Herzensöffnung (1) - Hero Leander - ebook

Herzensöffnung (1) ebook

Hero Leander

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Opis

Die Erzählung einer Liebe auf dem Prüfstein der Vorurteile zur Jahrtausendwende: Eine herzergreifende Geschichte über zwei Menschen, deren Liebe alle Hindernisse, die seit dem Zweiten Weltkrieg zwischen ihren Völkern stehen, überwinden wollen. Um ihre Liebe zu einem glücklichen Ende zu bringen, müssen sie manche Verurteilung in ihren Mitmenschen abbauen. Besonders die Differenzen und Vorurteile, welche in den Menschen fest eingebrannt sind, behindern ihre Liebe sehr. Doch es gibt auch Umstände, die ihnen wie durch Zufall begegnen. Diese wiederum fördern und unterstützen ihre Liebe. Tauchen Sie ein in die emotionale Welt einer großen Liebe mit all ihren Höhen und Tiefen. Öffnen Sie Ihr Herz für Schwingungen, die nur durch Liebe entstehen können.

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Der Autor wurde 1952 in Leipzig (DDR) geboren. Nach dem Abschluss der Oberschule lernte er den Beruf eines Baumaschinisten. Auch von dem Dienst in der damaligen DDR-Volksarmee blieb er nicht verschon. Gerade durch diese Erfahrung reifte in ihm eine kriegsgegnerische Meinung. Die Freundschaft zu Menschen aus anderen Ländern gehörte zu seinem Lebensalltag.

Während der Zeit des Sozialismus in der DDR arbeitete er als Kraftfahrer oder in seinem Lehrberuf.

Seit dem Zusammenbruch der DDR ist er selbständig und hat darin viele Brachen durchwandert, wie Speditionsverkehr, Umzugsservice und verschiedene Strukturvertriebe.

Nach der Jahrtausendwende verschrieb er sich mehr der geschichtlichen und politischen Aufklärung und hielt darüber Vorträge in mehreren deutschen Städten. Bei dieser Arbeit stieß er auch auf die Spiritualität des Menschen. Mit diesem neuen Wissen erweiterte er seine Vortragsinhalte, so dass er jetzt ein völlig neues Weltbild, gemischt aus der physischen Aufklärung und dem spirituellem Wissen, in seinen Vorträgen entstand.

Erst 2014 entdeckte er seine schriftstellerische Berufung. Die Trilogie der Herzensöffnung ist sein erstes Werk in diesem für ihn neuen Wirkungsbereich.

Kontakt zum Autor unter: [email protected]

Hero Leander

Herzensöffnung (1)

Touristen-Maria

(Feb. 2000 – Dez. 2000)

Engelsdorfer Verlag Leipzig 2015

Bibliografische Information durch die Deutsche Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.

Copyright (2015) Engelsdorfer Verlag Leipzig

Alle Rechte beim Autor

1. digitale Auflage: Zeilenwert GmbH 2015

www.engelsdorfer-verlag.de

Inhaltsverzeichnis

Cover

Der Autor

Titel

Impressum

Vorwort – Die Geschichte eines Buches

1. Sonnenberg – Wolframs Leben

2. Håp Land – Urlaub in Norwegen

3. Sonnenberg – Im neuen Zuhause

4. Håp Land – Zurück nach Håp Land

5. Sonnenberg – Familie Kosch

6. Håp Land – Jahreswechsel

Vorwort – Die Geschichte eines Buches

Vor dreizehn Jahren prophezeite mir eine Dame, dass ich einmal ein Buch schreiben würde. Damals habe ich das belächelt, denn ich neige dazu, Prophezeiungen nicht so wörtlich zu nehmen. Manche erfüllen sich und andere nicht.

Seit vier Wochen schreibe ich an einem Buch, welches vorher nie geplant war. Hätte mich noch vor einem halben Jahr ein Freund, der von der Prophezeiung wusste, daran erinnert, so wäre meine Antwort gewesen: „Ich und ein Buch? Das kann ich mir nicht vorstellen!“ Lange Texte zu schreiben, stieß bei mir eher auf Ablehnung. Doch mein inneres Selbst hatte anderes mit mir vor. Und so entstand ein Buch, ohne dass ich es beabsichtigte.

Am Anfang stand nur ein Traum, den ich vor einigen Jahren hatte. Dieser Traum war so impressiv, dass ich ihn immer wieder vor meinem inneren Auge rekapitulieren ließ. Ich betrachtete diesen Traum jedoch nicht einfach durch passives Schauen, sondern wirkte aktiv als Autor und Regisseur mit. Dabei veränderte ich ihn ganz nach Intuition. Durch dieses Bearbeiten wurde aus dem Traum eine Liebesgeschichte mit Völkerverständigungshintergrund.

Angefangen hat alles mit der Idee, diesen inzwischen recht romantischen Traum für meine Frau abzutippen, damit sie diese kurze Geschichte lesen konnte. Ich vermutete, dass sie zehn A4-Seiten in meinem Schreibprogramm einnehmen würde. Es sollte nur ein physisches Festhalten meiner Traumgeschichte werden. Als ich aber schon über dreißig Seiten geschrieben hatte und immer noch im ersten Drittel der Geschichte war, erinnerte ich mich wieder an die damalige Prophezeiung. Sie schien sich zu erfüllen. Bei genauerer Betrachtung stellte ich fest, dass es zwei Bücher würden, die inhaltlich unmittelbar aufeinander folgen sollten. Diese Trennung erschien mir unbedingt notwendig. Inzwischen kann ich mir sogar eine dritte Fortsetzung vorstellen.

Wer mich kennt, weiß, dass ich eher ein bodenständiger Mensch und für Schwärmereien nicht so empfänglich bin. Ein sachliches Buch über Geschichte hätten mir meine Freunde sicher noch zugetraut, aber eine Geschichte wie diese hier vermutlich nicht. Selbst mich überrascht auf eine gewisse Art der Inhalt dieses Buches.

Hero Leander – Weihnachten 2014

1. Sonnenberg – Wolframs Leben

Sonnenberg ist eine idyllische Kleinstadt mit zirka 14.000 Einwohnern. Sie liegt an einem See im Norden von Deutschland. Doch hier ist auch das Stammwerk der großen Elektrofirma KOSCH-GmbH. Dieses Werk ist der Arbeitgeber für die meisten Einwohner von Sonnenberg. So ist die Firma ein Segen für diese Stadt. Am Rande des Ortes liegt ein kleiner sonniger Hügel, der der Stadt einst ihren Namen gab. Die Einwohner von Sonnenberg nennen ihn liebevoll „Huggl“. Der ganze Hügel gehört zum Privatgrundstück der KOSCH-Eigner. Direkt auf ihm steht die KOSCH-Villa, die von den Sonnenbergern als „Hugglburg“ oder auch nur „Sonnenburg“ bezeichnet wird.

Hier sorgten Manfred und Dagmar Brünner für Haus und Garten. Während Manfred sich mehr um das umgebende Grundstück der Sonnenburg und die technischen Dinge im Haus kümmerte, hielt Dagmar die Villa selbst als auch die Küche in Ordnung. Beide waren schon viele Jahre in der KOSCH-Villa angestellt. Sie liebten ihre Arbeit, denn die KOSCH-Familie, die sehr zurückgezogen lebte, war immer fair zu ihnen und wertschätzte ihre Arbeit sehr. Nur wenige aus der Stadt kannten die Firmeneigner so gut wie die Brünners.

So mancher Einwohner von Sonnenberg würde auch gern auf diesem Hügel wohnen, denn der Name Kosch war in dieser Gegend einer, den man öfter hörte. Alle Familien mit diesem Namen glaubten, dass sie weitläufig mit dem Firmengründer Roland Kosch verwandt waren. Doch das war nur eine Legende, die die übrigen Bewohner von Sonnenberg mit einem kleinen Lächeln akzeptierten.

Hier lebte auch Wolfram Kosch, ein Mann von 37 Jahren, der mit seinem Leben relativ zufrieden war. Seit seine Eltern vor Jahren tödlich verunglückt waren, lebte er allein. Das befreundete Hausmeister-Ehepaar Brünner war seitdem für Wolfram wie eine Art Ersatzeltern geworden. Mit den beiden war er mehr als nur befreundet.

Wolfram Kosch war gesund, seine Arbeit befriedigte ihn und auch privat konnte er sich fast jeden Wunsch erfüllen. Nur auf der Suche nach einer Frau fürs Leben war er bisher erfolglos gewesen. Die wahre Liebe hatte er bisher nicht gefunden. Auch seine große Liebe zu Kindern blieb dadurch unerfüllt. Wenn fremde Kinder seinen Weg kreuzten, war er diesem Zufall stets dankbar. Er half ihnen gern, wenn es möglich war und sich die Gelegenheit dazu bot. So schlug sich Wolfram Kosch mit der Hoffnung durchs Leben, dass sich irgendwann doch noch der Wunsch nach einer glücklichen Familie erfüllen würde. Er hatte schon manche Enttäuschung hinter sich und war nun etwas vorsichtiger geworden. Vor allem hatte er dabei erkannt, dass man eine Frau weniger nach dem Äußeren beurteilen sollte, wenn man eine Partnerin fürs Leben suchte.

Auch Wolfram arbeitete im KOSCH-Werk und hatte dort eine leitende Funktion. Manchmal war er etwas eigensinnig und ein andermal hilfsbereit. Trotzdem wurde er von den unterstellten Mitarbeitern respektvoll geachtet. Doch sie hatten auch Vertrauen zu ihm, denn er hatte immer ein offenes Ohr für ihre Probleme.

So verging ein Jahr nach dem anderen. Wolframs Leben nahm ständig mehr Routine an. Den Winter-Skiurlaub verbrachte er meistens in den Alpen und im Sommer ging es ständig in den Süden. Somit wiederholten sich seine Erfahrungen permanent, sodass der Reiz des Südens immer mehr nachließ. Dazwischen war nur noch wichtig, was mit der Arbeit zu tun hatte.

Eines Tages begriff Wolfram, dass er nur noch existierte, aber gar nicht mehr wirklich lebte. Seine ganze Erlebniswelt war von Jahr zu Jahr immer flacher geworden und damit auch sein Leben. So buchte Wolfram im Februar kurz entschlossen eine preiswerte Reise nach Norwegen, um mal etwas völlig anderes zu erleben. Er glaubte einfach, dass man in so einer gemäßigten Reisegruppe ganz andere Erfahrungen machen könne.

Das norwegische Håp Land war ihm bis dahin völlig unbekannt gewesen. Vom Reiseveranstalter erfuhr Wolfram, dass es ein kleiner Ort an der Küste mit einem Hotel sei, wo er eine himmlische Ruhe genießen könne. Das machte die Reise für ihn so interessant, denn der Urlaub im Süden war oft angefüllt mit den verschiedensten Attraktionen. Am Anfang machten diese auch noch Freude, doch schon bald wurde man ihrer überdrüssig und langsam kam eine Sehnsucht nach Ruhe im Urlaub hoch. Dieses Gefühl war von Urlaub zu Urlaub immer stärker geworden. Deshalb hatte sich Wolfram entschlossen, in diesem Jahr mal völlig anders Urlaub zu machen.

2. Håp Land – Urlaub in Norwegen

Am ersten Sonntag im Februar nahm Wolfram seine Koffer und ließ sich von Manfred Brünner nach Uelzen fahren, von wo er mit dem Zug bis Hamburg weiterfuhr. Dort ging mittags sein Flug nach Bergen in Norwegen. Die letzten zwanzig Kilometer sollte es dann mit dem Bus weiter bis zum Hotel Snowdrop in Håp Land gehen. Viel mehr hatte er vom Reisebüro nicht erfahren. Lustig fand Wolfram, dass es auch in der Nähe von Sonnenberg einen deutschen Ort mit dem Namen Bergen gab.

Die Fahrt mit dem Zug war für Wolfram etwas Besonderes. Er konnte sich gar nicht so richtig entsinnen, wann er das letzte Mal mit der Eisenbahn gefahren war. Das lag auf jeden Fall schon viele Jahre zurück. In den Urlaub war er sonst immer geflogen oder mit dem Auto gefahren. Je nachdem, wohin es ging. Mit Befriedigung stellte Wolfram fest, wie bequem doch eine Reise im Zug sein konnte. Man musste nicht die ganze Zeit sitzen bleiben, sondern konnte auch mal die Gastronomie im Zug besuchen, um etwas zu essen, und es war nicht alles so eng wie im Flugzeug. Nicht, dass er das nicht wusste. Aber jetzt erlebte und genoss er es.

Auf dem Flugplatz in Hamburg gab es wenig Neues. Typisches Warten beim Check-in und dann wieder warten, bis er in das Flugzeug konnte. Zum Glück gab es einen Reisebegleiter. So brauchte er sich um fast nichts zu kümmern.

Im Flugzeug war es sehr eng. Mit Wehmut dachte Wolfram an den Freiraum bei der Zugreise. Aber wer nach Norwegen will, muss sich in ein enges Flugzeug quälen oder mit einem langsamen Schiff die vielen Kilometer bewältigen. Da war ein Flugzeug schon besser. Auf diese Weise war man in etwa einer Stunde in Bergen. Wolfram wollte gar nicht wissen, wie viel länger eine Schiffsreise dorthin dauern würde.

Über den Wolken schien wie immer die Sonne. Als Wolfram aus dem Flugzeugfenster sah, bemerkte er den Schatten des Flugzeugs auf den Wolken, der sie begleitete. Beim genaueren Hinsehen entdeckte er einen Regenbogen, der den Schatten kreisrund umschloss. So etwas hatte Wolfram noch nie gesehen. Da fielen ihm die Worte seiner Tante Elfriede ein. Diese meinte, es gäbe oft göttliche Botschaften, aber die Menschen hätten verlernt, sie zu sehen. War dieser kreisrunde Regenbogen eine solche Botschaft? Wolfram hatte seine Zweifel. Er konnte sich nicht vorstellen, dass dies etwas bedeuten sollte. Aber das da draußen war so ungewöhnlich, dass er es noch lange beobachtete.

Da tauchte das Flugzeug wieder in die Wolkendecke ein. Schon bald konnte man die Landschaft tief unten erkennen. Das musste Schweden sein, dachte Wolfram. Oder war es schon Norwegen? Er sah auf die Uhr. Zeitlich müssten wir ja schon fast da sein. Also war das doch schon Norwegen. Schön sah dieses Land von oben aus. Überall lag Schnee. Je näher das Flugzeug dem Boden kam, desto deutlicher wurden die Landschaftsstrukturen. Normalerweise kann man das auch schon aus einer Höhe von 10.000 Metern erkennen, wenn klare Sicht ist, aber nicht, wenn Schnee liegt. Dann ist alles weiß.

Unter ihnen lag eine Stadt. Das musste Bergen sein. Also war Wolfram schon am Ziel. Beim Landen betrachtete er die Winterlandschaft. Sie sah kalt aus. Und alles kam ihm wie unberührte Natur vor. Nicht so wie in Hamburg beim Start. Dort hatte die Zivilisation schon jeden Quadratzentimeter der Landschaft erreicht. In Hamburg war außerdem richtiges Schietwetter gewesen.

Inzwischen war das Flugzeug zum Stehen gekommen. Die Passagiere erhoben sich von ihren Plätzen und drängten zum Ausgang. Jetzt wollte jeder nur noch seine Koffer haben. An der Gepäckrückgabe wartete der Reiseleiter und versammelte die Reisegruppe um sich. Hier warteten die Urlauber, bis alle ihre Koffer hatten. Das ging verhältnismäßig schnell. Draußen vor dem Gebäude wartete ein Bus, der sie die zwanzig Kilometer nach Håp Land bringen sollte. Das Gepäck war schnell verstaut und der Bus rollte in Richtung Norden.

Je weiter sie sich von Bergen entfernten, desto tiefer tauchten sie in eine fast märchenhafte Natur ein. Hier war nichts mehr von der Zivilisation zu spüren, wenn man die Straße ignorierte, auf der sie fuhren. Wolfram fühlte, wie ihm das Herz aufging und ihn der Stress des Alltags verließ. Schon die ersten Minuten seines Urlaubs waren völlig anders, als er es gewohnt war.

Nach zwanzig Minuten sah Wolfram links der Straße ein verschneites Dorf und rechts ein kleines Hotel, welches nicht so richtig in die Gegend passen wollte. Irgendwie störte es die Harmonie der Landschaft. Hier bog der Bus von der Straße in Richtung des Hotels ab.

Im Hotel Snowdrop angekommen, bekam jeder sein Zimmer. Wolfram hatte sich für ein Einzelzimmer entschieden. Es befand sich im zweiten Stockwerk, nicht weit vom Fahrstuhl entfernt. Als er es betrat, sah er ein schlichtes, aber ausreichendes kleines Hotelzimmer. Ein Bett, ein Tisch mit zwei Stühlen, ein Fernseher an der Wand, ein Schrank und ein kleiner Nachttisch. Alles einfach und zweckmäßig gehalten. Das störte Wolfram nicht, obwohl er Hotels mit mehr Komfort kannte. Vom Fenster aus konnte er erkennen, dass das Hotel ziemlich nah an der Küste stand.

Als Wolfram ins Badezimmer schaute, stutzte er. Hier gab es sogar eine Wanne und nicht nur Dusche wie in ähnlichen Hotels. Das hatte er nicht erwartet. Na ja, er hatte aber auch noch nie Norwegen bereist. Mal sehen, welche Überraschungen dieses Land noch zu bieten hat, dachte er.

Nachdem Wolfram den Inhalt seiner Koffer in den Schränken verstaut hatte, begab er sich nach unten. Es war inzwischen Abend geworden und er wollte etwas essen. Das Buffet für das Abendbrot war auch schlichter gehalten, als er es von früheren Reisen kannte, aber es war reichlich. Zum Essen hatte sich Wolfram allein an einen kleinen Tisch gesetzt. Die anderen aus der Reisegruppe waren ihm noch recht fremd und irgendwie anders als er. Ihr Auftreten und ihre Gesprächsinhalte entsprachen nicht unbedingt seinen Gewohnheiten. Es waren Menschen, die sich vermutlich nicht jedes Jahr einen Auslandsurlaub leisten konnten. Wolfram empfand sie aber nicht als unsympathisch, sondern nur als fremd.

Nach dem Essen ging er noch etwas im Schnee spazieren. Inzwischen war es stockdunkel. Aber durch den hellen Schnee konnte er trotzdem etwas sehen. Gar nicht weit vom Hotel war ein kleines Flüsschen, welches in einem größeren Gewässer mündete. Bis dahin wollte Wolfram noch gehen. Dann kehrte er um. Es war eine fremde Gegend und er wollte nicht gleich am ersten Tag das Risiko eingehen, sich in der Dunkelheit zu verlaufen. Dazu kam, dass die geschlossene Schneedecke eine Orientierung erschwerte. So kam er nach einer halben Stunde schon wieder im Hotel an.

Wolfram ging gleich auf sein Zimmer. Er hatte das Gefühl, allein sein zu wollen. Im Zimmer angekommen, machte er den Fernseher an und suchte unter den deutschsprachigen Sendern irgendetwas Interessantes. Nach einer Stunde gab er auf. Die Angebote der deutschen Sender waren eher eine Zumutung, als dass sie von Interesse waren. Auch das Angebot der hoteleigenen Kanäle interessierte Wolfram nicht und so legte er sich völlig entgegen seiner Gewohnheiten relativ zeitig schlafen.

Als Wolfram am nächsten Morgen munter wurde, war es schon hell. So tief und fest hatte er in der Vergangenheit selten geschlafen. Wolfram konnte sich auch nicht mehr erinnern, wann er das letzte Mal so lange geschlafen hatte. Dafür fühlte er sich total frisch und voller Elan. Das hätte er an so manchem Tag auf Arbeit gebrauchen können. Hier in dieser Schneelandschaft ohne Berge kam ihm das eher nutzlos vor.

Nach dem Frühstück bot das Reisebüro eine Busfahrt nach Bergen mit Stadtbesichtigung an und am Nachmittag den Besuch einer Manufaktur. Fahrten dieser Art kannte Wolfram zur Genüge. Heute hatte er kein Interesse an jenem Standartangebot. Es würde ja doch wie immer in einer Motivation enden, um Produkte der ortsansässigen Herstellung zu kaufen.

So ging er nach dem Frühstück wieder in das kalte Winterwetter, um die Gegend kennenzulernen. Jetzt war es hell und im Hellen verläuft man sich nicht so schnell. Diesmal steuerte Wolfram in südliche Richtung, in der das Dorf Håp Land lag. Vom Fuße des Hotels war es nicht zu sehen, denn das Hotel stand auf einer leichten Böschung, die am Wasser endete. Vielleicht war dieses Wasser ein Ausläufer eines der berühmten Fjorde. Das wollte Wolfram später erkunden. Er hatte ja vierzehn Tage Zeit dafür. Jetzt ging er erst mal in das kleine Dorf mit diesem eindrucksvollen Namen, der so viel wie „Land der Hoffnung“ bedeutete. Was musste die Menschen wohl dazu bewegt haben, diesen Ort mit so einem Namen zu gründen? Mit solchen Gedanken im Kopf stapfte Wolfram durch den Schnee.

Nach etwa zehn Minuten lag die Fernstraße vor ihm und auf der anderen Seite sah er in der Ferne die Häuser von Håp Land. Außer Wohnhäusern und einer kleinen Kirche war auf den ersten Blick nichts Besonderes zu erkennen. Wolfram blickte sich um. Nach links musste es nach Bergen gehen, denn von dort waren sie ja gestern mit dem Bus gekommen. Und zwanzig Meter rechts von ihm war eine Bushaltestelle. Also fuhr hier auch eine Buslinie. Von der Fernstraße bis zu den ersten Häusern schätzte Wolfram reichliche 500 Meter. Das war nun sein Ziel.

Als er das Dorf betrat, kam es ihm fast wie ausgestorben vor. Kaum ein Mensch ließ sich sehen. Nur an den rauchenden Schornsteinen konnte er erkennen, dass in dem Dorf jemand wohnte. Alles sah hier befremdend aus. Norwegen war ein reiches Land. Das wusste Wolfram aus Beschreibungen. Aber hier in diesem Dorf war von dem Reichtum nichts zu spüren. Nun ja, es lag auch sehr abseits von der übrigen Welt. Hier gab es nichts, was ihn in irgendeiner Form interessierte, und er fragte sich, was ihn überhaupt hierher nach Norwegen gezogen hatte.

Und so ließ Wolfram schon bald das Dorf wieder hinter sich und ging zurück zur Fernstraße. Von dort aus wollte er ein Stück in Richtung Bergen laufen, denn in dieser Richtung sah er einen endlosen Wald. Er hoffte, dass es dort vielleicht einen Weg durch den Wald gab, auf dem er in einem Bogen zum Hotel zurückkommen könnte. Inzwischen war es schon später Vormittag und Wolfram wollte anschießend im Hotel zu Mittag essen. Es sah ganz so aus, als ob dieses Restaurant das einzige weit und breit war.

Auf der Fernstraße ließ es sich recht gut laufen. Nur selten kam ein Auto vorbei. Doch einen Weg in den Wald, der gar noch zum Hotel zurückführte, gab es nicht. An dieser Tatsache bemerkte er deutlich, dass er nicht in Deutschland war. Hier gab es nur unberührte Natur. Das, was Wolfram gestern noch so fasziniert hatte, war ihm heute schon wieder lästig. Also blieb ihm nichts anderes übrig, als umzukehren und auf der Fernstraße zurück zum Hotel zu gehen.

Wolfram war weiß Gott kein Einzelgänger. Doch diese gegenwärtige Einsamkeit auf der Straße durch den Wald hatte nun auch etwas Befreiendes an sich. Weg vom gewohnten Trubel, in dieser absoluten Stille, in der man nur die eigenen Schritte hört. Erst jetzt spürte Wolfram, dass es das war, was er die vielen Jahre im Urlaub vermisst hatte. Dort hatte er sich zwar auch erholen können, aber ringsherum war immer ein turbulentes Leben gewesen. Stille wie hier gab es in den südlichen Urlaubsgebieten kaum. Mit diesen Gedanken verließ er den Wald, bog dann nach rechts in die Hotelzufahrt ein und war bald wieder in der Unterkunft.

Hier wärmte er sich zuerst in seinem Zimmer etwas auf und ging dann zum Essen in das Hotel-Restaurant. Es waren kaum Gäste da. Na ja, erstens waren die meisten mit dem Bus unterwegs und dann war es auch erst kurz vor 12.00 Uhr. Wer isst schon um diese Zeit zu Mittag? Wolfram empfand auch hier die ungewöhnliche Ruhe als angenehm. Sie ließ in ihm das Gefühl hochkommen, dass ihn nichts trieb. So konnte er den ganzen Alltagsstress einfach hinter sich lassen.

Nach dem Mittagessen wollte er noch einmal den Spaziergang von gestern Abend wiederholen. Jetzt bei Tageslicht konnte man ja doch mehr sehen. Als er aus dem Hotel trat, empfing ihn wieder der trübe Wintertag. Er ging erneut in Richtung Küste. Das Flüsschen von gestern sah heute im Hellen noch schmaler aus, aber es war aus welchem Grund auch immer nicht zugefroren. Das registrierte er, als er auf der kleinen Brücke stand, die das Flüsschen überquerte. Gestern hatte Wolfram das überhaupt nicht verwundert. Heute fand er es schon etwas merkwürdig.

Als er auf der anderen Seite flussabwärts sah, bemerkte er in der steilen Uferböschung eine sitzende Person. Sie war nicht allzu weit von ihm entfernt, sodass er vermuten konnte, dass es eine Frau war. Es ist schon ein merkwürdiges Land, dachte Wolfram. Wer setzt sich denn bei der Kälte in den Schnee; und dann noch an eine Böschung? Wenn diese Frau ins Rutschen kommt, dann sitzt sie ganz schnell im kalten Wasser.

Aber vielleicht wollte diese Person nicht gesehen werden und saß deshalb an der Böschung. Sie saß regungslos mit gesenktem Kopf da. Da sie das einzige Lebende in dieser Gegend war, beobachtete Wolfram sie weiter. Sie hingegen schien ihn überhaupt nicht bemerkt zu haben.

Plötzlich kippte sie zur Seite. Vermutlich war sie eingeschlafen. Durch das Kippen verlor sie den Halt und rutschte die ganze Böschung hinunter. Wolfram sah wie gebannt zu dieser Person hinüber. Er hofft inständig, dass sie sich noch irgendwie auf der Böschung halten konnte, doch da fiel sie auch schon in das kalte Wasser. Das Flüsschen schien tief zu sein. Sie bekam keinen Grund unter den Füßen und trieb zur Mündung. Wolfram sah mit Entsetzen, dass es bis dahin keine hundert Meter waren, und rannte los, um dieser Person noch irgendwie helfen zu können. Weit und breit war er der Einzige, der dieses Unglück bemerkt hatte.

Die Bewegungen dieser Frau waren sehr langsam geworden, als er sie eingeholt hatte. Aus eigener Kraft hätte sie sich sicher nicht mehr retten können. Sie waren jetzt beide kurz vor der Mündung des Flüsschens in den Fjord oder was auch immer das für ein Wasser war. Zum Glück war hier die Böschung wesentlich flacher. Wolfram rannte durch den hohen Schnee die leichte Böschung herunter und zwei Schritte in das kalte Wasser, so konnte er diese Person gerade noch an einem Zipfel ihres Mantels erwischen. Es war, wie er schon vermutet hatte, eine Frau. Ihm war bewusst, dass sie, wenn er jetzt versagte, nicht am Leben bleiben würde. Das gab Wolfram ungeahnte Kräfte. Er zog sie ans Ufer, legte sie sich über die Schulter und ging, so schnell er konnte, zum Hotel. Durch die mit Wasser vollgesogenen Sachen vergrößerte sich ihr Gewicht sehr. Doch Wolfram fühlte weder seine nassen Füße noch die Kälte, die in seine Hände und in seine nassen Sachen kroch. Er wusste nur noch, dass er das Hotel erreichen musste. Nachdem Wolfram es nach dem Mittag verlassen hatte, glaubte er, das Flüsschen sei sehr nah. Jetzt kam ihm die kurze Strecke kilometerlang vor.

Völlig außer Atem erreichte er das Hotel. An der Rezeption setzte er die tropfende Frau in einen Sessel und verlangte schnellstens seine Zimmerschlüssel. Der Portier aber stellte fest: „Das ist ja Touristen-Maria. Sie ist in diesem Hotel unerwünscht.“

„Waaas?“, entgegnete Wolfram. „Wenn Sie mir nicht sofort meinen Schlüssel geben, dann lernen Sie mich kennen. Her mit dem Schlüssel!“, brüllte er den Portier an. „Hier geht es um Minuten und um ihr Leben!“

Zögernd legte der Portier den Zimmerschlüssel auf den Tresen. „Sie können sie aber nicht mit auf Ihr Zimmer nehmen. Wir sind ein seriöses Hotel“, hörte Wolfram ihn noch sagen.

Empört rief er auf dem Weg zum Fahrstuhl zurück: „Sie können ja mitkommen, wenn Sie mir nicht trauen!“ Mit diesen Worten schloss der Fahrstuhl und Wolfram fuhr mit Touristen-Maria nach oben.

Im zweiten Obergeschoss angekommen, trug er sie aus dem Fahrstuhl. Wolfram war es völlig gleichgültig, dass er überall nasse Spuren hinterließ. Er setzte Touristen-Maria an die Wand, schloss sein Hotelzimmer auf und trug sie ins Bad. Dort ließ er handwarmes Wasser in die Wanne und während diese volllief, zog er Touristen-Maria den steifen Mantel und die Handschuhe aus, setzte ihre Pelzkappe ab und zog ihr, so schnell es mit den kalten Händen ging, auch die Stiefel aus. Nun legte er sie in den restlichen Sachen in die volle Wanne, Arme und Beine ließ er aber noch draußen. Wolfram erinnerte sich nämlich, dass er vor vielen Jahren im Biologieunterricht gelernt hatte, dass stark unterkühlte Personen sterben können, wenn das kalte Blut aus Armen und Beinen zu schnell in den Rumpf fließt. Erst muss sich der Rumpf normalisieren, ehe auch Arme und Beine erwärmt werden können. Er hoffte, dass er alles richtig machte, denn in so einer Situation war er noch nie gewesen.

Jetzt holte er erst mal Luft, schloss die Zimmertür, die immer noch offen stand, und zog sich selbst die nassen Sachen aus. Nachdem er sich warme und trockene angezogen hatte, ging er zurück ins Bad, setzte sich neben die Wanne und rieb sich Beine und Füße. Sie wollten einfach nicht so schnell warm werden. Dabei betrachtete er zum ersten Mal seinen geretteten, unfreiwilligen Gast richtig.

Es war eine junge Frau und Wolfram schätzte, dass sie zwischen 25 und 30 Jahre alt war. Es dauerte nicht lange, da schlug sie die Augen auf, sah auf ihn, dann auf den Raum und sagte: „Hvor er jeg?“ Das klang fast japanisch, aber Japanerin war sie ganz sicher nicht.

Wolfram antwortete: „Ich kann Sie leider nicht verstehen. Ich habe Sie aus dem Flüsschen da draußen gerettet. Sie wären beinah ins Meer getrieben und jetzt sind wir im Hotel. Können Sie mich überhaupt verstehen?“

„Ja“, hauchte sie. „Ich verstehe Deutsch“, sagte sie in verständlichem Deutsch mit starkem nordischem Akzent. „Sie sind Deutscher?“

„Ja, ich heiße Wolfram Kosch und mache hier seit gestern Urlaub. Und wer sind Sie?“

„Ich heiße Maria Lizell und wohne in Håp Land. Ich weiß überhaupt nicht … Was ist eigentlich passiert? Wieso liege ich in dieser Wanne?“ Maria sprach sehr langsam. Wahrscheinlich waren ihre Lebensgeister noch nicht richtig erwacht.

Wolfram begann ihr die ganze Geschichte zu erzählen, wie er einfach nur hatte spazieren gehen wollen, wie er sie an der Böschung hatte sitzen sehen, wie sie ins Wasser gerutscht war, wie er sie kurz vor der Mündung aus dem Wasser hatte ziehen können und wie er sie dann ins Hotel getragen hatte. Die Sache mit dem Portier erzählte er ihr nicht.

Langsam kam Maria wieder zu sich. Sie stammelte: „Dann haben Sie mir ja … das Leben gerettet.“

Wolfram nickte leicht. „Wenn ich nicht zufällig auf der Brücke gestanden hätte, dann würden Sie jetzt im Meer treiben.“

Sie zuckte mit den Schultern. „Das wäre auch nicht schlimm gewesen.“

„Aber dann wären Sie doch tot!“, sagte er entsetzt.

„Ja!“ Bei diesem Ja war ihr Gesichtsausdruck voller Traurigkeit.

Wolfram spürte, dass er nach dem Warum besser nicht fragen sollte. So meinte er: „Ich lasse Sie jetzt im Bad allein, dass Sie Ihre Sachen ausziehen können. Sie können das Badehandtuch nehmen. Ich habe es noch nicht benutzt. Vorher bringe ich Ihnen aber noch einen Jogginganzug von mir, damit Sie sich etwas Trockenes anziehen können. Ich warte dann draußen auf Sie.“ Er brachte ihr seinen weißen Jogginganzug, verließ das Bad, schloss die Tür hinter sich und setzte sich auf einen der beiden Stühle am Tisch.

Nach einer Weile kam sie dann in seinem Jogginganzug aus dem Bad und fragte, ob er einen Föhn habe.

Wolfram schüttelte mit dem Kopf: „Leider nicht“, sagte er. „Ich benutze so etwas nicht.“

„Ich kann aber mit den nassen Haaren das Hotel nicht verlassen. Und nur mit dem Jogginganzug … Das geht auch nicht.“

„Jetzt sind Sie erst mal mein Gast und dann sehen wir weiter.“

Da meinte sie ängstlich: „Ich darf nicht hierbleiben. Wir sind doch im Hotel Snowdrop.“

„Ja, ich weiß. Der Portier hat mich schon darauf hingewiesen, als ich mit Ihnen das Hotel betrat. Was sind das nur für Menschen, die einem in der Not die Hilfe verweigern wollen?“ Wolfram merkte, wie der Blutdruck in ihm stieg. Niemand würde diese Maria aus seinem Zimmer holen, solange er hier war.

„Das hat einen anderen Grund“, sagte sie verlegen.

„Niemand wird Sie in diese Kälte jagen. Das werden wir ja sehen. Nur über meine Leiche!“, ereiferte sich Wolfram.

Ihre Augen waren voller Dankbarkeit.

„Sie bleiben hier, bis Sie nach Hause gehen können. So weit kommt das noch. Aber macht man sich bei Ihnen zu Hause keine Sorgen, wenn Sie nicht da sind? Hat Ihr Mann Verständnis dafür, wenn er erfährt, dass Sie hier bei mir im Hotelzimmer sitzen? Ich hoffe, er versteht die Situation nicht falsch.“

Bei dem Gedanken wurde Wolfram etwas mulmig. In Deutschland wäre das sicher kein großes Problem gewesen. Aber wie war es hier? In manchen Ländern hätte der Mann das Recht, ihn in so einer Situation, ohne zu fragen, zu erschießen.

Maria aber antwortete: „Ich habe keinen Mann.“

Erst jetzt betrachtete Wolfram sie etwas näher. Vor ihm saß eine attraktive Frau, deren Erscheinung ihn faszinierte. „Dann sind Sie sicher geschieden.“

„Nein, ich war nie verheiratet. Aber das wissen Sie doch schon vom Portier“, sagte sie mit einem traurigen Unterton.

„Nein, davon hat er nichts gesagt. Er meinte nur, dass Sie hier im Hotel unerwünscht seien, mehr nicht. – Sie haben nie geheiratet? Bitte verzeihen Sie meine Frage. Ist es so, dass Sie vielleicht mit einer Frau zusammenleben?“

Sie schüttelte den Kopf und ein gequältes Lächeln huschte über ihr Gesicht. „Nein. Ich wohne immer noch bei meinen Eltern.“

Nun verstand Wolfram gar nichts mehr. „Ja sind denn die Männer hier blind? In Deutschland hätte eine Frau wie Sie mehr Verehrer, als ihr vielleicht lieb wäre.“

„Ja, vielleicht“, antwortete sie sinnend. Maria hatte Tränen in den Augen und Wolfram spürte, dass das ein Thema war, über das sie nicht gern sprechen wollte.

Nun war aus ihrem Gespräch erst mal die Luft raus. Wolfram bat Maria, hier im Zimmer zu warten, er wolle erst einmal ihre Anwesenheit mit der Rezeption klären, damit es keine Probleme gebe. Sie nickte.

Er fuhr nach unten und berichtete dem Portier, dass es Maria jetzt gut gehe und sie das Hotel verlassen werde, sobald es ihr möglich sei. Anschließend bat er den Portier um Verzeihung für sein Verhalten, als er mit Maria das Hotel betreten hatte. Er sei zu sehr im Stress gewesen und habe es nicht so gemeint.

Und zum Schluss fragte Wolfram noch: „Warum nennen Sie diese Frau eigentlich Touristen-Maria?“

„Es ist besser, sie erzählt Ihnen das selbst.“

Mit dieser Antwort fuhr Wolfram wieder nach oben. Im Fahrstuhl bemerkte er, wie sehr er sich doch für diese Frau einsetzte. Irgendetwas faszinierte ihn an ihr. Er hatte ein Gefühl, als kenne er sie schon ewig, dabei war es vielleicht gerade mal eine Stunde. Gedankenverloren betrat er wieder sein Zimmer. Maria war im Bad und kämmte sich die Haare.

„Ich habe Ihren Aufenthalt hier im Hotel geregelt und unten gesagt, dass Sie das Hotel verlassen würden, sobald es möglich sei. Damit waren sie an der Rezeption einverstanden.“

Von ihr kam ein leises: „Takk … äh … Danke!“

„Aber was machen wir jetzt mit Ihnen? Bis Ihre Sachen trocken sind, können Sie ja nicht hierbleiben. Sie können hier ja schlecht übernachten.“

Ihre Antwort war nur ein fragender Blick.

„Maria – ich darf Sie doch so nennen?“

Sie nickte.

„Wir werden erst mal zusammen essen, dann suchen wir etwas Warmes zum Anziehen für Sie. Danach bringe ich Sie nach Hause und Sie geben mir, nachdem Sie sich umgezogen haben, meine Sachen wieder. Geht das?“

Sie nickte und Wolfram spürte eine tiefe innere Traurigkeit in ihr. So entfuhr es ihm: „Wenn’s nach mir ginge, könntest du bleiben.“ Er erschrak und verbesserte sich sofort: „ … könnten Sie bleiben.“

Ein kurzes Lächeln zog über ihr Gesicht; dann fiel sie in ihre Traurigkeit zurück und meinte: „Sie können ruhig Du sagen. Das machen alle anderen auch.“

Er schüttelte den Kopf und fragte sie voller Mitgefühl: „Warum sind Sie nur so traurig? Ich würde viel darum geben, wenn ich ein Lächeln auf Ihr Gesicht zaubern könnte.“

Nun war eine Weile Ruhe im Raum. Doch bald unterbrach Wolfram diese Ruhe wieder: „Gibt es etwas, das Ihnen die Traurigkeit aus dem Gesicht vertreiben würde?“

Sie schüttelte den Kopf und Tränen rollten über ihr Gesicht. Wolfram spürte, dass diese Frau dringend etwas Trost brauchte. Er zog sie vom Stuhl hoch und bedeutete ihr, sich auf die Bettkante zu setzen, da es keine andere passende Sitzgelegenheit im Raum gab. Er selbst setzte sich direkt daneben. Dann legte er vertrauensvoll seinen Arm um ihre Schulter, um sie zu trösten. Dabei sah er sie verständnisvoll an. „Was haben Sie?“, fragte er voller Mitgefühl.

„Die Menschen hier verachten mich. Mein Vater lässt keinen guten Faden an mir. Sagt man so?“ Wolfram nickte wortlos und sie sprach weiter: „Ich habe Angst, wenn ich heute nach Hause muss. Er wird sicher schon alles wissen, was heute passiert ist.“

„Woher sollte er das wissen?“, fragte Wolfram verwundert.

„Hier im Dorf ist das so! Was einer weiß, wissen bald alle.“ Und wieder rollten Tränen über ihr Gesicht. „Am liebsten würde ich gar nicht nach Hause gehen. – Verstehen Sie nun, warum es nicht schlimm gewesen wäre, wenn ich aufs Meer getrieben wäre?“ Das klang bitter.

„Maria, bitte sagen Sie so etwas nicht. Es gibt doch sicher auch Menschen, die traurig wären, wenn Sie nicht wieder kommen.“

Sie nickte mit einem Seufzer und sagte dann voller Bitternis: „Sie sind doch auch nicht besser. Hier tun Sie, als hegten Sie Sympathie für mich, und wenn Ihr Urlaub zu Ende ist, sagen Sie tschüss, denn zu Hause wartet sicher auch eine Frau auf Sie. Ich kenne die Männer.“

Wolfram wurde jetzt sehr ernst. „Zu Hause wartet keine Frau auf mich.“

„Das sagen alle und dann haben sie doch eine.“

Er drehte Marias Kopf zu sich, sodass sie ihn ansehen musste. „Bitte sehen Sie mich an. Ich lüge nie! Ich verachte zutiefst Menschen, die lügen. Und es ist gemein, wenn man mit den Gefühlen einer Frau spielt und sie dabei verletzt.“ Sein Gesicht nahm dabei einen starren Ausdruck an.

Sie erschrak vor diesem Anblick. „Ich … ich wollte Sie nicht beleidigen.“

„Schon gut“, meinte er und alles Negative wich wieder aus seinem Gesicht. „Ich weiß ja, dass es Männer gibt, die wirklich so sind, wie Sie sie beschreiben.“ Arme Maria, dachte Wolfram und sagte: „Sie haben sicher schon einige kennengelernt, die so waren.“

Sie nickte leicht.

Draußen ging der Tag zur Neige und im Zimmer wurde es langsam dunkler.

„Glauben Sie mir, ich würde Sie nie belügen. Es gibt nicht viele Frauen mit Ihrer Erscheinung, die trotzdem so natürlich geblieben sind. Ich würde was darum geben, wenn Sie nicht hier, sondern bei uns in Sonnenberg leben würden.“

„Ja?“ Sie sah ihn mit großen kindlichen Augen an. Ihre Augen füllten sich schon wieder mit Wasser. „Meinen Sie das ehrlich?“ Diesmal war es Wolfram, der nur nickte.

„Ich möchte das ja gern glauben. Aber ich kann es mir nicht vorstellen, dass es so ist.“ Maria sprach die ganze Zeit langsam und es war nicht zu übersehen, dass ihr das Deutsch nicht leichtfiel.

Sie saßen immer noch auf der Bettkante, da es die einzige Möglichkeit im Zimmer war, nebeneinanderzusitzen.

„Maria.“ Dabei umarmte er sie noch etwas fester mit seinem Arm, der immer noch auf ihrer Schulter lag. „Ich habe noch nie eine Frau kennengelernt, die so ist wie Sie. Schon als Sie vorhin in der Wanne lagen, waren Sie mir gar nicht so fremd. Es kam mir vor, als würden wir uns kennen. Ich weiß, dass das Unsinn ist. Trotzdem ist es so.“

Maria drehte den Kopf zu ihm, blickte ihn ungläubig an und musterte ihn lange. Dann zuckte sie mit den Schultern und fiel wieder in ihre Traurigkeit zurück.

„Maria. Ich werde jetzt runter ins Restaurant gehen und mein Abendbrot holen. Das essen wir dann zusammen hier oben. Ich glaube, dass ist besser so.“

Sie nickte.

„Und danach bringe ich Sie erst mal nach Hause.“