Irrwege eines Mädchens - Ravina Fall - ebook

Irrwege eines Mädchens ebook

Ravina Fall

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Opis

Ravina Fall ist ein Avatar auf der Online Plattform Second Life. Auch in ihrem zweiten Buch hat die Autorin ihre Erlebnisse als Rollenspielerin wieder zusammengefasst und zu einem Roman verarbeitet. >>Noch immer sträubt Ravina sich dagegen, ganz Sklavin zu sein. Tief in ihr verwurzelt ist die Angst, sich hinzugeben und dann fallen gelassen zu werden, so wie sie es in ihrer Vergangenheit erleben musste. Eines Tages ist die Geduld ihres Herrn zu Ende und sie wird wieder verkauft. Eine Flucht, ein neues Leben, Angst vor Entdeckung. Wird sie letztendlich zu ihrer Bestimmung finden?<<

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MOBI

Liczba stron: 462




Ravina Fall

Irrwege eines Mädchens

Eine Geschichte aus dem Rollenspiel in Second Life

Texte: © 2011 Ravina Fall

Umschlaggestaltung: © 2011 Greta Heron

Verlag:

Ravina Fall

c/oPapyrus Autoren-Club,R.O.M. Logicware GmbHPettenkoferstr. 16-1810247 Berlin

Druck: epubli ein Service der neopubli GmbH, Berlin

Die bereits veröffentlichten Romane um Ravinas Geschichte:

Teil 1: Der Weg eines Mädchens

Teil 2: Irrwege eines Mädchens

Teil 3: Sklavenseele

Inhalt

Prolog

1.Ravina

2.Lady Vina

3.Vin

4.Talia

5.Nichtsnutz

Prolog

Schonseit einigen Monden war das Leben in Nine Wells ein Friedliches geworden. Es schien, als würden die herumziehenden Städteplünderer und Wüstenbanden durch den Machtwechsel in der Stadt andere Wege gehen und die Bürger konnten endlich aufatmen.

Bald ging man wieder seinen alltäglichen Beschäftigungen nach, der Handel blühte auf und immer öfter hörte man sogar die Krieger auf den Wehrmauern scherzen. Wie herrlich war es, nicht mehr bei jedem Schritt vor das Tor befürchten zu müssen, einen Pfeil in den Rücken zu bekommen. Endlich konnte man es wieder wagen, den Schutz der Stadtmauern zu verlassen.

1.Ravina

Es war am frühen Abend, als Ravina mit vier weiteren Sklavinnen Tabletts voller Geschirr über den heißen Sand zum Zelt bei der kleinen Wasserstelle vor der Stadt schleppte. Die Sonne brannte auch zu dieser Stunde noch unerbittlich vom Himmel, die Tuniken klebten den Mädchen auf der Haut und sie mussten sich immer wieder den Schweiß von der Stirn wischen, damit er ihnen nicht in die Augen lief und die Sicht verschleierte.

Der Prätor hatte beschlossen, ein kleines Fest zur Feier der langen Friedensperiode zu geben, welches unbedingt außerhalb der Stadtmauern stattfinden sollte. So blieb den Sklavinnen nichts übrig, als Tablett für Tablett nach draußen unter den großen Stoffbaldachin zu schleppen, der in der kleinen Oase zwischen den Dattelpalmen gespannt worden war.

Ravina stapelte, leise vor sich hin summend, Schalen, Becher und Teller auf der kleinen Anrichte im hinteren Bereich des Zeltes, während die anderen noch einmal zur Stadt liefen, um die Speisen und Getränke zu holen. Automatisch verrichteten ihre Hände die Arbeit, während ihre Gedanken sich selbständig machten.

Wie lange war es her, seit sie ihr Brandzeichen erhalten hatte? Sicher schon mehr als einen Mondzyklus! Sie hatte die Tage nicht gezählt, wozu auch? Trotzdem fragte sie sich manchmal, wann sie begonnen hatte, die Endgültigkeit ihres Schicksals zu akzeptieren.

Still vor sich hin lächelnd glitt ihr Blick kurz zurück in Richtung Stadt. Noch war von ihren Kettenschwestern nichts zu sehen und so drehte Ravina den Kopf wieder zu den Geschirrbergen vor sich und beäugte nun diese kritisch. Hoffentlich hatte Jana alles gut gespült. Wenn nicht, würde es auf die Mädchen zurückfallen, die servierten.

Mit Schaudern dachte sie an einen Vorfall vor einigen Tagen zurück, als sie in der Taverne gearbeitet hatte. Ihr Blick verlor sich im Nichts.

... Ravina war kurzfristig gerufen worden, um beim Bedienen einer Gruppe von Händlern zu helfen, die in Nine Wells ihre Waren tauschen wollten. Da die Mädchen vorher nur zu zweit gewesen waren und die Händler sich als äußerst ungeduldige Gäste entpuppt hatten, war Ravinas Hilfe ein Segen für die Kajirae.

Als sie für eine weitere Runde Wein in die Küche geschickt worden war, beeilte sie sich, die Kelche zu füllen. Sie wusste ja, dass am Mittag das ganze Geschirr vorgespült worden und bei ihrer Prüfung der Becher und Kelche für die erste Runde auch alles sauber gewesen war. So hatte sie dieses Mal auch keinen Grund gesehen, schon wieder alles zu prüfen - immerhin sollte es ja schnell gehen. Rasch hatte sie dann alles auf ihr Tablett gestellt und es zu den Freien hinaus getragen. Dabei wäre sie fast mit Jana zusammengestoßen, die ihr gerade mit einem leeren Tablett entgegen gekommen war. Die Mädchen hatten sich zugelächelt, dann war jede in ihre Richtung weiter geeilt.

Am Tisch der Händler hatte Ravina sich mit gespreizten Schenkeln nieder gekniet, ihnen die Getränke gereicht und dann abgewartet, ob es hier noch etwas für sie zu tun gab.

Die reisenden Händler hatten ihre Kelche gehoben und mit den Händlern der Stadt auf das Wohl der Kaste getrunken. Bis auf einen.

Es war ein dunkelhäutiger, schwarzhaariger Freier, der anstatt zu Trinken stirnrunzelnd in seinen Kelch gesehen, dann den Blick gehoben und seine Augen stechend auf Ravina gerichtet hatte.

„Was ist das?“ Seine schneidende Stimme war Ravina durch Mark und Bein gegangen.

Sofort war sie erschrocken aufgesprungen und zu ihm hin gelaufen, hatte zunächst fragend auf den Kelch, dann zum Händler geblickt. „Ist etwas mit eurem Getränk nicht in Ordnung, Herr?“

Stumm hatte der Freie ihr das Gefäß direkt vor die Nase gehalten. Als Ravina nach unten schaute war sie blass geworden. Deutlich hatte sie durch die rötliche Flüssigkeit hindurch kleine Sandkörner auf dem Boden des Kelches erkennen können. Er war nicht richtig gespült gewesen!

Ihr Herz hatte plötzlich bis zum Hals geschlagen, sie hatte trocken geschluckt und sich nicht mehr gewagt aufzublicken. „Es tut Ravina leid, Herr!“ Ihre Stimme war hörbar zittrig gewesen. „Sie hat... den Kelch nicht sorgfältig genug vorbereitet, Herr.“

In der plötzlichen Stille am Tisch hatte der Freie seinen stechenden Blick von ihr abgewandt und zum Sklavenhändler der Stadt gesehen. „Sag Franky, ist das Ding eins deiner Stadtmädchen?“

Während seine tiefe Stimme in Ravinas Ohren dröhnte, war ihr abwechselnd heiß und kalt geworden.

„Was tut ihr hier mit den Mädchen, wenn sie nicht fähig sind, einen Gast zufrieden zu stellen, Franky?“

Langsam hatte Ravina ihren Kopf gehoben und über den Tisch zum Sklavenhändler geschaut, der ihren Blick sehr ernst erwidert hatte, bevor er sich wieder dem fremden Händler zuwandte.

„Nun, wenn du möchtest, überlasse ich sie dir zur Bestrafung, Sorus. Aber natürlich kann ich das auch gleich selbst erledigen, wenn es dir lieber ist.“

Aus den Augenwinkeln hatte Ravina bemerkt, wie der Händler neben ihr seinen Blick wieder auf sie richtete und sofort eingeschüchtert den Kopf gesenkt.

Sorus hatte Ravina sehr genau beobachtet, während er dem Sklavenhändler antwortete. „Das erledige ich selbst, Franky. Ich werde sie lehren, Gäste nicht mehr durch ihre schlampige Arbeit zu beleidigen!“ Dann hatte er Ravina seinen Weinkelch in die Hand gedrückt. „Schütte das aus, Sklavin. Hole mir einen neuen Wein. Und mach dich darauf gefasst, mir für deine Bestrafung zur Verfügung zu stehen, sobald die Handelsgespräche beendet sind!“

Mit zitternden Händen hatte Ravina den Kelch aus den Händen des Freien entgegen genommen und war damit zurück zur Küche gegangen...

Ravina schreckte aus ihren trüben Gedanken hoch, als Aria und Summer wieder von der Stadt zurück kamen, jede ein großes Fass vor sich her rollend. Sie half ihnen die schweren Fässer im hinteren Bereich des Zeltes wieder aufzurichten. Dann pustete sie sich eine widerspenstige rote Haarsträhne aus der Stirn und sah gut gelaunt zu ihren Kettenschwestern, die trüben Gedanken an das Erlebnis mit dem Händler einfach von sich schiebend.

„Kaum zu fassen, dass wir heute Abend hier draußen feiern können! Es ist unglaublich, wie ruhig es in letzter Zeit hier zugeht! Unglaublich, aber herrlich, findet ihr nicht auch?“

Aria nickte, dass die blonden Locken wippten. „Ja, seitdem ich hier bin, nicht ein Angriff. Es ist erstaunlich, nach all dem, was du von der Zeit davor erzählt hast, Ravina. Wir haben auch im Lager immer davon gehört, wie oft die Stadt überfallen wurde. Die Tatsache, dass unser Herr Nine Wells übernommen hat, muss das Wüstengesindel mächtig abschrecken, anders kann ich es mir nicht erklären. Wobei...“ sie grinste. „Unsere Krieger sind ja auch die Besten!“

Diese im Brustton der Überzeugung hervorgebrachten Worte brachten Ravina und Summer zum Kichern. Doch Aria hatte ja recht und so nickten sie ihr zu, wenn auch noch immer unter Lachen.

„Was gibt es hier zu lachen? Habt ihr nichts zu tun?“ Eine strenge, weibliche Stimme ließ die Drei herumfahren. Es war die Sklavenhändlerin Sam, die lautlos das Zelt betreten hatte und nun die Mädchen ärgerlich aus ihren grünen Augen anfunkelte.

Augenblicklich ließen die Sklavinnen sich in den Sand sinken und keine wagte mehr auch nur eine Miene zu verziehen.

Aria fand zuerst ihre Sprache wieder. „Verzeiht, Herrin! Wir wollten ganz bestimmt nicht faul sein. Wir haben nur ganz kurz geredet und werden sofort weiter arbeiten.“

Verkniffen nickend sah Sam sich im Zelt um, doch dabei konnte man beobachten, wie ihr Gesichtsausdruck sich innerhalb kürzester Zeit völlig veränderte. Ein Lächeln spielte auf ihren Lippen und die Mädchen atmeten auf. Als sie wieder sprach, klang ihre Stimme um einiges sanfter. „Wie ich sehe, habt ihr schon viel vorbereitet. Sehr gut, Mädchen! Das Essen könnt ihr auch schon auf die Anrichte stellen. Sobald die Temperaturen etwas erträglicher sind, wollen wir mit dem Fest beginnen.“

Nachdem die Sklavenhändlerin sich noch einmal genauer umgesehen hatte, rief sie Ravina zu sich und ging mit ihr im Schlepptau zurück zur Stadt. Knapp wies sie die Sklavin dort an, unten im Badehaus nach dem Rechten zu sehen, da einige Herrinnen vor dem Fest wohl noch ein kurzes Bad nehmen wollten. Dann eilte sie geschäftig davon.

Ravina stieg also in das herrlich kühle Gewölbe des Badehauses hinab und während sie dort Tücher zurechtlegte und Öle auffüllte, sah sie sich erneut mit ihren Gedanken alleine gelassen.

... an dem Abend in der Taverne hatte sie rasch einen neuen Wein für den Händler zubereitet. Diesmal hatte sie besonders sorgfältig den Kelch geprüft und ihn gut ausgespült. Dann hatte sie ihn mit einem frischen Tuch trocken poliert, bis er matt glänzte, bevor sie das Getränk hinein gefüllt hatte. Ohne nach rechts und links zu blicken war sie anschließen wieder zum Tisch zurück gegangen, und dort mit gesenktem Kopf vor Sorus nieder gekniet. Ravina hatte all ihr Können in das Servieren des Getränkes gelegt und dabei doch das Zittern ihrer Hände nicht verbergen können.

Stumm hatte der Händler ihr den Weinkelch aus der Hand genommen und sie für den Rest des Abends nicht mehr beachtet.

In ihrer Angst vor der kommenden Strafe war es Ravina schwer gefallen, sich auf ihre Arbeit zu konzentrieren, doch es war ihr keine Wahl geblieben. Auch die anderen Händler waren durstig gewesen und hatten die volle Aufmerksamkeit der beiden Tavernensklavinnen in Anspruch genommen.

Es war schon nach der 19. Ahn gewesen, als nur noch drei Männer an dem Tisch saßen. Ihre Stimmen waren mit dem Genuss der hochprozentigen Getränke immer lauter geworden und Ravina hatte versucht sich nicht auszumalen, wie der Alkoholkonsum des schwarzen Händlers sich wohl auf ihre Bestrafung auswirken mochte. Doch immer wieder waren die grausamsten Bilder in ihr aufgestiegen.

Endlich hatte sich Sorus erhoben und ihr ein Zeichen gegeben, ebenfalls aufzustehen. Dann hatte er sich noch einmal an die beiden Freien am Tisch gewandt. „Es ist spät geworden und wir wollen morgen beizeiten aufbrechen. Ich ziehe mich zurück. Soll ich dir die Sklavin nach ihrer Bestrafung zurückschicken, Franky?“

Der Sklavenhändler hatte abgewunken. „Behalte sie nur für die Nacht. Sie soll ihren Gehorsam ruhig weiter beweisen, nachdem du sie gestraft hast!“ Dann hatte er sehr ernst zu Ravina gesehen. „Mach deinem Herrn keine Schande, Sklavin!“...

Ravina schreckte aus ihren Gedanken auf, als sie etwas Nasses an ihren Beinen spürte. Sie blickte an sich herunter und in dem Moment stieg ihr schon der deutlich minzige Duft in die Nase mit dem man das Badeöl wohl unter Anderem versetzt hatte. Das Öl lief ihr nun dummerweise an einem Bein entlang nach unten, anstatt, wie eigentlich von ihr geplant, in einem kleineren Tongefäß zu landen und sie merkte, wie es ihre Haut deutlich abkühlte. „Verflixt!“, schimpfte sie leise vor sich hin, stellte das große Gefäß, aus dem sie hatte umfüllen wollen, auf dem Boden ab und wischte sich dann die Beine trocken. Entschlossen schob sie nun endgültig alle Gedanken an den Händler Sorus und die Nacht bei ihm von sich und beeilte sich, ihre Arbeit zu beenden, damit die Herrinnen endlich baden konnten. Nachdem sie alles vorbereitet hatte, meldete sie dies der Sklavenhändlerin und ging dann zur Oase zurück.

Kaum waren die letzten Sonnenstrahlen hinter den Sanddünen unter gegangen, trudelten auch gleich die ersten Stadtbewohner ein. Man ließ sich auf den weichen Kissen nieder, die auf dem Sand verteilt waren und schon bald schallten Lachen und fröhliches Stimmengewirr über die ganze Oase. Die Sklaven huschten eifrig hin und her um alle zu bedienen.

Toms Mädchen waren dazu eingeteilt worden, Speisen auf den Tellern anzurichten und Getränke einzugießen. Nur Lilly, die vor Monden entführt worden und erst vor 12 Tagen auf dem Oasenmarkt von einem reisenden Händler Nine Wells entdeckt und zurückgekauft worden war, durfte nicht mithelfen. Nackt und mit einem kurzen Seil angebunden kniete sie neben ihrem Herrn.

Immer wieder fiel Ravinas Blick auf den Rücken ihrer Kettenschwester, der nach der langen Zeit noch immer mit Peitschenstriemen übersät war und ihr wurde bewusst, wie viel Glück sie selbst trotz allem mit dem Händler Sorus gehabt hatte. Auch wenn ihr eigener Rücken einige Tage wirklich schlimm geschmerzt hatte, so war sie doch lange nicht so zugerichtet worden wie Lilly. Kurz fragte Ravina sich, ob es der Sklavenhändler des Oasenmarktes gewesen war, der Lilly so grausam behandelt hatte, oder ob man sie nach ihrem Rückkauf derart gestraft hatte. Immerhin hatte sie ihren Herrn einige Kupfer gekostet.

Doch ihr blieb kaum Zeit darüber nachzudenken, denn das Fest war nun in vollem Gange. Der Alkohol floss in Strömen und sogar die freien Frauen schienen heute nicht gänzlich abgeneigt. Freilich nahmen sie ihn nur verdünnt zu sich, doch so manche Wange hinter den obligatorischen Schleiern war bereits rot gefärbt. So wurden alle immer fröhlicher und ausgelassener und auch die Sklavinnen fühlten sich herrlich unbeschwert.

Ravina war gerade damit beschäftigt einen Teller, den Nuria ihr hin hielt, mit Obst zu garnieren, als von draußen ein Tumult zu hören war. Hufschlag donnerte am Zelt vorbei und dann übertönte die laute Stimme des Kriegers Dark, der vor dem Stadttor Wache hielt, den Lärm des Festes. „Angriff! Alle Krieger zu mir! Wir werden angegriffen!“

Im Zelt brach das Chaos aus. Während die Krieger aufsprangen, nach den Messern an ihren Gürteln tasteten, ihre Schwerter und Bögen aufsammelten und dann einigermaßen geordnet hinaus liefen, begannen einige der freien Frauen verängstigt zu kreischen.

Die Sklavinnen liefen durcheinander, keine wusste so recht wohin und die Handvoll männlicher Stadtbewohner, die zu ihrer aller Schutz zurück geblieben waren, hatten alle Hände voll zu tun, eine Panik zu verhindern.

Ravinas Blick fiel auf ihren Herrn, der sich am Zelteingang seinen Bogen schnappte, ihn in einer geschickten Bewegung über die Schulter warf und dann mit gezogenem Dolch in der Hand hinauslief. Überall um sie her herrschte helle Aufregung und sie presste ängstlich die geballte Faust an den Mund, während sie versuchte irgendwie einen kühlen Kopf zu bewahren.

Ein unsanfter Stoß von hinten ließ sie plötzlich vorwärts taumeln und eine tiefe Stimme sagte drängend: „Vorwärts, Sklavin! Folge den anderen zum hinteren Ausgang. Versteckt euch zwischen den Büschen und Palmen!“

Völlig verwirrt von all dem Durcheinander um sie her gehorchte das Mädchen widerspruchslos und stolperte hastig hinter den Frauen, Kindern und Sklaven aus dem Zelt hinaus.

Mittlerweile war es draußen stockfinster geworden. Nur das Licht des Feuers drang durch die Zeltöffnung hinaus und warf flackernde Schatten über den Sand und die ganze Oase. Irgendwo mitten in der Menge konnte Ravina trotz der Dunkelheit Arias Blondschopf erkennen und lief in deren Richtung. Als sie sich endlich zu ihr durchgekämpft hatte, kauerten sich die Beiden eng aneinander gepresst hinter einen dichten Busch. Völlig verängstigt fassten sie sich bei den Händen und versuchten so einander Trost zu spenden, während sie stumm in die Dunkelheit starrten. Aus der Ferne klangen das Klirren von Schwertern und das Schreien Verwundeter zu ihnen und Ravina riss sich von Aria los, presste die Hände über die Ohren und begann leise und monoton eine Melodie zu summen, um den Kampfeslärm zu übertönen.

Augenblicklich drehte sich eine Freie, die neben ihnen angestrengt in die Nacht geblickt hatte, zu ihr um und zischte: „Ruhe, Mädchen!“, riss grob Ravinas Hände vom Kopf weg und funkelte sie an. „Stell dich nicht so an! Wir müssen leise sein!“

Ravina senkte ihren Blick und schwieg nun still, doch die Angst schien sie innerlich aufzufressen. Was, wenn man ihren Herrn tötete, oder gar die ganze Stadt eingenommen wurde. Erneut fühlte sie die warme Hand Arias in der ihren und drückte sie ganz fest.

Es dauerte so lange, bis es endlich still vor der Stadt wurde, dass mancher schon fast verzagte. Und auch als kein Kampfeslärm mehr an ihre Ohren drang, verharrten die Menschen weiterhin in ihren Verstecken. Bangend warteten sie darauf, was auf sie zukommen würden. Ob ihre Krieger die feigen Angreifer hatten zurückschlagen können? Oder würden bald schon Scharen von Feinden die Oase durchkämmen und alles einfangen, was sich nicht wehren konnte?

Endlich waren Schritte von der Stadt her zu vernehmen und im Feuerschein konnte man die Umrisse von drei Männern wahrnehmen. Zu erkennen waren sie jedoch nicht.

Die Versteckten hielten den Atem an. Freund oder Feind? Wer kam da auf sie zu? Ravina und Aria klammerten sich fest aneinander. Nicht weit von ihnen war, halb unterdrückt, das ängstliche Wimmern einer Frau zu hören.

Dann erhob eine der Schattengestalten seine Stimme und von überall her war erleichtertes Aufatmen zu hören. Es war der Prätor Tom, der zu ihnen sprach: „Kommt heraus, Bürger von Nine Wells und fürchtet euch nicht mehr! Wir haben sie überwältigt!“

Aus den dunklen Schatten der Oase kamen sie nacheinander herausgekrochen. Frauen, Kinder und Sklaven. Jedem stand die Erleichterung ins Gesicht geschrieben, dennoch sah man auch zweifelnde Blicke. War die Gefahr wirklich gebannt?

Die drei Krieger wandten sich wortlos gen Stadt und die erschöpfte Menge folgte ihnen.

Ravina kam als eine der Letzten durch das Tor und sah vor sich eine Mauer aus Menschen, die ihr eine Sicht auf das Geschehen vor dem Zentralgebäude unmöglich machte. Nur der flackernde Schein am Himmel über der Menge ließ ahnen, dass dahinter Fackeln angezündet worden waren, um die Gefangenen bei Licht betrachten zu können.

Also nahm sie Aria und Summer bei der Hand und ging mit ihnen um die Menschenansammlung herum zur rechten Seite des Gebäudes. Seitlich unterhalb der Terrasse, die sich vor dem Haupthaus erstreckte, blieb sie stehen, legte ihre Hände übereinander und hieß Summer, mit einem Fuß darauf zu steigen.

Kaum hatte die schwarzhaarige Sklavin sich so nach oben gehievt und ihren Kopf über das Geländer gestreckt, bombardierten Aria und Ravina sie auch schon mit Fragen.

„Wie sieht es aus, kannst du was erkennen? Wie viele sind es? Hat man die Kerle gefesselt? Sind auch Sklaven dabei?“ Summer blickte mit gerunzelter Stirn nach unten und hielt einen Finger an ihre Lippen. Dann reckte sie wieder den Hals, sich nun mit beiden Händen am Geländer festklammernd.

„Es sind fünf Männer und drei Frauen. Sie sind seltsam gekleidet, sehen aus wie Nordleute!“, flüsterte sie und streckte sich dabei immer mehr um auch ja alles zu sehen. „Unsere Krieger haben sie gefesselt! Sklaven sehe ich keine, aber ich kann bei dem schlechten Licht auch kaum was erkennen! Oh!“ Summer fuhr plötzlich zusammen und Ravina hatte alle Mühe sie nicht fallen zu lassen. „Man zerrt die Gefangenen hoch und ich glaube... in Richtung der Kerker!“

Das waren schlechte Neuigkeiten. Wenn sie sich nicht beeilten, würde es nun brenzlig werden, denn die Freien mussten den Standort der drei Mädchen passieren, um zu den Verliesen zu gelangen. Rasch half Aria Summer wieder herunter, dann flitzen die Mädchen im Schutz der Dunkelheit um das Gebäude herum. Sie setzten sich genau auf der anderen Seite unterhalb der Terrasse in den Sand und wisperten dann erneut miteinander.

***

Nach all den Aufregungen hatte Ravina kaum einschlafen können und als am nächsten Morgen die Sonne aufging, war sie wie gerädert. Den anderen Mädchen im Sklavenhaus schien es nicht viel besser zu gehen. Als der Rotschopf sich müde umblickte, gähnte Lilly ihr herzhaft entgegen, Summer schien ihre Augen gar nicht erst öffnen zu wollen und Aria sah trübe vor sich hin.

Allerdings stellte sich heraus, dass Aria nicht einfach nur müde war. Sie klagte über fürchterliche Bauchschmerzen und eilig wurde nach der Heilerin geschickt. Die anderen Mädchen sorgten sich um ihre Kettenschwester, doch kaum war die Heilerin angekommen schickte sie die Sklavinnen hinaus, um ihren Arbeiten nachzugehen.

Ravina war jeden Morgen für das Badehaus zuständig und so tauschte sie auch an diesem Tag die benutzten Tücher aus, füllte Seifen auf und wischte sorgfältig den Steinboden. Als alles wieder sauber war und glänzte ging sie nach oben und zum Feuerplatz, wo um diese Stunde meist einige der Freien zu finden waren.

Tatsächlich saß die Herrin Angel mit einem fremden Mann auf den Kissen. Zwei Sklavinnen waren ebenfalls dort und Ravina erkannte, dass es Jana, das Mädchen der Wirtin und Lilly waren. Jana kniete etwas abseits und beobachtete aufmerksam, wie Lilly, der man heute endlich wieder Kleidung erlaubt hatte, dem fremden Herrn ein Wasser servierte.

Da Ravina die Freien am Feuer so versorgt sah, ging sie einfach an ihnen vorbei in Richtung der Kerker. Sicher würden die Gefangenen schon nach Wasser verlangen. Sie durchquerte den kleinen Torbogen neben dem Zentralgebäude und wollte schon links einbiegen, als sie aus der anderen Richtung wütendes Rufen vernahm.

„Wir werden wiederkommen! Niederbrennen werden wir euch, jeden töten, der noch am Leben ist!“

Eine tiefe Männerstimme war es, die so wütend in Ravinas Ohren drang. Ihr Blick wandte sich dem Gebrüll zu und sie erkannte, dass man die Gefangenen gar nicht, wie von ihr vermutet, in den Kerker gesteckt hatte. Stattdessen hatte man sie in die Ausstellungskäfige für Sklaven gesperrt, die direkt an der Wehrmauer aneinandergereiht standen.

Einem der Nordmänner schien die Demütigung, hier wie ein Sklave ausgestellt zu werden, gar nicht zu schmecken. Er brüllte laut: „Wir werden über euch kommen und euch ausräuchern! Hört ihr?“ Wütend rüttelte er an den Gitterstäben.

Vorsichtig ging Ravina näher heran und betrachtete die seltsame Ausstellung vor ihr. Im ersten Käfig hatte eine Frau sich ganz nach hinten in eine Ecke verkrochen und starrte wütend zu ihr hinaus. Nebenan war der wütende Nordmann und als er Ravina erblickte, fletschte er die Zähne und knurrte sie an. Erschrocken machte das Mädchen einen Schritt zurück. Dabei wäre sie fast über Summer gestolpert, die gerade mit einem Eimer Wasser für die Gefangenen um die Ecke lief. Auch Jana kam, mit einem Korb voller Trinkschalen und altem Brot, langsam hinterher getrödelt.

Eilig half Ravina ihren Kettenschwestern das Wasser mit der Schöpfkelle in die Schalen zu verteilen und ging dann zögernd auf den ersten Käfig zu, in dem die Frau saß, die sie zuvor so böse angesehen hatte.

Die Freie saß noch immer weit vom Gitter entfernt und Ravina schob so rasch sie konnte die Wasserschale und ein Stückchen Brot zu ihr hinein und entfernte sich dann hastig wieder.

Summer hatte sich zu den hintersten Käfigen begeben, während Jana die Mittleren mit Wasser und Brot versorgte.

Ravina hörte, wie das Mädchen der Wirtin die Freien in den Käfigen neckte. „Hier, da habt ihr euer Fressen!“, sagte sie frech, als sie einem Nordmann etwas Brot hinein reichte. Dann stemmte sie die Hände in die Hüften, wackelte ein paarmal mit dem Hintern und sagte kokettierend: „Nicht so süß und lecker wie ich, aber essbar! Seid ihr so weit in den Süden gereist um so etwas Feines wie Jana zu sehen, Jarl?“

Ravina runzelte die Stirn über Jana. Kurz fragte sie sich, ob sie einschreiten sollte, doch dann beschloss sie, dass es sie nichts anging und wandte sich dem nächsten Käfig zu.

„Aua!“ Ein Schrei ließ Ravina herumfahren. Ungläubig starrte sie auf die Szene die sich vor ihr abspielte. Die Gefangene im nächsten Käfig hatte Jana durch die Gitterstäbe hindurch am Haar gepackt und zu sich heran gezerrt. Boshaft zerrte die Nordfrau an Janas Schopf und tastete sie gleichzeitig mit der anderen Hand am Körper ab, wohl in der Hoffnung, dass das Mädchen einen Schlüssel für die Käfige bei sich tragen könnte. Als die Freie nichts fand schlug sie wütend auf die zappelnde Jana ein.

Ravina und Summer ließen alles fallen und hasteten zu der verzweifelt Schreienden hin, gefolgt von Lilly, die nun auch zu ihnen geschickt worden war. Mit großer Mühe zerrten sie Jana aus den Händen der wild gewordenen Gefangenen.

Diese lachte boshaft und rief: „Das ist die Strafe für deine Frechheiten, Sklavin!“ Zu Ravinas Entsetzen schwenkte sie dabei triumphierend ein Büschel Haare in der Hand, welches sie Jana bei dem Handgemenge ausgerissen haben musste.

Während Ravina Jana tröstend in den Arm nahm, funkelten Summer und Lilly wütend zu den Gefangenen hin.

Da keifte eine der Nordfrauen plötzlich so laut los, dass es einen in den Ohren schmerzte: „Möge der Fluch Odins eure Mauern einstürzen, eure Säfte verdorren lassen und die Feuer alle löschen, wenn ihr uns nicht frei lasst!“

Beim Klang der hasserfüllten Worte hatte Ravinas Gesicht jegliche Farbe verloren. Sie drückte sich enger an Jana heran.

Aus dem zweiten Käfig hörte man den Nordmann, der zuvor so laut gebrüllt hatte, schallend lachen. „Recht so, Gaia! Verfluche das ganze Pack!“ Sein Blick fiel auf die verunsicherten Mädchen und mit einem bösen Grinsen fügte er hinzu: „Fürchtet euch nur, Sklaven! Sie ist Runenpriesterin! Wenn ihr Fluch euch trifft, seid ihr alle verloren!“ Wieder lachte er laut auf und die Freie namens Gaia lachte mit ihm. In ihren Augen schien der blanke Irrsinn zu funkeln, als sie zu den Sklavinnen hinsah. Mit nun gefährlich leiser Stimme sagte sie: „Oh ja, Wolf! Sie wissen es noch nicht, diese Ungläubigen, aber der Fluch Odins wird sie alle treffen!“

Verängstigt blickten die Mädchen sich an und selbst Ravina, deren irdische Erziehung sie eigentlich nicht an heidnische Götter glauben ließ, wich einen Schritt zurück.

In diesem Augenblick kam Xenia, die Sklavin des Herrn Martin durch den Torbogen und sah erstaunt auf das Bild, dass sich ihr bot. „Ihr lasst euch doch nicht etwa von den Gefangenen Angst machen?“, fragte sie spöttisch die vier Sklavinnen, die eingeschüchtert in sicherem Abstand vor den Käfigen standen. Kopfschüttelnd wandte sie ihren Blick von ihnen ab und ging zu den Käfigen hin. „Lasst uns mal sehen, was wir hier haben!“ Ihre Stimme klang ruhig, als sie nun an der Käfigreihe entlang ging, immer genau so viel Abstand zu den Gitterstäben haltend, dass die Nordleute sie nicht erreichen konnten. „So viele Gefangene, unglaublich!“, murmelte sie vor sich hin, ohne jedoch die Freien in irgendeiner Weise zu provozieren.

Lilly, die das Ganze genau beobachtet hatte, schien durch Xenia wieder mutiger zu werden und ging auch zu den Käfigen zurück. Nur zögernd folgten Summer, Jana und Ravina dem Beispiel ihrer Schwestern.

Als erste fand Jana ihre Stimme wieder. Mit der ihr eigenen Frechheit grinste sie einer der Gefangenen entgegen und raunte dann zu Summer, aber so, dass die Freie es hören konnte: „Das gäbe sicher eine nette neue Kettenschwester, nicht wahr?“

Ravinas Blick war gerade über die Männer in den Käfigen gestreift und ohne nachzudenken murmelte sie: „Oder neue Brüder!“

Kichernd deutete Summer im Nebenkäfig auf einen Jarl. „Dieser hier sieht ganz nett aus, schaut mal!“

Der Gefangene im Käfig ging näher an das Gitter heran und musterte die Sklavinnen kalt. „Macht die Türe auf, Mädchen und ich zeige euch was ein richtiger Mann ist!“ Seine Stimme klang arrogant und hart und alle bis auf Lilly wichen rasch wieder ein ganzes Stück zurück.

„Du! Bring mir was zu trinken, Seidenpüppchen!“, sagte er herrisch zu Lilly und reichte ihr seine Wasserschale hinaus.

Zögernd ging das Mädchen einen Schritt näher heran. Doch kaum war sie in Reichweite packte der Nordmann ihr Handgelenk und zerrte sie zu sich. Irgendwoher hatte der Gefangene plötzlich ein Seil und bevor eines der Mädchen hätte reagieren können, schlang er dieses mit einem einzigen Griff um Lillys Hals und zog so stark daran, dass sie nur noch röcheln konnte. Stocksteif stand das Mädchen rücklings an das Gitter gepresst, die Augen vor Panik weit aufgerissen.

„Einen Schritt näher zu mir und ich ziehe zu!“, warnte der Jarl und wie erstarrt blieben alle stehen. Ravina hörte, wie Lilly leise zu weinen begann und mit erstickter Stimme um ihr Leben flehte.

Johlend schlugen die anderen Gefangenen an die Gitterstäbe. „Ja,

Sheri! Zeig es ihr! Lass sie nicht los, bis die andern Dinger uns befreit haben!“, riefen sie ihm zu.

Der Jarl namens Sheri suchte Summers und Ravinas Blick. „Ihr ward als erste hier. Habt ihr Schlüssel zu den Käfigtüren?“

Beide schüttelten stumm und voller Entsetzen über das, was hier gerade geschah, den Kopf. Daraufhin zog der Nordmann das Seil um Lillys Hals noch fester zu, ohne auf deren verzweifeltes Keuchen zu achten. „Überlegt es euch, Mädchen“, sagte er kalt. „Wenn ihr uns nicht helft, stirbt sie!“ Seine Augen flogen aufmerksam hin und her und entdeckten dabei Xenia, die sich hinter den anderen halb verborgen heimlich zum Durchgang hatte schleichen wollen.

„Wage es nicht, Sklavin!“, rief er mit donnernder Stimme. „Zurück zu den anderen, oder sie ist tot!“

Xenia erstarrte, blickte hilfesuchend auf die Mädchen, dann seufzte sie ergeben und ging zu ihnen zurück. Alle wirkten bedrückt und hilflos, während sie zusehen mussten, wie Lillys Gegenwehr immer schwächer wurde.

„Bitte Herr, wir haben wirklich keine Schlüssel. Bitte lasst sie gehen!“, versuchte Ravina ihn noch einmal zu erweichen. „Bitte glaubt uns doch! Wer würde einer Sklavin auch die Käfigschlüssel geben?“ Ihre Stimme klang verzweifelt und sie konnte den Blick nicht von Lilly abwenden die mit weit aufgerissenen Augen flehend zu ihnen starrte.

Angelockt vom Lärm bei den Käfigen, kamen in diesem Moment zwei Krieger der Stadt durch den Torbogen. Mit einem einzigen Blick erfassten sie die Situation. Ohne Vorwarnung sprang der Erste auf Lilly und den Nordmann zu, zog noch in der Bewegung sein Messer aus dem Gürtel und stieß es dem Gefangenen mit aller Kraft ins linke Handgelenk.

Augenblicklich ließ der Jarl Sheri das Seil los, verzog Schmerz gepeinigt das Gesicht, umfasste mit der Rechten die verletzte Hand und ging dabei stöhnend in die Knie.

Der zweite Krieger öffnete wortlos das Gitter und gemeinsam mit seinem Schwertbruder zerrte er den Gefangenen heraus.

Während Xenia, Jana und Summer die noch immer nach Luft schnappende Lilly in ihre Obhut nahmen und trösteten, schleppten die beiden Krieger den Jarl gen Kerker.

Ravina indes hatte sich nach dem Auftauchen der Nine Wellser Wachen fluchtartig nach hinten verzogen. An der Wehrmauer war sie zu Boden gesunken und beobachtete alles wie in einem Traum. Erst der Kampf am gestrigen Abend, dann die wüsten Flüche und Beschimpfungen der Gefangenen und nun war auch noch das Leben von Lilly in Gefahr gewesen! Sie hatte das Gefühl, als entgleise hier gerade alles völlig. Hatten sie nicht gestern erst noch alle davon geschwärmt, wie friedlich es in der Wüste geworden war?

Kurz blickte sie zu den Käfigen, wo sich mittlerweile eine ganze Traube von freien Bürgern aus der Stadt eingefunden hatte, die alle wild durcheinander diskutierten. Sicher würde sie jetzt keiner beachten! Geschmeidig stand Ravina auf und schlich sich davon, nach einem stillen Ort suchend, wo sie endlich alleine mit sich und ihren Gedanken sein konnte.

***

Am Nachmittag rief die Herrin Sam alle Mädchen, die bei den Sklavenkäfigen dabei gewesen waren, zu sich. Mit strengem Blick zeigte sie auf die Kissen am Boden und wollte gerade zum Sprechen ansetzen, als das Tor noch einmal quietschte und Nuria und Lia hereinkamen. Ungeduldig wartete die Freie, bis die beiden sich rechts und links von ihr auf den Kissen niedergelassen hatten und so den anderen Mädchen entgegen blickten, dann glitt ihr Blick erneut über die Gruppe vor ihr. „Ich hatte gerade ein äußerst aufschlussreiches Gespräch mit den Gefangenen“, begann sie mit gefährlich leiser Stimme. „Sie erzählten mir, dass einige von euch ziemlich frech zu ihnen waren!“

Betroffen senkte ein Mädchen nach dem anderen den Kopf.

„Einige von euch haben sogar richtig über sie gespottet, so berichtete man mir!“ Sams Stimme wurde immer bedrohlicher. „Es mögen Gefangene der Stadt sein, aber für euch sind es immer noch FREIE!“

Mittlerweile war sie so laut, dass alle zusammenzuckten. „Ihr spekuliert NICHT laut darüber, ob die freien Frauen möglicherweise bald im Kragen stecken werden! Ihr spekuliert auch NICHT darüber, ob euch die Männer als Sklaven gefallen würden und ihr behandelt sie ganz bestimmt nicht wie Tiere!“

Mit jedem Wort sanken die Mädchen tiefer in sich zusammen, deutlich spürend, dass die Herrin heute wirklich böse auf sie war.

„Zur Strafe werdet ihr nun alle eure Tuniken ablegen, damit jeder Freie sofort sehen kann, dass ihr ungehorsam wart. Zudem ist euch vorerst die Nahrungsaufnahme untersagt. Ich mache euch alleine für die Versorgung der Gefangenen zuständig, doch wird euch stets ein Krieger begleiten, wenn ihr Essen und Wasser zu den Käfigen bringt, damit ihr keinen Unfug macht! Sollte ich hören, dass sich eine von euch erneut ungebührlich verhält, so wird sie öffentlich und zwar direkt vor den Sklavenkäfigen von mir bestraft werden! Habt ihr das alle verstanden?“

Die meisten der Mädchen waren tief betroffen über die Worte der Sklavenhändlerin und so klang das gemeinsame „Ja, Herrin, wir haben verstanden!“ recht kläglich. Nur die ewig widerspenstige Jana funkelte böse vor sich hin und schien die Notwendigkeit ihrer Strafe wieder einmal nicht einzusehen. Doch selbst ihr musste doch klar sein, dass sie letztendlich würde gehorchen müssen, oder nicht? Eine nach der anderen zogen sie ihre Tuniken aus und legten sie auf einen Stapel vor Nuria ab, dem ersten Mädchen der Stadt. Jana war die letzte die sich fügte.

Ravina sah zu Xenia, die leise weinte und vor sich hinmurmelte: „Wie soll ich das nur meinem Herrn sagen?“ Den Blick von dem traurigen Mädchen abwendend fragte sie sich, was IHR Herr wohl dazu sagen würde. Sie konnte nur hoffen, dass seine Wut sich auf seine drei Mädchen verteilen und jede dadurch vielleicht ein wenig geschont werden würde.

Sam verließ wortlos und noch immer sichtlich verärgert das Sklavenhaus, Nuria sammelte die Kleidungsstücke der Mädchen ein und brachte sie weg und Lia scheuchte die nackten Sklavinnen wieder hinaus an ihre Arbeit.

Ravina hatte an diesem Tag Dienst in der Taverne und es ging sie hart an, den Leckereien, die die Freien, welche sie bediente, ihr zustecken wollten, entsagen zu müssen. Frustriert zog sie sich in die Küche zurück und begann dort die Regale abzuwischen, während Jana scheinbar unbekümmert das Bedienen im Gastraum übernahm. Angestrengt versuchte Ravina, nicht an die mögliche Strafe ihres Herrn an diesem Abend zu denken. Die Striemen auf ihrem Rücken waren doch gerade erst verheilt und die Vorstellung, vielleicht heute noch erneut ausgepeitscht zu werden war nahezu unerträglich für sie. Wieder einmal schweiften ihre Gedanken zu dem Händler Sorus zurück.

... Er war mit ihr von der Taverne aus nicht direkt zum Gästehaus gegangen, sondern hatte sie zu den Sklavenkäfigen an der Mauer geführt, dort, wo man heute die Nordmänner eingesperrt hatte. Ein Stück hinter den Sklavenkäfigen waren Eisenringe in die Wand geschlagen. Sorus hatte ein paar Fackeln angezündet und in den Sand gesteckt, dann hatte er ihr befohlen sich auszuziehen. Mit dem Gesicht zur Wand hatte er ihre Hände an die Ringe gebunden, die so hoch angebracht waren, dass Ravina nun nur noch mit den Zehenspitzen den Boden berühren konnte.

Ravinas Herz hatte geklopft, als wolle es zerspringen. Sie hatte sich so erbärmlich gefühlt, nackt, gebunden und dem Zorn dieses betrunkenen Händlers völlig ausgeliefert. Nie mehr war sie auspeitscht worden, seitdem sie damals, ganz am Anfang ihrer Zeit auf Gor, in Hulneth gelebt hatte. Und nun das!

Die Angst hatte ihr die Kehle zugeschnürt, als sie so hilflos gefesselt mit dem Rücken zum Händler stand und nur noch warten konnte, bis er mit der Bestrafung beginnen würde.

„Zehn Hiebe, Sklavin!“, hatte sie plötzlich seine Stimme hinter sich gehört. „…wenn du still hältst! Wenn nicht, das Doppelte! Also überlege es dir gut!“ Sie hatte gehört, wie er die Kurt ausrollte und dann ein paarmal über den Boden streichen ließ. Ihre Sinne schienen ihr einen Streich spielen zu wollen. Konnte sich eine Peitsche so schwer und unheilverkündend anhören? Auf jeden Fall hatte das Geräusch ihr das Blut in den Adern gefrieren und sie die Zähne zusammen beißen lassen. Es hatte sie alle Kraft gekostet, ihn nicht anzubetteln, dass er gnädig zu ihr sein solle. Doch immer wieder waren die Worte des Sklavenhändlers durch ihre Gedanken gekreist: „Mach deinem Herrn keine Schande, Kajira!“ Also hatte sie sich mühsam zusammengerissen und geschwiegen.

Bis zum ersten Schlag. Die Kurt war pfeifend durch die Luft gezischt, dann hatte sich das Leder beißend in die weiche Haut der Sklavin eingegraben und ihr war fast die Luft weggeblieben. Ein höllischer Schmerz zog sich, von den frischen Striemen ausgehend, über Ravinas ganzen Rücken und heiße Tränen waren ihr in die Augen geschossen. Sie hatte aufgestöhnt und versucht an ihren Fesseln zu reißen, doch es war hoffnungslos gewesen.

„Halt still, Sklavin!“ Scharf war die Stimme des Händlers hinter ihr erklungen und noch bevor sie reagieren konnte, war die Peitsche erneut durch die Luft gezischt und hatte Ravinas Rücken, nur einen Fingerbreit neben dem ersten Schlag, getroffen.

Der Schmerz war unerträglich gewesen. Ravina hatte nicht anders gekonnt und diesmal laut heraus geschrien. Verzweifelt schluchzend hatte sie erneut an den Eisenringen gezerrt.

Voller Wut war Sorus daraufhin zu ihr getreten, hatte sie grob an den Haaren gepackt und ihren Kopf schmerzhaft nach hinten gezogen. „Ich kann dir nur raten, jetzt still zu halten, Kajira!“, hatte er ihr mit alkoholschwangerem Atem gefährlich leise ins Ohr gezischt. „Ich bin mir nicht sicher, ob du 20 Hiebe von dieser Sorte überleben würdest.“ Dann hatte er prüfend in Ravinas Gesicht gesehen, die ihn kreideweiß aus weit aufgerissenen, verweinten Augen anstarrte. Anscheinend war er mit ihrem Blick zufrieden gewesen, denn er hatte sie losgelassen und war zurück getreten.

Hilflos wimmernd hatte Ravina ihren Kopf wieder nach vorne sinken lassen und versucht sich für den nächsten Hieb bereit zu machen. Ein Zischen, dann hatten sich erneut die Lederriemen in ihre Haut gefressen. Schmerz!

Sie hatte noch lauter geschrien als zuvor, es aber geschafft, ihren Körper dabei still zu halten, sich krampfhaft dazu gezwungen, um dem Händler ihren Gehorsam zu beweisen.

„Geht doch!“, war es kalt hinter ihr zu vernehmen gewesen und noch während sie erleichtert aufatmen wollte, hatte er schon wieder ausgeholt.

Dieses Mal zerfetzte die Kurt die Haut der Sklavin und ihr ganzer

Rücken schien jetzt in Flammen zu stehen. Ravina hatte geschrien bis kein Ton mehr herauskam. Sie war sich sicher gewesen, jetzt sterben zu müssen. Noch nie hatte sie solch einen brutalen Schmerz gefühlt. Hilflos hatte sie geweint und begonnen zwischen den Schluchzern mit krächzender Stimme um Gnade zu flehen.

Ungeachtet ihres Bittens und Weinens hatte der Händler einen Hieb nach dem anderen auf Ravinas Rücken platziert.

Beim Zehnten Schlag hatte sie das Bewusstsein verloren.

Als sie wieder aufgewacht war, hatte sie auf einem Fell im Sklavenhaus gelegen, neben ihr Aria, die sie besorgt betrachtet hatte. Aria hatte Ravina angewiesen sich nicht zu bewegen, was in Anbetracht der Schmerzen, die diese auf ihrem Rücken verspürte, auch kaum möglich gewesen wäre. Die blonde Sklavin hatte Ravina lindernde Umschläge gemacht und ihr dabei erzählt, dass der Händler sie zum Sklavenhaus gebracht habe. Er habe gesagt, dass er sie für die Nacht nicht mehr wolle und dass ihre Strafe abgegolten sei... .

Bei der Erinnerung an die schrecklichen Schmerzen, die sie noch tagelang gepeinigt hatten, verzog Ravina ihr Gesicht. Ihr Herr hatte sich die Striemen damals nur kurz mit hochgezogenen Brauen angesehen, dann hatte er kühl gemurmelt: „Ein strenger Lehrmeister, an den du da geraten bist, Kajira. Ich nehme an, dass dir solch ein Fehler nicht noch einmal unterlaufen wird!“ Und damit war es für ihn erledigt gewesen.

„Oh bitte, lass unsern Herrn heute Abend gnädiger sein, als es dieser Händler war“, flehte sie innerlich.

Es war schon spät, als die Mädchen zum Prätor gerufen wurden. Er blickte ihnen grimmig entgegen, ließ sie in einer Reihe vor sich nieder knien und verpasste jeder eine schallende Ohrfeige.

Böse schaute er auf seine drei Sklavinnen hinab und hielt ihnen eine ordentliche Standpauke. Er erwarte von seinen Mädchen, dass

sie ihn stolz machten. Sie repräsentierten seine Erziehung in der Öffentlichkeit und er würde so etwas ganz sicher nicht noch einmal dulden. Sollte sich eine von ihnen in den nächsten Tagen etwas zu Schulden kommen lassen, so würde sie direkt auf den Oasenmarkt gebracht werden. Und zwar mit der Anweisung, sie ausschließlich an Händler aus dem Norden zu verkaufen, um die Mädchen immerzu an ihre Verfehlung von heute zu erinnern.

Nach dieser Androhung schickte er die eingeschüchterten Mädchen zu einer Extralehrstunde beim Herrn Franky, zum allgemeinen Umgang von Kajirae mit Gefangenen.

So betroffen Ravina auch davon war, ihren Herrn enttäuscht zu haben, war sie insgeheim doch auch erleichtert, relativ glimpflich davon gekommen zu sein.

Der Sklavenhändler hielt den Unterricht an diesem Abend mit strenger Mine, doch nachdem die Mädchen allesamt beteuerten, dass so etwas nie mehr geschehen würde, erlaubte er ihnen am Ende der Lehrstunde Fragen stellen.

Am meisten schien es alle zu beschäftigen, was nun aus den Gefangenen werden würde.

Franky dachte kurz nach. „Ich weiß, dass in der Oase der Fahrad schon nach ihnen gefragt wurde. Dort muss sich in den letzten Tagen wohl eine ganze Horde aus dem Norden aufgehalten haben, zu denen unsere Gefangenen gehören. Und nun scheint man sie zu vermissen! Wir werden es uns teuer bezahlen lassen, sie frei zu geben, denn immerhin haben sie unseren Heimstein angegriffen! Ich denke, dass wir da in einer guten Verhandlungsposition sind.“

Interessiert, doch gleichermaßen erstaunt nahmen die Mädchen seine Worte auf und diskutierten dann darüber, was man im Norden wohl an Tauschwaren zu bieten habe. Unvorstellbar erschien es ihnen, dass es irgendwo eine derartige Vielzahl an Gewürzen, feinen Stoffen oder gut ausgebildeten Sklaven gab, wie in der Tahari. Was würden die Nordleute Besonderes als Gegenleistung für ihre Freien vorzeigen?

Schmunzelnd lauschte der Sklavenhändler eine Weile der Diskussion der Sklavinnen. „Still, Mädchen und lernt! Im Norden stellen sie die kuscheligsten Felle her, die ich je angefasst habe. Ich würde durchaus ein paar davon gegen einen Gefangenen tauschen. Und außerdem verstehen sie sich fantastisch aufs Met brauen.“ Er verdrehte genießerisch die Augen. „Ja, so ein Fass Met aus dem Torvaldsland, das würde ich mir mal wieder schmecken lassen!“

Ein Ruck ging durch den Körper des Freien, als sei er aus einem schönen Traum erwacht. „Nun aber los, hinaus mit euch! Es ist schon spät! Der Unterricht ist beendet und ihr stehlt mir nur meine Zeit. Denkt daran, dass keine von euch sich ohne Begleitung zu den Gefangenen begibt und vergesst nicht, was ihr heute gelernt habt!“

Auf dem Rückweg lief Ravina ihrem Herrn in die Arme, der sie direkt mit sich in die Taverne nahm, wo sich die Krieger der Stadt versammelt hatten.

Den ganzen restlichen Abend durfte sie ihn bedienen. Bescheiden hielt sie sich dabei im Hintergrund und störte die Gespräche der Freien nicht. Doch nahm sie jedes Wort in sich auf und fand so heraus, dass bereits am nächsten Tag eine nördliche Abordnung kommen und alle Gefangenen auslösen wolle.

Sie beobachtete, wie ihr Herr einen Paga nach dem anderen trank und als er endlich aufstand um nach Hause zu gehen, schwankte er bedenklich. Hastig legte Ravina einen Arm um ihn und stützte ihn so beim Gehen.

„Fall nicht um, Tom!“, rief ihnen einer der Rarii lachend hinterher. „Zeig der Kleinen lieber, wie standfest du noch bist!“

Bei diesen derben Worten zuckte Ravina heftig zusammen, doch Tom lachte nur. Dann sagte er leise zu ihr: „Du hast heute Abend gut gedient. Wenn du mich nun noch heil nach Haus bringst, darfst du morgen wieder Kleidung tragen, Kleines.“

Zaghaft lächelte Ravina zu ihm auf, doch innerlich zog es ihr den Magen zusammen. Sicher würde er verlangen, dass sie ihm zuhause in seine Felle folgte und dort zur Verfügung stand. Sie wurde furchtbar nervös.

Doch ihre Furcht war unbegründet, denn kaum hatten sie den Schlafraum des Prätors erreicht, fiel er wie ein Sack voll Mehl auf sein Fell und begann fast augenblicklich zu Schnarchen.

***

Drei Tage später trat Ravina am Abend aus dem Badehaus. Die letzten Sonnenstrahlen tauchten die Stadt in ein geheimnisvolles rötliches Licht und Ravina streckte sich genüsslich in der warmen Luft. Nachdem die Herren am Vorabend ein ausgiebiges Badefest veranstaltet hatten, hatte sie heute den ganzen Tag gebraucht, um wieder alles in Ordnung zu bringen. Eilig war sie nun aus dem durchsichtigen Badefetzen geschlüpft und hatte ihn gegen schwarze Seiden getauscht. Das Kleidungsstück war aufreizend genug um ihren Herrn nicht zu verärgern, denn der verlangte, dass sie am Abend stets verführerisch gekleidet waren und doch verdeckte der Stoff hoffentlich ihr kleines Geheimnis, das sie darunter trug. Sie ging mit leichten Schritten zum Feuerplatz, wo sie Aria und Summer wähnte.

Tatsächlich knieten die Zwei dort neben ihrem Herrn, der in ein Gespräch mit der Freien Angel vertieft war. Er sah nicht auf, als Ravina näher an die Gruppe herantrat und sie kniete so unauffällig wie möglich neben den beiden Mädchen nieder.

Leise murmelte sie: „Grüße, mein Herr!“ und „Grüße, Herrin!“, hoffend, dass die Freien sie nicht weiter beachten würden und wie es schien hatte sie Glück. Weder ihr Herr, noch die Herrin nahmen Notiz von ihr. Erleichtert, dass sie so ein wenig ausruhen konnte, lächelte sie zu den Sklavinnen neben sich. Dann erst bemerkte sie, dass beide nackt waren und hob eine Augenbraue.

„Dürft ihr etwa immer noch keine Kleidung tragen?“, fragte sie leise. „Es ist jetzt schon so lange her, dass wir gestraft wurden. Ich dachte ihr wolltet ihn so schnell wie möglich besänftigen!“

Summer bekam einen trotzigen Blick und murmelte gespielt gleichgültig: „Na und? Es hat auch seine Vorteile. Dann spar ich eben das Waschen!“

Mit hochgezogenen Brauen sah Ravina zu ihr hin, wandte sich aber gleich darauf gen Aria, die im Gegensatz zu ihrer Kettenschwester ziemlich unglücklich dreinsah.

„Ach, Ravina. Ich hatte mir solche Mühe gegeben.“, sagte Aria leise und schüttelte betrübt ihre blonden Locken. „Aber wie es scheint, hat es wohl nicht gereicht.“

Während ihres Gesprächs hatten die drei Mädchen nicht bemerkt, dass ihr Herr seine Aufmerksamkeit von der Freien weg und ihnen zugewandt hatte. Er blickte die beiden Nackten an, doch schien sein Interesse nur von kurzer Dauer, dann begutachtete er Ravina von oben bis unten. Leicht die Augen zusammen kneifend, sagte er ernst: „Ravina, was ist das, was da unter deinem Rock hervor blitzt? Steh mal auf und zeige dich! Du trägst doch nicht etwa Unterwäsche? Wer hat dir das erlaubt?“

Ravina erstarrte kurz, stand dann ganz langsam auf und sah an sich herunter, als müsse sie sich selbst erst davon überzeugen, dass ihr Herr auch richtig gesehen hatte. Nervös leckte sie über die Lippen und wagte nicht aufzublicken, als sie betont unschuldig sagte: „Das hat Ravina noch keiner gesagt, mein Herr, dass sie das nicht darf!“

Der Prätor schnaubte. „Du vergisst was du bist, Sklavin! Nimm das Ding und wirf es ins Feuer und zwar sofort! Ich will, dass ihr Stadtmädchen jederzeit zur Benutzung durch freie Männer bereit seid. Keine Ausnahmen!“

Als Ravina den strengen Ton ihres Herrn vernahm, sackten ihre Schultern nach unten. Dennoch zog sie nur äußerst unwillig das schwarze Höschen unter ihrem Seidenrock hervor, sah dann auf das Stück Stoff in der Hand und ging einen Schritt auf das Feuer zu. Unschlüssig starrte sie in die Flammen, bevor ihr Blick zurück zu ihrem Herrn wanderte.

Tom sah ihr kalt entgegen. „Worauf wartest du, Sklavin? Wirf das jetzt hinein!“ Ravina schluckte trocken, wissend, dass sie gehorchen musste. Schweren Herzens warf sie das kleine, schwarze Höschen, dass sie sich selbst mühevoll aus Stoffresten genäht hatte, in das Feuer. Mit dunklem Blick sah sie zu, wie es in den Flammen verbrannte.

Angel, die immer ein wenig lockerer als die anderen freien Frauen war, hatte das Ganze amüsiert beobachtet. „Die Herren sehen eben gerne eure Hitze, Ravina. Daran solltest du dich gewöhnen...

Immer zugänglich...“, flötete sie.

Tom konnte sich einen spöttischen Blick zu ihr nicht verkneifen. Und während Ravina noch damit kämpfte, soeben wieder ein Stück Sicherheit verloren zu haben, sagte er leise zu Angel: „Na, nun tu nicht so. Du siehst ihre Hitze doch nicht so gerne, oder?“

Vom Tor her rief eine Stimme nach dem Prätor und ohne auf eine Antwort der Freien zu warten stand er auf. „Ich muss kurz weg, Angel!“ Er nickte noch der Herrin Karin zu, die sich gerade auf einem der Kissen um das Feuer niederließ, dann ging er mit raschen Schritten in Richtung Tor.

Ravina hatte sich wieder neben den anderen Mädchen niedergelassen und starrte wütend vor sich hin. „Ich bin NICHT immer frei zugänglich!“, murmelte sie bockig, ohne an die beiden freien Frauen in ihrer Nähe zu denken. „Niemals!“

Summer deutete auf ihren und Arias nackten Körper und sagte leise: „Meinst du das ist besser? Aber wir sind nun mal Sklaven und müssen tun, was man uns befiehlt.“

Ravina sah kurz zu Beiden, doch sie war für keinerlei Argumente zugänglich und erwiderte bissig: „Nein, das ist sicher auch nicht besser... aber ICH will das nicht und ICH kann das nicht, Summer.“ Grimmig starrte sie dann ins Feuer und ballte die Fäuste. „Ich bin doch kein... kein... Benutzungsding für alle!“

Aria hatte bei dem Wortwechsel der Beiden um sich geschaut und mit Schrecken bemerkt, dass die Herrinnen Angel und Karin sie genau beobachteten und ihnen zuhörten.

Da hob Karin auch schon pikiert eine Augenbraue und sagte zwar ruhig, aber bestimmt: „Doch, genau das bist du als Stadtkajira, Ravina. Das musst du einsehen, ob es dir gefällt oder nicht. Es ist deine Pflicht, die Herren zu erfreuen, wenn sie es wünschen auch mit deinem Körper!“

Ravinas Augen verdunkelten sich. Sie wollte gerade zu einer unfreundlichen Antwort ansetzen, als sie die Stimme ihres Herrn vernahm, der unbemerkt zum Feuerkreis zurück gekommen war.

„Was gibt es hier?“, fragte er stirnrunzelnd in die Runde.

Entsetzt zog sie den Kopf ein und versuchte sich möglichst unsichtbar zu machen.

Angel bemerkte, wie unruhig Ravina bei dieser Frage wurde, wechselte einen Blick mit Karin, dann blickte sie zu Tom, lächelte beschwichtigend und sagte freundlich aber knapp: „Ach, nur Frauengeschichten, Tom. Nichts Wichtiges.“

Das Gesicht des Prätors verfinsterte sich und seine Stimme klang plötzlich eiskalt. „Ach ja? Du deckst das Sklavenpack auch noch, Angel? Wenn ich frage, erwarte ich Antworten!“ Er ließ seinen Blick über die drei Mädchen schweifen. „Lasst euch nicht beim Lügen erwischen, oder dass ihr mir etwas verschweigt, Mädchen!“

Ravina wurde blass, senkte den Blick und zupfte nervös an ihrem Silk herum. Aria dagegen hielt dem Blick ihres Herrn stand und sagte im Brustton der Überzeugung: „Aria würde euch nie anlügen, mein Herr!“

Tom betrachtete sie einen Augenblick kalt, dann sagte er: „Auch ein Verschweigen werde ich nicht dulden, Aria! Nun? Hat mir eine von euch etwas zu sagen?“

Ravina wurde klar, dass sie sprechen musste, wollte sie den Zorn ihres Herrn nicht auf sie alle drei ziehen. „Mein Herr, darf Ravina etwas dazu sagen?“

Die Augen des Prätors wanderten zu dem verängstigten Mädchen hin und er nickte langsam. „Sprich, Sklavin!“

„Es ist so... wir haben davon gesprochen... dass es Ravina schwer fällt, also... so unten... so ohne...“ Sie fing an zu stammeln. „Ravina will nicht allen Herren zu.. zu.. zugänglich sein!“

Als es endlich heraus war, senkte sie hastig wieder den Blick und starrte auf ihre Hände hinab, die sie verkrampft auf den geschlossenen Schenkeln liegend ineinander verschränkt hatte.

„Oh!“ Der Prätor schaute grimmig auf sie hinab. „Du WILLST das also nicht? Weißt du, Kajira, du musst das auch nicht wollen! Es IST einfach so!“ Dann grinste er spöttisch. „Es werden dich auch kaum alle wollen, nur keine Angst!“

Ravina hob den Kopf und sah ihn wütend an. „Das hofft Ravina, mein Herr! Weil, Ravina wird niemals so ein Mädchen sein!“

Aria sog neben ihr erschrocken die Luft durch die Zähne, stupste ihre rothaarige Kettenschwester an und zischte leise: „Sei doch still! So darfst du nicht sprechen, Ravina!“

Tom sah eine Weile stumm auf seine Sklavin hinab, dann wandte er sich einfach von ihr ab, setzte sich auf eines der Kissen auf dem Boden und starrte nachdenklich in das Feuer. Als er wieder aufblickte wirkte er vollkommen ruhig. Er wies Summer an, ihm einen Paga zu holen und sprach kein einziges Wort mehr, bis diese mit dem Getränk zurückkam, es ihm servierte und er den ersten Schluck getrunken hatte.

Ravina, die ahnte, dass ihr Herr es nicht dabei belassen würde, sah immer wieder unter gesenkten Wimpern kurz zu ihm hin.

Der Prätor trank einen weiteren Schluck seines Pagas und strich Summer dabei lobend über das Haar, bevor er seinen Blick wieder

Ravina zuwandte.

„Komm her, Sklavin!“ Erstaunt registrierte Ravina, dass seine Stimme in keiner Weise grimmig oder verärgert klang. Dennoch sträubte sich alles in ihr, seinem Befehl nachzukommen.

Wieder sprach der Freie eine ganze Weile kein Wort und betrachtete nur seine Sklavin. Am Feuerkreis war es vollkommen still. Es war, als hielten Freie wie auch Sklaven den Atem an und warteten, was nun geschehen würde. Tom hob den Pagabecher an die Lippen und trank erneut einen großen Schluck. Dann stellte er ihn beiseite, fasste an seinen Gürtel und nahm die beiden Lederarmbänder ab, die immer daran hingen. „Streck deine Arme aus, Sklavin!“

Ravina sah auf die Fesseln in der Hand ihres Herrn und ihr Herz schien für einen Augenblick auszusetzen.

Ruhig wartete der Prätor, bis sie ihm endlich die Arme entgegen streckte. Dann packte er mit festem Griff ihren rechten Arm und legte ihr eine der Lederfesseln um das Handgelenk. Rasch hatte er auch die zweite Fessel angelegt, dann hob er Ravinas Kinn an und befahl knapp: „Dreh dich um, Arme auf den Rücken!“

Ravina wagte nicht zu zögern, rutschte herum und nahm die Arme wie befohlen nach hinten.

Grob zerrte der Prätor ihre Handgelenke übereinander und verband die beiden Fesseln mit einem Seil. Er begutachtete kurz sein Werk, dann sagte er mit leisem Spott in der Stimme: „Dreh dich um und mir nicht den Rücken zu, Kajira!“

Ganz langsam, um nur ja mit den gefesselten Händen nicht das Gleichgewicht zu verlieren, drehte Ravina sich wieder zu ihrem Herrn herum.

Tom beobachtete jede ihrer Bewegungen genauestens. „Schau mich an, Ravina!“ Seine Stimme klang ruhig. „Wie fühlst du dich jetzt, Sklavin? Beschreibe es mir!“

Ravina hob den Kopf und sah ihren Herrn unglücklich an. Die Fesseln zogen ihre Arme fest nach hinten und sie musste sich anstrengen damit aufrecht zu knien. Außerdem verunsicherte sein forschender Blick sie schrecklich. „Die Sklavin fühlt sich... hilflos“, presste sie endlich heraus. „Völlig hilflos, mein Herr!“ Tränen stiegen ihr in die Augen und sie versuchte sie wegzublinzeln.

Tom nickte langsam, ohne den Blick von ihr zu wenden. „So ist es, Ravina. Genau das bist du ohne mich!“ Er streckte einen Arm nach vorne und streichelte seiner Sklavin sanft über das Gesicht. „Du bist vollkommen abhängig von mir, Kajira. Ich bestimme ob du zu Essen bekommst, ob du Kleidung tragen darfst und... ich bestimme was du zu tun hast!“

Ravina schüttelte verzweifelt den Kopf. „Aber nicht DAS, mein Herr! Bitte verlangt nicht, dass Ravina sich hingeben muss!“

Ärgerlich runzelte Tom die Stirn. „Du bist abhängig von meiner Gnade und ich bestimme alles! Und nun schweig!“ Als sei ihm das Gespräch zuwider, wandte er sich dann von Ravina ab und der Herrin Nele zu, die gerade mit einem dampfenden Becher in der Hand auf den Feuerkreis zulief.

Kaum hatte Nele sich auf eins der Kissen gesetzt, entdeckte sie die Fesseln an Ravinas Handgelenken und runzelte die Stirn. „Du hast die Kleine gefesselt, Tom? Was hat sie ausgefressen?“

Der Prätor seufzte. „Sie wehrt sich noch immer gegen ihre Benutzung. Ich weiß nicht, warum sie sich so anstellt.“

Als hätten alle nur auf ein Stichwort gewartet, entspann sich schlagartig eine lebhafte Diskussion über Ravinas Fehlverhalten.