Hammer of the North - Die Söhne des Wanderers - Harry Harrison - ebook

Hammer of the North - Die Söhne des Wanderers ebook

Harry Harrison

0,0

Opis

Hammer of the North - Die Söhne des Wanderers Es herrschen finstere Zeiten in England des Jahres 865. Während sich die Königreiche gegenseitig bekriegen, lenken mächtige Bischöfe das Land und füllen ihre Kammern mit Gold. Niemand - weder König noch Knecht - wagt es, sich der Kirche zu widersetzen. Doch nun droht eine neue Gefahr: kriegerische Nordmänner, die nur Ihren Göttern dienen, haben Englands Küsten erreicht und ziehen mordend durch die Lande. Inmitten dieser Gefahren gerät das wikingische Halbblut Shef zwischen die Fronten. Schon bald muss er seinen eigenen Weg finden und sich entscheiden, welchen Göttern er folgen soll… Ein Wikinger-Epos von Hugo- und Nebula Award Preisträger Harry Harrison!

Ebooka przeczytasz w aplikacjach Legimi na:

Androidzie
iOS
czytnikach certyfikowanych
przez Legimi
czytnikach Kindle™
(dla wybranych pakietów)
Windows
10
Windows
Phone

Liczba stron: 812

Odsłuch ebooka (TTS) dostepny w abonamencie „ebooki+audiobooki bez limitu” w aplikacjach Legimi na:

Androidzie
iOS
Oceny
0,0
0
0
0
0
0



Harry Harrison und John Holm

HAMMEROF THE NORTH

Titel der englischen Originalausgabe: THE HAMMER AND THE CROSS

Veröffentlicht mit freundlicher Genehmigung von Moira Harrison. Dieses Werk wurde vermittelt durch die Literarische Agentur Thomas Schlück GmbH, 30827 Garbsen.

1. AuflageVeröffentlicht durch denMANTIKORE-VERLAG NICOLAI BONCZYK Frankfurt am Main 2015 www.mantikore-verlag.de

Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe MANTIKORE-VERLAG NICOLAI BONCZYK Text © Harry Harrison &John Holm 1993

Deutschsprachige Übersetzung: David Friemann Lektorat: Janine Kleinow, Julian Köck Satz &Bildbearbeitung: Karl-Heinz Zapf Covergestaltung: Marta Wawrzyniak-Chade VP: 113-95-01-06-0416

ISBN: 978-3-945493-42-7

Harry Harrison und John Holm

HAMMER

OF THE

NORTH

Die Söhne des Wanderers

Roman

Qui credit in Filium, habet vitam aeternam; qui autem incredulus est Filio, non videbit vitam, sed ira Die manet super eum.

Wer an den Sohn glaubt, hat das ewige Leben; wer aber dem Sohn nicht gehorcht, wird das Leben nicht sehen, sondern Gottes Zorn bleibt auf ihm.

Evangelium des Johannes 3:36

Angusta est domus : utrosque tenere non poterit. Non vult rex celestis cum paganis et perditis nominetenus regibus communionem habere; quia rex ille aeternus regnat in caelis, ille paganus perditus plangit in inferno.

Eng ist das Haus: es beherbergt nicht beide. Der König des Himmelreichs verkehrt nicht mit verdammten und heidnischen so genannten Königen; denn der eine, ewige König herrscht im Himmelreich, die verworfenen Heiden seufzen in der Hölle.

Alkuin, Diakon in York, Anno Domini 797

Das Christentum ist das größte Unglück, das jemals die westliche Welt heimgesucht hat.

Gravissima calamitas umquam supra Occidentem accidens erat religio Christiana.

Gore Vidal, Anno Domini 1987

THRALL

 

ERSTES KAPITEL

Nordostküste Englands, Anno Domini 865

Frühling. Ein Frühlingsmorgen am Flamborough Head, wo die Felsen der Yorkshire Wolds wie ein riesiger Angelhaken, ungezählte Tonnen schwer, in die Nordsee hinaus ragen. Sie blicken auf die See, auf die stetige Bedrohung durch die Wikinger. Erst jetzt begannen sich die Könige in ihren kleinen Reichen gegen diese Gefahr aus dem Norden zusammenzuschließen. Besorgt und einander neidisch beäugend, hatten sie immer die uralten Feindseligkeiten und den blutnassen Pfad vor Augen, den ihre Vorfahren seit der Ankunft der Angeln und Sachsen in diesem Land beschritten hatten. Stolze, unabhängige Krieger, die die Waliser besiegt hatten, die sich – so schreiben es die Dichter – das Land als erste untertan gemacht hatten.

Godwin der Thane fluchte still, während er die hölzerne Palisade der winzigen Befestigung auf und ab ging, die an der äußersten Spitze des Flamborough Head stand. Frühling! In glücklicheren Gegenden würden die länger werdenden Tage und helleren Abende vielleicht das Erblühen der Bäume bedeuten, oder sanftmütige Kühe mit prallen Eutern, die zum Melken aus dem Stall geholt werden. Aber hier am Flamborough Head bedeutete Frühling Wind. Das bedeutete Stürme, die alljährlich etwa zur Tagundnachtgleiche kamen, und beständig wehende Nordostwinde. Hinter Godwin standen die kümmerlichen, knorrigen Bäume in einer Reihe wie Männer, die dem Wind den Rücken zudrehen, jeder etwas höher als der vorherige, weiter windwärts gewachsen. Wie ein natürlicher Wetterhahn standen sie beieinander und zeigten wie eine Pfeilspitze auf das windgepeinigte Meer. Auf drei Seiten um Godwin herum wälzte sich das graue Wasser wie ein riesiges Tier. Die Wellen begannen sich zu kräuseln und verflachten wieder, als der Wind an ihnen zerrte, sie niederschlug und sogar die größten Wogen des Meeres erdrückte. Graue See, grauer Himmel, Regenfronten, die den Horizont übersäten, keine Farbe in der Welt außer den Wellen, die letztendlich alle auf die geschrammten Wände der Klippe stürzten, brachen und riesige Gischtwolken in die Höhe sandten. Godwin war schon so lange an seinem Platz, dass er den Aufprall der Wellen nicht mehr hörte, sondern nur noch wahrnahm, wenn die Gischt so hoch spritzte, dass das Wasser, das ihn vom Kopf bis zu den Füßen durchnässte, plötzlich salzig wurde.

Nicht, dass es einen Unterschied machte, dachte er benommen. Es war alles gleich kalt. Er könnte zurück in die Hütte gehen, die Sklaven beiseite drängen und sich Hände und Füße am Feuer wärmen. An so einem Tag würde es keinen Überfall geben. Die Wikinger waren Seefahrer. Die besten auf der Welt, hieß es. Man musste kein erfahrener Seemann sein, um zu erkennen, dass es sinnlos wäre, an einem solchen Tag hinauszufahren. Der Wind kam genau aus Osten – nein, berichtigte er sich, aus Ost zu Nord. Gut geeignet, um sich von Dänemark hinüber wehen zu lassen, aber wie sollte man ein Langschiff bei diesem Sturm und Seegang davon abhalten, in den Wind zu schießen? Und wie einen Ort finden, an dem man sicher an Land gehen konnte? Nein, ganz und gar unmöglich. Er konnte ebenso gut am Feuer sitzen.

Sehnsüchtig blickte sich Godwin nach der Hütte um, deren kleine Rauchfahne augenblicklich vom Wind verweht wurde. Er kehrte um und schritt wieder die Palisade entlang. Sein Herr hatte es ihm eingeschärft. „Denke nicht, Godwin“, hatte er gesagt. „Denke nicht, dass sie heute kommen oder nicht kommen. Glaube nicht, dass es sich mal lohnt, Ausschau zu halten und dann wieder nicht. Solange es Tag ist, bewachst du Flamborough Head. Halte die ganze Zeit die Augen offen. Ansonsten kommt der Tag, an dem du abgelenkt bist und irgendein Björn oder Olaf an Land geht und zwanzig Meilen tief ins Hinterland kommt, bevor wir ihn einholen – wenn wir ihn einholen. Und das bedeutet hundert Tote und hundert Pfund in Silber, Vieh und zerstörten Häusern. Und für Jahre darauf keine Pachteinnahmen. Darum halte Wache, Thane, oder du kommst mit deinen Ländereien dafür auf.“ So hatte sein Lehnsherr Ella gesprochen. Und hinter ihm hatte seine schwarze Krähe, Erkenbert, sich über sein Pergament gebeugt und mit kratzendem Federkiel die rätselhaften schwarzen Linien gezogen, die Godwin mehr fürchtete als alle Wikinger. „Zwei Monate Dienst am Flamborough Head für den Thane Godwin“, hatte er dazu gesprochen. „Er soll wachen bis zum dritten Sonntag nach Ramis Palmarum.“ Die fremdartigen Silben hatten seine Befehle festgenagelt.

Wachen sollte er und wachen würde er. Aber er musste es ja nicht trocken wie eine widerwillige Jungfrau tun. Godwin rief windabwärts zu den Sklaven und verlangte das heiße, gewürzte Bier, dessen Zubereitung er schon vor einer halben Stunde befohlen hatte. Augenblicklich kam einer der Thralls heraus und lief mit dem ledernen Becher in Godwins Richtung. Der Thane betrachtete mit tiefsitzendem Missfallen den Mann, der dort zur Palisade trabte und die Leiter zum Wehrgang hinaufstieg. Ein verdammter Narr. Godwin behielt ihn nur wegen seiner scharfen Augen, aber das war alles. Er hieß Merla und war früher Fischer gewesen. Dann hatte es einen harten Winter mit leeren Netzen gegeben und er war mit den Abgaben in Rückstand geraten, die er seinen Grundherrn, den schwarzen Mönchen der Klosterkirche St. John im zwanzig Meilen entfernten Beverley, schuldete. Zuerst hatte er sein Boot verkauft, um die Abgaben zu zahlen und Frau und Kinder zu ernähren. Als das Geld ausgegangen war und seine Familie nichts mehr zu essen hatte, musste er seine Sippe an einen reicheren Mann verkaufen und sich am Ende selbst in die Knechtschaft seiner ehemaligen Grundherren begeben. Und diese hatten Merla an Godwin verliehen. Elender Narr. Wäre der Sklave ein Mann von Ehre, hätte er sich selbst zuerst verkauft und mit dem Geld Verwandte dafür bezahlt, sein Weib und seine Kinder aufzunehmen. Wäre er ein Mann von Verstand, hätte er die Familie zuerst verkauft und das Boot behalten. Dann hätte er vielleicht eine Möglichkeit bekommen, sie wieder freizukaufen. Aber dieser Merla hatte weder Verstand noch Ehre. Godwin drehte dem Wind und dem Meer den Rücken zu und nahm einen tiefen Zug aus dem randvollen Becher. Wenigstens hatte der Sklave nicht davon genippt. Wenn er es nicht anders verstand, machte ihm eine Tracht Prügel meist alles klar.

Was stierte dieser Dummkopf denn so? Mit großen Augen und offenem Mund zeigte der Sklave über die Schulter seines Herrn hinaus aufs Meer.

„Schiffe“, rief er. „Wikingerschiffe, zwei Meilen weit draußen. Ich seh’ se schon wieder. Seht, Herr, seht!“

Godwin wandte sich – ohne nachzudenken – um und fluchte, als die heiße Flüssigkeit über seinen Ärmel schwappte, spähte den ausgestreckten Arm des Sklaven entlang hinaus auf die Wolken und den Regen. War dort ein Punkt, draußen, wo die Wolken auf die Wellen trafen? Nein, nichts. Oder… vielleicht. Er konnte nichts Klares erkennen, aber dort draußen würden die Wellen zwanzig Fuß hoch rollen. Hoch genug, um jedes Schiff vor Blicken zu schützen, das den Sturm mit eingeholten Segeln abreiten wollte.

„Ich seh’ se“, rief Merla erneut. „Zwei Schiffe, nur ’ne Taulänge auseinander.“

„Langschiffe?“

„Nein, Herr, Knorren.“

Godwin schmiss den Becher über seine Schulter, packte den Sklaven mit eisernem Griff am mageren Arm und schlug ihm mit dem durchnässten Lederhandschuh heftig ins Gesicht. Einmal, zweimal. Merla keuchte und duckte sich, wagte es aber nicht, zum Schutz die Hände zu heben.

„Red Englisch, du schwachköpfiger Hurensohn. Und red was Vernünftiges.“

„Eine Knorr, Herr. Das is’ ein Handelsschiff, mit tiefem Bauch für die Ladung.“ Er zögerte, gleichermaßen verängstigt, denn er wollte seinen Herren weder belehren noch ihm etwas vorenthalten. „Ich erkenn’ se an… an der Form des Bugs. Das müssen Wikinger sein, Herr. Wir ham solche Schiffe nich’.“

Godwin starrte wieder aufs Meer hinaus. Sein Zorn verflog und machte einem kalten, harten Gefühl in der Magengrube Platz. Zweifel. Schrecken.

„Merla, hör mir gut zu“, flüsterte er. „Sei dir ganz sicher. Wenn das Wikinger sind, muss ich die gesamte Küstenwache herausrufen, jeden Mann von hier bis nach Bridlington. Letzten Endes sind sie nur Knechte und Sklaven. Es macht nichts, wenn ich sie von ihren ungewaschenen Weibern weghole. Aber ich muss noch mehr tun, Merla. Sobald die Wache herausgerufen ist, muss ich Reiter zur Klosterkirche in Beverley schicken, zu den Mönchen des lieben St. John – deinen Herren, weißt du noch?“

Er wartete einen Moment und sah die Furcht und die Erinnerung in Merlas Augen.

„Und die werden dann die Berittenen hierher rufen, die Thanes von König Ella. Es wäre dumm, sie hier zu halten, wo die Seeräuber ein Täuschungsmanöver am Flamborough Head versuchen und dann zwanzig Meilen weiter am Spurn Head vorbei segeln können, noch bevor unsere Reiter ihre Pferde durch den Sumpf gebracht haben. Darum bleiben sie zurück. Damit sie überall hin reiten können, sobald sich die Bedrohung zeigt. Aber wenn ich sie rufe und sie in Wind und Regen hierher reiten müssen, nur um dann wie die Narren herumzustehen… Und ganz besonders, wenn irgendein Wikinger die Gelegenheit nutzt und den Humber hinauf schleicht, wenn keiner hinsieht… Nun, das wäre schlecht für mich, Merla.“ Seine Stimme wurde schärfer und er hob den unterernährten Sklaven am Stoff seines Gewandes hoch. „Aber beim allmächtigen Gott im Himmel werde ich dafür sorgen, dass du es bis zum letzten Tag deines Lebens bereust. Und nach der Tracht Prügel, die du dann von mir bekommst, dürfte der nicht mehr allzu weit sein. Aber wenn das da draußen wirklich Wikingerschiffe sind und du zulässt, dass ich sie nicht melde – dann gebe ich dich an die schwarzen Mönche zurück und sage ihnen, dass ich mit dir nichts anfangen konnte.

Also, was sagst du? Wikingerschiffe oder nicht?“

Der Thrall starrte wieder aufs Meer hinaus, seine Anspannung war ihm ins Gesicht geschrieben. Es wäre klüger gewesen, dachte er, nichts zu sagen. Was machte es für einen Unterschied, ob die Wikinger Flamborough, Bridlington oder sogar die Klosterkirche von Beverley selbst überfielen? Sie konnten ihn als Sklaven unmöglich schlechter behandeln als seine Herren. Vielleicht wären fremde Heiden bessere Besitzer als die Christenmenschen zuhause. Jetzt war es zu spät, darüber nachzudenken. Der Himmel klarte für einen Augenblick auf. Er konnte sie sehen, selbst wenn die schwachsichtige Landratte von einem Herrn es nicht konnte. Er nickte.

„Zwei Wikingerschiffe, Herr. Zwei Meilen weit draußen. Südost.“

Godwin war schon in Bewegung, gab lautstark Anweisungen, rief nach den anderen Sklaven, nach seinem Pferd, seinem Horn, seiner kleinen, unwilligen Einheit zum Dienst verpflichteter Freibauern. Merla streckte sich, ging langsam zur südwestlichen Ecke der Palisade und blickte nachdenklich und bedacht hinaus. Wieder klarte das Wetter einige Herzschläge lang auf, in denen er alles ganz deutlich sah. Er schaute auf den Lauf der Wellen, den gelblich-trüben Strich hundert Schritt weit draußen, der die lange, lange Gezeitensandbank erahnen ließ, die diesem Stück englischer Küste vorgelagert war, das besonders unwirtlich und mit heftigeren Stürmen und stärkeren Strömungen geschlagen war als alle anderen. Merla warf ein Stück Moos vom Holz der Palisade in die Luft, darauf achtend, wie es flog. Langsam teilte ein grimmiges Lächeln ohne jede Freude sein verhärmtes Gesicht.

Die Wikinger mochten große Seefahrer sein. Aber sie waren an der falschen Stelle: einer Leeküste bei einem Wind, der Witwen machen konnte. Falls dieser Wind nicht nachließ oder die Heidengötter aus Walhalla ihnen nicht halfen, hatten die Männer auf den Schiffen keine Aussicht auf Erfolg. Sie würden Jütland oder Viken nie wiedersehen.

Zwei Stunden später standen hundert Männer dichtgedrängt am Strand südlich des Flamborough Head, am nördlichen Ende des langen Küstenabschnitts, der vom Spurn Head bis zur Mündung des Humber lief und keinerlei geschützte Buchten bot. Sie waren bewaffnet: lederne Wämser und Kappen, Speere, Holzschilde, einige verstreute Breitäxte, mit denen sonst Boote und Häuser gezimmert wurden. Hier und da sah man einen Sachs, das kurze Hiebschwert, dem die Sachsen im Süden ihren Namen verdankten. Nur Godwin trug einen Helm aus Metall und ein Kettenhemd, ein Breitschwert mit Messingheft in einer Scheide am Gürtel. Unter gewöhnlichen Umständen hätte er von den Männern der Küstenwache von Bridglington niemals erwarten können, sich den Berufskriegern aus Dänemark oder Norwegen entgegenzustellen. Sie wären unauffällig verschwunden, um Frauen, Kinder und so viel wie möglich von ihrer Habe in Sicherheit zu bringen. Dann hätten sie auf die Berittenen gewartet, die Thanes aus Northumbria, und diese den Kampf führen lassen, mit dem sich die Adligen ihre Ländereien und Gutshäuser verdienten. Erst danach wären die Männer der Küstenwache nach vorne geschwärmt und hätten in der Hoffnung auf Beute einen bereits geschlagenen Feind bedrängt. Diese Möglichkeit hatten die Engländer seit Oakley vor vierzehn Jahren nicht mehr gehabt. Und das war im Süden gewesen, im fremden Königreich Wessex, wo alle möglichen Wunder vorkamen.

Trotzdem waren die Männer, die aufmerksam die Knorren draußen in der Bucht beobachteten, nicht beunruhigt, sondern heiter. Die meisten von ihnen waren Fischer, die die Nordsee wie ihre eigenen Hütten kannten. Das furchtbarste Meer der Welt, voller Nebel und Stürme, grässlicher Gezeiten und unerwarteter Strömungen. Als der Tag voranschritt und die Schiffe der Wikinger erbarmungslos weiter an Land getrieben wurden, erkannten auch die anderen, was Merla schon lange wusste: Die Wikinger waren dem Untergang geweiht. Die Frage war nur noch, was sie als nächstes versuchen würden. Und ob sie es wagen, dabei scheitern und ihr Ende besiegeln würden, bevor die von Godwin schon vor Stunden gerufenen Berittenen mit ihren Rüstungen, ihren bunten Mänteln und goldverzierten Schwertern eintrafen. Danach, da waren sich die Fischer einig, wäre ihre Aussicht auf lohnenswerte Beute schlecht. Es sei denn, sie merkten sich die Untergangsstelle und versuchten es später heimlich, mit Enterhaken… Leise Unterhaltungen entsponnen sich zwischen den Männern in den hinteren Reihen, unterbrochen von kaum hörbarem, gelegentlichem Lachen.

„Seht Ihr“, erklärte der Dorfvorsteher Godwin, der in der ersten Reihe stand, „der Wind weht aus Ost zu Nord. Wenn er auch nur einen Segelfetzen hisst, kann er nach Westen, Norden oder Süden segeln.“ Er zeichnete kurz im nassen Sand vor ihren Füßen. „Fährt er nach Westen, trifft er auf uns. Fährt er nach Norden, prallt er auf die Steilküste. Wenn er es aber um die Landspitze schafft, kommt er ohne Mühe bis nach Cleveland, immer nach Nordwesten. Darum hat er es vor einer Stunde mit den Riemen versucht. Ein paar hundert Schritte weiter raus und er wäre frei gewesen. Aber was wir wissen, und was die nicht wissen, ist, dass da draußen Strömung geht, und zwar eine verdammt starke. Sie reißt genau an der Landspitze vorbei. Genauso gut könnten sie das Wasser mit ihren…“ Er schwieg, unsicher, wie ungezwungen Godwin mit sich reden lassen würde.

„Warum segelt er nicht nach Süden?“, fiel Godwin ihm ins Wort.

„Wird er. Er hat es mit den Riemen versucht, und wollte mit dem Treibanker die Abdrift verhindern. Ich schätze, der Anführer, der Jarl oder wie die ihn nennen, weiß, dass seine Männer erschöpft sind. Sie müssen eine schlimme Nacht hinter sich und noch dazu einen großen Schrecken haben, als sie heute früh gemerkt haben, wo sie sind.“ Der Dorfvorsteher schüttelte den Kopf, und man sah ihm das fachmännische Mitgefühl an.

„Sie sind doch nicht so große Seefahrer“, verkündete Godwin mich hörbarer Befriedigung. „Und Gott ist gegen sie, diese verdorbenen, heidnischen Kirchenschänder.“

Aufgeregte Bewegung aus den hinteren Reihen schnitt die Antwort ab, die der Dorfvorsteher vielleicht unvorsichtigerweise gegeben hätte. Die beiden Männer wandten sich um.

Auf dem Pfad, der sich entlang der Hochwassermarke schlängelte, stiegen ein Dutzend Männer von ihren Pferden. Godwin fragte sich, ob das schon die Berittenen waren, die Thanes aus Beverley? Nein, so schnell konnten sie unmöglich hier sein. Sie würden gerade erst ihre Sättel festzurren. Und doch war der Anführer der Neuankömmlinge ein Adliger. Groß, stattlich, hellhaarig, hellblaue Augen, mit der aufrechten Haltung eines Mannes, der sich nie sein Brot hinter dem Pflug oder mit der Hacke in der Hand hatte erarbeiten müssen. Unter seinem scharlachroten Umhang schimmerte Gold auf Spangen und Schwertknauf. Ihm folgte ein kleinerer, jüngerer Doppelgänger, offensichtlich der Sohn des Mannes. Und auf der anderen Seite ein weiterer Heranwachsender, groß und aufrecht wie ein Krieger, aber mit dunklerer Hautfarbe, ärmlicher Kleidung und wollenen Kniehosen. Knechte hielten die Pferde sechs weiterer, fähig aussehender Bewaffneter – ohne Zweifel ein Gefolge, die Herdgesellen eines reichen Thanes.

Der fremde Befehlshaber hob die Hand. „Ihr kennt mich nicht“, sprach er. „Ich bin Wulfgar. Ich bin ein Thane aus dem Lande König Edmunds, Herrscher der Ostangeln.“

Unter den Männern erwachten Neugierde und die Furcht, dass seine Botschaft Krieg bringen könnte.

„Ihr fragt Euch sicher, was ich hier tue. Ich will es Euch sagen.“ Er deutete auf das Ufer. „Ich hasse Wikinger. Ich weiß leider mehr von ihnen als die meisten anderen. In meinem eigenen Land, bei den Leuten im Norden jenseits der Mündung der Ouse, führe ich die Küstenwache König Edmunds. Aber vor langer Zeit verstand ich, dass wir diese Schädlinge nicht loswerden können, wenn jeder von uns seine eigenen Schlachten schlägt. Ich überzeugte meinen König davon, und er sandte eine Botschaft an Euren Herrn. Sie bestimmten, dass ich hierher kommen sollte, um mit den weisen Männern in Beverley und Eoforwich darüber zu beraten, was zu tun sei. Ich nahm gestern Abend einen falschen Weg und traf heute Morgen Euren Boten auf dem Weg nach Beverley. Ich bin hergekommen, um zu helfen.“ Er hielt inne. „Habe ich Eure Erlaubnis?“

Godwin nickte langsam. Gleichgültig, was dieser schmutzige Fischerkerl von einem Dorfvorsteher gesagt hatte. Einige dieser Hurensöhne könnten an Land kommen, und dann würde seine Küstenwache sich vielleicht zerstreuen. Ein halbes Dutzend Bewaffneter könnte nützlich sein.

„Kommt und seid willkommen“, sagte er.

Wulfgar nickte mit offensichtlicher Genugtuung. „Ich komme gerade rechtzeitig“, bemerkte er.

Draußen auf See begann der vorletzte Akt des Schiffbruchs. Eine der beiden Knorren war fünfzig Schritte näher an der Küste als die andere, die Besatzung erschöpfter oder von ihrem Schiffsführer weniger angetrieben. Dafür würden die Männer nun einen hohen Preis zahlen. Ihr wälzendes Rollen in den Wogen änderte seinen Winkel, der nackte Mast schaukelte aberwitzig. Plötzlich konnten die Beobachter sehen, dass sich der gelbliche Streifen der Sandbank auf der anderen Seite des Rumpfs befand. Die Besatzungsmitglieder rannten wild hin und her, griffen nach Rudern und schoben sie über die Seite ins Wasser, um das Schiff abzustoßen und so einige Augenblicke länger am Leben zu bleiben.

Zu spät. Ein Schrei der Verzweiflung klang dünn über das Wasser, als die Wikinger sie sahen, gefolgt von einem aufgeregten Murmeln unter den Engländern am Strand: die Welle, die große Welle, die siebente Welle, die es immer am weitesten den Strand hinauf schafft. Plötzlich erfasste sie die Knorre, hob sie an und kippte sie mit einem Sturzbach aus Kisten, Fässern und Männern, die von den Luv- in die Leespeigatten rutschten, auf die Seite. Dann war die Welle verschwunden und die Knorre stürzte hinab, landete mit einem dumpfen Schlag auf dem harten Grund der Sandbank. Planken krachten und flogen umher, der Mast ging in einem Gewirr aus Takelage über die Seite. Einen Augenblick sah man einen der Männer fieberhaft nach dem verzierten Drachenbug greifen. Dann bedeckte eine weitere Woge die Stelle und hinterließ nichts weiter als unruhig treibende Trümmer.

Die Fischer nickten einhellig. Einige bekreuzigten sich. Falls sie der liebe Gott vor den Wikingern verschonte, erwartete sie alle eines Tages so ein Ende: wie Männer, mit kaltem Salz im Mund und Ringen in den Ohren, die gütige Fremde an anderen Gestaden als Bezahlung für ein christliches Begräbnis an sich nehmen würden. Jetzt gab es nur noch eines, was ein erfahrener Seemann tun konnte.

Das verbliebene Wikingerschiff würde versuchen, mit dem Wind querab nach Süden zu fliehen und dabei so weit nach Osten wie möglich zu gelangen, statt wie sein Begleiter machtlos dem Untergang entgegen zu steuern. Wie aus dem Nichts erschien ein Mann am Steuerruder. Selbst aus einer Viertelmeile Entfernung sah man seinen roten Bart leuchten, wenn er Befehle bellte, konnte man den dringlichen Klang seiner Stimme über die Wellen hinweg hören. Seine Männer legten sich in die Taue, warteten erst und hievten dann gemeinsam. Ein Segelstück fiel von der Rah herab, wurde augenblicklich vom Wind erfasst und blähte sich. Als das Schiff in Richtung Ufer schoss, wurde die Rah nach einem weiteren Hagel von Befehlen gebrasst und das Schiff krängte mit dem Wind. Innerhalb weniger hastiger Atemzüge war es auf einem neuen Kurs, wurde schneller und pflügte durch das Wasser, weg von den Klippen und in Richtung des Spurn Head.

„Sie entkommen uns!“, rief Godwin. „Holt die Pferde!“ Er stieß seinen Pferdeknecht aus dem Weg, kletterte in den Sattel und begann im Galopp die Verfolgung. Wulfgar, der fremde Thane, und das Gefolge schlossen sich ihm in unordentlichen, langgezogenen Reihen an. Nur der dunkelhäutigere der beiden Jungen, die mit Wulfgar eingetroffen waren, zögerte.

„Ihr beeilt euch nicht“, sagte er zum bewegungslosen Dorfvorsteher. „Warum nicht? Wollt Ihr sie nicht einholen?“

Der Dorfvorsteher grinste, bückte sich, hob eine Prise Sand auf und warf sie in die Luft. „Sie müssen es versuchen“, bemerkte er. „Viel mehr bleibt ihnen nicht übrig. Aber sie werden nicht weit kommen.“

Er drehte sich um und befahl zwanzig Männern am Strand zu bleiben und nach Wrackteilen oder Überlebenden Ausschau zu halten. Zwanzig Berittene folgten den Thanes den Pfad entlang. Der Rest bewegte sich gemächlich, aber zielstrebig am Strand dem enteilenden Schiff hinterher.

Langsam begannen auch die Landratten zu verstehen, was dem Dorfvorsteher gleich klar gewesen war: Der Anführer der Wikinger würde dieses Spiel nicht gewinnen. Schon zweimal hatte er mit der Unterstützung zweier Gefährten am Steuerruder versucht, sein Schiff aufs offene Meer zu zwingen, während die übrigen Wikinger die Rahe brassten, bis die Taue hart wie Eisen im Wind sangen. Beide Male hatten sich die Wellen gnadenlos gegen den Bug geworfen, sodass er bebend unter den widerstrebenden Kräften, die um ihn rangen, zurückschwang. Und wieder hatte der Steuermann es versucht, hatte den Kurs entlang der Küste eingeschlagen, um Geschwindigkeit für einen neuen Anlauf in Richtung der offenen See zu sammeln.

Aber war er dieses Mal wirklich in einer Linie mit dem Strand? Selbst die unerfahrenen Augen Godwins und Wulfgars sahen den Unterschied zu den vorherigen Versuchen: stärkerer Wind, heftigere See, der eiserne Griff der Küstenströmung, die am Kiel zerrte. Der rotbärtige Mann stand noch immer am Ruder, rief weiter Befehle in den Wind, während das Schiff vorwärts raste wie das schaumgebänderte Wellenross der Dichter. Trotzdem wendete sich der Bug Zoll um Zoll oder Fuß um Fuß, der gelbliche Streifen der Sandbank kam dem Kielwasser gefährlich nahe und es blieben nur noch Augenblicke bis zum…

Schlag. Zwischen der vollen Fahrt des Schiffes und seinem Auflaufen auf dem unnachgiebigen Kies lag kein Wimpernschlag. Der Mast brach sofort und wurde vorwärts geschleudert, die Hälfte der Mannschaft mit sich reißend. Die Planken des in Klinkerbauweise gezimmerten Schiffes sprangen aus ihren Fügungen und ließen das einstürzende Wasser durch. Innerhalb eines Herzschlags öffnete sich das Schiff wie eine Blüte. Dann verschwand es und hinterließ nichts als im Wind treibendes Tauwerk, das noch kurz die Untergangsstelle anzeigte. Und abermals im Wasser treibende Bruchstücke.

Bruchstücke, die diesmal sehr nah am Ufer schwammen, wie die Fischer voller Vorfreude feststellten. Und eines davon war ein Kopf. Ein roter Kopf.

„Was denkt ihr, wird er es schaffen?“, fragte Wulfgar. Sie konnten den Mann sehr gut sehen, der fünfzig Schritte weit draußen reglos im Wasser trieb und die hohen Wellen betrachtete, die in Richtung Küste rollten, um dort zu zerschellen.

„Er wird’s versuchen“, antwortete Godwin und gab den Männern ein Zeichen, näher ans Wasser zu gehen. „Wenn er es tut, schnappen wir ihn uns.“

Rotbart hatte sich entschieden und begann zu schwimmen, das Wasser mit weit ausholenden Schlägen beiseite werfend. Er hatte die große Welle gesehen, die sich hinter ihm aufbäumte. Sie hob ihn an und trug ihn vorwärts. Der Schwimmer bemühte sich, auf dem Kamm der Welle zu bleiben, als könnte sie ihn bis auf den Sand tragen und ihn dort ebenso weich landen lassen wie den weißen Schaum, der beinahe bis zu den ledernen Schuhen der Thanes kroch. Zehn Schläge lang hielt er sich so, während die Zuschauer am Strand sich streckten, um alles zu sehen. Dann bremste die vorherige Welle in ihrem Weg zurück ins Meer sein Fortkommen in einem Strudel aus Sand und Steinen, der Wellenkamm brach und löste sich auf. Warf ihn nieder, gefolgt von einem Ächzen und einem Peitschenknall. Rollte ihn hilflos vorwärts. Zog ihn im Sog wieder zurück.

„Geht rein und holt ihn“, rief Godwin. „Bewegt euch, ihr Hasenfüße! Er kann euch nichts anhaben.“

Zwei der Fischer sprangen vorwärts zwischen die Wellen, griffen sich jeweils einen Arm des Mannes, für einen Augenblick hüfttief im Wasser und plötzlich wieder auf dem Trockenen, den Rotbart zwischen sich gestützt.

„Er lebt“, murmelte Wulfgar voller Erstaunen. „Ich dachte, diese Welle würde ihm das Rückgrat brechen.“

Die Füße des Rotbarts berührten den Sand und er blickte auf die achtzig Männer, die sich ihm entgegenstellten. Plötzlich blitzten seine Zähne in einem leuchtenden Grinsen auf.

„Was für ein Empfang“, bemerkte er.

Er drehte sich im Griff seiner beiden Retter, setzte den Außenrist eines Fußes auf das Schienbein eines der Männer, schrammte den Fuß mit voller Kraft abwärts auf den Spann. Der Mann heulte vor Schmerz laut auf und ließ den kräftigen Arm los, der er festgehalten hatte. Sofort fegte der Arm zur anderen Seite und zwei ausgestreckte Finger bohrten sich in die Augen des zweiten Wächters. Auch er schrie auf und ging in die Knie, während Blut zwischen seinen Fingern hervorquoll. Der Wikinger zog das Jagdmesser aus seinem Gürtel. Er tat einen Schritt nach vorn, griff sich den nächsten Engländer und stach ihm wild von unten in den Bauch. Die Freunde des Mannes sprangen, verängstigt durcheinanderrufend, einen Schritt zurück und der Fremde griff nach einem Speer, holte mit der anderen Hand aus und warf mit dem Messer nach ihnen, bevor er den Sachs des Toten aufhob. Zehn Herzschläge, nachdem er an Land gekommen war, fand er sich in der Mitte eines Halbkreises aus Männern wieder, die vor ihm zurückwichen – bis auf die beiden, die zu seinen Füßen lagen.

Wieder blitzten seine Zähne auf, als er den Kopf mit lautem Lachen zurückwarf. „Kommt jetzt“, rief er mit rauer Stimme. „Ich einer, ihr viele. Kommt und kämpft mit Ragnar. Wer ist stark, kommt zuerst? Du. Oder du.“ Er schwenkte die Spitze des Speeres auf Godwin und Wulfgar, die nun mit offenen Mündern alleine standen, verlassen von den Fischern, die sich eingeschüchtert zurückgezogen hatten.

„Wir müssen ihn gefangen nehmen“, murrte Godwin. Die Klinge seines Breitschwertes glitt mit einem schabenden Pfeifen aus der Scheide. „Ich wünschte, ich hätte meinen Schild bei mir.“ Wulfgar tat es ihm gleich, machte einen Schritt zur Seite und schob den hinter ihm stehenden hellhaarigen Jungen ein Stück weiter von sich. „Bleib zurück, Alfgar. Wenn wir ihn entwaffnen können, bringen die Knechte es für uns zu Ende.“

Die zwei Engländer rückten langsam mit gezogenen Schwertern vor, die bärengleiche Gestalt fest im Blick. Der Wikinger stand in Blut und Wasser, wartete auf sie und grinste.

Dann war er auf einmal in Bewegung und stürmte mit der Geschwindigkeit und Heftigkeit eines wilden Ebers auf Wulfgar zu. Dieser sprang überrascht zurück, landete ungeschickt und verdrehte sich den Fuß. Der linkshändige Hieb des Wikingers verfehlte ihn nur knapp. Jetzt sollte ein Stoß mit der rechten Hand den Kampf beenden.

Etwas riss Rotbart von den Füßen, warf ihn nach hinten zu Boden, wo er vergeblich versuchte, einen Arm freizubekommen. Ein Netz. Ein Fischernetz. Der Dorfvorsteher und zwei seiner Männer kamen nach vorn und griffen jeweils mehrere Handvoll des teerigen Tauwerks, um das Netz fester zu ziehen. Einer von ihnen trat den Sachs aus der verstrickten Hand des Mannes, ein anderer trat grob auf die Hand, die den Speer umklammert hielt, und brach dabei den hölzernen Schaft der Waffe zusammen mit den Fingern. Fachmännisch rollten sie den Mann wie einen gefährlichen Heringshai zu einem bewegungsunfähigen Bündel im Sand. Sie richteten sich auf, blickten ihren Fang an und warteten auf Befehle. Wulfgar humpelte zu ihnen hinüber und tauschte einen Blick mit Godwin aus.

„Was haben wir denn hier gefangen?“, murrte er. „Irgendetwas sagt mir, dass das hier kein kleiner Häuptling ist, der einen schlechten Tag erwischt hat.“

Er betrachtete die Kleidung des wehrlosen Mannes, bückte sich und befühlte sie.

„Ziegenleder“, sagte er. „Mit Pech bestrichenes Ziegenleder. Er hat sich selbst Ragnar genannt. Wir haben Lodbrok höchstselbst gefangen. Ragnar Lodbrok. Ragnar Lodenhose.“

„Wir können das nicht allein übernehmen“, erklärte Godwin in die folgende Stille hinein. „Er muss vor König Ella gebracht werden.“

Eine weitere Stimme mischte sich ein. Es war der dunkelhaarige Junge, der den Dorfvorsteher ausgefragt hatte.

„König Ella?“, sagte er. „Ich dachte, Osbert sei König in Northumbria.“

Godwin wandte sich mit matter Höflichkeit zu Wulfgar um. „Ich weiß nicht, wie man bei Euch seine Leute maßregelt“, bemerkte er. „Aber wenn er zu mir gehörte und so spräche, würde ich ihm die Zunge rausreißen lassen. Es sei denn, er gehört zu Eurer Sippe.“

Im lichtlosen Stall konnte ihn niemand sehen. Der dunkelhaarige Junge legte sein Gesicht an den Sattel und sank zusammen. Sein Rücken brannte wie Feuer und der vom Blut klebrige Wollkittel rieb und kratzte bei jeder Bewegung. Die Tracht Prügel war die schlimmste gewesen, die er je bekommen hatte. Und dabei war er oft geschlagen worden: mit dem Seil oder der Lederpeitsche, immer über den Pferdetrog gebeugt, der im Garten des Hofes stand, der sein Zuhause war.

Er wusste, dass die Bemerkung über Verwandtschaft den Ausschlag gegeben hatte. Er hoffte nur, dass er nicht geschrien oder die Fremden es zumindest nicht gehört hatten. Zum Ende war er sich nicht mehr sicher gewesen. Schmerzhafte Erinnerungen daran, wie er sich zurück ins Tageslicht geschleppt hatte. Dann der lange Ritt über die Wolds, der Versuch, sich aufrecht im Sattel zu halten. Was würde als nächstes passieren, jetzt, da sie in Eoforwich angekommen waren? Einst eine sagenhafte Stadt, Heimat des lange verschwundenen Römervolks und seiner Legionen, hatte sie seine fieberhafte Vorstellungskraft angeheizt, mehr noch als die Lieder der Spielmänner von Ruhm und Ehre. Jetzt war er hier und wollte nur eins: fliehen.

Wann würde er endlich frei von der Schuld seines Vaters sein? Vom Hass seines Stiefvaters?

Shef raffte sich auf und begann, den Sattelgurt aus dickem Leder zu lösen. Wulfgar, da war er sicher, würde ihn bald gänzlich versklaven, ein eisernes Band um seinen Hals legen, den leisen Widerspruch von Shefs Mutter übergehen und ihn auf dem Markt von Thetford oder Lincoln verkaufen. Er würde eine Menge Geld einbringen. In seiner Kindheit hatte Shef viel Zeit in der Schmiede des Dorfes verbracht, auf der Flucht vor Misshandlungen und Schlägen, gleichzeitig angezogen vom Feuerschein. Bald hatte er begonnen, dem Schmied zur Hand zu gehen, hatte die Blasebälge bedient, die Zangen gehalten, die Luppen gehämmert. Er hatte seine eigenen Werkzeuge hergestellt, sein eigenes Schwert geschmiedet.

Dieses würde er nicht behalten dürfen, wenn er erst einmal ein Sklave wäre. Vielleicht sollte er jetzt weglaufen. Manchmal entkamen Sklaven ihrem Schicksal, für gewöhnlich jedoch nicht.

Er nahm den Sattel herunter und tastete im unbekannten Stall nach einem Ort, ihn abzulegen. Die Tür öffnete sich und ließ das Licht einer Kerze herein, gefolgt von der bekannten, höhnischen Stimme Alfgars.

„Noch nicht fertig? Dann lass ihn fallen, ich schicke einen Stallburschen. Mein Vater ist zum Rat mit dem König und den Großen gerufen worden. Er braucht einen Diener, der hinter ihm steht und seinen Becher auffüllt. Es wäre unziemlich, wenn ich es täte und sein Gefolge ist zu stolz. Geh jetzt! Der Kämmerer des Königs wartet schon, um dir deine Anweisungen zu geben.“ Shef trottete in den Innenhof der großen hölzernen Halle des Königs, einem neuen Bauwerk auf dem Fundament der alten römischen Bollwerke. Er war beinahe zu müde für den kurzen Weg durch den Frühlingsmorgen. Und doch regte sich etwas in ihm, etwas Heißes und Aufgeregtes. Rat? Groß? Sie würden über das Schicksal des Gefangenen, des großen Kriegers, entscheiden. Das würde eine herrliche Geschichte für Godive abgeben, eine Geschichte, die keiner der Besserwisser in Emneth würde überbieten können.

„Und halt ja dein Maul“, zischte eine Stimme aus dem Stall. „Sonst lässt er dir wirklich die Zunge rausreißen. Und vergiss nicht: Ella ist jetzt der König von Northumbria. Und du bist nicht der Sohn meines Vaters.“

ZWEITES KAPITEL

„Wir denken, dass es Ragnar Lodbrok ist. Aber wie können wir uns sicher sein?“, fragte König Ella seinen Rat.

Er blickte von einem hohen, reich verzierten Holzthron den langen Tisch entlang, an dem auf niedrigen Schemeln ein Dutzend Männer saßen. Sie alle waren in der Art ihres Herrn oder seines Thanes Wulfgar gekleidet, der zur Linken des Königs saß: Mäntel in strahlenden Farben, in die sie sich fest eingewickelt hatten, um die Zugluft abzuwehren, die durch alle Ritzen und geschlossenen Fensterläden eindrang und die talggetränkten Fackeln zum Flackern brachte. Gold und Silber prangten an ihren Handgelenken und kräftigen Hälsen, Spangen, Schnallen und üppigen Schwertgürteln. Hier saß der Kriegeradel Northumbrias beisammen, die dem König untergebenen Herren großer Ländereien im Süden und Osten des Reiches, die Ella zum Thron verholfen und seinen Gegenspieler Osbert vertrieben hatten. Die Männer, die ihr Leben im Sattel oder zu Fuß immer unterwegs verbrachten, saßen mit kaum übersehbarem Unbehagen auf den niedrigen Schemeln.

Vier der Männer stachen durch ihr andersartiges Aussehen und weniger forsches Gebaren besonders hervor. Am Fuß des Tisches sitzend, wirkten sie bewusst von den anderen getrennt. Drei von ihnen trugen die schwarzen Roben der Benediktinermönche, der vierte den Purpur und das Weiß eines Bischofs. Ihre Haltung war entspannt. Über den Tisch gebeugt, hielten sie Wachstafeln und Griffel bereit, um das Kommende aufzuzeichnen oder einander im Geheimen ihre Gedanken mitzuteilen.

Einer der Anwesenden antwortete dem König: Cuthred, der Hauptmann seiner Leibwache.

„Wir finden niemanden, der ihn erkennen könnte“, gab er zu. „Jeder, der gegen Ragnar gekämpft hat, ist tot – außer“, bemerkte er höflich, „dem edlen Thane König Edmunds, der sich uns hier angeschlossen hat. Das allein beweist aber nicht, dass der Gefangene wirklich Ragnar Lodbrok ist.

Aber ich denke, dass er es ist. Erstens redet er nicht. Ich bin bekannt dafür, Menschen zum Reden zu bringen. Jeder, bei dem ich es nicht schaffe, ist mehr als ein einfacher Seeräuber. Dieser Mann hält sich für etwas Besonderes.

Außerdem passt alles zusammen. Was wollten diese Schiffe hier? Sie waren auf dem Rückweg aus dem Süden vom Kurs abgekommen und hatten tagelang weder Sonne noch Sterne gesehen. Ansonsten würden so erfahrene Seefahrer – und der Dorfvorsteher von Bridlington meinte, sie seien sehr tüchtig gewesen – niemals in eine solche Lage kommen. Und sie waren auf Frachtschiffen unterwegs. Was für eine Fracht bringt man nach Süden? Sklaven. Sie wollen keine Wolle, keine Felle, kein Bier. Das waren Sklavenhändler auf dem Rückweg aus den Ländern im Süden. Der Mann ist ein Sklavenhändler und ein wichtiger obendrein, genau wie Ragnar. Aber es beweist nichts.“

Cuthred nahm einen tiefen Zug aus seinem Bierkrug, erschöpft von der eigenen Beredsamkeit.

„Aber eines macht mich ganz sicher. Was wissen wir von Ragnar?“ Er blickte die am Tisch Sitzenden an. „Genau. Dass er ein Scheißkerl ist.“

„Kirchenschänder“, stimmte ihm Erzbischof Wulfhere vom Ende des Tisches zu. „Räuber von Nonnen. Dieb der Bräute Christi. Gewiss werden seine Sünden ihn verraten.“

„Das glaube ich gern“, stimmte Cuthred zu. „Etwas habe ich über ihn gehört. Und nur über ihn, nicht über all die anderen Kirchenschänder und Nonnenräuber dieser Welt. Ragnar liebt es, Neues herauszufinden. Er ist wie ich. Er kann Menschen gut zum Reden bringen. Man sagt, er mache es folgendermaßen…“, hier schlich sich ein Klang sachkundiger Achtung in die Stimme des Hauptmann, „Wenn er jemanden gefangen nimmt, dann sticht er ihm – ohne ein Wort, ohne einen Grund – mit bloßer Hand ein Auge aus. Wenn die arme Seele dann nicht redet, reißt Ragnar ihr den Kopf nach hinten und drückt den Daumen bedrohlich unter das zweite Auge. Fällt dem Mann dann etwas ein, das Ragnar vielleicht wissen will, sehr gut, dann ist er im Geschäft. Falls nicht, Pech gehabt. Es heißt, Ragnar lasse viele über die Klinge springen, andererseits sind gemeine Bauern auf dem Sklavenmarkt auch nicht viel wert. Man sagt, es spare ihm eine Menge Zeit und Arbeit.“

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!