Hafenstraße 52 - Jobst Schlennstedt - ebook

Hafenstraße 52 ebook

Jobst Schlennstedt

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Opis

Zwanzig Jahre nach dem verheerenden Brand in einer Lübecker Asylunterkunft überrollt erneut eine Welle der Gewalt gegen Flüchtlinge die Hansestadt. Aber angeblich steht der schwerste Anschlag erst noch bevor, wie Simon Winter unter mysteriösen Umständen erfährt. Bald schon verdichten sich die Hinweise, dass die Warnung einen glaubwürdigen Hintergrund hat. Doch Winter ahnt noch nicht, wie grausam die Wahrheit tatsächlich ist.

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Jobst Schlennstedt, 1976 in Herford geboren und dort aufgewachsen, studierte Geografie an der Universität Bayreuth. Seit Anfang 2004 lebt er in Lübeck. 2006 erschien sein erster Kriminalroman. Hauptberuflich ist er als Projektmanager in einem Lübecker Beratungsunternehmen tätig. Im Emons Verlag erschienen die Westfalen Krimis »Westfalenbräu« und »Dorfschweigen«. Außerdem die Küsten Krimis »Tödliche Stimmen«, »Der Teufel von St.Marien«, »Möwenjagd«, »Traveblut«, »Küstenblues«, »Todesbucht«, »Spur übers Meer«, »Lübeck im Visier« und »#hanseterror« sowie der Thriller »Küste der Lügen«. Mit »Hafenstraße

Dieses Buch ist ein Roman. Handlungen und Personen sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen sind nicht gewollt und rein zufällig.

© 2016 Emons Verlag GmbH Alle Rechte vorbehalten Umschlagmotiv: mauritius images/Westend61/Mel Stuart Umschlaggestaltung: Tobias Doetsch Lektorat: Hilla Czinczoll eBook-Erstellung: CPI books GmbH, LeckISBN 978-3-96041-141-3 Küsten Krimi Originalausgabe

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Wer nach Rache strebt, hält seine eigenen Wunden offen.

Sir Francis von Verulam Bacon

GEFANGEN IN DER SCHLEIFE

Es ist drei Uhr achtundvierzig, und das Asylbewerberheim brennt endlich in voller Ausdehnung. Das Feuer habe ich vor exakt neunzehn Minuten gelegt. Tatsächlich hat es länger gedauert, als ich geglaubt habe, aber nachdem es vor einigen Minuten diesen Knall gegeben und das Feuer richtig gezündet hat, gibt es kein Halten mehr. Die Flammen sind jetzt überall.

Ich stehe nur wenige Meter entfernt und verstecke mich hinter einer Litfaßsäule. Ich hoffe, dass mich hier niemand bemerkt. Die Feuerwehr ist gerade eingetroffen, auch einige Polizeiwagen parken bereits vor dem brennenden Haus.

Auf dem Dach des Gebäudes sehe ich plötzlich eine Person. Der Kleidung nach zu urteilen eine Frau. Sie hält ein Kind in ihrem Arm. Obwohl ich ihr Gesicht nicht erkennen kann, glaube ich zu sehen, dass sie voller Panik ist.

Verdammt, sie springt herunter. Dieser Schrei… Die Frau muss tot sein, sie kann den Sprung nicht überlebt haben. Und das Kind… Ich will nicht daran denken.

Ein Mann balanciert an der Dachkante entlang. Zwei Mädchen an seiner Hand. Sie schreien. Und weinen. Haben Todesangst. Vielleicht auch, weil sie wissen, dass ihre Mutter soeben in den Tod gesprungen ist?

Mir ist plötzlich schlecht. Ich muss mich übergeben. Ich will gar nicht sehen, was um mich herum geschieht. Was ich angerichtet habe. Aber ich kann die Zeit nicht mehr zurückdrehen.

Trotzdem machen mich die Bilder fertig. Überall Flammen, verzweifelte Menschen, tote Kinder… Was habe ich mir nur dabei gedacht? Ich spüre Verzweiflung. Meine Augen werden feucht. Ich war doch so hart, so entschlossen. Und jetzt? Jetzt lasse ich mich an die Litfaßsäule fallen und weine bitterlich. So habe ich das doch gar nicht gewollt.

Vorsichtig sehe ich mich um, vermeide jedoch, meinen Blick auf das brennende Haus zu richten, was mir kaum gelingt. Knapp fünfzig Meter entfernt erkenne ich mehrere Polizisten. Sie reden mit drei jungen Männern, die neben ihrem Wartburg stehen. Ossis. Ich bin mir absolut sicher, dass ich sie heute Nacht schon ein paarmal gesehen habe. Zuletzt vor einer knappen Stunde. Genau hier. Keine Ahnung, wer sie sind und was sie hier zu suchen haben, aber so, wie sie aussehen, kommen sie mir vielleicht gerade recht.

Wie leichtfertig muss man nur sein, eine brennende Flüchtlingsunterkunft aus nächster Nähe zu beobachten, wenn man augenscheinlich wie ein Nazi gekleidet ist? Was haben diese drei Typen überhaupt hier zu suchen? Warum schleichen sie seit Stunden durch Lübeck und interessieren sich ausgerechnet in dieser Nacht so sehr für das Asylbewerberheim?

Ich könnte etwas nachhelfen. Ohne großen Aufwand dafür sorgen, dass man sie verdächtigen wird. Die perfekten Täter. Vielleicht können sie schon in ein paar Stunden dem Haftrichter vorgeführt werden. Ich muss dieses Geschenk nur annehmen.

Die verzweifelten Stimmen aus Richtung des brennenden Hauses werden immer lauter. Eine Drehleiter der Feuerwehr geht mit einem Mal in Stellung. Ich beobachte, wie ein Kind von einem Feuerwehrmann entgegengenommen wird. Plötzlich sind wieder Schreie zu hören. Im nächsten Moment fällt die Leiter zur Seite und kracht auf den Vorbau des Gebäudes.

Ich zucke zusammen und verharre für einige Augenblicke. Ich ertappe mich dabei, wie ich bete. Dass der Feuerwehrmann und das Kind einfach unversehrt geblieben sind. Und dass dieser Alptraum, für den ich ganz allein verantwortlich bin, so schnell wie möglich ein Ende findet.

Ich zittere. Es ist so verdammt kalt in dieser Nacht. Unvorstellbar, dass nur ein paar Meter entfernt Menschen verbrennen oder freiwillig in den Tod springen. Was zum Teufel habe ich nur getan? Es war mein letzter Ausweg. Ich musste retten, was noch zu retten ist.

Immer mehr Einsatzfahrzeuge der Feuerwehr und Polizeistreifen rauschen an mir vorbei. Doch niemand scheint mich zu bemerken. Als wäre ich unsichtbar in dieser Nacht.

Der Qualm, der in immer heftigeren Wolken in den Nachthimmel steigt, ist beißend. Meine Augen brennen bereits. Notdürftig versuche ich, mir den Arm vors Gesicht zu halten.

Mir wird klar, dass ich hier nicht länger bleiben kann. Ich will nicht, dass sich die Bilder noch länger auf meine Netzhaut einbrennen. Jetzt ist der Moment gekommen, in dem ich einfach verschwinden kann. Ohne dass mich jemand sieht. Ohne dass ich jemals mit dieser Sache in Verbindung gebracht werde.

Drei, zwei, eins…

Ich atme tief durch. Dann stehe ich auf, trete hinter der Litfaßsäule hervor und laufe davon. Erst langsam, dann immer schneller. Bloß weg von diesem Ort. Den blinkenden Lichtern. Der Flammenhölle, die ich hinterlassen habe. Den Toten.

Ich verzichte darauf, mich noch einmal umzusehen, während ich die kleine Straße hinauflaufe. Plötzlich packt mich die Angst. Jeden Moment rechne ich damit, dass mich jemand aufhält. Dass jemand nach mir greift und mich fragt, was ich hier zu suchen habe. Warum ich wegrenne. Oder zumindest, ob ich irgendetwas beobachtet habe. Doch nichts von alldem passiert. Tatsächlich hat mich niemand bemerkt.

Ich biege ab und laufe hoch in den Eschenburgpark. Es fällt mir schwer, mich in der Dunkelheit zu orientieren. Die Geräusche der Martinshörner klingen selbst hier noch immer erschreckend laut in meinen Ohren. Und doch nicht laut genug, um die Schreie der verzweifelten Bewohner des Hauses in der Hafenstraße52 zu übertönen. Die Schauer, die meinen Körper sekündlich überkommen, sind schlimmer als alles andere, was ich jemals erlebt habe. Sie fühlen sich wie Stromstöße an. Als würde mich jemand bestrafen wollen.

Ich funktioniere nur noch, laufe kreuz und quer durch den Park. Aber immerhin, ich funktioniere. Immer wieder kommen mir dieselben Gedanken. Was ich getan habe, war falsch. Und dennoch notwendig. Es wäre nicht richtig, wenn ich dafür büßen müsste, was geschehen ist. Es war schließlich nicht meine Absicht, dass es so weit kommt. Alles, was ich beabsichtigt habe, war, ihn zu treffen. Dort, wo es ihm am meisten wehtut. Er hat es verdient, so wie er mich behandelt hat. Er ist der Schuldige und ich das Opfer.

Ich wiederhole die Worte immer wieder, während ich ziellos durch den nachtdunklen Park renne.

Er ist der Schuldige und ich das Opfer. Er ist der Schuldige und ich das Opfer. Er ist der Schuldige und ich das Opfer. Er ist der Schuldige und ich…

»Alles in Ordnung?«

Ich fahre herum. Vor mir steht ein Mann mittleren Alters. Er führt einen Hund an einer Leine. In der Dunkelheit kann ich weder das Gesicht des Mannes erkennen noch, um was für einen Hund es sich handelt. Zwischen Kampfhund und Dackel erscheint mir alles möglich.

Ich zögere. Laufe ich weg und mache mich dadurch verdächtig? Tue ich einfach so, als gäbe es gar kein Problem? Oder soll ich den Mann außer Gefecht setzen?

»Was ist da unten am Hafen los?«, fragt der Mann. »Kommen Sie gerade von dort?«

Ich halte inne, die Stimme kommt mir bekannt vor. Dann schüttele ich den Kopf, sage jedoch nichts. Stattdessen weiche ich einen Schritt zurück, als der Hund an mir schnuppert. Ob er etwas riecht? Feuer? Oder Benzin?

Der Mann kommt immer näher. Uns trennen jetzt nur noch zwei Körperlängen. Er sieht mich argwöhnisch an. Plötzlich erkenne ich sein Gesicht. Ich spüre, dass mein Herz immer schneller schlägt. So schnell, dass ich nach Luft schnappe. Ich hyperventiliere.

Dieser Mann sieht aus wie er. Wie kann das sein?

Im nächsten Moment springt der Hund an mir hoch. Als wüsste er, was ich getan habe. Jetzt, wo er sich an meinem Bein festzubeißen droht, sehe ich, dass es sich um einen dunkelbraunen Mischlingshund handelt. Kein besonders großer Hund, aber umso hartnäckiger.

Ich versuche meine Atmung zu regulieren. Ohne Erfolg. Es fehlt nicht mehr viel, und ich breche zusammen. Werde alles zugeben. Um die Schuld, die auf mir lastet, einfach abzuschütteln und für das, was ich getan habe, zu büßen.

Dieser Mann vor mir– wer ist das bloß? Er sieht ihm so verdammt ähnlich. Plötzlich zieht er seinen Hund rüde beiseite. Dann tritt er noch näher an mich heran, bis unsere Gesichter nur noch wenige Zentimeter voneinander getrennt sind.

Spätestens jetzt weiß er, dass ich es war. Morgen früh wird er zur Polizei gehen und zu Protokoll geben, dass er eine verdächtige Person im Eschenburgpark beobachtet hat. Eine Person, die er kennt. Sehr gut sogar. Und ein paar Stunden später stehen sie dann vor unserer Tür, um mich festzunehmen.

»Ist wirklich alles in Ordnung mit Ihnen? Sie sehen aus, als könnten Sie Hilfe gebrauchen.«

Wieder schüttele ich den Kopf. Ich will nicht antworten. Einfach nichts sagen, damit er meine Stimme nicht hört. Dabei ist es doch längst zu spät. Er muss doch erkannt haben, dass ich es bin. Und er wird in jedem Fall zur Kripo gehen. Obwohl ich alles unternommen habe, keinerlei Spuren zu hinterlassen, bin ich mir plötzlich sicher, dass sie etwas finden werden, das beweisen wird, was ich getan habe.

Ich will das nicht. Ich will leben. Nicht angeklagt und für den Tod all der Menschen im Asylbewerberheim zur Rechenschaft gezogen werden. Und schon gar nicht für den Rest meines Lebens eingesperrt sein.

»Sie sehen nicht aus wie einer dieser Junkies, denen ich hier manchmal begegne«, sagt der Mann mit einem Mal. »Es geht mich ja nichts an, was Sie hier um diese Uhrzeit zu suchen haben, aber das Beste wird sein, Sie gehen so schnell wie möglich nach Hause und schlafen Ihren Rausch aus.«

Ich nicke wortlos, dann wende ich mich ab. Er erkennt mich nicht, rede ich mir ein.

Auch der Mann geht weiter. Der Hund schnuppert noch einmal an mir. Mir kommt es so vor, als spürte er genau, was ich getan habe. Spätestens morgen früh wird der Verdacht auf mich fallen. Aber er ist der Schuldige und ich nur das Opfer. Er darf nicht davonkommen.

Ich drehe mich um. Der Mann verschwindet allmählich im Dunkel der Nacht. Langsam gehe ich in die Knie. Ich hebe den Stein auf, der mir vorhin schon ins Auge gefallen ist. Er ist schwer und etwas größer als ein Tennisball. Er passt gerade noch so in meine rechte Hand. Dann renne ich los.

Ich treffe ihn genau an der richtigen Stelle. Direkt an der Schläfe. Der Mann sinkt sofort zu Boden, mitten auf den Schotterweg. Ich bücke mich zu ihm hinunter und hole ein zweites Mal aus. Doch im letzten Moment halte ich inne. Ein zweiter Schlag ist nicht mehr nötig. Ich bin mir sicher, dass der erste bereits ausreichend war. Er ist tot. Sein Schädel zerschmettert.

Der Hund hat es auch verstanden. Er bellt jetzt. Ein fürchterliches Kläffen, das mich wütend macht. Ich mag keine Tiere, halte mich meistens von Hunden und Katzen fern. Früher hätte ich gerne ein Haustier gehabt. Vielleicht wäre dann alles ganz anders verlaufen.

Ich bücke mich erneut und hebe den Stein wieder auf. Er fühlt sich feucht an. Aber nicht kalt. Er klebt und ist voller Blut. Voller Ekel lasse ich ihn fallen. Trete aus Verzweiflung und Wut mit dem Fuß dagegen, als mir klar wird, dass ich den Mann erschlagen habe. Vielleicht bin ich nicht mehr zurechnungsfähig?

Der Hund wird immer aufgeregter. Er bellt ununterbrochen und rennt wie aufgezogen um den leblos daliegenden Körper seines Herrchens herum. Ich entferne mich ein paar Schritte. Rückwärts. Erst langsam, dann immer rascher. Bis ich das Bellen des Hundes kaum noch hören kann.

Abrupt drehe ich mich um und erkenne, dass ich bereits am oberen Ende des Parks angelangt bin. Keine hundert Meter vor mir führt die Travemünder Allee entlang. Jetzt erst verstehe ich, dass ich es tatsächlich geschafft habe.

Ich habe Menschen getötet. Kinder ebenso wie Erwachsene. Wie viele, kann ich nicht einmal sagen. Sie sind in den Tod gesprungen, qualvoll erstickt oder bei lebendigem Leib verbrannt. Morgen früh werde ich es in der Zeitung lesen und mir nichts anmerken lassen. Denn nur eines zählt in diesem Moment für mich: davongekommen und am Leben zu sein.

Er ist der Schuldige und ich nur das Opfer…

Ich schlage die Augen auf und sitze senkrecht im Bett. Ich schwitze, trotz der Kälte, gegen die die alte Heizung kaum noch ankommt.

Dieser Alptraum will einfach kein Ende nehmen. Manchmal denke ich wirklich, dass ich diese Menschen in den Tod geschickt habe, nur um ihm die Schmerzen zuzufügen, die er verdient hat. Als ob ich mir regelrecht herbeisehne, diese Grausamkeit begangen zu haben, damit ich ihn leiden sehe. Doch ich bin es, die leidet. Jede Nacht in meinen Alpträumen und jeden Tag, wenn ich erneut begreife, was er mit uns macht.

Vielleicht hätte ich die Tat zugeben sollen, damals, denn in Gedanken habe ich es oft getan. Ich hätte mein Leben hinter Gittern verbracht, aber immerhin nicht an der Seite dieses Mannes. Doch stattdessen kauerte ich regungslos hinter dieser Litfaßsäule und beobachtete, wie das Haus in Flammen aufging und Menschen in den Tod sprangen. Vielleicht wäre alles auch ganz anders verlaufen, wenn ich damals nach meiner Spätschicht einen anderen Weg nach Hause genommen hätte und sich diese Bilder nicht bei mir eingebrannt hätten. Zumindest würden mich diese Alpträume nicht plagen.

FLUCHT

Mahmoud Saids Blick folgte dem hellen Atem, den er kreisförmig wie Zigarettenrauch in die sternenklare Nachtluft ausstieß. Es war kalt, und er fror am ganzen Körper. Und doch hatte er in seiner Heimat schon kältere Nächte erlebt. Erst vor ein paar Tagen hatte er dem Sozialarbeiter in seiner Flüchtlingsunterkunft zu erklären versucht, dass Temperaturen unter null auch in Aleppo keine Seltenheit waren.

Im Schatten von St.Marien hatte sich Said einen Moment lang sicher gefühlt. Ein seltsames Gefühl für jemanden wie ihn, der in einem Land aufgewachsen war, in dem Christen bestenfalls toleriert, doch nicht selten verfolgt wurden. In den vergangenen sechs Monaten hatte er jedoch verstanden, dass er sich hier in dieser ihm so fremden Stadt auch anpassen musste, um zu überleben. Obwohl er seine eigenen Vorurteile gegenüber Andersdenkenden und Ungläubigen niemals ganz würde ablegen können, hatte er die Unterstützung, die man ihnen zuteilwerden ließ, angenommen.

Der Sozialarbeiter, der sich um ihn kümmerte und sorgte, war längst so etwas wie ein Freund geworden. Wie sein Bruder, der irgendwo zwischen der Türkei und Griechenland im Mittelmeer ertrunken war. Wie sein Vater, den unbekannte Rebellengruppen aus ihrer Stadt verschleppt und wahrscheinlich erschossen und verscharrt hatten. Wie seine Mutter, die in Assads Bombenhagel getötet worden war.

Er war der Einzige, der es geschafft hatte. Der Einzige, der noch lebte, und dennoch besaß er kaum Hoffnung, jemals wieder die Bilder aus Syrien und von seiner Flucht nach Deutschland loszuwerden. Ein nicht enden wollender Alptraum, der sich Nacht für Nacht in seinem Kopf abspielte.

Mahmoud Said hatte noch immer keine Ahnung, wer ihm eigentlich auf den Fersen war. Doch dass ihn jemand verfolgte, daran hatte er keinen Zweifel mehr. Als er sich vor einigen Tagen zum ersten Mal beobachtet gefühlt hatte, hatte er das noch als Einbildung abgetan. Der Krieg und die anschließende Flucht hatten ihn wohl paranoid werden lassen.

Er wusste, dass er als Flüchtling unter polizeilicher Beobachtung stand. Und dass es in seiner Unterkunft außerdem ein paar Iraner gab, die es auf ihn abgesehen hatten. Doch spätestens am dritten Tag, als sich der unsichtbare Schatten, der ihm quer durch die Stadt gefolgt war, noch immer nicht zu erkennen gegeben hatte, war sich Said sicher gewesen, dass jemand ganz anderes hinter ihm her war. Jemand, den er womöglich gar nicht kannte.

Nicht zu wissen, wer ihm nachstellte, machte ihm Angst– so wie sie in den vergangenen fünf Jahren in Aleppo, während die Bomben tagtäglich auf sie hinabgeprasselt waren, allgegenwärtig gewesen war.

Said blickte sich um. In diesem Moment war er überzeugt, allein zu sein. In der Dunkelheit war kein Schatten zu spüren, kein Atem zu hören. Keine leisen Schritte, die ihm folgten und über das Kopfsteinpflaster hallten.

Vorsichtig kam er aus seinem Versteck hervor und vergewisserte sich noch einmal, dass niemand in der Nähe war. Als er auch den letzten Zweifel überwunden hatte, verließ er schnellen Schrittes den Marienkirchhof und lief die Fleischhauerstraße hinunter. In Höhe Königstraße bog er links ab.

Tagsüber schoben sich hier Busse, Autos und Fußgänger durch die Stadt. Voller Leben. Beinahe wie in Aleppo– zu der Zeit, als die Hölle noch längst nicht über sie alle hereingebrochen war. Doch jetzt, weit nach Mitternacht, sah es hier aus wie in einer der verlassenen syrischen Geisterstädte, die nicht einmal mehr von Plünderern heimgesucht wurden.

Said versuchte sich vorzustellen, wie die mächtigen Häuser zu beiden Seiten der Königstraße nach jahrelangem Raketenbeschuss nur noch wie Gerippe in den Himmel ragten. Schuttberge dort, wo sonst Busse fuhren. Rauchsäulen, die aus Ruinen stiegen. Wie der Kaminqualm, der aus den Schornsteinen dampfte. Dazwischen ein paar Kinder, die in den Trümmern nach Essbarem suchten.

Er befühlte seine Jackentasche. Die Geldbündel waren noch immer dort, wo er sie hingesteckt hatte. Mehr als ein Dutzend Mal hatte er sich in den vergangenen Wochen nachts an den Sicherheitsleuten vorbei aus der Flüchtlingsunterkunft geschlichen, um in kleinere Geschäfte in der Innenstadt einzusteigen und Kassen zu plündern. Bislang war immer alles gut gegangen. Said war überrascht, wie wenig gesichert die Geschäfte waren. Und dass nachts die Polizei kaum Streife fuhr.

Plötzlich zuckte er zusammen. Das Geräusch, das für den Bruchteil einer Sekunde zu hören gewesen war, hatte wie eine heruntergefallene Dose geklungen. Ein ganz leises Scheppern.

Für einen kurzen Augenblick lähmte ihn die Angst. Er dachte daran, sich zu verstecken, doch die wuchtigen Kaufhausgebäude und der freie Platz dazwischen boten keinerlei Möglichkeiten. Stattdessen rannte er los, ohne sich noch einmal umzusehen. So schnell wie in Syrien, wenn sie vor dem nächsten Angriff flüchten mussten.

Er lief vorbei an den Bürgerhäusern, dem Kino und der Kirche. Weiter über den Koberg und durch das Stadttor, bis er die Altstadt verlassen hatte. Auf der Brücke über den Fluss blieb er schließlich stehen. Keuchend und trotz der Kälte mit Schweißtropfen über der Oberlippe, stützte er sich mit den Armen auf seinen Oberschenkeln ab.

Als sich seine Atmung wieder reguliert hatte, trat Said an das Brückengeländer und warf einen Blick nach unten. Hier war es so dunkel, dass er das Wasser unter sich kaum erkennen konnte. Er schaute zurück durch das Burgtor in die Stadt. Die schwachen Lichter, die durch den Torbogen zu sehen waren, wirkten gespenstisch. Wieder hatte er Bilder seiner Heimat im Kopf. Die bekannte Zitadelle von Aleppo mit ihrem Viadukt und dem großen Torbau. Auch sie hatte der Krieg nicht verschont.

Nein, ihm war niemand gefolgt, er bildete sich das bloß ein. Said schüttelte den Kopf über sich selbst. Er wollte gerade weiter in Richtung seiner Unterkunft gehen, als er plötzlich in einigen Metern Entfernung eine dunkel gekleidete Person erkannte, die sich von stadtauswärts kommend näherte. Instinktiv wich er zurück und klammerte sich halb abgewandt am Brückengeländer fest.

Eine gefühlte Ewigkeit hielt er die Luft an und bewegte sich nicht. Erst in dem Moment, als die unbekannte Person an ihm vorbeiging, riskierte er einen Blick. Er konnte kaum etwas erkennen. Auch, weil die Person eine tief ins Gesicht gezogene Wollmütze trug und in leicht gebückter Haltung in Richtung Innenstadt eilte.

Said spürte, dass sich sein Herzschlag wieder beruhigte. Überall sah er Gefahr. Geister. Böse Menschen, die es auf ihn abgesehen hatten. Hinter jeder Stirn. Hinter jedem Hausvorsprung. Einfach überall. Er musste lernen, dass Lübeck nicht Aleppo war. Hier in Deutschland konnte er auch nachts durch die Straßen gehen, ohne dass der Tod an jeder Ecke auf ihn lauerte.

Er senkte seinen Blick auf das dunkle Wasser des Flusses, der die Stadt umschloss. Wasser im Überfluss, ein unschätzbares Gut. Zumindest in Aleppo. Monatelang waren sie von der Wasserversorgung abgeschnitten gewesen. Und das Wasser aus den Brunnen war so verschmutzt, dass sie Krankheiten bekamen, an denen noch mehr Menschen starben. Doch hier und jetzt war Wasser das Normalste auf der Welt. Nichts Ungewöhnliches. Nichts, weshalb er in Freudentränen ausbrach.

Er hielt inne. Da waren plötzlich diese Schritte.

Im ersten Moment verstand Said nicht, aus welcher Richtung sie kamen. Abrupt drehte er sich um. Die dunkel gekleidete Person kam direkt auf ihn zugerannt.

Erst im letzten Augenblick verstand Said, wer diese Person war. Er kannte das Gesicht unter der Wollmütze. Sogar allzu gut. Doch es war längst zu spät.

Said taumelte zurück, als ihn das Messer im Hals traf. Das Blut quoll so schnell hervor, dass ihm sofort schwarz vor Augen wurde. Sein Körper erschlaffte innerhalb weniger Sekunden. Die Beine gaben nach.

Wie in Trance spürte Said, dass er festgehalten und hochgezogen wurde

ZERRISSEN

Der Küchenstuhl war dreißig Jahre alt, das Holz längst morsch, die Schrauben locker. Tagtäglich wartete sie darauf, dass er unter ihr zusammenbrechen würde, wenn sie sich erschöpft darauffallen ließ. Und doch war das triste Möbelstück in diesem Moment der einzige Halt, der sich ihr bot.

Mit verkrampften Fingern klammerte sie sich am Sitz fest, während sie erfolglos versuchte, ihren Puls zu regulieren. Auch der Blick durch das Küchenfenster raus in ihren Garten konnte sie nicht beruhigen. Die kleine Grünfläche mit dem winzigen Gemüsebeet war für sie immer ein Rückzugsort gewesen, wenn sie mal wieder an allem gezweifelt hatte. Wenn sie sich gefragt hatte, wer der Mann an ihrer Seite, mit dem sie seit mehr als dreißig Jahren verheiratet war, tatsächlich war. Was ihn antrieb, wer ihm wichtig war. Und vor allem, warum er diese Dinge tat, die sie zwar stillschweigend hingenommen hatte, sie aber tief im Innern so sehr verletzt hatten, dass sich ihre Seele so zerrissen anfühlte wie ein zerfetztes Stück Stoff. Wie eines ihrer alten Küchentücher, die kaum mehr als solche zu erkennen waren.

Die schönen Zeiten lagen so weit zurück, dass sie nicht einmal mehr wusste, wie es war, glücklich zu sein. Dass da schon seit Jahren keine Gefühle mehr zwischen ihnen waren, hatte sie sich viel zu lange nicht eingestehen wollen. War sie zu bequem gewesen? Vielleicht hatte sie aber auch geglaubt, es sei normal, wie ihre Ehe verlief.

Ihr fehlte die Wut, die ihr die Kraft gegeben hätte, diesen Mann für immer aus ihrem Leben zu verbannen. Stattdessen hatte eine lähmende Resignation sie befallen, weil es ihr trotz der jahrelangen Erniedrigungen bis heute nicht gelungen war, einen Schlussstrich zu ziehen. Letztendlich überwog sogar der Hass auf sich selbst. Die bittere Erkenntnis, dass alles aus dem Ruder gelaufen war und sie sich nicht gegen den Lauf der Dinge gestemmt hatte.

Bis sie schließlich verstanden hatte. Bis zu dem Moment, in dem alles über ihr zusammenzubrechen drohte. Das Verlangen, ihn für alles, was er ihr angetan hatte, zur Verantwortung zu ziehen, war mit einem Mal so groß, dass sie vor nichts mehr zurückscheuen würde.

Nach und nach legte sich ihr Herzrasen. Die innere Zerrissenheit während all der Jahre hatte ihre Psyche derart angegriffen, dass sie diverse körperliche Symptome verspürte, die ihr Leben zu einer einzigen Last machten. Sie hatte alles stillschweigend ertragen. Die Schmerzen in der Brust, das Stechen in den Schläfen und die Taubheit in den Beinen. Wie so vieles andere, was in den vergangenen Jahrzehnten passiert war. Sie würde all das hinter sich lassen.

Sie führte sich vor Augen, was zu tun war, um zu retten, was noch zu retten war. Mit allen Mitteln verhindern, dass es noch schlimmer kam als ohnehin schon. Dass ihre Familie noch größeren Schaden nahm. Und gleichzeitig musste sie dafür sorgen, dass dieser Mann endlich die Strafe erhielt, die er verdiente.

Niemand, vor allem nicht er selbst, durfte jemals erfahren, dass sie es gewesen war, die ihn ins Gefängnis gebracht hatte. Denn nach all der Erniedrigung fehlte ihr für eine direkte Konfrontation mit ihm noch immer der Mut. Sie selbst würde nur dafür sorgen, dass jemand ihn ins Visier nahm und schlussendlich überführte.

Schon vor Monaten hatte sie sich umgehört, um die geeignete Person zu finden. Schließlich hatte ihr Kalle Hansen, ein Privatdetektiv, dessen Nummer sie im Adressbuch ihres Mannes gefunden hatte, empfohlen, Kontakt zu Simon Winter aufzunehmen, einem Privatermittler, angeblich der beste, den es weit und breit gab. Sofern sie denn sichergehen wolle, dass ihr Anliegen zu einem Erfolg führt, sei er die beste Wahl– für vergleichsweise wenig Geld.

Sie hatte diesem Hansen damals dreihundert Euro zustecken müssen, bis er ihr endlich Namen und Adresse von Simon Winter genannt hatte. Mehr Informationen hatte er ihr nicht gegeben.

Bis heute kannte sie Winter nicht persönlich. Doch wenn sie Hansen richtig verstanden hatte, war dieser Mann genau der Richtige. Er würde das Ganze so aussehen lassen, als hätte man nach zwanzig Jahren endlich den wahren Brandstifter des Asylbewerberheims in der Hafenstraße52 gefunden, ohne dass sie selbst zur Polizei gehen und ihn verraten musste. Winter würde dafür sorgen, dass alle an seine Wahrheit glaubten. Eine Wahrheit, die so wahr war, wie sie sein musste. Und so überzeugend, dass niemand sie anzweifeln würde.

Ihr Körper entspannte sich allmählich. Der Stuhl war endlich wieder das, was er meistens für sie war. Ein treuer Gefährte. Ein vertrautes Gefühl, das sie so sehr brauchte. Es war alles in Ordnung.

Langsam stand sie auf und verließ die Küche. Im Flur zog sie sich ihre Daunenjacke und die dicken Winterstiefel an. Setzte ihre Mütze auf und legte einen Schal um. Ein letzter Blick zurück in ihre Wohnung. Alles sollte so bleiben, wie es war. Mit einer kleinen Ausnahme.

EISSCHOLLEN

Je länger Simon Winter am Geländer der Brücke lehnte und auf die Obertrave hinabblickte, desto mehr hatte er das Gefühl, dass das Wasser beinahe sekündlich seinen Aggregatzustand veränderte. Vor seinen Augen schwammen mit einem Mal immer mehr Eisschollen, als erstarrte der gesamte Fluss genau in diesem Moment unter ihm.

Die Brotkrumen, die er lustlos hinuntergeworfen hatte, um die wenigen Enten, die der Kälte trotzten, zu füttern, schwammen auf den Schollen davon. Immer weiter in Richtung Holstentor. Die Trave hinab, bis sie nach knapp zwanzig Kilometern vielleicht auf die offene Ostsee trieben. Vielleicht, denn falls die Temperaturen noch einige Tage so weit unter dem Gefrierpunkt blieben, würde der Fluss unter einer geschlossenen Eisdecke verschwinden und womöglich sogar die gesamte Lübecker Bucht. So wie im Winter85/86, als er mit seinen Eltern vor Travemünde über die zugefrorene Ostsee spaziert war und den ein- und auslaufenden Fährschiffen, die krachend die Eismassen vor sich hergeschoben hatten, staunend zugesehen hatte.

Das war wenige Monate, bevor seine glückliche Kindheit ein fürchterliches Ende genommen hatte, gewesen. Er war gerade einmal acht Jahre alt gewesen, als seine Eltern von Unbekannten in ihrer eigenen Wohnung erschossen worden waren, während er sich hinter einer verschlossenen Zimmertür versteckt gehalten hatte. Der Mord an ihnen war bis heute unaufgeklärt und vor allem ungesühnt geblieben. Etwas, das so sehr an ihm nagte, dass er zeit seines Lebens versuchte hatte, das Erlebte zu verdrängen.

Oft hatte er sich in den vergangenen Jahren vorgestellt, welchen Verlauf sein Leben wohl genommen hätte, wenn er bei seinen Eltern groß geworden wäre. Wahrscheinlich wäre er niemals derart abgestürzt wie damals in seiner Jugend, als er kurz davorgestanden hatte, des Lebens überdrüssig zu werden. Auch bezweifelte er, dass er überhaupt auf die Idee gekommen wäre, sich als Privatdetektiv durchzuschlagen und Fälle aufzuklären, zu deren Lösung sonst niemand fähig war. So war er zum besten Privatermittler zwischen Nord- und Ostsee geworden.

Während er weiter Brotkrumen in die Trave warf, musste er an die vergangenen Monate denken. Wieder einmal hatte sich sein Leben grundlegend verändert. Schweren Herzens hatte er den Ort der Ruhe und Abgeschiedenheit am Pönitzer See aufgegeben und war zurück in die Stadt gezogen.

Nachdem Molli, die Besitzerin des Campingplatzes am See, ihren kurzen Kampf gegen den Krebs verloren hatte, hatte ihn eine tiefe Leere übermannt und war den gesamten Sommer über seine ständige Begleiterin gewesen. Als dann auch noch Mollis Tochter Anna ihre Ankündigung, den Campingplatz zu verkaufen und nach Norwegen auszuwandern, im Herbst tatsächlich wahr gemacht hatte, war ihm nichts anderes übrig geblieben, als dem Leben in seinem Camper abzuschwören und nach Lübeck zurückzukehren.

Es waren Molli und Anna gewesen, die ihn so lange am Pönitzer See gehalten hatten. Dort hatte er zwar Kraft tanken und die nötige Ruhe für die richtigen Gedanken finden können, aber die Einsamkeit war auch zermürbend gewesen. Letztlich hatte er sich eingestehen müssen, dass er ein Kind der Stadt war. Die Enge der Stadt und die gleichzeitige Anonymität hatte er all die Jahre insgeheim vermisst. Dazu kam das Netzwerk, über das er verfügte, Kontakte, die ihm immer wieder geholfen hatten. Denn seine Fälle hatten ihn noch jedes Mal zurück nach Lübeck gebracht.

Die Brücke, auf der er trotz der Eiseskälte schon seit knapp zwanzig Minuten verharrte, nannten die Lübecker Liebesbrücke. Wegen der vielen Schlösser, die verliebte Paare am Geländer angebracht hatten. Ob Anna und er so etwas auch getan hätten, wenn die Sache zwischen ihnen anders verlaufen wäre? Seine Mundwinkel zuckten. Vielleicht waren sie tatsächlich kurz davor gewesen, ein Paar zu werden. Ihre Zeichen waren so deutlich gewesen, doch er hatte sie übersehen und am Ende seinem Ego nachgegeben, das sich vor allem aus der Aufklärung komplizierter Kriminalfälle speiste. Genau wie bei der Sache auf der »MSKlaipeda Express« im vergangenen Frühjahr. Er hatte nicht nur den Fall für wichtiger als seine sich anbahnende Beziehung zu Anna erachtet. Schlimmer war gewesen, dass er Anna im Zuge der Ermittlungen in Gefahr gebracht hatte.

Dass sie sich schließlich von ihm zurückgezogen und dazu entschieden hatte, nach Norwegen zu ziehen, konnte er ihr nun wirklich nicht verübeln. Und dennoch vermisste er nicht unbedingt den Camper und die Einsamkeit am Pönitzer See vor allem während der kalten Jahreszeit, sondern Anna und ihre Unbekümmertheit. Ihr Lächeln, die positive Art, mit der sie die Dinge anging. Zum ersten Mal in seinem Leben hatte er sich zu einer Frau hingezogen gefühlt.

»Entschuldigen Sie.«

Winter fuhr herum. Dabei fiel ihm die Tüte mit den restlichen Brotkrumen aus der Hand und landete auf den Eisschollen unter ihm. Als er hochblickte, sah er in einigen Metern Entfernung eine Frau stehen. Viel mehr konnte er jedoch nicht erkennen. Ihr Mantelkragen reichte bis zur Nasenspitze, und die dunkle Wollmütze war tief ins Gesicht gezogen. Hinzu kam, dass die Dämmerung bereits eingesetzt hatte.

Er beobachtete die Frau. Sie klammerte sich am Geländer der Brücke fest, als fiele es ihr schwer, sich auf den Beinen zu halten. Die Frau war offenkundig verängstigt. Ihre Augen flackerten, während sie nervös versuchte, mit dem linken Fuß Halt am Geländer zu finden.

Winter schloss die Augen, ließ die in seinem Kopf abgespeicherte Datenbank durchlaufen. Irgendwann vor Jahren hatte er aufgehört zu zählen, doch er schätzte die Zahl der Personen, deren Gesichter er in Sekundenschnelle abrufen konnte, auf um die fünftausend. Etwa ein Zehntel davon kannte er persönlich, hatte bereits mit ihnen gesprochen oder ihnen zumindest schon einmal aus nächster Nähe in die Augen gesehen.

Die Frau, die keine zehn Meter von ihm entfernt stand, war bislang nicht Teil seiner Datenbank gewesen. Dessen war sich Winter sofort sicher. Er hatte keinerlei Anhaltspunkt, woher sie stammte und was sie von ihm wollte. Diese Kombination verunsicherte ihn.

»Kommen Sie doch näher«, sagte er. »Ich denke, ich weiß, wer Sie sind.«

Die Frau wich ein paar Schritte zurück und klammerte sich jetzt noch fester an das Geländer. Einen Moment lang befürchtete Winter, dass sie aus lauter Angst, wovor auch immer, wieder davonlaufen würde.

»Beruhigen Sie sich doch«, sagte Winter. »Egal, weshalb Sie hier sind, ich höre Ihnen zu. Und da ich davon ausgehe, dass Sie mich nicht ohne Grund ansprechen, wissen Sie sicherlich, wer ich bin. Es sollte Sie also nicht überraschen, dass ich mehr weiß, als Ihnen womöglich lieb ist.«

»Ich glaube kaum, dass Sie mich kennen«, erwiderte die Frau mit nun festerer Stimme. »Oder können Sie mir etwa sagen, wie ich heiße?«

Winter musterte die Unbekannte. Sie wirkte plötzlich entschlossener. Er selbst dagegen fühlte sich entlarvt. Der Frau war es binnen weniger Sekunden gelungen, ihn zu durchschauen. Vielleicht weil er diesmal etwas zu plump gewesen war. Bluffen gehörte eigentlich zu seinen großen Stärken, doch diesmal schien die Strategie nicht aufzugehen. Er musste sich etwas anderes überlegen, um die Oberhand zurückzugewinnen.

»Sie brauchen mir nichts vorzumachen«, sagte er schließlich. »Es ist nicht schwer zu erkennen, dass es Ihnen schlecht geht. Ihnen liegt etwas auf dem Herzen. Erzählen Sie mir einfach, wer Sie sind und was Sie bedrückt.«

»Der Unterschied zwischen uns ist, dass ich tatsächlich weiß, wer Sie sind«, entgegnete die Frau. »Ich bin mir durchaus im Klaren darüber, dass Sie glauben, allwissend zu sein. Aber vielleicht war es doch keine so gute Idee, mit Ihnen zu reden.«

»Wer schickt Sie?«, fragte Winter.

»Spielt keine Rolle.« Die Frau drehte sich von Winter weg und entfernte sich noch ein weiteres Stück von ihm.

»Moment, warten Sie.« Winter ging ihr einige Meter entgegen. »Sie haben mich neugierig gemacht. Was ist so wichtig, dass Sie mich hier bei dieser Kälte aufsuchen?«

»Bevor wir miteinander reden, sollten Sie wissen, dass das, was ich Ihnen zu erzählen habe, nichts mit mir persönlich zu tun hat.« Die Frau wandte sich wieder Winter zu und blickte ihm tief in die Augen. Plötzlich war die Traurigkeit aus ihrem Gesicht gewichen.

»Es geht um etwas wirklich Schlimmes, das ich erfahren habe«, sagte sie. »Es ist bereits einmal passiert, aber es muss verhindert werden, dass es sich wiederholt. Und meine Hoffnung ist, dass Sie das verhindern können.«

»Nun, ich kenne Sie nicht«, sagte Winter. »Normalerweise spreche ich unter diesen Voraussetzungen nicht über einen potenziellen Fall. Allerdings habe ich das Gefühl, dass Sie mir tatsächlich etwas Wichtiges zu sagen haben. Und das macht mich neugierig.«

»Natürlich ist es wichtig«, sagte die Frau mit kühler Stimme. »Was ich Ihnen jetzt erzählen werde, klingt verrückt, aber es ist wahr. Und ich bitte Sie, mir genau zuzuhören.«

Winter nickte und schwieg, obwohl es ihm zuwider war, wenn ein Klient über ihn bestimmte. Er war es, der die Fragen stellte.

»Also«, begann sie. »Es geht um etwas, das sich in wenigen Tagen zum zwanzigsten Mal jähren wird. Etwas, das diese Stadt bis heute verfolgt. Ich spreche von dem Brand in der Hafenstraße52.«

Winter blickte die Frau irritiert an. Hatte er sie richtig verstanden?

»Tun Sie doch nicht so«, sagte sie streng. »Sie wissen genau, was damals passiert ist.«

»Natürlich weiß ich das«, blaffte Winter zurück. »Jeder in Lübeck sollte das wohl wissen.«

Die Bilder der Nacht vom17. auf den 18.Januar 1996 waren auch nach zwanzig Jahren noch nicht verblasst. Das Asylbewerberheim in der Hafenstraße52 hatte innerhalb weniger Minuten in Flammen gestanden. Zehn Bewohner waren damals ums Leben gekommen. Sieben Kinder und drei Erwachsene, die meisten von ihnen aus afrikanischen Ländern. Bis heute waren die Ursache für den Brand und die Schuldfrage nicht geklärt. Es hatte Verdachtsmomente gegen mehrere junge Männer aus Mecklenburg-Vorpommern gegeben, die der rechten Szene zugeordnet worden waren, und auch gegen einen der Bewohner des Asylbewerberheims, der noch in der Brandnacht die Tat zugegeben, sie später jedoch wieder abgestritten hatte.