Geld, Gesellschaft und Gewalt - Eugen Drewermann - ebook

Geld, Gesellschaft und Gewalt ebook

Eugen Drewermann

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Opis

Immer mehr, immer schneller, immer weiter: Die derzeit herrschende Wachstumsdoktrin ist nicht nur schädlich, sie ist ruinös. Es werden immer mehr Produkte auf den Markt geworfen - zu Lasten der armen Bevölkerung und der Natur. Eugen Drewermann zeigt auf, dass eine nachhaltige und damit nicht länger wachstumsbestimmte Wirtschaftsform die einzig realistische und tragfähige ist. Leicht verständlich erläutert er wirtschaftswissenschaftliche Zusammenhänge und deutet die derzeitige Weltlage tiefenpsychologisch fundiert. Ein unverzichtbares Werk für alle, die die Problematik der aktuellen ökonomischen und damit ökologischen Entwicklungen erkennen und etwas ändern wollen. Klimaneutral gedruckt.

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Inhalt

Über den Autor

Über das Buch

Impressum

Hinweise des Verlags

Eugen Drewermann

Geld, Gesellschaft und Gewalt

Kapital und Christentum

1. Band:

Faire Preise

Faire Löhne

Fairer Handel

Patmos Verlag

INHALT

Vorwort oder: Vom Wahn des Wachstums

I) Das ökonomische System oder: Wider die Ausbeutung von Natur und Mensch

A) Faire Preise

1) Preisbildung nach der Volkswirtschaftslehre

2) Unstimmigkeiten oder: Ein notwendiges Umdenken. Drei Beispiele

a) Was kostet die Wohnung?

b) Was kostet das Wasser?

c) Was kostet die Welt?

3) Fair ist ein Preis, der ökologisch die Externa einbezieht

B) Faire Löhne

1) Lohnfestlegung nach der Volkswirtschaftslehre

2) Sklaverei in der Antike und Leibeigenschaft im Feudalismus

3) Ausbeutung im Industriezeitalter

4) Fair ist ein Lohn, der sozialpolitisch die Externa einbezieht

C) Fairer Handel

1) Eine kleine Geschichte von Handel und Wandel

2) Handel in der Volkswirtschaftslehre

3) Der Anfang und das Ende von Bretton Woods

4) Handelsdiktate und Freihandelszonen (NAFTA, CETA, TTIP)

5) Fair ist ein Handel, der global gerecht ist

Literaturverzeichnis

Register der Autoren

Register der Personen in Geschichte und Mythos

Register der Orts- und Ländernamen

Register der Sachen und Sachverhalte

Text- und Bildnachweis

Bildtafeln

Anmerkungen

… beispielshalber der Bericht über THALES VON MILET:

Als man ihn wegen seiner Armut schmähte,

weil eben die Philosophie zu nichts nutze sei,

heißt es,

er habe unter Zuhilfenahme der Gestirnskunde vorausgesehen,

daß es eine reiche Olivenernte geben werde,

und habe, als es noch Winter war,

ausgestattet mit ein wenig Geld

ein Handgeld auf alle Ölpressen in Milet und Chios geleistet und sie um einen geringen Betrag gemietet,

weil niemand noch höher ging.

Als aber die Erntezeit gekommen war

und viele Ölpressen zugleich und plötzlich gesucht wurden,

habe er sie vermietet, so hoch er nur wollte,

viel Geld eingeheimst

und so gezeigt,

daß es leicht ist für die Philosophen,

reich zu werden, wenn sie nur wollten,

daß es aber eben nicht das ist,

womit sie sich ernstlich beschäftigen.

Aristoteles: Politik 1259 a 10, S. 100

Vorwort oder: Vom Wahn des Wachstums

Wie soll man damit leben?

Mit Händen zu greifen ist die Umwandlung der Welt, in der wir leben, in ein Warenhaus. Alles ist käuflich, jede Landschaft, jeder Gegenstand, jede Dienstleistung. Es ist so viel wert, wie es kostet, ein Zahlenspiel zwischen vorgeschossenem und eingenommenem Kapital. Auf die Rendite kommt es an, denn deren Maximierung ist der offenbare Endzweck aller marktkonformen Aktivitäten. Was sich nicht auszahlt, lohnt sich nicht. Wir zerstören die Natur? Wer sie retten will, kann ja ein Stück von ihr käuflich erwerben; mit dem, was er besitzt, kann er dann machen, was er will, – bis daß ein größerer Anbieter mehr als er noch investiert; dann geht ein Strand­abschnitt in Griechenland, eine noch unbewohnte Insel der Ägäis, eine noch intakte Zone tropischen Regenwaldes in Bauland für eine Hotelkette, in einen Yachthafen für erholungsbedürftige Manager oder in eine Palmölplantage für die Herstellung von Cremes und Luxusseifen über. Die Pflanzen, die Tiere, die Fische, die Korallen – sie haben keine Rechte. Recht hat, wer genug besitzt, sich sein Eigentumsrecht zu erkaufen. An jenem Strand, jener Insel, jenem Stück Urwald ist dem neuen Besitzer nicht wirklich gelegen. Der Gewinn aus den Geschäften, den Pachtverträgen, den Umsätzen interessiert ihn. Nichts weiter.

Und wer kein Geld hat? Der muß halt sehen, wo er es herkriegt. Sonst geht er unter. Die Angst wächst auf, daß ein immer größerer Teil der Gesellschaft bereits in der Lebensmitte zum Untergang verurteilt ist. Altersarmut – eine dunkle Gewißheit für Millionen, sogar bei uns, in der BRD. »Sie hätten eigenverantwortlich eine entsprechende Vorsorge treffen sollen, statt alles auszugeben.« Wie aber, wenn das, was sie ausgeben mußten, all das aufzehrte, was sie besaßen? Was machen Menschen, denen der Strom abgedreht wird, weil sie die Rechnung bei ihrem Energielieferanten nicht zahlen können? Oder nicht ihre Miete? Oder nicht die Nahrung für ihre Kinder bis zum Monatsende? Die Schulden wachsen, und mit ihnen die Zinsen für den Dispokredit, je länger, desto unbezahlbarer. Bis zur Insolvenz. Bis zur Pfändung. Bis zum endgültigen Ausverkauf des Privatlebens. Die Straßenschluchten zwischen den Bankhochhäusern liegen in ewigem Schatten; die Sonne scheint nur in die Fenster derer dort droben. Und die Fallhöhe wächst immer weiter zwischen ganz Oben und ganz Unten. Nur wenige kommen empor, und die abstürzen, fallen ins Nichts. Denn das Sein ist das Geld, und das Nichts ist Geldmangel. Auch Menschen scheinen nur das noch wert, was sich im Austausch von Geld und Ware mit ihnen verdienen läßt. Die totale Ökonomisierung der Gesellschaft – schon ist sie Gegenwart; »alternativlos« gibt sie sich als künftiges Schicksal. Die »Gesetze« der Mikro- und der Makroökonomie, so lernen es schon die Studenten, sind wie die Naturgesetze, wie die Physik: die Massenanziehung, das Fallgesetz … »Wer schon hat, dem wird gegeben werden«, sagt doch selbst die Bibel (Mk 4,25). Sie meint es anders? Dann wissen wir’s besser. War wirklich einstmals Gott die herrschende Vernunft? Heute heißt sie Marktrationalität. Der Preis einer Ware ist bestimmt durch das Wechselspiel von Angebot und Nachfrage. Anbieten kann, wer Gelder besitzt oder Waren, sonst muß er sich selbst, seine Arbeitskraft, zu Markte tragen als »Anbieter« und froh sein, wenn nach ihm gefragt wird. 50 % Arbeitslose unter der Jugend in Spanien? 20 % Arbeitslose in der Gesamtbevölkerung Griechenlands? Da kann man nichts machen. Als erstes müssen die Schulden der Banken zurückgezahlt werden, – mit immer noch höheren Schulden, mit immer noch höheren Laufzeiten. »Merkel rettet die Griechen – mit unserem Geld.« So stellt sich’s dar in der veröffentlichten Meinung der Massenpresse. Sie schafft neue Dogmen und neue erfahrungsresistente Gewißheiten. »Der Markt wird es richten.« Was richtet er? Seit 1991 hat sich das Volksvermögen in der BRD verdreifacht – in den Händen von 10 %, denen mehr als 60 % von allem gehört. Das Kapital akkumuliert und schafft sich selbst sein Prekariat. »Eigentum ist Diebstahl.«1 Ganz falsch ist das nicht. Denn allemal gilt: »Konkurrenz« bedeutet, daß nur die Stärksten: die Größten, die Schnellsten, die Raffiniertesten im Wettkampf gewinnen. Und dann heißt es in amerikanischer Coolness: »The winner takes it all.« Wer auf dem zweiten Platz landet, ist nichts als ein Loser.

Die Gesetze des Wettbewerbs halten den ganzen Globus im Griff. Schon unsere Kinder können wir nicht früh genug medienkompetent und leistungsorientiert heranziehen, um sie fit zu machen für die Sicherung des Industriestandortes Deutschland im internationalen Wirtschaftswettbewerb. Wenn wir durch Abbau von Sozialabgaben und Steuervergünstigungen die Unternehmen erleichtern und die Marktkräfte entfesseln, wachsen die Chancen, im globalen Vergleich als Gewinner hervorzugehen. Und mit den Gewinnen steigt der Wohlstand für alle, heißt es, – wie wenn die Flut aufläuft und gleichmäßig alle Boote mit anhebt. Solcherart lautet das unerschütterliche Credo neoliberaler Gesellschaftslehre. Doch so wußte schon Hugo von Hofmannsthal:

Manche freilich müssen drunten sterben,

Wo die schweren Ruder der Schiffe streifen,

Andere wohnen bei dem Steuer droben,

Kennen Vogelflug und die Länder der Sterne.

Manche liegen immer mit schweren Gliedern

Bei den Wurzeln des verworrenen Lebens …2

So ist’s, nur sind’s nicht »manche«, sondern allzu viele. Die Wenigen da droben, die von den Wellen nicht verschlungen werden, verwandeln die gesamte Welt in ihr Casino. Sie lagern Arbeitsplätze dahin aus, wo sich die Lohnkosten am niedrigsten halten lassen; sie drohen mit der Schließung ganzer Werke am einheimischen Standort, wenn die Belegschaft nicht dem Lohndumping der Unternehmer zustimmt. Aus der einstigen Idee einer Internationale der Arbeiterschaft ist der globale Konkurrenzkampf um die billigsten, das heißt in Unternehmersicht: die kostengünstigsten Arbeitskräfte geworden.

Und nicht nur Arbeit läßt sich kaufen, auch Bodenschätze, Schürf­rechte und Ackerland. Sind erst einmal die Schulden eines Lands der Dritten Welt nur hoch genug, beginnt der Zwang zum Ausverkauf. Statt für die eigene Ernährung, müssen die Bauern jetzt für den Export ins Ausland produzieren, die Böden kauft man ihnen unter den Füßen weg, und zur Sanierung des maroden Staatshaushalts müssen die Subventionen für Nahrungsmittel gekürzt, am besten ganz gestrichen werden; die Wasserversorgung, das Transportwesen, der Sicherheitsdienst, sogar die Gefängnisse müssen privatisiert werden, um damit Geschäfte zu machen.

»Aber irgendwo muß das Geld doch hin!« Richtig, die Flut steigt auf den nächsten Pegelstand: Wenn erst einmal der Geld- und Warenkreislauf gesättigt ist, ist es am besten, gleich mit viel Geld noch mehr Geld zu »machen«. Ganze Firmen, Handelsketten, Produktionsstätten lassen sich in den Ruin treiben; dann investiert ein »Retter«, – ein Hedgefonds kommt und kauft das »Objekt« auf, nicht zum Erhalt von Güterherstellung und Arbeitsplätzen, sondern zum baldigen Weiterverkauf mit mehr Gewinn. Oder noch einfacher: man leiht sich bei den Banken Geld, kauft auf, verkauft und ist plötzlich ein reicher Mann. Am allereinfachsten: die Banken selber gehen zum Investmentbanking über. Sie kaufen Schulden auf und schließen Wetten auf die Neuverschuldung ganzer Staaten ab; sie spekulieren auf die Ernteausfälle durch Unwetter und Dürre und machen Höchstgewinne mit dem Preisaufschlag beim Handel an der Nahrungsmittelbörse in Chicago. Da gibt es keine Not und keine Katastrophe, mit der nicht, gerade da, noch ein Surplus zu scheffeln wäre. Ein Tsunami verwüstet die Fischerdörfer an der Küste einer malaiischen Insel; wohl uns: ab sofort steht das Gebiet zum Ausverkauf, und was läßt sich alles machen mit einem Küstenstreifen in der Südsee3!

So geht das nur. Sind erst einmal die Banken groß genug, so daß sie systemrelevant für den Erhalt dieser Wirtschaftsform der rigorosen Selbstbereicherung geworden sind, aus der sie selbst hervorgegangen, darf man sie nicht mehr fallen lassen; das Volk muß sie mit Steuermitteln retten. Es gibt kein Bail-out, um der Bevölkerung eines failed state, eines überschuldeten Staates, durch Schuldenschnitt die Chance zu einem Neuanfang zu ermöglichen, aber die Rettung der Banken ist das oberste wirtschaftspolitische Gebot der Staaten­gemeinschaft. Eine Aufsicht des Kapitaltransfers und der Spekula­tionsgeschäfte der Banken – daran ist schwer zu denken; eher schickt man Sozialspione auf die Straße, um nachzusehen, ob nicht ein Hartz-IV-Empfänger durch illegale Bettlertätigkeit über unerklärte Nebeneinkünfte verfügt. Anders die Besitzenden. Wer geschickt genug ist, gründet Scheinfirmen auf den Kanalinseln, den Cayman-Islands oder in der Schweiz, er nutzt den Niedrigsteuer-Wettlauf in Luxembourg, in Liechtenstein, in Holland, – es gibt so viele schöne Steuersparmodelle bei denen, die genügend Geld besitzen, um sich ein cleveres Beratungsbüro leisten zu können. Ehrlichkeit – das war einmal. Die entfesselten Marktkräfte lassen durch moralische Skrupel sich nicht länger hemmen.

Tatsächlich gibt es kein dynamischeres, will sagen: aggressiveres und zerstörerisches Wirtschaftssystem als den derzeit wütenden neoliberalen Kapitalismus. Er kann sich nur erhalten durch ständiges Wachstum, – wie ein Krebsgeschwür. Er zerstört die Natur, die er ausbeutet, er zerstört die Menschen, die er versklavt, er kriegt niemals genug. Die Konkurrenz treibt ihn vorwärts. Wenn nur der Größte überlebt, muß man in jedem Falle so groß sein, daß man verhindern kann, daß andere ebenso groß oder noch größer werden. Und der Schuldenfaktor! Nicht nur die da unten, auch die da oben müssen ihren Krediten und Kreditzinsen hinterherlaufen. Das setzt sie unter Druck. Das macht sie flott. Das schafft eine kreative Zerstörung4, indem stets Neues an die Stelle des gerade Hervorgebrachten treten muß, – leistungsstärker, kostengünstiger, konsumfreudiger. In den Worten von Bertolt Brecht:

Immer noch wachsen die Märkte. Da wälzen Dampf und ­ Maschine

Neuerdings alles um und den Manufakturherrn verdrängt der

Große Industrielle, Arbeitgebieter und Geldmann

Unser moderner Bourgeois. Ausführlich zeigen die Lehrer

Wie das mechanisierte große Gewerbe den Weltmarkt

Schuf und der Weltmarkt wieder das große Gewerbe ­ beschwingte

Bis die große Gewerbetreibende mächtig hervortrat

Und die Bourgeoisie im Staat erkämpfte den Vorrang.

Unsere Staatsgewalt ist nur ein williger Ausschuß

Der die verzweigten Geschäfte der Bourgeoisie verwaltet.

Und sie erwies sich als harte und sehr ungeduldige Herrin.

Eisernen Trittes zerstampfte die Bourgeoisie all die alten

Patriarchalischen stillen Idylle, zerriß die feudalen

Buntscheckig ewigen Bande, geknüpft zwischen Schützling und Schutzherrn

Duldend kein anderes Band zwischen Menschen und Schutzherrn als nacktes Int’resse

Und die gefühllose Barzahlung. Ritterlichkeit eines Herrn und

Treues Gesinde und Liebe zum Boden und ehrliches Handwerk

Dienst an der Sache und innre Berufung bespritzte sie mit dem

Eisigen Strahl der Berechnung. Persönliche Würde verramscht sie

Grob in den Tauschwert und setzt an die Stelle der vielen verbrieften

Wohlerworbenen Freiheiten nur die Freiheit des Handels.

Fürchtend nichts als den Rost und das Moos, vergewaltigt sie täglich

Jede Gewalt der Verhältnisse, alle gefestigte Sitte.

Alles Ständische fällt sie und alles Geweihte entweiht sie.

Und es stehen die Menschen entsichert auf rollendem Boden

Endlich gezwungen, mit nüchternen Augen ihr Dasein zu sichten.

Aber dies alles geschieht nicht in einem Land oder zweien

Denn der unstillbare Drang nach dem Absatz der schwellenden Waren

Jagt unsre Bourgeoise ohne Unterlaß über die ganze

Erdkugel hin wie im Taumel. Überall muß sie sich anbaun

Überall einnisten, überall knüpfen die klebrigen Fäden.

Kosmopolitisch so macht sie Verbrauch und Herstellung der Güter.

Einheimisch alte Gewerbe zerstört sie und holt sich den Rohstoff

Aus den entlegensten Ländern und ihre Fabriken bedienen

Nöte und Launen, erzeugt durch die Klimate andrer Regionen.

Allseits abhängig werden die Völker …

Maschinerie und Besitz und Bevölkerung, vordem zersplittert

Schließen zu großen Gebilden sich: pausenlos häuft sich das Werkzeug

Sammelt das Eigentum sich in einigen wenigen Händen

Ballt die Bevölkerung sich zu großen erzeugenden Zentren.

Neue politische Felder entstehen: die losen Provinzen

Eigens regiert, mit eigenem Recht und mit eigenen Zöllen

Werden zusammengedrängt nun in eine Nation, mit dem einen

Nationalen Belang, einem Recht und einer Regierung.

Niemals zuvor ward entfesselt ein solcher Rausch der Erzeugung

Wie ihn die Bourgeoisie in der Zeit ihrer Herrschaft entfacht hat

Die die Natur unterwarf, die elektrische schuf und die Dampf-Kraft5.

All diese Entwicklungen, Erfindungen, Modernisierungen dienen nicht den Menschen, sie basieren auf der Verwandlung der Menschen in Humankapital nebst dessen profitabelster Ausbeutung. Die gleiche Gewalt, mit welcher die Natur dem Wirtschaftskreislauf unterworfen wird, reduziert das menschliche Leben auf Geldverdienen und Geldausgeben, auf Produktion und Konsum, auf die Funktion eines Rädchens im Getriebe der Kapitalvermehrung in einem stetigen wechselseitigen Vernichtungswettbewerb. »Die große Industrie«, schrieb im 19. Jh. schon Karl Marx, »universalisierte … die Konkurrenz …, stellte die Kommunikationsmittel und den modernen Weltmarkt her, unterwarf sich den Handel, verwandelte alles Kapital in industrielles Kapital und erzeugte damit die rasche Zirkulation (die Ausbildung des Geldwesens) und Zentralisation der Kapitalien. Sie zwang durch die universelle Konkurrenz alle Individuen zur ­äußersten Anspannung ihrer Energie. Sie vernichtete möglichst die Ideo­logie, Religion, Moral etc., und wo sie dies nicht konnte, machte sie sie zur handgreiflichen Lüge. Sie erzeugte insoweit erst die Weltgeschichte, als sie jede zivilisierte Nation und jedes Individuum darin in der Befriedigung seiner Bedürfnisse von der ganzen Welt abhängig machte und die bisherige naturwüchsige Ausschließlichkeit einzelner Nationen vernichtete. Sie subsumierte die Naturwissenschaft unter das Kapital und nahm der Teilung der Arbeit den letzten Schein der Naturwüchsigkeit. Sie vernichtete überhaupt die Naturwüchsigkeit, soweit dies innerhalb der Arbeit möglich ist, und löste alle naturwüchsigen Verhältnisse in Geldverhältnisse auf.«6 So entstanden die Städte, so entstand das Finanzkapital, so entstand der Krieg nicht eigentlich mehr zwischen Staaten und Nationen, sondern zwischen den Besitzern der Produktionsmittel gegeneinander um den Zugriff auf Billiglohnkräfte, Rohstoffe, Handelsrouten und Absatzmärkte.

Was also wäre, die enormen Möglichkeiten der Industrialisierung zur Erzeugung von Gütern würden genutzt, um der Bedarfsdeckung der Menschen zu dienen! Es gäbe weder Hunger noch Elend, weder Unversorgtheit bei Krankheit noch Bettelarmut im Alter, weder Mangel an Tagesstätten für Kinder noch zu wenig Lehrpersonal an Schulen. Statt dessen nehmen die Kriege kein Ende und die Kriegskosten steigen und steigen. Zwei Prozent ihres Bruttoinlandsproduktes (BIP) sollen die Nato-Staaten ausgeben allein für ihren Militärhaushalt, – das Fünffache dessen, was die BRD jemals seit 1963 für Entwicklungshilfe aufgebracht hat. Die USA allein verpulvern Jahr für Jahr sagenhafte 600 000 000 000 Dollar für die Aufrüstung der größten und aggressivsten Armee, welche die Welt je gesehen hat. Auf den Schlachtfeldern der Erde, ohne Zweifel, können die Amerikaner alles: sie bombardieren mit Napalmbomben und mit Clusterbomben, mit abgereichertem Uran und mit bunkerbrechenden ­Megasprengsätzen, sie können es tun mit Tarnkappenbombern und mit zielsuchenden Raketen, überall auf der Welt sind sie imstande, mit ihren Drohnen auf bloßen Verdacht hin jeden zu töten, der ihnen im Weg steht, – militärisch sind sie wirklich am Ende der Zeit, die man im Gleichgewicht des Schreckens den Kalten Krieg zwischen dem Ost- und dem Westblock nannte, die einzig verbliebene Großmacht. Doch was soll das? Für jeden getöteten »Terroristen« entstehen zehn neue Terroristen. Wenn Al Qaida vor 15 Jahren etwa 1000 Mann umfaßte, so addieren die militanten antiwestlichen Gruppen sich heute auf über 100 000 Kämpfer7. Seit 2001 haben die USA sieben islamische Länder angegriffen und komplett destabilisiert8. Rechnet man noch den Nato-Krieg auf dem Balkan hinzu, ist das Ergebnis von erschreckender Wucht: Millionen Menschen versuchen aus dem Kosovo, aus dem Irak, aus Afghanistan, aus Syrien, aus ­Libyen, aus Somalia, aus dem Sudan, aus all den Gebieten, die man durch Regime-Change zur Demokratie bomben wollte, die vermeintliche Friedensinsel Europa zu erreichen. Das aber schottet sich an seinen Außengrenzen mit paramilitärischen Einsätzen von Frontex (Frontières Extérieures) hermetisch ab, – es hat für vieles Geld, doch nicht für Menschen, die mit ihren Kindern vor der Aussichtslosigkeit eines Lebens fliehen, an welchem wir selber, in Treue zu unseren militärischen Verbündeten, eine erhebliche Mitschuld tragen. Seit Jahren ist das Mittelmeer zu einem Massengrab für Tausende von Hoffnungslosen und Verzweifelten geworden, und unser wichtigstes Wort, darauf zu reagieren, lautete all die Zeit: abschieben.

Wie man damit leben kann? Überhaupt nicht. Man darf es nicht. Vor allem, weil jeder begreift, daß all der Einsatz von Krieg und Gewalt in keiner Weise das Ziel verfolgt, Freiheit und Gerechtigkeit, Frieden und Sicherheit zu bringen; es geht um die Besetzung geostrategischer Positionen in Zentralasien (zwischen den kommenden Großmächten Indien und China), es geht um die Eindämmung von Moskau und Peking, es geht vor allem um die Erdölquellen im Nahen Osten. Es sind Wirtschaftskriege, die da geführt werden, asymmetrisch, im Status absoluter militärischer Überlegenheit der Waffensysteme, doch menschlich in einer Arroganz und in einem Zynismus, der als zutiefst verabscheuenswürdig empfunden wird.

Die Sache ist an sich nicht neu – selbst der Krieg vor Troja war wohl ein Wirtschaftskrieg9 –, aber die Dimension hat sich ins Ungeheuerliche, ins Globale, ins Mehr-geht-nicht aufgewälzt. Im Grundsätzlichen freilich sahen schon um 1570 Pieter Bruegel der Ältere und Pieter van der Heyden auf einem Kupferstich unter dem Titel »Kampf ums Geld« vollkommen klar (Abb. 1)10: Da erblickt man Menschen in der Rüstung von Schatztruhen, metallenen Geldsäcken und Münzfässern mit Spießen und Hellebarden, mit Schwertern und gehirnzertrümmernden Schwingkeulen, auf einander einstechen und -schlagen; Rauchwolken am Himmel verraten den Einsatz auch von Kanonen, – das Gewaltpotential läßt sich immer noch steigern. Man sieht unter den Helmen zwar noch vereinzelt menschliche Gesichter, doch die Mechanisierung, die Anonymisierung, die Inhumanisierung der Austragungsform des »Kampfs ums Geld« wird im Verlauf der Jahrhunderte immer weiter zunehmen. »Divitiae faciunt fures« – Reichtümer machen (Menschen zu) Schurken, steht auf Lateinisch unter dem Bild und, damit es jeder versteht, auch auf Französisch und Flämisch, erinnernd an ein Wort der Bibel: »Wer habgierig ist, jagt nach Reichtum und weiß nicht, daß Mangel über ihn kommen wird.« (Spr. 28,27) Es ist ein apokalyptisches Bild, doch wer wollte es leugnen: Es ist unsere gegenwärtige Wirklichkeit. – Die bloßen Zahlen sind erdrückend; sie zeigen, daß, entgegen den wohlklingenden Erklärungen der Herrschenden und der veröffentlichten Meinung in den Medien, für Milliarden Menschen dieser Erde das Elend in rasantem Tempo wächst – bis hin zum Unerträglichen, bis hin zum Hunger, bis hin zum Verhungern.

Abb. 1: PIETER BRUEGEL DER ÄLTERE: Kampf ums Geld

»Nach den Weltentwicklungsindikatoren 2013 der Weltbank verfügen 16 Prozent der Weltbevölkerung über 83 Prozent der Vermögenswerte auf dem Planeten. Im Jahr 2001 gab es in den westlichen Ländern 497 Dollar-Milliardäre, die zusammen 1500 Milliarden Dollar besaßen. Zehn Jahre später, 2010, war ihre Zahl auf 1210 gestiegen, und ihr Vermögen summierte sich auf 4500 Milliarden Dollar. Das Vermögen dieser 1210 Milliardäre zusammen übersteigt das Bruttoinlandsprodukt eines wirtschaftlich so starken Landes wie Deutschland. – Der Zusammenbruch der Finanzmärkte 2007/2008, der durch die Börsenspekulationen der Beutejäger ausgelöst wurde, hat die Existenz von Millionen Familien in Europa, Nordamerika, Japan und anderen Regionen zerstört. Nach Angaben der Weltbank wuchs die Zahl der hungernden Menschen infolge der Finanzkrise um 69 Millionen. In den Ländern des Südens wurden überall neue Massengräber ausgehoben. Doch wenig später, 2013, lag das Vermögen der sehr Reichen um das Eineinhalbfache über dem Stand vor der Krise. – Der Anteil der 42 ärmsten Länder am Welthandel betrug 1970 1,7 Prozent. 2014 waren es nur noch 0,4 Prozent. – Die neuen kapitalistischen Feudalherrschaften wachsen und gedeihen. Die ­Eigenkapitalrendite der 500 größten multinationalen Konzerne der Welt lag seit 2001 im Durchschnitt bei 15 Prozent pro Jahr in den Vereinigten Staaten und bei 12 Prozent in Frankreich. – … Die 374 größten multinationalen Konzerne … haben heute Finanzreserven von zusammen 655 Milliarden Dollar. Die Summe hat sich seit 1999 verdoppelt. Das größte Unternehmen der Welt, Microsoft, hat 60 Milliarden Dollar auf der hohen Kante … – Die Weltbank schätzt die Zahl der Menschen, die in ›extremer Armut‹ leben, das heißt, weniger als 1,25 Dollar pro Tag zur Verfügung haben, auf 1 Milliarde … – Heute stirbt alle fünf Sekunden ein Kind unter zehn Jahren an Hunger oder einer durch Unterernährung verursachten Krankheit. Im Jahr 2014 starben mehr Menschen durch Hunger als in sämtlichen Kriegen, die in diesem Jahr geführt wurden. – … Im Jahr 2001 starb (sc. noch, d. V.) alle sieben Sekunden ein Kind unter zehn Jahren an Hunger. Im selben Jahr wurden 826 Millionen Menschen durch die Folgen von schwerer, chronischer Unterernährung zu Invaliden. Heute sind es 841 Millionen. – … Weltweit sterben jedes Jahr rund 74 Millionen Menschen, 1 Prozent der Weltbevölkerung, an den verschiedensten Todesursachen. 2013 starben 14 Millionen an Hunger oder seinen unmittelbaren Folgen. – Damit ist der Hunger die Hauptursache (sc. des Todes, d. V.) auf unserem Planeten.«11

Was wäre, wenn wir wüßten, daß gleich vor dem Nachbarhaus ein Kind dabei ist zu verhungern, – wir sähen es jeden Tag auf der Straße, aber wir gingen einfach vorbei? Würde uns dann nicht zu Recht der Vorwurf unterlassener Hilfeleistung und schließlich sogar der fahrlässigen Tötung gemacht werden müssen? Wenn sich der Vorgang aber in 5000 oder 15 000 km Entfernung, in Afrika, Süd­amerika oder in Südostasien, ereignet, ändert sich dann etwa durch die räumliche Distanz auch nur ein Deut an der Berechtigung solch einer Anklage? Es ist ja nicht, daß »wir«, die reichen Industrienationen, den Hunger nicht von der Erde bannen könnten – die Landwirtschaft vermöchte beim Stand heutiger Produktivität etwa 12 Milliarden Menschen, etwa doppelt so viel als derzeit leben, zu ernähren, und die UN verkünden gerade, im August 2015, sie wollten bis 2030 den Hunger in der Welt beseitigen12; doch die Wirklichkeit sieht anders aus: »Mächtige Industriestaaten haben damit begonnen, Hunderte Millionen Tonnen Mais und Weizen zu verbrennen, um Biotreibstoffe herzustellen (Bioethanol und Biodiesel). Nach dem Börsenkrach 2007/2008 haben die großen Spekulanten – die Hedgefonds, die internationalen Investmentbanken und andere – sich den Warenbörsen zugewandt, auf denen landwirtschaftliche Rohstoffe gehandelt werden. Dort haben sie gigantische Gewinne gemacht, indem sie weltweit die Preise von Grundnahrungsmitteln explodieren ließen. Daher ist Ackerland, vor allem in Afrika, Südasien und Mittelamerika, selbst zum heiß begehrten Spekulationsobjekt geworden. 2013 erwarben multinationale Finanzoligarchien 221 Millionen Hektar Ackerland in den Ländern der südlichen Hemisphäre. Und die Folge? – Auf den Flächen, die so in ihren Besitz gelangt sind – durch unbefristete Pachtverträge, durch ›Kauf‹ zu lächerlichen Preisen, durch Korruption –, produzieren die ausländischen Investoren Rosen, Gemüse, Kartoffeln und vieles mehr, was für die Märkte in den nördlichen Ländern mit ihrer hohen Kaufkraft bestimmt ist. Sie importieren unterbezahlte Wanderarbeiter aus Sri Lanka, Pakistan und Nepal und vertreiben die einheimischen Bauernfamilien. Wohin? In die Slums der Megastädte, wo Massenarbeitslosigkeit, Kinderprostitution und die Ratten herrschen.«13

So viel kann man sicher sagen: unter den gegenwärtigen Bedingungen von Produktion, Handel und Konsumtion, von Investition, Spekulation, Akkumulation von immer mehr Kapital in den Händen von immer weniger Leuten bedeutet allein schon das stetige Anwachsen der Bevölkerungszahlen eine Katastrophe in Raten. Je nachdem, wie hoch man die Zahl der Kinder ansetzt, die eine Frau im weltweiten Durchschnitt statistisch bekommt, und die Sterblichkeitsrate hinzusetzt, schwanken die Schätzungen bis zum Jahr 2050 erheblich, doch ist damit zu rechnen, daß schon in 35 Jahren etwa 9 Milliarden Menschen auf diesem Globus leben werden14. Um 1950 betrug die Größe der Weltbevölkerung noch etwa 2,5 Milliarden Menschen; jetzt genügen ganze 35 Jahre, um die Anzahl der Menschen um eben diesen Betrag ansteigen zu lassen. Zwar hat das Tempo des Bevölkerungswachstums seit 1970 nachgelassen, doch immer noch nimmt die Anzahl der Menschen um etwa 75 Millionen pro Jahr zu, – zum Vergleich: die Gesamtbevölkerung Deutschlands liegt bei 82 Millionen. All diese Menschen wollen nicht nur essen; sie brauchen Kleidung, Wohnung, Bildung, Arbeit, Verkehrsmittel, Straßen, Krankenhäuser … Heute bereits leben etwa 3 Milliarden Menschen in Städten, und man muß damit rechnen, daß deren Zahl sich bis 2050 verdoppeln wird. 6 Milliarden Stadtbewohnern steht dann eine Landbevölkerung von immer noch 3 Milliarden Menschen gegenüber, welche bei einer erheblichen Verringerung der zu bewirtschaftenden Böden die nötigen Nahrungsmittel produzieren; Überdüngung der Böden, Wasserverschmutzung, die Folgen von Monokulturen sowie tiefgreifende gentechnische Veränderungen einer Vielzahl von nutzbaren Tier- und Pflanzenarten nebst all den zu erwartenden Schäden an Natur und Umwelt sind ebenso absehbar wie unvermeidbar.

Die Wahrheit ist, daß außer in China und Malaysia wirksame Versuche einer Geburtenkontrollpolitik kaum ergriffen wurden; die ­Sexualmoral des Vatikan etwa, maßgeblich in den katholischen Ländern Europas, in Mittel- und Lateinamerika, auf den Philippinen und in manchen schwarzafrikanischen Gebieten, wie etwa bei 50 % der Bevölkerung in dem volksreichsten Land: in Nigeria, erklärt noch heute jede künstliche Methode der Empfängnisverhütung für Sünde; zudem wird das Denken der politischen Klasse der westlichen Welt von einer geradezu hypnotisch-magischen Formel beherrscht, nach der die anstehenden Probleme und Konflikte zu lösen seien: durch wirtschaftliches Wachstum. Statt die vorhandenen Güter gerechter zu verteilen, müssen wir immer noch mehr produzieren und konsumieren, und das können wir tatsächlich nur mit immer mehr Menschen.

Dabei ist, rein auf die Zukunft der Menschheit bezogen, nicht allein das Wachstum der Bevölkerung an sich schon höchst bedenklich, ärger noch wirkt sich die rapide Vergrößerung der Ungleichheit »zwischen den armen Ländern und ihrem starken Bevölkerungswachstum und den Industrieländern mit ihrer alternden Bevölkerung aus.«15. »Gegenwärtig leben in den entwickelten Ländern (… Eu­ropa, Nordamerika, Australien, Neuseeland, Japan) 1,2 Milliarden Menschen, in den weniger entwickelten 5,3 Milliarden. Für 2050 bleibt die Zahl für sämtliche reiche Länder zusammen etwa gleich. Die armen Staaten wachsen bis dahin auf 7,9 Milliarden Menschen an.«16 Erst ab 2035 ist damit zu rechnen, daß die Fruchtbarkeitsrate in den Entwicklungsländern auf etwa 2,1 Kinder pro Frau sinkt. »Aber manche dieser Länder werden länger über diesem ›Ersatz­niveau‹ bleiben (bei dem die Geburten die Todesfälle ausgleichen).«17 Insbesondere wird gerade Afrika in den nächsten 20 Jahren gewaltige Steigerungsraten der Bevölkerung erleben, – um ein paar Beispiele zu geben: Während in der Russischen Föderation die Bevölkerung von 143 auf 112 Millionen (um 22 %) zurückgehen wird, in Osteuropa von 297 auf 224 Millionen (um 25 %) und in Westeuropa von 185,9 auf 185,5 Millionen (um 0,2 %), wird sie in Nordafrika von 191 auf 312 Millionen (um 63 %) ansteigen, in Westafrika von 264 auf 587 Millionen (um 122 %), in Mittelamerika von 110 auf 303 Millionen (um 175 %) und in Ostafrika von 288 auf 679 Millionen (um 136 %). Westasien wird von 214 auf 383 Millionen Einwohner (um 79 %) zunehmen, Süd- und Zentralasien von 1611 auf 2495 (um 55 %) und Südostasien von 556 auf 757 (um 36 %); Ozeanien (mit Australien) wird von 33 auf 48 Millionen (um 45 %) Einwohner wachsen; allein Ostasien (China) wird lediglich von 1524 auf 1587 Millionen (um 4 %) wachsen; eine Ausnahme bildet Japan, das von 128 auf 112 Millionen (um 13 %) Einwohner schrumpfen wird; dafür werden die USA von 298 auf 395 Millionen (um 33 %) wachsen, Kanada von 32 auf 43 Millionen (um 34 %), Mittelamerika von 147 auf 210 Millionen (um 43 %) und Südamerika von 375 auf 527 Millionen (um 41 %)18.

Ein Hauptgrund für diese divergierenden Zahlen liegt zweifellos in den Unterschieden der sozialen Situation, die jene an sich nicht unberechtigte Hoffnung auf ein Abflachen des Bevölkerungswachstums durch fortschreitende industrielle Entwicklung als illusionär erscheinen lassen. »Denn die Menschen in den Entwicklungsländern werden feststellen, daß nur zwei Nachkommen in einem Staat ohne Arbeitslosen-, Kranken- und Altersversorgung die ökonomischen und sozialen Existenzrisiken der Eltern nicht ausreichend abzusichern vermögen – zumal die familiären und kommunalen Hilfssysteme infolge des gesellschaftlichen Wandels und der Modernisierung der Wirtschaft zerfallen … Somit ist es möglich, eher sogar wahrscheinlich, daß die Menschheit schließlich … auf 14 Milliarden anwächst.«19

Natürlich besteht unter diesen Umständen keinerlei Aussicht, die ungeheuerliche Verwüstung auch nur um ein weniges abzumildern, die wir derzeit wie mutwillig der uns umgebenden Natur auferlegen. Es sollte vernünftigerweise das Ziel jeder Kultur sein, die Grundlagen ihrer Existenz nicht selbst zu zerstören, doch genau das geschieht. Nicht umsonst hat die UNO schon das Jahr 2006 zum »Jahr der Wüsten und Wüstenbildung« ausgerufen. »Insgesamt verliert die Erde jedes Jahr die unvorstellbare Menge von 24 Milliarden Tonnen fruchtbaren Boden auf einer Fläche von der Größe Irlands – weg­gewaschen vom Regen oder vom Winde verweht. Eine Entwicklung, die Gesundheit und Lebensunterhalt von immer mehr Menschen akut bedroht. Laut UN-Schätzungen sind weltweit 1,2 Milliarden Menschen in mehr als 110 Ländern von den Folgen der Desertifikation bedroht … Sollte das Fortschreiten der Wüsten nicht aufgehalten werden können, rechnet die UNO in den nächsten fünf Jahren mit 50 Millionen Umweltflüchtlingen.«20 Diese Prognose, aufgestellt vor 9 Jahren, hat sich inzwischen nicht nur bestätigt, sondern auf verheerende Weise übererfüllt. »Besonders bedrohlich ist die Lage in Afrika, wo bereits zwei Drittel der landwirtschaftlichen Nutzflächen verdorrt sind. Wenn die Wüstenbildung in der südlich der Sahara gelegenen Sahelzone nicht aufgehalten werden kann, müssen in den nächsten 20 Jahren (sc. von 2006 an gerechnet, d. V.) mehr als 60 Millionen von dort abgesiedelt werden. – Katastrophal ist die Lage auch in den Weiten Zentralasiens: Auf riesigen Flächen, die vor wenigen Jahren noch vom Aralsee überflutet waren, findet man heute nur noch Staub und Salz. Durch blind betriebenen Raubbau – vor allem den wasserschluckenden Baumwollanbau in Usbekistan – verlor das ehemals viertgrößte Binnenmehr der Erde in nur vier Jahrzehnten 80 % seiner Wassermenge und 60 Prozent seiner Wasserfläche. Eine neue Wüste, etwa so groß wie Österreich, ist entstanden.«21

Jeder begreift, daß es so nicht weitergehen kann. Doch alle Warnungen müssen verhallen: Eine ständig expandierende Menschheit erzeugt ein Massensterben der Arten: sie drückt auf die Wände einer immer kleiner werdenden Welt, – sie braucht immer mehr, sie verbraucht immer mehr, und sie vernichtet dabei notgedrungen die unersetzlichen Ressourcen ihres eigenen Überlebens. Laut dem »Living Planet Report 2014« des WWF (World Wildlife Fund) hat sich von 1970 bis 2010, also in rund 40 Jahren, die Anzahl der Wildtiere halbiert – und die Anzahl der Menschen verdoppelt. Um immer mehr konsumieren zu können, werden die Urwälder gerodet, die Meere überfischt, die Korallenriffe zerstört, die Flüsse verseucht, die Luft vergiftet … Vornean im Ressourcenverbrauch stehen – natürlich – die USA: sie verbrauchen das Vierfache dessen, was die Natur zur Verfügung stellt; in der BRD stehen wir bei immerhin dem 2,6fachen. Soeben halten wir bei 7,2 Milliarden Menschen; und wenn die Dinge so weiter laufen wie bisher, »brauchten wir (sc. schon, d. V.) bis 2030 eine zweite Erde, um dauerhaft genug Nahrung, Energie und Wasser für die Weltbevölkerung zu haben.«22 Bereits im Jahre 1995 titelte der Spiegel: »Bulldozer im Paradies« und schrieb: »Überall auf der Erde holzen Bulldozer Regenwälder ab, zertrampeln Rinderherden die Savanne, ersticken Seen unter der Nährstoffflut der Landwirte, schleppen Menschen Räuber ein, die alteingesessenen Pflanzen und Tieren den Garaus machen. – So vollzieht sich derzeit ein Massensterben von Arten, wie es in den vergangenen 50 Millionen Jahren ohne Beispiel ist: Stündlich sterben drei Arten aus … – über 70 Arten am Tag, 27 000 im Jahr, jede ein unwiederbringliches, in Jahrhunderttausenden gereiftes Unikat des Lebens.«23

Vor allem Lateinamerika, das noch vor Südostasien über die höchste Artenvielfalt der Welt verfügt, ist von der Zerstörung der tropischen Regenwälder betroffen: Kolumbien zum Beispiel verfügt über etwa 27 000 verschiedene Pflanzenarten, – die USA nur über 17 000. Doch die Verringerung der Artenvielfalt hat System: Fast 50 % der gesamten genetischen Information der Erde ist in die tropischen Regenwälder gebunden; setzt man dagegen die Landwirtschaft, so sind deren Ernteerträge zwischen 1930 und 1975 um mehr als 100 % gestiegen; davon geht die Hälfte auf genetische Verbesserungen und Kreuzungszüchtungen zurück, doch mit dem Ergebnis, daß 75 % des Nahrungsbedarfs der Menschheit von nur acht Anbaupflanzen erzeugt wird24. Vor allem die USA versuchen derzeit in einem beispiellosen Akt der Genpiraterie in ihren Laboren Samenbanken anzulegen, um nach Ausrottung der lateinamerikanischen Regenwälder die enorme Vielfalt an Lebensformen, von denen wir die allermeisten kaum kennen, weiter auf ihre ernährungsphysiologischen und pharmazeutischen Wirkungen hin erforschen zu können; die einzigartige Vernetzung des Ökosystems eines Regenwaldes indessen ist, wenn zerstört, niemals mehr wiederherzustellen.

Die Ursachen dieser Zerstörung sind allerdings vielfältig: Da ist der Wanderfeldbau, der in der Praxis nichts anderes bedeutet als »Umhauen und Verbrennen«25; nach einer kurzen Zeit der Nährstoffanreicherung der gerodeten Flächen durch die verbrannten Pflanzen und Bäume werden die Böden durch die Sonne ausgedörrt und Gewitterregen schwemmen die Krume fort. »Riesige Gestrüppflächen und unproduktives Grasland – 30 000 bis 40 000 Quadrat­kilometer allein in Papua-Neuguinea – zeugen von den gescheiterten Versuchen. In Laos fallen nach aktuellen Schätzungen dem Heer von Wanderbauern pro Jahr 2000 bis 3000 Quadratkilometer Wald zum Opfer. Falls diese Entwicklung ungehindert anhält, werden bis zum Jahr 2030 alle 110 000 Quadratkilometer des laotischen Regenwaldes verschwunden sein.«26

Andere Formen der Zerstörung gehen von der industriellen Nutzung der Wasserkraft und der Ausbeutung der Bodenschätze aus. In der Tat schätzt man die elektrische Energie, die man allein aus dem Amazonas gewinnen könnte, auf rund 100 000 Megawatt …! Allein für den Tucuruí-Damm, dem ersten Bauprojekt dieser Art in Amazonien, versanken 17 500 km2 Regenwald im Wasser; geplant aber sind 136 weitere Wasserkraftwerke, wobei vor allem das Problem der Verschlammung nach Abholzung des Umlandes kaum zu lösen ist und die Schäden des ökologischen Gleichgewichts einer Katastrophe gleichkommen27. Auf der Suche nach Eisen werden in Brasilien, im Grande Carajás, mit Investitionen von rund 70 Milliarden Dollar auf einem Gebiet so groß wie Frankreich die riesigen Erzlager abgebaut. Von den 18 Schmelzanlagen hat die erste 1988 bei Marabá im Staat Pará die Produktion aufgenommen. Die Befeuerung aller Hochöfen mit Holzkohle, die dem Urwald »entnommen« wird, vernichtet allein 2300 km2 intakten Regenwaldes28. Neben Eisenerz bietet der Boden zudem auch noch andere hochbegehrte Bodenschätze wie Kupfer, Gold, Bauxit und Mangan, und überall gilt: es gibt keine Verträglichkeit von Wald und Montanindustrie.

Aber es kann immer noch ärger kommen. Unter dem Druck der nordamerikanischen und europäischen Märkte gingen die Regierungen von Mittelamerika und Brasilien dazu über, zu Gunsten der Fast-Food-Ketten den Kahlschlag enormer Waldgebiete zur Schaffung von Rinderfarmen mit Steuervorteilen und mit Mitteln der Weltbank zu subventionieren. Auf diese Weise wurde der Vieh­bestand von Nicaragua, Honduras, Guatemala und Costa Rica zwischen 1960 bis 1980 auf 9,5 Millionen Rinder verdoppelt, – 25 % der gesamten Waldfläche wurden dafür gerodet; die Böden wurden festgetrampelt und durch Erosion abgetragen. Jedes Kilo exportiertes Rindfleisch führt etwa in Costa Rica (das im übrigen mit seinen natürlichen Ressourcen vergleichbar schonend umgeht) zum Verlust von zweieinhalb Tonnen Erdreich29.

Speziell für Brasilien ist die Gesamtbilanz der Rodungspolitik in den Bundesstaaten Rondonia, Mato Grosso und Pará erschreckend: »Seit den sechziger Jahren wurden im Amazonasgebiet etwa 700 000 Quadratkilometer Bäume gefällt, das entspricht der doppelten Fläche Deutschlands.«30 Der Grund: Mitte der siebziger Jahre ließ Staatspräsident Emilio Medici mit weltweiter Billigung und Unterstützung die Transamazônica als Teil der »Operation Amazonien« bauen, um armen, landlosen Bauern ein Siedlungsgebiet zu er­schließen, und das wiederum erschien als unerläßlich, weil 43 % der besten Böden sich in der Hand von nur 1 % der Bevölkerung ­befinden31. Naturzer­störung statt Sozialreformen – das erklärt manches an dem Desaster, das wir den Tieren und Pflanzen in den tropischen Regenwäldern überall, wo es sie noch gibt, zumuten, – in Indien32, Sri Lanka33, Bangladesch34, Birma35, Thailand36, Kambodscha37, Laos38 oder in Vietnam39; doch dahinter steht durchgängig der ständig wachsende Bevölkerungsdruck.

Nehmen wir als Beispiel Westafrika, wo die Bevölkerungszahl sich alle 20 Jahre verdoppelt, an der Spitze Nigeria, dessen Einwohner 20 % der afrikanischen Gesamtbevölkerung ausmachen (eben dort hielt Papst Johannes Paul II. es für richtig, vor einem übertriebenen Pessimismus angesichts der drohenden Überbevölkerung zu warnen, zugunsten der Vermehrung des katholischen Bevölkerungsanteils). Das Ergebnis: nicht einmal mehr 50 000 km2 Regenwald haben sich dort erhalten40.

Besonders tragisch – und besonders instruktiv – mutet der Fall Madagaskars an, der viertgrößten Insel der Welt mit einer Länge von 1600 km und einer Breite von maximal 450 km; die meisten Tier- und Pflanzenarten, die sich in den letzten 40–50 Millionen Jahren in Isolation vom afrikanischen Festland entwickelt haben, existieren nur hier: etwa 80 % der 10 000 Pflanzenarten Madagaskars finden sich nirgendwo sonst. »Alle 30 seiner Primatenarten sind Lemuren; keine ist außerhalb Madagaskars oder der benachbarten Komoren­inseln zu finden. Zwei Drittel aller Chamäleonarten der Welt – von Fingernagelgröße bis 60 Zentimeter Länge – sind hier heimisch. Zusammen sind über 90 Prozent der Reptilien und Amphibien auf Madagaskar endemisch.«41 Um so verstörender muß es wirken, daß bereits 1985 der verbliebene Regenwald auf nur noch 38 000 km2 geschätzt wurde – die Hälfte des Bestandes noch von 1950; dafür betrug die Bevölkerung damals schon 11,2 Millionen Einwohner, – mehr als doppelt so viele wie 1960, und man rechnet damit, daß bis 2025 die Zahl auf 28 Millionen ansteigen wird. Doch daß es weniger Menschen geben sollte, damit Zwergmakis, Indris und Fingertiere eine Überlebenschance behielten, ist in unserer christlichen Ethik so wenig vorgesehen wie in unserem kapitalistischen Wirtschaftssystem42.

Erwähnt seien nicht zuletzt noch die Regenwälder auf Sumatra, Borneo und Neuguinea. Schneller als sonst in Indonesien schwindet die Fauna und Flora auf der zweitgrößten Insel des Archipels, auf Sumatra. Denn: »Mit 3,3 Prozent pro Jahr hat Sumatra … mit das höchste Bevölkerungswachstum Indonesiens zu ver­zeich­nen.«43 Insbesondere die Holzindustrie profitiert von dem Kahlschlag der Wälder; dabei gehört Sumatras Tierwelt zu der reichsten ganz Indonesiens, und seine Flora ist so reich wie nur noch auf Borneo. Auch dort aber sind durch massive Umsiedlungsprogramme zwischen 1950–1986 und eine exzessive Holzexport-Politik große Teile des Waldes im südlichen Teil (in Kalimantan) systematisch vernichtet worden; allein zwischen September 1982 und Juli 1983 wurden über 40 000 km2 durch Feuer und Axt zerstört44. Das Schicksal der letzten Orang-Utans, unserer Vettern, biologisch gesprochen, scheint damit besiegelt: es soll sie außerhalb der Gefangenschaft in zoologischen Gärten anscheinend nicht länger mehr geben, ebenso wenig wie die Berggorillas im Virunga-Nationalpark in Zaire, Ruanda und Uganda45 oder die Schimpansen am Gombe46.

Was Neuguinea angeht, so sind seine Regenwälder mit 700 000 km2 die ausgedehntesten Südostasiens, von denen 80 % noch unberührt sind; sie zu schützen, und damit auch die »nur« vier Millionen Einwohner, die tausend verschiedene Sprachen und Dialekte sprechen47, bildet eine dringende Aufgabe des globalen Schutzes der Natur. Niemand, der sieht, wie die Wälder Borneos oder Mittelamerikas in Flammen stehen, wie die Flüsse mit Baumstämmen verstopft sind, die für die Papier- oder Möbelindustrie bestimmt sind, wird in Ordnung finden, was da seit Jahrzehnten, routiniert und wie selbstverständlich geschieht. Doch selbst diejenigen, denen das Schicksal von Pflanzen und Tieren egal ist, können nicht ignorieren, daß die Menschheit klimatisch von dem Bestand der Regenwälder abhängig ist, und zumindest das Selbsterhaltungsinteresse aller sollte dem Gewinnstreben einiger eine Grenze setzen.

Denn: »Weltweit sind über eine Milliarde Menschen zum Trinken und zur Landbewässerung auf Wasser aus Tropenwäldern an­gewiesen.«48 Mit ihrem dichten Laub und ihrem Wurzelsystem regulieren sie wie riesige Schwämme den Wasserhaushalt. Zudem beeinflussen sie auf Tausende Kilometer hin das Klima, indem sie enorme Mengen des gespeicherten Wassers wieder in die Atmosphäre abgeben. Vor allem erhöht das Verbrennen der tropischen Regenwälder gleich doppelt den Anstieg von Kohlendioxid (CO2) in der Atmosphäre, indem ihre Organismen das gespeicherte CO2 freisetzen und hernach nicht mehr zu dessen Bindung zur Verfügung stehen. – Es ist mehr als absurd: Im August 2015 verheißt Barack Obama, den Kohlendioxid-Ausstoß der Kohlekraftwerke in den USA auf die Hälfte zu drosseln, und ein ähnliches hat auch die BRD sich vorgenommen, um die Erwärmung der Erdatmosphäre in diesem Jahrhundert auf »nur« zwei Grad Celsius zu begrenzen, doch gleichzeitig heizt man durch die Zerstörung der tropischen Regenwälder das Klima weiter auf. »Die einzige kurzfristige Möglichkeit zur Senkung des CO2-Gehalts der Luft besteht darin, mehr Bäume zu pflanzen. Solange ein Baum wächst, absorbiert er CO2 und lagert den Kohlenstoff in seinen Zellen ein … Großangelegte Abholzaktionen in den Tropen beschwören … Veränderungen der globalen Klimasysteme herauf, da sie auf die Mechanismen einwirken, durch die Wärme in die gemäßigten Breiten gelangt.«49

In der Tat, wir müßten »das Klima« nicht »retten«, wohl aber müßten wir es vor den Schäden bewahren, die eine ständig wachsende Menschheit im Industriezeitalter in die Natur einträgt; indessen, trotz aller Lippenbekenntnisse, geschieht eigentlich das Gegenteil. Zwar hat die BRD es wirklich geschafft, in allen wesentlichen Bereichen der deutschen Wirtschaft den Ausstoß von CO2 deutlich zu senken, im Energiesektor durch Umstellung auf erneuerbare Energien (Windkraft und Solarzellen) um 24 Prozent, doch beim Straßenverkehr hat sich der Emissionswert erhöht, – um 0,6 %, weil immer mehr Güter auf der Straße transportiert werden und der Trend hin zu immer schwereren Fahrzeugen geht Im Jahr 2015 sind in der BRD 44 Millionen Autos und 2,6 Millionen Laster zugelassen – ein neuer Rekord. Der Güterverkehr auf der Straße ist zwischen 2000 und 2013 um 31 % gestiegen. 18 % des CO2-Ausstoßes gehen auf den Verkehr zurück. In Deutschland selbst könnte diese Entwicklung vielleicht noch relativ unbedenklich scheinen, wenn nicht gerade die Autoindustrie einen Hauptbeitrag zu der vorteilhaften Exportbilanz der deutschen Wirtschaft leisten würde. Millionen Autos aus Deutschland sorgen inzwischen auf Chinas Straßen für eine Luftverschmutzung, die hierzulande einen ständigen Smogalarm auslösen würde. Bereits 2004 nahm auch in der BRD selbst die Verkehrsinfrastruktur insgesamt 17 446 km2 ein, mit einem Wert von 772 Milliarden Euro, – rund 20 Milliarden Euro gibt der Bund pro Jahr für Erhalt und Ausbau von Straßen aus. Aber selbst das reicht natürlich nicht aus. Zwischen 1998 bis 2006 stieg die Zahl der Pkws um 12 % auf 46,6 Millionen. Im Jahre 2005 bereits besaßen 77 % der privaten Haushalte mindestens ein Auto; bei Paaren mit zwei (und mehr) Kindern sind es 97 %. Im Jahr 2002 wurden fast 90 % der gefahrenen Kilometer im Auto zurückgelegt.50 Seither steigen die Zahlen immer weiter, und zwar unvermeidlich, ist doch bei dem »Mobilitätsdruck« der Wirtschaft der Besitz eines Autos oft genug die selbstverständliche Voraussetzung, um überhaupt einen Arbeitsplatz zu erhalten. Hinzu kommt der Zuwachs im Flugverkehr: 2005 wurden 146 Millionen Fluggäste auf deutschen Häfen abgefertigt; von 1997–2007 ist der innerdeutsche Verkehr um 26 %, die Zahl der Passagiere ins Ausland um 62 % gestiegen. Der Ausstoß von Treibhausgasen aus Autos betrug weltweit schon 2004 sage und schreibe 5090 Millionen Tonnen CO2-Äquivalente, – das sind 21 % der weltweiten CO2-Emissionen; von daher kann man die Bedeutung der Tatsache ermessen, daß die Verkehrsemissionen ausgerechnet in Deutschland zwischen 1990 bis 2003 um 5 % zugenommen haben51.

Feststeht, daß die CO2-Emissionen sich durch Energieeffizienz allein nicht absenken lassen. Obwohl »seit 1970 … der Energieverbrauch pro Produktionseinheit weltweit um 33 Prozent zurückgegangen ist,« hat »der CO2-Ausstoß in derselben Zeit um 80 Prozent, seit dem Kyoto-Grundlagejahr 1990 um 40 Prozent zugenommen«, und er wächst seit 2000 jährlich um drei Prozent, nicht zuletzt inzwischen auch durch das Fracking52. Der Konflikt: Mensch oder Natur, verschärft sich demnach eher als daß er sich mildert.

Zeigen läßt sich das, neben dem dramatischen Rückgang der tropischen Regenwälder, ebenso an der Gefährdung der Flüsse und Meere, die durch den Eintrag von Schadstoffen und durch rücksichtslose Überfischung dabei sind, sich in Kloaken und Wüsten zu verwandeln. Noch machen Wälder in Deutschland mit 72 000 km2 ein Drittel der Gesamtfläche aus53 – beneidenswert vor allem für die Anrainerstaaten des Mittelmeerraumes –, doch auch dieser Bestand ist bedroht, nicht nur durch Bau- und Infrastrukturmaßnahmen, die bedenkenlos noch intakte (oder renaturierte) Ökosysteme zerschneiden, sondern durch schwefelhaltige Rauchgase (SO2) und durch die Wirkung von Stickstoffverbindungen aus den Abgasen von immer mehr Autos sowie vor allem aus dem Düngestickstoff der Landwirtschaft (2,4 Mio t jährlich)54. Viele Wildtiere verlieren mit dem Vordringen der Agrarindustrie ihren Lebensraum; zugleich verschwinden mit dem Rückgang der Wälder die wichtigsten Filter gegen Gifte aller Art in Luft und Boden. Mit rund 900 000 t Stickstoff belastet die Landwirtschaft in der BRD die Oberflächengewässer, die gleiche Menge in Form von Ammoniak gelangt durch die Massentierhaltung in die Luft55. Die Folge: »Im Einzugsgebiet der Nordsee werden jährlich rund 190 000 Tonnen landwirtschaftlicher und Zehntausende Tonnen nicht-agrarischer Pestizide freigesetzt. Ein beträchtlicher, kaum bezifferbarer Teil davon landet im Meer«56, also in der Nord- und Ostsee. Wohl wurde zwischen 1985 und 1990 das Wattenmeer zum Nationalpark erklärt, doch die Erdgasleitung »Europipe« läuft mitten durch eben den Nationalpark, der Ausbau der Häfen an Elbe, Ems und Weser und vor allem das Verklappen von Industriemüll auf See setzen dem Ökosystem Meer weiter empfindlich zu. Hinzu kommt der Fischfang. Die neuen Hochseeschleppnetze, die stärkeren Motoren der Fangschiffe und deren verbesserte Navigationsgeräte ermöglichen es, Fischschwärme aus Tiefen bis zu 2000 m einzuholen. Die Artenanzahl in der Tiefsee wird auf 10 Millionen geschätzt57 – eine Zahl ähnlich der Artenvielfalt in den tropischen Regenwäldern –, doch selbst dieser natürliche Reichtum ist aufs äußerste gefährdet.

Das Resümee ist vernichtend. Insgesamt hat es in den 700 Millionen Jahren der Geschichte des Lebens auf dieser Erde schon fünf große Katastrophen gegeben, – die letzte vor 65 Millionen Jahren beendete das Mesozoikum und führte zum Untergang der Dinosaurier; doch was wir derzeit erleben, ist ein Massensterben, das allein vom Menschen verursacht wird und das, anders als früher, nicht neue Lebensformen an die Stelle der alten aufwachsen läßt, sondern das dem Leben der Natur den endgültigen Garaus bereitet. »83 % der Erdoberfläche werden inzwischen auf die eine oder andere Art vom Menschen genutzt. Dadurch hat sich die Aussterberate im Vergleich zu ruhigeren erdgeschichtlichen Zeiten um das 100- bis 1000fache erhöht. – Die Zahl aller erfaßten Arten liegt heute bei etwa 3,6 Millionen … Man schätzt, daß mehr als ein Viertel dieser Arten – etwa eine Million – bis 2050 ausgerottet sein werden.« Und um es noch einmal zu betonen: »Bedroht sind vor allem die 34 biologischen ›Hotspots‹ der Erde, also die artenreichen Regenwälder. Hier leben auf 2,3 Prozent der Erdoberfläche die Hälfte aller bekannten höheren Pflanzen und 42 Prozent der Wirbeltiere. – Seit der Mensch die Erde intensiv nutzt, ist das historische Verbreitungsgebiet der 173 wichtigsten Säugetierarten auf allen Kontinenten um die Hälfte geschrumpft. Ein Drittel der Wälder der Welt wurde seit der Zeit der ersten Ackerbauern abgeholzt. Der Jagd nach so genanntem Buschfleisch, dem Fleisch von Wildtieren, fallen jedes Jahr mehrere zehn Millionen Tiere zum Opfer; diese Tiervernichtung findet vor allem am Amazonas und im Kongobecken statt – … allein durch den Klimawandel (sind) 20 bis 30 Prozent der heute bekannten Arten vom Aussterben bedroht …, wenn sich die Erwärmung im derzeitigen Ausmaß fortsetzt. Der Grund ist simpel: Die Ökosysteme verändern sich, die Arten werden verdrängt, finden keine neuen Lebensräume – und sterben aus. Die Experten gehen davon aus, daß der Artenschwund schon bei einem ›moderaten‹ Anstieg der Durchschnittstemperatur um 1,25 bis 2,5 Grad Celsius eintritt. Dieser gilt inzwischen als nicht mehr vermeidbar.«58

Die Situation ist in der Tat verfahren. Es fehlt nicht an Versuchen, den Ausstoß von Stickoxiden, schwefligen Rauchgasen und von CO2 zu drosseln, um die drohende Klimakatastrophe zu verhindern; doch von 10 Bäumen, die weltweit von Menschen gefällt werden, wird nur einer neu gepflanzt; mit dem Sterben der Bäume aber benimmt man sich, wie gesagt, des wirksamsten Mittels überhaupt, den Klimawandel abzubremsen.

Inzwischen treibt der Klimawandel den Klimawandel selbst voran59. Die Biosphäre kann etwa 3–4 Milliarden t Kohlendioxid jährlich aufnehmen; das also müßte die Obergrenze dessen sein, was Menschen allein an CO2 freisetzen dürften. Aber diese ausgleichende Wirkung der Biosphäre sinkt eben durch die Abholzung der Wälder und die Nutzung der Böden, und die absorbierbare Menge fällt zudem noch weiter, wenn der Temperaturanstieg den Kohlenstoffkreislauf durcheinanderbringt. Es ist nicht anders möglich: »Um die Aufnahmefähigkeit der Biosphäre nicht zu überlasten, müssen die Treibhausgasemissionen innerhalb der nächsten fünfzig Jahre weltweit um drei Viertel zurückgefahren werden.«60 Die Gefahr, die entsteht, wenn das nicht geschieht, ist immens: Seit 1950 haben sich die Niederschlagsmengen in Afrika südlich der Sahara um 20 % verringert, in Indien blieb die Niederschlagsmenge zwar durchschnittlich gleich, schwankte jedoch um 20 % zwischen Überschwemmungen und Dürren mit erheblichen Ernteausfällen als Folge. All das ist auf Störungen des Monsunsystems zurückzuführen, die sich zwischen Westafrika und Pazifik abspielen, wohl auf Grund der Temperaturschwankungen der Meere. »Auch der Zustand der Böden auf den Kontinenten spielt eine erhebliche Rolle: Während die fortschreitende Wüstenbildung und die Waldrodungen in Westafrika den afrikanischen Monsun abschwächen, führt die dickere Schneeschicht auf den Gebirgsketten Tibets zu einer Verringerung des indischen Monsuns.«61

Manche Gebiete der Erde werden durch die Klimaerwärmung infolge von »Versteppung, Anstieg der Meeresspiegel, Eisschmelze und Erdrutsche« unbewohnbar; 46 Länder mit 2,7 Milliarden Menschen könnten wirtschaftlich, sozial und politisch davon betroffen sein. Zum Beispiel: »In Indien ist durch den Rückgang des Gangespegels die Trinkwasserversorgung von 400 Millionen Menschen gefährdet. In Peru sind die Andengletscher in den vergangenen dreißig Jahren bereits um ein Viertel abgeschmolzen. Bis 2050 könnten die meisten Gletscher Perus verschwunden sein und mit ihnen die wichtigste Wasserquelle des Landes.«62 In Bangladesch werden Millionen Menschen durch das Abschmelzen der Himalaya-Gletscher zur Flucht gezwungen werden. Weltweit könnte es bis 2050 womöglich 200 Millionen Klimaflüchtlinge geben. Was das bedeutet, davon fängt man in Europa wohl gerade erst an, sich eine Vorstellung zu machen …

Insgesamt gilt es, einen folgenschweren Irrtum sich endlich einzugestehen und so schnell wie möglich zu korrigieren. Unter der Ära von Helmut Kohl galt das Mantra, nur eine starke Ökonomie ermögliche die Wahrung ökologischer Ziele; derselbe meinte auch, daß man die abgeholzten Regenwälder wieder aufforsten könnte … Inzwischen ist klar, daß zwar die Wirtschaft »gestärkt« wurde, doch der Schutz der Umwelt dahinter immer mehr zurückgetreten ist. Im Gegenteil, nach innen wie nach außen ist der Druck auf die Tiere und Pflanzen massiv angestiegen. Selbst in der relativ sogar umweltbewußt zu nennenden BRD sind wir zum Beispiel von dem Jahrzehnte alten Ziel einer artgerechten Tierhaltung nach wie vor himmelweit entfernt. Industrialisierte Landwirtschaft bedeutet eine rigorose Ausbeutung und Quälerei von Millionen Nutztieren für ein möglichst rentables Aufkommen auf dem Schlachtviehmarkt in der fast zum Standard, ja, zu einem Exportschlager entwickelten Massentierhaltung. Seit dem 1. Jan. 2013 gilt in der BRD zum Beispiel – nach einer zehnjährigen Übergangsfrist – die EU-Schweinehaltungsverordnung von 2003, doch gerade da zeigt sich, daß ausgerechnet die deutschen Schweinezüchter nicht einmal drei Viertel der neuen Richtlinien umgesetzt haben, – europaweit stehen sie im Ranking an drittletzter Stelle; der Grund: die Furcht vor noch billigerem Fleisch­import aus dem Ausland. Die Zustände in den Stallungen von 6000 Tieren (und mehr) sind für jeden, der seine Gefühle sich noch erhalten hat, eine unerträgliche Pein, an der im übrigen auch die neuen Verordnungen kaum etwas ändern: Da wird ein Mastschwein (bis 110 kg) in eine Betonbucht von höchstens ¾ m2 gesperrt, für ein Ferkel bis zu 10 kg muß sogar eine Fläche von nur 0,15 m2 genügen, eine trächtige Sau wird vier Monate lang in Käfigvorrichtungen gehalten, die kaum größer sind als die Tiere selbst und in denen sie nur liegen oder stehen, nicht einmal sich umdrehen können. Die Haltung auf den Spaltenböden verursacht Gelenkverformungen und Verletzungen der Klauen …63. Es ist klar: diese Tiere sollen nicht »artgerecht« gehalten werden, – sie sind nichts als zu mästendes Schlachtfleisch. Und ein ähnliches läßt sich sagen von der Rinderzucht, von der Milchproduktion, von den Masthähnchen, von den Geflügelfarmen: »industriell« beschreibt eine Ressourcenverwertung so ungerührt, als hätte man es nicht mit fühlenden Lebewesen, sondern mit dem Abbau von fossilen Lagerstätten ehemaligen Lebens in Form von Kohle oder Kreide zu tun. Am Ende werden bei der europaweiten Konkurrenz der Nutztierhalter vor allem die Kleinbauern selber in den Ruin getrieben, – eine Tortur erst für die Tiere, dann für die Menschen.

Angewidert und entsetzt beschließen derzeit immer mehr Verbraucher in Deutschland, vegetarisch zu leben, und das nicht allein aus diätetischen, sondern wirklich aus tierethischen Gründen. Gleichwohl liegt der jährliche Fleischverbrauch in der BRD trotz eines leichten Rückgangs um 2,5 kg bei derzeit 60 kg pro Kopf. Mit 735 Millionen Tieren, die jährlich in Deutschland geschlachtet werden, hält die BRD europaweit den Rekord; insbesondere mit 58 Millionen geschlachteten Schweinen rangiert sie auf Platz eins, und mit 3,2 Millionen Rindern befindet sie sich dicht hinter Frankreich. Der durchschnittliche Weltfleischverzehr liegt bei 42,9 kg pro Kopf, davon 33,7 kg in den Entwicklungsländern und 76,1 kg in den Industrie­ländern.

Wem das immer noch Schlimmere wie ein Trost für das bereits Schlimme anmutet, der mag zur Kenntnis nehmen, daß laut dem »Fleischatlas 2014« weltweit der Fleischkonsum immer noch rapide ansteigt – bis 2050, so die Schätzung, auf 470 Millionen Tonnen Fleisch; das sind ca. 150 Millionen Tonnen mehr als heute schon. Um eine solche Menge produzieren zu können, werden derzeit bereits schon 70 % aller Agrarflächen der Erde zum Anbau von Viehfutter genutzt, – eine Boden- und Energievergeudung unerhörten Ausmaßes, bei der wiederum die Tiere ebenso wie die Menschen die Leidtragenden sind64.

Natürlich, man kann an jeder Stelle mit technischen Mitteln versuchen, den durch Raubbau verursachten Schaden an der Natur zu minimieren. Dreiwegekatalysatoren und Filter für die Reinerhaltung der Luft, Umstellung von den fossilen Energieträgern (Kohle, Öl und Gas) auf Wind, Wasser und Sonne zum Schutz des Klimas, Abkehr von der Atomenergie zur Vermeidung der Langzeitschäden durch ­radioaktiven Fallout, bessere Überwachung von Natur-Schutzzonen durch Satelliten, bessere Anbauerträge durch effizientere Bewirtschaftung … alles das ist sinnvoll und absolut notwendig; doch un­übersehbar bleibt, daß in jede so geschaffene Entlastungsnische sogleich immer mehr Menschen mit einem immer höheren Anspruch an »Lebensqualität« nach dem Vorbild von Nordamerikanern und Westeuropäern hineindrängen. Es gibt kein »Weiter so«.

Mittlerweile freilich hat der Irrsinn gerade des Weiter-so Absicht und Methode: Man will programmatisch und noch vermehrt, daß alles bleibt, wie es ist. Das neue Mantra, nicht allein im Munde von Kanzlerin Merkel, sondern in den allermeisten »Denkfabriken« der westlichen Staaten lautet: Wachstum. Es ist die Zauberformel zur Lösung sämtlicher Probleme. Mit Wachstum wird man Arbeitsplätze generieren; mit Wachstum wird man den Hunger besiegen; indem man Griechenland auf den »Wachstumspfad« zurücklockt, wird man das vollkommen überschuldete Land vor dem Austritt aus der Eurozone bewahren, und das muß man, denn: »Scheitert der Euro, so scheitert Europa.« Wir werden auf die Fehlkonstruktionen des »Euro« und auf die Fehler in der Griechenlandkrise noch eigens zu sprechen kommen; hier genügt es, auf den Kardinalirrtum des Wachstumsdenkens selber hinzuweisen: Es ist ein Aberglaube zu meinen, das Problem der Armut lasse sich mit der Produktion von immer noch mehr Gütern lösen, die Ungleichheit zwischen Arm und Reich werde durch wachsenden Wohlstand von selbst aufgehoben, die Überbevölkerung verschwinde durch höhere Konsumraten, und sogar die Umweltzerstörung werde nach einem maximalen Sättigungsgrad automatisch zurückgehen. Längst sind wir dabei, »mehr natürliches Kapital – Fische, Mineralien oder fossile Brennstoffe – zu opfern, als wir an selbst geschaffenem Kapital – Straßen, Fabriken und Geräten – gewinnen … Wir produzieren mehr ›Ungüter‹ als Güter und werden ärmer statt reicher … Haben wir erst einmal die optimale Größenordnung überschritten, wird Wachstum auf kurze Sicht dumm und auf lange Sicht unmöglich.« »Dabei sind die Tat­sachen offensichtlich: Die Biosphäre ist endlich und wächst nicht, sie bildet ein geschlossenes System – bis auf die konstante Zufuhr solarer Energie – und unterliegt den Gesetzen der Thermodynamik. Jedes Subsystem muss irgendwann aufhören zu wachsen und ein dynamisches Gleichgewicht erreichen. Geburtenraten müssen Sterbe­raten entsprechen und die Produktionsraten von Gütern ihrem Verschleiß.«65

Die Voraussetzung für diese Sichtweite besteht freilich darin, die Natur überhaupt als ein grenzbildendes eigenwertiges System zu betrachten. Mikroökonomisch, aus Sicht eines Unternehmers, ist eine Grenze automatisch erreicht, wenn die Kosten so hoch werden wie der (erhoffte) Ertrag66; aber in der Makroökonomie, in der Sicht der nationalen oder gar der globalen Volkswirtschaft, tut man so, als wenn ein Grenzkostenproblem gar nicht existieren würde; in gewissem Sinne überträgt man die Sicht der Betriebswirtschaft damit ins Grenzenlose, indem man die Kostenfrage letztlich von den Unternehmen weg der Natur aufhalst. Eine unbegrenzt wachsende Wirtschaft aber ist biologisch und physikalisch in dem begrenzten Biotop Erde definitiv unmöglich.

Die Alternative zum »Wachstum« ist demgegenüber »Nachhaltigkeit«. Das schließt die politisch gern vertretene Idee von vornherein aus, Nachhaltigkeit als die konstante Wachstumsrate des Brutto­inlandsproduktes (BIP) zu definieren: etwa 2 % Wachstum jedes Jahr – und der Wohlstand aller gilt als gesichert! Genau diese Verstetigung der Wachstumsrate über längere Zeiträume bedeutet den unaufhörlichen Parasitismus der Wirtschaft im Umgang mit der Natur. Es ist nicht einmal möglich, Nachhaltigkeit erzielen zu wollen, indem man das BIP selbst auf einem bestimmten Sockel festschreibt; denn das »Bruttoinlandsprodukt« kann sich qualitativ durchaus weiterentwickeln (und muß es sogar, zum Beispiel um den Ressourcenverbrauch durch eine effizientere Technik zu verringern), aber es darf quantitativ nicht länger mehr wachsen; die Aufgabe eines nachhaltigen Wirtschaftens besteht deshalb eben darin, von einem nicht-nachhaltigen Wachstum zu einer nachhaltigen Entwicklung zu gelangen.

Ein gutes Maß dafür, in welchem Umfang das gelingt, ist der Durchsatz – die Rate der Nutzung natürlicher Ressourcen, bei der die Güterproduktion entropiearme Quellen dem Ökosystem entnimmt, sie in nutzbringende Erzeugnisse umwandelt und am Ende als entropiereichen Abfall in die Umwelt zurückkippt. »Nachhaltigkeit läßt sich als Durchsatz definieren, wobei die Kapazität der Umwelt ermittelt wird, bestimmte Rohstoffe zu liefern und den am Ende anfallenden Müll zu absorbieren.«67

Ein entscheidendes Problem dieser Betrachtungsweise ergibt sich daraus, daß die derzeit herrschende Wirtschaftslehre in aller Regel so nicht denkt. Allein die Idee schon, daß man den Begriff »Kapital« unterteilen sollte in ein natürliches und in ein von Menschen produziertes Kapital, stößt auf den heftigsten Widerstand sowohl im kapitalistischen wie im marxistischen Wirtschaftsmodell. Danach geht der Wert eines Gegenstandes allein aus der Wertschöpfung durch menschliche Arbeit hervor, – niedrigere Löhne etwa verringern die Kosten bei der Produktion und damit auch den Preis der hergestellten Ware; daher ist es nach marxistischer Lehre das natürliche Inter­esse des Kapitalisten, immer mehr Waren zu immer niedrigeren Kosten zu produzieren, da seine Gewinnspanne sich auf diese Weise vergrößert; allerdings: je mehr Arbeiter er – zum Beispiel durch Einsatz elektronisch gesteuerter Maschinen – wegrationalisiert, fällt auch seine Rendite, die er aus dem »Mehrwert«, also aus der Differenz zwischen gezahltem Lohn und dem Erlös aus der verkauften Ware, erzielt. Ohne menschliche Arbeit kein Wert, so die marxistische Doktrin. Die kapitalistische Betrachtungsweise ist demgegenüber nicht so sehr produktions-, als vielmehr angebotsorientiert: der Wert einer Ware, gemessen in seiner Geldform, ist der Preis, für den man ein Objekt verkaufen kann, und dieser Betrag wird durch das Verhältnis von Angebot und Nachfrage bestimmt. Beide Auffassungen, so unterschiedlich, ja, antinomisch sie auch sind, stimmen darin überein, daß es für sie ein natürliches Kapital nicht gibt, und es wird eine ganz zentrale Frage sein, wie man dem bestehenden (neo­liberalen) Wirtschaftssystem so etwas wie Schutz der Umwelt und Rücksicht auf die Menschen einpflanzen könnte. Denn selbstverständlich: unter den Bedingungen globaler Konkurrenz sind alle Wirtschaftssysteme hoffnungslos im Hintertreffen, die zugunsten einer wirklichen Nachhaltigkeit die Kosten für die Umwelt (und damit für die Zukunft) in ihre Preisbildung einkalkulieren, – eine Beschränkung, die zumindest tendenziell, wenn nicht prinzipiell in einem rein wachstumsbestimmten Wirtschaftssystem wie dem gegenwärtigen händereibend ob der steigenden Gewinne und Aktienkurse allem Anschein nach vernachlässigt werden kann. Es ist, als wollte ein Schaf sich gegenüber einem Wolf behaupten. Im Raubtierkapitalismus rechnet sich Rücksicht auf irgend etwas, das nicht Profit ist, ganz einfach nicht, und wer das anders sieht, gilt in aller Regel als ein Phantast.

Das Ziel dieses Buches indessen besteht unter anderem gerade in dem Nachweis, daß eine nachhaltige, das heißt eine in quantitativem Maßstab nicht länger wachstumsbestimmte Wirtschaftsform die einzig realistische und ökonomisch tragfähige ist. Ein solches Vorhaben stellt nicht mehr und nicht weniger dar als das Gegenteil der erklärten Wirtschaftspolitik nicht allein der BRD, der EU und der USA, sondern ausnahmslos aller von ihr abhängigen oder mit ihr konkurrierenden ökonomischen Systeme. Doch die Evidenz ist unabweisbar: die derzeit herrschende Wachstumsdoktrin ist nicht nur schädlich, sie ist ruinös. Es muß Schluß damit sein, immer mehr Produkte für immer mehr Menschen auf den Markt zu werfen und damit das vom Menschen geschaffene Kapital immer weiter zu Lasten des natürlichen Kapitals auszudehnen; es muß darum gehen, beide Kapitalformen in ein sich ergänzendes, verträgliches Gleichgewicht zu bringen.