Im Bann des Roten Sees - Daxin Zhou - ebook

Im Bann des Roten Sees ebook

Daxin Zhou

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Opis

China – über 5.000 Jahre Geschichte, die Große Mauer und "Der letzte Kaiser", Wirtschaftsweltmacht und boomende Millionenstädte, über 1,3 Milliarden Einwohner. Doch was wissen wir fernab der Klischees wirklich über China und die Chinesen? In seinem maodunpreisgekrönten Roman erzählt Zhou Daxin die Geschichte von Chu Nuan, der jungen Chinesin, die aufbricht, ihren Traum von Glück zu verwirklichen. Die Krankheit ihrer Mutter zwingt sie zurück in ihr Heimatdorf am Roten See. Sie widersteht den traditionellen Handlungsmustern, sie wehrt sich gegen den Dorfvorsteher und heiratet ihre Jugendliebe. Doch das Glück der beiden ist nur von kurzer Dauer und Nuan muss schließlich erkennen, dass der größte Feind in ihrem eigenen Bett liegt … ZHOU Daxin: 1985 Abschluß des Politischen Institutes der Volksbefreiungsarmee in Xián Zhou Daxin lebt in Peking als Berufsschriftsteller. Er gilt als bedeutendster Bauern- und Volksschriftsteller der Gegenwartsliteratur Chinas. 2008 erhielt er für den Roman 'Im Bann des Roten Sees' den Maodun-Literaturpreis, den wichtigsten Literaturpreis in China. Weitere Romane 'Das Weite suchen', 'Der 20. Akt', 'Das Hochhaus Nr. 20', 'Kriegslegende', 'Vorwarnung', 'Seelenberuhigung'. Nach seinem Werk ' The Women From The Lake Of Scented Souls' entstand der gleichnamige Film, der auf der 43. Berlinale mit dem Goldenen Bären ausgezeichnet wurde.

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I

Nuans größter Wunsch war es, einmal zehntausend Yuan zu besitzen. Die Summe auf ihrem Sparbuch näherte sich langsam diesem Betrag, in manchen Nächten träumte sie schon davon, diesen Geldbetrag auszugeben. Aber dann erhielt Nuan den Anruf.

Sie arbeitete in einem Hochhaus im Pekinger Stadtteil Chaoyang als Putzfrau, sie war angestellt bei einer Reinigungsfirma und putzte gerade in einer neu eingerichteten Wohnung. In der neuen Wohnung roch es sehr stark nach Nagellack, sodass sie etwas Kopfschmerzen hatte, aber sie musste weiterputzen, pausenlos. Schmutz an den Kacheln entfernen, Flecken an den Glasscheiben von Türen und Fenstern wegwischen, Waschbecken, Badewannen und Toiletten sauber putzen, den Müll auf dem Rücken wegtragen… Die Reinigungsfirma hatte sie und zwei andere Mädchen mit dieser Aufgabe betraut, Entlohnung 90 Yuan und je früher sie damit fertig waren, desto früher bekamen sie das vereinbarte Geld. Vielleicht lag es daran, dass das Hochhaus zu hoch, zu nah am Himmel war, die Augustsonne brannte durch das Fenster wie Feuer herein, so heiß, dass Nuan von oben bis unten durch und durch schweißgebadet war. Als sie einmal aufhörte zu kehren, um sich den Schweiß von der Stirn zu wischen, klingelte das Handy bei einer Arbeitskollegin, sie reichte es Nuan und sagte: Für dich.

Nuan war erstaunt: Wer konnte das sein? Als sie die Nummer auf dem Handy sah, wusste sie, dass der Anruf von ihrem Heimatdorf kam. Sie wurde unruhig, denn ihr Vater hatte ihr gesagt, dass sie ohne dringenden Grund nicht anrufen sollte, das Handy gehörte ja schließlich einer Arbeitskollegin. Tatsächlich klang die Stimme ihres Vaters sehr angespannt und voll panischer Angst: Nuan, ich rufe von der Poststelle auf der Juxiang-Straße an, du musst ganz schnell zurückkommen, deine Mutter ist schwerkrank.

Als Nuan das hörte, bekam sie weiche Knie, lehnte sich an die Fensterbank in ihrer direkten Nähe und sagte: Vater, bring sie doch schnell ins Krankenhaus, ich komme sofort.

Es war schon am nächsten Mittag, als Nuan mit dem Zug in die Stadt Nanfu reiste, dort in einen Bus umstieg, mit dem sie schließlich das Ostufer des Roten Sees erreichte. Kaum war sie aus dem Bus gestiegen, rannte sie ganz schnell zum Seeufer; wenn sie die letzte Fähre zum Westufer nicht verpasste, könnte sie vor dem Dunkelwerden zu Hause sein. Als sie am Ufer ankam, war die Fähre jedoch schon längst nicht mehr zu sehen, nur einige Fischerboote waren noch da. Sie wollte aber noch nicht aufgeben, ging zum Schalter der kleinen Hütte, wo Fahrkarten verkauft wurden, und fragte: Onkel, gibt es heute noch Boote zum Westufer? Nein, heute nicht mehr, morgen kannst du wieder hinfahren, sagte er und zog die Fensterbretter herunter.

Was mache ich jetzt? Nuan stand da und schaute zum Westufer hin, einige Dutzend Kilometer breit ist der See, kein Ende in Sicht, aber sie wusste ungefähr, wo das Dorf des Chu-Königs lag, ungeduldig schaute sie in diese Richtung. Plötzlich spürte sie Hassgefühle in sich aufsteigen: Warum bist du so groß, Roter See?

Nuan wohnte am Westufer, von klein auf fand sie den Roten See einfach zu groß, wenn man nach Nanfu-Stadt gehen wollte, musste man über den See fahren. Aber es war nicht so einfach, über den großen See zu gelangen. Nuan wusste, dass das mit dem Fengyang zu tun hatte. Der Fluss Fengyang, gespeist vom Qinling- und Funiugebirge, wurde hier besonders launisch und wild, wenn er diese Region erreichte, nahezu aller zwei Jahre machte er den Leuten hier viel zu schaffen, allein im Jahr Guangxu fielen ihm bei einer großen Überschwemmung über achtzigtausend Menschenleben zum Opfer. Der Rote See war vor langer Zeit aus den vielen Tälern und Höhen, die diese Überschwemmungen hinterlassen hatten, entstanden. Allerdings war die Fläche des Sees damals viel kleiner als jetzt, der Grund, dass er heute so groß geworden ist, bestand darin, dass ein großer Staudamm am unteren Flussgebiet gebaut worden war, um Wasser nach Nordchina umzuleiten. Seitdem wuchs der See, wurde immer größer, immer tiefer und auch immer klarer. Die Bewohner an seinen Ufern hatten sich allmählich an seine Existenz gewöhnt, jedoch hörte man ab und zu, dass die alten Menschen im Dorf seufzten: Als der Rote See noch kleiner war, dauerte es vom Ost- bis zum Westufer höchstens so viel Zeit wie für eine Mahlzeit, und jetzt? Einen ganzen Tag muss man in einem Boot rudern, es heißt, dass früher, als der König Li Chuangwang mit seinen Truppen hier vorbeikam, seine Kriegspferde über den See herüber geschwommen sind, und jetzt ist der See viel breiter, so breit, grenzenlos, welches Pferd kann das noch schaffen?

Hallo Kleine, du Süße, willst du nicht mal auf mein Schiff kommen? Aus einem Fischerboot kroch ein Mann mit bloßen Armen, die Nuan zum Umarmen aufforderten. Nuan warf einen giftigen Blick auf ihn und schimpfte: Geh doch nach Hause und mach das mit deiner eigenen Schwester! Der Mann grinste und kroch wieder in sein Boot zurück.

Soll ich etwa heute am See übernachten? Nuan ließ ihre Reisetasche auf den Boden fallen und fiel selbst auch auf den Boden. Als sie sich setzte, berührte ihre Hand die Geldtasche an ihrer Hüfte, die Tasche war ganz voll, darin war all ihr Geld, das sie in den zwei Jahren draußen durch ihre Arbeit verdient hatte, über achttausend Yuan waren es. Mutter, hab keine Angst, deine Tochter hat Geld, du kannst mit dem Geld im Krankenhaus behandelt werden.

Als Nuan ratlos da saß und auf den See starrte, erschien von Ferne auf dem See ein Motorboot, es dauerte gar nicht lange, bis es das Ufer erreichte. Beim Anlegen sprangen einige Polizisten mit einem Mann in Handschellen aus dem Boot und schritten hastig zu einem Polizeiwagen, der nicht weit entfernt stand. Was hat der Mann gemacht, fragte jemand den Bootsfahrer. Nuan spitzte auch die Ohren. Chu-Grab-Raub! Was? Bitte was? Was ist denn ein Chu-Grab? Der Frager verstand offensichtlich nichts.

Chu-Gräber sind Gräber aus der Zeit des Chu-Reichs. Es war noch nicht lange her, dass man bei einer Brunnenbohrung zwei alte Gräber zufällig entdeckt hatte, worauf die lokale Gemeindeverwaltung und die Behörden von Nanfu strengstens verboten, diese Gräber zu berühren. Dieser Mann aber hat die Gräber nachts heimlich aufgemacht und einige Bronzegefäße mitgenommen, was gegen die Gesetze verstößt.

Was? Stammten die Gräber aus dem Chu-Reich? Jawohl, die Leitung der Gemeinde und der Stadt sagt, dass unsere Region hier um den Roten See in der Antike zum Chu-Reich gehörte.

Nuan wandte sich um, sie hatte keine Lust, mehr über das Chu-Reich zu hören, was sie jetzt dringend brauchte, war eine Fähre, mit der sie zum Westufer fahren konnte, auch ein kleines Boot wäre schon besser als nichts. Nuan wusste weder aus noch ein und war sehr bekümmert, als sie von weitem rufen hörte: Hallo, alter Heidou, vergiss nicht, mehr Magnolienknospen zu bringen, wenn du zurückkommst! Alter Heidou? Sie drehte sich schnell um und sah, da war wirklich Onkel Heidou, der wohnte auch in ihrem Dorf und fuhr oft zum Ostufer, um Heilkräuter zu verkaufen. Nuan stand sofort auf, nahm ihre Tasche und rannte zu ihm hin, indem sie lauthals rief: Onkel Heidou! Bist du mit dem Boot hergekommen? Der dunkelhäutige, magere Mann mittleren Alters sah Nuan zu ihm laufen und sagte: Hei, Nuan, das bist ja du! So ein Zufall! Komm schnell, ich kann dich nach Hause fahren.

Das Boot von Heidou war winzig, aber mit einem Motor ausgestattet und fuhr recht schnell. Heute war es auf dem See windstill, es gab kaum Wellen, auf dem bläulichen Wasser flatterten einige Wasservögel, mal hoch, mal tief, ab und zu sprangen kleine Fische aus dem Wasser und schlugen in der Luft ein Rad. In der Ferne zogen einige Fischer langsam ihre Netze hoch. Nuan, ich habe deinen Vater schon mehrere Tage nicht fischen gesehen. Weil er keine Zeit hat, antwortete Nuan, meine Mutter ist schwerkrank. Aber was hat deine Mutter denn? Oft sehe ich, dass sie zur Apotheke der Familie Mei geht und dort Heilkräuter kauft, sie sieht schlecht aus. Ich weiß auch nicht, was sie hat, seufzte Nuan. Nuan, wie viel konntest du verdienen, als du in Peking warst? Mehr als 500? Und was war mit dem Essen und Trinken? Das Mittagessen war frei, ein Imbiss kostete anderthalb Yuan. Und was war mit der Unterkunft? Zusammen mit ein paar Kolleginnen haben wir eine Wohnung gemietet. Ach, das war schon besser als bei meiner Tochter Luo. Sie arbeitet in der Provinzhauptstadt und verdient für einen Monat nur 380 Yuan, abgezogen von Essen und Trinken, bekommt sie netto nur noch an die 200 Yuan. Was? Luo ist auch weggegangen? Für Nuan war Luo noch sehr klein. Ja, auch sie ist weggegangen, zusammen mit Wei Liang und anderen. Es ist draußen immerhin besser als hier zu Hause als Bauern, draußen kann man bares Geld verdienen, und als Bauer kann man im besten Fall gerade seinen Bauch füllen…

Als das Schiff das Ufer erreichte, versank die Sonne schon hinter dem Berg, im Dorf erhob sich überall Kochrauch von den Dächern der Bauernhöfe. Nuan bedankte sich bei Onkel Heidou und lief mit schnellen Schritten ins Dorf hinein. Als sie an der stark verwitterten Steinsäule vorbei ging, blieb sie unwillkürlich stehen, auf der Steinsäule stand die Inschrift »Dorf des Chu-Königs« eingraviert, sie starrte die Bauernhöfe an, die unterschiedlich groß und hoch waren, und plötzlich kam es ihr so vor, als ob das früher so große Dorf in ihrem Gedächtnis innerhalb von nur zwei Jahren viel kleiner geworden wäre. Die großen und prächtigen Häuser in ihrer Erinnerung wirkten jetzt alt und schäbig, die breiten und flachen Dorfwege sahen schmal und hässlich aus: Unverändert war nur der alte Magnolienbaum, der immer noch so dick und hoch war, seine Baumkrone ähnlich einem riesigen Schirm. Auch die Vögel waren noch wie früher, sie flatterten zwischen den Ästen der Magnolie auf und ab und wollten nicht aufhörten zu zwitschern.

Zu Hause waren nur ihre jüngere Schwester He He und Großmutter. Großmutter saß vor dem Herd und hatte wie immer am Oberkörper nichts an. Während sie Brennholz in den Herd gab, hustete sie heftig und laut, und ihre beiden Brüste zitterten und bewegten sich nach links und rechts: He He war dabei, mit einem Küchenmesser Süßkartoffeln direkt in den Wok hinein zu schneiden, jedes Stück spritzte dabei kleine Wassertropfen auf Großmutters Körper. He He hörte die Schritte, und als sie sich umdrehte und ihre ältere Schwester sah, hörte sie auf zu schneiden und rief traurig: Schwester – und dann konnte sie ihre Tränen nicht mehr zurückhalten. Nuans Herz verkrampfte sich, sie schritt vor und grüßte: Oma. Sie beugte sich vor und gab ihr einen Kuss auf die faltige Stirn und drehte sich zu He He um. Wo ist Vater? Vater hat Mutter ins Krankenhaus in der Juxiang-Straße gebracht, Oma und ich sollen zu Hause bleiben. Was für eine Krankheit hat Mutter? Brustkrebs. Was? Brustkrebs? Unwillkürlich zog Nuan einen tiefen kalten Atem ein und keuchte erschrocken. Mutter hat in einer Brust Krebs, versuchte He He zu erklären.

Nuan sackte auf einen Stuhl neben ihre Oma und hielt den Kopf mit beiden Händen: Dein Vater ist schuld daran, öffnete Großmutter den Mund: Er beschäftigt sich nur mit Fischen, Garnelen oder Krabben. Aber wem gehören die Fische, Garnelen und Krabben? Alle gehören dem Seegott! Soll der Seegott sich das gefallen lassen, wenn du ständig seine Dinge wegnimmst? Ich habe ihm weiß Gott wie viele Male gesagt, dass er mindestens ein Mal im Monat dem Seegott die Ehre erweisen soll, und was macht er? Entweder hat er das vergessen, oder einfach überhört. Er hat immer gesagt, es reicht ja, wenn er in den Wolkenfelsentempel geht und dort Weihrauchstäbchen brennt. Aber wer nimmt da im Tempel die Opfer an? Buddha, nicht der Seegott, der Seegott wohnt nicht da. Die Götter mischen sich untereinander nicht ein, er soll allen Göttern seine Ehrerbietung erweisen, nicht nur Buddha. Aber er hat immer nur taube Ohren für das, was ich ihm sage, und jetzt? Deine Mutter muss dafür büßen, mit Brustkrebs! Nuan sagte nichts, starrte eine ganze Weile vor sich hin, hob den Kopf und fragte He He: Ist unser Fahrrad noch da? He He antwortete: Vater hat Mutter mit dem Fahrrad zur Juxiang-Straße gebracht. Nuan sagte: Geh zu Qingcong und sag, dass ich ihr Fahrrad leihen möchte.

Es ist ja schon dunkel. He He machte große Augen, was hast du jetzt mit einem Fahrrad vor?

Zum Krankenhaus, ich will Mutter im Krankenhaus besuchen, ich mache mir große Sorgen.

Es ist doch so weit von hier, du alleine –

Geh doch hin und leihe das Rad. Nuan drehte sich um, nahm eine Hand voll Brennholz und warf es für Großmutter in den Herd, das Feuer flammte auf. Dann erhob sie sich, nahm eine Waschschüssel, wusch sich die Hände, nahm das Küchenmesser, das He He hingelegt hatte, und fing an, die Süßkartoffeln in den Wok zu schneiden. Als sie damit fertig war, deckte sie den Wok mit dem Deckel zu, drehte sich um, holte aus ihrer Reisetasche eine Bluse mit kurzen Ärmeln heraus und sagte zu Großmutter: Oma, ich habe für dich eine Bluse gekauft, komm, zieh sie an. Nein, vielleicht machen wir das später, es ist so schwül und warm jetzt, erwiderte diese. Es ist besser, Oma, wenn du sie anhast. In Peking haben die alten Omas immer etwas an, wie heiß es auch immer ist. Nuan war schon nicht mehr daran gewöhnt, dass Großmutter bei heißem Wetter obenrum nichts anhatte. Ach was, sagte Oma, wie können wir uns mit den Leuten in der Stadt vergleichen? Sie wollte keine Bluse anziehen. Komm schon, sagte Nuan, sie gab Großmutter keine Chance weiter zu widersprechen, ganz schnell hatte sie ihr die Bluse angezogen. Und? So siehst du ja viel besser aus, sie passt wunderbar zu dir. Nuan musterte Oma von allen Seiten. Großmutter zog die Ecken der Bluse nach unten und lachte zögernd: Naja, gut ist sie ja, aber ein bisschen zu modern.

Kaum waren die Süßkartoffeln im Wok gar, als Schritte von zwei Leuten und das Geräusch des Fahrrads im Hof zu hören waren; Nuan war sich sicher, dass es Qingcong wäre. Nuan, du bist zurück? Ich habe schon vermutet, dass du zurückkommst. Changlin ist zur Arbeit nach Nanfu-Stadt gegangen, er ist nicht zu Hause, also fahre ich dich zum Krankenhaus! Abgehärtet von langer Feldarbeit sah Qingcong sehr kräftig und gesund aus, sie kam ins Zimmer und ging zu Großmutter: Oma, hast du noch nicht gegessen?

Statt ihren Gruß zu erwidern, hob Oma ihre Krücke und tätschelte Qingcong am Arm: Hallo Qingcong, du und Nuan, ihr beide seid doch Mädchen, wie könnt ihr nachts ausgehen? Was denn, wenn ihr auf unterwegs einem Schurken begegnet? Mach dir keine Sorgen, Oma, lachte Qingcong, ach was, wo gibt es so viele Schurken? Doch! Ihr dürft es nicht auf die leichte Schulter nehmen, vor ein paar Tagen wurde die Frau von Tong unterwegs beraubt, das wisst ihr doch! Dreißig Hühnereier! Alle gestohlen! Nein, ich mache mir solche Sorgen! Naja, sagte Qingcong und zog mit einem Schlag an die Wand hinter der Tür eine Sichel runter und winkte damit: Wenn wirklich ein Schurke auftaucht, werde ich ihm damit den Kopf abschneiden!

Hör doch auf mit deiner Prahlerei! Großmutter öffnete ihren Mund, in dem nur noch zwei Zähne zu sehen waren, und lachte: Ich glaube, wenn der Schurke dich einmal anschreit, wirst du weiche Knie haben und auf den Boden sacken.

Bin doch nicht allein, Nuan ist ja dabei!

Naja, allerdings, unsere Nuan hat vielleicht den Mut, jemandem den Kopf abzuhacken! Großmutter war etwas stolz darauf, aber dann sagte sie: Es ist so dunkel, lass Nuan auf den hinteren Sitz, fahr vorsichtig und merkt euch, der Weg zur Juxiang-Straße ist immer am See, wenn ihr plaudert, dürft ihr bloß kein dummes Zeug reden, das dem Seegott nicht gefällt, schreibt euch das hinter die Ohren!

Ja, ok, Oma, antwortete Qingcong, während sie sich umdrehte und das Fahrrad nach draußen schob. Nuan nahm die Sichel und ging mit Qingcong hinaus. Großmutter lief ihnen nach und fragte Qingcong: Noch eine Frage, du bist nicht schon wieder guter Hoffnung?

Na und? Oma wird mir doch erlauben, noch ein Kind zu haben? Qingcong lachte in der Dunkelheit. Nein, ich habe Angst, wenn du wieder schwanger wärst, dürftest du beim Radfahren nicht noch jemanden hintendrauf haben, wenn was passieren sollte, das wäre ja schlimm. Wir könnten das doch nicht verantworten.

Mach dir keine Sorge, Oma, Changlin ist nicht zu Hause, der Samen ist noch nicht gesät…

II

Es waren neun Li Weg vom Dorf des Chu-Reiches bis zur Juxiang-Straße, rechts vom Weg lauter hohe Berge, aber der Pfad schlängelt sich stets am Roten See entlang und es ließ sich gut auf dem Fahrrad fahren. Nuan saß hinter Qingcong, hörte deren schweres Atmen und schaute in die endlose Dunkelheit ringsherum. Die Herbstinsekten zirpten laut im Chor, hörten aber auf, als sie das Geräusch vom Fahrrad wahrnahmen. In Gedanken versunken, dass sie gestern noch in Peking gewesen war, wo die ganze Nacht die Lichter prächtig leuchteten, heute aber auf einem Feldweg, auf dem weit und breit keine Menschenseele zu sehen war, kam es Nuan vor, als ob all das nicht wahr wäre, beides zwei ganz andere Welten!

Qingcong musste immer schwerer atmen, es tat Nuan sehr leid, und sie sagte leise zu ihr: Qingcong, lass mich fahren, mach eine Pause, und setz dich auf meinen Platz.

Nein, macht nichts. Qingcong holte mit einer Hand aus ihrer Tasche etwas heraus, dann bremste sie das Rad ab und reichte Nuan eine lauwarme Papierpackung. Du bist ganz kaputt, ruh dich auf dem hinteren Sitz gut aus. Als du in Peking in die Bahn einstiegst, warst du bestimmt in großer Sorge, und die Reise war anstrengend für dich, mit dem Zug, mit dem Bus, mit dem Boot, und dazu noch mit knurrendem Magen. Kaum zurück zu Hause, musst du dich schon wieder auf den Weg machen, ich kann mir vorstellen, wie müde du bist. Die Pizza da, die hat gekochte Eier drauf, die kannst du erstmal essen und wenn wir auf der Juxiang-Straße sind, kaufe ich dir noch etwas.

Nuan hielt die Pizza, ihre Augen wurden feucht, sie konnte ihre Tränen nicht mehr zurückhalten. Von allen Freundinnen war Qingcong diejenige, auf die sich Nuan einfach verlassen konnte. Mit Changlin, dem Mann von Qingcong, war die Familie von Nuan nicht verwandt, Nuan und Qingcong waren so gut befreundet, weil sie sich sehr gut verstanden.

Vor fünf Jahren wurde Qingcong von einem Nachbardorf hierher verheiratet, sie war nett und hilfsbereit, außerdem sehr geschickt im Stricken, konnte auch Bambuskörbe oder Körbe aus Rattan flechten. Mit ihrer Art hatte sie das Herz von Nuan schnell gewonnen. In der Zeit, bevor Nuan nach Peking gegangen war, war sie oft bei Qingcong, um ihr Herz auszuschütten.

Mach dir nicht allzu große Sorgen um deine Mutter, ich habe gehört, heutzutage kann diese Krankheit geheilt werden, versuchte Qingcong sie zu beruhigen. Ach, seufzte Nuan, meine Mutter hat kein gutes Schicksal.

Nuan, fragte Qingcong beim Fahren, du warst weg in den vergangenen zwei Jahren, was denkst du über das Heiraten? Hast du einen, der dir gefällt?

Nein, die Firma, für die ich gearbeitet habe, ist sehr klein, da gibt es keinen ordentlichen jungen Mann; übrigens denkt man da auch nur daran, möglichst viel Geld zu verdienen, man hat ja gar keine Zeit, über solche Sachen nachzudenken, erwiderte Nuan und blickte hinüber auf das graue Wasser des Sees.

Sei doch ehrlich, kann es sein, dass eines Tages ein hübscher Junge plötzlich mit dir zusammen vor mir erscheinen wird?

Warum sollte ich das abstreiten?

Na – und was hältst du von unserem Kaitian?

Er – Nuan zögerte und wusste nicht, wie sie dazu sagen sollte. Kaitian wohnte auch im Dorf des Chu-Königs, er gehörte zur Familie Kuang, war von klein auf ein Spielkamerad von Nuan gewesen. Sie konnte sich noch genau daran erinnern, wie sie Kaitian kennengelernt hatte. Es war ein Herbsttag, sie ging mit ihrer Mutter zusammen zum Wolkenfelsentempel, um dort Weihrauchstäbchen zu opfern. Von allen Leuten im Dorf des Chu-Königs waren es die Mutter von Nuan und die Mutter von Kaitian, die das am häufigsten taten. Nuans Mutter tat das aus dem Wunsch heraus, Buddha möge ihren Vater beim Fischfang auf dem See schützen, damit nichts Schlimmes passieren würde, während die Mutter von Kaitian sich eine gute Ernte für die Familie wünschte. Die Familie von Kaitian war eine typische Bauernfamilie, das Allerwichtigste für sie war jedes Jahr wieder eine gute Ernte. Bei jedem Jahresfest, sei es Frühlings- und Sommeraussaat oder Herbsternte, ging sie zum Tempel, machte ihren Kotau vor Buddha und brachte Weihrauchstäbchen in den Tempel. Vor dem Bergtor des Wolkenfelsentempels hatte Nuan Kaitian zum ersten Mal gesehen. Sie konnte sich noch daran erinnern, sie hielten sich beide fest am Zipfel ihrer Mütter und gingen mit dem Menschenstrom ins Tor hinein. Als ihre Mutter die Mutter von Kaitian grüßte, warf sie einen Blick auf Kaitian und sah, dass er gerade ein Bonbon in den Mund steckte und neugierig zum Bergtor schaute. Bist du zum ersten Mal hier, fragte Nuan. Mit dem Bonbon im Mund konnte Kaitian nur lächeln, er nahm es aber schnell heraus und sagte: Ja, meine Mutter hat gesagt, zu kleine Kinder lassen die Mönche nicht hinein. Wieso? Nuan war erstaunt. Sie denken, dass die kleinen Kinder in der Buddha-Halle überall Pipi machen. Nachdem er das gesagt hatte, steckte er das Bonbon wieder in den Mund. Nuan sagte lachend: Ich war schon mehrere Male mit meiner Mutter hier, ich habe noch nie dort Pipi gemacht. Während sie das sagte, starrte sie Kaitan an, der das Bonbon im Mund mit großem Appetit genoss, und ihr lief das Wasser im Mund zusammen. Das Bonbon, ist das lecker, fragte sie ihn. Obwohl sie wusste, dass sie mit dieser Frage in Verdacht geriet, auch eins zu wollen, konnte sie diese Frage schließlich nicht zurückhalten. Schon allzu lange bekam sie keine Bonbons, jedes Mal, wenn sie ihrer Mutter andeutete, dass sie gern Bonbons haben wollte, sagte ihre Mutter immer zu ihr: Wozu? Wofür ? Es ist doch besser, mit dem Geld Salz zu kaufen.

Lecker! antwortete Kaitian auf ihre Frage, willst du auch mal probieren? Meine Mutter hat für mich drei gekauft. Indem er das sagte, holte Kaitian eins aus seiner Jackentasche und reichte es ihr. Nach kurzem Zögern nahm sie es an. Als sie das Bonbonpapier aufriss, warf sie einen Blick auf ihre Mutter, Gott sei Dank, sie hatte es nicht gesehen. Das war Nuans süßeste Pilgerreise zum Tempel! Eben wegen dieses Bonbons blieb auch Kaitian fest in ihrem Gedächtnis. Früher war Nuan nie gern mit ihrer Mutter zum Wolkenfelsentempel gegangen, weil sie es sehr schade fand, Dinge zu opfern. Jedes Mal tat es ihr herzlich leid, wenn sie sah, wie Mutter die aus weißem Mehl gebackenen Brötchen in den Tempel brachte und Buddha vorlegte, das weiße Mehl war etwas Besonders zu Hause. Und mit dem Geld, das sie durch den Verkauf der zu Hause aufgezogenen Hennen und Hühnereier bekam, kaufte Mutter Weihrauchstäbchen und Wunschzettel, die im Weihrauchfass des Tempels verbrannt wurden. Nuan dachte: Ich hätte keinen Hunger, wenn ich die Brötchen äße, und es wäre besser, wenn Mutter mit diesem Geld Bonbons für mich kaufen würde. Als Nuan eines Tages diese Idee ihrer Mutter unterbreitete, bekam sie sofort eine Tracht Prügel. Verärgert sagte die Mutter: Würde Buddha dich etwa schützen, wenn ich ihm keine Brötchen brächte und keine Weihrauchstäbchen und Wunschzettel opferte? Wegen dem, was Nuan gesagte hatte, hatte Mutter diesmal viel mehr Kotaus in der großen Buddha-Halle gemacht, und während sie das tat, bat sie Buddha um Verzeihung: Meine Tochter ist noch ein ganz kleines Kind, sie hat noch keine Ahnung vom Leben, bitte sieh es ihr nach.

Vom Dorf des Chu-Königs bis zum Wolkenfelsentempel waren es drei Li Weg. Jedes Mal war es sehr anstrengend für Nuan, wenn Mutter sie zum Tempel mitnahm. Manchmal trug ihre Mutter sie auf dem Rücken, aber jedes Mal, wenn sie hörte, wie schwer ihre Mutter atmete, tat es ihr leid und sie wollte alleine laufen. Wenn sie den Tempel mit Müh‘ und Not erreichte, quälte sie außer Müdigkeit noch richtiger Hunger. Einmal konnte sie sich vor Hunger nicht mehr beherrschen und nutzte die Gelegenheit, als Mutter die Opferbrötchen auf den Tisch vor Buddha gelegt hatte und zu anderen Hallen ging, um dort ihre Kotaus zu machen, ein Stück von einem Opferbrötchen heimlich abzureißen. Sie versteckte sich in einer Ecke außerhalb der Halle und fing an, an dem Brötchenstück zu kauen, als ihre Mutter zurückkam und alles bemerkte. Vor Angst wurde Mutter ganz blass und sagte mit Tränen in den Augen: Warum bist du so gierig, diesmal wird Buddha dich bestimmt strafen, deine Mutter kann nichts dafür, wenn du in deinem Leben Ärger bekommst! Nuan war es aber egal, Hauptsache, ihr Hunger war gestillt, sie freute sich sogar innerlich und sagte ganz leise zur Mutter: Wenn du meinen Namen nicht sagst, weiß Buddha doch nicht, wer ich bin. Und wenn er nicht weiß, wer ich bin, kann er mich ja nicht bestrafen, oder? Mutter gab Nuan eins auf den Kopf und sagte wütend: Glaubst du, dass man Buddha betrügen kann? Er weiß alles, es gibt ja niemanden, von dem er nichts weiß. Er kennt nicht nur deinen Namen, auch dein Leben hält Buddha in seiner Hand!

Dieser Ausflug zum Tempel war der Anfang der Freundschaft zwischen Nuan und Kaitian. Die beiden trafen sich ab und zu und spielten zusammen, so erfuhren sie, dass sie alle zum Dorf des Chu-Königs gehörten. Das Dorf war ziemlich groß, Kaitian wohnte im Zentrum, Nuans Familie wohnte am Südrand des Dorfes. Allmählich fingen die beiden an, sich besser kennen zu lernen. Kaitian wusste, dass Nuans Vater – Chu Changshun hieß er – fast jeden Tag mit seinem Boot auf den Roten See zum Fischen fuhr; und Nuan wusste auch schon, dass der Vater von Kaitian – Kuang Baogu war sein Name – ein tüchtiger Bauer war. Außerdem wusste sie, dass Kaitian immer großen und guten Appetit hatte und immer hungrig war und im Sommer immer mit freiem Oberkörper herumlief. Nach jeder Mahlzeit war sein Bauch so rund wie eine Wassermelone, beim Gehen schwankte sein Bauch auf und ab, und wenn die Erwachsenen ihm mit der Hand darauf trommelten, klang es auch ungefähr so wie auf einer Wassermelone. Manchmal ging Nuan auf ihn zu und betastete Kaitians Bauch. Von da an brachte sie ihm ab und zu von zu Hause ein Brötchen, weil sie sich Sorgen machte, dass Kaitian bestimmt schon wieder Hunger hatte. Und wenn Kaitian Brötchen sah, nahm er sie sofort und aß sie auf. Später, als Nuan zur Schule ging, war sie zufälligerweise in derselben Klasse wie Kaitian. Morgens gingen sie zusammen zur Schule und abends zusammen nach Hause, so kamen sie sich allmählich immer näher, man konnte schon von einer Freundschaft sprechen. Auf dem Weg zur Schule oder nach Hause hatten die beiden viel Spaß zusammen, an Sommertagen fingen sie beide gemeinsam Grillen und beobachteten, welche Grille am weitesten springen konnte, im Winter bauten sie zusammen Schneemänner und diskutierten, womit deren Augen am besten dargestellt werden sollten. Im Frühling pflückten sie wilde Blüten und verglichen, welche Blüte Nuan am besten stand; als der Herbst kam, gingen sie aufs Maisfeld, brachen die süßen Stangen und aßen so viele, bis ihre Lippen anschwollen. Die beiden waren fürsorglich miteinander, wenn Nuan zu Hause etwas Leckeres hatte, vergaß sie nie, etwas für Kaitian mitzubringen, manchmal war es ein gekochtes Ei, manchmal war es eine Teigtasche mit Fleisch-Füllung, manchmal war es ein gebratenes Stück Fisch, oder ein halbes Stück gekochten Mais. Kaitians Familie war arm, aber auch wenn er nicht solche Leckerbissen von zu Hause mitnehmen konnte, vergaß er nie, immer etwas für Nuan bei sich zu haben, wie zum Beispiel eine leere Weinflasche, die er mit Wasser vom See füllte und stets in der Hand hielt, und sobald Nuan sagte, sie habe Durst, reichte er ihr die Flasche. Manchmal kam es auch vor, dass Nuan bis zum Ende des Unterrichts immer noch keinen Durst hatte, dann ließ Nuan sich helfen, ihre Hände mit dem Wasser aus der Flasche zu waschen. Kaitian ließ ganz langsam das Wasser auf die Hände von Nuan fließen und Nuan wusch sich ihre rötlichen zarten kleinen Hände unter der schmalen Wassersäule gründlich sauber. Als sie die Aufnahmeprüfung zur unteren Stufe der Mittelschule bestanden hatten, waren die beiden schon viel größer geworden, sie trauten sich nicht mehr so eng beisammen zu sein, oft ging einer vor, und der andere folgte dahinter. Wenn die beiden sich näherten, wurden sie manchmal von den anderen Mitschülern gehänselt: Seht die beiden da – schon auf Brautschau! Sie mussten sofort wieder auseinandergehen. Äußerlich schien es, als ob sie nicht mehr so intim wie früher wären, in Wirklichkeit blieben sie so gut befreundet wie früher. Manchmal brachte Nuan wieder etwas Essbares für Kaitian mit, sie deckte es mit einem Taschentuch ab und wenn niemand da war, versteckte sie es auf einem Baum, dann winkte sie Kaitian und tat so, als ob sie Blätter von einem Ast pflückte, Kaitian, der ihr folgte, verstand, wo der Leckerbissen versteckt war, er konnte ihn ohne Schwierigkeiten sofort finden. Oft sprachen sie über ihre Wünsche, was sie als Erwachsene in Zukunft machen wollten, Nuan sagte, sie wollte Lehrerin werden, Grundschullehrerin; sie stellte sich vor, eine Gruppe kleiner Kinder um sich haben, Kaitian wollte Dorfvorsteher werden, Verwalter, auf dessen Befehl über tausend Leute hören müssten. Eines Tages, kurz vor ihrer Versetzung in die zweite Klasse in die obere Stufe der Mittelschule, ging Kaitian auf dem Weg von der Schule nach Hause ungewöhnlich langsam, und Nuan, die ihm folgte, dachte, dass Kaitian bestimmt Probleme hatte, sie verlangsamte auch ihre Schritte. Als sie sah, dass alle anderen Schüler nicht mehr in Sicht waren, ging sie schneller, und als sie Kaitian einholte und fragte, was los sei, erzählte Kaitian ihr schluchzend, dass sein Vater bei der Ernte seinen Wasserbüffel, weil er zu langsam war, zuerst mit der Peitsche geschlagen hatte und dass dieser ihn darauf mit seinen Hörner kräftig gestoßen hatte, sodass sein Vater jetzt beide Beine gebrochen hatte. Und jetzt konnte Kaitian nicht mehr zur Schule gehen, er musste seinem Vater von nun an helfen, auf dem Feld zu arbeiten. Er holte aus seiner Schultasche einen Füller, ein paar Hefte, reichte sie Nuan und sagte: Das brauche ich jetzt nicht mehr, nimm. Nuan fasste seine Hände, hielt die Tränen zurück und wusste nicht, wie sie ihn trösten sollte. Innerlich sagte sie sich, dass sie fleißig lernen werde, um das Staatsexamen zur Hochschulaufnahme bestehen zu können. So, dachte sie, könnte sie Kaitian in Zukunft helfen. Leider ging ihr Wunsch am Ende nicht in Erfüllung. Beim staatlichen Examen fiel sie durch. In Begleitung ihrer Mutter ging sie auf die Juxiang-Straße, um die Bekanntmachung für die aufgenommenen Kandidaten zu sehen. Vergebens suchte sie mehrmals auf der Liste ihren eigenen Namen, er stand nicht darauf, sie stand da und lange Zeit konnte sie nicht weggehen. Ihre Mutter gab ihr nicht die Schuld, sagte nicht, dass ihre Tochter nicht fleißig sei, sondern glaubte fest daran, dass es die Strafe Buddhas sei. Buddha hat es nicht vergessen, dass du sein Opfer gestohlen hast, er ist bestimmt böse auf dich, du bist selber schuld. Von jetzt an schlag dir alles andere aus dem Kopf und fahr mit Vater auf den See und fang Fische mit ihm. Am nächsten Tag ging ihre Mutter mit Weihrauchstäbchen, Wunschzetteln und Opferbrötchen zum Tempel, machte viele Kotaus und sagte zu Buddha, sie selber sei schuld, sie hätte die Strafe verdient. Nuans Hoffnungen aber waren wie eine Seifenblase zerplatzt. Von da an ging sie ein ganzes Jahr lang mit dem Vater auf den See zum Fischen, danach entstand der Wunsch, wegzugehen, um irgendwo eine Arbeit zu finden…

Du bist jetzt zurückgekommen, klang die Stimme von Qingcong in der Dunkelheit, wenn deine Mutter wieder gesund ist, ist es Zeit, ans Heiraten zu denken. Nach meiner Beobachtung hängt sein Herz noch immer an dir, er fragt oft, wann du zurückkommst, früher oder später solltest du dich mal entscheiden, wenn du willst, dann sag ihm zu, wenn nicht, musst du ihm das auch klar sagen, so wird er sich in Zukunft auch nicht über dich beschweren können.

Naja, ok, erwiderte Nuan ganz leise, und schaute zum großen finsteren Gebirge jenseits des Weges hinüber.

Es war schon nach zehn Uhr abends, als sie im Krankenhaus ankamen. Nuans Vater war da, von ihm erfuhr sie, dass ein Arzt von der Gemeinde hierher gekommen war und dass die Operation gut gelungen sei, im Moment lag ihre Mutter noch in der Intensivstation, aber alles war in Ordnung, Für Nuan fiel ein Stein vom Herzen, sie fühlte sich plötzlich erleichtert und sank hin auf eine Treppe vor dem Eingang des Krankenhauses.

Mach dir doch keine großen Sorgen, versuchte Qingcong sie zu trösten, wer kann behaupten, dass er nie krank würde? Wer war und ist immer gesund? Keine Sorge, deine Mutter wird bald wieder gesund sein.

Danke sehr, Qingcong, meinetwegen bist du jetzt total müde, gerührt hielt Nuan Qingcongs Hände.

Macht nichts, glaubst du, dass so ein kurzer Weg mich kaputt machen kann? Während sie das sagte, stand sie wieder auf und sagte: Komm, ich schaue mal, ob es hier in der Nähe ein Lokal gibt, sie sollen für dich eine Schüssel Nudeln kochen.

III

Gut anderthalb Monate blieb Nuan im Krankenhaus, um bei ihrer Mutter zu sein. Es war eine furchtbare Operation gewesen, eine ganze Brust der Mutter war beschnitten worden, ein großes Stück der Brust entfernt, aber, sagte der Arzt, im Körper von Nuans Mutter gäbe es keine Krebszellen mehr. Wegen des großen Blutverlustes bei der Operation und Nebenwirkungen durch Chemotherapie und Bestrahlung war die Mutter sehr angeschlagen, sie konnte ohne fremde Hilfe kaum gehen. Angesichts der so schwachen und schwerkranken Mutter dachte Nuan unwillkürlich an früher zurück, wo ihre Mutter im Herbst bei der Ernte oft über einen Zentner Mais oder Süßkartoffeln auf ihren Schultern vom Feld nach Hause tragen konnte, das machte Nuan sehr traurig. Krebs, du Teufel, warum kommst du ausgerechnet zu meiner Mutter? Hat meine Mutter in ihrem Leben etwa noch nicht genug gelitten? Hat unsere Familie es etwa noch nicht schwer genug? Guck mal die anderen, die Reichen, die viel Macht haben, sie dürfen gesund sein, warum machst du gerade unser Leben so schwer? Du Himmelsgott da oben, was haben wir denn vor dir falsch gemacht?

Wie du uns behandelst, ist nicht fair! Gar nicht fair!

Mutter musste fast zwei Monate im Krankenhaus bleiben, das verbrauchte nicht nur all das Geld, das Nuan aus Peking mitgebracht hatte, auch das wenige Gesparte, vom Vater zurückgelegt, ging drauf. Großmutter pflegte zu sagen, für Bauern gibt es im Leben nur drei wichtige Dinge: Ein Haus bauen, eine Familie gründen und den Arzt besuchen. Erst jetzt konnte Nuan nachvollziehen, warum der Arztbesuch zu den drei wichtigsten Dingen des Lebens gehören sollte. Im Handumdrehen, ehe man sich’s versieht, wirst du wegen der Ärzte ein Habenichts, über Nacht wirst du so arm wie ein herrenloser Hund, über Nacht wird dein Leben zurückgeworfen in die Zeit vor der Gründung der Volksrepublik. Nachdem Mutter wieder zu Hause war, wurde Nuan die Hauptarbeitskraft zu Hause. He He musste zur Schule gehen, Vater musste auf den See fahren und fischen, um Geld für den Haushalt zu verdienen, und Großmutter war schon zu alt, um mithelfen zu können. Nuan schlug sich ihren Gedanken, wieder nach Peking zu fahren, aus dem Kopf, sie holte ihr Herz zurück und fing an, sich auf die Hausarbeit und die Arbeit auf dem Stück Feld, für das ihre Familie zuständig war, zu konzentrieren. In den zwischenzeitlichen kleinen Pausen erinnerte sie sich an die Arbeit in Peking und ihre Kolleginnen. Jedes Mal, wenn sie an ihre Zeit in Peking dachte, sprach sie leise vor sich hin und seufzte: Jetzt bin ich an das Dorf des Chu-Königs gefesselt.

Schon längst gefiel es Nuan im Dorf des Chu-Königs, immerhin ihre Heimat, nicht mehr. Das Dorf galt unter den Dörfern am westlichen Ufer des Roten Sees als eines, das einen besonderen Namen hatte. Der Grund für seine Bekanntheit lag an seiner Lage, es befand sich in einem Tal, überall waren grüne Weiden und Heide, es lag an dem grenzenlosen Roten See, wenn man auf dem Berggipfel hinter dem Dorf stand, sah man im Osten das weite Wasser im Roten See, auf dem See waren Fischerboote in Sicht; bei heiterem Wetter konnte man sogar die schönen Landschaften am östlichen Ufer des Roten Sees sehen. Im Süden, Norden und Westen waren Kämme des Funiu-Berges und das Wald-Meer zu sehen. Kam der winterliche Nord-Ost-Wind hierher, war er nicht mehr so eiskalt, und wenn die sommerliche Hitze kam, war sie schon nicht mehr so aggressiv und intensiv. Ein anderer Grund für die Bekanntheit des Dorfes bestand darin, dass es auf das Chu-Reich in der Antike zurückging. Der Volkssage zufolge war das Dorf des Chu-Königs nicht weit von Danyang. Danyang wurde als Hauptstadt des Chu-Reiches gegründet und man sagt, der Chu-König Zhuang sei oft hierher gekommen.

Nuan gefiel das Dorf nicht und die Hauptursache dafür war, dass sie das Bauernleben nicht gerne hatte. Eigentlich war der Boden hier nicht schlecht, auch wenn die meisten Felder am Berghang lagen, aber sie waren sehr nah am See, bei Dürre konnte man Wasser vom See holen und wenn Überschwemmungen kamen, lief das Wasser schnell wieder weg in den See, aus diesem Grund konnte man eigentlich immer etwas ernten. Aber wie viele junge Leute wollen heutzutage noch als Bauer auf dem Land bleiben? Jeder wusste, dass man im Sommer von der Sonne gegrillt und im Winter von Kälte und Frost gequält wird, wenn man auf dem Land bleibt. Man muss sich mit einem harten Leben abfinden; man bekommt wenig Geld beim Getreideverkauf, Bauer zu sein, bedeutet arm zu sein. Nuan hatte Kaitian auch so verstanden, damals, als Kaitian noch zur Schule ging, wollte sein Vater ihm beibringen, wie man Getreide anbaut, er zuckte nur mit den Schultern, machte ein verächtliches Gesicht und zischte: Nein, ich will das nicht lernen. Sein Vater machte große Augen und schrie ihn an: Du Junge, sag das nicht zu früh, bist du sicher, dass du das Hochschulaufnahmeexamen bestehen kannst? Bist du sicher, dass du danach ein hoher Beamter werden kannst? Hm? Was machst du, wenn dir dein Schicksal bestimmt, dass du dein ganzes Leben Bauer bleibst? Schreib dir das hinter deine Ohren, als Bauer sind wir zweimal versichert, wir werden nicht verhungern und bleiben lebenslang kein Junggeselle.

Kaitian hatte sich das, was sein Vater gesagt hatte, gemerkt. Seit sein Vater an den Beinen verletzt war, musste er gegen seinen Willen anfangen, zu lernen, was ein Bauer zu sein bedeutet. Und jetzt war er schon ein anständiger Bauer. Nuans Vater fuhr weiter auf den See, konnte Nuan nicht bei der Hausarbeit helfen, so kam Kaitian oft von sich aus zu Nuans Familie und half.

Nuan fiel auf, dass Kaitian, wenn er kam, ab und zu aufhörte, zu arbeiten und sie anstarrte. Einmal wurde sie vor Scham rot und fuhr ihn an: Warum guckst du mich so blöde an? Kennst du mich nicht mehr? Kaitian lachte verlegen und sagte ganz leise: Ich finde, du kannst dich immer besser herausputzen, du siehst schicker aus als die anderen Mädchen im Dorf, und deine Frisur ist auch sehr modern, du siehst ja schon fast aus wie ein Stadtmädchen. Quatsch! Seit wann kannst du schon solchen Blödsinn reden? Von wem hast du gelernt, jemandem Honig ums Maul zu schmieren? Nein, ich sage das ganz ehrlich, ich sage das aus meinem Herzen. Wenn ich dich sehe, wird mein Herz froh und ich fühle ich mich wohl. Nuan freute sich zwar innerlich, tat aber so, als ob ihr das gar nicht gefallen hätte und sagte: Meinetwegen kannst du weiter so schön reden! Mal sehen, ob ich noch in Ohnmacht falle!

Es waren zwei Dinge, die Nuan aus diesen zwei Jahren in Peking mitgebracht hatte, das eine waren einige tausend Yuan, und das andere war, dass ihr Horizont erweitert war, sie sich besser kleiden und auch sonst einigermaßen mit der neuen Zeit Schritt halten konnte. In Peking hatte Nuan darauf geachtet, wie die Mädchen in der Stadt die Farben auswählten, damit ihre Kleidung harmonisch wirkte. Sie bemerkte, welchen Schmuck sie zu welcher Kleidung auswählten. Es dauerte nicht sehr lange, bis auch sie sich damit auskannte. Sie konnte sich zwar keine teuren Sachen leisten, aber mit Kleidern und Schmuck, die nicht mehr als zwei Dutzend Yuan kosteten, konnte sich sich ganz gut herrichten. Und weil sie ein schönes Gesicht und dazu noch eine gute Figur hatte, galt sie unter allen ihren Kolleginnen fast als ein Mädchen aus der Stadt.

Nuan fiel es schwer zu verkraften, dass sie nicht mehr nach Peking zurückkehren konnte. Etwas Geld draußen zu verdienen war selbstverständlich ein wichtiges Motiv für die stolze Nuan, sie hatte in ihrer Herzenstiefe noch einen heimlichen Wunsch, sie wollte mehr Kontakt haben mit den Fremden und den jungen Burschen in den Großstädten. Wer weiß, hatte sie damals gedacht, es könnte ja sein, dass ich mich in einen verliebe und umgekehrt auch… aber jedes Mal, wenn Nuan daran dachte, fühlte sie sich etwas schuldig Kaitian gegenüber, obwohl sie Kaitian bis jetzt noch gar nichts versprochen hatte. Kaitian hatte schon immer in ihrem Herzen einen Platz, aber das städtische Leben war für sie verlockend, insbesondere wenn sie daran dachte, dass sie möglicherweise für immer im Dorf des Chu-Königs bleiben und mit Kaitian eine bäuerliche Familie gründen sollte, wollte sie sich im Herzen nicht ganz damit abfinden. Vielleicht, dachte sie, gehe ich noch mal weg, wenn Mutter sich gründlich erholt hat. Als Nuan in solche Gedanken versank, ereignete sich im Dorf etwas, das sie sehr überraschte.

Es geschah am frühen Morgen, die Leute im Dorf waren gerade aus dem Bett, und am südlichen Rand des Dorfs hörte man plötzlich Sona blasen. Es war Tradition, dass, wenn eine Braut zu der Familie ihres Bräutigams getragen wird, auf dem Weg dorthin eine solch fröhliche und lustige Sona-Melodie gespielt wird. Nuan war auch eben aus dem Bett gesprungen und gerade dabei, sich das Haar zu kämmen, als sie es hörte. Sie war erstaunt: Ich habe doch nichts davon gehört, dass irgendeine Familie jetzt Hochzeit feiert? Und jetzt krachte es, Feuerwerkknaller explodierten, lautes Geräusch war weit und breit zu hören, gleichzeitig hörte sie Schritte, die führten zum Rand des Dorfes. Nuan ging hinaus und sah Qingcong. Nuan fragte schnell: Welche Familie feiert heute Hochzeit? Qingcong lachte ein bitteres Lachen: Feiern? Kann man von feiern sprechen? Familie Zan Tongfang empfängt jetzt eine tote Braut für den Sohn der Familie. Was? Eine tote Braut? Was ist das? Wollte Nuan wissen. Wenn eine lebendige Braut in die Familie heiratet, heißt es Yang-Hochzeit, wenn die Braut aber schon tot ist, heißt es Yin-Hochzeit, oder man kann von einer Todes-Hochzeit reden, Yin und Yang, so ist es, erklärte Qingcong. Ach so, jetzt wusste Nuan, worum es ging. Zan Tongfangs Familie war zu arm, als dass sein Sohn eine heiratswillige Frau finden konnte, seine Eltern warfen ihm vor, dass er selber schuld sei, er sei ein Taugenichts. Im letzten Jahr konnte er das nicht mehr verkraften, nahm sich eines Tages das Leben, indem er Insektenbekämpfungsmittel trank. Seine Eltern hatten darauf ein schlechtes Gewissen, wollten eine Yin-Hochzeit für ihn veranstalten, im Nachbardorf Chenjiazhuang war ein Mädchen vor einigen Tagen an einer akuten Krankheit verstorben, Familie Zan schickte jemand hin zur Familie des verstorbenen Mädchens, um den Preis für eine Yin-Hochzeit zu besprechen. Die beiden Familien hatten sich auf einen Preis von viertausend Yuan geeinigt, die Familie Zan besorgt hatte. So sollte das verstorbene Mädchen als Todes-Braut für ihren an Selbstmord geendeten Sohn in ihre Familie hineinverheiratet werden, und heute sollten beide Särge vor Sonnenaufgang in einem gemeinsamen Grab beerdigt werden. Was? In welcher Zeit leben wir denn?, fragte sich Nuan erschrocken, gibt es noch so was? Sie fragte: Sind die Eltern von dem Mädchen einverstanden? Ach, erwiderte Qingcong, was heißt einverstanden oder nicht einverstanden, heutzutage zählt nur noch das Geld, wenn der Tod der Tochter noch etwas Geld für die Familie bringen kann, haben die Eltern die Tochter auch nicht umsonst großgezogen. Nuan verstand noch immer nicht, sie fragte: Der Sohn von Familie Zan war doch ein hübscher Bursche, wie konnte das möglich sein, dass er keine Frau finden konnte. Qingcong tat einen Seufzer: Ach, heutzutage haben auch die gut aussehenden Burschen es schwer, eine Frau zu finden, in unserer Region hoffen alle Familien, dass sie einen Jungen zur Welt bringen können. Und wenn eine Frau schwanger ist, soll sie möglichst häufig zum Dorfkrankenhaus gehen, um durch Untersuchung möglichst früh festzustellen, ob es ein Junge oder ein Mädchen wird, wenn es kein Junge wird, dann wird es meistens abgetrieben, so gibt es natürlich immer weniger Mädchen, dazu kommt noch, dass in den letzten Jahren immer mehr Mädchen das Dorf verlassen, um draußen in einer Stadt eine Arbeit zu suchen, und viele Mädchen von unserem Dorf sind auch sehr hübsch, die meisten Mädchen kommen nicht mehr zum Dorf zurück, sie finden einen jungen Mann in der Stadt oder einen unter ihren Kollegen, so haben es die jungen Burschen hier immer schwerer, eine Frau zu finden. Der Sohn von Zan Tongfan hatte früher mal eine Freundin, nachdem das Mädchen weggegangen war, wurde sie anders, fand ihn zu arm und hat sich von ihm getrennt und allen Kontakt abgebrochen. Seine Eltern versuchten, mit einigen Familien über eine Eheschließung zu sprechen, das hat alles nicht geklappt, seine Eltern waren ratlos, sie haben immer über ihn gemeckert und geschimpft, und schließlich war es zu viel für ihn und er brachte sich um.

Als Nuan das hörte, wurde ihr schwer ums Herz, in welcher Zeit leben wir denn? So etwas gibt es noch, unglaublich. Sie folgte unwillkürlich den Massen in Richtung Dorfrand, auf einmal sah sie den gelben Sarg, an dem das große Schriftzeichen »Doppelglück« angeklebt war, sie sah auch die Reihe von Musikern, die Sona bliesen, sie sah dann auch am Berghang das wieder geöffnete Grab, in dem der Sohn der Familie Zan lag.

Hallo Nuan, hörte sie plötzlich die Stimme von Kaitian, glaubst du, dass der Mensch eine Seele hat? Diese Stimme erschreckte Nuan, sie drehte sich um. Sag mir doch, glaubst du daran oder nicht? Kaitian wiederholte ganz ernst seine Frage.

Ehrlich gesagt, ich weiß es nicht. Nuan schüttelte den Kopf.

Einige Tage vorher fuhr ich auf dem Fischerboot von Jiuding über den Roten See in die Stadt Dengcheng, auf dem Rückweg fuhren wir am »Seelenverwirrungs-Dreieck« in der Mitte des Sees vorbei, da sah ich Nebel aufsteigen, wir haben das Boot angehalten, um zu beobachten, und – rate mal, was ich im Nebel gesehen habe?

Nuan hielt inne. In Wirklichkeit wusste Nuan, dass es in der See-Mitte eine Region, die wie ein Dreieck aussieht, gab, wo sich ab und zu eine dunstige Wolke, wie eine Kochrauchsäule, von der Wasserfläche erhob und sich dann allmählich verbreitete, manchmal soll es sogar nach Kochrauch riechen, wie abends im Dorf. Wenn man sich diese Wolke anschaute, konnte man manchmal sehen, was man am liebsten sehen wollte, Menschen oder Dinge, manche armen Junggesellen sollen im Nebel schöne Frauen gesehen haben, und es gab Fischermädchen, die dort im Dunst Soldaten gesehen haben sollen, welche, Säbel in der Hand haltend, marschierten, und es soll Leute gegeben haben, die da im Nebel einen großen Haufen Gold gesehen haben wollen. Wenn dein Boot unglücklicherweise in den Nebel hineinfuhr, wurde es allen sofort schwindlig und man bekam keinen klaren Kopf mehr, man verlor die Orientierung und wusste nicht mehr, was man eigentlich machen sollte, deshalb passierte oft Schlimmes, wenn man mit dem Schiff oder Boot in diese Region rein fuhr, von daher kam der mystische Name: Seelenverwirrungsdreieck. Es ist eigentlich nicht sehr groß, nicht länger als einen Kilometer. Die Ursache dieses Naturphänomens wollten schon viele Leute seit alters her herausfinden, aber bis heute gibt es immer noch keine wirklich überzeugende Erklärung. Manche meinten, dort auf dem Boden unter dem tiefen Wasser wohne eine Tochter des Drachenkönigs, wenn sie anfängt, Feuer im Herd anzuzünden, um zu kochen, steige der Nebel auf; manche sagen, unter dem Wasser gebe es eine Thermalquelle, die in Abständen sprudelt, wenn das vorkommt, gibt es Nebel auf dem Wasser; andere behaupten wiederum, dass der Nebel das Amulett des Gottes des Roten See sei, und das sei seine wahren Gestalt. Es gibt noch Leute, die erzählen, früher sei die Armee des Chu-Reiches von den Truppen des Qin-Reiches niedergeschlagen worden, als sie sich in Richtung Süden zurückzogen, fuhren ihre Schiffe hier in dieses Dreieck, viele Schiffe sanken, deshalb gibt es unzählige Gespenster von Soldaten, die da ab und zu ihr Unwesen treiben; es gibt außerdem Gerüchte, denen zufolge der Nebel ein Werk des Richters der Toten Welt sein. Er heißt Yan-König und erscheint gelegentlich, jedes Mal sollen sich unzählige Gespenster im Rauch verstecken. Nach der Gründung der Volksrepublik China hat die Gemeinde Leute, die etwas Ahnung von Wissenschaft haben, hierher geschickt, aber bis heute gibt es immer noch kein endgültiges Ergebnis darüber, was dieses alles ist. Man kann nur vermuten und sagen, möglicherweise kommt es davon, dass sich die Wassertemperaturen dort ständig verändern, aber es gibt manche mutige Leute, die dort Temperaturen gemessen haben, und sagen, die Wassertemperaturen dort seien nicht viel anders als anderswo im See. Um zu vermeiden, dass die Fischerboote irrtümlicherweise ins Dreieck hineinfahren, hatte die Gemeinde dort drei Warnzeichen aufstellen lassen.

Willst du wirklich nicht wissen, was ich da gesehen hab, fragte Kaitian noch einmal.

Was soll ich denn sagen? Nuan war ziemlich unfreundlich, weil sie gerade keine gute Laune hatte.

Ich habe gesehen, dass mir der Sohn von Zan Tongfang von dort mit der Hand winkte.

Spinner! Nuan starrte ihn ärgerlich an und sagte, das ist Illusion, das ist die Wirkung der Strahlung, die Gestalten im Nebel sind nicht wahr. Es ist Fata Morgana.

Doch, es war wahr, er war der verstorbene Sohn von Zan Tongfang, er stand da ganz oben auf der Wolke und winkte mir die ganze Zeit mit der Hand. Da hatte ich Angst, ich zeigte es Jiuding, aber er sagte, er könne nichts sehen.

Du willst mich damit wohl erschrecken. Nuan trat mit dem Fuß ärgerlich auf den Boden.

Ich dachte, es kann sein, dass der Sohn von Zan Tongfang wünscht, dass ich zu ihm gehen soll. Kaitian lachte und sagte weiter: Wenn ich dich später nicht heiraten kann, dann nehme ich ihn als Beispiel, ich mache Schluss und heirate dann eine tote Braut, das wäre ja immerhin schon halbwegs eine Familie.

Was soll denn der Blödsinn? Bist du verrückt oder was?

Nuan starrte Kaitian wütend an, dann drehte sie sich schnell um und ging weg. Den ganzen Tag konnte sie von dem nicht loskommen, was sie am Morgen im Dorf gesehen hatte und von den Worten, die Kaitian ihr gesagt hatte. Sie war richtig schockiert davon. Früher hatte sie zwar von ihrer Großmutter über die Yin-Hochzeit gehört, diesmal hatte sie sie persönlich erlebt, im Traum hätte sie nicht daran gedacht, dass sie es heute mit eigenen Augen sehen konnte, mein Gott. Unwillkürlich dachte sie: Kann es wirklich sein, dass Kaitian keine Frau findet, wenn ich nochmals das Dorf verlasse, weggehe und nicht mehr wiederkomme? Kaitian, willst du dir ohne mich wirklich das Leben nehmen? Nein, nein nein!

Dass Nuan wieder zurückgekommen war und im Dorf wieder als Bäuerin arbeitete, hatte Kaitian sehr gefreut, auch die anderen Jungs, die aus irgendeinem Grund keine Möglichkeit hatten, das Dorf zu verlassen und wegzugehen, freuten sich. Unter ihnen gab es einen, der im Dorf einen Kiosk betrieb, namens Zan Shiti, er war der jüngere Bruder von Zan Shideng, dem Dorfvorsteher. Zan Shiti war so begeistert von Nuan, dass er oft absichtlich am Dorf wartete, um ihr zu begegnen, und dann versuchte, sie anzusprechen. Anfangs war es Nuan gleichgültig, sie machte sich daraus nicht viel, denn sie gingen früher in dieselbe Mittelschule, mehr oder weniger waren sie Schulkameraden, wenn sie sich begegneten, hielt sie kurz an und wechselte höflich ein paar Worte mit ihm, die Themen, die sie hatten, waren nichts mehr als Dinge, die jeden Tag im Dorf passierten, aber eines Tages steckte Zan Shiti ihr plötzlich eine Plastiktasche in die Hand, in der eine bunte Bluse lag. Da ging ihr ein Licht auf, sie gab ihm die Tasche zurück und sagte verschämt: Danke sehr, Shiti, ich habe schon Blusen.

Von da an wurde Nuan vorsichtiger und hielt sich absichtlich von Zan Shiti fern. Sie hatte keinen sehr guten Eindruck von ihm, in ihrer Erinnerung war er in der Schule sehr schwach, pflegte seine Hausaufgaben von anderen abzuschreiben; seine Familienverhältnisse waren aber sehr gut, er war jedoch nicht fleißig, als er in der ersten Klasse der oberen Stufe der Mittelschule war, hörte er auf, zur Schule zu gehen, und eröffnete im Dorf einen Kiosk; weil sein älterer Bruder der Dorfvorsteher war, geriet er oft, wenn auch wegen Kleinigkeiten, mit anderen im Dorf in Streit. Nuan erzählte Kaitian, dass Zan Shiti ihr eine Bluse schenken wollte, da lachte Kaitian: Aha, der will mir meine Frau rauben, der Spinner! Nuan gab Kaitian einen Hieb und tat so, als ob sie beleidigt wäre und schrie: Wer hat dir versprochen, deine Frau zu werden? Du Spinner! Du Tagträumer!

Eines frühen Morgens, als Nuan das Frühstück fertig hatte, war Vater immer noch nicht auf, Nuan meinte, er hätte wohl verschlafen und rief vor der Tür des Schlafzimmers der Eltern, da kam aber nur die schwache, magere Mutter aus dem Zimmer und sagte zu Nuan: Dein Vater wollte aufstehen, aber ihm ist schwindlig, wahrscheinlich ist er erschöpft, einfach zu müde ist er. Als Nuan das hörte, wollte sie sofort aufbrechen, den Arzt bei der Apotheke der Familie Mei zu holen, in dem Moment rief ihr Vater durch das Fenster: Nein, bleib doch, das kostet nur wieder viel Geld umsonst, ich bin nur müde, in ein paar Tage bin ich bestimmt wieder auf den Beinen, fahr heute allein auf den See, das Boot darf doch keine Pause machen, wenn das Boot auch nur einen Tag Pause macht, verlieren wir ein Dutzend Yuan. Ok, antwortete Nuan, gut, wird gemacht!

Nach dem Frühstück trug sie das Netz zum Boot hin und fuhr los auf den See. Es war an diesem Tag windig, die Wellen, getrieben vom Wind, strömten eine nach der anderen, ihrem Boot entgegen, sodass es auf und nieder, hin und her tanzte, aber sie war sehr gelassen, ruderte ruhig weiter. Von klein auf hatte sie keine Angst vor dem Wasser, Großmutter hatte ihr erzählt, dass Nuan direkt am Ufer des Roten See geboren worden sei. Mehr als einmal hatte Großmutter ausführlich geschildert, wie sie da zur Welt gebracht wurde. Eines Abends, auf dem Roten See wurde es plötzlich stark windig, der Wind trieb furchtbar hohe Wellen. Es war schon spät, und dein Vater war immer noch nicht nach Hause gekommen, und deine Mutter machte sich große Sorgen, sie wollte nicht auf mich hören, und lief mit ihrem dicken Bauch mühsam zum Seeufer, ich konnte sie nicht zurückhalten, so gab es für mich keine andere Wahl, als ihr zu folgen. Als wir angekommen waren, konnte sie nicht aufhören, zu weinen, bis sie endlich das kleine Boot mit deinem Vater sah, als es sich dem Ufer näherte, fühlte sie sich erleichtert und wurde wieder froh. Als dein Vater deine hochschwangere Mutter am Ufer sah und sah, wie sie mit den Händen sich in die Hüften stützte und ihr Bauch sich stark bewegte, wurde er böse und sagte: Warum bist du hierher gekommen? Und deine Mutter erwiderte lachend: So stark ist ja der Wind, ich mache mir so große Sorgen. Dein Vater meckerte schlechtgelaunt vor sich hin und warf das Seil ans Ufer. Gewöhnlich sprang er dann vom Boot ans Ufer, um das Seil an einer Steinsäule festzubinden und die Fischkörbe vom Boot herunter zu tragen. Aber an dem Tag war es nicht so, weil deine Mutter, als sie das Seil am Ufer liegen sah, versuchte, sich zu bücken, um es vom Ufer aufzunehmen. Ehe dein Vater sie stoppen konnte, rutschte sie aus und fiel an den Rand des Wassers. Ich hörte sie Aua rufen, erschrak, weil ich sah, dass ihre Hose rot wurde, das war Blut, das floss. Und dein Vater geriet in große Panik, mit einem Sprung setzte er aufs Ufer, rieb seine schmutzigen Hände an der Hose und wollte deiner Mutter helfen, vom Boden aufzustehen, deine Mutter schüttelte den Kopf und sagte: Es sieht so aus, dass es so weit ist. Du liebe Zeit, dein Vater und ich waren in großer Panik, als ich deiner Mutter kaum geholfen hatte, die Hose auszuziehen, da war dein Kopf schon zu sehen. Deine Mutter hat die Nabelschnur mit ihren Zähnen abgebissen und ich habe deinen Körper mit dem Wasser aus dem See gewaschen. An dem Tag war das Seewasser Gott sei Dank nicht so kalt, das war das erste Bad in deinem Leben. Es gab da nichts, mit dem wir dich einwickeln konnten, deine Mutter nahm dich fest an ihre Brust, denn sie fürchtete, dass du dich erkälten könntest von dem kalten Seewasser und dann sagte deine Mutter immer wieder: Wärme sie, schnell, wärme sie! Eben aus diesem Grund bekamst du später deinen Rufnamen Nuan, was ja eigentlich heißt: Erwärmung. Einige Tage später kam der Mönch Meister Himmelherz vom Wolkenfelsentempel in unser Dorf, um etwas zu erledigen, nachdem er hörte, wie du geboren wurdest, ging er extra zu der Stelle und beobachtete lange die Lage dort, dann sagte der Meister: Dieses Kind hat diese Stelle ausgewählt, in die Welt zu kommen, wahrscheinlich um sein Schicksal mit dem Roten See zu teilen, in ihrem Leben wird es bestimmt viel Wasser geben, und das viele Wasser wird in Zukunft den Boden hier fruchtbar machen…

Jedes Mal, wenn Nuan an die Erzählung von Großmutter dachte, konnte sie sich kaum beherrschen, zu lachen. Du liebe Zeit, was für ein Glück war es, dass ich im Sommer geboren wurde, es wäre furchtbar gewesen, wenn mein erstes Bad im Herbst passiert wäre.