Henkerspiel - Michael Krug - ebook

Henkerspiel ebook

Michael Krug

0,0

Opis

Rätselhafte Morde an drei Geistlichen halten den Stuttgarter Hauptkommissar Bolz und seinen Ermittlungspartner Palm auf Trab. Da meldet sich ein anonymer Bekenner. Trotz Zweifeln an dieser Selbstbezichtigung heftet sich das Duo an seine Fersen. Für die Ermittler beginnt ein zermürbender Gewissenskonflikt: Wollen sie den Fall noch lösen?

Ebooka przeczytasz w aplikacjach Legimi na:

Androidzie
iOS
czytnikach certyfikowanych
przez Legimi
czytnikach Kindle™
(dla wybranych pakietów)
Windows
10
Windows
Phone

Liczba stron: 289

Odsłuch ebooka (TTS) dostepny w abonamencie „ebooki+audiobooki bez limitu” w aplikacjach Legimi na:

Androidzie
iOS
Oceny
0,0
0
0
0
0
0



Michael Krug

Henkerspiel

Kriminalroman

Impressum

Personen und Handlung sind frei erfunden.

Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen

sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

Besuchen Sie uns im Internet:

www.gmeiner-verlag.de

© 2014 – Gmeiner-Verlag GmbH

Im Ehnried 5, 88605 Meßkirch

Telefon 0 75 75 / 20 95 - 0

[email protected]

Alle Rechte vorbehalten

Lektorat: Claudia Senghaas, Kirchardt

Herstellung: Julia Franze

E-Book: Mirjam Hecht

Umschlaggestaltung: U.O.R.G. Lutz Eberle, Stuttgart

unter Verwendung eines Fotos von: © Strider / photocase.com

ISBN 978-3-8392-4350-3

Widmung

Für Verena und Roman

1

Manne zog den Zeigefinger am Abzug durch. Der stechende Knall ließ in der Sekunde jedes andere Geräusch auf dem Platz verstummen. Zwischen der Mündung des Laufs seines 357-Magnum-Revolvers und dem Mann in bestem Anzugstuch stand die Flugbahn des Projektils wie eine gläserne Röhre im Raum. Das Opfer brach nicht einfach zusammen. Die Wucht des Schusses hatte es erst zwei Meter nach hinten an die Betonmauer der Sparkasse geschleudert. Nun rutschte sein Körper langsam an der Wand entlang nach unten und hinterließ dabei eine breite Schleif- und Blutspur. Nach einer langen Schrecksekunde und Totenstille hörte man Kreischen, schnelle Schritte, Rennen – die Menschen liefen in alle Richtungen. Dabei hatte Manne bereits alles erledigt. Er würde kein zweites Mal abdrücken. Aus einer Gasse der Fußgängerzone, die auf den Platz einmündete, sah er zwei Polizisten um die Ecke linsen. Die Ordnungshüter hatten wohl die Hosen voll und sich für ihren Dienst heute nur auf zu verscheuchende Bettler oder in den Fußgängerunterführungen kiffende Jugendliche eingestellt. Jetzt nestelten sie an ihren Pistolenholstern herum. Wann sie das letzte Mal geschossen hatten? Vermutlich mehrere Wochen her, auf irgendeinem Schießstand. Aber auf einen Delinquenten? Die Distanz zu ihm, 30 bis 40 Meter, war ohnehin zu weit für einen wohl gezielten Pistolenschuss, und hinter ihm kein Kugelfang. Die verirrten 9-Millimeter-Patronen könnten ein paar Hundert Meter weiter hinten noch einen harmlosen Rentner im Schlosspark ins Jenseits oder in den Rollstuhl befördern. So würde das nichts werden. Also rief ihnen Manne zu: »Nur her mit euch! Der Manne tut euch nix, der will nur spielen!« Und das verstörte Publikum, das weithin in Deckung gegangen war, lachte sich heimlich eins. Hier der souveräne Killer, dort die sogenannte Staatsgewalt, die eher ratlosen Hilfs-Sheriffs glich. Dann zeigte er große Klasse und Coolness, legte die Waffe auf den Boden und rief: »Also her mit euch, jetzt kann ich höchstens noch zubeißen.«

»Können Sie das Protokoll bis Mittag fertigmachen, Herr Sinner?«, tippte eine kleine Hand auf Mannes Schulter. Manne erschrak und sah plötzlich wieder das breite Kreuz seiner Kollegin Antje, die in dem Großraumbüro drei Meter vor seinem Schreibtisch saß. Das Kreuz hätte jedem Mann gut gestanden. Antje war eine kräftige junge Frau, und wenn Manne von der Seite ihr kurvenreiches Profil sah, regte sie seine Fantasie an, von vorne betrachtete er sie zurückhaltender. Jetzt wurde es allerdings ernst. Das Protokoll! Fertig bis Mittag! Sein Abteilungsleiter Hermann wollte ihn herausfordern, aber Manne ließ sich nicht provozieren.

»Heute Morgen hieß es noch am 24., das ist übermorgen. Sagen wir mal bis heute Abend. Wäre das in Ordnung?«

»Na ja, dann heute Abend. Ich dachte, Herr Sinner, solange die Eindrücke noch frisch sind, erledigen wir den Fall. Ein für alle Mal, verstehen Sie?«

»Ja, logisch«, ging Manne in die Offensive. »Denen werden wir’s besorgen!«

Hermann nickte bestätigend, tippte dabei noch einmal auf Mannes Schulter und verschwand in Richtung Kantine.

Richtig, es war eigentlich schon Mittag, aber die Entwicklung des Bestrafungsaktes bis zu Mannes Showdown am Vorplatz der Sparkasse hatte sich hingezogen. Er hatte überlegt, ob es vor dem Schuss vielleicht einen Wortwechsel mit dem Kontrahenten geben sollte. Die Dialoge, die er dazu konstruierte, klangen aber alle wie schon oft gehört, sodass er sich zu einer wortlosen Vollstreckung entschlossen hatte. Der Tote an der Sparkassenmauer war ein Namenloser, aber zugleich doch ein alter Bekannter von Manne, wenn man an den Typus an sich dachte. Irgendwann würde er einen solchen Drecksack zur Verantwortung ziehen. Manne hatte dazu eine ganze Typologie von Schurken zusammengestellt, die er eines Tages stellvertretend für alle anderen, die sich nicht oder nicht mehr wehren konnten, bestrafen würde.

Nachdem er den Typen nun zur Strecke gebracht hatte, schrieb Manne an dem Protokoll weiter. Die Besprechung mit den Hauseigentümern, deren Kredit nicht mehr verlängert werden konnte, war sehr unangenehm verlaufen. Einen guten Teil der 90 Minuten, die man zusammengesessen hatte, ergingen sich die säumigen Schuldner in Beschimpfungen der Banker im Raum beziehungsweise deren Vorgänger im Amt. Ein kleineres Objekt hätte es ihres Erachtens auch getan, aber die Sparkassenmenschen hätten immer wieder auf die selten so günstige Zinslage wie damals verwiesen: »Überlegen Sie mal, knapp drei Prozent, und Sie erzielen in dieser Top-Lage für jeden Quadratmeter im Jahr über fünf Prozent Miete, d.h. Rendite. Das ist doch wie eine Lizenz zum Gelddrucken.« So wäre es fast auch gewesen, wären da nicht die Zinsen etwas nach oben gegangen, und hätten sich die Leerstände nicht länger als je kalkuliert hingezogen. Aber dafür konnte die Bank nichts, da war sich Manne ganz sicher, das war der Markt, der sich nicht planen oder festlegen ließ. Hatte man doch bestimmt auch dazugesagt. Aber es war wie so oft, der Kunde hörte nur, was er hören wollte. Das musste man im Protokoll festhalten, ebenso die monatlichen Informationen über den Immobilienmarkt, den man der Kundschaft kostenfrei zusandte. Jetzt waren die Zinszahlungen seit über sechs Monaten ausgeblieben, von Tilgung sprach gar niemand mehr. Da hatte wieder mal jemand von der endlosen und sorgenfreien Geldvermehrung geträumt, fiel dabei aus der Kurve, und wer war schuld daran? Natürlich die Bank, also deren schlechte oder verschlagene Berater!

»… wurde der Kunde vor Abschluss des Kreditvertrages mehrfach auf sämtliche Risiken sowohl im persönlichen Gespräch als auch schriftlich in der objektbezogenen Korrespondenz sowie durch allgemeine Markteinschätzungen regelmäßig und umfassend aufgeklärt.« Hinweise auf unterschriebene Beratungsprotokolle, Angabe der Korrespondenzdaten und Gesprächspartner folgten. Manne hatte den Duktus als Routine-Bausteine immer parat und verstand es, bei solchen Besprechungsprotokollen zusätzlich auf den individuellen Fall einzugehen. Das hielt einer Klage auf Falschberatung bislang immer Stand und würde auch hier seinen Dienst tun. Wie hatte er zu seinem Abteilungsleiter Hermann doch gesagt: »Denen werden wir’s besorgen!«

Nach dieser Besorgung trieb es Manne an die Kaffeezapfstelle. Auf dem Gang zwischen den Stellwänden des Großraumbüros kamen ihm die Kolleginnen und Kollegen entgegen, die nach dem Mittagessen in der Kantine ihren Kaffee an den Bistrotischen neben dem Kaffeeautomaten getrunken hatten.

»Na, haben wir die Mittagspause durchgearbeitet?«, wurde er von links oder rechts vorbei Gehenden gefragt, ohne dass man eine Antwort von ihm erwartete. Daran dachte Manne gar nicht, vielmehr verlangsamte er seinen Schritt, um an einer bestimmten Stelle seinen Blick auf den Bildschirm einer Kollegin zu werfen, die immer heftig im Internet surfte und dabei oft auf Seiten blickte, die nach Mannes Ansicht eindeutig Partnervermittlungsagenturen waren.

Statt sich mal hier mit den Leuten zu unterhalten oder nach Feierabend zu treffen, dachte Manne. Dabei war er selbst, wenn es um seine gelegentlichen zarten Regungen ging, auch ein emsiger Online-Nutzer, allerdings auf ganz anderen Seiten. Dort ging es dann weniger um neue Kontakte, sondern mehr ums Zusehen und Zuhören.

Kurz vor der Kaffee-Ecke kam Manne Kollege Lautmann entgegen und fuchtelte heftig mit der rechten Hand in der Luft.

»Den Weg können Sie sich sparen. Der Scanner muss im Eimer sein. Mit dem Ausweis lässt das Ding nichts mehr raus. Ich hab’ schon vor einem halben Jahr gesagt, wenn wir diese Codierung nicht in den Griff kriegen, kommen wir bald nicht einmal mehr in den Laden rein, oder jeder, dem gerade danach ist, kann sich hier Zutritt verschaffen.«

»Und was hat das mit dem Automaten zu tun?«, fragte Manne.

»Sehen Sie mal, wenn diese Maschine alle paar Tage mit der Codierung unserer Mitarbeiterausweise Schwierigkeiten hat, stimmt irgendetwas darauf nicht«, verschaffte sich Lautmann Luft.

»Sagten Sie nicht, der Scanner habe schlappgemacht?«, gab Manne zu bedenken.

»Ja schon. Der Scanner kann nur erkennen, wofür man ihn vorher eingestellt hat. Und unsere Kartencodes zeigen etwas anderes. Schauen Sie sich mal an, mit welchen Bitlängen man heute in solchen Systemen …« Manne signalisierte seinem Gesprächspartner mit einer wegwerfenden Handbewegung, dass er keine Lust hatte, weiter zuzuhören. Themen dieser Art nutzte Lautmann gewöhnlich für eine circa 30-minütige Spontanvorlesung über beispielsweise Codierungen, Verschlüsselungstechniken und Sicherheitsstandards in der Informationstechnologie ganz allgemein. Da er vor seiner Banklehre mehrere Semester Informatik, wenn auch nicht gerade mit nennenswertem Erfolg, hinter sich gebracht hatte, spielte er sich vor seinen informationstechnisch weniger beschlagenen Kollegen auf wie der leibhaftige Erfinder des digitalen Zeitalters. Manne drehte ab und beschloss, auf den Kaffee zu verzichten und dafür nachher vielleicht eine halbe Stunde früher als sonst nach Hause zu gehen.

Eigentlich sollte schon Frühling sein, aber in Stuttgart herrschte vorwiegend Novemberwetter, für heute war eine Ausnahme angekündigt: am Nachmittag Sonne und über 15 Grad warm! So saßen Einheimische wie Touristen auf dem Schlossplatz herum, an den Tischen der Kneipenbetreiber mit einem Weizenglas, auf den Treppen zum Kleinen Schlossplatz und am Wilhelmsbau mit einer Flasche Tannenzäpfle oder ähnlichem Gebräu in der Hand. Obwohl keine Urlaubszeit war, schienen alle noch auf ein Signal der Sommersaison gewartet zu haben. Man genoss ein von niemandem verkündetes, aber von allen praktiziertes Zwischenspiel der Ferien- und Outdoor-Saison – easy going im einstigen Zentrum der pietistischen Arbeitsethik. So änderten sich die Zeiten und vor allem die Leute. Manne verlängerte seinen Weg zum Bahnhof bei warmer Witterung gern um einen Bummel über den Schlossplatz oder auch die Königstraße hoch Richtung Tagblattturm, obwohl er dem allgemeinen und demonstrativen Far niente nicht unbedingt etwas abgewinnen konnte. Dazu trieb ihn seine Neugier auf die neuesten Meldungen über die Schlechtigkeit dieser Welt zu sehr an das Notebook zu Hause. Ja, ihn kümmerte nicht nur das eigene Wohlergehen, sondern das Schicksal der Menschen. Tag für Tag geschah Tausenden, wenn nicht gar einem guten Teil der Menschheit Unrecht, Verbrechen wurden erduldet und erlitten, ehrliche Zeitgenossen betrogen, benachteiligt, bestohlen, mit Frauen und Kindern wurden Handel und Schindluder getrieben, dies alles wurde für jeden vernehmbar berichtet. Aber wo blieben der Aufschrei und der Aufstand der Gesellschaft gegen das tagtägliche Unrecht? Manne fand es zum Verzweifeln und er konzipierte den Weg, wenn nicht zu mehr Gerechtigkeit, dann immerhin zur Rache an denen, die dies alles taten und geschehen ließen. Eines Tages würde er anfangen. Nur wo? Kandidaten dafür gab es genügend. Die normalen Kriminellen musste ja die Polizei finden, die kannte erst einmal niemand. Aber was war mit denen, die jeder kannte? Politiker, als Unternehmer oder Händler getarnte Abzocker, ja sogar Kirchenmänner und Betrüger – eines Tages würde er damit beginnen, Exempel zu statuieren. Das würde zwar nicht sofort der ganzen Menschheit oder auch nur Stuttgart weiterhelfen, aber jeder würde sehen: Man kommt nicht mehr so einfach davon. Das würde manchem der Ganoven eine Lehre sein und den Opfern und Bedrückten Mut machen. Und vielleicht, ja vielleicht wäre Manne dann sogar ein kleiner Held, wenn auch vermutlich im Knast. Dieses Problem stellte sich vorläufig aber nicht, da Manne derzeit noch an seinem Plan arbeitete. Zur Tat schreiten würde er natürlich auch, aber später.

Heute, nach dem frühen Feierabend, spazierte Manne die Königstraße nicht hoch, sondern runter Richtung Bahnhof. Das war eigentlich nicht nötig, denn er hätte direkt am Schlossplatz die Treppe zur Station Stadtmitte nehmen können. Die Dynamik des Stadtlebens nahm ihn aber gefangen und er beschloss, zu Fuß bis zum Bahnhof zu gehen und dort direkt in die S2 einzusteigen. Wer weiß, überlegte Manne, wie lang man das noch kann, sollten doch bald die richtigen Arbeiten am neuen Bahnhof beginnen und damit erst einmal alles anders werden. Für wie lange, wusste niemand. Wahrscheinlich auch nicht das letzte Häuflein senioraler Demonstranten gegen das Projekt, die in ausdauernder Einfallslosigkeit seit Jahren »Lügenpack« oder »oben bleiben« in die Gegend brüllten und unabhängig von allen politischen Weichenstellungen immer pünktlich Montag abends gegen sieben anrückten, um irgendwie Krach zu schlagen. Immerhin boten sie damit eine permanente Quelle unfreiwilligen Humors für die überregionalen Medien, die sich seit vielen Monaten über den neuen Typus des Stuttgarters, den sogenannten Wutbürger, bundesweit lustig machten. Manne betrachtete dies alles seit Langem mit gelangweilter Gleichgültigkeit, war ihm doch klar, dass sich die protestierenden Bürger mit leidenschaftlichem Eifer an einer der Belanglosigkeiten dieser Welt abarbeiteten.

Die Sache aus den Nachrichten vom Abend zuvor ging ihm immer wieder durch den Kopf. Die Polizei hatte eine Reihe junger Frauen in Stuttgart festgenommen, alle aus Osteuropa, ohne Pass, in einer vergammelten Wohnung, alle vermutlich zwangsweise rekrutierte Prostituierte. Man kannte die Vermieter, die vermutlichen ›Bewacher‹, Fahrer, Schleuser, und hatte durchaus verdächtige Strippenzieher im Visier, die selbst natürlich nicht in Erscheinung traten, aber in der Region auf großem Fuß lebten. Ja – die Beweislage, das war das Problem. Statt die ganze Mischpoke einfach auszuhebeln und wenigstens in den Knast zu stecken, machte sich der Rechtsstaat daran, Beweise zu sammeln, oder mit anderen Worten, sich lächerlich zu machen. Zu Hause würde er im Internet den letzten öffentlich verfügbaren Informationsstand recherchieren und dann eventuell mit Tommy, seinem Freund und Wohnungsnachbarn erörtern. Tommy sah solche Fälle ähnlich wie er, kommentierte dies aber mit einem fatalistischen »Kannste nix machen, so läuft das bei uns«. Tommy wollte damit ausdrücken, was andere vielleicht als Kollateralschäden rechtsstaatlicher Strafverfolgung bezeichnen würden. Wer schlau und listig genug war und dann noch die richtigen Rechtsberater hatte, der kam im Zweifel mit allem durch. Denn, richtig, man musste ja alles erst einmal beweisen. Selbst wenn ohne Beweis jeder vernünftige Mensch wusste, wer was verbrochen hatte. Manne empfand dies als widerliche Kapitulation vor der Macht des Bösen. Das aber wollte er nicht ertragen. Tommy hatte er mehrfach erläutert, wie man diesem bedauerlichen Zustand, wenigstens ansatzweise, abhelfen könne. Exempel statuieren! Das war es. Natürlich nicht nur eines, sondern mehrere. Man musste es also so anstellen, dass man nach dem ersten Mal nicht gleich selber im Knast landete.

Wenn beispielsweise ein spektakulärer Prozess gegen einen der mutmaßlichen Hintermänner dieser organisierten Kriminellen anstünde: ihn beim Gang ins Gericht erschießen, ein Schuss ins Herz, einen in den Kopf, mit einem ordentlich großen Kaliber. Nach ein paar solcher öffentlicher Hinrichtungen würde doch jedem Bösewicht klar, dass er jetzt in Gefahr sei, dass er nicht einfach so weitermachen könne. Das müsste doch abschrecken. Tommy bezweifelte alles: erstens, dass es irgendeinen Halunken abschrecken würde, zweitens, dass man es überhaupt hinkriegen könne mit so einem Abschuss, und behauptete drittens, dass man gleich selber geschnappt würde. Kein normaler Mensch würde sich darauf einlassen. Die Welt verbessern sei ja okay, aber nicht um den Preis der eigenen Existenz oder Freiheit. Tommy meinte, Manne solle besser versuchen, geistig erwachsen zu werden und nicht länger diesen kindlichen Hirngespinsten nachzuhängen und dabei den Henker zu spielen. Vielleicht sollte er sich, auch wenn es schwerfiele, mal mit anderen Themen beschäftigen als mit dem Bösen in der Welt. Es gäbe ja auch anderes. Manne war Single. Warum eigentlich? Auch Männer wie er, die eher unauffällig und durchschnittlich daherkamen, hatten zumeist eine Freundin, Lebenspartnerin oder Ehefrau, die selber ähnlich durchschnittlich daherkam. Dass er äußerlich weder an unkonventionelle Helden wie Daniel Craig oder wenigstens an etwas haushaltstauglichere Exemplare wie Markus Lanz erinnerte, konnte kein Hinderungsgrund für eine Beziehung sein. Tommy hatte ihn schon mal darauf hingewiesen, dass die Diskrepanz zwischen Theorie und Praxis, wenn er der Welt zu mehr Gerechtigkeit verhelfen wollte, in seiner Beziehungswelt eine Parallele habe. Auch da könne er sich viel vorstellen, aber es geschehe eigentlich nichts. Und tatsächlich: Selbst dann, wenn keine wirklichen Hindernisse mehr im Wege waren, war Manne einer Beziehung aus dem Weg gegangen. Als vor wenigen Monaten seine Kollegin Antje in den häufigen Gesprächen, die sie zumeist nach Feierabend bei einem trendigen After-Work-Bier hatten, etwas Zuneigung erkennen ließ, war er zunächst interessiert. Sicher, Antje hatte, so munkelten zumindest die Kollegen in der Bank, schon mehrere Gruppen- und Abteilungsleiter horizontal abgecheckt. Bei ihm konnte indes niemand vermuten, dass damit Karriereerwartungen verbunden sein könnten, arbeiteten sie doch auf derselben Hierarchieebene. Nachdem er sie zu einem Abendessen bei einem nicht eben preiswerten Italiener mit dem anregenden Restaurantnamen Come Prima eingeladen hatte, ging sie mit zu ihm nach Hause, »auf einen Absacker«. Eigentlich war damit alles Weitere geregelt, aber irgendwie schaffte es Manne, sie anschließend mit einem Taxi wieder wegfahren zu lassen. Danach ergab sich, wenig überraschend, mit Antje gar nichts mehr. Tommy hatte ihn deshalb regelrecht zur Rede gestellt, wie es denn gewesen sei, und wollte es nicht glauben.

»Da schleppst du das Mädel bis hierher, und die zieht wieder davon? Wie hast du das geschafft? Gibt’s doch gar nicht.«

»Weißt du, Antje, das ist eher eine für eine Freundschaft oder Kameradschaft, so ein Kumpel-Typ«, versuchte Manne, das verhinderte Abenteuer zu erklären. »Ich fand sie dann auch einigermaßen unförmig …«, suchte er nach Gründen.

»Quatsch – wie sie aussieht, hast du jeden Tag vor Augen, das war ja wohl nichts Neues. Außerdem ist sie, was soll diese blöde Kilo-Zählerei, einfach attraktiv. Die sieht gut aus – das Gesicht und diese Kurven, was hast du bloß geschwärmt! Hab sie doch auch gesehen. Nur Ausflüchte!«

»Ich sag dir mal was«, setzte Tommy vollends zur Gardinenpredigt an: »Du hattest Angst vor ihr. Angst, dass du ihr’s nicht richtig besorgen kannst. Du warst überfordert.«

»Jetzt ist aber Schluss!«, rief Manne. »Ich muss niemandem erklären, warum ich mit einer ins Bett geh’ oder eben nicht. Das ist ganz alleine meine Sache!«

Tommy wusste, dass dies das Ende der Zumutung für seinen Freund Manne war. Denn ab hier hörte der Spaß auf, was daran zu erkennen war, dass Manne nun damit begann, die Flaschen vom Tisch zu räumen.

»Hast du übrigens«, versuchte Tommy Mannes Aufmerksamkeit umzulenken, »von den ermordeten Priestern gehört?«

»Nein, hört sich komisch an.«

»Ja, die haben nacheinander Ausflüge nach Rom unternommen und wurden unmittelbar nach ihrer Rückkehr nach Stuttgart umgebracht. Steht heut’ im Tagblatt. Da müsstest du dich doch längst fragen, wer hinter einer solchen Gemeinheit steckt. Wer ermordet Priester und warum?«

»Klingt komisch. Und was sagt das Blatt? Gibt es einen Zusammenhang?«

»Klar, es muss einen geben.«

»Ich schau mal ins Internet«, kündigte Manne seine Beschäftigung, vermutlich für die kommenden Stunden, an. Für Tommy ein untrügliches Zeichen: Dieser Abend war beendet.

2

»Ich habe doch gesagt, niemanden durchstellen! Ich kann jetzt keine Auskünfte geben. Vor allem weiß ich selber so gut wie nichts«, beteuerte Weihbischof Blarer und wollte den Hörer auflegen.

Eine entschlossene Replik von Frau Gabor hielt ihn davon ab. »Der Mann hat gesagt, wenn niemand mit ihm spricht, muss er eben schreiben, was andere dazu meinen. Noch einmal: Der Mann heißt Palm, ruft heute bereits zum dritten Mal vom Tagblatt an und wird einen Artikel zu der Geschichte schreiben. Bitte sprechen Sie mit ihm, ich stell jetzt durch.«

»Wozu haben wir eigentlich eine Pressestelle …«

»Endlich, Herr Weihbischof, es war nicht einfach, zu Ihnen durchzudringen«, begann Palm das Gespräch in ruhigem Ton, obwohl er gute Lust gehabt hätte, erst einmal Dampf über die Ansprechbarkeit der Diözese abzulassen.

»Ich habe gar nicht so viele Fragen, wie Sie vielleicht befürchten. Können wir kurz über die Morde – es waren wohl Morde – an den Priestern Ignaz Frommlet und Karl-Heinz Derb sprechen?«

»Können wir«, antwortete der Weihbischof in einem Ton, der Aufgabe des Widerstands signalisierte. »Nur kann ich nicht mehr sagen, als ich weiß, und das ist nicht gerade viel.«

»Vielleicht sage ich Ihnen, was ich inzwischen weiß, und Sie korrigieren oder ergänzen meine Informationen?«

»Ja bitte.«

»Die beiden genannten Priester sind im Abstand von 14 Tagen zu einer Dienstreise nach Rom aufgebrochen und jeweils eine Woche später tot zurückgekehrt. Das heißt, sie wurden unmittelbar nach ihrer Rückkehr am Flughafen in Stuttgart umgebracht. Die beiden waren vermutlich in derselben Angelegenheit unterwegs …«

»Halt, halt«, unterbrach der Weihbischof den Journalisten, »noch niemand hat bestätigt, dass es sich bei den Reisen um Dienstreisen handelte. Somit ist auch Ihre zweite Behauptung bezüglich der Angelegenheit reine Spekulation.«

»Hat denn die Diözese schon dementiert, dass es sich um Dienstreisen handelte?«

»Wir sind noch dabei, das zu klären. Niemand hat den Überblick über alle Reisen, die Angehörige der Diözese unternehmen. Wir sind eine Organisation von mehreren Tausend …«

Jetzt unterbrach Palm den Weihbischof: »Entschuldigen Sie bitte, aber das hätte man selbst in einem vollkommen desorganisierten Unternehmen längst geklärt. Das ist doch das Blaue vom Himmel gelogen!«

»Kommen Sie mir nicht mit dem Himmel«, tat der Weihbischof so, als ob er nun wütend werden wollte, »wahrscheinlich sind Sie nicht mal katholisch!«

»In der Tat nicht. Wenn Sie hier ganz auf Nummer sicher gehen wollen, dürfen Sie in Zukunft nur noch mit dem Osservatore Romano sprechen.«

»Vielleicht sollte ich das auch. Jedenfalls kann ich Ihnen mehr als diese Korrekturen nicht bieten.«

Der Weihbischof besann sich nun allerdings darauf, dass es nicht helfen würde, Palm vor den Kopf zu stoßen, und machte ein Angebot.

»Sehen Sie, wir stehen angesichts der Ereignisse vollkommen unter Schock. Wir müssen uns erst selbst sortieren. Morgen wird ein Bericht in der Sache erwartet. Übermorgen kann ich Ihnen sicher mehr sagen. Sollen wir dann vielleicht wieder telefonieren?«

Palm war klar, dass der Gottesmann nur Zeit schinden wollte, ließ sich aber auf den Vorschlag ein. Sie machten eine Uhrzeit dafür aus.

Palm hatte seit der Ermordung des zweiten Geistlichen eine Reihe von Recherchen durchgeführt und dabei versucht, bei den Gastgebern der beiden Priester in Rom anzusetzen. Was wollten sie dort? Beide waren in einem nicht besonders großen Mittelklasse-Hotel ganz in der Nähe des Vatikans abgestiegen und waren während der wenigen Tage ihres Aufenthalts täglich ins Collegium Germanicum gegangen, um sich dort mit anderen deutschen Geistlichen und Theologen zu treffen. Zu erfahren war auch, dass beide das taten, was man in bildhafter Sprache antichambrieren nennt. Sie versuchten, bei einem möglichst hochrangigen Verantwortlichen in der vatikanischen Finanzverwaltung einen Termin zu bekommen. Um Gehalts- oder sonstige Budgetverhandlungen konnte es dabei kaum gehen. Für alle normalen Dinge der Seelsorge, der Gemeinde- und Finanzverwaltung war die Diözese in Stuttgart zuständig. Warum also nach Rom? Für Palm war klar, dass die toten Priester identische Motive hatten und in ein und derselben Mission unterwegs gewesen waren. Das galt es herauszufinden, dann hatte man einen Anhaltspunkt für die Lösung. In den letzten Monaten war die Kirche wegen zumeist höchst unappetitlicher Themen in den Medien aufgetaucht, und Palm wunderte sich nicht, dass sich die lokale Geistlichkeit bei Anfragen von Journalisten äußerst schmallippig gab. Eigentlich war es ein Wechselspiel der Kommunikation. Wortkarges Verhalten auf Anfragen wich an und ab großer Redseligkeit, wenn es darum ging, die Anstrengungen der Kleriker zur Vermeidung moralischen Fehlverhaltens einzelner Amtsträger zu artikulieren.

Wie konnte er weiterkommen, um eine gescheite Geschichte schreiben zu können?

Einerseits machte die mit der Aufklärung der Morde betraute Kripo in Stuttgart nicht den Eindruck, als habe sie eine heiße Spur. Andererseits sprach nichts dagegen, seinen alten Bekannten Bolz informell anzuzapfen. Palm griff zu seinem Handy, um sich mit Bolz zu einem Feierabend-Bier zu verabreden. Bolz war erstaunlich schnell am Telefon.

»Ach herrje, Palm – ja, ja, die Priestermorde. Natürlich fahnde ich, was glauben Sie denn, Tag und Nacht. Aber wisset Se, die Kirchenleut’ sind so was von verschwiegen.«

»Haben Sie’s schon mal in Rom probiert?«, wollte Palm wissen.

»Rom? Nein, noch nicht. Aber eine Dienstfahrt dorthin wär’ sicher okay.«

»Scheint aber gefährlich zu sein, so eine Dienstfahrt nach Rom. Wissen Sie was? Wir sollten mal wieder zusammen ein Tannenzäpfle trinken. Da könnt sich manches klären.«

»Was meinen Sie? Heut’ Abend in Ihrer Mansarde in der, wo war’s, Olgastraße?«

»Nein, nein, die gibt’s nicht mehr. Das heißt, ich wohne dort nicht mehr.«

»Sodele, sind wir wieder ganz bürgerlich geworden? Ich ahn’ da so was.«

»Ja stimmt. Neue bzw. alte Adresse in Fellbach. Aber wie wär’s denn im Mash, Bosch-Areal, kennen Sie doch?«

»Ist das wirklich was für mich? Mit dröhnender Musik und, wie heißt das heute, After-Work-Partygängern, alle unter 40, die an irgendeinem Cocktail schlürfen?«

»Ganz genau, mein lieber Bolz. Dort kennt uns keiner und vor allem kann uns keiner zuhören.«

Das überzeugte den Hauptkommissar, und man verabredete sich auf halb sieben in dem Szene-Lokal.

Als Palm das Restaurant betrat, war es bereits kurz nach halb sieben, und ihm war klar, dass Bolz vor ihm eingetroffen sein musste. Instinktiv suchte er die von Theke und Eingang weit entlegenen Winkel des Raumes ab und fand Bolz prompt in einem davon. Bolz hing natürlich nicht halb über den Tisch oder hatte sich gar locker zurückgelehnt. Er saß in aufrechter Haltung auf seinem Stuhl, die Arme verschränkt, und sah aus wie ein Vater, der darauf wartete, seine Tochter oder seinen Sohn möglichst schnell weg von hier nach Hause zu bringen.

»So trifft man sich wieder«, grüßte er Palm. »Muss anscheinend immer Mord und Totschlag sein.«

»Das ist halt Ihr Metier, Bolz, da gibt es nichts zu klagen.«

»Ich klage nicht. Aber wissen Sie, in diesen Fällen ermitteln, das ist schlimmer, als die Nadel im Heuhaufen zu suchen. Keine Angehörigen, keine Vertrauten, die was wüssten, keine Vereinskameraden. So ein Priester muss eine einsame, arme Sau sein. Und die Kirchengemeinderäte, die kommen fast um vor Angst, sie könnten was Falsches beziehungsweise aus Versehen überhaupt etwas sagen. Jede Angabe wird zurückgehalten, als ob sie unters Beichtgeheimnis fiele.«

»Also auf Deutsch: Sie wissen noch gar nichts.«

»Fast nichts, das heißt nichts, was verwertbar wäre.«

»Sicher gibt es keine Familie, also Frauen, Kinder. Aber so ein Priester hat doch zumindest eine Haushälterin. Haben Sie mit denen gesprochen?«

»Nur mit einer, der von dem Derb. Aber Informationen über Gründe, nach Rom zu reisen? Von wegen, alles Fehlanzeige. Der Priester hat ihr gegenüber dazu nie etwas erwähnt.«

»Hat man das Gepäck gesichtet, also eventuell Unterlagen oder Ähnliches?«

»Dürfte ich Ihnen eh nicht sagen, aber auch hier: nichts von Bedeutung. Nur eines ist komisch. Beide sind nicht mit ihrem Auto zum Flughafen gefahren, öffentliche Verkehrsmittel scheiden in dem Fall aus, und es gibt kein Taxi, das wir bisher ausfindig gemacht hätten, das sie hingebracht hätte. Sie müssen eine private Mitfahrgelegenheit gehabt haben. Mehr Interna gibt’s nicht. Jetzt erzählen Sie erst mal von Fellbach, von der Rückkehr in den Schoß der Familie, Sie reuiger Sünder.«

»Offenbar prägt Sie bereits das Fahndungsumfeld. Warum soll ich ein Sünder sein?«

»Sind wir alle«, behauptete Bolz.

»So viel zu erzählen gibt es da gar nicht, mehr oder weniger normales Familienleben.«

Bolz nickte dazu beifällig, als schiene er zu wissen, wovon Palm sprach.

»Sie von der Polizei suchen doch immer erst im Umfeld der Familie …«

»… ja, wenn es eine gibt«, bestätigte Bolz.

»Sehen Sie, und die Familie eines Priesters, das ist doch die Haushälterin. Da müssen wir ansetzen. Ich bin mir sicher, die wissen alles. Vor allem, warum die Burschen nach Rom gereist sind. Irgendetwas gibt es da. Wir könnten uns doch wieder einmal die Aufgaben teilen. Sie reden mit der einen, ich mit der anderen.«

»Wie gesagt, mit der einen hab ich schon gesprochen.«

»Dann spreche ich mit der noch mal, und Sie mit der anderen«, schlug Palm vor.

»Wahrscheinlich ist Ihr Redakteursleben zu langweilig. Sie brauchen den Kitzel, Sie wollen mitfahnden. Also sprechen können Sie mit wem immer Sie wollen, dazu brauchen Sie keine polizeiliche Erlaubnis. Und ich red einfach mal mit der anderen. Okay!«

»Informationsaustausch morgen Mittag, am besten im Ochsen in Strümpfelbach. Das liegt doch direkt zwischen den zwei Käffern, wo die toten Priester ihre Gemeinden hatten.«

»Wenn man’s genau nimmt, hatten die noch weitere Schäflein seelsorgerisch zu betreuen. Da hat doch heut jeder zwei oder drei Gemeinden mangels Priesternachwuchs.«

»Tja, wer soll das auch werden wollen. Freudloses und einsames Dasein«, bedauerte Palm den Stand der katholischen Geistlichkeit.

»Ein selbst gewähltes Schicksal«, setzte Bolz dagegen. »Da gibt es nichts zu bedauern. Aber unterschätzen Sie den Beruf nicht, Palm. So ein Priester gilt in kleinen Gemeinden noch was. Außerdem legen diese Leute auf andere Dinge wert, die freuen sich nicht nur am irdischen Leben.«

»Also hören Sie, Bolz, man merkt, woher Sie kommen«, spielte Palm auf Bolz’ katholischen Heimatort auf der Alb an. »Glauben Sie mir, die wenigsten von denen glauben an die Auferstehung des Leibes. Deshalb versuchen sie, bereits in diesem Leben auf ihre Kosten zu kommen. Die wollen dafür nicht bis zum nächsten Leben warten. Lesen Sie mal Zeitung, was da los ist.«

»Nicht gleich übers Ziel schießen. Das ist jetzt leicht und in Mode, darüber herzuziehen. Die allermeisten Priester sind ganz normal veranlagt.«

»Genau das ist es doch, was ich meine«, insistierte Palm. »Genau das: Die meisten sind ganz normal, deshalb können sie nicht so anomal leben, wie sie sollen. Ich sag nur noch mal: Lassen Sie uns mit den Haushälterinnen sprechen. Die wissen im Grunde alles, und irgendwann packen die aus.«

»Bisher hielt ich das für eine gute Idee. So, wie Sie das jetzt aber darstellen, wird mir das zu einseitig. Ich bin doch kein Schlüsselloch-Fahnder. Hier geht es um Mord.«

»Lassen Sie uns nicht spekulieren, was herauskommen mag. Bald wissen wir mehr.«

Während Palms Statement hatte Bolz’ Handy geklingelt. Der stellte seinem Anrufer nur wenige kurze Fragen: Wann, wo, wer schon dort sei, beendete das Telefonat und schaute Palm mit festem Blick direkt ins Gesicht: »Mehr wissen wir jetzt schon. Am Flughafen hat man noch einen tot aufgefunden, wieder einen Priester. Ich muss hin.«

3

Palm ärgerte sich wieder einmal über sich selbst. So hatte er seinen Daimler-Kombi wenigstens für das Treffen mit dem Kommissar einmal ordnungsgemäß geparkt, statt ihn wie gewöhnlich irgendwo ganz schräg abzustellen. Und jetzt? Das gegenüber dem Bosch-Areal an die Liederhalle angrenzende Parkhaus kostete erst einmal gewaltige Parkgebühren – sozusagen eine verdeckte City-Maut – und hatte ausgerechnet jetzt, wo er doch schnell weg musste, einen technischen Defekt. Jedenfalls saß Palm nach zähneknirschendem Einwurf der drei Euro für eine gute halbe Stunde Parken im vierten Auto hinter einem sich nicht mehr bewegenden Schlagbaum. Unruhige Fahrer hinter ihm versuchten es mit gelegentlichem Hupen, aber der Schlagbaum reagierte auf akustische Signale ebenso wenig wie auf die von dem vorne stehenden Fahrer in die Säule eingeschobene Parkkarte. Von hinten lief ein ausländischer Mitbürger an den wartenden Autos vorbei und gab dem verzweifelten Menschen im Auto direkt an der Sperre den unwiderstehlichen Ratschlag: »Musch du Service rufe!« Der so Beratene bekundete mit Reden und Gestik, dass er den dafür vorgesehenen Knopf bereits mehrfach gedrückt habe. Mangels einschlägigem Personal versuchte der herbeigesprungene Zeitgenosse den Schlagbaum mit Muskelkraft nach oben zu drücken, und sogleich ertönte die drohende Stimme eines nun tatsächlich die Ausfahrrampe herunter laufenden Servicetechnikers: »Sofort aufhören! Sie zerstören die Mechanik der Sperre. Dann kann hier gar keiner mehr ausfahren.«

Palms Ausfahrt wurde noch weiter von einem Disput zwischen dem selbst ernannten Helfer und dem Techniker verzögert. Wenige Handgriffe des Technikers an der Säule vor der Sperre brachten dann den Schlagbaum in die Senkrechte. Der Techniker sammelte von den anstehenden Fahrern die Parkkarten ein und wünschte dabei jedem eine gute Fahrt. Die wurde für Palm allerdings alsbald unterbrochen, da er am Berliner Platz an die Kreuzung mit der wohl längsten Rotphase in der Stuttgarter Innenstadt geraten war. Kaum war die Ampel auf Grün gesprungen, konnte er seinen rechten Fuß immer wieder nur mit Mühe vom Gaspedal abziehen. Um für die kommende Ausgabe etwas mehr einzusammeln als das bloße Faktum der nächsten Priesterleiche, musste er sofort an den Fundort des Opfers. Wo genau dies war, hatte er glatt vergessen zu fragen. Wahrscheinlich wie bei den beiden anderen zwischen dem alten Terminal, heute T4, und dem General Aviation-Gelände. Bis heute hatte niemand eine Idee, warum sich die Geistlichen nach ihrer Ankunft in Stuttgart dorthin begeben hatten. Einziger Grund dafür konnte eigentlich nur eine Verabredung sein. Nur mit wem? Wenn er Bolz richtig verstanden hatte, tappten die Ermittler bislang ohne jeden blassen Schimmer über den Hergang, geschweige denn die Hintergründe, im Dunkeln.

Nach dem schwierigen Checkout aus dem Parkhaus und der Warte-Schikane am Berliner Platz konnte Palm recht zügig vorbei am Österreichischen Platz beziehungsweise an einer von Stuttgarts Mega-Baugruben über die Weinsteige zur B27 hoch fahren. Was früher den Stuttgartern einmal als so etwas wie eine Stadtautobahn vorkam, war in den letzten Jahren zu einer vierspurigen Kriechspur stadtauswärts mutiert, wies heute aber erstaunlich flüssigen Verkehr auf. Am Flughafen brachte es Palm nicht fertig, schon wieder in eines der x-stöckigen Parkhäuser einzufahren, sondern stellte den Wagen trotzig auf der auf zwei Minuten Haltezeit begrenzten Abholspur am T4 ab. Und dann im Sturmschritt am T4 vorbei Richtung General Aviation. Die Ahnung trog ihn nicht. Polizeifahrzeuge, Scheinwerfer, rot-weiße Absperrbänder, das ganze Programm lief bereits ab. Mit journalistischer Routine ignorierte Palm sämtliche polizeilichen Absperrungen und ging einfach weiter, bis von links und rechts zwei Uniformierte auf ihn zugingen. »Halt!«

Als Palm weiter gehen wollte, hielt ihn einer der Beamten am Arm fest.

»Sehen Sie nicht, was hier los ist? Das da vorne ist eine Absperrung. Wer sind Sie?«

»Mein Name ist Palm, ich bin vom Tagblatt.«

»Dann wenden Sie sich am besten an unsere Pressestelle«, antwortete einer der Beamten.

»Hören Sie«, griff Palm zur Notlüge, »ich habe hier eine Verabredung mit Hauptkommissar Bolz.«

»Das glauben Sie doch selbst nicht.«

»Doch, doch, da vorne steht er«, rief Palm und begann Bolz zuzuwinken.

Bolz indes war beschäftigt und sah Palm nicht.

»Natürlich steht der da vorne, wo sonst. Aber ein Rendezvous mit Ihnen hier? Vergessen Sie’s!«

Palm begann laut zu rufen: »Hallo, Bolz, können Sie mich hören?« Gerade als die zwei Beamten Palm wegzerren wollten, drehte sich Bolz um, schaute erst etwas irritiert und bedeutete ihm dann tatsächlich mit einer Armbewegung, näher zu kommen.

»Sehen Sie, ich soll zu ihm rüber kommen«, herrschte Palm die beiden Polizisten an. Die pressten die Lippen zusammen und eskortierten Palm zu Bolz.

»Lasset Se den mal doa, der isch scho recht«, beschied Bolz seinen Kollegen.

Drei bis vier Meter weiter lag der tote Priester mit dem Kopf in einer großen Blutlache.

»Kehle glatt durchgeschnitten«, verriet Bolz in ruhigem Notarton.

»Und«, warf Palm sogleich ein, »wieder aus Rom angekommen?«

»Wissen wir noch nicht.«

Das war es aber, was Palm als Einziges interessierte. Dann nämlich war für ihn der Zusammenhang mit den vorangegangenen toten Priestern so offensichtlich, dass man damit das Bischöfliche Ordinariat so richtig in die Mangel nehmen konnte. Dazu müssten die sich etwas einfallen lassen oder preisgeben. Es konnte nicht sein, dass man in der Diözese dazu nichts zu sagen hätte. Keiner würde ihnen das glauben.

»Kann man mal in die Taschen von dem Toten sehen? Bordkarte, Ticket, irgendetwas muss der doch dabei haben.«

»Ja«, wurde Bolz plötzlich sarkastisch, »woher wissen wir das? Dort steht General Aviation«, deutete Bolz auf die Aufschrift am Tor. »Vielleicht war er auf dem Weg zu seinem Privatjet.«

»Dann suchen wir am besten nach dem Piloten, der auf ihn wartet. Oder glauben Sie, der hatte selber einen Pilotenschein?«, setzte Palm die Spekulation fort.

»Etwas mehr Pietät würde uns gut tun. Hier liegt vermutlich ein Mordopfer, bei dem noch nicht einmal die Leichenstarre eingesetzt hat«, mahnte Bolz.

»Dann kann der Mörder nicht allzu weit sein. Vermutlich ist er noch am Flughafen und will wegfliegen«, kombinierte Palm.