosenden, Angst einflößenden Ungeheuer. Eine schmutzigbraune, reißende Flut, ganze Bäume mit sich reißend, stürmt brausend Richtung Norden. Ich weiß, wie tief der Graben ist. An solchen Tagen gehe ich lieber auf der anderen Straßenseite zur Schule. Doch die liegt gegenüber. Die schmale Fußgängerbrücke, sonst sanft in der grünen Landschaft ruhend, wirkt nun zerbrechlich. Sie scheint sich selbst zu fürchten über diesem brodelnden Höllenschlund. Für einen Umweg über die große Brücke hätte ich früher aufstehen müssen. All meinen Mut nehme ich zusammen und eile mit klopfendem Herzen ans andere Ufer.

Hoffentlich hält sie stand und lässt sich nicht mitreißen. Vor allen Dingen nicht, wenn ichgerade hier bin.

Sobald der Flunsch wieder friedlicher wurde, eroberten wir ihn als Spielplatz zurück. Gemeinsam mit der Natur erwachte auch unser Tatendrang.

Wenn schließlich die Gloriosa vom Dom herüberschallte, bedeutete das Ferien, es war Ostern. Selbst wir hielten kurz ein in unserem wilden Spiel und lauschten ihrem Klang. Ein himmlischer Ton ergoss sich über die Stadt, vereint mit dem nächsten und wieder dem nächsten in stetig folgender Harmonie, verzauberte er die Stadt und ihre Menschen.

Von unseren Kinderzimmern aus, wir hatten jetzt jeder unser eigenes, konnten wir das spannende Geschehen am Flunsch beobachten. Sechs große Zimmer und nach drei Seiten ein Balkon, das war fantastisch. Allerdings fehlten zunächst jegliche Möbel. Die Besitzerin im Erdgeschoss wollte uns nicht einmal einen Tisch ausleihen.

Aber ausgleichende Gerechtigkeit, die Gasuhr war defekt. Irgendetwas klemmte in ihrem Räderwerk, sie zählte nur gelegentlich weiter. Wir mussten mit Gas nicht sparen, im Winter war es in der Küche immer kuschelig warm. Am großen Familientisch, den wir inzwischen besaßen, konnten wir essen, spielen, na ja, auch Schularbeiten erledigen. Er bildete den Mittelpunkt unseres Familienlebens.

Reichlich Respekt hatte ich vor der Therme im Bad. Man wusste nie, ob das Gas gleichmäßig strömt, plötzlich versiegt oder gar alles explodieren würde. Mutti hatte mich eindringlich ermahnt aufzupassen. In der Badewanne war ich jedoch alleine, trug die volle Verantwortung. Das andere Ende der Wanne, möglichst weit weg von der Gefahr, schien mir am sichersten. Gebannt schaute ich auf die flackernden, blaugelben Flammen, stets bereit, gleich aus der Wanne zu springen. In rekordverdächtiger Zeit absolvierte ich meine Hurtigwäsche und verließ schnell wieder das Bad in sicheres Terrain.

Spannend war auch das Ablesen der Gasuhr. Wenn wir den Termin für die Kontrolle erfahren hatten, drehten wir alle Flammen auf und Mutti bearbeitete im Keller die Gasuhr mit den Fäusten. Sie sollte sich bequemen, etwas weiter zu laufen. Mutter schaffte es immer, die Uhr in einen annehmbaren Bereich zu trommeln, die Kontrolle verlief stets unauffällig.

In einem Zimmer unserer Wohnung konnten wir frische Luft schnappen, ohne die Fenster zu öffnen. Ein Granatsplitter hatte die Ecke des Hauses getroffen, sie war nicht mehr vorhanden. Der Fußboden ragte in den Garten, von unten provisorisch gestützt durch einen Balken. Diesem Umstand verdankten wir wohl auch unser Wohnrecht, denn direkt neben uns waren alle Häuser für sowjetische Offiziere und ihre Familien beschlagnahmt worden. Wir konnten sie von unseren Fenstern aus sehen. Sie sahen wie ganz normale Menschen aus.

Ihr Bereich war mit einem Schlagbaum abgetrennt, für Fußgänger jedoch nicht gesperrt. Unser wichtigster Kaufmannsladen befand sich direkt dahinter. Das bedeutete für uns, entweder einen weiten Umweg in Kauf zu nehmen oder:„Augen zu und durch“. Ich benutzte in der Regel den kurzen Weg, wagte aber kaum nach links oder rechts zu sehen, eilte zügig bis zum Schlagbaum am anderen Ende. Dort atmete ich erleichtert auf und konnte entspannt meine Aufträge erledigen. Am Monatsende hatten wir stets noch einige Marken übrig, Mutter konnte gut einteilen. Dann wurde ich im Laden bevorzugt bedient. Viele Frauen mussten warten, weil sie schon mit den Marken vom nächsten Monat einkaufen wollten. Stolz ging ich an ihnen vorbei und zeigte meine Marken vor. Unter neidvollen Blicken nahm ich meinen Zucker, mein Mehl und andere Dinge entgegen. Ordentlich beladen konnte ich meinen Rückweg wieder antreten.

Eines schönen Wintertages strebe ich mit Wölfi gut gelaunt der Cyriaksburg entgegen. Mt unserem Schlitten sehen wir uns schon den Berg hinunter sausen. Kurz vorher biegen wir in einen kleinen Weg ein.

„Stoi!“ schallt es uns entgegen. Vor Schreck erstarren wir zu Stein, stehen wie festgenagelt vor einem großen Jungen. Er brabbelt etwas auf Russisch und beginnt an unserem Schlitten zu zerren. Deutlich älter und kräftiger als wir, haben wir keine Chance. Weit und breit keine Menschenseele. Auf dem glatten, abschüssigen Weg beginnen wir zu rutschen. Doch unsere Schreckstarre löst sich, mit einer Hand krallen wir uns am Schlitten fest, mit der anderen am nahen Gartenzaun. Wir sind schließlich zu zweit und fest entschlossen, uns nicht von unserem Schlitten zu trennen. Es gibt keinen neuen.

Plötzlich zieht er eine Pistole und zielt auf uns.

Die Angst lässt uns erneut erstarren. Noch nie mussten wir in den Lauf einer Pistole schauen. Wir können keine Spielzeugpistole von einer echten unterscheiden. Für uns ist sie echt. Wir lassen trotzdem nicht los.

Wir wenden uns ab, um diesen schrecklichen Lauf nicht zu sehen, halten aber weiter fest.

Endlos schleicht die Zeit, doch wir weichen nicht.

Schließlich senkt er die Waffe, zieht von dannen, ohne Schlitten

Kein Schuss war gefallen. Der Zaun hatte gehalten und wir auch. Erst jetzt beginnen uns die Knie zu zittern, auf dem kürzesten Weg eilen wir nach Hause. Wir besitzen noch unseren Schlitten, doch die Lust am Rodeln ist uns vergangen.

Und die bewusste Straße mit den Schlagbäumen wurde vollends zur Horrorstraße. Hier musste der Junge ja wohnen.

Der Krieg, war er tatsächlich vorbei?

Mein kleiner Bruder sollte vor seiner Einschulung etwas aufgepäppelt werden.

Während er für einige Zeit in den Westen fuhr, zur jüngsten Schwester meiner Mutter, ging für mich und meine Schwester der Alltag weiter. Morgens den Schulweg legte ich im Sauseschritt zurück. Erst auf den letzte Drücker verließ ich das Haus, ich schlafe doch morgens so gerne. Eine große Gärtnerei kurz vor der Schule war mein Geschwindigkeitsmesser. In langen Reihen leuchteten niedliche kleine Pantoffelblumen durch den Zaun, streng sortiert nach Farben. Wenn die Kirchturmuhr dreimal schlug, musste ich an einer bestimmten Farbe sein, um die Klasse pünktlich zu erreichen. War ich schon weiter, konnte ich etwas bummeln, hatte ich sie noch nicht erreicht, musste ich mich ordentlich sputen.

Die Schule selbst, ein ehrwürdiger Backsteinbau, hatte den Krieg als Lazarett überlebt. Das rote Kreuz auf dem Dach leuchtete noch immer in den Himmel. In der Turnhalle campierten Flüchtlinge, die von uns in den Pausen neugierig beäugt wurden.

Unser Sportunterricht fand auf dem Schulhof statt. Wir spielten öfter Völkerball. Ein riesengroßer Ball, gefüllt mit Sägespänen, sollte von uns bewältigt werden. Warum er Medizinball hieß, hat sich mir nie erschlossen. Wenn ich ihn wirklich gefangen hatte, knallte er mir mächtig ins Gesicht und trieb mich ein paar Schritte rückwärts. Schnell wollte ich dieses Ungetüm wieder loswerden und jemand anderen treffen. Was tut man nicht alles für die Mannschaft.

Viele Schulbücher gab es nicht. Die wenigen Hefte, die ich brauchte, passten gut in meinen Ranzen und dort blieben sie auch. Ich musste mir keinen Stundenplan merken, hatte für jede Stunde das Notwendige parat.

Mit einer Ausnahme: Handarbeit!

Wir sollten Socken stricken. Regelmäßig fehlte mir mein angefangenes Exemplar. Wie sollte ich mir auch merken, dass dieser Schultag ein besonderer war. Regelmäßig fand sich eine mitfühlende Seele, die mir mit Wolle und Nadeln aus der Patsche half. Ich fing jedes Mal von vorne an, kam über das Zwei-rechts–zwei-links-Bündchen kaum hinaus. Lange schon unterrichtete die Lehrerin an dieser Schule. Sie kannte noch einige Eltern von uns. Es gab stets ein freudiges Hallo, wenn bekannte Namen auftauchten. Ich verkniff mir lieber, den Mädchennamen meiner Mutter preiszugeben, obwohl ich täglich an der Straße vorbei kam, in der sie als Kind gewohnt hatte. Die Aufmerksamkeit der Lehrerin wollte ich nicht auf meinen Nicht-Socken lenken. Außerdem war Mutti wohl auch keine Musterschülerin gewesen, wie ich aus ihren Erzählungen weiß.

Mit neuen Kinderschuhen unter dem Arm kam eines Tages

unsere Lehrerin in die Klasse. Ein Lager mit Schuhen war konfisziert worden. Noch echte Friedensware. Ich trug zu dieser Zeit ökologisch wertvolle Sandalen. Tarnstoff aus dem Krieg, der im nahen Steigerwald reichlich entsorgt worden war, konnte dafür verarbeitet werden. In schmale Streifen geschnitten, diese zu Zöpfen geflochten und fest zusammengenäht, ergab er brauchbare Sohlen.

Einen Bezugsschein für neue Schuhe besaß ich auch. Damit war ich Kandidat zum Anprobieren. Und tatsächlich passtemir einPaar, ein wunderschönes Paar, tiefblau, mit einer Lasche über den Schnürsenkeln und niedlichen Holzglöckchen am Ende der Bänder. Ich wollte sie nicht wieder ausziehen,brauchte ich auch nicht. Der ganzen Klasse durfte ich meine Schuhe vorführen. An der Hand der Lehrerin durchschritt ich den Raum und ließ mich mit meinen neuen Schuhen bewundern. Ich konnte mich lange nicht von ihnen trennen. Mutter sah das mit gemischten Gefühlen, Kinderfüße pflegen zu wachsen.

Zum Geburtstag bekam ich eine Blockflöte geschenkt und auch Unterricht. Frau Brose, eine nette ältere Dame, ich musste immer durch die bewusste Straße gehen, ließ mir an einem langen Seil den Schlüssel herab, versteckt in einem roten Rüschenbeutel. Von unten grüßte ich artig mit einem Knicks. In einer kleinen, gemütlichen Wohnung unter dem Dach lernte ich Woche für Woche neue Lieder zu spielen. Besonders gefiel mir, wenn wir gemeinsam spielten.

Heimwärts schlenderte ich dann trällernd durch die Straßen: „Weißt du wie viel Sternlein stehen…“

Ich wusste es nicht. Je länger ich in den abendlichen Himmel schaute, zwinkerten mir immer mehr kleine, ferne Lichter zu. Ich konnte sie nicht zählen, es wurden immer mehr. Es war verwirrend.

Doch wer könnte sie zählen? Bestimmt der Liebe Gott.

Also sang ich mein eigenes Lied „Der Liebe Gott hat die Sterne gezählt…“ Das machte Spaß und sogleich wollte ich 'Singerin' werden.

Kann der Liebe Gott wirklich alleSterne zählen? Ihm wird es doch genauso gehen wie mir, je länger er zählt, umsoverwirrender wird es.

Also ergänzte ich mein Lied „Der Liebe Gott hat die Sterne gezählt, doch er hat sich verzählt…“Nun war ich an einer Apotheke angelangt. Jedes Mal wunderte ich mich neu. Da gab es einen Buchstaben, den man beim Sprechen einfach weglassen konnte.

Wir sagen doch nicht Apot- heke.