Hoffnung Liverpool - Elisabeth Marrion - ebook

Hoffnung Liverpool ebook

Elisabeth Marrion

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Opis

»Oh Danny Boy, …« Annie saß auf dem Bett im Schlafzimmer und sang leise vor sich hin. Der kleine braune Koffer lag auf ihren Knien, und sie pustete den Staub vom Deckel. Die Staubkörner tanzten im Sonnenlicht, das durchs Fenster fiel. Sie atmete tief durch. »Wenn ich es heute nicht schaffe, kann ich das nie.« Klick! Die beiden Verschlüsse sprangen auf. Sie schaute sich um, um sich zu vergewissern, dass sie alleine war. Sie wollte ihren Tränen freien Lauf lassen können, die Kinder sollten sie so nicht sehen. Denn schon war sie wieder zurückversetzt in die schlimmste Nacht ihres Lebens, die sie niemals würde vergessen können, hörte die Sirenen, die Schreie, immer wieder Schreie, und fühlte die sengende Hitze brennender Trümmer auf ihrer Haut. Viel ist passiert, seitdem Annie und ihre Freundin Flo als junge Frauen voller Hoffnung auf eine bessere Zukunft aus ihrem irischen Dorf nach Liverpool aufbrachen. Statt dem erhofften Glück erwarteten sie Angst, Armut und Kummer. Denn mit dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs sollte nichts mehr so sein, wie es einmal war. Annie kann nicht wissen, dass die Rettung ihrer Lieben in der Hand einer Deutschen namens Hilde liegt, die, auf der anderen Seite des Krieges, Annies Schicksal teilt. Hoffnung Liverpool ist der zweite Teil einer Romantrilogie, mit der Elisabeth Marrion ihre Familiengeschichte eindringlich aufarbeitet. Das erste Buch, Mein Tanz mit Rommel (ISBN 978-3-8382-0568-7), erzählt Hildes Geschichte. Für die englische Fassung dieses Buches wurde Elisabeth Marrion mit der B.R.A.G.-Medaille ausgezeichnet. Das Buch schaffte es in die engere Auswahl des Historical Novel Society Indie Award und in das Halbfinale der MM Bennetts Awards.

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EPUB

Liczba stron: 366




ibidem-Verlag, Stuttgart

 

 

 

 

 

Für David

Kapitel 1

Dezember 1946, Garston, England

Er versteckte sich hinter der Mauer. Von hier aus konnte er die andere Seite der Straße beobachten, ohne dass ihn jemandsah. Hinter ihm stand ein Einfamilienhaus. Stimmen von dort zogen zu ihm herüber. Aber er fühlte sich sicher in seinem Versteck. Die großen Büsche hinter ihm und das Gestrüpp, das im Vorgarten wucherte, bildeten eine Art Tunnel. Die aufgeweichte Erde vermischte sich mit herabgefallenen Blättern und Trümmern des ausgebombten Hauses, das auf dem Grundstück nebenan gestanden hatte. Er musste vorsichtig sein, umnicht auszurutschen. Ja, hier konnte man sich gut verstecken. Er kannte diese Stelleinzwischen gut. Schon die ganze Woche über war er jeden Tag nach der Schule zu diesem Platz gekommen. Er war gar nicht erst nach Hause gegangen. Niemand hätte ihn dort erwartet.

Er zitterte. Sein dünner Mantel war durch den Schneefall, der mittags angefangen hatte, durchweicht.Er war auch schon lange aus ihm herausgewachsen. Die Ärmel waren zu kurzund konnten seine spröden Hände nicht länger schützen. Ein großer Junge hatte ihn auf dem Schulhof während der Pause festgehalten, gerade als er sehnsüchtig durchein Fenster in ein Klassenzimmer gesehen hatte. Er wunderte sich oft, warum die Lehrer im warmen Klassenraum blieben und ihren heißen Tee tranken, während die Kinder auf dem Schulhof frieren mussten.

Den kräftigen Jungen hatte er schon oft gesehen, es aber immer geschafft, fortzulaufen, wenn dieser drohend auf ihn zukam. Was der von ihm wollte, wusste er nicht. Aber dieses Mal hatte er nicht solch ein Glück gehabt. Eine Hand hatte ihn an der Schulter gepackt. Als er sich erschrocken umgedreht hatte, hatte er in das Gesicht des Großen gesehen.

Dieser hatte ihm seine Mütze vom Kopf gerissen. Die Mütze, die das einzige warme Kleidungsstück war, das er noch besaß.

»He, gib mir sie sofort zurück!«

»Jetzt hör mir mal gut zu. Wenn du noch einmal mit meiner Schwester sprichst, kannst du was erleben. Ich habe ihr schon ein paarmal gesagt, sie soll nicht mit dem Pöbel aus eurer Gegend spielen.«

Dann war der Junge ohne Eile zu seinen Schulkameraden zurückgeschlendert. Die hatten an der Treppe Wache gehalten, damit der Junge nicht von einem Lehrer ertappt werden konnte.

»Meine Mütze!«

»Die kannst du dir nach der Schule draußen vorm Schultor wiederholen, wenn du dich traust.«

Welches Mädchen war das denn, das der große Junge meinte? Irgendeine dumme Ziege bestimmt, die ihm immer hinterher lief.

Nun hier, beim langen Warten, waren seine Füße klatschnass geworden. Er stampfte von einem Fuß auf den anderen, um seine kalten Knochen etwas aufzuwärmen. Sein Vater hatte es wohl nur gut gemeint, als er die Pappe in seinen Schuh gelegt hatte, um das Loch zu überdecken. Aber so durchweicht und aufgeschwemmt war es viel schlimmer. Vielleicht wäre es besser, wenn er sie selbst herausnehmen würde? Er stellte sich auf die Zehenspitzen, um wieder einmal nachzusehen, ob der Mann noch welche hatte. Gestern waren dort noch zehn, aber als er heute gekommen war, standen nur noch drei da. Wenn er nicht bald handelte, hatte seine Familie in diesem Jahr wieder keinen.

Er erinnerte sich an die Zeit, in der die Bomben gefallen waren. Die würde ihm nicht mehr aus dem Kopf gehen. Die schrillen Sirenen, die vor einem Angriff gewarnt hatten, konnte er noch jetzt im Schlaf hören. Seine ganze Familie und die Nachbarn hatten sich ihre Gasmasken geschnappt und waren in die Bunker gelaufen. Seine Eltern sprachen oft von dieser Zeit. Aber immer nur, wenn sie dachten, die Kinder schliefen in dem großen Bett, zugedeckt mit alten Mänteln. Er wusste, dass seine Mutter seinem Vater die Schuld daran gab, dass Derek jetzt tot war. Der kleine Derek, kaum zwei Jahre alt, hatte bei den ersten Angriffen im Bunker einen Anfallbekommen. Seine große Schwester Grace war durch die brennenden Straßen zum Arzt geflitzt. Aber der war zu spät gekommen. Nun hatte er einen neuen Bruder, Alfie. Wegen dem stand er hier und fror sich den Arsch ab. Aber er hatte es seinem kleinen Bruder versprochen. Und versprochen ist versprochen.

Zwei Mädchen in Davids Alter strichen den frisch gefallenen Schnee mit ihren Handschuhen von der Mauer. Alle drei sahen sich überrascht an. Dann schrie die eine. »Mama, da ist einer im Garten! Er hat sich versteckt!«

Die Tür hinter ihmwurde aufgerissen. Sein Kopf flog in Richtung des Lichts. Im Türrahmen stand der große Junge aus der Schule. Davids Messer fiel auf den Boden. Den ganzen Tag hatte er es bei sich gehabt, ohne dass es einer bemerkt hatte. Seine Mutter würde ihn versohlen und nicht einmal warten, bis der Vater vom Hafen kam, wenn sie wüsste, dass er das Brotmesser mit in die Schule genommen hatte. Er bückte sich schnell und versuchte, es im Dunkeln mit der Hand zu ertasten. Er fühlte, wie die scharfe Klinge in seine Hand schnitt, nahm es hoch und rannte durch das offene Gartentor auf die Straße. Er schubste die Schwester des großen Jungen aus dem Weg und hoffte, dass sie ihn nicht erkannt hatte.

Er lief zum Trümmerhaufen. Hier würde ihn niemand suchen. Das Dumme war: Nun war er weiter weg als geplant, und wenn er nicht schnell zurückliefe, wäre er für heute wieder zu spät.

Er schlich sich zurück, seinen Rücken an eine Wand gepresst. So wie sein Held Roy Rogers im Film. Zu seinem letzten Geburtstag hatte Tante Flo ihm eine Kinokarte geschenkt.

Eine nur für ihn. Er hatte ganz allein ins Roxi gehen dürfen. Sogar ein paar Pennys für die Straßenbahn hatte sie ihm gegeben. Die hatte er natürlich für den nächsten Schultag aufgehoben. Beim Hausmeister hatte er dafür eine Tüte Brausepulver bekommen, auch ohne Marken.

Seinenblutenden Finger im Mund, das Messer in der linken Hand, schlich er sich langsam weiter. Schritt für Schritt. Er sah jemanden kommen und drückte sich ganz fest in einen Hauseingang. Vorsichtig wagte er sich nach einer Weile weiter. Bald war er da. Zwei Frauen standen und unterhielten sich genau dort, wo er hinwollte. Jetzt oder nie. Gleich machte der Besitzer seinen Laden zu, und dann hätte er seine Chance verpasst.

Ja, jetzt oder nie. Er atmete tiefdurch und nahm das Messer in die blutende Hand. Er reckte sich so hoch wie er konnte. Er fasste mit einer Hand fest zu, beugte die Spitze herunter und benutzte das Messer wie eine Säge. Eins, zwei, es war schwerer als er es sich vorgestellt hatte. Auch das noch! Der Besitzer hatte ihn gesehen und kam hinter der Kasse hervor. Er hatte es geschafft. Er hatte ihn. Bestimmt einen Meter davon.

»Halt, halten Sie den Jungen! Haltet den Dieb!«

Aber er rannte los, ohne sich noch einmal umzusehen. Trotz der prickeligen, großen Zweige war er schneller als der Mann.

Er lief nicht auf direktem Wege zum Wohnblock. Zurück zum Trümmerhaufen. Dann kroch er durch das Loch im Drahtzaun. Sein Mantel blieb am Stacheldraht hängen, und er hörte ihn zerreißen, als er kräftig daran zog. Schon sah er das wütende Gesicht seiner Mutter vor seinen Augen. Der Mantel wäre vielleicht nicht mehr zu flicken. Eigentlich hätte Alfie ihn noch tragen sollen, wenn er größer geworden sei. David hatte keine Zeit, darüber nachzudenken. Er rutschte auf allen vieren den Hügel herunter. Seinen Preis, den er erobert hatte, zog er hinter sich her. Der Baum war weiß von Schnee, so weiß, dass er ihm den Weg erleuchtete. Wie in dem Märchenbuch, das er sich heimlich aus der Leihbücherei genommen hatte. Das Buch, das jetzt bei ihm unterm Bett versteckt war. Wenn dieser Baum so bliebe, müsste er noch nicht einmal Schmuck basteln.

Kapitel 2

»Annie, warte!«

Annie lud die noch feuchte Wäsche in den Kinderwagen. Den ganzen Nachmittag hatte sie in der Wäscherei verbracht. Jetzt musste sie sich beeilen, um pünktlich zuhause zu sein. George würde schmutzig und hungrig von der Arbeit heimkommen. Er erwartete, dass die Zinkwanne mit warmem Wasser vor dem Kamin stand, sobald er durch die Tür kam. In letzter Zeit war sie sich nie sicher, welche Laune er hatte. Ja, sie hatte keine Zeit, sie musste los, es war bestimmt schon stockdunkel draußen. Sie sorgte sich ständig um ihre Kinder. Besonders um den kleinen Alfie, ihr Jüngsten, der sie so sehr an Derek erinnerte.

Dorothy durfte heute wieder mal nicht zur Schule. Sie musste sich um Alfie kümmern. Annie konnte den Kleinen nicht den ganzen Nachmittag mit in die feuchte Wäscherei nehmen. Es war schon schwer genug, die halbnasse Wäsche den langen Weg über den hohen Hügel zu schieben, besonders jetzt im Winter.

Sie hoffte, dass Dorothy nicht vergessen hatte, einzukaufen, in dem kleinen Laden, nicht weit vom Trümmerhaufen. Obwohl heute erst Mittwoch war, hatte sie schon das ganze Haushaltsgeld, das ihr George jede Woche auf den Küchentisch legte, ausgegeben. Wie sollte das bisschen bis zum Freitag reichen? Dorothy sollte anschreiben lassen. Es hatte keinen Sinn, George zu erklären, dass das Geld nicht reichte, um eine Familie mit fünf Kindern zu ernähren.

Annie hatte den Kindern verboten, sich vorzeitig an die Kartoffelsuppe zu wagen. Das kleine Stück Speck, das sie noch hineinlegen wollte, hatte sie vorsichtshalber versteckt. Das war nur für George bestimmt, obwohl das Fleisch mit den Rationskarten der Kinder besorgt worden war.

»Annie, warte!« Ihre beste Freundin Flo zog sie am Ärmel. Flo arbeitete jetzt wieder hier. Sie schloss morgens auf und heizte die großen Kessel an. Außerdem führte sie die Bücher und kassierte das Geld. Die Wäsche der Frauen wurde auf einer großen Waage gewogen. Die Kosten für Waschen und Trockenraumnutzung richteten sich nach Gewicht. Bei Annie schummelte Flo jedes Mal und trug nur die Hälfte ein.

Annie traf sich alle drei Wochen mit ihren Nachbarinnen hier in der öffentlichen Wäscherei. George hatte ihr schon oft gesagt, dass sie sich diesen Luxus nicht leisten könnten, und als sie darauf bestand hatte, hatte er wieder einmal das Haushaltsgeld gekürzt. Trotz allem kam Annie so oft sie konnte. Hier konnte man trotz der schweren Zeiten immer noch lachen.

»Flo, ich habe keine Zeit, ich muss gehen. George spielt verrückt, wenn er von der Schicht kommt und keiner ist da.«

»Dein George wird dazu heute zu müde sein, du brauchst dich nicht so zu beeilen«, lachte eine Nachbarin und strahlte übers ganze Gesicht. Annie sah, dass sie keine Zähne mehr im Mund hatte.

»Ich weiß nicht, wie wir heute alle zurückkommen sollen. Habt ihr gesehen, wie es draußen schneit?«, fragte Margaret, die unter Annie wohnte und gerade durch die Tür kam.

»Es schneit?«

»Ja, schon seit heute Mittag. Warst du den ganzen Tag hier, Annie?« Margaret zog ihren Mantel aus und schüttelte ihn ab.

»Flo, ich muss jetzt wirklich los.«

»Ah, ihr habt also dieses Jahr doch einen.« Margaret gab nicht auf.

»Einen was?«, fragte Annie und blieb stehen. Normalerweise kümmerte sie sich nicht darum, was ihre Nachbarn sagten, aber jetzt stutzte sie doch.

»Einen Weihnachtsbaum. Ich habe eben euren David gesehen, wie er einen hochgeschleppt hat.«

»Bist du sicher, dass das unser David war?«

»Annie, er hat mich, wie immer, gegrüßt.«

»Jetzt gehe ich auf jeden Fall.«

»Warte, hier, nimm den Schal mit, jemand hat ihn letzte Woche vergessen.«

»Flo, wenn man mich damit sieht und mich dann beschuldigt, ihn gestohlen zu haben«, flüsterte Annie.

»Annie, sieh dich doch mal um! Jeder hier hat einen Schal, und rate mal, in welcher Farbe. Ja, richtig: grau. Genau wie dieser. Außerdem habe ich den Namen herausgetrennt.« Jetzt lachte Flo und gab Annie den Wollschal.

Kapitel 3

Annie hörte den Krach im Hausflur schon von weitem. Sie hatte länger für den Heimweg gebraucht, als sie gedacht hatte. Den schweren Kinderwagen durch den frisch gefallenen Schnee die Straße hoch zu schieben machte ihr immer mehr Mühe. Ein paarmal blieb sie unterwegs stehen, um nach Luft zu schnappen. Da war dieser Schmerz im Rücken, wenn sie tief durchatmete. Und sie bekam auch wieder einen Hustenanfall. Sie wäre zweimal beinahe hingefallen, so glatt war es. Die dünnen Sohlen ihrer flachen Schuhe waren für dieses Wetter nicht geeignet. Sie beschloss, den Wagen hinter sich her zu ziehen anstatt zu schieben.

Annie drückte ein paarmal mit der Schulter gegen die Haustür. Die klemmte immer, wenn es draußen nass war. Im Treppenhaus brannte Licht. Es kümmerte niemanden mehr, ob das Licht den ganzen Tag an war. Seitdem die Bevölkerung nicht mehr jeden Abend im Dunkeln sitzen musste, ließen sie das Licht einfach an. Das Geld dafür wurde sowieso vom Verwalter abgezogen.

Freddy, Davids bester Freund, sprang die Treppen herunter, immer ein paar Stufen auf einmal.

»N’abend Frau M.«, und weg war er. Einige ihrer Nachbarn lehnten sich über das Treppengeländer, um besser hören zu können, was oben los war. Annie stand wie angewurzelt im Hausflur, der Kinderwagen noch vor der Tür.

»Starr’ Annie nicht so an, sondern hilf ihr mit der schweren Wäsche«, schimpfte die Neue aus dem Parterre mit ihrem Jungen.

»Wieso ich? Die hat doch selber genug da oben, die ihr helfen können.«

»Weil ich sonst deinem Vater erzähle, dass du schon wieder nicht auf mich hörst.«

»Komm, Annie, wir fassen mit an.«

»Mist, was haben sie denn da drin?«, fragte der Nachbarsjunge, als er versuchte, den Kinderwagen durch die Haustür zu tragen.

»Wenn du jetzt nicht sofort aufhörst, dich zu beklagen, verhaue ich dich heute Abend persönlich, ohne erst auf deinen Vater zu warten«, drohte ihm seine Mutter.

Annie hielt sich am Treppengeländer fest. Das Treppenhaus fing an, sich zu drehen. Sie hatte den ganzen Tag nichts gegessen. Das Geräusch des Kinderwagens, der von dem Jungen laut vor ihre Wohnungstür geknallt wurde, brachte sie wieder zur Besinnung.

»Ruf mich, wenn du mich brauchst«, hörte Annie noch hinter sich.

Dorothy stand im Flur, als ihre Mutter den Schlüssel in das Schloss steckte und die Tür aufsprang. George randalierte mit lauter Stimme.

»Dein Vater ist schon von der Arbeit zurück?« Dorothy nickte und wollte gleich wieder verschwinden.

»Dorothy, hast du die Tabletten bekommen?«

»Die habe ich ganz vergessen.«

»Dorothy!!«

»Mama, wenn du hier gewesen wärst, wäre das nicht passiert. Ich kann nicht alles alleine machen.« Dorothy stellte den Eimer mit Kohlen, den sie gerade aus der Abstellkammer im Flur geholt hatte, aufs Linoleum. »Ich hätte nicht wiederkommen sollen«, sagte sie leise zu sich selbst.

George saß im Unterhemd auf dem Küchenstuhl. »Wo warst du schon wieder? Denkst du, ich schufte mich zu Tode, nur damit du mit anderen Frauen quatschen kannst? Wo ist mein Essen, und wie lange dauert es eigentlich, bis ein schwer arbeitender Mann sein heißes Bad bekommt?«

»Hast du immer noch Fieber?«

»Das siehst du doch.« Annie fühlte sich sofort schuldig, weil sie ihn gedrängt hatte, er solle doch heute wieder zur Arbeit gehen. Er werde dort sicher dringend gebraucht. Sie hatte gesehen, wie er am ganzen Körper zitterte, aber was sollte sie sonst tun, sie brauchten den Lohn.

»Dorothy, zieh sofort den Mantel an und lauf zur Apotheke, Komm bloß nicht ohne die Medizin zurück, und wenn du hinten die Tür eintreten musst.«

»Aber Mama.«

»Geh jetzt – sofort!«

»Ich gehe ja schon.«

Annie hatte David noch gar nicht bemerkt. Der hatte sich unter dem Küchentisch verkrochen.

»Und du, mein Lieber, kommst sofort darunter hervor. Mit dir möchte ich mich gleich ein bisschen unterhalten. Wie siehst du überhaupt aus? Wieso blutest du am Arm, und ist das ein Loch in der Hose?«

David hatte keine Zeit zu antworten, es bollerte an der Tür. »Geh und mach auf. Sieh nach, wer das ist.«

Im Hausflur stand der Gemüsemann mit einer fremden Frau. »Ja, der, der war’s.« Sie zeigte auf David.

»Der war was?«, fragte Annie.

»Frau Marrion, ihr Sohn da hat bei mir heute einen Weihnachtsbaum geklaut.«

»Mein David?«

»Ja, der.« Die Frau zeigte wieder auf David.

»David, komm her.«

»Hast du gehört, wessen Herr Schmitt dich beschuldigt?«

»Ja, Mama.«

»Hast du einen Weihnachtsbaum?«

»Ja, Mama.«

»Wo hast du den her?«

»Gefunden.«

»Haben Sie mit eigenen Augen gesehen, dass es mein David war?«

»Nein, aber ein Junge, der genau so aussah.«

»Was ist denn hier los?« Davids großer Bruder Jeffrey stieß den Gemüsehändler zur Seite und kam durch die Tür.

»Herr Schmitt beschuldigt unseren David, einen Weihnachtsbaum gestohlen zu haben.«

»Du hast einen Weihnachtsbaum?« Jeffrey lächelte David aufmunternd zu.

»Ja.«

»Wo haste den her?«

»Gefunden.«

»Da, Sie haben es gehört, mein kleiner Bruder hat ihn gefunden. Jetzt raus!«, und er knallte ihnen die Tür vor der Nase zu.

Kapitel 4

»Wurdest du versohlt?« Freddy saß am Rande des Schwimmbeckens und ließ seine Beine ins Wasser baumeln.

»Ich, wieso?«

»Wegen des Weihnachtsbaumes. Hat dein Vater dich so richtig verhauen?«

»Nein, weil er noch krank war, und später hat er es vergessen.« David verließ die Umkleidekabine und setzte sich zu seinem Freund, zog aber sofort wieder seinen Fuß aus dem Wasser. »Das ist ja arschkalt. Hast du meinen Bruder gesehen?«

»Er steht da hinten in der dunkelsten Ecke mit einem Mädchen.«

»Typisch! Mein Vater hat schon gesagt, wenn er so weitermacht, verliert er noch hier in der Badehalle seine Arbeit. Aber dann kann er was erleben, weil wir dann nicht mehr umsonst schwimmen oder auch manchmal in die Wannen zum Baden dürfen.«

»Du, dein Bruder winkt, du sollst kommen.«

»Das kann nichts Gutes bedeuten, komm mit.«

David drehte sich um, im selben Moment wie das Mädchen.

Beide starrten sich einen Moment lang an. David sah sofort, dass es das Mädchen vom Geschäft an der Ecke war. Sie arbeitete dort jeden Sonnabend. Wenn sein fauler Bruder jetzt erführe, dass er trotz des Verbots der Mutter immer noch am Trümmerhaufen spielte, würde er ihn verpetzen.

»Komm, wir gehen lieber.« David zog Freddy am Arm und stand auf.

»Was, wir sind doch eben erst gekommen!«

»Erkennst du die nicht?«

»Wen?«

»Das Mädchen.« David nahm sein feuchtes Handtuch vom Fußboden und drehte sich um.

»Kennen wir die?«

»Ja, es ist die von dem Laden mit den Süßigkeiten.«

***

Sie hatten das Mädchen erst letzte Woche gesehen. Wie üblich spielten sie auf dem Trümmerhaufen. Jede Woche lag dort mehr Müll. Sie hatten das Loch im Zaun so groß gemacht, dass sie unbeobachtet durchkriechen konnten. Sie stocherten mit dicken Stöcken im Schmutz, bis sie auf ihren Schatz stießen. Pfandflaschen! Sie buddelten sie mit bloßen Händen aus und der Pullover wurde als Lappen benutzt. Aber erst, nachdem sie ihn auf links gedreht hatten, sonst gab es noch mehr Ärger als üblich. Die Flaschen wurden zum Kaufmann gebracht, mit den Worten »Mein Vater schickt mich«. Der Kerl dort konnte ganz gemein sein, er wusste bestimmt, woher die Flaschen kamen, und je nach Laune gab er mal mehr, mal weniger Pfandgeld dafür.

»Was hat er dir gegeben?«

»Zwei Penny.«

»Das ist zu wenig«

»Geh du doch nächstes Mal. Das ist alles, was er mir gegeben hat.«

»Ja, schon gut. Fang mich, wenn du kannst!« Freddy lief los.

Aber trotzdem kam David zuerst an und machte schon die Tür zum Laden auf. ›Ping‹ machte die kleine Glocke über ihr und eine Frau, die gerade bedient wurde, drehte sich um. Die Chance, ein Päckchen Schokoladen-Zigaretten zu klauen, war verpasst. David drückte sich bei den Comic-Heften herum, bis der Laden leer war.

»Zwei Lakritzbonbons.«

»Wieviel Geld hast du?«

Er zeigte ihr seine ausgestreckte Hand mit den zwei Pennys.

»Hast du die Lebensmittelkarte mitgebracht?«

»Meine Mutter hat sie mit zur Arbeit genommen«, log er.

»Dann kann ich dir nichts geben.«

Er drehte sich enttäuscht um und wollte gehen.

»Warte, ich gebe dir einen, aber verpetz mich nicht.«

Draußen vor der Tür zeigte er stolz den Bonbon. »Ich habe ihn bekommen, also darf ich als Erster dran lecken.«

***

Genau dieses Mädchen stand nun neben seinem Bruder. Ihr nasser Badeanzug klebte an ihrem Körper. Sie versuchte sich wohl ein bisschen zu wärmen, weil sie sich ganz dicht an seinen Bruder drängte.

»Euch kenn ich doch!«

»Uns? Auf gar keinen Fall«, sagten David und Freddy gleichzeitig.

»Rita, das ist mein kleiner Bruder David und sein Freund Freddy.« Jeffrey zog David vor und stellte ihn Rita genau gegenüber.

»Natürlich, jetzt erinnere ich mich, ihr seid in derselben Klasse wie meine Schwester.«

Freddy fasste sich sofort. »Wer ist denn deine Schwester?«

»Carol, wir wohnen in der Vineyard-Straße. Meine Mutter, Carol und mein großer Bruder. Genau gegenüber vom Gemüsemann.«

Kapitel 5

»Oh Danny Boy, …« Annie saß auf dem Bett im Schlafzimmer und sang leise vor sich hin. Der kleine braune Koffer lag auf ihren Knien, und sie pustete den Staub vom Deckel. Die Staubkörner tanzten im Sonnenlicht, das durchs Fenster fiel. Sie hatte am Vormittag die Eisblumen mit einem warmen Geschirrtuch von den Scheiben entfernt und diese dann schnell getrocknet, damit sie nicht wieder zufroren. Sie atmete tief durch. »Wenn ich es heute nicht schaffe, kann ich das nie.« Sie drehte den Koffer um und betrachtete ihn von allen Seiten. Ihre Hände zitterten. Vor Kälte oder auch vor Aufregung, sie dachte nicht darüber nach. Die beiden kleinen Klappen, die ihn zuhielten, waren rostig von der ewig feuchten Luft. Die Schlüssel gab es schon lange nicht mehr. Aber die brauchte sie nicht.

Klick! Die beiden Verschlüsse sprangen auf. Sie drehte sich um, um sich zu vergewissern, dass sie alleine war. Sie wollte ihren Tränen freien Lauf lassen können. Niemand sollte sie so sehen. George würde sie nie verzeihen können.

Diese Nacht würde sie niemals vergessen. Hinterher war ihr alles beinahe egal gewesen. Wenn die Sirenen gingen, um wieder vor einem Flugzeugangriff zu warnen, war sie wie im Traum aus dem Bett aufgestanden, hatte die Kinder im Dunkeln wachgerüttelt, sich ihren Mantel und die Gasmaske geschnappt. Sie hatte David, in eine Jacke gewickelt, auf den Arm genommen und sich vergewissert, dass alle Kinder angezogen waren und ihre Gasmasken in den Händen hielten. Als Letztes hatte sie sich zu dem schlafenden George umgedreht, ihn noch einmal angesehen und wortlos die Schlafzimmertür zugemacht. Seit dieser Nacht hatte sie ihn nicht mehr geweckt.

Trotz der kalten Wohnung tropfte ihr nun der Schweiß auf den Deckel. Dann lief ihr ein eiskalter Schauer den Rücken herunter. Die Erinnerung tat zu weh. Sie machte den Koffer wieder zu. Dann atmete sie tief durch, riss sich zusammen, und ›klick‹ machten die Schlösser ein zweites Mal.

Annie roch Rauch und fühlte ein Brennen auf ihrem Gesicht. Sie stand auf, stellte das kleine Gepäckstück auf das Bett und ging durch die Zimmer. Nirgends fand sie etwas Brennendes. Sie war allein, und die letzten Pennys für den Gaszähler waren schon lange verbraucht.

Durch das Küchenfenster hörte sie Flugzeuge. Sie versuchte, das Fenster zu öffnen, aber George hatte es mit Holz zugenagelt, damit der Dampf, der beim Kochen aus den Töpfen stieg, die Küche wärmte. Das Brummen der Flugzeuge wurde lauter. Annie ging durch den Flur zur Tür, um nachzusehen, wo die Geräusche herkamen. Sie trat in das Treppenhaus und streckte ihren Kopf nach oben.

Kein Flugzeug war zu sehen, nirgendwo war Rauch. Alles war still. Sie hatte es sich wieder nur eingebildet. Die Erinnerungen ließen sie nicht los. Sie ging zurück in das Schlafzimmer.

Endlich ein vertrauter Geruch. Derek! Sie rannte die paar Schritte zum Koffer und machte ihn ganz auf. Mottenkugeln lagen zwischen den Sachen. Sie nahm die kleine, hellblaue Strickjacke heraus. Die Strickjacke, die Derek zu seiner Taufe hätte anziehen sollen. Sie drückte die Jacke an ihre Wange. Derek! Täuschte sie sich, oder war er es wirklich? Konnte sie seinen Geruch noch von anderen unterscheiden? Sie sah seinen kleinen Körper zitternd auf dem kalten Boden liegen. Umringt von ihren Nachbarn. Während draußen vor dem Bunker Bomben fielen und Häuser brannten. Im Bunker war es trotz Kerzenscheins so dunkel gewesen, dass Annie nicht einmal bemerkt hatte, wie Derek umgefallen war, sich bog und krümmte. Dann hatte er ganz still dagelegen.

»Grace, lauf! Hol den Doktor!« Grace war losgerannt, so schnell sie konnte an der brennenden Fabrik vorbei. Mit ihrem Arm hatte sie Nase und Mund bedeckt, sie hatte gehört, man könne vom Rauch ersticken. Aber für Derek war es zu spät gewesen. Als sie endlich mit dem Arzt zurückgekommen war, hatte ihr Bruder seinen Überlebenskampf schon verloren. Annie hatte Dereks leblosen Körper auf dem Arm zurück in ihr Zimmer getragen. So hatte Flo sie am nächsten Tag gefunden. Im Schlafzimmer, im Bett. Derek zugedeckt mit seiner kleinen Decke, die Flo vor einem Jahr besorgt hatte. George war nirgends zu sehen gewesen.

Annie ließ alles andere im Koffer und schob ihn zurück unters Bett. Dann sah sie ihre kleine hölzerne Kiste. Früher war in dieser Truhe einmal Tee gewesen, das hatte ihr der Mann erzählt, als sie sie vor Jahren in einem kleinen Laden neben Sturles gekauft hatte. George hatte mit ihr gemeckert, dass sie so viel Geld ausgegeben hatte. Dabei waren sie damals noch nicht einmal verlobt.

Sie wischte die Truhe mit ihrem Ärmel ab. Hier bewahrte sie ihre Kostbarkeiten auf. Dereks gestrickte Babyschuhe, wie immer ein Geschenk von Flo. Und seinen alten Schnuller. In der Truhe lagen keine Mottenkugeln. Sie atmete tief ein. Derek, ja hier konnte sie Dereks Geruch noch erkennen.

Kapitel 6

Frühjahr 1926, Ballyshannon, Irland

»Aber wie sollen wir dort nur hinkommen, Flo?«

»Ganz einfach, ich kenne jemanden, und der kennt einen anderen, und der hat einen Lastwagen.«

»Was? Die ganze Fahrt in einem Lastwagen? Wieso fährt er überhaupt dort hin?«

»Annie, frag nicht so viel. Und um Himmels Willen, frag das nur nicht den Fahrer.«

Annies Mutter wollte es nicht glauben. »Annie sei nicht immer so störrisch. Das kommt überhaupt nicht in Frage. Woher willst du denn wissen, dass es dort drüben wirklich besser ist? Warte mal ab, was dein Vater dazu sagt, wenn er nachher kommt. Er hat hier für die Unabhängigkeit gekämpft, damit wir in einem freien Irland leben können. Und du hast nichts weiter im Sinn als nach England auszuwandern. Es ist schon schlimm genug, dass deine Schwestern dort sind. Und was meinst du, wird unser Paddy machen? Ich sage dir, was er macht, er wird dir hinterherkommen. Nein, Annie, vergiss diesen Unsinn, und pass einen Moment auf die Suppe auf.«

»Paddy bleibt hier, das hat er mir versprochen.«

»Hat er das? Also bin ich wohl wie immer die Letzte, die etwas von deinen Plänen erfährt.«

»Peg und Kate geht es doch gut in Liverpool. Sie schicken uns ab und zu sogar etwas Geld. Das wenige, was Dad im Moment mitbringt, reicht hinten und vorne nicht. Du hast das gesagt, nicht ich.«

Annies Mutter seufzte und setzte sich zu Annie an den Küchentisch.

»Du wirst deinem Vater das Herz brechen. Du weißt, wie er an dir hängt. Und unser Paddy wird uns auch verlassen, sobald er alt genug ist.«

»Mama, hier gibt es einfach keine Arbeit für uns. Glaub es mir. Wir haben alles versucht. Jeden Tag stehen wir vor der Tür des Arbeitsamtes. Und diese Textilfabrik ist viel zu weit entfernt.«

Flo und Annie hatten ihr neues Leben in Liverpool schon lange geplant. Seit dem Tag, als eine Frau vor ihnen in der Warteschlange laut sagte: »Meine Cousine, die ist nach Liverpool gezogen. Sie hat dort eine gute Arbeit gefunden. Verkäuferin in einem Warenhaus, mitten in der Stadt.«

Annie und Flo hatten sich ein paar Sekunden lang angesehen. Warum eigentlich nicht?

»Sie rücken jetzt weiter nach vorne, wir machen uns auf den Weg nach Liverpool«, hatte Flo zu dem verdutzten Mann gesagt, der hinter ihr gestanden hatte. Sie hatte Annie am Ärmel gepackt und sie hinter sich hergezogen.

Annies Mutter hatte natürlich keine Ahnung, dass Peg ihr das Fahrgeld aus Liverpool geschickt hatte. Sie hatte gelogen und gesagt, sie habe es gespart. Am Abend hatte sie zweimal den Rosenkranz gebetet und um Vergebung gebeten.

In Dublin würden die zwei bei Flos Tante und Onkel eine Unterkunft bekommen, bis sie ihre Papiere zusammen hatten und eine Karte für die Fähre.

Mutter Oberin hatte einen Brief an Annies Mutter geschrieben, in dem sie eine Reise nach England ausdrücklich verbot. Nur unmoralische Mädchen setzten sich so eine Fahrt in den Kopf, oder vielleicht Protestantinnen. Aber nicht ein Kind aus einem guten katholischen Haus. Als sie keine Antwort bekommen hatte, hatte sie Vater O’Conner gebeten, die Familie zu besuchen. Aber Annies Vater hatte ihn gar nicht erst reingelassen. Seitdem Vater O’Conner nicht zugelassen hatte, dass seine kleine Tochter auf dem Friedhof beerdigt wurde, nur, weil sie noch nicht getauft gewesen war, hatte er allen Respekt vor der Kirche verloren und das Gotteshaus nicht wieder betreten.

Paddy trug Annies kleinen, braunen Koffer. Er wollte ihn nicht loslassen. Ohne ihre Sachen würde sie doch nicht fortgehen, oder? Er sah den Lastwagen schon von weitem. Annie hatte nicht erzählt, was für ein Fahrzeug sie nach Dublin fahren würde, nur, dass es ein Bekannter von Flo sei, der einmal in der Woche dorthin fuhr. Sie sah, wie ihr Vater die Augenbrauen hochzog, und sie hatte Angst, was er wohl fragen würde, aber er schüttelte nur mit dem Kopf und schwieg.

»Annie, nimm mich doch bitte mit. Jetzt gleich. Niemand wird mich hier vermissen.«

»Paddy.« Annie kniete sich auf den Boden, so konnte sie ihm direkt in seine grünen Augen sehen. Augen, die viel zu groß für sein kleines Gesicht waren. »Paddy, du gehst erst einmal ganz brav in die Schule, verstehst du? Man kann in Liverpool niemanden brauchen, der nicht in die Schule gegangen ist. Dann, wenn du fleißig gelernt hast, dann hole ich dich nach.«

»Schwörst du mir das?«

»Das tue ich und jetzt lauf bitte los, und sieh dich nicht um.« Sie nahm ihn in den Arm und drückte ihn ganz fest. Normalerweise wäre ihm das peinlich, aber heute schien es ihm ganz egal zu sein. Sie drehte Paddy herum und gab ihm einen kleinen Schubs vorwärts. Er rannte los. Genau so, wie sie es beim Versteckspiel machten. Sie wischte sich gerade die Tränen vom Gesicht, als der Fahrer rief. »Kommt ihr jetzt, ich kann hier nicht den ganzen Nachmittag rumstehen.«

Flo ging zur Beifahrertür und öffnete sie. Zwei Gesichter sahen sie von oben herab an.

»Nein, nicht da, nach oben.« Er stand hinten am Lastwagen und hob die Plane hoch. Dort saßen schon etwa zwanzig Männer und Frauen.

»Da passen wir nicht mehr rein, komm Flo, wir versuchen es ein anderes Mal.«

»Ja, und verlieren unser Geld. Kommt gar nicht in Frage. Hilft uns mal jemand?«, rief Flo. Zwei Männer beugten sich über die hochgezogene Klappe und streckten ihre Arme nach unten. Annie folgte, als der Wagen schon anfuhr. Oben auf der Ladefläche sah sie sich noch einmal um und bemerkte, wie sich die Büsche am Straßenrand bewegten. Paddy! Er sollte doch schon fort sein. Annie stand immer noch und suchte vergebens nach einem Zeichen von ihm. Vielleicht hatte sie sich geirrt. Dann hörte sie eine Frau hinter sich ganz leise singen ›Oh Danny Boy …‹

Kapitel 7

Auf dem Lastwagen war eigentlich nur Platz für ungefähr ein Dutzend Personen. Aber der Fahrer hatte dort bestimmt schon die doppelte Menge untergebracht. Zehn Pennys wollte er für einen Platz haben. Und wenn das jeder bezahlt hatte, dann war das ein richtig guter Nebenverdienst, rechnete Flo. Einen Monat warmes Essen gäbe es für diese Summe. Flo und Annie versuchten vergeblich, die Balance zu halten. Bis ein junger Mann aufstand.

»Ich hoffe, er hält nicht noch einmal an. Aber wenn ich euch so ansehe, bin ich doch froh, dass ihr hier neben mir sitzen wollt. Es wird vielleicht ein bisschen eng.« Er grinste.

»Weiß deine Mama, dass du weggelaufen bist?«, antwortete ihm Flo.

»Ich bitte die Dame um Verzeihung, wie kann ich nur meine Manieren vergessen?« Er tat so, als ob er einen Hut abnehme. Schwang seinen Arm nach vorn und verbeugte sich tief. »Kieran, und mit wem habe ich die Ehre?«

Flo fasste mit beiden Händen an ihren Rock und knickste. »Angenehm, Fräulein Flo mit ihrer Freundin Annie.« In diesem Moment fuhr der Wagen um eine scharfe Kurve, Kieran fiel nach vorne und landete in Flos Armen. »Mannomann, sind sie in deiner Familie alle so zudringlich?«

»Verzeihung.« Kierans Mut hatte ihn abrupt verlassen, und sein Gesicht lief rot an. Er hoffte, dass es in dem bisschen Licht, das von hinten durch die offene Plane fiel, niemand bemerken würde. Die anderen Mitfahrer rückten alle noch mehr zusammen. Annie fand Platz neben Kieran und Flo saß ihr gegenüber. Sie zog den Saum ihres Rockes ein bisschen weiter herunter, als sie merkte, wie Kieran sie anschaute. »Was gibt es dann da zu gucken? Du, komm nur nicht auf dumme Gedanken, wenn wir hier jetzt die ganze Nacht sitzen.«

»Was ist dort hinten in den Holzkisten?«

Kieran sah seine Chance. »Hier, kannst mal probieren.« Er zeigte ihr eine Flasche und zog mit dem Mund den Korken raus. ›Plopp‹ machte es, und ein süßlicher Geruch wehte in Flos Richtung. Ohne lange zu zögern, nahm sie einen großen Schluck. »Jesus, Annie, das ist gut, hier, trink auch.« Annie zögerte noch und streckte ihren Arm nur langsam aus. »Nun nimm schon.«

»Was ist, wenn er merkt, dass eine Flasche fehlt?«

»Ein paar dieser Flaschen wird er schon nicht vermissen«, lallte eine ältere Frau, deren Hut halb von ihrem Kopf gerutscht war, und stieß mit ihrer Flasche bei Annie an.

***

Grobe Hände rüttelten Kieran wach. »Alle runter. Wir sind da. Weiter kann ich euch nicht fahren. Es wird gleich hell, und ich muss los.« Der Fahrer kletterte wieder vom Wagen, und einer nach dem anderen folgte ihm.

»Wo sind wir?« Kieran rieb sich die Augen. Er sah, dass Flo und Annie schon ein Stück gegangen waren. Er warf seinen Karton nach unten. Sprang hinterher, nahm ihn dann schnell am Holzgriff, den er mit einem Bindfaden daran befestigt hatte, und lief den beiden hinterher.

»He, wartet auf mich.«

»Ah, Kieran, dich haben wir ganz vergessen.«

»Wo gehen wir jetzt hin?«

»Wir? Wir zwei hier, das sind Annie und ich, wir gehen zu meiner Tante. Wo du allerdings hingehst, keine Ahnung.«

»Ich meine, es ist doch noch viel zu früh, um uns vor dem Büro dort anzustellen. Warum opfern wir nicht jeder ein paar Pennys für ein kräftiges Frühstück. Dann können wir doch alles in Ruhe besprechen.«

»Kieran, es gibt nichts zu besprechen. Wir bekommen bei meiner Tante etwas zu essen.«

»Ihr wollt mich doch nicht hier im Stich lassen?«

»Doch, genau das wollen wir.«

»Sag doch deiner Tante ich bin dein Cousin.«

»Kieran, meine Tante kennt meine Cousins.«

»Dann Annie. Annie hast du einen Cousin Kieran?«

»Du wirst es nicht glauben, ja, ich habe wirklich einen.« Annie hielt sich an Flo fest, sie schwankte ein bisschen – der viele Alkohol in der Nacht.

»Da siehst du es, Flo, ich bin Annies Cousin, Kieran.« Er sah sie flehend an.

Flo warf einen verzweifelten Blick nach oben. »Mein Onkel wird mit mir ein Hühnchen rupfen. Aber woher sollte ich vorher wissen, dass Annie ihren Cousin mitschleppt. Du solltest dich schämen, Annie, mir so etwas zu verschweigen. Kieran, nimm die Sachen.«

Kapitel 8

Die Mädchen gingen voran, Arm in Arm. Ab und zu drehten sie sich zu Kieran um, wenn er besonders laut stöhnte.

»Lauft doch nicht so schnell. Wie lange brauchen wir noch, bis wir da sind?«

»So, wie du hinter uns her trottest, würde ich sagen: eine Stunde.«

»Eine Stunde? Kann mir vielleicht mal jemand wenigstens etwas abnehmen?«

»Wozu braucht man denn einen Cousin, wenn nicht zum Tragen?«

»Außerdem sind wir gleich da. Siehst du, da hinten die roten Backsteinhäuser, da wollen wir hin.«

Kieran setzte die Koffer für einen Moment ab und zählte die Stockwerke. »Jetzt sag nur noch, sie wohnen ganz oben, im sechsten Stock.«

»Nein, du hast Glück, sie wohnen im vierten. Und hör endlich auf zu meckern. Du bleibst sowieso erst einmal unten stehen und passt auf alles auf. Ich muss meiner Tante beibringen, dass Annie ihren Cousin dabeihat.«

Vor der Haustür suchte sich Kieran die Habseligkeiten, die noch nicht ganz zusammengeklappt waren, und setzte sich drauf. Flo und Annie waren schon auf dem Weg nach oben. Er hörte sie noch kichern, bevor die Tür zuschlug. Er schaute sich um. Soweit er sehen konnte – rote Backsteinhäuser. Eine Frau trat aus der Tür und versuchte, ihre Kinderkarre aus dem Haus zu ziehen. Er sprang auf und half.

»Du bist nicht von hier«, sagte sie, nahm ihren Wagen und schob ihn an Kieran vorbei.

Er schreckte zusammen. Jemand hatte ihn berührt. Er drehte sich um. Ein älterer Mann musterte ihn von oben bis unten. »Was machst du hier? Hast du hier gestohlen? Komm, rede.«

»Ich, ich ...«, stotterte Kieran.

»Raus mit der Sprache!«

In dem Moment hörte er, wie die Haustür zum zweiten Mal aufging. Ein rothaariger Knirps stellte sich neben ihn. »Bist du Annies Cousin?«

»Haben Sie das gehört? Ich bin Annies Cousin.«

»Du sollst nach oben kommen.« Der Junge sah die Sachen und schätzte sie schnell ab. Er nahm sich das kleinste Gepäckstück und war schon wieder im Hausflur. Er drehte sich noch einmal um. »Komm jetzt!«

»Sehen Sie, ich soll mitkommen. Ich habe leider keine Zeit mehr, um mich mit Ihnen hier zu unterhalten.« Er verschwand, bevor der Mann seine Sprache wiederfinden konnte.

Die Tür zur Wohnung stand offen. Flos Tante war in der Küche, vor dem Herd. Als sie Kieran sah, kam sie sofort auf ihn zu und umarmte ihn. »Ich bin ja so froh, dass jemand eingesehen hat, dass junge Frauen doch eine männliche Begleitung brauchen. Kieran – und du opferst dein Leben in Irland, um sie zu begleiten.«

»Ist das da Schinken in der Pfanne?« Er sah über ihre Schulter hinweg in Richtung Herd. Dann setzte er sich zu Flo und Annie an den Tisch. Beide hatten schon einen Teller vor sich stehen.

»Ihr frühstückt jetzt erst einmal vernünftig. Wie dünn ihr seid! Ihr könnt eure Sachen im Flur stehen lassen. Aber dann müsst ihr wieder los. Mein Aiden hat gesagt, die Schlange der Auswanderer wird immer länger. Und das nur, um die nötigen Papiere zu bekommen. Wenn ihr die habt, müsst ihr versuchen, eine Fähre nach drüben zu bekommen. Er glaubt auch nicht, dass es auf den Fähren nach Liverpool überhaupt genügend Platz gibt. Die sind seit Wochen ausgebucht. Ihr nehmt einfach eine Fähre irgendwo hin.«

»Aber meine Schwester wartet in Liverpool auf uns.«

»Und Kieran, lass die beiden nicht aus den Augen.«

»Sie können sich voll und ganz auf Cousin Kieran verlassen«, antwortete Kieran mit vollem Mund.

Kapitel 9

»Bin ich froh, wenn wir wieder festen Boden unter den Füßen haben.« Annie klammerte sich an den Eimer, den ihr ein Schiffsjunge herübergeschoben hatte. »Landratten! Wollen alle übers Wasser, aber wehe, wenn es schaukelt. Jedes Kind weiß doch, wie wild die Irische See sein kann. Was würden die wohl machen, wenn es so richtig stürmte? Und wer muss nachher alles aufwischen? Na, ich natürlich.« Der Schiffsjunge sah sie wütend an.

Annie, Flo und Kieran saßen draußen auf einer Bank. Annie konnte noch immer nicht begreifen, dass die Fähre nur bis Hollyhead fuhr und nicht direkt bis nach Liverpool. Eine ganze Woche hatten sie in der Schlange gestanden. Jeden Morgen ab kurz nach 5 Uhr hatten sie gewartet, dass die Tür aufgemacht wurde. Flos Tante hatte sie ja gewarnt. Sie sollten ganz früh los. Aber bereits am ersten Tag waren sie schon viel zu spät gewesen. Trotz des langen Wartens war das Büro direkt vor ihrer Nase geschlossen worden. Das sollte ihnen nicht noch einmal passieren, und sie hatten ab dem ersten Tag ihren Platz in der Reihe nur abwechselnd verlassen, und das auch nur, um zur Toilette zu gehen. Diese war provisorisch hinter dem Gebäude aufgestellt. Man roch sie von weitem. Ein Plumpsklo für die ganzen Leute. Dort war die Schlange noch länger gewesen als vorne am Eingang. Annie war die ganze Zeit nur einmal hingegangen, und danach hatte sie zwei Tage nichts gegessen.

Endlich waren sie drangekommen. Sie waren aber getrennt worden. Frauen und Kinder links, Männer rechts. Sie hatten Kieran aus den Augen verloren. Flo und Annie hatten schon ihre Papiere erhalten, und er war und war nicht gekommen. Bis Flo es nicht länger ausgehalten und sich erkundigt hatte. Es war ihr gesagt worden, dass Kieran über Nacht in einer Zelle bleiben müsse, weil sie ihm nicht glaubten, dass er in Liverpool Familie habe. Er habe noch nicht einmal die Adresse seiner angeblichen Cousine gewusst. Flo war zum Hafen gelaufen und hatte ihren Onkel gesucht. Der war gerade dabei gewesen, seine Listen für die bevorstehende Woche einzuteilen. Er hatte alles stehen und liegen gelassen und war mitgegangen. Es hatte eine halbe Stunde gedauert, dann war Kieran strahlend durch die Tür gekommen. Der Onkel hatte mit Annie geschimpft, dass sie ihrem Cousin nicht die Adresse ihrer Schwester gegeben hatte. Was wäre gewesen, wenn sie sich auf der Überfahrt verloren?

»Genau das war die Absicht«, hatte Flo ihrer Freundin zugeflüstert, die giftige Blicke auf Kieran warf. Der hatte unschuldsvoll die Schultern hochgezogen.

Die Abfahrt der Curraghmore war um 05.30 Uhr morgens gewesen. Flos Tante und Onkel hatten sich einen Bollerwagen von einem Bekannten geborgt. Dort hinein hatten sie das ganze Gepäck geladen. Kieran hatte ihn gezogen, ohne sich ein einziges Mal zu beklagen.

Am Hafen hatte solch ein Trubel geherrscht, dass Annie sofort den Mut verloren hatte und sich umdrehen und zurückgehen wollte.

»Kommt gar nicht in Frage.« Der Onkel hatte sie weiter nach vorne geschoben. Kieran hatte den Wagen einem Kerl, der vor ihnen stand, in die Kniekehle gestoßen.

»Oi, passen Sie auf, wo Sie hintreten.« Der robuste Mann hatte sich umgedreht und Flo hatte die Chance genutzt, Annie weiter vorwärts zu drängen. Kieran hatte schnell reagiert. Er hatte das erste Teil genommen und es Annie gereicht. »Sehen Sie meinen Vater dort stehen? Ich habe ihm fest versprochen, auf meine Schwestern aufzupassen.«

Flos Onkel hatte mit zwei seiner Kollegen gesprochen. Die beiden hatten heute Dienst und trugen ihre Uniform. Der Onkel hatte auf Kieran gezeigt, und der Mann, der noch vor ein paar Minuten Streit mit Kieran hatte anfangen wollen, hatte sich schnell besonnen. »Kann ich Ihnen helfen?«

Kieran hatte übers ganze Gesicht gegrinst und Flos Onkel zugewunken.

»Kieran, musst du gerade jetzt die Brote auspacken?« Annies Magen drehte sich schon wieder um.

»Ein junger Bursche braucht sein Essen, damit er groß und stark wird, hat meine Mutter immer gesagt. Und wie soll ich sonst auf meine Cousine aufpassen. Besonders, weil ihr beide dafür sorgt, dass ich euch alles hinterher schleppen muss.« Er roch an den belegten Scheiben, um zu prüfen, was Flos Tante ihnen eingepackt hatte.

»Jetzt reicht’s mir aber.« Flo sah Annies grüne Gesichtsfarbe und nahm Kieran das Paket weg. »Du kannst warten, bis wir angekommen sind und Annie sich ein bisschen erholt hat. Sonst schicke ich dich dorthin zurück, wo du hergekommen bist. Cousin oder nicht. Das ist mir egal. Ich hätte das schon lange tun sollen.«

Kieran hielt es danach für besser, ruhig in der Ecke sitzen zu bleiben. Es würde ihm nichts nützen, Flo jetzt zu verärgern.

Annie schlief den Rest der Überfahrt in Flos Armen. Als sie wieder an Land waren, fühlte sie sich gleich etwas besser.

»Ihr zwei wartet hier, ich werde versuchen, unsere Zugfahrkarten zu kaufen. Wieviel Geld habt ihr noch?«

»Kieran, glaub nur nicht, du könntest uns unser Geld abschwindeln und damit abhauen.«

»Flo, du denkst, ich würde meine eigene Familie beklauen?« Er legte einen verletzten Gesichtsausdruck auf und sah Flo enttäuscht an.

Flo seufzte. »Die Überfahrt hat sieben Schilling gekostet und eine Zugfahrt kann doch nicht mehr als zwei kosten. Hier, wir geben dir jeder fünf, falls es doch mehr sein sollte. Aber erst zeigst du uns dein Geld, damit wir sehen, dass du uns nicht doch beschummelst.«

»Glaubst du, wir können ihm vertrauen?«, fragte Annie, als Kieran außer Hörweite war.

»Wenn nicht, liebe Annie, werde ich ihn so lange suchen, bis ich ihn gefunden habe, und ihm persönlich das Fell über die Ohren ziehen.«

Strahlend war Kieran innerhalb von 20 Minuten zurück und grinste.

»Hier sind die Fahrkarten. Der Zug fährt in einer halben Stunde ab. Wir müssen in Chester umsteigen. Von dort geht ein Zug weiter bis nach Liverpool. Ach ja, und hier ist euer Wechselgeld. Die Karten waren nicht so teuer. Ich habe euch doch gesagt, ihr könnt euch auf mich verlassen.«