Heinrich Böll - Jochen Schubert - ebook

Heinrich Böll ebook

Jochen Schubert

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Opis

Heinrich Böll hat die Deutschen immer wieder mit ihrer jüngsten Vergangenheit konfrontiert. Bereits zu Lebzeiten galt der Autor von »Wo warst du, Adam?«, »Ansichten eines Clowns« und »Die verlorene Ehre der Katharina Blum« als moralische Instanz. Böll selbst wehrte sich vehement gegen die Rolle als Gewissen der Nation. Grund genug, Bölls Motiven, Themen und Leidenschaften erneut nachzuspüren und die komplexe Beziehung zwischen literarischer Arbeit und gesellschaftlichem Engagement zu durchleuchten. Jochen Schubert hatte erstmals uneingeschränkten Zugriff auf den Nachlass. Er entfaltet das Porträt eines widerständigen Künstlers und engagierten Intellektuellen. Bölls Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus, seine Kritik an den restaurativen Tendenzen der Nachkriegszeit, aber auch sein Engagement in der Friedensbewegung zeigen den Nobelpreisträger an den Wendepunkten bundesrepublikanischer Kultur- und Gesellschaftsgeschichte.

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Jochen Schubert

Heinrich Böll

Herausgegebenvon der Heinrich-Böll-Stiftung

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Impressum

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikationin der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Datensind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Das Werk ist in allen seinen Teilen urheberrechtlich geschützt.Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlags unzulässig.Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen,Mikroverfilmungen und die Einspeicherung in und Verarbeitungdurch elektronische Systeme.

Der Theiss Verlag ist ein Imprint der WBG.

© 2017 by WBG (Wissenschaftliche Buchgesellschaft), DarmstadtDie Herausgabe des Werkes wurde durch die Vereinsmitgliederder WBG ermöglicht.Redaktion: Mechthilde Vahsen, DüsseldorfSatz: Olaf Mangold Text & Typo, Stuttgart

Besuchen Sie uns im Internet: www.theiss.de

ISBN 978-3-8062-3616-3

Elektronisch sind folgende Ausgaben erhältlich:eBook (PDF): ISBN 978-3-8062-3685-9eBook (epub): ISBN 978-3-8062-3686-6

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Innentitel

Inhaltsverzeichnis

Informationen zum Buch

Informationen zum Autor

Impressum

Inhalt

Vorwort von René Böll

Vorwort der Heinrich-Böll-Stiftung

1 Vorbemerkung

2 Kindheit und Jugend (1917–1929)

Die Familie · Raderberg · Eine katholische Kindheit in Köln · Die ›Roten‹, die ›Bürgerlichen‹ · Weltwirtschaftskrise · Rückkehr in die Stadt

3 Leben im Nationalsozialismus (1930–1945)

Die Entdeckung der Literatur: Dostojewski · Jugend · Köln im Dritten Reich · Erste Schreibprozesse · Soldat in Polen, Frankreich und Deutschland · Soldat in Russland und Rumänien · Feldpostbriefe · Neuanfang in Köln

4 Die ersten Jahre als Schriftsteller (1946–1951)

Schreiben zwischen Familie, Nachhilfe und Hilfsarbeit · Vom Krieg erzählen: Die christlich-existentialistische Perspektive · Böll und die literarischen Zeitschriften · Verleger sucht Autor: der Middelhauve Verlag · Erste literarische Erfolge · Die Gruppe 47 · Wechsel zu Kiepenheuer & Witsch

5 Zeitgenossenschaft (1952–1959)

Restauration und Wiederaufrüstung · »Bekenntnis zur Trümmerliteratur«: Verteidigung der Perspektive · Und sagte kein einziges Wort · Haus ohne Hüter · Irland · Das Brot der frühen Jahre · Der Gegenwartsautor · Irisches Tagebuch · Das Ruhrgebietsbuch · Die Gründung der »Germania Judaica« · »Brief an einen jungen Katholiken« · Billard um halb zehn: Wider die Geschichtsvergessenheit

6 Literarische Opposition (1960–1971)

Die Zeitschrift labyrinth · Film und Theater · Der Fluchthelfer · Freundschaft mit Lew Kopelew · Ansichten eines Clowns · Die »Frankfurter Vorlesungen« · Heinrich Böll und die SPD · Ende einer Dienstfahrt · Notstandsgesetzgebung und APO · Erschöpfung und Krise · Israel · Ende der Bescheidenheit: Welche Rechte hat ein Autor? – Der Fall Defregger · Präsident des bundesdeutschen PEN · Gruppenbild mit Dame · Präsident des internationalen PEN

7 Heinrich Böll unter den Deutschen (1972–1979)

Ein Artikel und seine Folgen: »Soviel Liebe auf einmal« · Nobelpreis für Literatur · Die verlorene Ehre der Katharina Blum · Meinungsfreiheit contra Persönlichkeitsschutz: die Kontroverse mit Matthias Walden und dem Sender Freies Berlin · Zwischen erzwungener und gesuchter Medialität · Terrorismusdebatten · Der »Deutsche Herbst« 1977 · Fürsorgliche Belagerung

8 Widerstand als Freiheitsrecht (1980–1985)

Krankheit · Widerstand in der Demokratie · Dialog mit den Erinnerungen · Der Ehrenbürger · Sympathie für die Grünen · Bild, Bonn, Boenisch · Frauen vor Flußlandschaft · Tod Heinrich Bölls

Zeittafel

Anmerkungen

Literaturverzeichnis

Personenregister

Vorwort von René Böll

Mein Vater hatte ein bewegtes Leben. Geboren noch im Kaiserreich, erlebte er bewusst die Weimarer Republik, das Dritte Reich und als Soldat den Zweiten Weltkrieg, vom ersten bis zum letzten Tag. Die unmittelbare Nachkriegszeit und der »Kalte Krieg« prägten ihn. Die Fehlentwicklungen der alten Bundesrepublik hat er in vielen seiner Texte aufgezeigt.

Schon früh, noch als Schüler, begann Heinrich Böll zu schreiben, was seine Mutter zu der in solchen Fällen üblichen Frage veranlasste, was denn aus dem Jungen werden solle. »Irgendwas mit Büchern«, lautete die Antwort, die der Sohn Jahre später im Titel seiner 1981 entstandenen Erinnerungen an die letzten Schuljahre unter der Naziherrschaft gab.

Mein Vater war zuallererst Schriftsteller – und als Schriftsteller und Künstler wollte er wahrgenommen werden. Zur Kunst gehört das Spontane, die Bereitschaft zur Kürze und zum Verzicht gerade auf die scheinbar so gelungene Passage, das Rücksichtslose und die Kälte gegenüber der eigenen Arbeit genauso wie der fast rauschhafte Zustand beim Schreiben, diese beispiellose Mischung aus Intuition und Kalkül. All das beherrschte er meisterhaft.

Um eine öffentliche Rolle, gar als »moralische Instanz«, hat er sich nie beworben. Er bekam sie zugewiesen. Doch obwohl er mit seiner Prominenz haderte, hat er sie zu nutzen gewusst. Nicht umsonst ist er Präsident zunächst des nationalen, später des internationalen PEN geworden und hat sich für die Belange von Schriftstellern, nicht nur der verfolgten, eingesetzt. Er war ein Vorkämpfer für die gerechte Bezahlung von Autoren und Übersetzern. Und sein Engagement bot oppositionellen Schriftstellern die Chance, im Westen zu publizieren. Selbst große persönliche Risiken scheute er nicht, wenn es galt zu helfen.

Bewundert habe ich an meinem Vater immer, dass er sich seine Meinung vollkommen unabhängig bildete, sich von keiner Gruppe, keiner politischen Richtung und keiner Partei abhängig machte. Er war ein Einzelgänger und im positiven Sinne eigensinnig. Es gab für ihn kein Lagerdenken, sein Eintreten für Menschenrechte war unteilbar – keineswegs selbstverständlich im »Kalten Krieg«.

Und obwohl diese Zeiten längst vorbei sind, haben sich Heinrich Bölls Denken und Haltung eine bemerkenswerte Aktualität bewahrt. Viele der Debatten von damals erinnern erschreckend an die ungelösten Probleme von heute.

Mein Vater war übrigens kein Asket, er konnte auch genießen, und Irland war für ihn ein Rückzugsort, dessen Bedeutung kaum überschätzt werden kann. Hier wurde er mit seiner Familie seit 1955 willkommen geheißen. Seine Bekanntheit sprach sich in Irland erst herum, als er 1972 den Nobelpreis erhielt, aber auch danach spielte sie nie eine Rolle. Monatelang begleiteten wir Kinder meine Eltern nach Irland und gingen nicht zur Schule. Als dies nicht mehr möglich war, weil wir inzwischen das Gymnasien besuchten, war mein Vater oft für Wochen alleine in Irland. Dort genoss er die Ruhe von all den Telefonaten und Briefen und Presseanfragen, die auf ihn einstürmten.

Wie alle Menschen hatte mein Vater Stärken und Schwächen. Ich selbst habe ihn immer als selbstkritisch, tolerant und großzügig erlebt. Wichtig ist mir deshalb heute wie früher, dass seine Bücher gelesen werden und sich die Menschen unvoreingenommen ihr eigenes Bild von seiner Person machen. Dass dies nun möglich ist, ist auch ein Verdienst der vorliegenden Biografie.

Mein großer Dank gilt deshalb Jochen Schubert, der sich der ungeheuren Mühe unterzogen hat, den umfangreichen Nachlass zu erschließen, und dem es gewohnt umsichtig gelungen ist, ein Porträt zu erstellen, das zuverlässige Informationen liefert, zur Lektüre anregt und Irrtümer und Klischees benennt, wo Korrektur geboten ist.

René Böll

Köln, im Sommer 2017

Vorwort der Heinrich-Böll-Stiftung

Heinrich Böll wäre am 21. Dezember 2017 hundert Jahre alt geworden. Er war zweifellos einer der bedeutendsten deutschsprachigen Autoren des 20. Jahrhunderts.

Im Jahre 1972 erhielt er den Nobelpreis für Literatur. Seine Romane, Erzählungen, Essays, Briefe und Interviews sind wichtige Zeugnisse des gesellschaftlichen und politischen Lebens in Deutschland über fast ein halbes Jahrhundert. Sie thematisieren Krieg, Wiederaufbau, Aussöhnung, Restauration und den Aufbruch Deutschlands in eine liberale Demokratie. Und Böll hatte ein klares Bewusstsein dafür, dass ein Teil des Landes nicht an diesem Aufbruch teilhaben konnte.

Auch wenn er über sich selbst schrieb, dass er gebunden sei »an Zeit und Zeitgenossenschaft, an das von einer Generation Erlebte, Erfahrene, Gesehene und Gehörte«, reicht seine Bedeutung bis in unsere heutige Zeit. Gerade seine Bücher aus den letzten beiden Lebensjahrzehnten behandeln so aktuelle Themen wie Terrorismus, Überwachung und die Verantwortung des Individuums.

Bölls großes internationales Ansehen rührte nicht zuletzt von seinem unbestechlichen Engagement für Freiheit und Menschenrechte. Er setzte sich für Dissidenten in Osteuropa ein und für Flüchtlinge aus Vietnam. Er war ein christlich geprägter Humanist – und ein kreativer, streitbarer Geist. Er legte sich mit der politischen Linken wie der Rechten an, mit der katholischen Kirche ebenso wie mit den Medien. All das, sein Engagement, seinen Eigensinn und sein künstlerisches Werk will uns die hier vorliegende Biografie näherbringen. Sie stützt sich dabei auf bislang nicht ausgewertete private Quellen und präsentiert auch einige eher unbekannte Fotos. Der Autor Jochen Schubert ist ein profunder Kenner von Bölls Leben und Werk und hat bereits das Erscheinen der 27-bändigen Werkausgabe betreut.

Heinrich Böll war ein öffentlicher Intellektueller par excellence. Wenn er zu einer Pressekonferenz einlud, dann ließen sich die Medien nicht zweimal bitten. Bölls Einfluss war für einen Künstler enorm groß. In dieser Biografie wird aber auch deutlich, wie viel Kraft solch eine öffentliche Rolle kostet. Böll hat immer wieder betont, dass er diese Funktion nicht gesucht hat; er nahm sie eher widerwillig an, sah sich darin auch gelegentlich überfordert. Eigentlich wollte er in erster Linie Bücher schreiben, Künstler sein, Schriftsteller. Ihm ist auch das gelungen.

Unsere Stiftung trägt jetzt seit dreißig Jahren seinen Namen. Dieser wollte uns nie eine Bürde sein, vielmehr eine Verpflichtung, eine Ermutigung. Gelegentlich ist er uns auch heute noch ein Türöffner bei internationalen Projekten. Man kennt Böll noch. Jedes Jahr, wenn die Stiftung neue Studienstipendiaten oder Doktorandinnen aufnimmt, ist es immer wieder eine Freude zu sehen, mit welcher Neugier sich die jungen Leute für Böll interessieren und ihn neu entdecken. Sie bewundern seine Haltung: die Zivilcourage, den Einsatz für die Freiheit, die streitbare Toleranz. Und in diesem Sinne ist dieser bedeutende Schriftsteller und Menschenrechtler auch weiterhin Vorbild für die gesamte Arbeit unserer Stiftung.

Berlin, im Sommer 2017

Ellen Ueberschär und Barbara Unmüßig

Vorstand der Heinrich-Böll-Stiftung

Informationen über die Heinrich-Böll-Stiftung unter www.boell.de

Heinrich Böll, 1975

1Vorbemerkung

Die Erfahrungen seiner Generation haben Heinrich Böll ein Leben lang bewegt und sein literarisches Schaffen entscheidend geprägt. Sein umfangreiches Werk stellt sich in seinen Perspektiven gegen alle herkömmlichen Bestimmungen des Menschen und die ihm vorgegebenen Verhältnisse. Es ist die literarische Zeugenschaft einer individuell begründeten, spannungsreichen Sicht auf Ereignisse und Entwicklungen der von Heinrich Böll aufgenommenen Welt, die noch immer fasziniert. Dass sich in seinem Leben und Schreiben Kritik und Widerstand sowie Engagement und die Hoffnung auf veränderte gesellschaftliche Verhältnisse produktiv verbunden haben, bildet die Leitlinie der vorliegenden Biografie.

Heinrich Bölls literarische Zeugenschaft beeindruckte auch die Königlich Schwedische Akademie. Sie zeichnete ihn 1972 als ersten deutschen Schriftsteller nach dem Zweiten Weltkrieg mit dem Nobelpreis für Literatur aus und würdigte in ihrer Entscheidung nicht nur die literarischen Arbeiten, sondern auch die unablässig bewahrte Ausrichtung seiner Aufmerksamkeit auf »die Lebensluft, die seine Generation atmen mußte, das Erbe, das sie anzutreten hatte«.1

Bereits ein flüchtiger Blick auf das Spektrum der von ihm nach dem Zweiten Weltkrieg aufgenommenen und verhandelten Ereignisse und Themen zeigt, dass er sich unbestechlich und hartnäckig denjenigen widmete, die nicht nur in der Nachkriegszeit unterdrückt und verdrängt wurden. Das Register seiner Stoffe liest sich in dieser Hinsicht wie eine kritische Gesellschafts-, Politik- und Kulturgeschichte: die Auseinandersetzung mit der nationalsozialistischen Vergangenheit Deutschlands, dem Grauen des Zweiten Weltkriegs sowie den Verdrängungsmechanismen und verdeckten Kontinuitäten der NS-Diktatur; die Kritik der restaurativen Tendenzen und die Verquickung der katholischen Kirche mit den politischen Instanzen in der Adenauer-Ära; sein Engagement in der Zeit der Studentenproteste und der Notstandsgesetzgebung in den 1960er-Jahren; die Kontroversen um die Ursachen der terroristischen Gewalt in den 1970er-Jahren; die Beteiligung an den Protesten gegen die atomare Aufrüstung, die Anfänge der Friedensbewegung und der ökologischen Debatte Anfang der 1980er-Jahre.

Doch es ging ihm nicht nur um die Einmischung, sondern auch um das Schreiben. So bekräftigte er in einer Selbstauskunft: »Schreiben wollte ich immer, versuchte es schon früh, fand aber die Worte erst später«.2 Schreiben galt ihm als produktiver Akt, »Träume, Vorstellungen, Ideen aufs Papier zu bringen und in gesellschaftliche Praxis umzusetzen«3. Noch 1985 bekannte er sich zum Schreiben als seiner zentralen existentiellen Verortung im Leben. »Ich liebe das Schreiben. Es ist für mich eine Freude, etwas aufzubauen. […] vor allem ist das Schreiben einfach der Wunsch, etwas zu erschaffen.«4 In diesem Sinne produktiv hat Bölls literarisches Leben, das 1936 begann, in nahezu 2.500 Texten seinen Niederschlag gefunden.5

Als Material für diese Biografie konnten nicht nur der Nachlass und veröffentlichte Quellen genutzt werden, sondern auch einige unveröffentlichte Zeugnisse. Auf dieser Grundlage wird hier ein Leben nachgezeichnet mit seinen Impulsen, An- und Einsichten.

Und es ist der Ertrag einer sich in diesem Leben verwirklichenden Autorschaft, die in ihrer unkonformen literarischen Fantasie auch heute noch ebenso herausfordernd wie aktuell ist. Denn Heinrich Böll glaubte an die Möglichkeit der Literatur, die Vorstellung einer in Fakten gebannten Welt zu suspendieren: »Was wirklich ist, bestimmt der Autor, der Maler, der Bildhauer, der da seine Wirklichkeit schafft.«6

Wirklichkeit, immer wieder neu ›bestimmt‹ durch die Fantasie des Autors – das bedeutete für Heinrich Böll, im Bestehenden Perspektiven für Veränderungen zu entwerfen, erstarrte Haltungen und Überzeugungen zu hinterfragen, zu irritieren und zu provozieren, Ab- und Ausgegrenztes sichtbar zu machen.

Dazu gehörte für ihn, grundsätzlich Unabhängigkeit zu wahren, auch wenn nicht nur in der Nachkriegszeit zur An- und Einpassung ans Gegenwärtige geraten wurde. Ihm war es wichtig, das eigene Tempo zu halten, auch wenn ein anderes gefordert wurde. Er verteidigte beides für sich und andere stets hartnäckig. Gelassen – zuweilen aber auch betroffen – nahm er dafür den Vorwurf (s)einer Entfernung aus der Zeit in Kauf. »[D]ie Marschierlust hat mir immer gefehlt […]. Wohin die heutige Entwicklung mich, würde ich Schritt mit ihr fassen, führen könnte, weiß ich nicht; selbst wenn ich’s wüßte, Schritt halten mag und kann ich nicht.«7 Seine Haltung, die Eigenständigkeit des Urteils zu verteidigen, inspiriert auch heute noch die Beschäftigung mit seinem Werk.

Auf diese Haltung bezog sich Theodor W. Adorno, als er anlässlich von Heinrich Bölls 50. Geburtstag in seiner »Keine Würdigung« überschriebenen Würdigung Böll ein Denken in »ungedeckte[r] Position« bescheinigte. Durch dieses Denken, so Adorno, habe Heinrich Böll auch dem ›Repräsentativen‹, das man ihm zudachte, »widerstanden« und anstelle eines »jubelnde[n] Einverständnisses« mit diesem den »Stand des Ungedeckten«8 vorgezogen. Was Adorno unter ›ungedeckt‹ verstanden wissen wollte, erläutert eine Bemerkung, die er in seiner Vorlesung Philosophische Elemente einer Theorie der Gesellschaft so formulierte: »Erkenntnis fängt dort an, wo es keine Bräuche gibt, wo man ins Offene kommt, wo man ungedeckt ist, nicht die stärkeren Bataillone hinter sich hat.«9 Damit hatte Adorno formuliert, was Böll augenzwinkernd und unmissverständlich zugleich in seiner 1964 publizierten Erzählung Entfernung von der Truppe hatte durchblicken lassen: »Daß Menschwerdung dann beginnt, wenn einer sich von der jeweiligen Truppe entfernt.«10 Als ›Wahlspruch der Menschwerdung‹ gelesen, heißt dies: Menschwerdung beginnt mit der Aufkündigung des Konformitätszwangs herrschender Gewissheiten (die ›jeweilige Truppe‹). Gemeint ist damit die gewagte Überschreitung einer Regel, die das eigene Verstehen im allgemein Geltenden fundiert. Kurz: Menschwerdung ist Regelbruch durch Eigensinn.

2Kindheit und Jugend (1917–1929)

Die Familie · Raderberg · Eine katholische Kindheit in Köln · Die ›Roten‹, die ›Bürgerlichen‹ · Weltwirtschaftskrise · Rückkehr in die Stadt

»Jeder bekommt seine Kindheit über den Kopf gestülpt wie einen Eimer. Später erst zeigt sich, was darin war.«

Heimito von Doderer

Köln, Krieg, Katholizismus – in diese zufällige, im biografischen Rückblick jedoch bezeichnende Konstellation wurde Heinrich Böll am 21. Dezember 1917 geboren. Zwei Tage später folgte in der Pfarrkirche St. Maternus die Taufe auf den Namen Heinrich Theodor.

Der Vater Viktor Böll, am 26. März 1876 in Essen geboren, war als 20-Jähriger 1896 nach Köln übergesiedelt. Bereits im Jahr darauf gründete er hier den ersten Hausstand mit Katharina Giesen, mit der er drei Kinder hatte: Mechthild, Engelbert und Grete. Der jungen Familie, die in der Großen Telegraphenstraße 5 eine geräumige Wohnung bezogen hatte, stand die am 3. September 1877 in Düren geborene Wirtschafterin Maria Hermanns zur Seite.

Doch das Familienglück währte nicht lange. Der ein Jahr nach Mechthild im Mai 1899 geborene Sohn Engelbert starb wenige Wochen nach seiner Geburt. Ein weiterer Schicksalsschlag für Viktor Böll war der Tod seiner Frau Katharina am 4. März 1901: Sie erlag mit 31 Jahren den Folgen einer Lungenentzündung. Nach ihrem Tod zog Viktor Böll mit den Töchtern Mechthild (1898–1907) und Grete (1900–1963) in den Mauritiussteinweg 38. Maria Hermanns, die bis dahin bei der Familie gelebt hatte, versorgte zwar weiterhin täglich den Haushalt, bezog jedoch am Riehler Damm 187 eine eigene Wohnung. Schließlich heirateten Viktor Böll und Maria Hermanns am 23. November 1906 standesamtlich in Köln und einen Tag später kirchlich in Königswinter. Doch dem Glück der neuen Ehe folgte im Jahr darauf die Trauer um Tochter Mechthild, die am 26. Oktober 1907 starb. An sie erinnernd erhielt die einen Monat nach ihrem Tod geborene erste Tochter Maria und Viktor Bölls ebenfalls den Namen Mechthild. Der Ehe entstammten insgesamt fünf Kinder: Mechthild (1907–1972), Gertrud (1909–1999), Alois (1911–1981), Alfred (1913–1988) und schließlich Heinrich Böll. Die Familie lebte in der Teutoburger Straße 26 im Süden der Kölner Altstadt.

Die Verbindung mit Maria Hermanns gründete auf dem Versprechen einer gemeinsam gelingenden Zukunft. Die daran geknüpfte Hoffnung auf ein besseres Leben hatte Viktor Böll bereits nach Abschluss seiner Tischlerausbildung im väterlichen Schreinereibetrieb in der Schwanenkampstraße 81 in Essen bewogen, nach Köln zu ziehen. Die Arbeitsmöglichkeiten in der rheinischen Metropole mit ihren 281.681 Einwohnern (gegenüber 78.706 in Essen) schienen ihm vielversprechender. Hinzu kam ein persönlicher Kontakt. Viktor Böll war befreundet mit Engelbert Giesen, der in Essen Kaplan der St.-Josephs-Kirche war. Dessen Bruder Johann Joseph Giesen führte in der Meister-Gerhard-Straße 11 in Köln eine Schreinerei. Über diese Verbindung hatte Viktor Böll auch seine erste Frau Katharina kennengelernt, die mit ihrem Vater Johann gelegentlich nach Essen kam.

Wirtschaftskraft und Handelszuversicht – das waren die beiden Säulen, auf die Viktor Böll 1896 seine Zukunft gründen wollte. Alfred Böll hat in einem privat verfassten »Rückblick« auf die für seinen Vater in dieser Hinsicht besondere, fast symbolische Bedeutung der Kölner Brücken hingewiesen. Sie waren, so Alfred Böll, Zeichen seiner Gründerenergie: Das meinte vor 1911 die 1859 in Betrieb genommene Dombrücke, dann aber vor allem die Hohenzollernbrücke, »die wichtigste Brücke Europas«, wie Alfred Böll seinen Vater zitiert.1 Doch diese Euphorie war nicht ungetrübt, denn die Hohenzollern, hier vor allem Wilhelm II., verkörperten für Viktor Böll den Geist des preußischen Militarismus. Die Reiterstandbilder auf der Hohenzollernbrücke waren ihm daher ein Dorn im Auge. »›Dort oben‹, sagte er, ›reitet er immer noch auf seinem Bronzegaul westwärts, während er doch schon so lange in Doorn Holz hackt‹«,2 zitiert Alfred Böll seinen Vater.

Weitaus entzündlicher waren für Viktor Böll jedoch die Erinnerungen an die sich nach der Reichsgründung 1871 zwischen dem protestantischen Preußen und dem vorwiegend katholischen Rheinland verschärfenden Konflikte, die den sogenannten Kulturkampf der Jahre 1870 bis 1879 schürten. Eine Ursache des Kulturkampfes lag für die preußische Regierung 1870 in der Gründung der Zentrumspartei, die den politischen Katholizismus repräsentierte und zu deren Wählern Viktor Böll bis zu ihrer Auflösung 1933 gehörte. Ein anderer Anlass lag in der Gründung der altkatholischen Kirche als einer Folge der Verkündung des Unfehlbarkeitsdogmas des Papstes von 1870. Ihre Mitglieder erfuhren, wenn sie preußische Staatsbedienstete waren, kirchliche Sanktionen. Durch die daraufhin von der preußischen Regierung initiierte Gesetzgebung, die sich an einer Trennung von Kirche und Staat orientierte, eskalierten für die katholische Kirche die Konflikte. So wurden eine staatliche Schulaufsicht und mit der Neuregelung der Ehe im Jahr 1875 eine rein zivilrechtliche Grundlage der Ehe eingeführt. Darüber hinaus gab es Auseinandersetzungen zum Vetorecht des Staates bei der Einstellung von Geistlichen und anlässlich des sogenannten Kanzelparagraphen. Er stellte diejenigen Geistlichen unter Strafe, die im Rahmen ihrer Predigten Position zu staatlichen Maßnahmen und Vorgängen bezogen. Die unerwartet massiven Proteste der Bevölkerung führten gegen Ende der 1870er-Jahre unter anderem zur Wiederaufnahme der Geldzuwendungen an die Kirche, die von der Reichsregierung 1875 in der Absicht eingestellt worden waren, die kirchliche Folgeleistung der preußischen Gesetzgebung zu erzwingen.

Heinrich Böll erinnerte sich daran 1975: »[…] ich bin ganz bewußt anti-preußisch und besonders anti-bismarckisch erzogen worden, weil meine Eltern den Kulturkampf miterlebt haben.«3 So zeitlich entfernt für ihn die Ereignisse auch waren, Preußen war auch für ihn bis in die Zeit des Zweiten Weltkriegs hinein Synonym für Unterdrückung, Zwang, obrigkeitsstaatliches Denken, Gehorsam und blinde Pflicht.

»[M]ein Vater, meine Eltern, meine Freunde, Bekannte haben gesagt: wir sind besetzt von den Preußen. Wir haben es als Besatzung empfunden. Und dann wurde Berlin zur Reichshauptstadt unter den Nazis, verstehen Sie, und im Volke hier war der Nazismus, was er nicht war in Wirklichkeit, eine Berliner Erscheinung, eine Folge des Preußentums, was historisch nicht stimmt, aber so empfunden wurde.«4

Zur ersten Kölner Station Viktor Bölls wurde das von Adolf Kolping 1852 in der Kölner Breite Straße 102–110 eröffnete katholische Ledigenheim, das »Haus der Kolpingsöhne«. Hier schloss er mit Wilhelm Polls eine Bekanntschaft, die zur Geschäftspartnerschaft wurde. Gemeinsam eröffneten sie am 10. Dezember 1896 am Wormser Platz 13 ihr »Atelier für kirchliche Kunst«. Der Wunsch nach einer wirtschaftlich eigenständigen Existenz war damit erfüllt, zumal sich die Firma »Böll & Polls« in den ersten Jahren zu einem erfolgreichen Kleinbetrieb entwickelte. Bereits vor der Jahrhundertwende konnten die Partner daher an die Errichtung je eines Mietshauses denken: die Gebäude Nr. 28 und Nr. 30 in der Vondelstraße. In deren gemeinsamem Hinterhaus führten sie ab 1902 den nun als »Werkstatt für Kirchenmöbel« firmierenden Betrieb.

Das handwerkliche Repertoire erstreckte sich über die Herstellung von Orgelbrüstungen und -gehäusen über Beichtstühle und Kirchenbänke bis hin zu Altären in zahlreichen Kölner Kirchen – unter anderem in St. Agnes, St. Alban, St. Aposteln, St. Cäcilien, St. Maria Lyskirch, Maria-Hilf und St. Severin. Erst um 1920, als die Auftragslage für die Versorgung von zwei Familien wenn auch nicht schlecht, so doch schwieriger wurde, trennten sich die Partner gütlich. Viktor Böll übernahm die Werkstatt in der Vondelstraße, seine Schreinerei erhielt den Namen »Kunsttischlerei, Werkstätten für kirchliche Kunst«.

Die doppelte Akzentuierung der Kunst zeigte zwar Viktor Bölls Selbstverständnis, die rückläufige Auftragslage aus dem kirchlichen Bereich zwang ihn im Laufe der Zeit jedoch dazu, Aufträge von Behörden und öffentlichen Einrichtungen anzunehmen oder sich um diese zu bemühen. Der künstlerische Akzent wurde ein Opfer der Ökonomie. Schließlich übernahm 1930 sein Sohn Alois den Betrieb und führte ihn bis 1953.

Heinrich Böll war vier Jahre alt, als die Familie am 25. Juli 1922 ein neu errichtetes Einfamilienhaus in der Kreuznacher Straße 49 im damals noch ländlichen Vorort Raderberg bezog. Es war eins von sechs Häusern der »Siedlung Am Rosengarten«, die von der »Baugenossenschaft Siedlung Am Rosengarten« errichtet worden waren. Die Baugenossenschaft war im Grunde ein Zusammenschluss einiger Böll-Familien: Ihr Vorsitzender Theodor Böll war wie der Architekt Aloys Böll ein Onkel Heinrich Bölls. Sein Vater übernahm den Part der anfallenden Schreinerarbeiten. Der idyllische Klang, den die Baugenossenschaft ihrer Siedlung verlieh, lehnte sich an einen Sondergarten im südlichen Teil des 1911 zwischen den Kölner Vororten Zollstock, Raderberg und Raderthal angelegten und 1914 nach Plänen des Architekten Fritz Encke umgestalteten Vorgebirgsparks an, früher auch Volkspark Raderthal genannt. Er wurde seinerzeit zur Straße hin durch Pergolen begrenzt und setzte sich im (früher) anschließenden Staudengarten als Fliedergang bis zu einem Baumplatz fort, den man vom Eingang Kreuznacher Straße betrat. Als Klaus Wagenbach 1965 Böll und andere Schriftsteller dazu aufforderte, biografisch besondere Orte zu porträtieren, wählte Böll Raderberg und widmete vor allem diesem Bereich des Parks eine intensive Beschreibung.5

Heinrich Böll verbrachte in Raderberg mit der Nähe zum Vorgebirgspark, unabhängig von allen politischen und ökonomischen Geschehnissen um ihn herum, die wohl unbeschwertesten Jahre seiner Kindheit und ersten Schulzeit, die 1924 mit dem Besuch der katholischen Volksschule in der Brühler Straße 204 begann. In dieser Zeit nahm er an den Vorbereitungen zur Ersten Heiligen Kommunion teil. Die entsprechenden katechetischen Unterweisungen für die Erstkommunion, die am 11. April 1926 in der St.-Mariä-Empfängnis-Kirche stattfand, erteilte Joseph Teusch, der spätere Kölner Bischofsvikar und Gründer der katholischen »Abwehrstelle gegen die antichristliche nationalsozialistische Propaganda« zur Zeit der NS-Diktatur.

Heinrich Böll in Köln-Raderberg, Vorgebirgspark, 1926

Raderberg war für den jungen Heinrich Böll die Welt, in der sich seine Sinne für gesellschaftliche Schichten und Ansichten, Sozialformen und -normen entwickelten. Dabei bemerkte er deutlich die Ab- und Ausgrenzungen:

»Ich habe nie […] begriffen, was an den besseren Leuten besser gewesen wäre oder hätte sein können. Mich zog’s immer in die Siedlung, die wie unsere neu gebaut war, in der Arbeiter, Partei- und Gewerkschaftssekretäre wohnten; dort gab es die meisten Kinder und die besten Spielgenossen, immer genug Kinder, um Fußball, Räuber und Gendarm, später Schlagball zu spielen.«6

Es war die entlang der Brühler, Kreuznacher und Mannsfelder Straße fast gleichzeitig mit der »Am Rosengarten« errichteten Siedlung der »Heimstätten-Baugenossenschaft Fortschritt 1919«, die Böll anzog und die, »im Gegensatz zur privatkapitalistischen Genossenschaft […] rein sozialistisch«7 organisiert war, wie das Statut festhielt.

Bölls Eltern waren nach den rigiden Vorstellungen eines jansenistisch geprägten Katholizismus erzogen worden, also gemäß den Lehren einer religiösen Überzeugung, derzufolge der Mensch tendenziell böse und durch die Erbsünde prinzipiell verderbt sei. Sie wussten sich von dieser Überzeugung nicht gänzlich zu befreien, hielten aber die Geschwister von den religiösen Zwangsdiktaten der jansenistischen Bewegung fern, die nach dem Löwener Theologen und Bischof von Ypern, Cornelius Jansen, benannt worden war und sich in Belgien, Frankreich und den Niederlanden des 17. und 18. Jahrhunderts ausgebreitet hatte.

»Meine Mutter hat uns oft erzählt, daß sie als junges Mädchen in Düren jeden Tag zweimal in die Kirche mußte, morgens in die Messe, abends in die Andacht, und zwischendurch wurde noch der Rosenkranz gebetet. Und mein Vater hat immer mit kaum verhohlener Wut über die schreckliche Tyrannei seines Vaters gesprochen, der seine Jungen, es waren sehr viele Kinder bei meinem Großvater, zu Pilgerfahrten zwang, bei denen sie das Kreuz durch die Nacht tragen und bis in den nächsten Vormittag hinein nüchtern bleiben mußten. Es wurde nie ausgesprochen, und trotzdem glaube ich heute, daß meine Eltern gedacht haben: diesen Schrecken wollen wir unseren Kindern nicht aufladen. Dafür bin ich natürlich sehr dankbar. Mich hat das Ganze nicht bedrückt im religiösen oder, wie soll man sagen, im intellektuellen Sinn, sondern nur ästhetisch.«

Seine Eltern ermöglichten ihm somit den selbstbestimmten Umgang mit Kirche und Katholizismus:

»Ich glaube, daß ich angefangen habe, mich verhältnismäßig früh davon zu befreien, mit vierzehn, fünfzehn, und bis heute wundere ich mich über meine Eltern, die ja klassisch-katholisch erzogen waren im Sinn des 19. Jahrhunderts, daß sie meine religiöse Praxis niemals kontrolliert haben. Ich bin jahrelang gar nicht in die Kirche gegangen, als Junge so zwischen vierzehn und achtzehn, und auch nicht zu den Sakramenten. Ich war nicht unreligiös, aber ich hatte meine Schwierigkeiten mit der Kirche und auch mit all dem Drum und Dran. Aber niemals haben mich meine Mutter oder mein Vater kontrolliert.«8

Auch daran mag gelegen haben, dass Böll seine Eltern in Rückblenden stets respektvoll und mit liebevoller Zuneigung beschrieb. Er fand sie vom Leben gebildet, betonte ihren Sozialsinn, hob ihre Religiosität hervor und attestierte ihnen – sofern es nicht um konfessionelle Grenzziehungen nach außen ging – ein weithin undogmatisches Kirchenverständnis. Was sie unterschied, machte er ebenfalls deutlich: die Mutter melancholisch und ruhig, dem Leben zugewandt und politisch wach, der Vater kunstsinnig und feinnervig, dominiert von einer Mischung aus »dauernde[r] Unruhe« und Beunruhigung und stetigem »Veränderungswunsch«. So berichtete Böll über diesen Veränderungswunsch: »Mein Vater liebte Umzüge und zog sogar gern innerhalb der Wohnung um«. Hinzu kam die allmählich ›zerbröckelte‹ Zuversicht seines Vaters im Hinblick auf die wirtschaftliche Situation, die ihm während der ökonomisch stabilen Situation zwischen 1870 und 1914 eigen gewesen war.

Fern davon, als Siebenjähriger die elterliche Verunsicherung unmittelbar mit den sozial-ökonomischen Vorgängen verknüpfen zu können, wurden sie dem jungen Heinrich Böll nur über die Reaktionen und Verhaltensweisen der Eltern fassbar. Es war die Hyperinflation im Dezember 1923, die hinter alle Zukunftsperspektiven ein Fragezeichen setzte. Die Familie überstand die Krise zwar wirtschaftlich, doch die Eltern – vor allem der Vater – waren fortan in eine nur mit Mühe verborgene, nachhaltig wirkende Beunruhigung versetzt.

»Diese vollkommene Unsicherheit gegenüber dem, was man Stabilität nennt. Sie können sich gar nicht vorstellen, was die Inflation für uns bedeutet hat […], als mein Vater das Lohngeld wirklich auf einem kleinen Karren fahren mußte, Milliarden. Das hat ihn wahrscheinlich alles zutiefst verunsichert und meine Mutter natürlich auch. Sie haben das vor uns Kindern so lange wie möglich zu verheimlichen versucht, bis dann der Knall der Wirtschaftskrise Ende der zwanziger, Anfang der dreißiger Jahre kam, und da war nun nichts mehr zu verbergen.«9

Doch weitaus direkter, existentieller und intensiver als die durch die versuchte Abschirmung der Eltern gefilterten sozial-ökonomischen Vorgänge erlebte der junge Böll den Wechsel von der Raderberger Volksschule in die Sexta des im Kölner Süden, Heinrichstraße 6–9, gelegenen staatlichen Kaiser-Wilhelm-Gymnasiums am 17. April 1928 als tiefgreifenden Riss im eigenen Lebensgefühl. »Leidvoll war der Übergang« – so Böll 1981 in der autobiografischen Rückblende von Was soll aus dem Jungen bloß werden? Der Verlust des Unbeschwerten schien am Ende der in der Kreuznacher Straße erlebten Zeit wie die Erfahrung eines dem Leben selbst unveräußerlich zukommenden Leidens.

Den Schlussakt dieser zuletzt von Verlust und einer Gemengelage von ökonomischen Sorgen und Zukunftsängsten geprägten Phase leitete, fernab von Köln, der Kurssturz an der New Yorker Börse am 24. Oktober 1929 ein. Die in Deutschland mit dem ›Schwarzen Freitag‹ einsetzende Krise war eine Folge der in den USA überhöhten, von keinem realwirtschaftlichen Gegenwert gedeckten Erwartungen an die konjunkturelle Entwicklung. Sie wirkte sich in Deutschland ökonomisch gravierend aus, weil die wirtschaftliche Entwicklung hier seit der Hyperinflation von 1923 im Wesentlichen auf kurzfristigen Auslandskrediten basierte, die jetzt zur Deckung von Liquiditätsengpässen in die USA zurückgerufen wurden. Befördert durch negative Einschätzungen der wirtschaftlichen Entwicklung führte dies bei den deutschen Unternehmen zu massenhaften Entlassungen und damit zu einer sprunghaft ansteigenden Erwerbslosigkeit, deren Höchststand im Winter 1931/32 mit über sechs Millionen Arbeitslosen erreicht wurde. In Köln waren es im Jahresdurchschnitt 83.080 Menschen ohne Arbeit, was einer Arbeitslosenquote von 30,8 Prozent entsprach. Die Sorge, in den Sog des sozialen Abstiegs zu geraten, herrschte in jedem Haushalt; auch die Familie Böll blieb nicht davon verschont. Aufgrund des Zusammenbruchs der 1923 gegründeten »Rheinischen-Kredit-Anstalt«, für die Viktor Böll Bürgschaften gezeichnet hatte, die nun abgerufen wurden, geriet die Familie in massive wirtschaftliche Bedrängnisse. Deren gravierendste Auswirkung war die Veräußerung des Hauses in der Kreuznacher Straße. »Es kam ganz plötzlich, über Nacht […]: mein Bruder und ich bekamen nur gesagt, wir sollten nach der Schule nicht in die ›Straße am Park‹ zurück, sondern zu Fuß über Severin- und Silvanstraße in die neue Wohnung am Ubierring kommen.«10 Damit verließ Heinrich Böll »die sommerlich-schönen Gefilde […], den weiten Park draußen«11 endgültig. Dem Ubierring 27 folgte, als auch für diese Wohnung die Miete, trotz weiterer Untervermietung von zwei Zimmern an Studenten der nahegelegenen alten Kölner Universität, wirtschaftlich nicht mehr zu tragen war, im Jahr darauf die Maternusstraße 32 und auf diese 1936 der Karolingerring 17. Bis erste Bombenschäden 1942 die Bewohnbarkeit auch dieser Wohnung einschränkten beziehungsweise 1944, nach weiteren Schäden durch einen Fliegerangriff auf Köln, die Umquartierung unumgänglich wurde.

Der ökonomisch-soziale Zusammenbruch verkehrte alle Sicherheit in bloße Scheinbarkeit. Die stabilen Außenverhältnisse, die für das Kleinbürgertum zu den Garantien seiner gesellschaftlichen Integrationsmöglichkeiten zählten und darauf ausgerichtet waren, den eigenen sozialen Stand aus eigener Kraft bewirken und behaupten zu können, erodierten – und damit auch der Lebensentwurf, an dessen Verwirklichung Viktor Böll seit 1896, zuerst mit Katharina und dann mit Maria Böll, gearbeitet hatte. Es fehlte die Festigkeit und Verlässlichkeit eines Bodens, der gewährleistete, ihn im Tun zu realisieren.

»[Es] war schon ein Schock, diese Wirtschaftskrise. Die Erkenntnis, daß Wohl und Wehe nicht nur von meinen Eltern abhingen […], [s]ondern daß außerhalb der Familie ökonomische und politische Ereignisse stattfanden […], Ereignisse, die einen auslieferten. Es war auch Angst dabei. Die normale Angst eines Kindes, das sich wahrscheinlich nicht ganz sicher ist: was ist da überhaupt los, geht das so weiter? […] Ich habe also sehr früh gemerkt, mit vierzehn, fünfzehn, daß meine Eltern völlig hilflos waren gegenüber diesen Umständen.«12

Die wirkliche Krise und der wirkliche Zusammenbruch lagen aber in der Erfahrung einer die Wünsche und Hoffnungen kompromittierenden Welt, die sich gegen die Verwirklichung von Lebensentwürfen sperrte. Es war der die Familie prägende, im kleinbürgerlichen Selbstbewusstsein fest verankerte Stolz, der sich der Erkenntnis nicht ohnmächtig fügte, dass »Wohl und Wehe« nicht nur in den eigenen Händen liegen, sondern in Abhängigkeiten stehen, die sich der eigenen Kontrolle entziehen. Stattdessen rief man, wie Böll in verschiedenen Rückblicken vergegenwärtigte, einen Kanon antibürgerlich-realitätskritischer Gegenentwürfe wach, in dessen Abgrenzungs- und Distanzierungspotenzialen die Familie die verachtende Wirklichkeit zu einer verachteten verkehrte und damit ihre Übermacht suspendierte.

»Es war – soziologisch ausgedrückt – ein Gemisch von Bohème, Proletariat und Kleinbürgertum, wobei die Elemente immer stark wechselten, das überhand nahm. Und innerhalb dieser Wirtschaftskrise haben wir natürlich, und das war zum Teil direkte Erziehung meiner Eltern, für die ich ihnen dankbar bin, jeden Respekt vor der bürgerlichen Ordnung verloren, die ja damals auch zusammenbrach, die sichtbar zusammenbrach. […] Wir haben ungeheuer viel geredet zu Hause. Wir hatten viele Freunde, viel Besuch, und da ist dieses anarchistische Element entstanden, das in der völligen Ablehnung irgendwelcher Vorschriften bestand […], behördliche Vorschriften oder Vorschriften des Wohlfahrtsamtes oder der Unterstützung, die existierten für uns einfach nicht.«13

Als die Familie in die Stadt zog, verließ Böll eine Welt in sich widersprüchlicher Erfahrungen. Auf der einen Seite eine spielend erkundete, in den unbeschränkten Begegnungsmöglichkeiten als leicht, freundlich, kindlich-idyllisch empfundene Welt. Auf der anderen Seite aber auch eine als bedrohlich und verunsichernd erlebte Wirklichkeit, eine Verlustwelt mit einem ebenso unklaren wie ungreifbaren Profil und mit tief wirkenden Folgen. So legten die hier verbrachten Jahre das Fundament sowohl für einen der Wirklichkeit, der gesellschaftlichen Ordnung gegenüber stets aufrechterhaltenen skeptischen Blick als auch für den Eigensinn einer Autorschaft, die in ihrer Poetik und deren Ausrichtung auf das »Erlebte, Erfahrene« Perspektiven auf eine entwirklichende Welt schuf: Ohne »große ideologische Vorbereitungen« fand Böll hier seinen Stoff, sein Thema, für ihn das »Urthema der Literatur«: der Zerfall der bürgerlichen Gesellschaft.14

3Leben im Nationalsozialismus (1930–1945)

Die Entdeckung der Literatur: Dostojewski · Jugend · Köln im Dritten Reich · Erste Schreibprozesse · Soldat in Polen, Frankreich und Deutschland · Soldat in Russland und Rumänien · Feldpostbriefe · Neuanfang in Köln

»Oft verstehe ich jetzt, daß man an Gottes Existenz zweifeln kann oder muß …«

Heinrich Böll

Aus fast 50-jähriger Distanz erinnerte Heinrich Böll den Umzug von Raderberg in die Kölner Innenstadt im Herbst 1930 als »großen Schock«. »[Z]unächst war ich erschrocken über die Stadt, Zentrum, nähe Ubierring, später dann habe ich das sehr geliebt.« Denn er entdeckte, dass die Stadt aufgrund einer ihr eigenen »romantische[n] Komponente«1 einen Resonanzboden für seinen neugierigen, Fremdheitssignalen gegenüber empfänglichen Blick bot. Was die Erinnerung jedoch nicht mit aufrief, war, dass gerade die Anonymität der Großstadt einem Gefühl der Entfremdung zuarbeitete, das seit dem Schulwechsel 1928 die Lebensstimmung des jungen Böll prägte. Die von Melancholie, Verzweiflung, Einsamkeit und Fremdheit gekennzeichnete Atmosphäre der Stadt vermittelte ihm jedenfalls den Stoff für eine erste literarisierte Selbstbeschreibung, die er im September 1938 zu Papier brachte. Darin formuliert sein autobiografisches Alter Ego die Empfindungen eines dissonanten Selbst- und Weltgefühls, das vier Jahre lang einen wortkargen, hässlichen, unlustigen, abstoßenden Knaben durch die Welt gehen ließ, »stumpf, ohne Freude am Spiel wie am Lernen; kein Priester, kein Freund, meine Mutter nicht, mein Vater, niemand vernahm etwas von mir«. Trotz aller pessimistischen und nihilistisch angehauchten Züge dieses Bekenntnisses weist der Text darüber hinaus auf eine Entdeckung fürs Leben hin: die Literatur. »Ein Kind noch, kaum ein Knabe, las ich […] Dostojewski. Ich warf mittags die Schultasche in eine Ecke und verkroch mich […]. Zuerst las ich den ›Raskolnikow‹; und in rasender Eile las ich sie alle hintereinander.«2 Dass es gerade Dostojewski war, der Böll zu einer ersten intensiven Leseerfahrung führte, verdankte sich einem Zufall: Sein älterer Bruder Alois berichtete von seinem Besuch der am 6. Februar 1931 in den Kinos angelaufenen Dostojewski-Verfilmung »Der Mörder Dimitri Karamasoff«.

Böll empfand seine Jugend als eine krisenhafte Zeit des Leidens. In einem Feldpostbrief vom 3. Dezember 1940 schrieb er dazu an seine spätere Frau Annemarie Cech: »Ich erzählte Dir schon, daß ich von meinem 12. bis zu meinem 19. Lebensjahr mich nur wie ein Kadaver habe mitschleppen lassen; ich habe sieben Jahre nicht gebeichtet, nicht kommuniziert, nicht gebetet. Nur manchmal scheinbar grundlos – geweint.«3 Leiden und Entfremdung sind die Projektionsfläche seiner Selbstwahrnehmung. Eindeutiger als der Brief geht das autobiografische Fragment auf die Gründe für das Ende der Krise um 1935 ein: »Dann ging ich beichten, zum ersten Mal seit fünf Jahren, und da erst spürte ich ganz, welch wahnsinniges Dunkel in mir war, wie sehr ich den großen Dostojewski, den ich verzehrend liebte, geschändet hatte, da ich ihn gelesen hatte, ohne vorher die Bibel ganz zu lesen. Langsam, sehr langsam, kam ich wieder ans Licht.«4

Wenig Aufmerksamkeit scheinen zu dieser Zeit die politischen Vorgänge auf sich gezogen zu haben. So blieben die ersten Anzeichen der mit dem Erstarken der NSDAP wachsenden politischen Radikalisierung ab 1929 bei Böll nahezu ausgeblendet, obgleich sie deutlich genug wahrgenommen werden konnten. Die Reichstagswahlen vom 14. September 1930 brachten zum Beispiel in Köln der NSDAP mit 17,5 Prozent (reichsweit 18,2 Prozent) einen sprunghaften Stimmenzuwachs gegenüber 1,6 Prozent (reichsweit 2,6 Prozent) bei der Reichstagswahl 1928. Durch dieses Ergebnis wurde die NSDAP nicht nur zur Massenpartei, sondern im politischen Kalkül zu einer potenziellen Regierungsmacht. Letztlich entscheidend für den Weg bis zur Ernennung Hitlers zum Reichskanzler am 30. Januar 1933 wurde die nach der Wahl 1930 propagierte ›Zähmungsstrategie‹ der Regierung unter Reichskanzler und Zentrumspolitiker Heinrich Brüning. Dessen Politik folgte – ebenso wie die seiner Nachfolger Franz von Papen und Kurt von Schleicher – mit Blick auf die Nationalsozialisten der Vorstellung, der Partei ihre totalitären und radikalen Züge durch politische Einbindung nehmen zu können. Selbst der offen als Gegner der NDSAP bekannte, 1917 – im Geburtsjahr Heinrich Bölls – zum Oberbürgermeister von Köln gewählte Konrad Adenauer, Mitglied der katholischen Zentrumspartei, sprach sich für diese Strategie aus. Diese Vorstellung wurde auch nicht infrage gestellt, als die NSDAP bei der am 31. Juli 1932 durchgeführten Wahl zum 6. Reichstag erneut hohe Zugewinne erzielte und bei einem Stimmenanteil von 37,3 Prozent mit 230 Mandaten in den Reichstag einzog. Als dann für den November des Jahres Neuwahlen angesetzt wurden und die NSDAP in Köln von 24,5 Prozent auf 20,4 Prozent (reichsweit von 37,3 auf 33,1 Prozent) sank, schien dies Kommentatoren der Presse dann auch bereits der Auftakt für einen »Abschied vom Dritten Reich« zu sein. Eine Einschätzung, der auch die Kölnische Zeitung folgte und die weithin verbreitet wurde: »Hitlers furchtbarer Absturz. Das Dritte Reich entschwindet im Nebel.«5 Wie irrtümlich diese Einschätzung und wie falsch die Vorstellung der rechtskonservativen Regierung war, sich der NSDAP als bloße Mehrheitsbeschafferin bedienen zu können, zeigte sich in einem mit Köln verbundenen Ereignis kurz vor der Machtübernahme. In der Stadt – Sitz zuerst des gesamten Gaus Rheinland, nach dessen Teilung 1931 dann des Gaus Köln-Aachen – kamen am 4. Januar 1933 in der Villa des Bankiers Freiherr von Schröder auf dessen Vermittlung hin Hitler und der ehemalige Reichskanzler Franz von Papen zu einem Geheimtreffen zusammen, das wesentlich zur Machtübernahme Hitlers Ende des Monats beitrug. Zwei Tage später, am 7. Januar 1933, berichtete die in Köln-Deutz beheimatete Rheinische Zeitung darüber – mit einer Titelzeile, die Bölls spätere ›Blindheits-These‹ zu bestätigen scheint: »Adolf und Fränzchen. Eine Unterhaltung, die die Welt und die Lachmuskeln erschütterte.«6 Drei Wochen später lachte niemand mehr.

Die Einschätzung, dass das »Dritte Reich im Nebel entschwinden« würde, dass Hitler »sich nicht lange halten wird«, hatte wie viele andere auch die Vorstellungen der Familie Böll bestimmt. Sie hatte sich vor 1933 wenig mit der NSDAP auseinandergesetzt, um dann von den Ereignissen überrascht zu werden. »Wir wußten natürlich, daß es Nazis gab und eine Partei und daß die immer größer wurde, aber daß die plötzlich an die Macht kamen, beziehungsweise an die Macht gehievt wurden durch die Deutschnationalen, war ein erschreckendes Erlebnis.«7 Alle Rückblicke auf diese Zeit knüpfen an den 30. Januar 1933 an.

Den »Gedenktag […] kommender Geschlechter«, wie die in Köln erscheinende NSDAP-Zeitung Westdeutscher Beobachter den 30. Januar 1933 tags darauf in einem Artikel bezeichnete, verbrachte Heinrich Böll wie so viele infolge einer Grippeepidemie im Bett: »Ich lag im Bett und las – wahrscheinlich Jack London, den wir von einem Freund in der Büchergildenausgabe entliehen, es kann aber auch sein, daß ich […] ›gleichzeitig‹ Trakl las.«8

Sein Krankenbett hatte Heinrich Böll auf jeden Fall vor dem 19. Februar 1933 verlassen. »Adolf Hitler redet in Köln«, notierte er an diesem Tag auf dem Rand seiner Schulbuchausgabe von Xenophons Kyur Anabasis anlässlich Hitlers Auftritt im Rahmen des Wahlkampfs zum 8. Deutschen Reichstag, und setzte hinzu: »Faschisten Kanone Hitler sabbert; ein abgerutschter Sozialist, genannt Hitler (N.S.D.A.P.) macht sich unliebsam laut – Tod den Braunen.«9

Dieserart frivole Äußerungen leistete er sich auch später noch. So notierte Böll anlässlich der Verleihung der Kölner Ehrenbürgerschaft an Hermann Göring am 27. Juni 1934: »Leck mich am Arsch Faschisten-Häuptling Göring.«10 Aber dies blieben im Schulbuch verborgene Einträge. Denn auch in Köln fiel unmittelbar nach den Reichstagswahlen vom 5. März 1933, die der NSDAP in Köln 33,1 Prozent, reichsweit 43,9 Prozent der Stimmen einbrachten, und noch vor Inkrafttreten des »Ermächtigungsgesetzes« am 24. März 1933 die bis dahin noch aufgrund der Kommunalwahl am 12. März wahltaktisch auferlegte Zurückhaltung der lokalen NSDAP-Gliederungen und ihrer Führer. Am 13. März 1933 verkündete Gauleiter Josef Grohé die Absetzung Konrad Adenauers als Oberbürgermeister. Unwiderruflich endete damit für Heinrich Böll seine gegenüber dem Schulbesuch alternativ bevorzugte ›Lebensform‹, das Umherschweifen in den Straßen rings um die Schule und sein Zuhause. Ihr endgültiges Ende kam mit dem ersten großen Aufmarsch am 1. Mai 1933 – ein Ereignis, das ihm klarmachte, was mit der Machtübernahme tatsächlich geschehen war:

»Ich hatte ein Gemisch aus Schrecken und Lächerlichkeit empfunden. […] Aber dieser Aufmarsch, was da alles so zusammengetrommelt war an Straßenbahnern, an SA-Leuten, Arbeitsfront […], [s]chrecklich, aber gleichzeitig auch etwas Absurdes. Ich hab’ mir das sehr genau angesehen. Ich weiß noch genau, wo ich am Chlodwigplatz gestanden habe, mit meinem älteren Bruder: […] so Ecke Karolingerring, auf der dem Severinstor zugewandten Seite.«11

Prägnanter als jede ideologische Analyse trat für Böll die Bedeutung der neuen Verhältnisse in ihren brutalen Erscheinungsformen offen hervor: durch Zerstörung der Straße als Heimat, als Spielort, als Spaziergang, als Bummel. »Der Faschismus ist ja Straßenbrutalität.«12

In der Tat wurde auch in öffentlichen Verlautbarungen ganz unverhohlen zum Straßenterror aufgerufen: »Wir haben es heute nicht mehr nötig, uns provozieren zu lassen, und wir werden gegen schamlose Provokateure und Gesinnungslumpen rücksichtslos vorgehen. Der Reichsjugendführer Baldur von Schirach sagt: ›Schlagt die Reaktion, wie ihr den Marxismus geschlagen habt!‹« So lautete die am 14. Juni 1933 im Westdeutschen Beobachter publizierte »Dienstanweisung« an das ›Deutsche Jungvolk‹ des Jugendbannführers Köln-Aachen, E. Ulanowski. Die damit vorprogrammierten Ereignisse rückten an die Familie Böll nahe heran, als bei einem Zusammenstoß von Angehörigen der Hitler-Jugend und der katholischen Jugendorganisation »Sturmschar« zwei mit den Böll-Brüdern befreundete Mitschüler des staatlichen Kaiser-Wilhelm-Gymnasiums, Peter und Theo Weidmann, betroffen waren. Die beiden wurden in einem Bericht der »Sturmschar des Katholischen Jungmännerverbandes Köln« erwähnt; es ging darin um einen Vorfall, der sich »am 18. Juni 1933 morgens 9 Uhr auf der Olpener Straße« zugetragen hatte, bei der die beiden Schüler von Angehörigen der Hitler-Jugend aufgehalten und attackiert wurden.

Mitglied der 1929 aus der Bündischen Jugend hervorgegangenen Sturmschar war Alois Böll, sodass nicht nur die mit der Sturmschar verbundenen Ereignisse zum festen Bestandteil der Tischgespräche der Familie gehörten, sondern auch zahlreiche Besuche und Treffen von Mitgliedern der Sturmschar in der Wohnung keine Seltenheit waren. Böll erinnerte in seinem autobiografischen Rückblick Was soll aus dem Jungen bloß werden? an ein illegales Treffen der Sturmschar in der Maternusstraße, das vermutlich Anfang 1934 stattgefunden und zu einer kurzen Begegnung mit dem von der Gestapo gesuchten Sturmscharführer Franz Steber geführt hatte. Zur Sturmschar selbst und ihren Aktivitäten hatte Böll ein eher reserviertes, skeptisch-ironisches Verhältnis, wie eine in diesem Zusammenhang durchaus als autobiografisch inspiriert anzusehende Passage des Romans Am Rande der Kirche festhält:

»Aber ich entfremdete mich doch immer mehr meinen Geschwistern, die den sonnigen und gewollt problematischen Kreisen katholischer Jugendbewegung nähergetreten waren. Manchmal saß ich dabei, wenn sie fröhlich zusammenkamen, die Freunde und Freundinnen meiner Geschwister, in unserer Küche oder in unserem Wohnzimmer […], aber jedesmal hatte ich das Gefühl, als ob hier eine besondere Art geistiger Onanie getrieben würde. Meistens aber war ich allein, ich rauchte und trank in den Cafes, gab mich dumpfen, traurigen unfruchtbaren Träumen und Sinnen hin, oder ich spazierte durch die ärmsten schrecklichsten Viertel und berauschte mich am Mitleid und nährte meinen Haß.«13

Es war die Distanziertheit des Einzelgängers und seine Aversion gegenüber jeglicher Form von Organisation, die ihn nicht nur von einer Verbindung mit der Sturmschar abhielt. Schon aus der an seiner Schule von dem Jesuitenpater Alois Schuh betreuten Marianischen Kongregation, der Heinrich Böll zunächst mit einigem Enthusiasmus zugehörte, war er ausgetreten, als »man dort anfing, Exerzierübungen einzuführen, bis hin zu erheblichen ›Schwenkungen‹ fast in Kompaniebreite«. Die Mitgliedschaft in der Hitler-Jugend oder einer SA-Organisation hatte er vermieden.

Zu den weiteren einprägsamen Erlebnissen zählte die als ein entscheidendes Signal für die manifeste Machtergreifung angesehene Hinrichtung von sechs Mitgliedern der KPD – ein Ereignis, das noch bedeutsam für den 1959 publizierten Roman Billard um halb zehn blieb. Gegen die KPD-Mitglieder Josef Engel, Hermann Hamacher, Heinrich Horsch, Matthias Josef Moritz, Otto Wäser und Bernhard Willms, alle zwischen 20 und 28 Jahre alt, war am 17. Juli 1933, zusammen mit elf weiteren Kommunisten, unter dem Vorwurf des Mordes an den SA-Mitgliedern Winand Winterberg und Walter Spangenberg Anklage vor dem Kölner Schwurgericht erhoben worden. Das Urteil erging am 22. Juli 1933 und lautete für die sechs KPD-Mitglieder auf Todesstrafe. Gegen die elf mitangeklagten Kommunisten wurden Gefängnisstrafen bis zu 18 ½ Jahren verhängt. Als am 30. November 1933 im Kölner Gefängnis Klingelpütz die Todesurteile vollstreckt wurden, hing, so Böll, »Schrecken über Köln, Angst und Schrecken von der Art, die Vögel vor einem Gewitter auffliegen und Schutz suchen läßt – es wurde stiller, stiller; ich machte keine frivolen Bemerkungen über Hitler mehr, nur noch zu Hause und auch dort nicht in jedermanns Gegenwart«.14

Die Etablierung des Hitler-Regimes vor dem Krieg vollendete sich für Böll im Röhm-Putsch vom 30. Juni 1934 und in der Rheinlandbesetzung am 7. März 1936. Während das »stillschweigend[e]« Verhalten von Reichswehr und Kirche gegenüber den Morden an zahlreichen SA-Funktionären und Mitgliedern am 30. Juni 1934 zeigte, dass »damit […] der Terror wirklich etabliert« war, markierte der von Böll beobachtete »Einmarsch der Truppen über die Hohenzollernbrücke in Köln« am 7. März 1936 so etwas wie einen vorläufigen Schlusspunkt der Entwicklung: »Und da wußte ich also, jetzt ist wirklich Feierabend.«15

Unabhängig von diesen Entwicklungen und Einschätzungen entfaltete sich 1935 eine enge freundschaftliche Beziehung zu einem Mitschüler: Caspar Markard. Dieser wurde vom Besuch des Brühler Gymnasiums suspendiert, da er sich der von der Lehrerschaft erhobenen Forderung wiederholt widersetzt hatte, Positionen des 1933 verbotenen »Friedensbundes deutscher Katholiken«, dessen Mitglied er gewesen war, im Schulunterricht nicht zu verbreiten. Einen Förderer hatte Markard in Robert Grosche, nachdem dieser ein Pfarramt in der Gemeinde Brühl-Vochem übernommen hatte. Auf Grosches Vermittlung hin wurde Markard am staatlichen Kaiser-Wilhelm-Gymnasium aufgenommen. Über Caspar Markard wiederum kam Böll mit Robert Grosche in Verbindung.

Grosche, ab 1912 katholischer Priester im Dienst des Erzbistums Köln, war von 1920 bis 1930 Studentenpfarrer in Köln, bis er auf eigenen Wunsch 1930 die Gemeinde im nahe gelegenen Brühl übernahm. Als Herausgeber und Schriftleiter der 1931 gegründeten Zeitschrift Catholica. Vierteljahrsschrift für Kontroverstheologie fungierte Grosche als Vermittler des ökumenischen Dialogs zwischen den Konfessionen. In den 1930er-Jahren war er zudem Dozent an der Düsseldorfer Kunstakademie. Grosche galt als ausgewiesener Kenner sowohl der französischen Literatur im Allgemeinen als auch der Richtung des ›renouveau catholique‹ im Besonderen, die als antimoderne Strömung innerhalb des französischen Katholizismus unter konservativen Vorzeichen einer Erneuerung des katholischen Wertekanons entgegenschrieb. Grosche hatte unter anderem Paul Claudel übersetzt. Für Böll wurde er der maßgebliche Vermittler der Werke von Léon Bloy und Georges Bernanos. Darüber hinaus kam Böll durch Robert Grosche in Berührung mit den Mitte der 1930er-Jahre um die katholische Reichstheologie geführten Diskussionen, zu deren Hauptexponenten Grosche zählte. Entscheidend für den Kontakt aber war, dass Grosche in Brühl Gesprächszirkel leitete, die sich neben kunstgeschichtlichen Themen vor allem mit der Literatur katholischer Autoren befassten und für Böll durch die Bekanntschaft mit Caspar Markard zugänglich geworden waren. Die Grundlage dieser – neben den Bekanntschaften durch Schule, Geschwister und Elternhaus – wohl einzigen Freundschaft Bölls zu dieser Zeit war das gemeinsame Interesse an Literatur. Dafür war Böll sogar bereit, sein selbst auferlegtes Einzelgängerdasein zeitweise abzulegen, um am Brühl-Vochemer Gesprächszirkel Grosches teilzunehmen und über Mauriac, Péguy, Bernanos, Bloy, Chesterton oder Dostojewski zu debattieren.

Heinrich Böll (dritter von links), Klassenausflug zum Drachenfels, Königswinter, 1932

In welcher Weise diesen literarischen Gesprächen Bedeutung zukam, als Böll im Januar 1936 seine ersten Zeilen auf Papier brachte, muss offen bleiben. Böll selbst hat sich dazu nie geäußert. In einem Feldpostbrief vom 29. November 1942 nutzte er jedoch einen metaphorischen Vergleich, um seiner Frau Annemarie das Glück schildern zu können, das für ihn die Lektüre literarischer Texte bedeutete. Es ist dieser Vergleich, der die Plötzlichkeit und Vehemenz, mit der bei Böll Anfang 1936 ein Schreibprozess einsetzte, bildhaft einer Ursprungsszene annähert. Denn Bölls Metapher kommt einer Formel gleich, die für ihn den Zusammenhang von Leben und Literatur als Freisetzung reiner Energie bezeichnet: »[W]irklich, Du glaubst nicht, wie glücklich das machen kann, in einem Buch zu lesen; es ist, wie wenn man einer Starkstromleitung nahekommt, und plötzlich schlägt der Strom über und erfüllt einen mit heißem, wildem Strom.«16 Böll beschreibt hier ein initiales Moment, das er Anfang Januar 1936 erlebte. Gut vier Wochen nach seinem 18. Geburtstag am 21. Dezember 1935 verfasste Böll seine ersten Zeilen – in dem Augenblick also, als er die Krisenzeit seines zwölften bis neunzehnten Lebensjahres überwunden hatte. In diesem Gedicht werden Bedrohung und Erlösung thematisiert und münden in die Figur einer neu gefassten sozialen Identität.

Mir träumte heut: ich läge

auf einem Hügelberg,

auf grünen Wiesenmatten

beseelt geschützt, doch Zwerg.

Ich blickte froh zur Sonne

sah gern hinab ins Tal …

doch leis, ganz still sich schleichend

stieg in mir eine Qual.

Die Sonne sauste abwärts

und schwüler Dämmer rings,

ich schrie wohl vor Entsetzen,

denn höhnend kalt und scharf

entstand im Rund ein Echo,

das hart sich auf mich warf.

Und glucksend, lüstern glucksend

entstand im Tal ein Brei …

[…]

Es ist die ›verzwergte‹ Selbstwahrnehmung einer, obgleich im Ganzen aufgehoben scheinenden, dennoch ausgegrenzten Existenz, der die Umgebung in den Schauplatz beängstigender Empfindungen umschlägt und zur Abscheu gegenüber der surrealen Fratzenhaftigkeit einer alle individuellen Formen verschlingenden Gegenwart führt.

Da plötzlich gellt ein Donner,

ein Blitz erhellt das Grau …

und oben hoch am Himmel …

ich schau, schau, schau,

da blitzet groß und leuchtend

und siegend über Schmutz

ein Kreuz, ein Kreuz erleuchtet,

nun wußt’ ich, wo mein Schutz.

Ich wachte aus dem Träumen

und Alltag sah mich an

und ich neigte mich wachend dem Kreuze

und fing mein Tagwerk an.17

Das Ich dieses frühen Gedichts erlebt sein Erwachen zu sich selbst als Einweihung in den Alltag, indem es sein Tagwerk aufnimmt. Es ist ein Ich, das sich als christliches Subjekt seiner Umgebung entgegenstellt, seine Alltagswirklichkeit in der Zuwendung zum Niederen, zum Ausgeschlossenen erkennt und dies als Einspruch gegen die entfremdenden Mechanismen gesellschaftlicher Konformität kritisch wendet. Diese Gedichtzeilen markieren den Augenblick eines Erwachens: das Zu-sich-selbst-Kommen Heinrich Bölls.

Dass gerade das Kreuz als Reflexionsgegenstand Selbstidentität und Zeitkritik verband, war inspiriert durch die Bekanntschaft mit einem Text, den Böll im Lesekreis von Grosche kennengelernt hatte: Léon Bloys Briefe an seine Braut, die 1935 bei Anton Pustet in der Übersetzung von Karl Pfleger erschienen waren. Darin dürften ihn vor allem die Ausführungen Bloys fasziniert haben, die dieser dem »hochheiligen und anbetungswürdigen Kreuz« widmete.

»Ja, das ist das größte und hinreißendste aller Mysterien. […] Denn gerade in den Kreuzestiefen wird mir das Höchstmaß an Licht zuteil werden. […] Dieses Zeichen der Schmach und des Schmerzes ist das ausdruckvollste Sinnbild des Heiligen Geistes. Jesus, der Gottessohn, das fleischgewordene Wort, der Stellvertreter der ganzen Menschheit, trägt also dies Kreuz, das größer ist als Er und ihn zu Boden drückt.«18

Ende 1936 lernte Böll Léon Bloys Das Blut des Armen kennen, eine Lektüre, die – so Böll im Rückblick – »wie eine Bombe«19 einschlug. Dieses Werk des als Katholik ebenso wie als Kritiker des Klerus radikalen Franzosen stellte für Böll das interpretative Muster bereit, um »erzählend hinter das zu kommen und ihm Ausdruck zu geben, was an der erfahrenen, erlebten und nicht ganz durchschauten Geschichte bewegt [hat]. Soziale Dinge, religiöse Dinge, politische auch«.20

Bloys Armutstheologie, die er in diesem Essay entwickelte und die für Böll den zentralen Aspekt dieses Buches bedeutete, ist Reichtumskritik, sofern Reichtum als Leben im Überfluss das »Blut des Armen« bedeutet. Bloy illustriert dies an den Perlentauchern der Südsee. Deren Leben koste es, damit »die parfümierten, mondänen Weiber […] stolz sein können« auf ihr »bescheidenes Perlenhalsband«, dessen Wert »die Bezahlung des Frühstücks von sechzig Haifischen« ist. »Das Blut der Armen ist das Geld. Man lebt davon und stirbt daran seit Jahrhunderten. Es ist der ausdruckvolle Inbegriff allen Leidens«.21 In seinem Anfang 1950 abgeschlossenen, damals jedoch nicht veröffentlichten Roman Der Engel schwieg nahm Böll literarisch die Blut-Geld-Thematik in der kritisch akzentuierten Form von Bloys Essay auf.

Wenige Wochen, nachdem diese für die gesellschaftskritischen Perspektiven des Frühwerks entscheidende Schrift von Böll intensiv gelesen worden war, legte er am 6. Februar 1937 am staatlichen Kaiser-Wilhelm-Gymnasium das Abitur ab. Anschließend, und nur mehr oder weniger beruflicher Planung entspringend, unterzeichnete er – da noch nicht mündig, zusammen mit Viktor Böll – am 1. April 1937 den »Lehrvertrag des deutschen Buchhandels« mit »Mathias Lempertz, Buchhandlung u. Antiquariat«, Franziskanerstraße, Bonn. Böll beendete die Ausbildung jedoch vorzeitig zum 1. Oktober 1937 und arbeitete anschließend in der Schreinerwerkstatt seines Bruders Alois, die dieser 1933 von seinem Vater übernommen hatte. Für Heinrich Böll war dies eine Gelegenheit, sich weiteren zahlreichen schriftstellerischen Versuchen zu widmen. Allerdings wurde dem 1936 einsetzenden und mit immer mehr Energie unternommenen, alle Schreibformen einbeziehenden Versuch, den eigenen Beobachtungen und Wahrnehmungen mithilfe der literarischen Einbildungskraft Ausdruck zu geben, im November 1938 jäh ein Ende bereitet. Böll wurde zum Reichsarbeitsdienst einberufen, von dem er aufgrund seines Eintritts in die Buchhandlung Lempertz zunächst zurückgestellt worden war. Bis zum 31. März 1939 arbeitete er als Angehöriger des »Arbeitskommandos Fritz Legemann« in Wolfhagen bei Kassel. Das hervorstechendste Kennzeichen der bis dahin verfassten Texte bildete der Versuch, die Fragen des Glaubens sowie der persönlichen Orientierung über die Figur Christi in der von Bloy inspirierten ›Mitleids-‹ und ›Armutstheologie‹ zeitkritisch provokant auszubuchstabieren. Dabei griff Böll neben der bevorzugten Prosa zu dieser Zeit auch auf lyrische und essayistische Schreibformen zurück.

Heinrich Böll als Abiturient, 1937

Nach der Entlassung aus dem Arbeitslager in Wolfhagen immatrikulierte sich Böll am 13. April 1939 an der Universität zu Köln und belegte für das Sommersemester Vorlesungen von Ernst Bertram (Goethe II. Teil), Gottfried Weber (Geschichte der deutschen Dichtung im Spätmittelalter), Joseph Kroll (Griechische Tragödie), Artur Schneider (Die Philosophie der neuesten Zeit seit Mitte des 19. Jahrhunderts), Robert Heiss (Existenzphilosophie), Seminare zu Senecas Epistulae morales sowie Seminare zu ›Lateinischen‹ und ›Griechischen Stilübungen‹. Was darüber hinaus an Zeit verblieb, nutzte er zum Schreiben.

So entstand im Mai 1939 die Erzählung Das Mädchen mit den gediegenen Ansichten. Das Manuskript reichte er, versehen mit dem Vermerk ›Kennwort: Köln‹, der in Wien herausgegebenen Zeitschrift Die Pause ein. Ebenfalls im Mai begann die Arbeit an einem Roman mit dem Titel Am Rande der Kirche. Tagebuch eines Sünders – ein in Stil und Motiven vor allem von der im Werk Léon Bloys zentralen Thematik der Armut, Absolutheit des Glaubens und Kritik der Bürgerlichkeit geprägter Text. Darüber hinaus gingen zahlreiche, die eigene Lektüre dieser Zeit widerspiegelnde Bemerkungen zu Chesterton, Dostojewski, aber auch zu Rainer Maria Rilke, Hermann Hesse oder Homer in den Text ein. Nach Abschluss des Sommersemesters im Juli 1939 arbeitete Böll kurzzeitig in der Kölner Schokoladenfabrik Gebrüder Stollwerck AG. Es waren die letzten Wochen ohne die von ihm stets als »Kerker«22 empfundene Soldatenuniform. Seinerzeit hatte Maria Böll Hitlers Machtübernahme mit den Worten: »›Hitler, das bedeutet Krieg‹«23 kommentiert. Jetzt war es so weit: Ende August wurde Böll zu jener »›mehrwöchigen‹ Übung eingezogen, die sich«, wie er die Einberufung 1956 ironisierend nannte, »bis zum November 1945 hinzog«.24 Ab dem 4. September 1939 war er Soldat der deutschen Wehrmacht.25 Alles, was er 1936 mit der Aufnahme seiner Schreibprojekte an Hoffnungen verbunden haben mochte, wurde damit zunichte gemacht. Als er am 28. August 1939 in die Winkelhausen-Kaserne an der Netter Heide in Osnabrück einrückte, trat an die Stelle des Hoffens auf eine Zukunft literarischer Produktivität die Klage über die verlorene Lebenszeit. Doch Böll fand eine Art literarische Ersatzproduktion in Form der Feldpostbriefe. Schließlich wurde er am 3. September, zwei Tage nach dem deutschen Überfall auf Polen, auf den ›Führer und Reichskanzler‹ vereidigt und als Schütze der 3. Kompanie des 484. Infanterie-Ersatz-Bataillons zugewiesen.

Heinrich Böll (Mitte) mit seinen Brüdern Alfred (links) und Alois (rechts), 1940

Seine Stationen hießen nach Osnabrück vom 27. Juni 1940 an zunächst Bromberg (Bydgoszcz/Polen) und ab dem 2. August Frankreich, hier als Mitglied der 3. Kompanie des in Beaucourt-sur-L’Halue einquartierten Infanterie-Regiments 77. Aufgrund einer Ruhr-Erkrankung verbrachte er ab dem 27. August 1940 einen vierwöchigen Aufenthalt im Kriegslazarett in Dury bei Amiens. Von hier aus erfolgte Ende September die Abordnung zum Ersatztruppenteil seines Regiments nach Mülheim an der Ruhr. Nach mehreren Wochen Wach- und Kasernendienst wurde er Ende des Jahres zunächst in Lüdenscheid und Bielefeld, Anfang 1941 dann in Köln weiterhin als Wachsoldat eingesetzt.

Im Frühsommer 1942 wurde Böll als Besatzungssoldat nach Frankreich abkommandiert, wo er – mit urlaubsbedingten Unterbrechungen – an verschiedenen, meist in der Nähe der Atlantikküste gelegenen Standorten (u.a. Le Tréport, Saint-Valéry-sur-Somme, Mollière d’Avall) bis zum 28. Oktober 1943 stationiert blieb. In diese Zeit fiel die Heirat mit Annemarie Cech, einer Freundin seiner Schwester Mechthild. Die Ehe wurde am 6. März 1942 in Köln standesamtlich geschlossen, am 21. Dezember 1942 – während eines Heimaturlaubes – fand die kirchliche Trauung in St. Paul statt.

Auf Frankreich folgte Russland. Böll erreichte am 11. November 1943 Odessa und wurde per Flugtransport auf die Krim verlegt. Seine dortigen Erfahrungen führten zum endgültigen Zusammenbruch seiner pseudomythischen Vorstellungen über die »Attraktion« des Fronterlebnisses, das er aus den einschlägigen Kriegsbüchern von Werner Beumelburg, Rudolf Binding und Ernst Jünger zu kennen meinte. Der Mythos ›Fronterlebnis‹, den Böll Mitte Juni 1940 noch begrüßte, ebenso wie »vom Kasernen-Militarismus zum Feldsoldatentum«26 überwechseln zu können, wurde nachhaltig erschüttert. Die Entmythologisierung erfolgte gründlich: Der Krieg ist »grausam, böse und schrecklich«,27 schrieb er im November 1943 von der Krimhalbinsel, auf der er in der Nähe von Kertsch eingesetzt war. Dort wurde er zunächst durch Granatsplitter am Fuß und einige Tage später am Kopf so schwer verwundet, dass er zunächst ins Feldlazarett und dann am 6. Dezember per Flug nach Odessa überführt wurde.

Auf Odessa folgte im Januar eine Verlegung nach Transnistrien, dann Stanislau. Bevor Böll von dort aus sein neues Ziel, St. Avold in Lothringen, erreichte, konnte er einige Genesungstage in Köln einschieben. In St. Avold erfolgte die Zuweisung zum Grenadier-Ersatz-Bataillon 485/Genesendenkompanie; kurz darauf, am 17. Mai 1944, das Kommando, das Böll noch einmal in den Osten zurückbrachte, diesmal an die rumänische Front bei Jassy. Erneut wurde er bei Kämpfen nördlich von Jassy schwer verletzt. Eine Odyssee durch verschiedene Kriegslazarette im Hinterland Ungarns, über deren Umstände und Stationen die im Wesentlichen autobiografisch bestimmte Erzählung »Die Verwundung« berichtet, schloss sich an. Aus dem Kriegslazarett entlassen, erreichte er am 5. August 1944 den Standort seines Ersatztruppenteils, die Hauptstadt des französischen Departements Metz. Hier allerdings konnte er einen vierwöchigen Urlaub im unweit Köln gelegenen Ahrweiler erreichen, wohin sich die Eltern sowie seine Frau infolge der zahlreichen Bombenangriffe auf Köln, von denen auch sie direkt betroffen worden waren, umquartiert hatten. Im Fronturlaub erkrankte Böll und hielt sich in der Folge mitunter durch selbst herbeigeführte Fieberanfälle weiterhin krank. Auf diese Weise konnte er sich bis zum 26. März 1945 weitestgehend der Wehrmacht entziehen – wobei ein manipulierter, den Urlaub um 20 Tage verlängernder Urlaubsschein das seinige dazu beitrug. Als er sich dann aus Sorge, seine Entziehungsversuche könnten entdeckt und nicht nur für ihn, sondern auch für seine Familie nicht absehbare Konsequenzen haben, am 26. März 1945 bei der Versprengten-Sammelstelle Röttgen meldete, wurde er dem 943. Infanterie-Regiment der 353. Infanterie-Division zugeteilt, deren Mannschaften zumeist zu Brückenwachen oder als Beobachtungsposten in Birk, Nieder- und Oberauel herangezogen wurden. Bereits kurz darauf, am 9. April 1945, wurde er bei Kämpfen um den