Hiob. Roman eines einfachen Mannes von Joseph Roth. - Joseph Roth - ebook

Hiob. Roman eines einfachen Mannes von Joseph Roth. ebook

Joseph Roth

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Opis

Königs Erläuterungen – Textanalyse und Interpretation mit ausführlicher Inhaltsangabe und Abituraufgaben NEU: mit Zitatverweisen auf Textausgaben von Schöningh und Hamburger Lesehefte In einem Band bieten dir die neuen Königs Erläuterungen alles, was du zur Vorbereitung auf Referat, Klausur, Abitur oder Matura benötigst. Das spart Zeit bei der Vorbereitung! Alle wichtigen Infos zur Interpretation. - von der ausführlichen Inhaltsangabe über Aufbau, Personenkonstellation, Stil und Sprache bis zu Interpretationsansätzen - plus 4 Abituraufgaben mit Musterlösungen und 2 weitere zum kostenlosen Download . sowohl kurz als auch ausführlich. - Die Schnellübersicht fasst alle wesentlichen Infos zu Werk und Autor und Analyse zusammen. - Die Kapitelzusammenfassungen zeigen dir das Wichtigste eines Kapitels im Überblick – ideal auch zum Wiederholen. - Das Stichwortregister ermöglicht dir schnelles Finden wichtiger Textstellen. . und klar strukturiert. - Ein zweifarbiges Layout hilft dir Wesentliches einfacher und schneller zu erfassen. - Die Randspalte mit Schlüsselbegriffen ermöglichen dir eine bessere Orientierung. - Klar strukturierte Schaubilder verdeutlichen dir wichtige Sachverhalte auf einen Blick. . mit vielen zusätzlichen Infos zum kostenlosen Download.

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KÖNIGS ERLÄUTERUNGEN

Band 435

Textanalyse und Interpretation zu

Joseph Roth

HIOB

Roman eines einfachen Mannes

Martin Lowsky

Alle erforderlichen Infos für Abitur, Matura, Klausur und Referat plus Musteraufgaben mit Lösungsansätzen

Zitierte Ausgabe: Roth, Joseph: Hiob. Roman eines einfachen Mannes. Husum/Nordsee: Hamburger Lesehefte Verlag, 2010 (Hamburger Leseheft Nr. 225, Heftbearbeitung: Martin Lowsky). Textverweise sind mit HL gekennzeichnet. Roth, Joseph: Hiob. Roman. Erarb. von Melanie Prenting. Hrsg. von Johannes Diekhans. Paderborn: Schöningh, 2012 (EinFach Deutsch Textausgaben). Textverweise sind mit S gekennzeichnet.  Über den Autor dieser Erläuterung: Dr. Martin Lowsky, Studium der Romanistik, Mathematik und Vergleichenden Literaturwissenschaft in Tübingen und Heidelberg, Promotion 1975. Abhandlungen, auch Bücher, zur deutschen und französischen Literatur (Bloch, Fontane, May, Arno Schmidt, Storm, Valéry, Voltaire) und zur Pädagogik (Erich Fromm). Redaktionstätigkeit für das Jahrbuch der Karl-May-Gesellschaft (Hansa Verlag Husum) und die Forschungen zu Paul Valéry/Recherches Valéryennes (Universität Kiel). Unterricht an einem Gymnasium in Kiel. In der Reihe ‚Königs Erläuterungen‘ sind von Martin Lowsky zuletzt erschienen: Erläuterungen zu Theodor Storm: Der Schimmelreiter (erweiterte Fassung 2011). Erläuterungen zu Molière: Le Malade imaginaire (2013).

Das Werk und seine Teile sind urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung in anderen als den gesetzlich zugelassenen Fällen bedarf der vorherigen schriftlichen Einwilligung des Verlages. Hinweis zu § 52 a UrhG: Die öffentliche Zugänglichmachung eines für den Unterrichtsgebrauch an Schulen bestimmten Werkes ist stets nur mit Einwilligung des Berechtigten zulässig.

2. Auflage 2014

ISBN: 978-3-8044-7000-2

© 2005, 2013 by Bange Verlag GmbH, 96142 Hollfeld Alle Rechte vorbehalten! Titelbild: Jüdische Einwanderer © ullstein bild – Archiv Gerstenberg

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INHALT

1. Das Wichtigste auf einen Blick – Schnellübersicht

2. Joseph Roth: Leben und Werk

2.1 Biografie

2.2 Zeitgeschichtlicher Hintergrund

2.3 Angaben und Erläuterungen zu wesentlichen Werken

3. Textanalyse und -Interpretation

3.1 Entstehung und Quellen

3.2 Inhaltsangabe

Erster Teil

Zweiter Teil

3.3 Aufbau

Die Grundstruktur der Handlung

Chronologie

Schauplätze

3.4 Personenkonstellation und Charakteristiken

Übersicht

Die Hauptpersonen

Mendel Singer

Deborah Singer,

Die Kinder Jonas, Schemarjah, Mirjam, Menuchim

Freunde der Familie Singer

3.5 Sachliche und sprachliche Erläuterungen

Lehrer

Wunderrabbi

Gebetriemen

Das Buch Hiob des Alten Testaments

Kosaken

Die jiddische Sprache

Grammofon

Erläuterung einzelner Stellen

3.6 Stil und Sprache

Sachliches Erzählen: Beobachten und Dokumentieren

Spannendes Erzählen: Perspektivenwechsel

Stilfiguren: Die Kunst der Adjektive

Stilfiguren: Die Kunst des Wiederholens

Intertextualität

Schlussüberlegung: Roths Erzählen als ‚Musik‘

3.7 Interpretationsansätze

Hiob als jüdischer Roman

Hiob als Familienroman – und das Motiv Amerika

Hiob als modernes Märchen

Ganzheitlichkeit

4. Rezeptionsgeschichte

Begeisterte Leser und die Ächtung in Nazi-Deutschland

Vielseitiges Forschen

5. Materialien

Blicke in Joseph Roths Werke

Wichtige Deutungen des Romans Hiob

Der märchenhafte Schluss – unterschiedliche Urteile

Jüdischer Humor – geistreich und bitter

Jüdisches Leben an Alltagen, an Festtagen

Das Leiden der Juden

6. Prüfungsaufgaben mit Musterlösungen

Aufgabe 1 *

Aufgabe 2 **

Aufgabe 3 **

Aufgabe 4 ***

Literatur

Zitierte Ausgabe

Gesamtausgabe

Neuerdings erscheinen reich kommentierte Roth-Ausgaben; zu nennen sind vor allem

Briefausgaben

Übergreifende Darstellungen

Speziell zu Hiob

Hinweis

Internet

Verfilmung

Weiterführende Literatur zur Verfilmung

TV-Dokumentationen über Joseph Roth

Eine Übersicht zu ‚Roth und der Film‘ bietet

Über Roths Interesse am Film berichtet

Hörspiel

1.Das Wichtigste auf einen Blick – Schnellübersicht

Damit sich jeder Leser in unserem Band rasch zurechtfindet, bieten wir hier eine Übersicht.

Im 2. Kapitel beschreiben wir Joseph Roths Leben und den zeitgeschichtlichen Hintergrund:

Joseph Roth lebte von 1894 bis 1939; er stammte aus Brody (Ostgalizien, damals Teil von Österreich-Ungarn, heute Teil der Ukraine). Er arbeitete als Journalist und Schriftsteller in Berlin, ab 1933 im Exil in Paris.

Die 1920er Jahre waren eine Blüte des geistigen Lebens. 1929, als Roth an Hiob schrieb, geschah der Börsenkrach in New York und damit der Beginn der großen Arbeitslosigkeit.

Der Roman Hiob ist 1930 erschienen. Vorher hat Roth vor allem Reportagen und sozialkritische Artikel verfasst.

Im 3. Kapitel bieten wir eine Textanalyse und -interpretation.

Hiob – Entstehung und Quellen:

Ab Winter 1928/29 hat Joseph Roth an Hiob gearbeitet. Mit dem biblischen Thema ‚Hiob‘ hoffte er, ein erfolgreiches Werk zu schreiben; er litt unter Geldnot. Auch arbeitete er mit diesem Werk seine jüdische Vergangenheit auf.

Inhalt:

Hauptperson ist Mendel Singer, ein frommer Jude, der in Wolhynien lebt. In seine Familie wird als viertes Kind der Behinderte Menuchim hineingeboren.

Einer der Söhne und dann die Familie wandern nach Amerika aus. Mendel treffen schwere Schicksalsschläge: der Tod eines Sohnes und seiner Frau, der Wahnsinn seiner Tochter. Mendel sagt sich von Gott los.

Am Ende erlebt Mendel ein großes Glück: Menuchim, einstmals zurückgelassen und inzwischen von seiner Behinderung geheilt und ein bekannter Musiker geworden, erscheint und kümmert sich nun um seinen geliebten Vater.

Chronologie und Schauplätze:

Hiob spielt von 1894 bis 1919. Handlungsorte sind Zuchnow, ein erfundenes Dorf in Wolhynien (Kapitel 1–9), damals Teil des Russischen Reiches, heute der Ukraine, und ab 1909 New York (Kapitel 10–16).

Die Personen:

Die Hauptpersonen sind

Mendel Singer:

frommer Jude, Lehrer, zu Beginn 30 Jahre alt,

intellektueller Typ,

mit tiefem Vertrauen zu Gott, bis ihn die schweren Schicksalsschläge treffen,

Deborah Singer, seine Frau:

tatkräftig, kämpferisch,

mit dem Blick für das im Alltag Notwendige,

seelisch überfordert bei den großen Schicksalsschlägen: Zusammenbruch, Tod,

ihre Kinder Jonas, Schemarjah (später genannt Sam), Mirjam brechen aus der jüdischen Welt aus:

Mirjam sucht sich Liebhaber,

Jonas wird Soldat,

Schemarjah wird in Amerika Geschäftsmann („Sam“),

Menuchim, der Jüngste,

wird als Behinderter geboren,

ist am Schluss ein bekannter Musiker.

Sachliche Erläuterungen:

Wir nennen die Schlüsselbegriffe des Romans, die der jüdischen Welt entstammen; u. a.

Wunderrabbi,

Gebetriemen,

das Buch Hiob des Alten Testaments,

die jiddische Sprache.

Stil und Sprache:

Roth erzählt sachlich: Sein Erzählen ist ein Dokumentieren.

Häufiger Perspektivenwechsel sorgt für Spannung.

Roth benutzt Stilfiguren, wobei er die Adjektive kunstvoll einsetzt.

Roth arbeitet intertextuell: Er lässt sich von literarischen Werken beeinflussen, etwa vom biblischen Buch Hiob.

Seine Sprache ist musikalisch.

Interpretationsansätze:

Wir betrachten Roths Hiob als

einen jüdischen Roman,

einen Familienroman,

ein modernes Märchen

und entdecken dabei

die künstlerische Ganzheitlichkeit dieses Werkes.

2.Joseph Roth: Leben und Werk

Joseph Roth 1894–1939 © ullstein bild – Granger Collection

2.1Biografie

JAHR

ORT

EREIGNIS

ALTER

1894

Brody in Ostgalizien (Österreich-Ungarn, heute Ukraine)

Moses Joseph Roth wird am 2. September geboren. Die Eltern, beide jüdisch, sind Miriam Roth, geb. Grübel, und Nachum Roth. Nachum, ein wohlhabender Getreidehändler, stirbt in einer Heilanstalt (1910), Roth lernt ihn nie kennen.

1913

Lemberg (Ostgalizien), heute Lwiw (Ukraine)

Nach dem Abitur Student

19

1914

Wien

Beginn des Germanistik-Studiums

20

1916

Galizien

Militärdienst im Ersten Weltkrieg (bis 1918). Roth veröffentlicht Gedichte und Feuilletons in der Wiener Presse; ab 1917 auch im ‚Prager Tagblatt‘.

22

1919

Wien

Über 100 Beiträge für die linksstehende Zeitung ‚Der Neue Tag‘

25

1920

Ostpreußen

Roth liefert der ‚Neuen Berliner Zeitung‘ Berichte vom Polnisch-Sowjetischen Krieg.

26

Berlin

Roth schreibt für weitere Berliner Zeitungen. In der Folgezeit wird er Mitarbeiter der Wiener ‚Abendzeitung‘ und des ‚Vorwärts‘. In den nächsten Jahren zahlreiche Reisen nach Wien.

Wien

Aufgrund seiner gesellschaftskritischen Artikel gilt er als sozialistischer Schriftsteller.

1922

Berlin

Am 5. März heiratet Roth Friederike (Friedl) Reichler aus Wien.

28

1924

Berlin, Galizien

Der Roman Hotel Savoy, Roths erstes Buch, erscheint. Roth reist in seine Heimat.

30

1925

Paris, Avignon, Marseille

Feuilletonkorrespondent der berühmten ‚Frankfurter Zeitung‘

31

1926

Leningrad (früher und heute wieder St. Petersburg), Moskau, Kaukasus

Russland-Reise; Reportagen darüber in der ‚Frankfurter Zeitung‘. In den folgenden Jahren Reportage-Reisen durch Deutschland, Albanien, Polen, Italien, Frankreich.

32

1928

Berlin

Roths Frau Friedl erkrankt psychisch; man wird bei ihr Paranoia und Schizophrenie feststellen. Ab September 1929 lebt sie in Pflegeanstalten, zuletzt in Mauer-Öhling bei Amstetten (Österreich). Im Juli 1940 wird sie von den Nazis ermordet (im verbrecherischen ‚Euthanasie‘-Programm).

34

1930

Berlin

Der Roman Hiob erscheint (Oktober).

36

1932

Berlin

Der Roman Radetzkymarsch erscheint.

38

1933

Paris

Seit dem 31. Januar, dem Tag nach der Machtergreifung der NSDAP, lebt Roth im Exil. In der folgenden Zeit Aufenthalte in Südfrankreich, Holland und Polen.

39

1937

Amsterdam

Der Roman Das falsche Gewicht erscheint. Enge Beziehung mit der Schriftstellerin Irmgard Keun.

43

1938

Wien

Kurze Reise im Februar: vergeblicher Versuch, Politiker zu gewinnen für die Idee einer neuen Monarchie Österreich, als Gegenmacht zu Nazi-Deutschland. (Im März sind Hitler und deutsche Soldaten in Wien; Österreich wird Deutschland im sog. ‚Anschluss‘ einverleibt.)

44

1939

Paris

Joseph Roth, in Armut und dem Alkohol verfallen, stirbt in seinem 45. Lebensjahr am 27. Mai im Hôpital Necker an einer doppelseitigen Lungenentzündung. Bei seiner Beerdigung sind Kommunisten wie Egon Erwin Kisch, der ‚rasende Reporter‘, aber auch Vertreter des österreichischen Adels anwesend.

44

2.2Zeitgeschichtlicher Hintergrund

ZUSAMMENFASSUNG

1929, als Roth an Hiob arbeitet, geschieht der Börsenkrach in New York. In Deutschland herrscht ab jetzt wirtschaftliche Unsicherheit mit vielen Arbeitslosen.

Der Antisemitismus breitet sich aus, die Nazi-Partei hat Zulauf.

Die 1920er Jahre waren eine Blüte des kulturellen Lebens: Der Expressionismus und die Medien Film und Fotografie wurden bedeutend.

Die Jahre um 1929, in denen Roth an seinem Roman Hiob arbeitete, waren eine Zeit politischer und wirtschaftlicher Unsicherheit in der sogenannten Weimarer Republik. Seit dem Jahr der Inflation (1923) hatte sich der Lebensstandard erhöht, doch 1929 geschah der Börsenkrach in New York. Ende 1929 gab es bereits 2,3 Millionen Arbeitslose in Deutschland (bei 65 Mio. Einwohnern), und die Zahl verdoppelte sich im folgenden Jahr. Die Rechtsradikalen fanden Zulauf; 1933 sollten Hitler und die NSDAP die Wahlen gewinnen.

Nach dem Ersten Weltkrieg (1914–1918) hatten der deutsche Kaiser und der Herrscher von Österreich-Ungarn (der österreichische Kaiser) abgedankt, doch die Hoffnung auf ein friedliches Zusammenleben der europäischen Nationen erfüllte sich nicht. Walther Rathenau, der deutsche Außenminister jüdischer Herkunft, der eine Politik der Versöhnung mit den alten Kriegsgegnern verfolgt hatte, wurde 1922 ermordet. Es war eine Tat von Antisemiten. Auch im täglichen Leben trat der Antisemitismus zutage. „Juden unerwünscht“ war die Devise mancher Urlaubsorte.

Der Vielvölkerstaat Österreich-Ungarn, achtmal so groß wie das heutige Österreich und 1919 untergegangen, war vielen als Vorbild im Gedächtnis. Es war ein multikulturelles Reich gewesen, das verschiedene Religionen und Sprachen in sich vereinigt und im 19. Jahrhundert den Juden die politische Gleichstellung gebracht hatte. Im Alltag und auch im Umgang mit Behörden jedoch hatten die Juden, vor allen die armen Juden Galiziens, unter Vorurteilen zu leiden gehabt. Doch die Pogrome (Judenverfolgungen) von 1881, die auf russischem Gebiet, jenseits der Grenze nicht weit von Roths Geburtsort Brody, stattgefunden hatten, wären in Österreich-Ungarn nicht möglich gewesen. Roth sehnte im Laufe seines Lebens wieder das alte Österreich herbei.

In Literatur und Kunst hatte der historische Bruch, den der Erste Weltkrieg bewirkt hatte, glückliche Folgen. Die zwanziger Jahre brachten eine Blüte des geistigen Lebens. Der literarische Expressionismus mit seinen sprachlichen Experimenten setzte sich durch (Ernst Tollers Drama Hoppla, wir leben!, 1927; schon 1915 August Stramms Gedichtsammlung Du). Schriftsteller behandelten in bisher ungewohntem Stil – Verwendung von Alltagssprache und Montagetechnik – die Außenseiter der Gesellschaft. Typisch dafür ist Alfred Döblins Roman Berlin Alexanderplatz, 1929. Neue Medien wie Fotografie und Film beeinflussten die Literatur, entsprechend wurde das genaue Dokumentieren als eigene Kunstform geschätzt. Joseph Roths sozialkritische Presseartikel waren charakteristisch für das literarische Leben der zwanziger Jahre.

Zugleich versuchten die Schriftsteller und Philosophen, den historischen Wandel zu analysieren. Sie schrieben über die Kultur, die mit dem Weltkrieg untergegangen war, und fragten nach der neuen Rolle Europas; so Thomas Mann in seinem Roman Der Zauberberg (1924) und Oswald Spengler in seiner philosophischen Studie Der Untergang des Abendlandes (1918 Bd. 1, 1922 Bd. 2). Zu dieser Richtung gehören auch die Werke der Österreicher Hermann Bahr und Karl Kraus (Kraus’ Drama Die letzten Tage der Menschheit, 1919), die die damalige Epoche als eine Zeit des Verfalls empfanden.

Bei ihrem Blick auf kulturelle Entwicklungen wandten sich die Schriftsteller auch biblischen Stoffen zu. 1917 erschien das Drama Hiob von Oskar Kokoschka, 1926 Franz Werfels Drama Tod des Moses, und 1933 – drei Jahre nach Joseph Roths Hiob – kamen Die Geschichten Jaakobs von Thomas Mann heraus, der erste Teil seines alttestamentlichen Joseph-Romans. Sogar in Döblins Alexanderplatz, im 4. Hauptteil, tritt in einem Traumbild Hiob auf.

Aber nur Joseph Roth hat es gewagt, für sein biblisches Thema den osteuropäischen Schauplatz zu wählen.

2.3Angaben und Erläuterungen zu wesentlichen Werken

ZUSAMMENFASSUNG

Roths Roman Hiob von 1930 steht in der Mitte seines Schaffens.

Vor Hiob hat Roth vor allem Reportagen und sozialkritische Artikel verfasst, nach Hiob umfangreiche Werke, die historische Entwicklungen darstellen.

Fast bis an sein Lebensende arbeitete Roth für Zeitungen, doch am meisten verlockte ihn das Verfassen von Romanen. „Von dieser verdammten Zeitungsschreiberei habe ich genug“[1], sagte er schon 1925.

Man kann Hiob als das Zentrum des Roth’schen Werks ansehen. In Hiob finden sich gleichermaßen Themen des frühen Schaffens – die Nöte des Einzelnen – und des Spätwerks – die Sicht auf große historische Prozesse. Mit Hiob wollte Roth seine Kreativität auf die Probe stellen. So erklärt sich der weit gespannte Bogen: Vom Schauplatz Russland bis zum Schauplatz USA, vom uralten Hiob-Mythos bis zum modernen ‚business’ in New York, vom psychisch-physischen Elend bis zu einem märchenhaften Glückserlebnis im Romanschluss.

Der mythisch-märchenhafte Zug tritt schon in Hotel Savoy auf (Hotel als Bild für die Welt!), wird in Hiob intensiviert und prägt auch die späten Werke stark.

In Hiob hat Roth den Schauplatz Wolhynien gewählt, ein östlich von Galizien in Russland gelegenes Gebiet. In einem Interview 1934 hat er sogar fälschlicherweise behauptet, er sei in Wolhynien geboren.[2] In der Erzählung Das falsche Gewicht erscheinen ähnliche Motive wie in Hiob: eine Grenzschenke, ein Agent für Flüchtlinge namens Kapturak und am Rande ein jüdischer Kaufmann namens Mendel Singer.  

3.Textanalyse und -Interpretation3.1Entstehung und Quellen

ZUSAMMENFASSUNG

Ab Winter 1928/29 schrieb Roth an Hiob.

Er hoffte, mit dem biblischen Thema ‚Hiob‘ Erfolg zu haben, denn er litt unter Geldmangel nach der Erkrankung seiner Frau.

Er arbeitete mit Hiob seine eigene jüdische Vergangenheit auf.

Joseph Roth schrieb Hiob vermutlich ab Winter 1928/29. Er verfasste das Werk in großer psychischer Anspannung. Die ersten Ansätze des Romans – sieben Seiten, in denen die Hauptperson ein „Wasserträger Mendel“ ist – verwarf er. Am 28. März 1929 schreibt er aus Paris an Pierre Bertaux, den später berühmten französischen Germanisten, der gerade in Berlin studiert: „Gestern ist mein Roman fertig geworden. Ich bin zufrieden.“[3] Vermutlich hat er damit Hiob gemeint. Am 1. April 1930 bekommt Roth vom Verlag die Druckabzüge; er hat noch Änderungen. In einem Brief vom 18. Mai 1930 schreibt er: „In zwei Wochen bin ich mit dem Roman fertig.“[4] In den folgenden Wochen liest Stefan Zweig, der mit ihm befreundete Schriftsteller, auf seine Bitte hin das Manuskript. Am 22. September 1930 schreibt Roth an Zweig über Hiob: „Ich finde es überflüssig, ihn geschrieben zu haben. Ich habe gar kein Verhältnis mehr zu diesem Buch.“[5] Wir dürfen dies nicht wörtlich nehmen, die Sätze zeigen, wie sehr Roth sich mit Hiob überarbeitet hatte.

Wie in der meisten Zeit seines Lebens wohnte er während der Niederschrift von Hiob in Hotels. Die Blätter des Manuskripts, die sich im Deutschen Literaturarchiv Marbach am Neckar befinden, sind zum Teil Hotelformulare, rückseitig beschrieben.

Roths Anspannung rührte daher, dass er für seine psychisch erkrankte Frau Friedl Geld brauchte. Er erhoffte sich viele Leser und gute Einnahmen, indem er das allgemein bekannte biblische Thema ‚Hiob‘ aufgriff. Tatsächlich wurde Hiob sein größter Erfolg. Roths Frau war also der Anlass für diesen Roman, und das Thema ‚psychische Erkrankung’ ist in den Roman eingeflossen: Im 12. Kapitel stirbt Deborah in seelischer Zerrüttung, im 13. Kapitel kommt die junge Mirjam in eine Irrenanstalt. In der Hauptperson Mendel Singer, der darunter leidet, hat Roth auch sich selbst dargestellt.

Darüber hinaus ist Hiob Roths literarische Aufarbeitung seiner eigenen jüdischen Vergangenheit. Diese Vergangenheit bewegte ihn damals: 1924 hatte er seine Heimat Galizien besucht; die frommen jüdischen Eltern seiner Frau hatten in ihm wieder religiöse Gefühle geweckt, und 1927 hatte er in seinem Essay Juden auf Wanderschaft die Geschichte des Judentums beschrieben.

Am 10. Oktober 1930 erschien Hiob in dem linksdemokratischen Verlag Gustav Kiepenheuer, Berlin. Kurz zuvor, am 14. September 1930, hatte der Abdruck in Fortsetzungen in der ‚Frankfurter Zeitung’ begonnen; er lief bis zum 21. Oktober 1930. Ende Dezember 1930 waren fast 10 000 Exemplare des Buches verkauft; es erschien eine zweite Auflage.

3.2Inhaltsangabe

ZUSAMMENFASSUNG

In Wolhynien, im Russischen Reich, lebt die Familie des frommen Juden Mendel Singer. In die Familie wird als viertes Kind der Behinderte Menuchim hineingeboren.

Einer der Söhne wandert nach New York aus, die Eltern und die Tochter folgen ihm. Dort treffen den Vater Mendel schwere Schicksalsschläge: Der eine Sohn fällt als amerikanischer Soldat im Ersten Weltkrieg, der andere gilt als verschollen. Mendels Frau stirbt. Die Tochter, die immer Liebhaber suchte, wird wahnsinnig. Mendel, bitter enttäuscht von Gott, sagt sich von Gott los.

Am Ende widerfährt Mendel ein großes Glück: Sein Sohn Menuchim, von der Behinderung geheilt und ein erfolgreicher Musiker geworden, erscheint bei ihm und umsorgt den alten Vater.

Erster Teil

1. Kapitel Menuchim wird geboren