George Sand - Armin Strohmeyr - ebook

George Sand ebook

Armin Strohmeyr

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Opis

Sie galt als Vamp, als Zigarre rauchendes Mannweib, als schwärmerische Romantikerin und als aufwieglerische Kommunistin: George Sand. Tatsache ist: Sie gehörte zu den produktivsten, meistgelesenen und bestbezahlten Autoren des 19. Jahrhunderts, erregte als streitbare Bürgerin mit Zivilcourage die Gemüter und pflegte - nicht immer platonische - Freundschaften mit vielen Geistesgrößen ihrer Zeit, darunter Balzac, Liszt, Chopin und Bettina von Arnim.

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Armin Strohmeyr

George Sand

Glauben Sie nicht zu sehr an mein

satanisches Wesen

Biografie

Impressum

Titel der Originalausgabe: George Sand

Glauben Sie nicht zu sehr an mein satanisches Wesen

Biografie

© Verlag Herder GmbH, Freiburg im Breisgau 2016

Alle Rechte vorbehalten

www.herder.de

Umschlaggestaltung: Designbüro Gestaltungssaal

Umschlagmotiv: George Sand. Porträt von Auguste Charpentier, 1838, Öl auf Leinwand, Musée de la Vie Romantique, Paris

E-Book-Konvertierung: Arnold & Domnick, Leipzig

ISBN (E-Book): 978-3-451-80771-8

ISBN (Buch): 978-3-451-06814-0

für Christoph

Inhalt

»Von Musik und Rosenrot umgeben«

Herkunft und Kindheit

»Mademoiselle ist wirklich fürchterlich«

Wegsuche

»Jedes Entsagen ist eine neue Freude«

Szenen einer Ehe

»Sie sind ein wirklich seltenes und starkes Geschöpf«

George Sand wird geboren

»Die Nachwelt wird unsre Namen im Munde führen«

George Sand und Alfred de Musset

»Wenn man die Liebe sublimierte«

Das Kreuz mit der Freundschaft

»Oh, die Erbärmlichen!«

Mallorquinisches Intermezzo

»Trennen wir uns also. Was macht das schon?«

Bröckelnde Fassaden

»Ich bin so beschäftigt wie ein Staatsmann«

Revolutionäre Visionen

»In welch grauenvollen Zeiten leben wir!«

Verlorene Illusionen

»Zärtlich wie ein Kater und treu wie ein Hund«

Späte Leidenschaften

»Ich mache im alten Trott weiter«

Zwei späte Troubadoure

Auswahlbibliografie

- Leseprobe -

»Von Musik und Rosenrot umgeben«

Herkunft und Kindheit

Das Kind kommt zu Klängen eines Contredance zur Welt.

Die Mutter, in einem rosenfarbenen Kleid, hat eben noch zu den Melodien einer Cremoneser Geige ausgelassen getanzt. Da entschuldigt sie sich und geht in ihr Zimmer, gefasst und ruhig. Keiner der Anwesenden ahnt die Niederkunft. Wenige Minuten später verlässt eine Verwandte den Tanzsaal, um nach der jungen Frau zu sehen. Kurz darauf hört man sie rufen: »Kommen Sie, kommen Sie, Maurice! Sie haben eine Tochter.«

Maurice Dupin ‒ der Vater des Kindes ‒ und seine Freunde laufen hinüber, um den neuen Erdenbürger zu bestaunen. Das Kind ist kräftig und gesund. In den Umständen der Niederkunft sieht die Tante ein gutes Omen: »Ihre Geburt war von Musik und Rosenrot umgeben, sie wird glücklich sein!« Man einigt sich auf den Namen Amantine-Aurore-Lucile. Aurore wird der Rufname. Sehr viel später wird sich Aurore ein männliches Pseudonym zulegen, unter dem sie zu Weltruhm gelangt: George Sand.

Man schreibt den 1. Juli 1804. Die Szenerie: Paris, im Hause begüterter Landadliger und gehobener Bürger. Es ist das letzte Jahr der französischen Republik. Bereits im Dezember wird Napoléon Bonaparte sich selbst zum Kaiser der Franzosen krönen. Französische Truppen sind über halb Europa verteilt. Bonaparte kürt und verwirft seine Vasallen in den europäischen Ländern. Jeglicher Widerstand wird mit Hilfe seiner als unbesiegbar geltenden Armeen gebrochen. Der französische Staat steht im Zenit seiner Macht.

Doch im Innern der französischen Gesellschaft zeigen sich Brüche und Verwerfungen. Auch durch Aurores Familie gehen sie. Die Republik hat zwar die Gleichheit der Bürger durchgesetzt und die Privilegien des Adels abgeschafft, aber das hindert die Aristokratie nicht, ihre Vorurteile und Standesdünkel zu pflegen. Aurore jedenfalls trägt das Stigma des unstandesgemäßen Bastards, geht es nach dem Urteil ihrer adligen Großmutter väterlicherseits, der Dame Marie-Aurore Dupin de Francueil. Die Mutter des Kindes ist nämlich eine Bürgerliche, eine von zweifelhaftem Ruf.

Doch beweist Madame de Francueil damit ein kurzes Gedächtnis. Denn auch in ihrem Stammbaum gab es eine missliche Liaison. Ihr Urahn ist zwar kein Geringerer als der sächsische Kurfürst August II., genannt der Starke. Er, dem man mehrere hundert Bastarde nachsagt, zeugte auch einen mit der Gräfin Aurora von Königsmarck. Nach ihr hat die kleine Aurore den Namen erhalten, und vielleicht von ihr auch die Gabe der Schriftstellerei. Gräfin Königsmarck war Autorin von Opernlibretti und geistlichen und galanten Gedichten. Nach Dresden, an den sächsischen Hof, kam sie 1694, um wegen des ungeklärten Verschwindens ihres Bruders Philipp vorstellig zu werden. Hier gelangte sie bald in unmittelbare Nähe des sächsischen Kurfürsten und polnischen Königs August und empfing von ihm einen Sohn, Moritz. Über diese Verhältnisse hat Aurore Dupin alias George Sand später, in ihren 1854 erschienenen Memoiren Geschichte meines Lebens berichtet. Sie hat dies in aller Ausführlichkeit getan: Mehr als ein Viertel der eintausendsechshundert Seiten umfassenden Autobiografie widmet sich den Lebenswegen ihrer Ahnen. Für ihren Ururgroßvater August von Sachsen hat George Sand kein freundliches Wort übrig. Er sei »der größte Wüstling seiner Zeit« gewesen, bemerkt sie harsch. Und mit einer Mischung aus Abscheu und Verehrung schreibt sie über seine Mätresse als von »der großen, gewandten Kokotte, vor welcher Karl XII. [von Schweden] zurückwich, so dass sie sich an Furchtbarkeit einer Armee überlegen glauben konnte«. Freilich wurden Kriege nicht nur am Hofe ausgefochten, Bündnisse nicht nur in den fürstlichen Betten geschlossen. Das Soldatenhandwerk bot für einen Bastard die beste Möglichkeit, aus dem Schatten seiner Herkunft herauszutreten, und so wurde Moritz, legitimierter Graf von Sachsen, Offizier im Heer seines Vaters. Er kämpfte in verschiedenen Kriegen gegen die Franzosen, Schweden und Polen und unter Kaiser Karl VI. sogar gegen die Türken. Die Idee eines nationalen Heers war der damaligen Zeit noch fremd, und so bereitete es Moritz von Sachsen keine Gewissensbisse, später in französische Militärdienste zu treten. Für Louis XV. kämpfte er im Polnischen Thronfolgekrieg und im Österreichischen Erbfolgekrieg und erwarb sich große Verdienste. Er wurde schließlich zum »Marschall von Frankreich« ernannt. So berühmt Moritz von Sachsen als Feldherr war, so berüchtigt war er als Frauenheld – vielleicht auch das ein Erbe seines fürstlichen Vaters. Mit einer schönen Pariserin, Marie Rainteau, die unter dem Namen Madame de Verrière als galante Dame und »Dienerin der Musen« in den Pariser Salons brillierte, in Wahrheit jedoch nur die Tochter eines Limonadenhändlers war, zeugte der Feldmarschall eine Tochter. Sie wurde auf den Namen Marie-Aurore getauft und erst mit fünfzehn Jahren, lange nach dem Tod des Marschalls, als dessen Kind legitimiert, weshalb sie sich nun »de Saxe«, »von Sachsen« nennen durfte. Ebendiese Marie-Aurore de Saxe war die Großmutter George Sands und hegte wegen der Herkunft ihrer Schwiegertochter so großen moralischen und ständischen Dünkel.

Marie-Aurore de Saxe war eine jener Frauengestalten, in denen das galante Frankreich, die Epoche Louis’ XV. und XVI., seine allerletzte, überfeinerte Steigerung erfuhr. Bildnisse zeigen sie als Frau mit edlen Gesichtszügen, großen Augen, die Stolz und ein wenig Überheblichkeit ausstrahlen, makelloser weißer Stirn, einer hohen Turmfrisur à la Marie-Antoinette und mit weit ausgeschnittenem Dekolletee. Dabei war sie keineswegs leichtsinnig oder frivol. Im Gegenteil: Sie wurde in einem Kloster streng religiös erzogen und früh verheiratet, an einen Grafen de Horn. Früh verwitwet, kehrte sie in das Haus ihrer Mutter zurück, um mit knapp dreißig Jahren nochmals zu heiraten, den bereits zweiundsechzigjährigen Louis-Claude Dupin de Francueil. Der Ehe entsprang Maurice, der Vater George Sands. Von dieser pflichtgemäßen Fortführung der Linie abgesehen, war die Verbindung, auch hinsichtlich des fortgeschrittenen Alters Dupins, eher eine platonische, und zwar im schönsten Sinn: Die Eheleute teilten ihre Leidenschaft für Literatur, Malerei, Musik, für gutes Essen und ein heiteres und geselliges Leben auf Schloss Raoul in Châteauroux in der Region Berry. Der eklatante Altersunterschied scheint Marie-Aurore nicht berührt zu haben. George Sand überliefert die Worte der Großmutter: »Ein Greis liebt besser als ein junger Mann [...]. Und dann, war man wohl jemals alt in jener Zeit? Die Revolution hat erst das Alter in die Welt gebracht. Dein Großvater, mein Kind, war schön, elegant, fein, heiter, liebenswürdig, herzlich und von immer gleicher Laune bis zur Stunde seines Todes.«

Dupin, Generalsteuereinnehmer des Herzogtums d’Albret, verdiente gut. Dennoch reichten seine Einkünfte nicht aus, um die aufwendige und sorglose Lebensführung auf Dauer zu finanzieren. Ein Pastellporträt zeigt ihn bezeichnenderweise nicht als Amtsperson, sondern mit der Malerpalette vor einer Leinwand ‒ ein den Künsten verschriebener Dilettant des schönheitstrunkenen Ancien Régime, der nicht nur malen konnte, sondern auch Geigen und Uhren baute, Möbel schreinerte, dichtete und komponierte. Mit Stil vollzog sich auch der Ruin Louis-Claude Dupins. Seine Frau erzählte der Enkelin hiervon: »Das Unglück war nur, dass er bei der Übung dieser Talente, bei den mannigfaltigen Versuchen, die er anstellte, sein Vermögen durchbrachte; aber ich sah nur die Lichtseite, und so richteten wir uns auf die liebenswürdigste Weise zugrunde.« Der finanzielle Niedergang konnte den Großvater in seinem Gleichmut nicht stören. »Man wusste aber auch zu leben und zu sterben in jener Zeit«, berichtet Madame de Francueil, »wer das Podagra hatte, ging trotzdem rüstig einher, ohne Gesichter zu schneiden, und verbarg sein Leiden aus gutem Ton. Man war auch nicht durch Geschäfte eingenommen – was die Häuslichkeit verdirbt und den Geist schwerfällig macht. Man wusste sich zugrunde zu richten, ohne etwas davon merken zu lassen, wie großartige Spieler, die verlieren, ohne Besorgnis oder Wunsch.« Als es mit Louis-Claude Dupin de Francueil dem Ende zuging – er starb glücklicherweise drei Jahre vor der Französischen Revolution –, nahm er seiner Frau auf dem Sterbebett das Versprechen ab, noch möglichst lange zu leben und das Dasein zu genießen. Ein nobler Zug, der leider außer Acht ließ, dass sie zu dieser Lebensführung bislang jährlich sechshunderttausend Livres benötigt hatten, die jedoch in der Kasse eigentlich gar nicht vorhanden waren.

Marie-Aurore Dupin de Francueil stand als achtunddreißigjährige Witwe vor dem Bankrott – zumindest aus ihrer Sicht. Ihr »Ruin« bestand in einer jährlichen Zins- und Ertragsrente von fünfundsiebzigtausend Livres. Sie zog daher einen Schlussstrich unter ihr luxuriöses Dasein, zahlte die Gläubiger aus und ging nach Paris. Hier widmete sie sich der Erziehung ihres Sohnes Maurice. Wie sein Großvater, der Feldmarschall, von dem er den Namen hatte, sollte Maurice auf die Offizierslaufbahn vorbereitet werden. Er schien dafür geeignet zu sein, konnte er doch Pferden und der Fechtkunst mehr abgewinnen als dem trockenen Stoff der Schulbücher. Obwohl Maurice von dem Arzt und Schulmeister François Deschartres unterrichtet wurde, der später auch noch die kleine Aurore unter seine Fittiche nehmen sollte, lag der Hauptanteil der Erziehung doch bei der Mutter. Und wie viele Alleinerziehende war wohl auch Madame Dupin von dem jungen Springinsfeld überfordert. Sie verabscheute körperliche Züchtigungen und setzte ganz auf Güte, Einsicht und Nachsicht – was Maurice offensichtlich ausnutzte. George Sand schreibt später über ihren Vater: »Dieser künftige Held war ein schwächliches, schrecklich verzogenes Kind.«

Maurice wurde als Jüngling kräftiger und gesünder, und so sollte seiner militärischen Laufbahn nichts entgegenstehen. Zwar erschütterte die Revolution das Land, aber Soldaten werden immer gebraucht. Die Republik sah einem Offizier den »Makel« des Adels gerne nach, wenn er nur auf ihrer Seite stand. Nicht ganz so glimpflich gingen die revolutionären Wirren an Madame de Francueil vorüber.

Hochbepackte Kutschen, auf deren Wagenschlag das adlige Wappen vorsichtshalber ausgekratzt worden war, rollten damals über die Landstraßen in Richtung Deutschland. Andere Aristokraten setzten sich über den Ärmelkanal nach England ab. Etliche Unglückliche, besonders aus dem Dunstkreis des Versailler Hofes, bezahlten ihr Schranzentum mit dem Tod auf dem Schafott. Madame Dupin de Francueil hingegen blieb und harrte der Dinge. Die Sansculotten drangen schließlich in ihre Wohnung ein und durchsuchten alles nach geheimen, konterrevolutionären Dokumenten und unerlaubten Luxusartikeln. Man fand – wie anders bei einer Dame mit Geschmack? – Silberbesteck. Grund genug für den aufgehetzten Mob, sie einzusperren. Es gab zu jener Zeit viele Unglückliche, denen eine Kleinigkeit zum Verhängnis wurde. Es gab aber auch Adlige, denen eine List oder der blinde Zufall zu Hilfe kam. Bekannt ist die Geschichte von Gustav Graf von Schlabrendorff, der in der Conciergerie einsaß. Als die Schergen kamen, um ihn zur Hinrichtung zu führen, log er, er finde seine Stiefel nicht, und meinte, er könne sich ja wohl nicht auf Strümpfen zum Schafott begeben. Den Henkersknechten leuchtete das ein, sie entfernten sich, um ihn anderntags zu holen. Am nächsten Morgen jedoch lag eine andere, aktuelle Liste aus; Graf Schlabrendorff wurde schlicht vergessen.

Madame Dupin de Francueil hatte ein vergleichbares Glück: Sie saß bereits seit neun Monaten im Gefängnis, als Robes­pierre gestürzt und hingerichtet wurde – die Revolution fraß ihre eigenen Kinder. Madame de Francueil wurde daraufhin freigelassen und zog sich aus der Stadt zurück.

Ihr Zufluchtsort war Schloss Nohant im Berry, gut zweihundert Kilometer südlich von Paris. Sie hatte den zweigeschossigen Landsitz, mehr ein Gutshof als ein repräsentatives Schloss, ein Jahr zuvor mit den restlichen Mitteln ihres großzügig bemessenen »Ruins« gekauft. Auf dem Lande ging vieles noch seinen althergebrachten Gang. Die Bauern waren in Gegenden, in denen die Armut nicht ganz so bitter war, gutmütig und ihrer Herrschaft meist treu ergeben. Daran änderte auch die Revolution nur wenig. Madame Dupin de Francueil stand bei den Dörflern bald in gutem Ruf. Auch Aurore alias George Sand wurde später von den Landleuten – Arbeitern, Handwerkern und Bauern – mit anhänglicher Hochachtung bedacht. Man sah im Adel, obgleich die Stände nach der Revolution rechtlich weitgehend gleichgestellt waren, weniger die alten Ausbeuter und Tunichtgute als die »Patrons«, die für Recht und Ordnung sorgten, die Arbeitsplätze boten und die man in schwierigen Belangen des öffentlichen Lebens um Rat oder gar Schlichtung anging.

Madame Dupin de Francueil ließ das erst unter Louis XVI. errichtete Gebäude renovieren, pflanzte einen Weinberg und einen Park, legte Laubengänge und Gewächshäuser an. Nohant wurde ein kleines Schmuckstück, ein Refugium in stürmischer Zeit. Keiner konnte damals ahnen, dass es bereits dreißig Jahre später zu einem Zentrum des französischen Geisteslebens werden sollte.

Der junge Maurice war so besessen vom Wunsch, ein berühmter Offizier zu werden, dass es ihn wenig scherte, wenn das in Diensten einer republikanischen Armee geschah. Er meldete sich zwanzigjährig freiwillig und nahm bald an den Kriegszügen Napoléon Bonapartes am Rhein und in Italien teil. Dort lernte er im Jahre 1800 die siebenundzwanzigjährige Sophie-Victoire Delaborde kennen. Sie stammte aus ärmlichen Verhältnissen: Ihr Vater war Vogelhändler in Paris und verkaufte auf den Brücken der Seine Kanarienvögel und Stieglitze. Sophie-Victoire war eine schöne, aufgeweckte und lebensfrohe Person, zu lebensfroh für die Konventionen der Zeit. Sie begleitete – wohl als eine Art Marketenderin – das französische Revolutionsheer und hatte bereits mehrere uneheliche Kinder zur Welt gebracht, von denen allerdings nur eines, das Mädchen Caroline, überlebte. Maurice störten Herkunft und schlechter Leumund der jungen Frau nicht. Die Liebe war stärker als jeder Standesdünkel – fast wie die Geschichte aus einem Kolportageroman. Immerhin war auch Maurice kein Mensch von Traurigkeit; auch er hatte aus der Verbindung mit einer Dienstmagd einen unehelichen Sohn, den ein Jahr zuvor geborenen Hippolyte.

Trotz der gesellschaftlichen Umwälzungen der Revolutionszeit war die Verbindung von Maurice Dupin de Francueil und Sophie-Victoire Delaborde natürlich unstandesgemäß. Madame de Francueil, die Herrin von Nohant, musste notwendigerweise entsetzt reagieren, obwohl die Geschichte der eigenen Abkunft ebenfalls nicht »unbefleckt« war. Nicht von ungefähr verheimlichten die beiden Liebenden ihre Beziehung, bis sie nicht mehr zu verheimlichen war. Aurore Dupin alias George Sand jedenfalls hat sich ihrer Herkunft nie geschämt. »Man ist nicht allein das Kind seines Vaters, man ist, wie ich glaube, auch ein wenig das seiner Mutter«, schreibt sie unumwunden in ihren Lebenserinnerungen. Sie fügt sogar stolz hinzu, sie stehe durch ihr Blut dem einfachen Volk nahe. Diese Äußerung ist keineswegs Koketterie. Auch wenn George Sand zeitlebens finanziell und gesellschaftlich begünstigt war, empfand sie doch nie Berührungsängste gegenüber Arbeitern, Bauern und Dienstleuten und setzte sich auch für deren Rechte und bessere Lebensbedingungen ein.

Als Aurore Dupin am 1. Juli 1804 geboren wird und ihre Tante ihr ein glückliches Leben voraussagt, steht diesem Glück zunächst die Großmutter entgegen. Bereits drei Wochen zuvor hat sie heimlich versucht, die zwischen ihrem Sohn und Sophie-Victoire geschlossene Ehe für ungültig erklären zu lassen – ohne Erfolg, denn beide Ehepartner sind volljährig, und die Republik hat gegen Verbindungen aus unterschiedlichen Ständen nichts einzuwenden. Wie soll sich das junge Paar verhalten? Der Großmutter die Geburt des Kindes verbergen? Sie brieflich aufklären? Es auf eine Konfrontation ankommen lassen? Aurore ist bereits acht Monate alt, da greift Maurice zu einer List, um das Herz seiner zwar dünkelhaften, aber nicht kalten Mutter zu erweichen. Als sie einmal in Paris weilt, fährt Maurice, das Kind im Arm, zu ihrer Wohnung und übergibt Aurore der Pförtnerin, wobei er ihr tuschelnd Anweisungen erteilt. Die Pförtnerin klopft kurz darauf an die Tür von Madame de Francueil: »Sehen Sie mal, Madame, welch’ hübsches kleines Mädchen ich hier habe. Ich bin ihre Großmutter; ihre Amme hat sie mir heute gebracht, und ich bin so glücklich darüber, dass ich mich keinen Augenblick von ihr trennen kann.« Madame ist von dem Kind entzückt, nimmt es auf den Schoß und hätschelt es. Da sieht sie ihm genauer in Gesicht und Augen und erschrickt. »Sie täuschen mich, dies Kind gehört nicht Ihnen!«, sagt sie entrüstet zur Pförtnerin, »es sieht Ihnen nicht ähnlich ‒ ich weiß, ich weiß, was es ist!« Doch die kleine Aurore, erschrocken über die plötzliche Schärfe in der Stimme der Großmutter, beginnt zu weinen. Da bricht der Widerstand in Madame de Francueil: »Das arme Kind! Seine Schuld ist es ja nicht! ... holen Sie meinen Sohn und lassen Sie mir das Kind.« Nach erfolgter Aussöhnung und offizieller Anerkennung von Sophie-Victoire als Schwiegertochter gehen die Generationen wieder ihre eigenen Wege. Maurice zieht erneut in den Krieg, seine Frau und das Kind bleiben in Paris in einer kleinen Mansardenwohnung, Madame de Francueil fährt nach Nohant zurück. Die Versöhnung mit der Schwiegertochter schließt eine tiefere Zuneigung aus; das Leben auf dem Schloss soll durch solch Unliebsamkeiten nicht gestört werden ‒ zunächst jedenfalls nicht.

Aurore lebt mit ihrer Mutter und der Halbschwester Caroline in Paris. In der Rückerinnerung der erwachsenen Frau werden die ersten Kinderjahre als Nährboden der späteren schriftstellerischen Fantasie betrachtet. Sie entsinnt sich eines Rundtanzes, wozu ein Nachbarskind ein Liedlein singt: »Wir gehen nicht mehr in das Holz, / Die Lorbeerbäume sind gefällt.« Naive Verse, die jedoch bei der etwa vierjährigen Aurore melancholische Gefühle und träumerische Trauer über den Verlust eines Zauberwaldes auslösen. »Wer kann die Sonderbarkeiten des Kindesalters erklären?«, räsoniert George Sand noch viel später. Sie sagt dies nicht besserwisserisch, nicht spöttisch, sondern in ehrlichem Staunen über die Geheimnisse der Kindheit. Und sie verteidigt diese halbdunklen Mysterien, etwa den Glauben an den Weihnachtsmann, denn »die Vernunft und der Unglauben kommen früh genug und von selbst«. Zugleich jedoch verurteilt sie die Unart mancher Erwachsener, kindliche Furcht als pädagogisches Mittel zu missbrauchen, und nennt hierfür ein Beispiel aus der eigenen Kindheit. Einmal ist die Mutter mit der kleinen Aurore in der Abenddämmerung unterwegs. Auf den Champs-Élysées zündet eine alte Frau die Petroleumlaternen an. Aurore, die eben im Trotzalter ist und der Mutter nur schwer folgt, bleibt stehen und sieht neugierig zu, während die Mutter demonstrativ und mit pädagogischer Absicht ein Stückchen weitergeht, als wolle sie das Kind zurücklassen. Da sagt das alte Laternenweib zu dem Mädchen: »Nimm dich in Acht vor mir – ich nehme die kleinen unartigen Mädchen mit und sperre sie die ganze Nacht in die Laterne.« Das Grauen Aurores über den dummen Spruch der Alten ist groß. »Ich erinnere mich nicht, je wieder ein ähnliches Entsetzen empfunden zu haben [...]«, schreibt George Sand. Und tadelnd mahnt sie ihre Leser: »Die Furcht ist, glaube ich, das größte moralische Leiden der Kinder. Sie zu zwingen, den Gegenstand, der ihnen Furcht einflößt, nahe zu besehen oder zu berühren, ist ein Heilmittel, mit dem ich nicht einverstanden bin.«

Außerhalb der kindlichen Welt nimmt das Grauen seinen Lauf: Der Krieg brandet an allen Fronten. Nur scheinbar ist Napoléon auf dem Gipfel seiner Macht, denn in manchen Regionen regt sich Widerstand gegen den Kaiser und die von seinen Gnaden berufenen Stellvertreter. In Spanien, wo Napoléons Bruder Joseph regiert, kommt es mit englischer Unterstützung zu einer breiten Volkserhebung gegen die Besatzer. Zusätzliche Truppen werden aus Frankreich nach Spanien verlegt. Auch Maurice Dupin, inzwischen persönlicher Adjutant von Napoléons Schwager Murat, nimmt an dem Feldzug auf der Iberischen Halbinsel teil. Im April 1808 bricht die hochschwangere Sophie-Victoire gemeinsam mit Aurore nach Spanien auf, um nach der Niederkunft in der Nähe ihres Mannes zu sein. Die wochenlange Reise wird zur Strapaze. Endlich kommen sie in Madrid an, wo der Vater im Palast des Prinzen von Asturien wohnt. Sophie-Victoire wird von einem Sohn entbunden. Doch lange können sie die Ruhe nicht genießen Anfang Juli ‒ der Volksaufstand bricht wieder los ‒ müssen sie nach Frankreich zurück. Sie kommen durch verwüstete Landstriche, sehen am Wegrand Leichen, verbrannte Dörfer, zerstörte Städte. Sie müssen in verdreckten Herbergen zusammen mit Soldaten, Bauern und fahrenden Leuten schlafen. In solch einer Lagerunterkunft stecken sich die Kinder mit der Krätze an. Juckende Pusteln, worin die Milben ihre Gänge graben, und grindiger Schorf bedecken Hände und Füße, Kopf und Hals.

Völlig erschöpft, fiebrig, die Kinder »zwei regungslose, brennende Klumpen«, langen sie endlich in Nohant an, bis Paris reicht die Kraft nicht mehr. Da geschieht das Unerwartete: Die sonst so reservierte Großmutter nimmt sie nicht nur auf, sie kümmert sich sogar liebevoll, ohne Ekel und Angst vor einer Ansteckung, um ihre kranken Enkel. Sie trägt Aurore in ihr Schlafzimmer und legt sie in ihr eigenes Bett. Es ist Aurores erster Besuch in Nohant, und der gute und fürsorgliche Empfang wird zum Omen für den guten Geist dieses Hauses. Trotz des Fiebers betrachtet die Vierjährige das Zimmer der Großmutter mit Staunen: »Dies Bett und dies Zimmer, dessen Dekorationen damals noch neu waren, erschienen mir wie ein Paradies. Die Wände waren mit großgeblümtem Kattun überzogen, alle Möbel waren aus der Zeit Louis’ XV. Das Himmelbett hatte große Federbüsche an den vier Ecken, doppelte Vorhänge, eine Menge Schnitzwerk, Kissen und Garnierungen, deren Pracht und Feinheit mich in Erstaunen setzten. Ich wagte nicht, mich an einem so schönen Ort behaglich niederzulassen, denn ich war mir bewusst, wie viel Ekel ich einflößen musste, und fühlte mich dadurch sehr gedemütigt.«

Aurore wird mit Schwefelsalbe behandelt und gesundet bald, ihr kleiner Bruder jedoch stirbt. Dennoch wird die erste Begegnung mit Nohant zur glücklichen Episode: Sie lernt ihren Halbbruder Hippolyte kennen, ein lustiger, dicklicher Knabe. Beide verstehen sich sofort, und Aurore steht ihm in nichts nach. Gemeinsam erkunden sie Haus und Park, kneten aus Erde und Wasser »Kuchen« und verstecken sie im Backofen. Sie freuen sich diebisch, wenn die Mägde Brot backen wollen und die schmierigen Dreckklumpen aus dem Ofen herauskratzen müssen. »Ich bin niemals mutwillig gewesen«, stellt George Sand später richtig, »denn ich bin von Natur nicht schalkhaft. Ich war eigensinnig und herrschsüchtig, weil ich von meinem Vater sehr verzogen war, aber ich tat nichts mit Vorbedacht und war nie verstockt.«

Doch in die ländliche Idylle bricht die Nachricht vom Tod des Vaters herein. Maurice Dupin stirbt nicht, wie er vielleicht gehofft hat, den »Heldentod«, sondern an den Folgen eines banalen Reitunfalls. Er ist gerade einmal dreißig Jahre alt. Was soll Sophie-Victoire nun tun? Sie tut zunächst gar nichts und bleibt mit den Kindern in Nohant, das ist am bequemsten. Nicht jedoch für Madame de Francueil. Zwar mag sie ihre Enkelkinder, kommt jedoch mit der Schwiegertochter nicht zurande. Insgeheim ist Sophie-Victoire für sie noch immer das gefallene Frauenzimmer mit dunkler Vergangenheit. Auch möchte die Großmutter ihre Enkelin Aurore gerne nach eigenen Grundsätzen erziehen. Deschartres, der schon Maurice unterrichtet hat, wird verpflichtet. Schließlich, im Januar 1809, willigt Sophie-Victoire ein und tritt die Vormundschaft für Aurore an die Großmutter ab. Im Gegenzug erhält sie eine kleine Rente. Dann kehrt sie nach Paris zurück, um sich um ihre andere Tochter zu kümmern. Aurore bleibt in Nohant. Aus heutiger Sicht vielleicht ein etwas erpresserischer Coup einer besitzergreifenden Großmutter. Aurore jedenfalls ist lange Zeit über die Trennung von der Mutter untröstlich. Im ersten erhaltenen Brief, drei Jahre später entstanden, schreibt sie an ihre Mutter, die zu Besuch gewesen und eben im Begriff ist, nach Paris zurückzufahren: »Wie leid es mir tut, Dir nicht mehr Lebewohl sagen zu können! Du siehst, welchen Kummer ich leide, Dich wieder hergeben zu müssen.«

Die Zeit des bloßen Umherstreunens ist vorbei. Madame de Francueil will aus dem Kind eine kleine, gebildete und wohlerzogene Dame formen. So zumindest wünscht sie es sich und rechnet dabei nicht mit dem Witz und der Dickschädeligkeit ihrer Enkelin.

»Mademoiselle ist wirklich fürchterlich«

Wegsuche

Zumindest anfangs scheint die Rechnung der Großmutter aufzugehen. Sie ist in ihrer Erziehungsmethode ganz eine Figur des aufgeklärten 18. Jahrhunderts, das nach rationalistischen Prinzipien denkt und handelt und Kinder als kleine Erwachsene sieht. Das »Jahrhundert des Kindes«, wie es die schwedische Pädagogin Ellen Key in ihrem berühmten Buch von 1900 fordert, ist damals jedenfalls noch lange nicht angebrochen. Aurore wird wie eine Adlige des Ancien Régime erzogen. Sie darf nicht nach Herzenslust umherspringen, denn das ist einer Dame unangemessen. Sie darf nicht laut lachen, denn nach alter christlicher Überlieferung ist das Lachen etwas Teuflisches. Sie darf nicht mehr den Dialekt des Berry sprechen, denn damit würde sie sich dem niederen Stand gleichstellen. Selbst vom eigenen Gesinde soll sie sich distanzieren, indem sie nicht die Küche betritt. Alle Dienstmädchen, selbst die, die das Mädchen kurz zuvor noch mütterlich auf dem Schoß hatten, müssen nun »Sie« zu der siebenjährigen Aurore sagen. Selbst die Großmutter spricht ihre Enkelin so an: »Liebe Tochter, Sie halten sich wie eine Verwachsene; liebe Tochter, Sie gehen wie ein Bauernmädchen; liebe Tochter, Sie haben schon wieder die Handschuhe verloren; liebe Tochter, Sie sind zu groß, um so etwas zu tun!« Umgekehrt besteht Madame de Francueil darauf, von Aurore in der dritten Person tituliert zu werden: »Will mir Großmama erlauben, in den Garten zu gehen?«

Aurore empfindet diese Verkünstelung als Misshandlung. Sie vermisst schmerzlich die Mutter, betrachtet deren Fernsein als Verrat. Der großmütterlichen Gewalt fügt sie sich, aber nur nach außen. Sie puppt sich ein, versucht ihr Denken, ihre Empfindungen unverfälscht für sich zu bewahren. Man kann einem siebenjährigen Kind vermeintlich seinen Willen aufzwingen, die Sehnsucht jedoch lässt sich so leicht nicht abtöten. So auch bei Aurore: Sie verzehrt sich nach einem kindgerechten, natürlichen Dasein. Erst später, als erwachsene Frau, findet sie Worte dafür: »Ich bebte, wenn ich draußen einen Hund bellen hörte oder wenn ein Vogel im Garten sang; ich wäre gern der Hund oder der Vogel gewesen.«

Vielleicht wäre all das noch zu ertragen, hätte sie in ihrem Leben ein Gegengewicht. Wie alle Kinder ist sie wissbegierig. Sie will lesen und schreiben lernen, die Welt und ihre Zusammenhänge durchschauen, doch dazu bräuchte sie die einfühlsame Hand eines Pädagogen. Aber einige ihrer Lehrer erweisen sich nur als kauzige Naturen, die das Kind mit unnötigem Ballast quälen. Da ist der Schreiblehrer, ein Monsieur Loubens. Eine schöne und sichere Handschrift gehört damals mit zum Wichtigsten, sie ist eine Visitenkarte. Also hat Loubens allerhand Apparaturen entworfen, um die Haltung des Schülers zu kontrollieren und zu korrigieren, denn seiner Anschauung nach muss alles »graziös« getan werden. Aurore wird in eine Art offenes Korsett gezwängt, das aus Fischbein, Lederriemen und Draht gebastelt ist. Sich diesen Mechanismus bildhaft vorzustellen, wirkt komisch, obwohl es für die »Delinquentin« Aurore der vielfache Anlass zu Tränen gewesen sein mag. Sie selbst berichtet über dieses Foltergerät: »1) für den Kopf, eine Art Krone von Fischbein; 2) für Körper und Schultern, einen Gürtel, der hinten mittels einer Schnur an der Krone befestigt war; 3) für die Ellbogen, einen hölzernen Stab, der am Tisch befestigt wurde; 4) für den Zeigefinger der rechten Hand, einen Messingring, an welchen noch ein kleinerer Ring gelötet war, durch den man die Feder steckte; 5) für die Haltung der Hand und des kleinen Fingers, eine Art Sockel von Holz mit Falzen und kleinen Rollen.« Einen Nutzen hat der Apparat immerhin: Er bessert Monsieur Loubens’ klägliches Salaire auf, denn wie die meisten Schulmeister seiner Zeit kann er vom Unterrichten allein nicht leben. Also stellt er den Eltern der Schüler seine angeblich unentbehrlichen Erfindungen in Rechnung.

Aurore hat noch andere Lehrer, und nicht alle sind so unfähig und überflüssig. Sie lernt zeichnen und Klavier spielen ‒ für eine junge Dame von Stand von enormer Wichtigkeit, weniger um der Liebe zur Musik denn um der gesellschaftlichen Konvention willen. Immerhin stellt sich Aurore nicht ungeschickt an, wenngleich ihre Musikalität nicht außergewöhnlich zu nennen ist. Dass sie später mit den beiden berühmtesten Klaviervirtuosen ihrer Zeit, Franz Liszt und Frédéric Chopin, befreundet sein wird, hat freilich andere Gründe.

Wichtigster Lehrer ist und bleibt der alte Deschartres, der bereits ihren Vater unterrichtet hat. Er tut sein Möglichstes, nach bestem Wissen und Gewissen, so könnte man sagen. Aber auch er ist zu sehr Kind seiner Zeit, als dass er neuere pädagogische Ansätze, wie es sie damals bereits gibt, anwenden könnte. So stopft er Aurore wahllos mit Wissen voll, ohne es hinsichtlich der Anwendung im Leben zu hinterfragen. Das Mädchen muss alles auswendig lernen: lateinische Vokabeln, ohne die Zusammenhänge dieser Sprache zu verstehen; arithmetische Leitsätze, obwohl sie keinerlei Begabung für die Mathematik hat; Tausende von Versen, ohne den Inhalt und die Schönheit der Dichtung vermittelt zu bekommen. »Man lernte«, so Aurore später, »um mit unterrichteten Leuten plaudern zu können, um die Bücher zu verstehen, die man in den Schränken hatte, und um die Zeit auf dem Lande oder sonst wo zu töten.«

Unterdessen hat Napoléon die Schlachten von Leipzig und Waterloo verloren. Sein Sturz ist endgültig, er wird von den Engländern auf die Insel St. Helena im Atlantischen Ozean verbannt. Auf dem Wiener Kongress wird die europäische Landkarte neu gezeichnet: Frankreich verliert die nach 1792 eroberten Gebiete. Überall auf dem Kontinent festigen die autokratischen Herrscherhäuser ihre Macht, versuchen, mit strengen Reglementierungen das Rad der Geschichte zurückzudrehen, als hätte es nie die Ideen der Aufklärung und der Revolution gegeben. Es ist dies die Geburt des Überwachungsstaates als System. Die Restauration, wie sie gemeinhin euphemistisch genannt wird, pervertiert zur Reaktion. In Frankreich besteigt der Bourbone Louis XVIII., der Bruder des guillotinierten Königs, den Thron. Für ein offizielles Staatsgemälde lässt er sich in Haltung und Ornat wie die absolutistischen Herrscher einer längst untergegangenen Zeit porträtieren. Heute fragt man sich, ob Louis sich selbst ernst nehmen konnte oder ob er sich insgeheim nicht als Imitat der Historie vorkam? Aber offensichtlich überwog die Ignoranz jeglichen Zweifel.

Aurore liest von all diesen Umbrüchen in der Zeitung. Persönlich bekommt sie nichts davon mit. Zu fern ist das Berry von den Zentren der Macht, zu abgeschirmt und behütet ist das Mädchen aus gutem Haus. Ihrer Großmutter ist die rückwärtsgewandte Entwicklung nicht unrecht. Madame de Francueil ahnt nicht, dass sie – eine Verkörperung des 18. Jahrhunderts – jemanden heranzieht, der später einmal als glühender Verfechter der Republik sogar ins politische Tagesgeschehen eingreifen wird. Seltsam auch, dass Aurore, von ihrem Lehrer Deschartres über die Freuden des Besitzes unterrichtet, damals – mehr aus Widerspruchsgeist denn aus Überzeugung – die Gleichheit der Stände verteidigt und den Gemeinbesitz fordert. »Kommunismus« nennt sie dreißig Jahre später diese Utopie, dass alles allen gehören solle. Die Ursprünge dieser Haltung mögen tatsächlich im Kindesalter liegen, in ihren Disputen mit Deschartres. Doch ist die Grenze zwischen Wahrheit und Selbststilisierung nicht genau zu ziehen.

Trotz des konventionellen Unterrichts regt sich in Aurore früh ein leidenschaftliches Interesse für Geschichte und Literatur. Ihre Einbildungskraft entzündet sich an den bunten Gemälden der Historie. Früh fängt sie an, selbst zu fabulieren, Geschichten zu erfinden, fortzuspinnen und auszuschmücken. Mit zwölf Jahren macht sie erste Schreibversuche: Landschaftsschilderungen und Stimmungsbilder. Diese frühen literarischen Schritte lassen sie unbefriedigt, ohne dass sie selbst zu sagen vermag, woran es mangelt. Die Worte selbst, so erkennt sie jedenfalls, kommen den beschriebenen Gegenständen nicht gleich. Noch nicht. Denn zugleich dämmert ihr, dass ihr noch die Reife des Ausdrucks, die Geläufigkeit des Handwerks, die Erfahrung des Lebens fehlen. Aber dennoch regt sich in ihr das unabwendbare Bedürfnis, weiterzuschreiben. Sucht? Bestimmung? Das Schreiben wird sie von da an nicht mehr loslassen. Sie selbst gesteht später: »Der Beruf des Schreibens ist eine ungestüme, fast unzerstörbare Leidenschaft. Wenn sie sich eines armen Kopfes bemächtigt hat, kann sie nicht mehr zum Stillstand gebracht werden.« Der Rückzug ins Schreiben, in die schriftliche Fassbarmachung hat nicht nur rein poetische Gründe, sondern offenbart auch ein religiöses Bedürfnis. Aurore, wie alle jungen Menschen über Sinn und Zusammenhänge des Lebens grübelnd, erschafft sich in ihren Fantasien eine metaphysische Ersatz- und Idealwelt. Der Herkunft nach katholisch erzogen, vermag doch keiner, weder die Großmutter noch Deschartres noch der Pfarrer, ihr diese Konfession wirklich nahezubringen. In Aurore bleibt ein religiöses Vakuum. Also erschafft sie sich selbst einen Gott, der nicht strafend, sondern verständnisvoll ist. Sie nennt dieses Fantasiewesen »Corambé« und ruft ihn in ihren frühen Schriften an. Bezeichnend ist, dass sie den christlichen Gott (oder die gewöhnliche Vorstellung von ihm) als mangelhaft betrachtet und daher Corambé mit allen Attributen der Schönheit und Güte ausstattet, aber auch mit androgyner Übergeschlechtlichkeit. Die spätere feministische Kritik an der patriarchalischen Natur der christlichen Religion scheint hier ‒ noch recht emotional grundiert – bereits vorgefasst zu sein. George Sand erinnert sich später an ihren Ersatzgott: »Er war rein und barmherzig wie Jesus und strahlend und schön wie Gabriel. [...] auch musste er sich zuweilen, um vollkommen zu werden, in eine Frau verwandeln. [...] er gehörte, mit einem Worte, zu keinem Geschlecht und nahm alle möglichen verschiedenen Gestalten an. [...] ich wollte ihn lieben wie einen Freund, wie eine Schwester und zu gleicher Zeit verehren wie einen Gott.«

Die Großmutter bemerkt sehr wohl, dass die Enkelin vordergründig zwar gehorcht, sich aber innerlich von ihr und der Norm der Konvention distanziert. Sie beschließt daher, Aurore mit Gewalt auf den Boden der Realität, ihrer, Madame de Francueils Realität, zurückzuholen. In zwei Schritten soll das geschehen.

Zum einen will sie ein Exempel statuieren, und dieses abschreckende Beispiel ist niemand anders als Aurores Mutter. Madame de Francueil bestellt eines Tages ihre Enkelin zu sich, heißt sie niederknien und ihr die Hand küssen, und erzählt der vor ihr kauernden und verschreckten Aurore die Lebensgeschichte ihrer Mutter Sophie-Victoire. Was die Großmutter im Einzelnen vorgebracht hat, ob sie wahrheitsgetreu erzählte oder vieles dazuerfand, wissen wir nicht. Allein Sophie-Victoires außereheliche Beziehungen und Kinder machen sie in den Augen Madame de Francueils verachtenswert. Sie ist nach den Konventionen der bürgerlichen und »gesitteten« Welt eine »gefallene Frau«. Dass ein Mann vor der Ehe sexuelle Erfahrungen sammelt, wird damals nicht nur hingenommen, sondern sogar mit seiner angeblich aggressiveren Natur begründet und verziehen. Eine Frau hingegen darf ihr Leben entweder nur in jungfräulicher Entsagung oder hinter Schloss und Riegel der Ehe fristen. Hierin ist Madame de Francueil nicht strenger als die große Mehrheit ihrer Zeit. Seltsam ist allenfalls, dass das »galante Jahrhundert«, dem die Großmutter entstammt und das sie in gewisser Weise verkörpert, so frei und ungebunden nicht war. Die literarischen Werke jener Zeit, etwa Beaumarchais’ Hochzeit des Figaro oder Choderlos’ de Laclos Gefährliche Liebschaften halten uns Heutigen ein Zerrbild vor. Es ist die Kunstansicht einer gesellschaftlichen Elite, wie sie gerne sein wollte oder zu sein vorgab. In Wirklichkeit eint Adel wie Bürgertum, Klerus wie niederen Stand die Moral.

Aurore ist eingeschüchtert und in tiefster Seele getroffen: Ihre Mutter, die sie so liebt, soll ein verworfenes, ehrloses Luder sein? Sie selbst, Aurore, ein Mädchen, das am Rande des Abgrunds steht? Unter Tränen zieht sie sich auf ihr Zimmer zurück, ist tagelang wie gelähmt: »[...] jedes Wort gab mir den Tod; [...] ich dachte nicht mehr, lebte nicht mehr ‒ alles war mir gleichgültig. [...] ich liebte mich selbst nicht mehr. Wenn meine Mutter verächtlich und hassenswert war, dann war ich, ihr Kind, es auch. [...] man hatte mir einen entsetzlichen Schaden zugefügt, der vielleicht durch nichts wiedergutgemacht werden konnte, denn man hatte versucht, die Quellen des seelischen Lebens, Glaube, Liebe und Hoffnung, in mir zu töten.«

Aurores Einschüchterung ist nur die Vorbereitung, um sie wieder in die Bahnen der Konvention zu lenken. Die eigentliche erzieherische Maßnahme steht noch bevor. Im Januar 1818 wird das dreizehnjährige Mädchen nach Paris in das Kloster der Englischen Augustinerinnen gebracht. Mehr als zwei Jahre wird sie dort zubringen und als Internatsschülerin den Gesetzen und Regeln des klösterlichen Lebens, Arbeitens und Betens unterworfen sein.

Die Rechnung der Großmutter geht nicht auf. Aurore empfindet die Abgeschiedenheit im Kloster nur anfangs als Einschränkung. Bald jedoch findet sie unter den Schülerinnen und Novizinnen Freundinnen. Wie in jeder Schule gibt es auch hier viel Jux und Schabernack, wenngleich meist hinter dem Rücken der Klosterfrauen. Aurore schließt sich der Gruppe der »Teufel« an, wie sie sich ironisch nennen. Das sind die Unangepassten, die sich ostentativ von den artigen und frömmlerischen Mädchen absetzen. Besonders mit einem irischen Mädchen namens Mary, einem wahren Wildfang, der mehr einem Knaben gleicht, geht Aurore eine geradezu schwärmerische Freundschaft ein. Mary mag die Ungebärdigere sein, Aurore die Geistvollere, Gewitztere. Sie verfasst in Briefen an die Großmutter Satiren auf eine Nonne, die bei allen wegen ihrer aufgesetzten Frömmelei unbeliebt ist. Aurore tut das im Glauben, dass das Briefgeheimnis gewahrt bleibt. Sie täuscht sich. Die Siegel der Briefe werden erbrochen, bevor die Post das Kloster verlässt. So erfährt besagte Nonne von Aurores Spottlust. Madame de Francueil wird einbestellt und muss alles wieder geradebiegen. Insgeheim freut sich die alte Dame über die spöttischen Neigungen ihrer Enkelin. Denn für Madame de Francueil ist das Kloster zwar ein geeignetes Mittel, um ein junges Mädchen gefügig zu machen, im Übrigen aber schert sich die Tochter eines aufgeklärten und galanten Jahrhunderts recht wenig um die Kirche.

Unangenehm und leidvoll sind die äußeren Umstände im Kloster, und es bietet wenig Trost, dass alle in gleicher Weise davon betroffen sind. Die Mädchen sind in engen Kammern unterm Dach untergebracht. Im Sommer heizen sich die Zimmerchen so auf, dass die Schülerinnen zu ersticken glauben. Im Winter dagegen schillert Reif an den Wänden der nicht beheizbaren Stuben, und Aurore liegt unter der klammen Decke oftmals die ganze Nacht wach, ohne Schlaf zu finden. Sie zieht sich Frostbeulen und geschwollene Gelenke zu. Noch Jahre später ‒ längst wieder in Nohant ‒ leidet sie unter rheumatischen Schmerzen, die so heftig sind, dass sie bei Ausritten manchmal vom Pferd fällt.

Vielleicht wäre Aurore länger im Klosterinternat geblieben, wäre da nicht eine innere Wandlung, die der Großmutter missfällt. Die Enkelin, vorbildhaft beeinflusst von Nonnen wie der sanften und glaubensfesten Mutter Alicia, beginnt, sich dem Klosterleben schwärmerisch anzunähern. Sie äußert den Wunsch, selbst Nonne zu werden, und hat nach eigenen, späteren Aussagen eine Art Erweckungserlebnis: In der Kirche steht Aurore einmal im Gebet vor einem Gemälde, das die Bekehrung des heiligen Augustinus darstellt. Da glaubt sie, ein weißes Licht vor ihren Augen zu sehen und eine Stimme zu hören, die ihr ins Ohr flüstert: »Tolle, lege.« – »Nimm und lies.«

Übersteigerte Fantasie oder tatsächliche Berührung mit einer transzendenten Kraft? Für Aurore jedenfalls ist das Erlebnis eindeutig. Sie wendet sich dem Studium der Bibel zu, versenkt sich in die wundersamen Geschichten des Alten Testaments und die trostreichen Gleichnisse Jesu. Doch der skeptischen Großmutter kommt dies bald zu Ohren. Eine Wendung des klösterlichen Zwischenspiels, mit der die aufgeklärte Madame de Francueil nicht gerechnet hat. Sie reagiert schnell und holt ihre Enkelin im Mai 1820 nach Nohant zurück. Hier soll sie – unter Aufsicht des alten Deschartres ‒ wieder auf ihre Aufgaben als Ehe- und Hausfrau vorbereitet werden.

Doch ein Schicksalsschlag räumt Aurore unerwartet den Weg frei: Im Februar 1821 erleidet Madame de Francueil einen Schlaganfall. Zunächst scheint sie sich wieder zu erholen, doch dann schwinden die Kräfte der Dreiundsiebzigjährigen. Sie wird von Aurore und der Dienerschaft umsorgt. Die meiste Zeit verbringt Madame de Francueil im Bett, bei schönem Wetter wird sie anfangs noch hinaus in den Garten gefahren. Doch schwerer als körperliche Lähmungen wiegt eine Trübung des Bewusstseins. Sie verliert zunehmend die Orientierung und redet wirres Zeug. Nachts ist sie darüber erbost, dass die Fensterläden geschlossen sind und die Sonne ausgesperrt werde. Öffnet man die Läden, um sie davon zu überzeugen, dass es Nacht ist, behauptet sie, sie könne die Sonne ja nicht sehen, schließlich sei sie blind.

Das mag unfreiwillig komisch klingen, aber für die Pflegenden, allen voran Aurore, ist es eine starke Belastung. Es wird Frühling, es wird Sommer. Sie ist siebzehn Jahre alt, voller Ideen und Sehnsüchte. Sie will nicht tagelang und halbe Nächte hindurch am Bett der Großmutter hocken, sie möchte hinaus in die Natur oder zu ihren Büchern. Sie vermisst ihre Freundinnen aus dem Kloster und empfindet unbestimmt so etwas wie Sehnsucht, wenn sie einmal im nahen Städtchen La Châtre bei Besorgungen oder beim Kirchgang einem jungen, gut aussehenden Mann begegnet.