Handbuch für Tennistraining - Alexander Ferrauti - ebook

Handbuch für Tennistraining ebook

Alexander Ferrauti

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Opis

Das Handbuch für Tennistraining ist die vollständig überarbeitete und erweiterte Neuauflage des klassischen Lehrbuchs. In der Theorie werden alle Aspekte im Handlungsfeld des Tennistrainings auf der Grundlage neuester sportwissenschaftlicher Erkenntnisse vermittelt. Darauf aufbauend werden weit über einhundert Übungs-, Trainings- und Spielformen ansprechend skizziert und durch eindrucksvolle Fotos illustriert. Im Einzelnen werden die Bereiche Leistungssteuerung, Technik-, Taktik- und psychologisch orientiertes Training, der gesamte Bereich des Athletiktrainings sowie im trainingsbegleitenden Umfeld die Themen Gesundheit, Ernährung und Regeneration behandelt. Das Handbuch für Tennistraining richtet sich an alle Tennis- und Athletiktrainer des Deutschen Tennis Bundes (DTB) und des Verbandes Deutscher Tennislehrer (VDT) sowie an Studierende im Fach Sportwissenschaft. Auch den zahlreichen engagierten Freizeit- und Leistungsspielern sowie den Akteuren im engeren Umfeld der Spieler und nicht zuletzt allen Eltern von tennisbegeisterten Kindern kann die Lektüre empfohlen werden.

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Alexander Ferrauti / Peter Maier / Karl Weber

Handbuch für Tennistraining

Leistung - Athletik - Gesundheit

Meyer & Meyer Fachverlag & Buchhandel GmbH

Inhaltsübersicht

Vorwort1. Leistungsstruktur, Leistungssteuerung und Leistungsentwicklung1.1 Leistungsstruktur und Beanspruchungsprofil im Tennis1.1.1 Allgemeine Betrachtungen zur Leistungsstruktur im Tennis1.1.2 Empirische Daten zum Beanspruchungsprofil im Tenniswettkampf1.1.3 Besonderheiten der Beanspruchung im Tennistraining1.2 Leistungssteuerung und Leistungsdiagnostik im Tennis1.2.1 Möglichkeiten und Grenzen der Leistungssteuerung im Tennis1.2.2 Leistungsdiagnostik und der DTB-Konditionstest1.2.3 Individuelle Leistungsbeurteilung und Trainingssteuerung1.3 Leistungsentwicklung im Tennis1.3.1 Körperliche und konditionelle Entwicklung von Nachwuchsspielern1.3.2 Talentsensitive Faktoren und Trainingsschwerpunkte1.3.3 Prospektive Verlaufsanalyse des Spielerfolgs im Nachwuchstennis1.4 Praktische Konsequenzen2. Techniktraining2.1 Einführung2.2 Stabilität, Variabilität und Situativität2.3 Techniktraining im Tennis2.3.1 Trainingsbeispiele2.4 Techniküberprüfung3 Taktiktraining3.1 Einführung3.1.1 Psychologische Aspekte des Taktiktrainings3.1.2 Tennisspezifische Aspekte des Taktiktrainings3.1.3 Technische Aspekte des Taktiktrainings3.2 Einzeltaktik3.2.1 Trainingsbeispiele zur Einzeltaktik3.3 Doppeltaktik3.3.1 Trainingsbeispiele zur Doppeltaktik4. Psychologisch orientiertes Training4.1 Einführung4.2 Psychologisch orientiertes Training4.2.1 Sportpsychologische Beratung4.2.2 Mentaltraining auf dem Platz5. Krafttraining5.1 Einführung5.2 Krafttraining im Tennis5.2.1 Klassische Trainingsmethoden im Überblick5.2.2 Innovative und funktionelle Trainingsmethoden und Trainingsmittel5.2.3 Krafttraining im Kindes- und Jugendalter5.2.4 Periodisierung und Integration des Krafttrainings für Tennisspieler5.3 Kraftdiagnostik6. Schnelligkeitstraining6.1 Einführung6.2 Reaktions- und Antizipationsschnelligkeit6.2.1 Trainingsbeispiele6.3 Laufschnelligkeit6.3.1 Trainingsplanung und Periodisierung6.3.2 Trainingsbeispiele6.4 Schlagschnelligkeit6.4.1 Trainingsplanung und Periodisierung6.4.2 Trainingsbeispiele6.5 Schnelligkeitsdiagnostik7. Beweglichkeitstraining7.1 Einführung7.2 Beweglichkeitstraining im Tennis7.2.1 Dehntechniken7.2.2 Integration des Beweglichkeitstrainings für Tennisspieler7.3 Beweglichkeitsdiagnostik8. Ausdauertraining8.1 Einführung8.2 Ausdauertraining im Tennis8.2.1 Trainingsmethoden im Überblick8.2.2 Grundlagenausdauertraining8.2.3 Semispezifisches Ausdauertraining8.2.4 Tennisspezifisches Ausdauertraining8.2.5 Ausdauertraining im Kindes- und Jugendalter8.2.6 Periodisierung des Ausdauertrainings für Tennisspieler8.3 Ausdauerdiagnostik9. Gesundheit und Fitness9.1 Einführung9.2 Beanspruchung verschiedener Organsysteme9.2.1 Halte- und Bewegungsapparat9.2.2 Herz-Kreislauf-System (Hämodynamik)9.2.3 Energiestoffwechsel (Metabolismus)9.2.4 Psyche und Wohlbefinden9.3 Gesundheit und Fitness für Tennisspieler9.3.1 Muskeltraining9.3.2 Herz/Kreislauf- und Stoffwechseltraining9.3.3 Cardio Tennis: Fitnesstraining auf dem Tennisplatz mit Musik9.3.4 Ozonbelastungen im Training und Wettkampf9.3.5 Gesundheitskontrolle im Breitensport (Check-up 35) und sportmedizinisches Untersuchungssystem im Leistungssport10. Essen und Trinken im Training und im Wettkampf10.1 Ernährung10.1.1 Einführung10.1.2 Gesundheitsaufbau und -schutz der Ernährung10.1.3 Vollwertige Ernährung10.1.4 Ernährung zur optimalen Belastungsanpassung und Leistungssteigerung10.2 Getränke10.2.1 Einführung10.2.2 Ausgleich der Wasser- und Mineralienverluste10.2.3 Sicherung der optimalen Energiebereitstellung in der Arbeitsmuskulatur10.2.4 Vermittlung von Frische zur Steigerung der Leistungsbereitschaft11. Regeneration11.1 Einführung11.2 Regenerationsfördernde Maßnahmen11.3 Diagnostik von Beanspruchung und Erholtheit12. Trainingsrezepte für Mannschaftsspieler12.1 Trainingseinheiten und Periodisierung12.2 Trainingsvorbereitungen12.3 Ausgewählte Trainingseinheiten12.4 Trainingsbegleitende SpieleLiteraturverzeichnis1 Leistungstruktur, Leistungssteuerung und Leistungsentwicklung2 Techniktraining3 Taktiktraining4 Psychologisch orientiertes Training5 Krafttraining6 Schnelligkeitstraining7 Beweglichkeitstraining8 Ausdauertraining9 Gesundheit & Fitness10 Essen und Trinken im Training und im Wettkampf11 RegenerationBildnachweisBesonderer Dank

Vorwort

Das Handbuch Tennistraining widmet sich einer einzigartigen Sportart, die seit vielen Jahrzehnten weltweit Millionen Menschen von Jung bis Alt begeistert. Die spannungsgeladene Interaktion zwischen zwei im Rampenlicht stehenden Hauptdarstellern und die außergewöhnliche Zählweise mit unvorhersehbaren Spielverläufen von der Kreisklasse bis zur Weltklasse und von der U10 bis ins Seniorenalter sind einzigartig. Die weit über 100-jährige Tradition des Tennissports mit außergewöhnlichen Legenden und schillernden Spielerpersönlichkeiten, aber auch die aktuellen, stets dramatischen Turnierverläufe lenken mehrfach im Jahresverlauf die Aufmerksamkeit des öffentlichen Interesses auf den ehemals weißen Sport.

Kaum eine andere Sportart besitzt eine vergleichbare Komplexität an Anforderungen. Neben extrem hohen motorisch-koordinativen und technisch-taktischen Grundvoraussetzungen werden den Spielern auf allen Leistungsniveaus, aber insbesondere in der Weltspitze, auch besondere athletische und psychische Fähigkeiten abverlangt. Der Tennistrainer steht folglich vor der schwierigen Herausforderung, die Trainingsinhalte in der kurz-, mittel- und langfristigen Trainingsplanung sinnvoll auszuwählen, dabei keine der genannten Aspekte zu vernachlässigen und insbesondere bei Nachwuchsspielern auch prognostisch jene Schwerpunkte zu fördern, die erst im Höchstleistungsalter von Relevanz sind, ohne aber dabei die aktuelle Konkurrenzfähigkeit der Spieler zu gefährden.

Das Handbuch Tennistraining arbeitet die zahlreichen Einzelaspekte im Handlungsfeld des Tennistrainings zunächst theoretisch auf und liefert, darauf aufbauend, zahlreiche, praxisnahe Hilfestellungen mit weit über 100 Übungs-, Trainings- und Spielformen. In der Theorie werden klassisches Lehrbuchwissen sowie jüngste Erkenntnisse aus internationalen wissenschaftlichen Zeitschriften gepaart mit dem Erfahrungswissen der Autoren und kombiniert mit tennisbezogenen sportwissenschaftlichen Befunden. Zur Aufrechterhaltung des Leseflusses werden kompakte, themenbezogene Vertiefungen unter den Kategorien Literaturübersicht, Exkurs und Praxistipps in optisch hervorgehobene Textblöcke ausgelagert. In der Praxis werden Trainingsformen zeichnerisch oder durch ein Foto veranschaulicht und der genaue Ablauf sowie die thematische Zuordnung der jeweiligen Übung durch die Kategorien Inhalt, Ziel, Ablauf, Dauer/Umfang und Tipp detailliert beschrieben.

Das KAPITEL 1Leistungsstruktur, Leistungssteuerung und Leistungsentwicklung im Tennis legt einen allgemeinen Grundstein, indem es die Problematik der Leistungssteuerung im Tennis insbesondere auch für den jugendlichen Nachwuchsspieler aus vielen Blickwinkeln beleuchtet und gleichzeitig klare Empfehlungen und Handlungsleitlinien formuliert.

In den KAPITELN 2 - 8 werden einzelne Trainingsbereiche, wie Techniktraining, Taktiktraining, psychologisch orientiertes Training, Krafttraining, Schnelligkeitstraining, Beweglichkeitstraining und Ausdauertraining, in Theorie und Praxis vertieft.

Die KAPITEL 9 - 11 beinhalten ausführliche Hinweise zu wichtigen trainingsbegleitenden Maßnahmen wie Gesundheit und Fitness, Essen und Trinken im Training und imWettkampf sowie Regeneration.

Das abschließende KAPITEL 12 versucht, die zahlreichen Einzelaspekte für typische, übergeordnete Trainingsziele zu integrieren und stellt konkrete Stundenverlaufspläne für das Mannschaftstraining in einem üblichen Setting mit 6-8 Spielern auf zwei Plätzen zusammen.

Das Handbuch Tennistraining ist eine vollständig überarbeitete und durch zahlreiche neue Aspekte ergänzte Neuauflage unseres klassischen Lehrbuchs. Es richtet sich an alle Tennistrainer des Deutschen Tennis Bundes (DTB) und des Verbandes Deutscher Tennislehrer (VDT) auf den verschiedenen Lizenzstufen von der C-Lizenz bis zum A-Trainer bzw. Diplomtrainer. Angesprochen werden nicht nur erfahrene Trainer im Leistungstennis, sondern auch angehende Trainer während der Trainerausbildung. Durch den besonderen sportwissenschaftlichen Bezug kann das vorliegende Buch auch als Lehrbuch für die universitäre sportwissenschaftliche Ausbildung im Fach Tennis und in Teilen auch für die Ausbildung in weiteren Sportarten und im Fach Trainingswissenschaft eingesetzt werden. Schließlich empfehlen wir die Lektüre auch jedem interessierten Freizeitspieler und vor allem allen leistungsorientierten Spielern beiderlei Geschlechts, sowohl dem Nachwuchsspieler als auch dem Turnierspieler im Seniorenalter und dem Tennisprofi sowie allen Akteuren im engeren Umfeld der Spieler, wie beispielsweise den Athletiktrainern, den sportpsychologischen Betreuern und nicht zuletzt allen Eltern von tennisbegeisterten Kindern.

Viel Freude beim Lesen wünschen

Alexander FerrautiPeter MaierKarl Weber

1. Leistungsstruktur, Leistungssteuerung und Leistungsentwicklung

1.1 Leistungsstruktur und Beanspruchungsprofil im Tennis

1.1.1 Allgemeine Betrachtungen zur Leistungsstruktur im Tennis

Jeder Versuch, die leistungslimitierenden Faktoren im Tennissport zu strukturieren und zu hierarchisieren, wird aufgrund der Heterogenität und Komplexität der alters- und geschlechtsspezifischen Anforderungen in der Praxis auf wenig Resonanz stoßen. Die Diskussion über die Ursachen von Sieg oder Niederlage, über die primär erforderlichen Trainingsschwerpunkte und über die besonderen Merkmale eines Tennistalents wird daher auch in Zukunft erhalten bleiben. In kaum einer anderen Sportart wird die Leistungsstruktur durch eine ähnliche Vielzahl an Einflussfaktoren geprägt wie im Tennissport.

Allem voran wird zumeist der besondere Stellenwert der willentlichen (volitiven), kognitiven und emotionalen psychischen Faktoren betont. Nur jener Spieler wird langfristig erfolgreich sein, der über eine erfolgsorientierte und stabile psychische Einstellung verfügt. Diese ermöglicht auch in kritischen Situationen den optimalen Einsatz der Schlagtechnik. Allerdings nutzt die beste psychische Konstitution reichlich wenig, wenn es dem Spieler aufgrund von technischen oder konditionellen Defiziten niemals gelingt, sich einen eigenen Matchball zu erarbeiten. Offensichtlich reicht es für den dauerhaft erfolgreichen Spieler nicht aus, nur einzelne Faktoren in überragender Weise auszubilden und dabei andere, ebenfalls bedeutsame Leistungskomponenten zu vernachlässigen.

Die Möglichkeit zur Kompensation einzelner, unzureichend ausgebildeter Leistungsfaktoren schwindet in der absoluten Weltspitze aufgrund der zunehmenden Leistungsstärke und Leis­tungsdichte dahin. Aktuelle Beispiele im Herrentennis belegen, dass sich nur Ausnahmespieler wie Roger Federer, Rafael Nadal und Novak Djokovic weitgehend ohne Defizite dauerhaft in der Weltspitze positionieren können. Die hohe Fluktuation in der Weltspitze im Damentennis zeigt, dass diese Anforderung derzeit von keiner Spielerin erfüllt wird.

Die Leistungsstruktur im Tennis besteht somit aus einem komplexen Netzwerk von wichtigen Leistungskomponenten, in dem einzelne Faktoren, je nach Alter, Geschlecht, Spielertyp und Bodenbelag, in unterschiedlicher Weise in den Vordergrund treten; keiner der Faktoren darf jedoch für das Erreichen eines hohen Leistungsniveaus nur unterdurchschnittlich ausgeprägt sein (Abb. 1). In der Trainingspraxis besteht aufgrund der Komplexität der Anforderungen die Gefahr, das Training ebenfalls sehr komplex, unter Vernachlässigung der Tiefenschärfe in der Ansteuerung einzelner, unzureichend ausgeprägter Leistungskomponenten, auszurichten.

Das Ziel des vorliegenden Buches besteht daher darin, das Augenmerk isoliert und gleichberechtigt auf jede einzelne Leistungskomponente zu legen und aus theoretischer und trainingspraktischer Sicht Hilfestellungen zu liefern.

Abb. 1:

Vereinfachtes Übersichtsmodell zur Leistungsstruktur im Tennis

SCHLAGTECHNIK: Die Schlagtechnik besitzt im Tennis nach Expertenmeinung unbestritten die größte Bedeutung für die Leistungsfähigkeit des Spielers. Deshalb werden im Anfänger­unterricht gewöhnlich vorrangig die Hauptschlagtechniken Grundlinienschläge, Aufschlag und Volley sowie einige seltenere Spezialschläge vermittelt. Da sich dieses Buch jedoch nicht an den Tennisanfänger richtet, wird auf eine Darstellung von Bewegungsbeschreibungen und methodischen Lernschritten der Technikvermittlung sowie von kind- und spielgemäßen Vermittlungskonzepten, wie beispielsweise der Initiative „Play and Stay“ der International Tennis Federation (ITF) (www.tennisplayandstay.com), verzichtet.

Das Kapitel Techniktraining stellt zunächst die enge Verwandtschaft zur Koordination und zum Koordinationstraining heraus. Hier wird von den Autoren die Auffassung vertreten, dass koordinative Kompetenzen nur in enger Anlehnung an die technischen Anforderungen des Tennisspielers vermittelt werden müssen (Neumaier, 1999), da der Transfer von isoliert und außerhalb der Tennistechnik erworbenen koordinativen Fähigkeiten, wie beispielsweise der Gleichgewichts- oder Orientierungsfähigkeit (Hirtz, 1985), auf die Bedürfnisse des Tennisspiels normalerweise nicht gelingt. Technik- und Koordinationstraining verfließen somit in der Praxis.

Es wird ein Stufenmodell zum Techniktraining vorgeschlagen, das die aufeinanderfolgenden Abschnitte „Technikstabilisierung“, „Technikvariabilität“ und „situative Technikanwendung“ beinhaltet. Diese Abstufung kann gleichermaßen auf die Chronologie der Zielsetzungen innerhalb einer Trainingseinheit als auch auf die Verlagerung der Schwerpunktsetzung während der langfristigen Leistungsentwicklung eines Spielers bezogen werden.

Unter Technikstabilität verstehen wir eine möglichst hohe Schlagsicherheit aller Grundtechniken in Standardspielsituationen. Die Technikstabilität muss in einem zweiten Schritt, speziell auf mittlerer und höchster Leistungsebene, durch Technikvariabilität erweitert werden. Die Verbesserung der Technikvariabilität betrifft sowohl die Ausführung der Schlagtechnik (z.B. harter und weicher Schlag) als auch die Anpassung der Grundtechnik an verschiedene Spielsituationen (z.B. tiefer und hoher Treffpunkt). Ein systematisches Training der Variabilität kann durch ein monotones Wiederholen einzelner Technikvarianten gekennzeichnet sein oder es folgt alternativen Ansätzen, die unter anderem durch den Begriff des „Differenziellen Lernens“ (Schöllhorn, 2005) propagiert werden, in dem verschiedene Ausführungsvarianten in unregelmäßiger Reihenfolge verknüpft werden.

Das Training von Technikstabilität und Technikvariabilität geht zuweilen auf Kosten der spieladäquaten, situativen Technikanwendung und des Spielverständnisses. Deshalb werden auf höchster Leistungsebene die Bereiche Stabilität und Variabilität zunehmend durch ein Technikanwendungstraining ersetzt. Hierbei wird das gesamte Schlagrepertoire unter spieltypischen Bedingungen (ggf. unter Verschärfung der koordinativ-konditionellen Anforderungen oder unter Beachtung spieltaktischer Leitlinien) eingesetzt. Die höchste Stufe des Techniktrainings bildet somit gleichzeitig den Übergang zum Taktiktraining.

TAKTIK: Die Taktik gehört ebenfalls zu den wesentlichen Leistungsfaktoren des Tennissports. Unter Taktik versteht man die Fähigkeit des Sportlers, sich unter Berücksichtigung der eigenen technischen Möglichkeiten Vorteile gegenüber dem Gegner zu erspielen. Die veränderten Spielfeldmaße und die Hinzunahme eines Partners kennzeichnen das Doppel gegenüber dem Einzel als völlig eigenständige und unterschiedliche Wettkampfform. Ihre taktischen Besonderheiten stehen sich sogar häufig konträr gegenüber. Für die Differenzierung des Bereichs Taktik bietet sich auf erster Ebene daher die Unterscheidung in Einzel- und Doppeltaktik an. Die Aufrechterhaltung dieser Differenzierung ist nicht nur inhaltlich zu rechtfertigen, sondern soll auch als ein Signal an Spieler, Trainer und Turnierveranstalter gelten, dieser bedeutsamen Wettspielform zukünftig eine höhere Wertschätzung zu geben.

Taktisches Handeln erfordert zunächst Stabilität und Variabilität der Schlagtechnik. So besteht das Taktiktraining, in Überschneidung mit dem Techniktraining, auf der ersten Stufe aus einem an den taktischen Erfordernissen ausgerichteten, speziellen Techniktraining. Erst auf der zweiten Lernstufe erfolgt die Vermittlung und das Training von taktischen Grundregeln. Hierbei werden besonders empfehlenswerte Spielzüge (z.B. Rückhand-Angriffsball longline) systematisch wiederholt. Das Taktiktraining im eigentlichen Sinne beinhaltet dann auf einer dritten Stufe, in Überschneidung mit dem psychologischen Training, die Verbesserung von Situationswahrnehmung, Beurteilung und Entscheidung. Hierbei werden dem Spieler systematisch limitierte Handlungsspielräume und Freiheitsgerade angeboten, aus denen er unter Berücksichtigung der taktischen Grundregeln die jeweils situationsangemessene Entscheidung treffen muss. Diese Stufe geht schließlich in ein komplexes Taktiktraining über. Hier muss der Schüler in einer offenen Spielsituation und aus einer nicht limitierten Vielzahl an Möglichkeiten die jeweils optimale taktische Lösung finden.

PSYCHE: Die Psyche beeinflusst alle vorgenannten Teilgebiete (und teilweise auch die Kondition) mit, sodass das psychologische Training eng verzahnt ist mit dem Training von Technik und Taktik. Im psychologischen Training spielen die Bereiche Denken und Steuern (Kognition) sowie Fühlen und Wollen (Emotion und Motivation) eine herausragende Rolle. Zu den kognitiven Anforderungen des Tennisspielers gehören Wahrnehmung und Antizipation. Während des Ballwechsels muss in kürzester Zeit eine Vielzahl an Eindrücken verarbeitet werden und zu entsprechenden technisch-taktischen Gegenmaßnahmen führen. Aus emotionaler Sicht ist das Selbstvertrauen hervorzuheben, welches in kritischen Situationen nicht selten über Sieg und Niederlage entscheidet.

Zur Verbesserung der psychischen Fähigkeiten werden Trainingsformen vorgestellt, die problemlos in der Trainingspraxis umgesetzt werden können. Die im Modell vorgenommene Zweiteilung in die Bereiche Denken und Steuern sowie Fühlen und Wollen bildet gleichzeitig auch eine sinnvolle Gliederung für entsprechende Trainingsmaßnahmen (Abb. 1).

KONDITION: Dem Bereich der Kondition oder auch der Athletik werden gewöhnlich die Faktoren Kraft, Schnelligkeit, Ausdauer und Beweglichkeit zugeordnet. Diese werden in mehreren umfangreichen Kapiteln hinsichtlich ihrer tennisspezifischen Bedeutung und Erscheinungsform sowie mit zahlreichen Trainingsformen vorgestellt (Abb. 1). Verschiedene empirische Befunde sprechen auf internationalem Niveau grundsätzlich für eine Zunahme der Bedeutung der konditionellen Voraussetzungen für die Tennisleistung. Speziell der Schlaggeschwindigkeit als komplexes Produkt aus intermuskulärer Koordination, Schnelligkeit und Kraft kann aktuell eine Ausnahmestellung zugeordnet werden (Weber et al., 2010a). Selbstverständlich bedeutet dies nicht, dass die Laufschnelligkeit (Start- und Beschleunigungsfähigkeit, Reaktivkraft und Sprungkraft sowie Agility), die tennisspezifische Ausdauerleistung und die Rumpf- und Extremitätenkraft im Training vernachlässigt werden dürfen. Interessant ist zudem die Auseinandersetzung mit dem Beweglichkeitstraining, die in den letzten Jahren zu sehr unterschiedlichen Konzepten und einer deutlichen Verunsicherung in der Sportpraxis geführt hat. Dies gilt in gleicher Weise für moderne Ansätze des funktionalen Krafttrainings und des High-Intensity-Ausdauertrainings (HIT).

GESUNDHEIT UND ERNÄHRUNG: Neben den üblicherweise genannten Leistungskomponenten besitzen auch Gesundheit und Gesunderhaltung einen herausragenden Einfluss auf Leistung und Leistungsentwicklung eines Tennisspielers. Nur wer ohne Verletzungspausen kontinuierlich den erforderlichen Trainingsumfang bei entsprechender Trainingsqualität aufrechterhalten kann, wird langfristig den erwünschten Erfolg erzielen. Folglich sind aus orthopädischer, internistischer und leistungsphysiologischer Sicht alle Bemühungen zur Gesunderhaltung und Verletzungsvorsorge nötig, um den stetig hohen Beanspruchungen im Leistungstennis gewachsen zu sein. Von aktuell zunehmendem Interesse ist in dem Zusammenhang die Kenntnis über die Wirksamkeit von regenerativen Maßnahmen, da dieser wichtigen Phase im Trainingsverlauf bislang zu wenig Beachtung geschenkt wurde.

Neben den möglichen Schädigungen und Gefahren des Bewegungsapparats sollte nicht vergessen werden, dass der Tennissport auch für eine Vielzahl an positiven Effekten verantwortlich ist. Es ist erwiesen, dass durch regelmäßiges Tennisspiel die körperliche Leistungsfähigkeit erhöht und das Risiko typischer Bewegungsmangelkrankheiten gesenkt werden kann. Trotzdem sollten, vor allem bei älteren Spielern, spezielle Empfehlungen für das Training von Muskulatur und Herz-Kreislauf-System eingehalten werden. Dieser Aspekt wird unter anderem durch die Initiative zum Kardiotennis durch DTB und ITF berücksichtigt und im Buch an entsprechender Stelle vertieft dargestellt.

Schließlich ist auch eine ausgewogene und den Anforderungen angemessene Ernährung für jeden Tennisspieler eine unverzichtbare Grundlage für die Realisierung seiner Leistungsfähigkeit und für eine langfristig optimale Leistungsentwicklung. Dies muss bereits im Kindes- und Jugendalter durch Trainingsumfeld und Elternhaus vermittelt werden, denn nur auf diese Weise erziehen wir unsere Nachwuchsspieler zu späteren mündigen Athleten, die selbstverantwortlich ihr Training und alle trainingsbegleitenden Maßnahmen steuern.

1.1.2 Empirische Daten zum Beanspruchungsprofil im Tenniswettkampf

Unter dem Begriff des Beanspruchungsprofils (teilweise synonym zu Anforderungsprofil) werden üblicherweise die zählbaren bzw. messbaren motorisch-technischen Aktivitäten sowie die psychologisch und physiologisch quantifizierbaren Reaktionen während Tennistraining und Tenniswettkampf zusammengefasst. Diese Daten liefern eine wichtige Basis für die Trainingssteuerung, da allgemein ein Konsens darin besteht, dass Trainingsinhalte möglichst eng die Anforderungen und Beanspruchungen des Tenniswettkampfs abbilden sollten. In zahlreichen nationalen und internationalen Veröffentlichungen werden diesbezüglich Daten zunehmend differenziert und stetig aktualisiert angeboten. Die nachfolgende Zusammenfassung soll als kompakte Übersicht der wichtigsten Erkenntnisse verstanden werden.

BEANSPRUCHUNGSSTRUKTUR: Beim Tenniswettkampf handelt es sich um eine überwiegend azyklische Kurzzeit-Intervallarbeit der gesamten Körpermuskulatur (obere und untere Extremitäten sowie Rumpfmuskulatur) mit überwiegend extensiven und teilweise intensiven und schnellkräftigen Belastungsphasen von variabler und unvorhersehbarer Dauer. Die Gegenüberstellung von Sauerstoffaufnahme und respiratorischem Quotient während eines Tennis-Einzels und während des Joggings mit identischem Energieumsatz zeigt deutlich die strukturellen und demzufolge physiologischen Unterschiede beider Beanspruchungsformen auf (Abb. 2).

Abb. 2:

Sauerstoffaufnahme (VO2) und respiratorischer Quotient (RQ) beim Tennis (oben) und Jogging (Ferrauti, et al., 2001a)

Dargestellt sind Sauerstoffaufnahme (VO2) und respiratorischer Quotient (RQ) eines Ranglistenspielers (Herren 50) während eines zweistündigen Trainingsmatches (oben) und einer Laufbandbelastung mit identischem Energieumsatz. Der arrhythmische und disharmonische Verlauf im Tennis belegt die Existenz von Belastungsspitzen mit höherer kardiopulmonaler Auslastung und vermehrtem Kohlenhydratstoffwechsel (Ferrauti, et al., 2001a). Gleichzeitig gibt die Abbildung einen ersten Hinweis darauf, dass ein Ausdauertraining ausschließlich nach der Dauermethode nicht dem Beanspruchungsprofil des Tennissports gerecht wird.

Einen erheblichen Anteil an der energetischen Beanspruchung des Tennisspiels besitzen die Schlagaktivitäten. Dies ist ein häufig vernachlässigter Aspekt, wenn die Beanspruchung im Tennis ausschließlich an der zurückgelegten Wegstrecke beurteilt wird. In einer Untersuchung mit Turnierspielern der regionalen Klasse betrug die Ausschöpfung der maximalen Sauerstoffaufnahme bei einem intensiven Schlagtraining „aus dem Stand“ deutlich über 80% (Abb.3). Dabei ist der Energieumsatz bei Vorhandschlägen mit maximaler Schlaghärte höher als bei der Rückhand; allerdings werden mit der Vorhand auch höhere Schlaggeschwindigkeiten erzielt (Fernández-Fernández, et al., 2010).

Abb. 3:

Sauerstoffaufnahme (V.O2) während eines VH- und RH-Schlagtrainings aus dem Stand mit submaximaler und maximaler Schlaghärte (in Klammern ist die jeweilige Ausschöpfung der V.O2max angegeben) (Fernández-Fernández, et al., 2010)

SPIEL- UND PAUSENZEITEN: Die physische und psychische Beanspruchung im Tenniswettkampf wird durch eine intervallförmige Belastungsstruktur geprägt, bei der sich kurze intensive Belastungen (vorrangig 2-9 s) mit längeren Erholungsphasen zwischen den Ballwechseln (12-20 s) und beim Seiten- bzw. Satzwechsel (90-120 s) stetig abwechseln. In der internationalen Klasse sinkt die Ballwechseldauer in den vergangenen Jahren stetig ab und es kommt zu einer Angleichung der Spiel- und Pausenzeiten auf Sand- und Hartplätzen (Weber, et al., 2010b).

Zwischen den beiden Endspielen der US-Open 1988 (Wilander vs. Lendl) und 2003 (Roddick vs. Ferrero) sank die mittlere Ballwechseldauer um nahezu die Hälfte (auf ca. 6 s) bei ebenfalls deutlicher Abnahme der Pausendauer (auf ca. 15 s) (Kovacs, 2004). Bei den French Open der Herren in Paris 2003 (zwei Halbfinale und Finale) betrug der Mittelwert der Belastungsdauer pro Punkt 7,0 ± 6,2s bei einer mittleren effektiven Spielzeit von 16,2%. Bei den US-Open 2002 auf Hartplätzen lagen Belastungszeit (5,0 ± 4,7 s) und effektive Spielzeit (13,8 %) nur etwas niedriger. Die Angleichung von Sandplatz- und Hartplatztennis eröffnet herausragenden Sandplatzspielern (z.B. Nadal) die Möglichkeit, ohne wesentliche Spielsystemänderungen auch siegfähig auf Hartplatz zu werden (Ferrauti & Weber, 2009). Nach wie vor differiert die Belastungszeit in Abhängigkeit von der eigenen oder gegnerischen Spieltaktik. Bei den US-Open 2002 betrug die Ballwechseldauer von Agassi im Halbfinale gegen Hewitt im Mittel 7,3s und sank im Finale gegen Sampras auf 3,6 s (Abb. 4).

Im professionellen Damentennis dauern die Ballwechsel statistisch hochsignifikant länger als bei den Herren; eine ähnliche Tendenz gilt auch für die niedrigeren Leistungsklassen. Derzeit zeichnet sich aber auch im Damentennis ein Wandel zu kürzeren Ballwechseln und geringeren Pausenzeiten ab (Fernández, et al., 2006; Fernández-Fernández, et al., 2007).

Abb. 4:

Ballwechseldauer bei den US-Open in Abhängigkeit von der gegnerischen Spieltaktik

SCHLAGTECHNIKEN: Im professionellen Tennissport dominiert im Einzel auf Sandplätzen eindeutig das Grundlinienspiel mit ca. 60 %. Danach folgt die Spieleröffnung (Aufschlag und Return) mit ca. 32 %; Flugbälle (6 %) und sonstige Schläge (2 %) werden vergleichsweise selten gespielt. Im Doppel verschiebt sich das Verhältnis zugunsten von Spieleröffnung und Netzspiel. Gegenüber früheren Untersuchungen (Ferrauti, 1992) verdeutlichen aktuelle Daten jedoch, dass sich die Unterschiede aufgrund einer deutlich veränderten taktischen Grundausrichtung im Doppel teilweise angleichen. In beiden Fällen (Einzel und Doppel) kann aus dem analysierten Schlagartenprofil eine hohe Bedeutung der Spieleröffnung (Aufschlag und Return) abgeleitet werden, die im Training in dieser Form auf allen Ebenen leider keine Berücksichtigung findet (Abb. 5).

Abb. 5:

Historische Befunde zur prozentualen Verteilung der Schlagtechniken im Herreneinzel und -doppel (Ferrauti, 1992). Aktuell beläuft sich der Anteil der Spieleröffnung im Doppel auf ca. 45 % und jener des Grundlinienspiels auf 25-30 %

LAUFWEGE UND SCHLAGSITUATIONEN: Für etwa 80% aller Grundlinienschläge beträgt der Laufweg zur Schlagvorbereitung weniger als 3 m, sodass der Ball ohne wesentliche Zeitnot nahezu aus dem Stand geschlagen werden kann. In ca. 20 % aller Schlagsituationen befinden sich die Spieler unter mehr oder weniger großem Zeitdruck. Dabei stellten wir fest, dass die Laufstrecken unter Zeitdruck zunehmen und zur Vorhand im Mittel über 4 m und zur Rückhand ca. 3,5 m betragen, mit Maximalwerten von 9-12 m. Grundsätzlich dominiert unter Zeitdruck eindeutig der Lauf zur Seite (speziell zur Vorhandseite) an der Grundlinie (81,1 %), während ein Sprint nach vorn (13,0 %) deutlich seltener eingefordert wird (Weber, et al., 2007).

Abb. 6:

Prozentuale Fehlerquote in Abhängigkeit von Laufstrecke und Zeitdruck (ZD) bei der Schlagvorbereitung (Ferrauti & Weber, 2009)

Sowohl bei den Australian Open 2006 als auch bei den French Open 2007 stellten wir an jeweils repräsentativem, exklusivem Untersuchungsgut (jeweils alle Spiele im Viertelfinale, Halbfinale und Finale) fest, dass die Fehlerquote unter Zunahme des Zeitdrucks exponentiell ansteigt (Abb. 6). Schläge unter Zeitdruck haben demnach eine besondere Bedeutung für Sieg oder Niederlage im Tennis und bedürfen daher besonderer Beachtung, nicht nur im Technik- und Schnelligkeitstraining, sondern auch im tennisspezifischen Ausdauertraining (Ferrauti & Weber, 2009).

ENERGIEBEREITSTELLUNG: In der Arbeitsmuskulatur erfolgt die Energiebereitstellung vorwiegend anaerob-alaktazid über die energiereichen Phosphate Adenosintriphosphat (ATP) und Kreatinphosphat (KP) (während des Ballwechsels) sowie aerob über den Abbau von Kohlenhydraten und teilweise Fetten (während der Pausen). Folglich bleibt die mittlere Blutlaktatkonzentration im Trainingseinzel gering (zwischen 1,8-2,8 mmol/l) und auch unter realen Turnierbedingungen werden im Durchschnitt nur 2,5-3,5 mmol/l erreicht. Der maximale Wettkampfbereich (Belastungsspitzen) liegt zwischen 6 und 8 mmol/l. Die Spielpausen sind demnach in der Regel lang genug, um Kreatin sowie Adenosinmonophosphat (AMP) und Adenosindiphosphat (ADP) über Atmungskette und oxidative Phosphorylierung zu den energiereichen Phosphaten Kreatinphosphat (KP) und Adenosintriphosphat (ATP) zu regenerieren. Die höhere laktazide Beanspruchung im Turniereinzel (20 % der Blutlaktatkonzentrationen über 4 mmol/l) kann auf die höhere Leistungsmotivation (und dadurch Spielintensität) und auf die stärkere adrenerge Stimulation (und dadurch ggf. höhere Muskelanspannung, geringere Bewegungsökonomie sowie katecholaminbedingte Aktivierung von Glykogenolyse und Glykolyse) zurückgeführt werden (Abb. 7).

Abb. 7:

Prozentuale Häufigkeit von Blutlaktatkonzentrationen in definierten Bereichen während eines Trainings- und Turniereinzels im Herrentennis (jeweils 70 Messungen bei 10 Spielern). Die gleichen Gegner absolvierten an einem zweiten Versuchstag im Anschluss an ein Mannschaftsturnier (Verbandsliga/Oberliga) ein Trainingseinzel gegen den gleichen Gegner

Die aktuelle Blutlaktatkonzentration unterliegt im Matchverlauf erheblichen Schwankungen und kann als (weitgehend zufälliges) Resultat von Ballwechseldauer und -intensität sowie des Musters der aufeinanderfolgenden Ballwechsel betrachtet werden. Ein intensiver und lang andauernder Ballwechsel (gefolgt von drei kurzen Ballwechseln) reicht aus, um die Blutlaktatkonzentration von Spielern der regionalen Klasse dauerhaft auf ca. 4-5 mmol/l zu steigern (Abb. 8). Ein solches Muster ist typisch für den Tenniswettkampf auf internationalem Niveau (Abb. 4) und erklärt daher die dort üblicherweise gemessenen Blutlaktatkonzentrationen.

Abb. 8:

Beispielhafte Entwicklung der Blutlaktatkonzentration im Verlauf von acht intensiven Einzelpunkten mit unterschiedlicher Dauer (2 Spiele) unterbrochen durch einen Seitenwechsel (Ferrauti & Weber, 2009)

SUBSTRATVERSTOFFWECHSLUNG: Die Energiebereitstellung wird im Tennissport in erster Linie von den Kohlenhydraten getragen (ca. 70-80 %). Deren Anteil an der Energiebereitstellung liegt bei gleichem kalorischen Gesamtumsatz beim Tennis deutlich höher als beim Jogging. Im Damentennis liegt die Fettoxidation grundsätzlich etwas höher als im Herrentennis. Der Fettanteil steigt mit fortschreitender Spieldauer an und kann nach 60-90 min bis zu 40 % erreichen. Bei Wettkämpfen mit langer Zeitdauer oder in dichter Folge werden vermehrt auch Eiweißbausteine (Aminosäuren) zur Energiebereitstellung herangezogen. Der Kalorienumsatz (brutto) beträgt im Tenniswettkampf bei männlichen Turnierspielern (ca. 80kg) durchschnittlich ca. 600-800 Kilokalorien/Stunde entsprechend ca. 2.400-3.200 KJ/Stunde (Ferrauti, 1999).

HÄMODYNAMIK: Das Herz-Kreislauf-System wird im Verlauf des gesamten Tenniswettkampfs mit ca. 60 % der maximalen Sauerstoffaufnahme vorrangig auf submaximalem Niveau belastet. Wegen der teilweise hohen psychischen und konzentrativen Belastungen liegt die mittlere Herzfrequenz im Aktivenalter im Gesamtdurchschnitt vergleichsweise hoch (ca. 160 Schläge/min), in einzelnen Spielphasen werden auch Herzfrequenzen von 180-200/ Schläge/min erreicht. Der systolische Blutdruck während des Wettkampfs beträgt beim Herrentennis im Mittel ca. 210 ± 30 mmHg. Blutdruckspitzenwerte jenseits von 250 mmHg sind keine Ausnahme und können ebenfalls auf die vergleichsweise hohe psychische Beanspruchung (Aktivierung des sympathischen Nervensystems) sowie auf die beachtlichen statischen Anteile bei der Muskelkontraktion zurückgeführt werden (Strüder et al., 1995).

PSYCHISCHE BEANSPRUCHUNG: Untersuchungsergebnisse zur Katecholaminausscheidung im Urin sprechen dafür, dass die psychische Beanspruchung im Tennissport gegenüber anderen Freizeitaktivitäten wie Jogging (Ferrauti et al., 2001b) und Golf (Ferrauti et al., 1997) deutlich höher liegt. Ursächlich hierfür können die intervallförmige Belastungsstruktur mit teilweise hohen Belastungsspitzen, die Alleinverantwortlichkeit des Spielers (im Vergleich zum Mannschaftssport), die hohen motorischen Präzisionsanforderungen (nicht das maximale, sondern das optimale Aktivierungsniveau ist gefordert) und die Besonderheiten der Zählweise (kein Unentschieden, kein Spiel auf Zeit) angeführt werden. Unter Turnierbedingungen steigt die Adrenalinausscheidung um den Faktor 3,5 höher an, sodass eine leistungsbeeinträchtigende Diskrepanz der adrenergen Stimulation gegenüber der Trainingssituation entstehen kann (Abb. 9). Im Einzelfall leiden Tennisspieler im Turnier deshalb unter erheblichen Leistungseinschränkungen. Bis in die absolute Weltspitze (Daten aus mehreren Davis-Cup-Begegnungen liegen uns vor) kann dies als ein individuelles und über mehrere Matches überdauerndes Merkmal registriert werden (Ferrauti et al., 2001b), dem in der sportpsychologischen Betreuung nur begrenzte Interventionsmöglichkeiten gegenüberstehen.

Abb. 9:

Metabolische und motivationale Diskrepanz zwischen Trainingseinzel und Turniereinzel (Ferrauti et al., 2001b). Die gleichen Gegner traten zweimal gegeneinander an

LITERATURÜBERSICHT:ASPEKTE DES BEANSPRUCHUNGSPROFILS IM TENNIS

Der Tenniswettkampf ist gekennzeichnet durch eine intervallförmige Ganzkörperaktivität mit kurzen Phasen intensiver bis hochintensiver Belastung (4-10 s), unterbrochen durch kurze Pausen (10-20 s) zwischen den Punkten sowie längeren Pausen beim Seitenwechsel (60-90 s) (Fernández et al., 2006; Kovacs, 2007). Die Erholungsphasen sind seit 2002 durch die ITF-Regeln (International Tennis Federation, 2002) auf 20 s zwischen den Punkten und auf 90 s beim Seitenwechsel limitiert. Die Gesamtdauer eines Matches beträgt meist mindestens eine Stunde, im Durchschnitt 1,5 Stunden, sie kann jedoch in Einzelfällen auch weit darüber liegen (das Jahrhundertmatch zwischen John Isner, USA und Nicolas Mahut, FRA, in Wimbledon 2010 dauerte 11:05 Stunden). Die Nettospielzeit beträgt auf Sandplätzen 20-30 % und auf Hartplätzen 10-15 % (Fernández-Fernández et al., 2009; Kovacs, 2007). In dieser Zeit legt der Spieler im Mittel ca. 3 m Laufstrecke pro Schlag (80 % aller Schläge unter 2,5 m) und 8-15 m pro Punkt zurück. Hierbei absolviert er durchschnittlich 2,5-3 Schläge und vier Richtungswechsel. Bei 10-20 % aller Schläge nehmen Laufstrecke für die Schlagvorbereitung und Zeitdruck zu, sodass die Schlagausführung „aus dem Lauf“ erfolgen muss (Ferrauti et al., 2003). Insgesamt absolviert ein Spieler zwischen 1.300 und 3.600 m pro Spielstunde (Fernández-Fernández et al., 2008; Deutsch et al., 1998; Murias et al., 2007; Parsons & Jones, 1998). Auf langsameren Bodenbelägen wie Sandplätzen steigt die Ballwechseldauer gegenüber Hartplätzen an (Morante & Brotherhood, 2006; Murias et al., 2007; O´Donoghue & Ingram, 2001), obwohl sich die Unterschiede in der vergangenen Dekade zunehmend angleichen (Brown & O’Donoghue, 2008; Fernández-Fernández et al., 2007 und 2008). Im Damentennis werden weniger Schläge pro Zeit, weniger Asse, weniger gewonnene Aufschlagspiele und mehr Doppelfehler beobachtet (Collinson & Hughes, 2003; O’Donoghue & Ingram, 2001). Trotzdem steigt die Athletik im Damentennis in den vergangenen Jahren erkennbar an (Aufschläge über 180 km/h sind inzwischen üblich) und es kommt zu einer zunehmenden Angleichung der Spielstruktur zwischen Damen- und Herrentennis (Brown & O’Donoghue, 2008).

1.1.3 Besonderheiten der Beanspruchung im Tennistraining

Grundsätzlich sollte die Qualität der körperlichen Beanspruchung im Training dem wettkampftypischen Beanspruchungsprofil möglichst nahekommen, damit neben der tennisspezifischen Technik und Taktik der Schläge und Beinarbeit auch die häufigsten Energiestoffwechselwege berücksichtigt werden. Diese trainingswissenschaftliche Grundregel überlässt der Sportpraxis einen weitreichenden Interpretationsspielraum, da hierdurch nicht eindeutig hervorgeht, ob die durchschnittliche Wettspielbeanspruchung, die mittlere Peakbeanspruchung oder die Maximalbeanspruchung gemeint ist. Ferner ist offen, ob das Training exakt das wechselhafte Beanspruchungsprofil simulieren oder (je nach Trainingsziel) vereinzelte Bereiche, wie zum Beispiel den hochintensiven Bereich, komprimiert und verdichtet thematisieren sollte. Schließlich bleibt völlig unklar, mit welchem Umfang und zu welchem Zeitpunkt im Mikro- und Makrozyklus bzw. in der Ganzjahresperiodisierung die verschiedenen Intensitätsbereiche angesteuert werden sollten (Abb. 10).

Abb. 10:

Interpretationsmöglichkeiten des Beanspruchungsprofils im Tenniswettkampf für die Belastungssteuerung im Tennistraining (B)

B x-ges: mittlere Beanspruchung

B x-peak: mittlere Peakbeanspr. (grüne Punkte)

Bmax: Maximalbeanspruchung (blauer Punkt)

Bprofil: Simulation des Beanspruchungsprofils

Bprofil OR: verschärfte Simulation (Overreaching)

Aus den genannten Gründen kann daher in der Praxis beinahe jede Trainingsintervention plausibel begründet werden. Da zudem ein erheblicher Mangel an trainingswissenschaftlichen Untersuchungen zu den kurz- und insbesondere mittel- und langfristigen Effekten verschiedener Trainingsinterventionen existiert, bleibt eine Verunsicherung über zweckmäßige Inhalte und Intensitäten im Tennistraining bestehen. Im Folgenden werden die national und international bestehenden Untersuchungsergebnisse zur Beanspruchung im Tennistraining präsentiert, um zumindest eine Groborientierung für die Ableitung von Trainingsempfehlungen zu ermöglichen.

In einem komplexen Untersuchungsansatz des eigenen Arbeitskreises wurden Trainingsformen zur Technikstabilisation (VH-Winner), zum Schnelligkeitstraining (Sprint+Schlag) und zum Drilltraining (VH/RH-Drill) sowie zu komplexen Spielformen (z.B. Baseliner) in verschiedenen Varianten mit zunehmender Schlagzahl pro Wiederholung unter kontrollierten Untersuchungsbedingungen auf ihre metabolischen und koordinativen Effekte überprüft (Ferrauti et al., 1999). Trainiert wurde jeweils in der Dreiergruppe (Belastungs-/Pausenverhältnis 1:2). Hierzu werden im Folgenden einige ausgewählte Ergebnisse vorgestellt:

TRAININGSFORM „VH-WINNER“: Das Ziel der Trainingsform liegt in der Stabilisierung des druckvollen und zugleich platzierten Vorhandwinners aus rückhandseitiger Grundlinienposition. Hierzu wird den Spielern abwechselnd zur Mittellinie und im direkten Anschluss zur Rückhandseite zugespielt. In mehreren Untersuchungsabschnitten wurden einem Spieler entweder vier, acht oder 12 Schläge hintereinander zugespielt. Jeweils zwei Spieler pausierten in dieser Zeit.

Laufwege zur Schlagvorbereitung:

2-3 m

Zeitdruck für die Schlagvorbereitung:

mittel

Schläge in Folge:

4, 8, 12

Belastungsdauer:

ca. 15, 30, 45 s

Pausendauer:

ca. 30, 45, 60 s

Gesamtschläge:

ca. 120

Die Ergebnisse belegen, dass bei Spielern der regionalen Klasse (Verbandsliga/Oberliga) bereits bei jeweils 12 Schlägen in Folge (ca. 45 s Belastungsdauer) über insgesamt 120 Schläge bei durchschnittlich 4-5 mmol/l Blutlaktat die Schlagschnelligkeit tendenziell geringer ausfällt als bei kürzeren Schlagfolgen (Abb. 11). Bei Schlagfolgen von 6-10 Schlägen erreichen die Spieler insgesamt die höchste Schlagqualität (Präzision und Geschwindigkeit). Sehr kurze Schlagfolgen mit nur vier Schlägen wurden von den Spielern subjektiv als ungünstig, als nicht rhythmisch empfunden.

Abb. 11:

Entwicklung der Schlaggeschwindigkeit im Trainingsverlauf der Übung „VH-Winner“ in Abhängigkeit von der Länge der Schlagfolgen

TRAININGSFORM „SPRINT+SCHLAG“: Diese Trainingsformen zielen auf eine Verbesserung der tennisspezifischen Laufschnelligkeit ab. Dabei werden Schläge unter hohem/höchstem Zeitdruck absolviert. Hierzu werden die Bälle so zugespielt, dass sie im Sprint nur mit maximalem Einsatz erreicht werden können. Die Reizhöhe beläuft sich demnach im Idealfall auf 100%. Hierbei stellt sich die Frage, über welchen Zeitraum (Reizdauer) eine derartige Reizhöhe gefordert werden kann (Anzahl der Schläge bzw. Sprints mit Richtungswechsel) und wie lang die notwendige Pausendauer bei gegebener Reizdauer ausfallen muss, ohne zu einer Verringerung der Trainingseffizienz zu führen. Bei der entsprechenden Belastungsdosierung ist zu bedenken, dass eine adäquate Reizsetzung auf das neuromuskuläre System nur solange besteht, wie eine hohe/maximale Laufschnelligkeit und Schlagqualität aufrechterhalten werden kann. Letzteres ist bei erhöhter Azidose nur schwer möglich.

Laufwege zur Schlagvorbereitung:

1-3 x 4-8 m

Zeitdruck für die Schlagvorbereitung:

maximal

Schläge in Folge:

1-3

Richtungswechsel:

0-2

Belastungsdauer:

3-9 s

Pausendauer:

10-45 s

Die Ergebnisse unserer Untersuchungen ergaben, dass bei einer Reizhöhe von 90-100 % und einer Belastungsdauer von 2-3 s (1-2 Schläge) eine minimale Pausendauer von ca. 15s Dauer erforderlich ist, um einen Anstieg der Blutlaktatkonzentration auf 7-8 mmol/l (Abb. 12, unten) und signifikante Einbußen der Laufschnelligkeit beim Sprint zum Ball zu vermeiden. Erhöht sich die Reizdauer bei gleichbleibender Reizhöhe auf 3-5 s (drei Schläge), muss die entsprechende Pausendauer (eine aktive Pausengestaltung ist zu bevorzugen) sogar auf wenigstens 45 s ausgedehnt werden.

In einer flankierend hierzu durchgeführten Trainingsstudie speziell zur Übung „Passierballsprint“ (Ferrauti et al., 2001c) erfolgte im Anschluss an einen maximalen 8-m-Sprint ein Passierschlag longline. Die Sprintzeiten wurden per Lichtschranken (t1-t3) gemessen. Verglichen wurden die Leistungen mit 10 s Pause zwischen den Sprints (entsprechend einem Training in der Zweiergruppe) und mit 15 s Pause (Dreiergruppe). Die Verringerung der Sprintschnelligkeit bei kurzer Pause (Abb. 12 oben) kann durch die unzureichende Wiederherstellung (oxidative Rephosphorylierung) der muskulären Kreatinphosphatkonzentration während der Pause und die dadurch bedingte Aktivierung der Glykolyse begründet werden. Die folglich steigenden Blutlaktatkonzentrationen (Abb. 12 unten) verursachen schließlich eine negative Feedbackhemmung der glykolytischen Flussrate und demzufolge eine Senkung der Sprintleistung. Auch die Schlaggeschwindigkeit sinkt unter diesen Umständen, da die Passierschläge wegen der verlangsamten Schlagvorbereitung bei schlechterer Stellung zum Ball absolviert werden (Abb. 12 oben).

Abb. 12:

Entwicklung von Laufgeschwindigkeit (t3, oben) und Blutlaktatkonzentration im Trainingsverlauf der Übung „Passierballsprint“ in Abhängigkeit von der Pausendauer

TRAININGSFORM „VH/RH-DRILL“: Das Ziel der Trainingsform besteht darin, häufig auftretende Schlagkombinationen unter maximaler metabolischer Wettkampfbeanspruchung einzuüben und zu ökonomisieren. Gleichzeitig soll die tennisspezifische Schnelligkeitsausdauer und die Belastungsverträglichkeit bzw. Willensstärke erhöht werden. Hierzu spielt der Trainer mehrere Bälle hintereinander in unsystematischer Reihenfolge auf Vorhand und Rückhand unter Variation von Richtung, Länge, Tempo und Drall des Zuspiels zu.

Laufwege zur Schlagvorbereitung:

4-8 m

Zeitdruck für die Schlagvorbereitung:

submaximal

Schläge in Folge:

4-8 oder mehr

Richtungswechsel:

3-7 oder mehr

Belastungsdauer:

15-30 s

Pausendauer:

45-90 s

Beim Vergleich von Drillvarianten mit 4-8 Schlägen in Folge in der Dreiergruppe 10 mmol/l ansteigt und im Einzelfall knapp 15 mmol/l erreicht werden. Dieser Azidosebereich wird unter Wettkampfbedingungen niemals erreicht (Abb. 13). Trotz dieser Tatsache und der unvermeidlichen Einbuße an Schlagqualität und Laufschnelligkeit im Trainingsverlauf findet gerade diese Form des Drilltrainings national und international von Trainern und Spielern eine hohe Akzeptanz und Verbreitung und verlangt daher eine vertiefende Betrachtung.

Abb. 13:

Blutlaktatkonzentration bei unterschiedlichen Trainings- und Spielformen in Abhängigkeit von der Belastungsdauer (Schlagzahl pro Wiederholung) (Ferrauti et al., 1999)

Auch Reid et al., (2008) untersuchten die physiologischen Reaktionen von vier typische, intensiven Trainingsdrills (On-Court-Drills) im Tennis, die entweder mit einer Belastungsdauer von 30 s oder sogar 60 s absolviert werden mussten (bei jeweils 30 s Pause). Die Blutlaktatkonzentrationen differierten zwischen den Trainingsformen im Mittel zwischen 4,5 und 10,5 mmol/l, sodass die Autoren eine Nähe zum maximalen Wettkampfbereich konstatierten. Die Verlängerung der Belastungsdauer auf 60 s verursachte eine Steigerung der Belastungsreaktionen und eine Senkung von Schlaggeschwindigkeit und Schlagpräzision. Eine wertende Stellungnahme zu dieser Tatsache blieb von den Autoren jedoch aus. Festzustellen ist, dass die klassischen Belastungsnormative auch im Tennistraining zur Belastungsdosierung geeignet sind. Offen bleibt jedoch auch in dieser Studie die Definition einer geeigneten Zielgröße für die Belastungssteuerung.

In einer weiteren Trainingsstudie widmeten sich Fernández-Fernández et al. (2010) dem Einfluss des Bodenbelags auf die Intensität im Tennistraining. Überraschenderweise stellten die Autoren fest, dass, im Gegensatz zum Tenniswettkampf, bei standardisierten Trainingsformen keine Unterschiede zwischen einem Training auf Sandplätzen oder auf schnellem Teppichboden feststellbar sind. Offensichtlich spielt der Bodenbelag auf die Spieltaktik, anders als im Wettspiel, bei definierten Zuspielformen im Training keinen nennenswerten Einfluss auf die Reizhöhe. Energetische Unterschiede im Abdruckverhalten beim Richtungswechsel (Rutschen auf Sandplätzen) sind ebenfalls von untergeordneter Bedeutung.

Ein hochinteressanter weiterer Aspekt dieser Studie bezieht sich auf die enorme Bedeutung der Schlaghärte für den Energieumsatz in Tenniswettkampf und -training. So stellten die Autoren fest, dass die Aneinanderreihung von maximalen VH- oder RH-Schlägen „aus dem Stand“, also ohne nennenswerte Laufwege, zu einer erheblichen metabolischen Beanspruchung führt und die maximale Sauerstoffaufnahme zu 80-90 % auslastet (Abb. 3). Dies ist im Training zu berücksichtigen, wenn sowohl maximale Lauf- als auch Schlagaktivitäten gefordert werden. Nach den vorliegenden Befunden schließt sich beides weitgehend gegenseitig aus. Gleichzeitig wird die besondere energetische Bedeutung der Arbeitsmuskulatur von Rumpf und oberen Extremitäten im Tennissport deutlich. Für die Trainingssteuerung bedeutet dies, dass, neben einem reinen Lauftraining, immer auch eine komplexe tennisspezifische Ganzkörperbeanspruchung zu fordern ist.

DISKUSSION ZUR BEANSPRUCHUNG IM TENNISTRAINING: Die vorliegenden Untersuchungsergebnisse stehen teilweise im Widerspruch zu gängigen Leitbildern und Empfehlungen in der nationalen und internationalen Trainingspraxis. Die enge und ausschließliche Orientierung des Tennistrainings an der metabolischen, strukturellen und koordinativen Beanspruchung im Tenniswettkampf wird in der Praxis seit Langem abgelehnt. Zahlreiche Drills überschreiten daher regelmäßig auch die maximalen metabolischen (> 10 mmol/l Blutlaktat), strukturellen (> 50 s Belastungsdauer) bzw. koordinativen Wettkampfanforderungen (bis zu 150 Schläge in Folge) (Abb. 11). Diese Trainingsinhalte erfahren in abgeschwächter und modifizierter Form unter der Bezeichnung „High-Intensity Endurance Training“ oder „Repeated Sprint Ability Training“ (Fernández-Fernández et al., 2011) auch von theoretischer Seite Zuspruch (Kap. 8).

„Extremdrills“ werden damit begründet, dass aus der Mischung von hochintensiver Belas­tungsverträglichkeit (weit über das im Wettkampf geforderte Maß hinaus) und koordinativer Perfektionierung (maximale Automatisierung von Schlag- und Laufbewegungen durch unzählige Schlagwiederholungen) eine vollständig stabile mentale und motorische Sicherheit gegenüber den arrhythmischen und unvorhersehbar kurze, aber hochpräzisen Wettspielanforderungen entsteht. Dieses Bestreben ist zunächst als ein sinnvolles Leitbild zu akzeptieren, auch wenn kurzfristige Einbußen der Schlag- und Laufgeschwindigkeit im Trainingsverlauf unter diesen Bedingungen unvermeidlich sind und eine Fokussierung auf die extremen Qualitäts- und Präzisionsanforderungen jedes einzelnen Schlags im Match unterbleibt. Ferner besteht bei akuter Übersäuerung der Arbeitsmuskulatur (z.B. Blutlaktatwerte über 10 mmol/l) die Gefahr, dass sich der Tennisspieler noch während der Trainingsform oder spätestens bei der nächsten Trainingsübung in seiner Bewegungsdynamik schont und sich die koordinativen Fehlleistungen häufen. Bei chronischer Übersäuerung an mehreren Trainingstagen innerhalb einer Woche leidet der Trainingsumfang sowie die Effizienz, gegebenenfalls im Gefolge mit Übertrainingssyndrom und Leistungsstagnation bzw. -rückschritt.

Als ein möglicher Kompromiss beider Trainingsphilosophien sollte im Rahmen der langfristigen Trainingssteuerung berücksichtigt werden, dass mit zunehmender Annäherung an die entscheidende Turnierphase das matchnahe Training vermehrt in den Vordergrund und das undifferenzierte, extreme Drilltraining in den Hintergrund rückt. Hierunter verstehen wir die gleichzeitige Optimierung von Laufschnelligkeit und Schlagqualität (maximale Präzision und Geschwindigkeit) durch die Vorgabe von trennscharfen Zielbereichen zur Präzisionskontrolle und eine angemessene Belastungssteuerung.

PRAXISTIPPS:

Für ein Techniktraining unter höchstem Präzisions- und Qualitätsdruck und maximaler Schlaggeschwindigkeit sind Schlagfolgen mittlerer Länge (6-10) zu bevorzugen.

Ein effizientes Schnelligkeitstraining beinhaltet maximal 2-3 Schläge in Folge (1-2 Richtungswechsel) unter höchstem Zeitdruck. Die Pausendauer beläuft sich bei maximaler Reizhöhe und einer Reizdauer von 2-3 s auf mindestens 15 s und bei einer Reizdauer von 5-6 s auf mindestens 45 s.

Beim Drilltraining mit langen Laufwegen unter submaximalem Zeitdruck wird der maximale Wettkampfbereich (8-10 mmol/l Blutlaktat) mit 6-8 Schlägen in unmittelbarer Folge (bei 30-45 s Pause zwischen den Wiederholungen) exakt angesteuert. Spieler der nationalen und internationalen Klasse tolerieren bei gleicher Pausendauer und Reizhöhe 8-12 Schläge in Folge.

Längere Schlagfolgen (30-150 Schläge) mit submaximaler Reizhöhe und geringen Laufwegen vermitteln dem Spieler metabolisch, motorisch und mental ein wertvolles Gefühl der Sicherheit. Sie sind im Rahmen der Saisonvorbereitung und punktuell auch während der Saison individuell angemessen einzusetzen.

1.2 Leistungssteuerung und Leistungsdiagnostik im Tennis

1.2.1 Möglichkeiten und Grenzen der Leistungssteuerung im Tennis

Kybernetische Konzepte der Leistungssteuerung (Abb. 14) basieren zunächst auf einer detaillierten Analyse des Beanspruchungsprofils im Wettkampf (vgl. Hohmann et al., 2002). Nur auf diese Weise kann die Entwicklung einer validen Leistungsdiagnostik vorangetrieben und eine Übereinstimmung bzw. Annäherung der Trainingsinhalte an die im Wettkampf geforderten Beanspruchungen erzielt werden. Durch eine differenzierte Leistungsdiagnostik und den stetigen Vergleich der individuellen Leistungsfähigkeit mit geschlechts- und altersentsprechenden Normwerten (Ist-Soll-Vergleich) können die Trainingsinterventionen auf ihre Wirksamkeit hin überprüft und ggf. neu justiert werden. Im Idealfall steigt die Leistung (P) des Spielers nach stetiger Wiederholung dieses Vorgangs kontinuierlich und linear im Zeitverlauf an (Abb. 14a). Dieser idealisierte Verlauf wird in den Sportspielen aus verschiedenen Gründen niemals erreicht. Vielmehr unterliegt die Gesamtleistung eines Spielers zumeist unerklärlichen Schwankungen. Leistungssteigerungen stellen sich vielfach erst zeitverzögert ein und fordern von Trainern, Spielern und Betreuern bzw. Eltern sehr viel gegenseitiges Vertrauen und Geduld (Abb. 14b).

Abb. 14:

Modell zur Leistungssteuerung im Tennis

Die Ursache für diese Besonderheit der Sportspiele im Vergleich zu zahlreichen Individualsportarten liegt primär in der Komplexität des Anforderungsprofils (Abb. 15). So führt eine Veränderung der Schlagtechnik im Tennis (beispielsweise minimale Griffänderungen oder Umstellungen auf die einhändige Rückhand) zunächst unweigerlich zu Einbußen der komplexen Spielleistung (Spielerfolg und Spieleffizienz). Auch eine Schwerpunktsetzung auf konditionelle Aspekte des Trainings (z.B. Kraftaufbautraining) kann eine passagere negative Feedbackwirkung auf die in der Hierarchie an oberster Stelle stehenden leistungslimitierenden Faktoren besitzen, da in dieser Zeit geringere Trainingsumfang der komplexen Spielleistung gewidmet werden kann (Abb. 16).

Abb. 15:

Hierarchisierungsmodell zu den leistungslimitierenden Faktoren in den Sportspielen (mod. nach Hohmann & Brack, 1983)

In der Konsequenz dieser Problematik liegt der Schwerpunkt der Trainingsinterventionen im Tennissport leider häufig einzig in der Optimierung der komplexen Spielleistung. Dies gilt bereits für Nachwuchsspieler in den jüngsten Altersklassen (U 10-U 12), da bereits hier vielfach der kurzfristige Turniererfolg höher gewichtet wird, als die langfristige Leistungsentwicklung. Trotz schlagtechnischer Defizite (z.B. Volleyspiel), spieltaktischer Einseitigkeiten (z.B. fehlende Variationsmöglichkeiten) und unzureichenden konditionellen Voraussetzungen (z.B. Kraft und Schnellkraft) sind bei einseitig ausgerichteter Verbesserung der Spieleffizienz (günsige Fehler-Punkte-Relation) und intensiver Turnierteilnahme kurzfristig höchste Ranglistenpositionen erreichbar. Fragwürdig bleibt in diesem Zusammenhang jedoch die langfristige Entwicklungsperspektive auf internationalem Niveau.

Abb. 16:

Vorübergehende negative Feedbackeinflüsse des Grundlagentrainings im Tennis auf die komplexe Spielleistung

Zur Vorbeugung dieser Fehlentwicklung müssen die aufgezeigten Besonderheiten der Leis­tungsentwicklung im Tennis auf allen Ebenen des sozialen Umfelds von Nachwuchstennisspielern vermittelt werden. Ferner sind geeignete leistungsdiagnostische Verfahren und Organisationsstrukturen erforderlich, damit das Konditionstraining zielgerichtet die individuellen Defizite berücksichtigt und dadurch auf ein Minimum an zeitlichem Umfang reduziert werden kann. Nur so kann die Regel „nur so viel Konditionstraining wie unbedingt nötig“ beherzigt und dem zentralen Bemühen um eine Optimierung der komplexen Spielleistung ausreichend Zeit gewidmet werden.

1.2.2 Leistungsdiagnostik und der DTB-Konditionstest

Die Entwicklung geeigneter Testverfahren bezieht sich insbesondere auf den Bereich der konditionellen Faktoren, da diese am ehesten unter Einhaltung der Testgütekriterien (speziell Reliabilität und Validität) erfasst werden können. Ferner besteht gerade im Konditionstraining von Nachwuchstennisspielern die Gefahr der Vernachlässigung, sodass eine Objektivierung von individuellen Defiziten und eine Verlaufsanalyse im zeitlichen Längsschnitt von besonderer Bedeutung ist. Dies betrifft sowohl die Optimierung leistungsrelevanter konditioneller Faktoren (z.B. Laufschnelligkeit, Sprungkraft und tennisspezifische Ausdauer) als auch die Erfassung präventivmedizinisch bedeutsamer konditioneller Faktoren (z.B. Rumpfkraft und Beweglichkeit).

Der Deutsche Tennis Bund ist demnach seit vielen Jahren bestrebt, eine regelmäßige und einheitliche Leistungsdiagnostik in allen Landesverbänden, beginnend auf der D-Kaderebene, zu installieren. Beispiele hierfür sind der „Konditionstest-Tennis“, kurz KTT (Bös, Wohlmann & Schulz, 2004) und die Bemühungen von Stockhausen (et al., 1997) für eine interdisziplinäre Leistungsdiagnostik. In der gleichen Weise bemüht sich auch eine Arbeitsgruppe von Sportwissenschaftlern der International Tennis Federation, einen international akzeptierten Konsens zu einer einheitlichen Testbatterie für Tennisspieler zu formulieren (Reid et al., 2003). Entsprechende Initiativen scheiterten bislang zumeist an den individuellen nationalen oder regionalen Bedürfnissen, an geeigneten Organisationsstrukturen und auch an der Bereitschaft von Landes- und Dachverbänden, sich einer einheitlichen Vorgehensweise unterzuordnen.

Eine aktuell realisierte Initiative versucht, dem beschriebenen Defizit zumindest innerhalb der Grenzen des DTB unter der Bezeichnung „DTB-Konditionstest“ zur Optimierung der athletischen Entwicklung unserer Nachwuchsathleten (D/C-Kaderspieler der Landesverbände) zu begegnen (Ulbricht et al., 2011).

Mit hohem organisatorischen Aufwand wird die Testung mit einheitlichen Testmaterialien und Messverfahren vom Zentrum für Diagnostik und Intervention (ZeDI) der Ruhr-Universität Bochum (RUB) 2x pro Jahr dezentral in den Stützpunkten der Landesverbände durchgeführt. Die Daten fließen in eine stetig expandierende Datenbank unter Leitung des DTB ein. Leistungsbeurteilungen erfolgen anhand von Normprofilen für Halbjahrgänge nach chronologischem und biologischem Alter, um den erheblichen körperlichen Entwicklungen in den Altersklassen U 12 bis U 16 Rechnung zu tragen.

Die Vorteile dieses Konzepts bestehen insbesondere in der einheitlichen Durchführung und der stetigen Qualitätskontrolle der Testung und der dadurch besseren Vergleichbarkeit und Normierbarkeit der Ergebnisse. Hierdurch kann auf allen Seiten (DTB, Landesverbände, Spieler und Eltern) eine dauerhaft hohe Motivation zur Testteilnahme erwartet werden. Durch Dokumentation und Rückmeldung der Leistungsentwicklung, der Weiterentwicklung von Verfahren der Trainingsdokumentation sowie durch die Handreichung von videogestützten praktischen Trainingsempfehlungen für ausgewählte Trainingsziele soll die Motivation zum Athletiktraining neben dem Tennistraining gesteigert und zusätzliche Aktivitäten unserer Nachwuchsspieler auch neben dem Verbandstraining (z.B. als Heimprogramm) initiiert werden.

Die Testzeiträume sind September/Oktober (Herbst) und März/April (Frühjahr). In den jeweiligen Zeiträumen bereist das Testteam alle Landesverbände. In jedem Landesverband wird gewöhnlich an einem Nachmittag getestet. Dabei passiert jeder einzelne Spieler in einer Dreiergruppe vier Teststationen (Abb. 17).

Abb. 17:

Teststationen im Überblick

ÜBERBLICK ÜBER DIE EINZELTESTS: Inhaltlich berücksichtigt die Testbatterie die Bereiche Anthropometrie, Beweglichkeit, Gleichgewichtsfähigkeit, Kraft (u.a. Handkraft und Rumpfkraft), Laufschnelligkeit (Antritts- und Beschleunigungsfähigkeit mit und ohne Richtungswechsel), Sprungfähigkeit (Schnellkraft und Reaktivkraft), Medizinball-Wurfkraft, Aufschlaggeschwindigkeit und tennisspezifische Ausdauer. Die Testbatterie deckt sowohl allgemeine als auch tennisspezifische Inhalte ab. Zur Datenerhebung fungieren sowohl komplexe apparative Messverfahren (u.a. Lichtschranken, Radarmessystem, Beschleunigungssensoren) als auch einfache, praxisnahe Instrumente (Zollstock, Maßband, Stoppuhr). Hierdurch werden auch die Bezirke und Vereine in die Lage versetzt, ausgewählte Tests in Eigeninitiative zu organisieren und die vorliegenden Normprofile als Vergleichsgrundlage zu nutzen. Einen konkreten Überblick über alle Einzeltests und die erhobenen Normwerte zur Leistungsfähigkeit gibt die Homepage des Deutschen Tennis Bundes.

Abb. 18:

Rumpfbeuge

Abb. 19:

Schulterbeweglichkeit

Abb. 20:

Handkraft

Abb. 21:

Linearsprint

Abb. 22:

Counter Movement Jump

Abb. 23:

Standweitsprung

Abb. 24:

Liegestütz Ausgangsposition

Abb. 25:

Liegestütz Endposition

Abb. 26:

Medizinballwurf & Aufschlag-Test

RUMPFKRAFTTESTS: Drei Tests zielen auf die Erfassung der Kraftausdauer von gerader Bauchmuskulatur (Bauchtest), oberem Rücken- und Schulterbereich (Rückentest) sowie Brust-, Schulter- und Armmuskulatur (Liegestütz). Einheitlich wird der Bewegungsumfang im Testablauf exakt standardisiert. Auch die Bewegungsgeschwindigkeit wird mittels eines Pacers exakt auf eine Taktfolge mit 1,0 s Dauer pro Bewegungsrichtung vorgegeben. In dieser Zeit erfolgt eine kontrollierte Bewegungsausführung bis zur Erschöpfung.

Beim Bauchtest müssen mit rechtwinklig aufgestellten Beinen und seitlich gestreckten Armen zwei Kontrollschieber über eine Strecke von 10 cm durch Auf- und Abwärtsbewegungen des Oberkörpers vor- und zurückbewegt werden, ohne dass die Schulterblätter vollständig Bodenkontakt erhalten.

Beim Rückentest hebt der Proband in Bauchlage die gestreckten Beine, den Oberkörper und die rechtwinklig gebeugten Arme vom Boden ab. Mit zwei Kleinhanteln (in allen Altersklassen 1,0 kg) in den Händen werden die Arme 10 cm oberhalb des Bodens abwechselnd gestreckt und gebeugt (Abb. 27). Sobald die Taktvorgabe nicht mehr eingehalten werden kann, wird der Test abgebrochen und die maximale Wiederholungszahl notiert.

Benötigte Geräte/Hilfsmittel

Gymnastikmatte, Pacer, Kontrollkissen, Kontrollschieber sowie 1,0-kg-Kleinhanteln.

Parameter/Messgrößen

Maximale korrekte Wiederholungzahl [n].

Abb. 27:

Ausgangs- und Endposition bei der Durchführung des Rückentests

SCHNELLIGKEITSTESTS: Zwei komplexe Laufschnelligkeitstests werden absolviert. Der 20-m-Linearsprint (mit 5-m und 10-m-Zwischenzeitmessung) dient der Erfassung der allgemeinen Start- und Beschleunigungsfähigkeit. Der Richtungswechselsprint dient der Erfassung der tennisspezifischen Laufschnelligkeit.

Beim Linearsprint nimmt der Proband in aufrechter seitlicher Schrittstellung seine Startposition mit der vorderen Fußspitze exakt hinter einer Linie ein, die genau 50 cm hinter der Startlichtschranke auf dem Boden markiert ist. Ohne Startkommando startet der Spieler selbstständig und absolviert schnellstmöglich eine Laufstrecke von 20 m. In genau 5 m, 10 m und 20 m Abstand von der Startlichtschranke sind weitere Lichtschranken zur Registrierung von Zwischenzeiten und Endzeit ausgerichtet. Jeder Spieler absolviert nach einem Vorversuch zwei Wertungsdurchgänge mit ausreichender Pause.

Beim Richtungswechselsprint positioniert sich der Proband mit Tennisschläger in Grundstellung in der Mitte der Grundlinie und achtet auf die Startampel (Abb. 28). Auf dieser wird durch den Testleiter per Funk eine Leuchtdiode rechts oder links betätigt. Der Proband sprintet nach diesem Startsignal so schnell wie möglich nach rechts (VH-Seite des Rechtshänders) oder nach links (RH), absolviert dort einen Notschlag mit VH oder RH gegen das dort platzierte Ballpendel und sprintet anschließend maximal schnell zur Gegenseite, absolviert dort einen zweiten Schlag „aus vollem Lauf“ und läuft anschließend aus (Abb. 28). Jeder Spieler absolviert nach einem Vorversuch zwei Wertungsdurchgänge zur VH- und RH-Seite. Die Reihenfolge ist festgelegt und wird dem Spieler bekannt gegeben.

Benötigte Geräte/Hilfsmittel

Lichtschrankensystem mit vier funkgesteuerten Doppel-Lichttastern auf Stativen, 2-m-Maßband, Klebeband, Software zur Messwerterfassung und große digitale Anzeigetafel.

Parameter/Messgrößen

Linearsprint: Bestzeiten über 5 m, 10 m, 20 m, sowie Differenzzeiten [s].

Richtungswechselsprint: Bestzeiten über Richtungswechsel und Gesamtzeit jeweils in [s].

Abb. 28:

Richtungswechselsprint

SPRUNGKRAFTTESTS: Drei Sprungkrafttests werden mit unterschiedlicher Zielsetzung absolviert. Der Standweitsprung soll als einfacher Praxistest mit den erhobenen Normwerten auf Vereins- und Bezirksebene einsetzbar sein. Der Counter Movement Jump entspricht dem international üblichen Standard und misst die Vertikalsprungleistung nach dem Flugzeitverfahren auf einer elektronisch angesteuerten, mobilen Kontaktplatte.

Beim Repetition Jump Test absolviert der Proband 10 beidbeinige Vertikalsprünge unmittelbar hintereinander auf der Kontaktplatte und versucht dabei, mit jeweils kurzem Bodenkontakt und ohne Armeinsatz so hoch wie möglich zu springen (Abb. 29). Für jeden Sprung werden Bodenkontaktzeit, Flugzeit und Sprungeffizienzkoeffizient (EKA, Verrechnung aus Bodenkontaktzeit und Flugzeit) ausgewertet.

Benötigte Geräte/Hilfsmittel

Mobile Kontaktplatte, Software, PC.

Parameter/Messgrößen

Standweitsprung: Sprungweite [cm].

Counter Movement Jump: Sprunghöhe [cm].

Repetition Jump Test: Stützzeit (S) [ms]; Flugzeit (F) [ms]; EKA [F2/S].

Abb. 29:

Flugphase beim Counter Movement Jump und Ausgangsposition beim Standweitsprung (oben)

AUFSCHLAGTEST UND MEDIZINBALL-WEITWURF: Die Schnellkraft (Power) der oberen Extremität wird allgemein mittels Medizinball-Weitwürfen und tennisspezifisch mittels Radarmessung der Aufschlaggeschwindigkeit bestimmt.

Medizinballwurf über Kopf: Der Proband steht in hüftbreiter Stellung mit den Fußspitzen unmittelbar hinter der Grundlinie frontal zur Wurfrichtung. Der Abwurf erfolgt mit einer freigestellten Auftaktbewegung beidarmig oberhalb des Kopfs.

Medizinballwurf auf VH/RH-Seite: Der Proband steht in hüftbreiter Stellung mit dem vorderen Fuß unmittelbar hinter der Grundlinie seitlich zur Wurfrichtung (geschlossene Stellung). Die Ausholbewegung erfolgt mit weitgehend gestreckten Armen und mit beiden Händen fest am Ball. Der Abwurf erfolgt seitlich in Hüfthöhe.

Aufschlagtest: Der Spieler (Rechtshänder) absolviert Aufschläge mit maximaler Härte von der Einstandseite in einen Zielbereich in der Mitte des gegnerischen Feldes (RH des Rechtshänders). Linkshänder schlagen von der Vorteilseite aus auf. Mit einer Radarpistole wird die maximale Fluggeschwindigkeit des Balls nach Verlassen der Schlägerfläche ermittelt. Der Spieler absolviert nach zahlreichen Vorbereitungsaufschlägen acht Wertungsversuche. Zusätzlich wird die Anzahl der Wertungsaufschläge notiert, die den Zielbereich (150 x 60 cm) treffen (Abb. 30). Zwei Aufschläge werden mittels High-Speed-Kamera aus zwei Perspektiven gefilmt (dorsal, lateral).

Benötigte Geräte/Hilfsmittel

Medizinball 2 kg, 30-m-Maßband

Radarmessgerät, Hochstativ (3 m), 20 Dunlop-Tennisbälle, Klebeband, High-Speed-Kamera, farbige Zielfläche (150 x 60 cm), Tennisschläger.

Parameter/Messgrößen

Medizinballwurf: Maximalweite [cm].

Aufschlagtest: Mittlere und maximale Aufschlaggeschwindigkeit [km/h]; Präzision [Punkte].

Abb. 30:

Medizinballwurf & Aufschlagtest

HIT & TURN AUSDAUERTEST: Zur Ausdauerdiagnostik wird ein eigens hierfür entwickelter, akustisch gesteuerter Test auf dem Tennisplatz eingesetzt. Der Hit & Turn Tennis Test (Ferrauti et al., 2011) wurde speziell für die Bedürfnisse der Praxis entwickelt (DVD-Versand auf Anfrage bei den Autoren). In der Ausgangsposition steht der Proband mit Tennisschläger in der Mitte der Grundlinie des Tennisplatzes (Abb. 31). Mittels einer CD werden akustische Signale eingespielt. Zeitgleich zu den Signalen muss der Spieler einen Vorhand- bzw. Rückhandschlag oberhalb einer Pylone exakt auf Höhe der Doppel-Seitenauslinie absolvieren. Dazwischen erfolgen Sidesteps bis zur Spielfeldmitte und dann eine Drehung mit Lauf zum Folgeschlag. Die Abfolge der Signale beschleunigt sich im Testverlauf stufenförmig (20 Teststufen). Der Spieler versucht, der Taktfrequenz möglichst lange zu folgen. Der Test wird bis zum erschöpfungsbedingten Abbruch durchgeführt und die maximal erreichte Teststufe registriert. Der Test kann von mehreren Spielern gleichzeitig ausgeführt werden. In dem Fall werden weitere Pylonen aufgestellt.

Benötigte Geräte/Hilfsmittel

Audiogerät, Hit & Turn Test-CD, Tennisschläger, Pylonen, Pulsuhren.

Parameter/Messgrößen

Teststufe bei Testabbruch [Levelmax], daraus formelgeleitete Berechnung der relativen V. O2max [ml/min/kg], maximale und submaximale Herzfrequenz [S/min].

Abb. 31:

Testaufbau beim Hit & Turn Tennis Test

1.3 Leistungsentwicklung im Tennis

1.3.1 Körperliche und konditionelle Entwicklung von Nachwuchsspielern

Die körperliche und konditionelle Entwicklung unterliegt im Altersgang vom späten Schulkindalter bis zum Ende der Adoleszenz charakteristischen geschlechtsspezifischen Veränderungen. Beginnend mit dem 13. Lebensjahr, steigt die Hautfaltendicke der Mädchen und das Körpergewicht der Jungen erkennbar an (Abb. 36a). Gleichzeitig verändert sich zu diesem Zeitpunkt die Kraft zunehmend zugunsten der männlichen Spieler (Abb. 36b). Vom 10. bis zum 12. Lebensjahr sind die Unterschiede zwischen Mädchen und Jungen deutlich geringer und auch die jährlichen Veränderungen sind vergleichsweise gering.

Ab dem 14. Lebensjahr finden wir bei weiblichen Spielerinnen in zahlreichen Kraft-, Laufschnelligkeits- und Ausdauertests bereits ein Leistungsplateau bzw. nur noch geringfügige Leistungssteigerungen (Abb. 36c). Unbenommen hiervon bleibt auch bei den Mädchen eine kontinuierliche Zunahme der Aufschlaggeschwindigkeit (Abb. 36d). Dies kann größtenteils auf die veränderte Körperkomposition zurückgeführt werden. Die physiologisch bedingte Zunahme der Körpermasse wirkt sich teilweise nachteilig auf Laufschnelligkeit und Ausdauer aus, während sie die Schlaghärte steigert. Offensichtlich toleriert das Beanspruchungsprofil des Tennisspiels aufgrund der positiven Effekte auf Schlaghärte und Power auch eine vergleichsweise hohe Zunahme der passiven Körpermasse weiblicher Spieler, denn die Tennisleistung steigt normalerweise in diesem Altersabschnitt weiter an. Im Idealfall sind bei Intensivierung des Konditionstrainings von Mädchen ab dem 14. Lebensjahr jedoch in allen Teilbereichen bis zum Ende der Adoleszenz Leistungssteigerungen feststellbar, wenn gleichzeitig eine Zunahme der aktiven Körpermasse und Athletik erreicht wird.

Abb. 36:

Mittelwerte zu den Entwicklungsverläufen von Körpergewicht und Hautfaltendicke (Summe aus vier Messpunkten, Abb. 36a), Handkraft der dominanten (DH) und nicht dominanten Hand (NDH, Abb. 36b), 20-m-Linearsprintleistung (Abb. 36c) und Aufschlaggeschwindigkeit (Abb. 36d) im Altersgang von männlichen und weiblichen D/C-Kaderspielern des Deutschen Tennis Bunds

Die dargestellten Entwicklungsverläufe führen unter anderem zu einem grundlegenden national und international bekannten Problem der Nachwuchsförderung, das als „Relative Age Effect“ bekannt ist. Ursächlich wirkt das nach Stichtagen für Altersklassen oder Jahrgänge strukturierte Wettkampf- und Fördersystem, das notwendigerweise im Einzelfall einen individuellen Entwicklungsvorsprung von maximal 12 Monaten ermöglicht, eine Tatsache, die speziell in Phasen höchster Entwicklungsgeschwindigkeiten zu erheblichen Vor- bzw. Nachteilen führt. Auch im Deutschen Tennis Bund kann eine signifikant vom Geburtshalbjahr des Spielers abhängige Selektionswahrscheinlichkeit festgestellt werden (Abb. 37). Die Vernachlässigung „Spätgeborener“ ist in der sportwissenschaftlichen Literatur für zahlreiche Sportarten bereits nachgewiesen worden (u.a. Delorme & Raspaud, 2009; Lidor et al., 2010).

In der Konsequenz werden körperlich und motorisch weiterentwickelte frühgeborene Athleten im Rahmen der Primärselektion mit höherer Wahrscheinlichkeit bei der Kaderzusammenstellung berücksichtigt. Auf diesen frühen Selektionseinfluss folgen zwei weitere mittel- und langfristige Konsequenzen (Delorme & Raspaud, 2009): Dadurch, dass die in den frühen Stufen selektierten Spieler bessere Entwicklungschancen (z.B. bessere Trainingsressourcen) erhalten, kommt es zum sogenannten Matthäus-Effekt: „Wer hat, dem wird gegeben“, sodass selbst im Seniorenbereich, in dem der Entwicklungsvorsprung keine Rolle mehr spielen sollte, der RAE weiter vorherrscht.

Abb. 37:

Häufigkeitsverteilung von 588 Kaderspielern des DTB auf Geburtshalbjahre (oben) und Quartale (unten)

Ein zweiter gegebenenfalls positiver Effekt betrifft die selektierten spätgeborenen Spieler, da diese in besonderem Maße bessere technische und taktische Fähigkeiten ausbilden müssen, um konkurrenzfähig zu sein und somit, wenn sich der Altersvorsprung relativiert, möglicherweise über besser entwickelte Fähigkeiten verfügen. So weisen die im zweiten Halbjahr geborenen Spieler speziell in der U 14 tendenzielle anthropometrische und motorische Nachteile auf (Tab. 2). Insgesamt muss jedoch bemängelt werden, dass einem Großteil potenziell talentierter spätgeborener (und ggf. sogar retardierter) Spieler der Zugang zu Fördermaßnahmen verwehrt bleibt.

Tab. 2:

Anthropometrische und motorische Voraussetzungen von früh- (1. HJ) und spätgeborenen (2. HJ) männlichen Kaderspielern

1.3.2 Talentsensitive Faktoren und Trainingsschwerpunkte

Von hohem Interesse ist der Zusammenhang zwischen den erhobenen konditionellen Faktoren und der komplexen Tennisleistung, die am ehesten durch die Position auf der deutschen Jugendrangliste verdeutlicht wird (Tab. 3). Aus der Höhe des Zusammenhangs kann indirekt auf die Bedeutung der einzelnen Faktoren für die komplexe Spielleistung geschlossen werden. Hieraus sind im nächsten Schritt wertvolle Informationen für die zukünftige Talentselektion abzuleiten, denn Faktoren mit hoher Korrelation scheinen von entsprechend hoher Talentsensitivität zu sein und sollten von den Experten bei der Festlegung der Kader in besonderer Weise berücksichtigt werden. Schließlich kann aus diesen Befunden die Hierarchisierung von grundlegenden Trainingsschwerpunkten erleichtert werden.

Die von uns erhobenen Daten sprechen einheitlich dafür, dass der Schnellkraft der oberen Extremität eine bislang nicht angenommen, herausragende Bedeutung für die komplexe Spielleistung zukommt. In allen Altersklassen beiderlei Geschlechts erreicht die Aufschlaggeschwindigkeit und die Weite beim Medizinballwurf den engsten Zusammenhang zur Ranglistenposition. Auch die Handkraft findet sich vielfach an vorderer Position in den Rangfolgen wieder. Schließlich befindet sich auch die tennisspezifische Ausdauer (Hit & Turn Test) und vereinzelt auch die Körpergröße und die horizontale Sprungkraft (Standweitsprung) in der Spitzengruppe (Tab. 3).

Diese Information ist für die Praxis überraschend und neuartig, da bislang im Bereich der konditionellen Faktoren eher auf Laufschnelligkeit und „Agility“ geachtet wurde. Überraschenderweise erreichen diese Testleistungen (5-20-m-Sprint, Richtungswechselsprint, RWS) nur geringe oder gar keine Zusammenhänge zum Ranking. Ohne Relevanz für die Ranglistenposition sind die Leistungen im Tappingtest, im Gleichgewichtstest und in den Kraftausdauertests zur Rumpfkraft (Tab. 3).

Die besondere Bedeutung der Aufschlaggeschwindigkeit liegt sicherlich auch darin begründet, dass dieser Test die höchste Spezifität zum Tennisspiel aufweist und stark von der Qualität der Tennistechnik abhängt. Andererseits spricht die Bedeutung der Medizinballwürfe für einen besonderen technikunabhängigen Einflussfaktor „Schnellkraft/Power“ der oberen Extremität. Auch die absolute Muskelkraft spielt eine zunehmende Bedeutung. Gewöhnlich wird der Handkraft, als einfachem und praktikablem Krafttest, im Kindes- und Jugendalter eine repräsentative Aussage für die Absolutkraft der oberen Extremität zugesprochen (Wind et al., 2010). Möglicherweise spiegelt sich in diesem Befunden bereits in den jungen Altersklassen die gleiche Tendenz der Spielentwicklung wider, die derzeit das internationale Hochleistungstennis charakterisiert, nämlich: zunehmende Aufschlaggeschwindigkeiten und kürzere Ballwechsel (Weber et al., 2010a). Auch wenn dies nicht Bestandteil unserer Testbatterie ist, lassen die vorliegenden Ergebnisse vermuten, dass auch die Schlaggeschwindigkeit der Grundschläge Vorhand und Rückhand (natürlich stets im Verbund mit Schlagpräzision) von hoher Bedeutung für den Spielerfolg ist.