Generalisierte Angststörung - Sigrun Schmidt-Traub - ebook

Generalisierte Angststörung ebook

Sigrun Schmidt-Traub

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Opis

Menschen mit einer generalisierten Angststörung zeichnen sich durch eine chronische Überängstlichkeit aus. Sie erleben große Teile der Welt als bedrohlich und risikobehaftet. Im Alltag sehen sie häufig das Schlimmste auf sich zukommen. Sie machen sich unverhältnismäßig viele Sorgen und geraten dabei in ängstliche Erregung. Aufgrund der mit der Angst einhergehenden körperlichen Beschwerden, wie z.B. Ruhelosigkeit, Schwindel und Schlafstörungen, glauben viele Betroffene, sie wären körperlich krank. Die Angststörung tritt sehr häufig gemeinsam mit anderen psychischen Störungen und in unterschiedlichen Ausprägungen auf und wird daher oft nicht erkannt. Daher haben viele Betroffene bereits einen langen Leidensweg hinter sich, bevor sie eine geeignete Behandlung erhalten. Der Ratgeber nimmt die Besonderheiten der Störung genau unter die Lupe und vergleicht diese mit anderen Angststörungen. Der Leser erhält so zahlreiche Informationen über das Erscheinungsbild, die Entstehung und Aufrechterhaltung der generalisierten Angststörung sowie über Störungen, die oftmals zusammen mit dieser Störung einhergehen. Insbesondere informiert die Neubearbeitung des Ratgebers aber darüber, wie die Störung in den Griff zu bekommen ist. Zahlreiche Beispiele, Übungen und Arbeitsblätter unterstützen die aufgezeigten Wege zur Selbsthilfe.

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Sigrun Schmidt-Traub

Generalisierte Angststörung

Ein Ratgeber für übermäßig besorgte und ängstliche Menschen

2., überarbeitete Auflage

Für Solveig

Dr. rer. pol., Dipl.-Psych., Dipl.-Soz. Sigrun Schmidt-Traub, Studium der Psychologie und Soziologie in Tübingen, Hamburg, Berlin, Frankfurt und an der Yale University in New Haven (USA). Promotion an der FU Berlin. Ausbildung in Verhaltens-, Gesprächspsycho- und Hypnotherapie. Eigene psychotherapeutische Praxis und Lehrtätigkeit an Universitäten. Dozentin und Supervisorin an verschiedenen Ausbildungsinstituten für Klinische Verhaltenstherapie.

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Format: EPUB

2., überarbeitete Auflage 2017

© 2017 Hogrefe Verlag GmbH & Co. KG, Göttingen

(E-Book-ISBN [PDF] 978-3-8409-2843-7; E-Book-ISBN [EPUB] 978-3-8444-2843-8)

ISBN 978-3-8017-2843-4

http://doi.org/10.1026/02843-000

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Inhaltsverzeichnis

Widmung

Einleitung

Aufbau des Buches

1 Normales und gestörtes Angsterleben

1.1 Die Entwicklung von normalem Angsterleben

1.2 Was bedeutet eigentlich „normal“?

1.3 Übertriebenes, gestörtes Angsterleben

2 Generalisierte Angststörung

2.1 Angststörung oder Stressreaktion?

2.2 Sorgen und Grübeleien

2.3 Angstepisoden, Angstauslöser und Angstverlauf

2.4 Teufelskreis der Angst und Sorgenketten

2.5 Das Kreuz mit dem Vermeiden bei der Suche nach Sicherheit

2.6 Vorkommen, Verbreitung und Behandlungsmöglichkeiten

2.7 Erklärungsmodell

2.8 Zusammenfassung: Erscheinungsbild der generalisierten Angststörung, entstehende und aufrechterhaltende Bedingungen

3 Psychische Auffälligkeiten, die gleichzeitig mit der generalisierten Angststörung auftreten können

3.1 Panikattacken und Panikstörung

3.2 Phobien

3.3 Agoraphobie

3.4 Spezifische Phobien

3.5 Soziale Phobie

3.6 Zwangsstörung

3.7 Akute und posttraumatische Belastungsstörung

3.8 Trennungsangst

3.9 Depressionen

3.10 Somatische Belastungsstörung

3.11 Krankheitsängste (Hypochondrie)

3.12 Zum Abschluss: Das Vorkommen von weiteren (komorbiden) Störungen bei generalisierter Angst

4 Überblick über Bewältigungsmöglichkeiten der generalisierten Angst in Selbsthilfe

5 Intensive Bearbeitung der Sorgen und Angstgefühle

5.1 Selbstbeobachtung der Sorgen und Angst

5.2 Wirklichkeitsüberprüfung der Sorgeninhalte

Überprüfung jeder Sorge im Hinblick auf Stimmigkeit und Wirklichkeitsgehalt

Vernünftige Gegenargumente, realistische Erwartungen und lösungsorientiertes Handeln

5.3 Konfrontation

Konfrontation mit den Sorgenthemen auf der Vorstellungsebene (Konfrontation in sensu)

Konfrontation mit echten Angstsituationen (Konfrontation in vivo)

Massierte Konfrontation auf der Vorstellungsebene (in sensu) und in echten Angstsituationen (in vivo)

5.4 Problemlösen und Probehandeln auf der Vorstellungsebene

5.5 Selbstsicheres Verhalten

6 Wiederaufnahme einer normalen, abwechslungsreichen Lebensführung

6.1 Aufmerksamkeitstraining: Bei Angst vermehrt Konzentration auf die Umgebung lenken

6.2 Tagesplanung, förderliche Aktivitäten und gutes Zeitmanagement

6.3 Aktivieren von Interessen und Begabungen zur Verbesserung der Lebensführung

7 Gesundheitsverhalten

7.1 Sport

7.2 Ernährung

7.3 Die Luxusdrogen Koffein, Nikotin, Alkohol und Zucker

7.4 Entspannung

Progressive Muskelentspannung

Angewandte Entspannung

Bauchatmung gegen Hyperventilation

7.5 Schlaf

7.6 Genuss

8 Mit Rückfällen umgehen lernen

9 Die Angst akzeptieren (Achtsamkeitstraining)

10 Welche Behandlungsmethoden haben sich bei den vorgestellten Patienten als besonders wirkungsvoll erwiesen?

11 Abschließender Überblick über Selbsthilfemöglichkeiten bei generalisierter Angst

Anhang

Weiterführende Literatur

Literatur

Sachregister

|11|Einleitung

Unbegründete Angstreaktionen und Angststörungen sind weit verbreitet. Die Neigung zu Überängstlichkeit ist teils angeboren, teils wird sie durch Erziehung und negative Erlebnisse begünstigt. Anhaltende Ängstlichkeit beginnt meist schleichend und geht mit Unruhe, Konzentrationsstörungen, Muskelverspannungen (manchmal bis über die Schmerzgrenze hinaus), Schlafstörungen und Erschöpfung einher. Menschen mit ausgeprägter Überängstlichkeit, die sich viele Sorgen machen und sich vor künftigem Unheil fürchten, haben eine generalisierte Angststörung entwickelt. Ohne Behandlung folgen häufig depressive Verstimmungen. Die generalisierte Angststörung ist die jüngste Angststörung; sie wurde erst 1980 aus der Taufe gehoben und zu einer eigenständigen Angstdiagnose erklärt (in der 3. Revision des Diagnostischen Statistischen Manuals – DSM-III – der American Psychiatric Association). Die Angstinhalte der generalisierten Angststörung betreffen künftige gefürchtete Ereignisse und Entwicklungen – alltägliche wie globale. Es kommen seltener äußerlich erkennbare Auslöser vor. Da die Diagnostik und Behandlung der generalisierten Angststörung bislang weniger gründlich untersucht ist als die von anderen Angststörungen (Panikstörung, Agoraphobie, spezifische Phobien, soziale Phobie bzw. soziale Angststörung, Zwangsstörung und posttraumatische Belastungsstörung), wird sie seltener erkannt oder richtig eingeschätzt. Infolgedessen bleiben überängstliche Personen häufig unterversorgt und unbehandelt.

Generalisierte Angst geht mit erheblichem Leidensdruck einher und verursacht dem Gesundheitssystem hohe Kosten. Studien belegen, dass Personen, die unter einer Angststörung leiden, insbesondere unter Panikstörung oder generalisierter Angststörung, wegen körperlicher Beschwerden häufiger den Arzt aufsuchen.

Mit generalisierter Angststörung gehen chronische Angstzustände (Angstepisoden) und folgende Beschwerden einher:

Befürchtungen, es könnten schreckliche Dinge passieren,

sorgenvolle Gedanken und

oft über Stunden anhaltende ängstliche Erregung, begleitet von zahlreichen körperlichen Beschwerden.

|12|Überängstliche Menschen erleben große Teile der Welt als unsicher, bedrohlich und gefährlich. Im Alltag sehen sie häufiger Risiken und schlimme Entwicklungen auf sich zukommen, machen sich unverhältnismäßig viele Sorgen und werden dabei angespannt. Die stundenlangen Befürchtungen, Sorgen und Erregungszustände, begleitet von körperlichen Beschwerden, sind quälend und erschöpfen auf Dauer. Der körperlichen Symptome wegen glauben viele, sie wären körperlich krank und suchen immer wieder einen Arzt auf. In den meisten Fällen wird die generalisierte Angststörung erst nach Jahren richtig diagnostiziert.

Bis die generalisierte Angststörung erkannt wird, haben Personen mit chronischer Ängstlichkeit oft einen leidvoll langen Weg hinter sich. Unbehandelt bleibt sie in den meisten Fällen lebenslang bestehen. Die Mehrzahl der Personen mit generalisierter Angst haben noch weitere psychische Störungen, von denen viele während des Angstverlaufs hinzukommen.

Die folgenden vier Beispiele sind typische Erscheinungsformen einer generalisierten Angststörung. Schauen Sie, ob Ihnen einige der geschilderten Beschwerden vertraut sind. Falls ja, kann Ihnen dieses Buch eine Hilfe sein.

Beispiel: Lilo

Lilo, 35 Jahre, war bereits als Kind überängstlich. Ihre Eltern trennten sich, als sie vier Jahre alt war. Nachdem der Vater auszog, hatte sie schreckliche Angst, auch noch die Mutter zu verlieren. Hinzu kamen Befürchtungen, in der Schule etwas verkehrt zu machen und leistungsmäßig zu versagen. Ihr älterer Bruder war der wesentlich bessere Schüler und für sie stets ein unerreichbares Vorbild. Noch heute fürchtet sich Lilo davor, folgenschwere Fehler zu machen, insbesondere beim eigenen Lohnsteuerjahresausgleich oder in ihrer Halbtagstätigkeit bei einer Steuerberaterin. Außerdem lebt sie in ständiger Erwartungsangst, dass ihrem Mann, der kleinen Tochter oder ihr selber etwas zustoßen könne. Ihre Vorstellungen kreisen um bedrohliche Ereignisse, wie Krebserkrankung, Terror, Unfälle oder Umweltschäden. Sie hat panische Angst vor der jährlichen Krebsvorsorgeuntersuchung und vor Strahlenschäden bei der Tochter, denn vor kurzem wurde in der Nähe ihres Kindergartens ein Mobilfunkverstärker aufgestellt. Ferner hat sie Angst, dass sie oder ihr |13|Mann die Kündigung bekommen: Das würde sozialen Abstieg bedeuten. Ihre Chefin erkennt ihre Leistung an. Dennoch überlegt Lilo morgens beim Aufwachen jedes Mal aufs Neue, was im Büro schiefgehen und welche Fehler sie übersehen könnte. Dabei ist ihr noch nie etwas wirklich Schlimmes passiert. Im Gegenteil, ihr berufliches Handeln (und das ihres Mannes) war stets korrekt und einwandfrei. Außerdem sind alle gesund. Ihre Befürchtungen und Sorgen führen zu einem Erregungszustand, der den Großteil des Tages anhält und von Herzrasen, Schwindel, Appetitmangel, Konzentrationsproblemen, Selbstvorwürfen, geringem Selbstwertgefühl und depressiven Verstimmungen begleitet wird. Meist hat sie wenig Freude an Aktivitäten.

Lilo leidet unter einer ausgeprägten generalisierten Angststörung und länger anhaltenden Depressionen (Dysthymie), die offensichtlich eine Folgeerscheinung der Angst sind.

Beispiel: Nick

Nick, 48 Jahre, fühlt sich „zentnerschwer, erschöpft und schwach“, als wäre er an Grippe erkrankt. Seine Ärzte finden nichts Organisches. Als Kind war er zwar sensibel, aber nicht ungewöhnlich ängstlich. Die Beschwerden traten erst vor fünf Jahren nach großem Ärger am Arbeitsplatz auf. Seither sorgt er sich nicht nur um die eigene Gesundheit und die seiner Angehörigen, sondern auch um seine Vergesslichkeit, Arbeitsfähigkeit, Altersbezüge und die Versorgung von Frau und Kindern. Als nicht verbeamteter Lehrer befürchtet er, den Leistungsanforderungen der Realschule bald nicht mehr gewachsen zu sein und in die Armutsfalle zu geraten. In jeder freien Minute überlegt er, welche unangenehmen Herausforderungen auf ihn zukommen und was schieflaufen könnte. Vor lauter Anspannung hat er Beklemmungsgefühle und Muskelschmerzen, fühlt sich ausgepumpt, kann sich kaum auf die Unterrichtsvorbereitung konzentrieren und schläft schon lange nicht mehr durch. Das deprimiert ihn mehr und mehr und belastet sein Selbstvertrauen. Um sich zu schonen, geht er abends nicht mehr aus und meidet Alkohol sowie jedwede körperliche Anstrengung. Nur seiner Tätigkeit als Lehrer geht er noch regelmäßig nach. Die Arbeit fällt ihm zwar zunehmend schwer, aber er muss ja seine vierköpfige Familie ernähren.

Trotz der extremen Anspannung hat Nick nur eine mittelschwere generalisierte Angststörung. Da sie erst mit 43 Jahren unter starker Belastung auftrat, wird eine geringere Angstdisposition angenommen. Zusätzlich hat er eine leichte depressive Episode.

|14|Beispiel: Martin

Martin, 29 Jahre, hat Angst, schwerwiegende Fehler bei der Arbeit in einem großen Energiekonzern zu begehen, die zu einer Kündigung führen könnten. Die Angst fing bereits während der Lehre im selben Konzern vor 12 Jahren an. Seither befürchtet er Kritik von Vorgesetzten. Des Weiteren sorgt er sich um seine Gesundheit, hält sich für körperlich schwach und befürchtet, in naher Zukunft arbeitsunfähig zu sein. Aus diesem Grund schont er sich, wo er nur kann, vermeidet auch Sport, obwohl er früher gerne sportlich tätig war, hilft seinen Eltern nicht mehr im Garten und legt sich nach Feierabend wie ein Rentner auf die Couch. Inzwischen ist er sogar überzeugt, einer Radtour mit seiner an Diabetes erkrankten Freundin nicht mehr gewachsen zu sein. Zudem befürchtet er, in seiner Rolle als Ersatzvater bei ihrem 12-jährigen Sohn zu versagen und deswegen von ihr verlassen zu werden. Vom Aufwachen an macht er sich endlos Sorgen, klagt über innere Erregung, Ein- und Durchschlafstörungen, Appetitverlust, Übelkeit, Druck im Oberbauch und Brustwirbelbereich, Gliederschmerzen, weiche Knie und zittrige Hände. Oft ist er gereizt, lustlos und niedergeschlagen.

Martin leidet an generalisierter Angststörung, Depressionen (Dysthymie), leichten sozialen Ängsten und an einer Somatisierungsstörung (weil er viel über wechselnde körperliche Beschwerden klagt, z. B. Reizdarm, Bauchschmerzen, Husten usw., die nicht durch eine körperliche Krankheit zu erklären sind, mit denen er sich aber dennoch stark beschäftigt). Sein Hausarzt hat ihm vor einem halben Jahr zum wiederholten Mal ein Antidepressivum (vgl. S. 145) verschrieben, das seinen Angaben zufolge aber nur mäßig wirkt.

Beispiel: Karin

Karin, 45 Jahre, war schon als kleines Kind sehr ängstlich. Ihre Mutter und zwei der drei Geschwister haben ebenfalls Angststörungen. Seit dem Tod des Vaters vor neun Jahren ist Karin besonders angespannt, ängstlich und unsicher. Sie hält sich weder für ausreichend belastbar noch für genügend leistungsfähig im Beruf, sodass ihre Sorgen auch um ihre finanzielle Absicherung in der Zukunft kreisen. Von Beruf ist sie Bankkauffrau. Gerade wechselte sie auf eigene Veranlassung von der Rechtsabteilung ihrer Bank in eine andere Abteilung. Der Grund: Sie hatte zu viel Mitgefühl mit den vielen traurigen Schuldnerschicksalen und sorgte sich endlos um diese Menschen. Sie sorgt sich auch um die Unversehrtheit ihres 16-jährigen Sohnes und um seine künftige berufliche Entwicklung. Nach zwei gescheiterten Partnerschaften mit |15|alkoholkranken Männern befürchtet sie zudem Beziehungsprobleme mit dem jetzigen Partner. Auch künftige gesellschaftliche und weltpolitische Entwicklungen ängstigen sie. Häufig ist sie entscheidungsunsicher und leidet unter fehlendem Selbstvertrauen. Infolge ihrer Befürchtungen kommt es zu lang anhaltenden Spannungszuständen, bei denen sie denkt: „Ich schaffe es nicht“, unruhig wird, „vom Magen bis zu den Ohren angespannt“ ist, „Magenkrämpfe“, Druck in Nase und Ohren sowie Schweißausbrüche bekommt. Ihre körperlichen Kräfte haben nachgelassen und sie fühlt sich müde und abgespannt. Zwei- bis dreimal die Woche tritt heftige Angst auf, meist wenn sie in Hetze ist; es sind Panikattacken. Die Panik dauert etwa 10 bis 15 Minuten. Besonders viel Angst machen ihr Schwindel und Herzrasen. Bis vor Kurzem hatte sie noch agoraphobische Ängste (vgl. S. 56), vermeidet aber nichts mehr seit der vorausgegangenen stationären Verhaltenstherapie.

Karin hat eine generalisierte Angststörung, begleitet von Panikstörung ohne Agoraphobie.

Beachte:

Überängstliche Personen fürchten sich in übertriebener Form vor Gefahren im Alltag, deren Eintretenswahrscheinlichkeit sie enorm überschätzen und deretwegen sie kaum mehr Ruhe finden.

Die Inhalte der Befürchtungen von Personen mit generalisierter Angst spiegeln alltägliche Probleme bei sich oder nahestehenden Personen wider (wie Erkrankung, Partnerverlust, finanzielle Engpässe, berufliche Fehlschläge) oder gesellschaftliche Konflikt- und Problembereiche (wie Ausgrenzung, Krieg, Terror, Klimawandel). Negative Ereignisse im öffentlichen Raum, im Berufsleben oder im familiären Umfeld werden als bedrohlich erlebt und schwarz gemalt. Sie glauben oft nicht daran, dass sich diese Gefahren verhüten lassen.

|16|Aufbau des Buches

Um die generalisierte Angststörung leichter zu erkennen und zu verstehen, wird der Leser in den Kapiteln 1 bis 3 über ihre Erscheinungsformen, ursächlichen und aufrechterhaltenden Bedingungen sowie über häufig begleitende psychische Störungen aufgeklärt. In den meisten Fällen tritt die generalisierte Angststörung mit anderen psychischen Störungen gemeinsam auf. Deshalb ist eine präzise diagnostische Einschätzung besonders wichtig. Die richtige Auswahl der Behandlungsmöglichkeiten und die therapeutischen Wirkungen hängen immer von der Güte der Diagnose ab: Ohne genaue Diagnose keine erfolgreiche Therapie.

Nur Einsicht in die Entstehungsbedingungen der generalisierten Angst allein reicht nicht aus, um die Störung zu beheben. Die Ängste müssen bearbeitet werden. In den Kapiteln 4 bis 11 finden Sie eine ganze Reihe von Selbsthilfemöglichkeiten, ebenso wie therapeutische Hilfen zur Behebung von starker Erregung und Anspannung und zur Veränderung von Sorgen, Grübeleien und dem Gefühl des Ausgeliefertseins. Im Anhang stehen Ergebnisse aus der Grundlagenforschung, Hinweise zur Medikamentierung und Arbeitsblätter.

|17|1 Normales und gestörtes Angsterleben

Zu den grundlegenden Gefühlen des Menschen gehören angenehme, weniger angenehme und sehr unangenehme Gefühle wie Freude, Überraschung, Neugierde, Traurigkeit, Ekel, Verachtung, Wut oder Angst. Ängste hat jeder bisweilen, etwa die Angst, nicht mehr geliebt zu werden, den Arbeitsplatz zu verlieren, zu verarmen oder krank zu werden.

Angst ist facettenreich und hat ganz unterschiedliche Funktionen: Milde Angst löst Kitzel aus und steigert Spannung, Lust und Vergnügen. Eine leicht bis mittelmäßig ausgeprägte Angst intensiviert das Risikoverhalten und die Anstrengung vieler Menschen. Das steigert ihre Leistung, egal, ob es sich um berufliche Aufgaben oder um ausgesprochen waghalsige Manöver handelt wie Bühnenauftritte vor kritischem Publikum oder Geschwindigkeitsklettern an einer Steilwand in schwindelerregender Höhe. Wird die Angst jedoch zu stark, z. B. in einer Prüfungssituation, dann schneidet der Prüfungskandidat schlechter ab. Selten kommt es zum Extremfall Denkblockade.

Starke Angst löst Schutz- und Sicherheitsverhalten aus. Davon gibt es viele Varianten: Sie reichen von vorsichtiger Annäherung bis zu kämpferischem Draufhauen oder von Wegschauen bis zu fluchtartigem Davonlaufen.

Angst ist ein unverzichtbares, menschliches Grundbedürfnis. Als Alarmsystem wirkt es wie eine Schutzvorkehrung. Im Moment der Gefahr wird der Körper durch Stresshormonausschüttung auf Hochleistung getrimmt: Bei Angst ist der Mensch zu kurz entschlossenem, raschem und oft auch kraftvollem Handeln fähig, ohne dass er lange überlegen muss. Er kann sich dann genau so verhalten, wie die gefährliche Situation es erfordert (vgl. S. 97). Die weichen Knie kommen erst, wenn er wieder außer Gefahr ist.

Angst ist eine Reaktion auf subjektiv erlebte Bedrohung in brenzligen Situationen. Der eine reagiert bereits in weniger gefährlichen Situati|18|onen panisch, der andere erst in äußerst gefährlichen. Gleichzeitig ist Angst eine Belastungs- oder Stressreaktion (vgl. S. 29). Ausgeprägtes Angsterleben wird oft als große emotionale Belastung erlebt.

Beachte:

Jeder kennt Angst, nicht jeder mag es zugeben. Angstgefühle sind lebenswichtig und normal, sofern sie nicht überborden und ausufern.

1.1 Die Entwicklung von normalem Angsterleben

Kinder durchlaufen Phasen, in denen sie ganz bestimmte Ängste erleben. Manche reagieren besonders ängstlich, während andere sich kaum vor etwas fürchten. In unserem Kulturraum ist folgende Entwicklung von spezifischen Angstinhalten im Kindesalter die Regel und gilt als „normal“:

Bis zum Alter von etwa sechs Monaten fürchten sich Babys einmal vor dem Verlust von Zuwendung und zum anderen vor heftigen Reizen wie lauten Geräuschen oder grellem Licht.

Im Alter von sieben bis acht Monaten haben Babys Angst vor der Trennung von geliebten Personen und fürchten sich mehr oder weniger vor fremden Menschen („Fremdelphase“).

Mit eineinhalb bis vier Jahren haben viele Kinder Angst vor dem Alleinsein, der Dunkelheit, vor Hunden (und anderen Tieren), Donner und Blitz, fantastischen Wesen oder Einbrechern. Viele reagieren ängstlich beim Eintritt in den Kindergarten.

Zwischen vier bis sechs Jahren sind es vor allem gruselige Fantasiegestalten, Naturgewalten und Verletzungen (Angst vor Blut und medizinischen Eingriffen), die Kindern Angst einflößen. Einige haben Angst bei Schulbeginn.

Kinder mit sieben bis 12 Jahren fürchten sich mehr vor sozialen Situationen, schlechter Leistung in Schule und Sport und vor medizinischen Behandlungen, Sterben und Tod.

Mit 12 bis 18 Jahren ängstigen sich viele Kinder und Jugendliche – insbesondere in Gegenwart von Gleichaltrigen – vor schulischem |19|oder beruflichem Versagen, sozialer Abwertung und Ablehnung, körperlichen Veränderungen und Sexualität.

Beachte:

Diese Befürchtungen und Ängste gehören zu einer normalen Entwicklung im Kindes- und Jugendalter. Bis zum 8. Lebensjahr legt sich die Mehrzahl der kindlichen Ängste von ganz allein.

Kinder unterscheiden sich von Geburt an hinsichtlich der Intensität von gehemmtem und angstsensiblem Verhalten (vgl. S. 42). Während das eine Baby kaum Angst hat, zeigt ein anderes vom ersten Tag an ein auffallend ängstlich-scheues Temperament.

Normale Angst warnt uns vor Gefahr. Sie lässt uns blitzschnell entscheiden, ob wir uns der Bedrohung stellen oder sicherheitshalber flüchten. Angst tritt nicht nur dann auf, wenn wir uns einer bedrohlichen Situation aussetzen, z. B. uns nachts in einem gefährlichen Stadtteil aufhalten. Wir reagieren auch ängstlich bei der bloßen Vorstellung von Bedrohung und Gefahr, wenn wir uns etwa Sorgen um ein Kind machen, das zum ersten Mal ohne Eltern auf Reisen ist.

1.2 Was bedeutet eigentlich „normal“?

Der Begriff „Normalität“ ist in seiner „statistischen“ Bedeutung wahrscheinlich noch am unverfänglichsten: Je mehr Leute in einer gefährlichen Situation oder vor einem gefürchteten Ereignis Angst haben, desto normaler erscheint es, unter diesen oder vergleichbaren Umständen Angst zu haben. Zahlreiche Menschen fürchten sich davor, aus 10.000 Metern mit dem Fallschirm in die Tiefe zu springen. Weil diese Angst weit verbreitet ist, gilt sie als normal. Im Vergleich dazu haben nur wenige Menschen Angst vor dem Fahrstuhlfahren. Infolgedessen und weil Fahrstühle nicht gefährlich sind, wird die Angst davor oft als übertrieben eingeschätzt, vor allem in Manhattan.

|20|„Normale“ Angst?

Ob ein Angsterleben als „normal“ gilt, hängt davon ab,

wie oft die Angst auftritt, wie stark sie ist, wie lange die Angstsymptome anhalten (Unruhe, Herzklopfen, Atemnot, Muskelverspannungen) und wie sehr die Angst als quälend erlebt wird,

wie sehr sich die Person bei Angst hilflos ausgeliefert fühlt, im Handeln beeinträchtigt ist, vor lauter Erwartungsangst nicht mehr verreisen oder Sport treiben kann und noch vieles mehr vermeidet.

Angstgefühle werden ganz unterschiedlich bewertet. Einige ängstliche Personen können zu ihren Ängsten stehen, andere, vor allem Männer, glauben, man dürfe Angst um keinen Preis zeigen, weil das ein Zeichen von Schwäche sei.

1.3 Übertriebenes, gestörtes Angsterleben

Jeder von uns macht sich gelegentlich Sorgen und regt sich dabei auf. Ein Leben ohne Sorgen, Probleme und schwierige Ereignisse ist unvorstellbar. Extrem ängstliche Personen machen sich aber besonders viele intensive Sorgen über Bedrohung, mögliche Gefährdung und Versagen. Dabei geraten sie in Erregung, werden angespannt und können nicht mehr abschalten, durchschlafen oder einer ruhigen Beschäftigung nachgehen. Derart ausgeweitete Sorgen und Ängste sind nicht mehr normal.

Die Übergänge von normaler zu gestörter Angst sind fließend: Normale Angst kann sich zu generalisierter Angst oder zu einer anderen Angststörung steigern.

Beachte:

Unvorhersehbare Ereignisse, die nach subjektiver Einschätzung der Person schwer oder gar nicht zu bewältigen sind, rufen besonders viel Angst hervor, die in der Regel auch länger anhält.

|21|Nach Absprache internationaler Psychiater im Auftrag der Weltgesundheitsorganisation WHO werden acht verschiedene Angststörungen des Kindes-, Jugend- und Erwachsenenalters unterschieden:

Generalisierte Angststörung,

Panikattacken und Panikstörung,

Agoraphobie,

Spezifische Phobie,

Soziale Phobie,

Zwangsstörung,

Posttraumatische Belastungsstörung,

Trennungsangst (sie wird neuerdings nicht nur im Kindes-, sondern auch im Erwachsenenalter diagnostiziert).

Da die generalisierte Angststörung hier im Besonderen interessiert, wird sie in Kapitel 2 ausführlicher dargestellt. In Kapitel 3 folgt ein Überblick über weitere Angststörungen.

|22|2 Generalisierte Angststörung

Menschen, die unter generalisierter Angst leiden, machen sich stundenlang Sorgen über alltägliche Ereignisse, ihre Angehörigen, ihre finanzielle Situation, das Weltgeschehen und künftige Gefahren, ohne dass eine unmittelbare Bedrohung vorliegt. Dabei überschätzen sie die Wahrscheinlichkeit, mit der ihre Befürchtungen eintreten könnten, und geraten in einen Unruhezustand, der meist länger anhält, zu einer dauerhaften Habachtstellung führt und als sehr unangenehm erlebt wird. Die erhöhte Ängstlichkeit wird von körperlichen Beschwerden begleitet.

Das folgende ausführliche Beispiel veranschaulicht die generalisierte Angststörung.

Beispiel: Anne

Anne, 39 Jahre, arbeitet halbtags als Kassiererin in einer Tankstelle. Sie hat eine ausgeprägte generalisierte Angststörung und eine leichte Agoraphobie mit Panikstörung (vgl. S. 52). Obwohl sie öfter grübelt und depressiv verstimmt ist, zeigt sie noch nicht das Vollbild einer Depression (vgl. S. 64).

Seit dem Jugendalter leidet sie unter Überängstlichkeit mit tagelang anhaltenden Unruhe- und Spannungszuständen, begleitet von Atemnot, flacher Atmung (Hyperventilation, vgl. S. 122), Schwindel, Zittrigkeit, Kribbeln im Kopf, Müdigkeit, Konzentrationsproblemen und Übelkeit.

Obwohl Anne eine intakte Familie hat, fürchtet sie das Alleinsein und macht sich Sorgen darüber: Es könnten ihr Dinge zustoßen, mit denen sie – auf sich gestellt – nicht fertig wird. Mittlerweile vermeidet sie es, alleine zu sein und Dinge im Alleingang zu unternehmen. Geradezu panische Angst bereitet ihr die Vorstellung, ihren Kindern und ihrem Mann würde etwas zustoßen, woraufhin sie auf sich alleine gestellt und hilflos wäre.

Außerdem macht sie sich Sorgen um ihren jüngeren Sohn Max. Der ist zehn Jahre alt und ähnelt ihr vom Wesen her. Seit der 3. Klasse hat er Schulleistungsschwierigkeiten (im Verlaufe der Therapie wird bei ihm eine Lese-Rechtschreibschwäche diagnostiziert). Sie macht sich heute schon Sorgen darüber, dass er sich nicht in die Abschlussprüfung seiner Lehre traut. Sie selber hatte aus Prüfungsangst ihre Kraftfahrzeuglehre |23|kurz vor dem Abschluss abgebrochen. Darunter leidet sie heute noch und ist davon überzeugt, dass der arme Junge dieselbe Angstbereitschaft hat und sich genauso durchs Leben quälen muss wie sie.

Der ältere Sohn, Ralf, 19 Jahre, will die Polizeilaufbahn einschlagen. Sie sorgt sich darüber, dass dies „ein gefährlicher Beruf“ sei. Bevor die Söhne überhaupt mit der Ausbildung begonnen haben, macht sie sich schon übertrieben Sorgen über Gefährdungen, die auf sie zukommen könnten.