Gedankendimensionen 0, 1 und 2 - Dima Zales - ebook

Gedankendimensionen 0, 1 und 2 ebook

Dima Zales

0,0

Opis

"Die ersten 3 Bücher der Gedankendimensionen Serie des New York Times and USA Today Bestseller Autoren Dima Zales. Die Gedankenleser (Gedankendimensionen: Buch 1) Darren hat es sein ganzes Leben lang einfach gehabt. Er schloss Harvard im Alter von 18 Jahren ab und drei Jahre später hatte er bereits einen lukrativen Job an der Wall Street – alles ist möglich, wenn man schummeln kann, indem man die Zeit verlässt. Dank seiner Fähigkeit weiß er alles, außer, warum er das tun kann, was er tut. Zumindest so lange, bis er Mira trifft und ihre gefährliche, geheime Welt entdeckt. Zeitstopper (Gedankendimensionen – Eine Vorgeschichte) Mira kann die Zeit anhalten, aber sie kann nichts ändern. Nachdem ihre Eltern umgebracht wurden, will sie sich um jeden Preis rächen – auch wenn sie sich dafür mit der russischen Mafia anlegen muss. Die Strippenzieher (Gedankendimensionen: Buch 2) Darrens Leben hat sich auf den Kopf gestellt, seit er Mira traf. Jetzt ist er auf der Suche nach seiner wahren Identität, muss sich neuen Feinden stellen – und erkennen, dass seine einzigartigen Kräfte umfassender sind, als er es sich jemals vorgestellt hatte."

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Gedankendimensionen

0, 1 und 2

Dima Zales

Aus dem Amerikanischen von Grit Schellenberg

♠ Mozaika Publications ♠

Alle in diesem Buch geschilderten Handlungen und Personen sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen, Geschäftseinrichtungen, Ereignissen oder Schauplätzen wären zufällig und nicht beabsichtigt.

Copyright © 2015 Dima Zales

www.dimazales.com/deutsch.html

Alle Rechte vorbehalten

Kein Teil dieses Buches darf reproduziert, gescannt oder in gedruckter oder elektronischer Form ohne vorherige Erlaubnis verbreitet werden. Ausnahme ist die Benutzung von Auszügen in einer Buchbesprechung.

Veröffentlicht von Mozaika Publications, einer Druckmarke von Mozaika LLC.

www.mozaikallc.com

Cover by Najla Qamber Designs

www.najlaqamberdesigns.com

Lektorin: Kerstin Frashier

e-ISBN: 978-1-63142-137-2

Die Gedankenleser

The Thought Readers

Gedankendimensionen: Buch 1

Beschreibung

Alle denken ich sei ein Genie.

Alle liegen falsch.

Sicher, Ich habe Harvard im Alter von achtzehn Jahren abgeschlossen und verdiene jetzt eine unglaubliche Menge Geld mit einem Hedge Fund. Der Grund dafür ist allerdings nicht, dass ich besonders clever bin oder wie verrückt arbeite.

Ich betrüge.

Ich besitze eine einzigartige Fähigkeit. Ich kann die Gegenwart verlassen und in meine eigene persönliche Version der Realität eintauchen — den Ort, den ich die Stille nenne — an dem ich meine Umgebung erkunden kann, während die restliche Welt innehält.

Eigentlich dachte ich immer, ich sei der Einzige, der das tun kann — bis ich sie getroffen habe.

Ich heiße Darren, und das ist die Geschichte, wie ich herausgefunden habe, dass ich ein Leser bin.

1

Manchmal denke ich, dass ich verrückt bin. In diesem Moment sitze ich an einem Kasinotisch und jeder um mich herum ist bewegungslos, so als sei er eingefroren. Ich nenne das die Stille, so als würde es das Ganze realer machen, wenn ich ihm einen Namen gebe — so als würde der Name etwas an der Tatsache ändern, dass alle Spieler um mich herum Statuen sind. Sie sitzen einfach nur da und ich gehe um sie herum, schaue mir die Karten an, die sie gerade erhalten haben. Hört sich das verrückt an?

Das Problem an der Theorie, ich sei verrückt ist, dass die Karten, welche die Spieler aufdecken, immer noch dieselben sind wenn ich die Welt 'entfriere', so wie ich es gerade getan habe. Wäre ich verrückt, sollten die Karten dann nicht wenigstens ein wenig anders sein? Außer natürlich, ich bin schon so verrückt, dass ich mir auch die Karten auf dem Tisch einbilde.

Aber ich gewinne. Sollte das auch Einbildung sein — sollte der Stapel Chips neben mir auf dem Tisch nur eingebildet sein — dann könnte ich gleich alles in Frage stellen. Vielleicht heiße ich auch gar nicht Darren.

Nein. So kann ich nicht denken. Wenn ich wirklich so verwirrt sein sollte, dann möchte ich gar nicht aus diesem Zustand herausgeholt werden — denn in diesem Fall würde ich höchstwahrscheinlich in einer psychiatrischen Anstalt aufwachen.

Außerdem liebe ich mein Leben, verrückt oder nicht.

Meine Psychiaterin denkt, die Stille sei eine Erfindung, um die inneren Vorgänge meines Genies zu beschreiben. Das wiederum hört sich für mich verrückt an. Es könnte natürlich auch sein, dass sie mich begehrt, aber die Erwiderung derartiger Gefühle ist ausgeschlossen. Sie befindet sich komplett außerhalb der Altersgruppe, mit der ich ausgehe. Ihre Theorie würde mir sowieso nicht helfen, da sie nicht erklärt, wieso ich Dinge weiß, die selbst ein Genie nicht erahnen könnte — wie den genauen Wert des Blattes der anderen Spieler.

Ich sehe dem Croupier dabei zu, wie er eine neue Runde eröffnet. Außer mir befinden sich noch drei weitere Spieler am Tisch. Der Cowboy, die Großmutter und der Professionelle, wie ich sie in Gedanken nenne. Ich kann die jetzt fast spürbare Angst fühlen, die mit dem Hineingleiten einhergeht — das ist der Name, den ich diesem Vorgang gegeben habe: in die Stille hineingleiten. Meine Sorge, ich könne verrückt sein, hat das Hineingleiten schon immer vereinfacht. Angst scheint diesen Prozess zu begünstigen.

Ich gleite hinein, und alles ist still — daher der Name.

Selbst jetzt finde ich das noch unheimlich. In diesem Kasino ist es normalerweise sehr laut. Betrunkene Menschen, die sich unterhalten, Spielautomaten, das Läuten bei Gewinnen, Musik — nur in einem Klub oder bei Konzerten ist es noch lauter. Und trotzdem könnte ich genau in diesem Moment wahrscheinlich eine Stecknadel fallen hören. Es ist so, als sei ich gegenüber dem Chaos um mich herum taub geworden.

So viele eingefrorene Menschen um mich herum zu haben macht das Ganze nur noch eigenartiger. Eine Kellnerin hat mitten im Schritt mit ihrem Tablett auf dem Arm angehalten. Eine Frau ist gerade dabei, eine Münze in einen Spielautomaten zu schmeißen. An meinem eigenen Tisch ist die Hand des Croupiers erhoben und die letzte Karte die er gezogen hat hängt unnatürlich in der Luft. Ich gehe von der Seite des Tisches auf sie zu und nehme sie in die Hand. Es ist ein König, der für den Professionellen bestimmt ist. Als ich die Karte wieder loslasse fällt sie auf den Tisch, anstatt weiter in der Luft zu schweben, so wie sie es vorher getan hat. Ich weiß allerdings genau, dass sie sich, sobald ich mich aus diesem eingefrorenen Zustand zurückziehe, wieder an der ursprünglichen Stelle befinden wird — in genau derselben Position, in der sie war, bevor ich sie genommen habe.

Der Professionelle sieht genauso aus, wie ich mir immer Menschen vorgestellt habe, die mit Poker spielen ihr Geld verdienen: ungepflegt, Schatten unter den Augen und generell ein wenig eigenartig. Er hat sein Pokerface das ganze Spiel über perfekt im Griff gehabt — es hat nicht ein einziges Mal ein Muskel gezuckt. Sein Gesicht ist so unbeweglich, dass ich mich frage, ob ihm vielleicht Botox dabei hilft, eine so steinerne Miene aufrechtzuerhalten. Seine Hand befindet sich auf dem Tisch und bedeckt beschützend die Karten, die ihm gegeben wurden.

Ich bewege seine schlaffe Hand zur Seite. Das fühlt sich wie im normalen Leben an. Also quasi. Seine Hand ist schweißnass und haarig, weshalb es unangenehm ist, sie zur Seite zu legen. Es ist anormal, so etwas zu tun. Der normale Teil des Ganzen ist, dass seine Hand eher warm als kalt ist. Als ich noch ein Kind war, erwartete ich, dass sich die Menschen in der Stille kalt anfühlen würden, wie Statuen aus Stein.

Nachdem ich die Hand des Professionellen zur Seite gelegt habe, nehme ich seine Karten auf. Zusammen mit dem König, der gerade in der Luft hängt, hat er ein hübsches hohes Blatt. Gut zu wissen.

Ich gehe zur Großmutter hinüber. Sie hält ihre Karten in der Hand. Dadurch dass sie sie wie einen Fächer ausgebreitet hat kann ich es vermeiden, ihre faltigen und fleckigen Hände zu berühren. Das ist eine Erleichterung, da ich in der letzten Zeit meine Probleme damit habe, in der Stille Menschen anzufassen — genauer gesagt Frauen. Falls ich es trotzdem tun müsste, würde ich das Berühren von Großmutters Hand rational als harmlos ansehen — oder es zumindest nicht gruselig finden — aber es ist trotzdem besser es möglichst zu vermeiden.

Auf jeden Fall hat sie ein niedriges Blatt. Sie tut mir leid. Sie hat heute Nacht eine recht große Summe verloren. Ihre Chips gehen zur Neige. Vielleicht sind ihre Verluste, zumindest teilweise, der Tatsache zuzuschreiben, dass sie kein gutes Pokerface aufsetzen kann. Schon bevor ich einen Blick auf ihre Karten geworfen hatte wusste ich, dass sie nicht gut sein würden. Ich konnte sehen, dass sie nicht glücklich mit dem war, was sie nach der Ausgabe ihrer Karten in der Hand hielt. Ich habe sie außerdem vor einigen Runden bei einem fröhlichen Aufblitzen ihrer Augen ertappt. Sie hatte ein Dreierpaar welches gewann.

Pokern ist zu einem Großteil Übung, Menschen besser lesen zu können — eine Fähigkeit, die ich gerne besser beherrschen würde. In meiner Arbeit wurde mir gesagt, ich sei großartig darin, Menschen zu lesen. Aber das bin ich nicht. Ich bin einfach nur gut darin die Stille zu verwenden um Ihnen das vorzumachen. Allerdings würde ich gerne lernen, wie es im wirklichen Leben funktioniert.

Was mich am Pokern eher weniger interessiert ist das Geld. Mir geht es finanziell gut genug, um nicht auf das Spielen als Einnahmequelle angewiesen zu sein. Mir ist es egal ob ich gewinne oder verliere, auch wenn es mir Spaß gemacht hatte, mein Geld an dem Black Jack Tisch zu verfünffachen. Dieser ganze Ausflug zum Spielen findet überhaupt nur deshalb statt, weil ich es mit meinen frischen einundzwanzig endlich darf. Ich war nie ein Freund von falschen Ausweisen und deshalb ist dieser Kasinobesuch wirklich ein Meilenstein für mich.

Ich verlasse die Großmutter und gehe hinüber zum Cowboy. Ich kann seinem Strohhut nicht widerstehen und setze ihn mir auf. Ich frage mich, ob ich dadurch Läuse bekommen könnte. Ich habe noch nie leblose Objekte aus der Stille zurückbringen können und auch anderweitig die Welt nicht nachhaltig verändert. Ich vermute also, dass ich auch kein lebendiges Ungeziefer mit mir zurücknehmen werde. Ich lege den Hut zurück und schaue mir seine Karten an. Er hat einige Asse — eine bessere Hand als der Professionelle. Der Cowboy könnte auch ein Professioneller sein. Soweit ich das beurteilen kann hat er ein gutes Pokerface. Es wird interessant werden, die beiden in der nächsten Runde zu beobachten.

Als nächstes ist der Kartenstapel an der Reihe. Ich schaue mir die obersten Karten an, um sie mir einzuprägen. Ich überlasse nichts dem Zufall.

Als ich meine Aufgabe in der Stille abgeschlossen habe, gehe ich zurück zu mir selbst. Ach ja, habe ich überhaupt erwähnt, dass ich meinen eigenen Körper dort sitzen sehen kann? Genauso eingefroren wie alle anderen? Das ist der verrückteste Teil an der ganzen Sache. Es ist wie eine außerkörperliche Erfahrung.

Ich nähere mich meinem eingefrorenen Ich, und betrachte es. Normalerweise vermeide ich das, weil es so beunruhigend ist. Weder sich selbst unzählige Male im Spiegel zu sehen, noch sich Videos von sich selbst auf YouTube anzuschauen, kann einen auf den Anblick des eigenen Körpers in 3D vorbereiten. Das ist nichts, das man jemals zu erleben erwartet. Außer vielleicht, man ist ein eineiiger Zwilling.

Es ist kaum zu glauben, dass ich diese Person bin. Sie sieht eher wie ein ganz normaler Typ aus. Vielleicht nach ein wenig mehr. Ich finde diesen Typen interessant. Er sieht cool aus. Es sieht clever aus.

Ich denke Frauen könnten ihn als gut aussehend bezeichnen, auch wenn es nicht bescheiden von mir ist, das zu behaupten.

Ich bin nicht gut darin, die Attraktivität von Männern zu bewerten — das war ich noch nie — aber einige Dinge sind allgemeingültig. Ich kann erkennen, wenn ein Typ hässlich ist, und mein eingefrorenes Ich ist es nicht. Ich weiß auch, dass ein symmetrisches Gesicht generell als schön angesehen wird — und meine Statue hat so eines. Ein starkes Kinn schadet auch nichts. Und genauso eins habe ich. Breite Schultern zu haben ist ebenfalls gut und groß zu sein wirklich hilfreich. Diese Punkte decke ich auch ab. Außerdem habe ich blaue Augen — was ein Pluspunkt zu sein scheint. Mädchen haben mir gesagt, dass sie meine Augen mögen, auch wenn sie an meinem gefrorenen Ich jetzt gerade ein wenig angsteinflößend wirken — glasig und glänzend. Sie sehen aus wie die Augen einer Wachsfigur. Leblos.

Als mir auffällt, dass ich mich zu lange mit diesem Thema aufhalte, schüttele ich meinen Kopf. Ich stelle mir vor, wie meine Psychiaterin diesen Moment analysieren würde. Wer käme schon auf die Idee, diese Selbstbewunderung als Teil einer psychischen Erkrankung zu betrachten? Ich sehe sie regelrecht vor mir, wie sie das Wort 'Narzisst' notiert und es mehrfach unterstreicht.

Genug. Ich muss die Stille verlassen. Ich hebe meine Hand, berühre mein eingefrorenes Ich auf der Stirn und die Geräusche kehren zurück, sobald ich mich wieder in der richtigen Welt befinde.

Alles ist wieder normal.

Der König, den ich noch vor einem Moment betrachtete — der König, den ich auf dem Tisch liegen ließ — befindet sich wieder in der Luft und folgt der Bahn, die ihm vorherbestimmt war. Er landet neben der Hand des Professionellen. Die Großmutter betrachtet immer noch enttäuscht ihre gefächerten Karten und der Cowboy hat seinen Hut wieder auf dem Kopf, auch wenn ich ihn in der Stille abgenommen hatte. Es ist alles genau so wie in dem Augenblick bevor ich in die Stille hineinglitt.

Auf einer bestimmten Ebene hört mein Gehirn nie auf, über diese Unterschiede zwischen der Stille und der Welt außerhalb überrascht zu sein. Die Menschen sind darauf programmiert, die Realität in Frage zu stellen, wenn solche Dinge passieren. Als ich am Anfang der Therapie einmal versuchte, meine Psychiaterin auszutricksen, las ich während einer Sitzung ein komplettes Lehrbuch über Psychologie. Ihr ist das natürlich nicht aufgefallen, da ich es in der Stille tat. Das Buch handelte davon, dass Babys, auch wenn sie erst zwei Monate alt sind, schon überrascht darüber sind, wenn sie etwas Ungewöhnliches sehen — wenn zum Beispiel eine Sache gegen die Regeln der Schwerkraft zu verstoßen scheint. Kein Wunder, dass mein Gehirn Schwierigkeiten damit hat, mit diesen Vorgängen zurechtzukommen. Bis ich zehn war, war mein Leben völlig normal. Dann begannen diese eigenartigen Sachen, um es vorsichtig auszudrücken.

Ich blicke hinab und stelle fest, drei Gleiche in der Hand zu halten. Das nächste Mal werde ich mir meine Karten anschauen, bevor ich hineingleite. Wenn ich so ein starkes Blatt habe, kann ich es auch darauf ankommen lassen fair zu spielen.

Die Partie verläuft wie erwartet, schließlich kenne ich ja die Karten sämtlicher Mitspieler. Letztendlich steht die Großmutter auf. Sie hat offensichtlich genug Geld verloren.

Das ist der Moment, in dem ich sie zum ersten Mal sehe.

Sie ist heiß. Mein Freund und Arbeitskollege Bert — eigentlich Albert, aber es gibt niemanden der ihn so nennt — behauptet, ich hätte einen bestimmten Frauentyp. Diese Vorstellung gefällt mir nicht, da ich nicht so oberflächlich und berechenbar sein möchte. Allerdings könnte trotzdem beides ein wenig auf mich zutreffen, da dieses Mädchen genau in das Beuteschema passt, welches Bert mir beschrieben hat. Und ich bin milde ausgedrückt extrem interessiert an ihr.

Große blaue Augen und deutlich ausgeprägte Wangenknochen in einem schmalen Gesicht mit einem Hauch Exotik. Lange, extrem wohlgeformte Beine wie die einer Tänzerin. Dunkles, gewelltes Haar, das, wie ich es mag, zu einem Pferdeschwanz gebunden ist. Kein Pony — sehr gut. Ich hasse Ponys und kann mir auch nicht erklären, wie manche Mädchen sich so etwas antun können. Auch wenn die Abwesenheit des Ponys in Berts Beschreibung meines Frauentyps nicht vorkommt, gehört dieses Kriterium definitiv dazu.

Sie setzt sich zu uns an den Tisch und ich kann nicht damit aufhören, sie weiterhin anzustarren. Mit den hohen Absätzen und dem engen Rock wirkt sie an diesem Ort overdressed. Oder vielleicht bin ich mit meiner Jeans und dem T-Shirt auch einfach underdressed. Wie dem auch sei, es interessiert mich nicht. Ich muss versuchen, mit ihr ins Gespräch zu kommen.

Ich denke darüber nach, in die Stille einzutauchen und mich ihr anzunähern. Auf diese Weise könnte ich Dinge tun, die normalerweise beunruhigend wirken. Ich könnte sie aus nächster Nähe anstarren oder sogar ihre Taschen durchwühlen, um etwas zu finden das mir dabei hilft, mit ihr zu reden.

Ich entscheide mich dagegen und wahrscheinlich ist es das erste Mal, dass das passiert.

Ich weiß, dass der Grund dafür, mein normales Verhaltensmuster zu durchbrechen, eigenartig ist. Falls man überhaupt von einem Grund sprechen kann. Ich stelle mir die folgende Handlungskette vor: Sie stimmt zu, sich mit mir zu verabreden, es wird ernst zwischen uns und, weil wir diese tiefe Verbindung haben, erzähle ich ihr von der Stille. Sie erfährt, dass ich etwas Unheimliches tue, bekommt Angst und verlässt mich. Es ist natürlich lächerlich, sich so etwas auszumalen, bevor wir überhaupt miteinander gesprochen haben. Möglicherweise hat sie einen IQ von unter 70 oder besitzt die Persönlichkeit eines Holzstücks. Es könnte zwanzig verschiedene Gründe dafür geben, weshalb ich mich nicht mit ihr treffen möchte. Und außerdem hängt das ja auch nicht von mir ab. Sie könnte mir genauso gut zu verstehen geben, sie in Ruhe zu lassen, sobald ich versuche mit ihr zu sprechen.

Die Arbeit mit Hedgefonds hat mich allerdings gelehrt, mich abzusichern. So verrückt diese Entscheidung, nicht in die Stille einzutauchen, auch ist, ich bleibe bei ihr. Ich weiß, dass es so höflicher ist. Aus dem gleichen Grund beschließe ich außerdem, in dieser Pokerrunde nicht zu schummeln.

Sobald die Karten ausgegeben sind, denke ich darüber nach, wie gut es sich anfühlt so ehrenvoll gehandelt zu haben — auch wenn das niemand weiß. Vielleicht sollte ich häufiger versuchen, die Privatsphäre meiner Mitmenschen zu achten. Aber ich muss auch realistisch bleiben. Ich wäre nicht dort, wo ich heutzutage bin, wenn ich solchen Gefühlen gefolgt wäre. Ich würde sogar innerhalb weniger Tage meinen Job verlieren, sollte ich anfangen, die Privatsphäre anderer Menschen zu respektieren — und damit auch die ganzen Annehmlichkeiten, an die ich mich gewöhnt habe.

Ich mache es dem Professionellen nach und bedecke meine Karten sobald ich sie bekomme mit meiner Hand. Ich bin gerade dabei, einen Blick auf sie zu werfen, als etwas Ungewöhnliches passiert.

Die Welt um mich herum wird bewegungslos, so als würde ich gerade in die Stille hineingleiten ... aber das habe ich nicht getan.

Einen Augenblick später sehe ich sie — das Mädchen, welches mir am Tisch gegenüber sitzt, das Mädchen, an das ich gerade gedacht habe. Sie steht neben mir und zieht ihre Hand von meiner weg. Oder genauer gesagt, der Hand meines eingefrorenen Ichs — ich stehe ja daneben und schaue sie an.

Allerdings sitzt sie auch noch mir gegenüber am Tisch, eine eingefrorene Statue wie alle anderen auch.

Mir kommt nicht einmal der Gedanke, das zweite Mädchen könnte ihre Zwillingsschwester oder etwas Ähnliches sein. Ich weiß, dass sie es ist. Sie tut das Gleiche, was ich vor einigen Minuten getan habe. Sie geht in der Stille umher. Die Welt um uns herum ist eingefroren, aber wir sind es nicht.

Sie sieht schockiert aus, als ihr das Gleiche klar wird. Mit einer Hand greift sie über den Tisch und berührt ihre eigene Stirn.

Die Welt wird wieder normal.

Sie starrt mich schockiert mit ihren großen Augen und dem blassen Gesicht an. Ich kann sehen, wie ihre Hände zittern, während sie aufspringt. Ohne ein Wort zu sagen dreht sie sich um und geht weg.

Als sie anfängt zu rennen, zögere ich nicht. Ich stehe auf und folge ihr. Das ist nicht sehr clever. Sie würde sich wohl kaum mit einem unbekannten Typen verabreden, der hinter ihr her rennt. Aber über diesen Punkt bin ich schon hinaus. Sie ist die einzige Person die ich jemals getroffen habe, die das Gleiche kann wie ich. Sie ist der Beweis dafür, dass ich nicht verrückt bin. Sie könnte das besitzen, was ich mehr als alles andere möchte.

Sie könnte Antworten haben.

2

Jemandem im Kasino hinterherzulaufen ist schwieriger als ich gedacht hätte und ich wünsche mir ich hätte weniger getrunken. Ich weiche Ellenbogen aus und versuche, nicht über die Füße der anderen zu stolpern. Ich denke sogar darüber nach, mich in die Stille zu begeben, um mich besser orientieren zu können. Letztendlich entscheide ich mich aber dagegen, weil das Kasino noch genauso voller Menschen sein wird, wenn ich zurückkomme.

In dem Moment, in dem ich das Mädchen fast aus den Augen verliere, biegt sie um die Ecke Richtung Haupteingang. Ich muss sie so schnell wie möglich einholen, sonst entkommt sie mir. Mein Herz hämmert in meiner Brust während ich mich flüchtig frage, was ich wohl zu ihr sagen werde, wenn ich sie einhole. Bevor ich lange darüber nachdenken kann stellen sich mir zwei Männer in Anzügen genau in den Weg.

»Mein Herr«, sagt einer der beiden und ich bekomme fast einen Herzinfarkt. Auch wenn ich sie in meiner Umgebung wahrgenommen hatte, war ich so auf das Mädchen fixiert gewesen, dass ich ihre Gegenwart nicht wirklich registriert hatte. Der Mann der mich gerade angesprochen hat ist groß, ein Riese in einem Anzug. Das ist kein gutes Zeichen.

»Was auch immer sie verkaufen, ich bin nicht daran interessiert«, erkläre ich und hoffe, mich damit herauswinden zu können. Als sie nicht sehr überzeugt aussehen füge ich hinzu: »Ich habe es eilig«, und versuche hinter die beiden zu schauen, um meine Hast zu untermalen. Ich hoffe, ich sehe glaubwürdig aus, auch wenn meine Handflächen wie verrückt schwitzen und ich wegen meines Sprints keuche.

»Es tut mir leid, aber ich muss darauf bestehen, dass Sie uns begleiten«, sagt der zweite Mann und rückt näher. Im Gegensatz zu seinem Partner, dem runden Monster, ist dieser Mann schlank und extrem muskulös. Sie sehen beide wie Rausschmeißer aus. Ich nehme an, dass sie misstrauisch werden, wenn irgendein Idiot auf einmal durch das Kasino rennt. Sie sind es offensichtlich gewohnt, dahinter Diebstahl oder ein anderes Vergehen zu vermuten. Was zugegebenermaßen auch logisch ist.

»Meine Herren«, versuche ich es noch einmal mit ruhiger und freundlicher Stimme, »mit allem Respekt, ich habe es wirklich eilig. Wäre es möglich, dass sie mich schnell durchsuchen? Ich versuche gerade jemanden einzuholen.« Den letzten Satz füge ich hinzu, um den Verdacht auf illegale Tätigkeiten zu widerlegen und weil es der Wahrheit entspricht.

»Sie müssen uns wirklich begleiten, sagt der dickere der beiden mit einem entschlossenen Zug um sein Kinn. Beide haben ihre Hände nahe den Innentaschen ihrer Jacken. Na großartig. Zu meinem Glück sind sie bewaffnet.

Während ich über einen Ausweg aus dieser unerwarteten Situation nachdenke, kanalisiere ich meine natürliche Angst in das Hineingleiten. Sobald ich mich in der Stille befinde, sehe ich mich in dieser schweigenden Welt an der Seite des nicht ganz so freundlichen Duos stehen. Ich fange sofort an weiterzulaufen und störe mich nicht länger daran, die bewegungslosen Menschen anzurempeln, die mir meinen Weg verstellen. Hier ist es nicht unfreundlich, sie wegzudrücken, da sie nichts davon spüren und auch nichts bemerken werden, wenn die Welt wieder normal sein wird.

Als ich in der Eingangshalle ankomme ist das Mädchen schon weg. Ich gehe also weiter in die Lobby und suche diese methodisch nach ihr ab. Als ich in der Nähe des Fahrstuhls ein Mädchen mit einem Pferdeschwanz sehe renne ich zu ihr hin und halte sie fest. Ich drehe sie herum um mir ihr Gesicht anzusehen und frage mich, ob meine Berührung sie auch in die Stille holen wird. Ich bin mir ziemlich sicher, dass es das war, was vorhin geschehen ist — sie berührte mich und hat mich hineingezogen.

Aber diesmal passiert nichts und das Gesicht, welches mich anschaut, habe ich noch nie gesehen.

Verdammt. Ich habe das falsche Mädchen.

Mein Frust verwandelt sich in Zorn als mir klar wird, dass ich sie verloren habe als diese Idioten mich im kritischsten Moment aufgehalten haben. Ich rauche vor Wut und um Druck abzulassen schlage ich so kräftig ich kann auf die Person ein, die mir am nächsten steht. Wie immer in der Stille reagiert das Opfer meines Ausbruchs überhaupt nicht. Leider fühle ich mich aber auch nicht besser.

Bevor ich darüber nachdenken kann, was ich als nächstes tun sollte, denke ich erst einmal über das nach, was an dem Tisch passiert ist. Das Mädchen hat es irgendwie geschafft mich in die Stille zu holen, in der sie sich schon befand. Als sie mich sah, reagierte sie panisch und flüchtete. Vielleicht geht es ihr wie mir und sie hat zum ersten Mal eine weitere Person „lebendig“ darin gesehen. Jeder reagiert verschieden auf eigenartige Ereignisse und nach vielen Jahren der Einsamkeit eine andere Person in der Stille zu treffen ist definitiv komisch.

Hier herumzustehen und darüber nachzudenken wird mir auch keine Antworten geben, also entschließe ich mich dazu gründlich vorzugehen und die Lobby noch einmal unter die Lupe zu nehmen.

Wieder habe ich kein Glück. Ich kann das Mädchen nirgendwo finden.

Als nächstes gehe ich nach draußen und laufe die Einfahrt zum Kasino entlang um zu sehen, ob ich sie dort entdecken kann. Ich werfe sogar einen Blick in die vorbeifahrenden Taxen, aber auch dort ist sie nicht.

Ich betrachte das glitzernde Gebäude welches sich vor mir auftürmt und erwäge, jedes Zimmer im Hotel abzusuchen. Es handelt sich dabei um einige Tausende. Das würde zwar viel Zeit in Anspruch nehmen, aber sie könnte es wert sein. Ich muss das Mädchen finden und Antworten bekommen.

Auch wenn das gründliche Durchsuchen eines so großen Gebäudes kaum durchführbar zu sein scheint, ist es nicht gänzlich unmöglich — zumindest nicht für mich. In der Stille bekomme ich weder Hunger, noch Durst, noch werde ich müde. Sogar die Toilette muss ich nie benutzen. Das ist sehr praktisch in Situationen wie dieser, wenn man mehr Zeit benötigt. Theoretisch kann ich jeden Raum durchsuchen — vorausgesetzt ich kann irgendwie hineinkommen. Diese elektronischen Türen öffnen sich in der Stille nicht, nicht einmal mit einem Originalschlüssel der Gäste. Technologie generell funktioniert hier nicht; sie ist genauso eingefroren wie alles andere. Die einzigen Ausnahmen sind einfache mechanische Apparate wie meine mechanische Uhr — und selbst diese muss ich jedes Mal aufziehen, wenn ich in der Stille bin.

Ich wäge meine Optionen ab und stelle mir vor, wie viel physische Kraft ich aufwenden müsste, um in Tausende von Hotelzimmern einzubrechen. Da mein iPhone trauriger Weise auch ein Opfer des Problems der Technik in der Stille ist, könnte ich nicht einmal Musik hören um die Zeit totzuschlagen. Trotz eines so wichtigen Grundes bin ich nicht davon überzeugt, zu solch extremen Mitteln greifen zu wollen.

Außerdem wäre der jetzige Zeitpunkt auch nicht gerade ideal dafür das Hotel zu durchsuchen, selbst wenn ich es wollte. Würde ich sie finden, könnte ich ihr in der echten Welt nicht folgen, da mir immer noch diese idiotischen Wächter im Weg stehen. Ich muss sie erst einmal loswerden, bevor ich mich für den nächsten Schritt entscheide.

Ich seufze und gehe wieder zurück ins Hotel. Als ich die Lobby betrete suche ich mit den Augen erneut alles ab und hoffe, sie beim ersten Mal einfach nur übersehen zu haben. Ich kann den gleichen Zwang fühlen den ich verspüre, wenn ich etwas im Haus verliere. Wenn das passiert, suche ich jeden Zentimeter immer wieder ab — ich schaue an den gleichen Orten nach, die ich gerade schon einmal überprüft habe und hoffe unerklärlicherweise, dass ich beim dritten Mal mehr Glück haben werde. Oder vielleicht beim vierten Mal. Ich muss wirklich damit aufhören, das zu tun. Wie Einstein gesagt hat ist es verrückt, das gleiche immer und immer wieder zu tun und unterschiedliche Ergebnisse zu erwarten.

Letztendlich gebe ich mich geschlagen und nähere mich den Rausschmeißern. Ich kann so viel Zeit wie ich möchte in der Stille verbringen, aber sobald ich herauskomme befinde ich mich immer noch an der gleichen Stelle wie vorher. Das kann ich nicht vermeiden.

Ich gehe dicht an sie heran und schaue in die Tasche des dickeren Mannes um herauszufinden, mit wem ich es zu tun habe. Seinem Ausweis nach ist sein Name Nick Shifer und er gehört zum Sicherheitspersonal. Also hatte ich Recht — er ist ein Rausschmeißer. Sein Führerschein ist auch da, genauso wie ein kleines Familienfoto. Ich schaue mir beides genau an, falls ich die Information zu einem späteren Zeitpunkt benötigen sollte.

Als nächstes wende ich meine Aufmerksamkeit der Tasche zu, neben der Nick seine Hand positioniert hat. Und es sieht so aus, als habe ich erneut Recht gehabt: er hat eine Waffe. Wenn ich jetzt die Pistole nähme und Nick damit aus nächster Nähe erschießen würde, bekäme er eine blutende Wunde und würde wahrscheinlich durch den Aufprall umfallen. Er würde nicht schreien und er würde sich nicht an die Brust fassen. Wenn ich danach zurückkehrte, stünde er wieder intakt da und würde keine Wunden aufweisen. Es wäre so, als sei nichts passiert.

Fragen Sie mich nicht woher ich weiß was passiert, wenn man jemanden in der Stille erschießt. Oder ersticht. Oder ihn mit einem Baseballschläger verprügelt. Oder das gleiche mit einem Golfschläger tut. Oder ihm in die intimsten Bereiche tritt. Oder Ziegel auf seinem Kopf zerschlägt — oder einen Fernseher. Das einzige, das ich zweifelsfrei bestätigen kann ist, dass die Personen trotz aller grausamen und ungewöhnlichen Experimente unverletzt waren, als ich wieder aus der Stille hinauskam.

Genug mit dem Schwelgen in Erinnerungen. Jetzt muss ich ein Problem lösen und ich muss wegen der Waffen und dem ganzen anderen Geschehen vorsichtig sein.

Ich klopfe meinem eingefrorenen Ich auf den Hinterkopf um die Stille zu verlassen.

Die Welt entfriert sich und ich bin wieder zurück in der realen Welt mit den Rausschmeißern. Ich versuche gelassen auszusehen, so als sei ich nicht wie ein Verrückter herumgerannt, um dieses unbekannte Mädchen zu finden — weil für sie nichts davon passiert ist.

»In Ordnung, Nick, ich begleite Sie sehr gerne um dieses Missverständnis aus der Welt zu schaffen«, sage ich in meinem freundlichsten Ton.

Nicks Augen weiten sich, als er seinen Namen hört. »Sie kennen mich?«

»Du hast seine Akte gelesen, Nick«, meint sein schlanker Partner offensichtlich völlig unbeeindruckt. »Der Junge ist sehr clever.«

Die Akte? Worüber redet er? Ich war niemals zuvor in diesem Kasino gewesen. Und ich würde auch gerne wissen, inwiefern es hilfreich sein sollte clever zu sein, um den Namen eines völlig Fremden innerhalb eines Augenaufschlags zu wissen. Die Menschen sagen dauernd solche Sachen über mich, auch wenn das gar keinen Sinn macht. Ich denke kurz darüber nach, in die Stille einzutauchen um auch den Namen des zweiten Mannes herauszufinden, damit ich sie noch mehr verwirren kann. Das werde ich nicht tun, entscheide ich. Das wäre zu viel. Stattdessen beschließe ich den schlanken Mann im Geiste Buff zu nennen.

»Bitte kommen sie ruhig mit mir mit«, sagt Buff. Es steht etwas von mir entfernt, damit er hinter mir gehen kann. Nick geht voran und murmelt etwas darüber dass es unmöglich ist, dass ich seinen Namen kenne, egal wie clever ich bin. Er ist ganz klar intelligenter als Buff. Ich frage mich, was er dazu sagen würde, dass ich weiß wo er wohnt und dass er zwei Kinder hat. Würde er einen Personenkult starten oder mich erschießen?

Als wir durch das Kasino gehen denke ich darüber nach, wie nützlich es für mich in den ganzen Jahren gewesen ist Dinge zu wissen, die ich nicht hätte wissen sollen. Es ist einfach das, was ich tue und ich habe es weit damit gebracht. Natürlich ist es auch möglich, dass die Tatsache, dass ich Dinge weiß, die ich nicht wissen sollte der Grund dafür ist, dass sie eine Akte über mich haben. Vielleicht besitzt das Kasino Aufzeichnungen über Menschen, die dafür bekannt sind, ein besonders glückliches Händchen zu haben, wenn man das so nennen kann.

Als wir im Büro ankommen — einem recht kleinen Raum voller Kameras die verschiedene Teile des Kasinos überwachen — bestätigt Buffs erste Frage meine Theorie. »Wissen Sie wie viel Geld Sie heute gewonnen haben?«, fragt er und blickt mich an.

Ich entscheide mich dazu, mich dumm zu stellen. »Ich bin mir nicht sicher.«

»Sie sind eine echte statistische Anomalie«, erwidert Nick. Er ist wirklich stolz darauf, derartige Wörter zu kennen. »Ich möchte Ihnen etwas zeigen.« Er nimmt eine Fernbedienung vom Tisch, auf der ein Haufen Akten verteilt sind. Als Nick einen Knopf drückt, beginnt auf einem Monitor mein Spielverlauf des heutigen Abends abzulaufen. Ich schaue mir die Aufzeichnung an und mir wird klar, dass ich zu oft gewonnen habe.

Genau genommen habe ich jedes Mal gewonnen.

Mist. Hätte es auffälliger sein können? Ich hätte nicht gedacht, so genau beobachtet zu werden, aber das war trotzdem dumm von mir. Ich hätte einige Male verlieren sollen, obwohl ich gewinnen konnte. Nur um meine Spuren zu verwischen.

»Offensichtlich zählen Sie die Karten«, erklärt mir Nick und blickt mich streng an. »Es gibt keine andere Erklärung.«

Eigentlich gibt es die schon, aber ich habe nicht vor, sie ihm zu liefern. »Mit acht Kartenspielen?«, frage ich stattdessen und lasse meine Stimme so ungläubig wie möglich klingen.

Nick nimmt meine Akte vom Tisch und blättert sie durch.

»Darren Wang Goldberg, mit einem MBA und einem Universitätsabschluß in Jura von Harvard. Fast perfekten SAT, LSAT, GMAT, und GRE Noten. CFA, CPA, und einem Haufen mehr Titel.« Nickt lacht leise auf, so als amüsiere ihn der letzte Teil, aber sein Ausdruck wird wieder hart als er fortfährt. »Die Liste hört gar nicht mehr auf. Wenn es also jemand schaffen könnte, die Karten zu zählen, dann Sie.«

Ich hole Luft und versuche meine Nervosität zu verbergen. »Da Sie so beeindruckt von meinem Lebenslauf sind, sollten Sie mir glauben, wenn ich Ihnen sage, dass niemand die Karten von acht Spielen zählen kann.« Ich habe keine Ahnung ob das wirklich stimmt, aber es gibt Kasinos die seit Ewigkeiten mit allen Mitteln versuchen, ihre Profite zu erhöhen. Und acht Kartenspiele sind selbst für ein mathematisches Wunderkind zu viele Karten, um sie kontrollieren zu können.

Als könne er meine Gedanken lesen sagt Buff: »Und selbst wenn Sie es nicht alleine können, dann vielleicht mit Partnern.«

Partnern? Woher hat er diese Idee mit den Partnern?

Als Antwort auf meinen leeren Gesichtsausdruck drückt Nick wieder auf die Fernbedienung und eine neue Aufzeichnung wird abgespielt. Diesmal mit dem Mädchen — wie sie zuerst am Blackjack Tisch gewinnt und danach an mehreren Pokertischen. Einen beeindruckenden Geldbetrag, sollte ich hinzufügen.

»Eine weitere statistische Anomalität«, meint Nick und schaut mich forschend an. »Eine Freundin von Ihnen?« Er muss vor diesem Job als Detektiv gearbeitet haben, denn er ist ziemlich gut, was die Befragung anbelangt. Ich nehme an, dass ich einen Alarm ausgelöst habe, als ich sie durch das Kasino verfolgte. Meine Reaktion hatte allerdings einen völlig anderen Grund als den, den er annimmt.

»Nein«, sage ich ehrlich. »Ich habe sie niemals zuvor in meinem ganzen Leben gesehen.«

Nicks Gesicht spannt sich verärgert an. »Sie haben zufällig am gleichen Pokertisch gespielt«, erwidert er und seine Stimme wird mit jedem Wort lauter. »Dann sind Sie Beide weggerannt, als wir auf sie zukamen. Ich nehme an, dass es sich hierbei auch nur um einen Zufall handelt? Haben Sie einen Kontaktmann im Kasino? Wer ist noch darin verwickelt?« Zu diesem Zeitpunkt brüllt er schon und Spucke fliegt unkontrolliert durch die Luft.

Diese harte Vernehmung ist zu viel für mich und ich ziehe mich in die Stille zurück um mir ein wenig Zeit zum Nachdenken zu verschaffen.

Im Gegensatz zu dem, was Nick glaubt sind das Mädchen und ich definitiv keine Partner. Und trotzdem ist es ganz offensichtlich, dass sie genau das Gleiche getan hat wie ich. Ihre Aufzeichnungen zeigen ganz klar wie sie immer wieder gewinnt. Das bedeutet, dass ich nicht halluziniert habe und dass sie wirklich irgendwie in der Stille war. Sie kann das Gleiche tun wie ich. Mein Herz schlägt vor Aufregung schneller als mir erneut klar wird, dass ich nicht der einzige bin. Dieses Mädchen ist so wie ich — und das bedeutet, dass ich sie dringend finden muss.

Aus einem Instinkt heraus gehe ich zum Tisch und nehme die dickste Akte in meine Hand.

Und damit habe ich meinen persönlichen Jackpot dieser Nacht.

Von der Akte blickt mich ihr Bild an. Ihr wirklicher Name, zumindest der Aufzeichnungen nach, ist Mira Tsiolkovsky. Sie lebt in Brooklyn, New York.

Ihr Alter überrascht mich. Sie ist erst achtzehn. Ich hätte sie auf Mitte Zwanzig geschätzt — was auch genau in mein Beuteschema passen würde. Als ich den Ordner durchgehe finde ich ebenfalls heraus, was der Grund dafür ist, dass ich so weit danebenlag: sie versucht sich älter zu machen, um in die Kasinos eingelassen zu werden. Die Akte zählt eine Reihe von falschen Namen auf, unter denen sie schon aus den Kasinos verbannt wurde. Die Altersspanne ihrer Pseudonyme reicht von einundzwanzig bis fünfundzwanzig.

Ihrer Akte nach ist sie hauptberuflich Betrügerin. Ein Abschnitt führt detailliert ihre Aktivitäten in Kasinos und illegalen Spielhöllen auf. Dem Namen nach angsteinflößende Orte, die mit dem organisierten Verbrechen in Verbindung gebracht werden.

Das hört sich verwegen an. Ich dagegen bin überhaupt nicht verwegen. Ich nutze meine besondere Fähigkeit dazu, Geld in der Finanzindustrie zu verdienen, was um einiges sicherer ist als das, was Mira tut. Und nicht zu vergessen ist das Geld, welches ich auf legale Weise verdiene zu viel, um das Risiko des Betruges in einem Kasino einzugehen — besonders wenn ich an meine heutigen Erlebnisse denke. Offensichtlich sehen Kasinos nicht ruhig dabei zu, wie man ihr Geld nimmt. Sie beginnen damit, Akten über einen anzulegen, sobald sie denken, man könne sie betrügen und sie verweigern einem den Zutritt, wenn man zu viel Glück hat. Das ist nicht fair, aber ich denke geschäftlich gesehen macht das Sinn.

Ich wende meine Aufmerksamkeit wieder der Akte zu und finde kaum mehr persönliche Informationen über sie als ihren Namen und ihre Adresse — nur weitere Kasinos, Spiele und die Beträge, die sie unter ihren verschiedenen Namen gewonnen hat. Sie ist gut darin, ihre Erscheinung zu verändern; alle Bilder zeigen Frauen, die sehr unterschiedlich aussehen. Beeindruckend.

Nachdem ich versucht habe mir so viele Fakten über Miras Akte zu merken wie ich kann, gehe ich zu Nick und nehme ihm meine Akte aus der Hand.

Erleichtert stelle ich fest, dass sich in ihr nicht viel befindet. Sie haben durch die Kreditkarte mit der ich meine Getränke bezahlt habe meinen Namen und meine Adresse herausgefunden. Sie wissen, dass ich für einen Hedgefond arbeite und dass ich niemals mit dem Gesetz in Konflikt geraten bin — das ganze Zeug, was man im Internet findet. Andere Seiten drehen sich um Harvard und was ich sonst noch erreicht habe. Sie haben mich wahrscheinlich auf Google gesucht als sie meinen Namen hatten.

Ich fühle mich besser, nachdem ich die Akte gelesen habe. Sie sind mir nicht auf der Spur. Sie haben wahrscheinlich gesehen, dass ich zu viel gewinne und haben beschlossen, der Sache auf den Grund zu gehen. Das Beste was ich zu diesem Zeitpunkt tun kann ist, sie zu beruhigen damit ich nach Hause gehen und das Ganze erst einmal verdauen kann. Das Hotel muss ich jetzt nicht mehr durchsuchen. Ich habe jetzt genügend Informationen über Mira und mein Freund Bert kann mir dabei helfen, den Rest des Puzzles zu lösen.

Nachdem ich zu diesem Entschluss gekommen bin kehre ich wieder zurück. Das Gesicht meines eingefrorenen Ichs sieht verängstigt aus, aber ich fürchte mich nicht mehr, weil ich jetzt einen Plan habe.

Ich atme tief ein, berühre meine eingefrorene Stirn und verlasse die Stille.

Nick schreit mich immer noch an und ich erkläre ihm freundlich: »Mein Herr, es tut mir wirklich leid, aber ich weiß nicht wovon, oder über wen sie da reden. Ich hatte Glück, das stimmt, aber ich betrüge nicht.« Meine Stimme zittert ein wenig bei dem letzten Teil. Es kann sein, dass ich gerade überreagiere, aber ich möchte überzeugend wie ein verängstigter junger Mann wirken. »Ich lasse gerne mein Geld hier und verspreche Ihnen, nie wieder in dieses Kasino zu kommen.«

»Sie werden uns das Geld dalassen und sie werden nie wieder in diese Stadt kommen«, korrigiert mich Buff.

»In Ordnung, das werde ich nicht. Ich wollte mich hier einfach nur amüsieren«, erkläre ich mit festerer aber immer noch unterwürfiger Stimme, so als hätte ich vor ihrer Autorität sehr viel Respekt. »Ich bin gerade einundzwanzig geworden und es ist das Labor Day Wochenende, also bin ich zum ersten Mal spielen gegangen«, füge ich hinzu. Das sollte einen Hauch Ehrlichkeit hinzufügen, da es die Wahrheit ist. »Ich arbeite für einen Hedgefond. Ich habe es nicht nötig, für Geld zu betrügen.«

Nick schnaubt. »Bitte. Leute wie Sie betrügen, weil sie das Gefühl mögen, so viel cleverer zu sein als alle anderen.«

Trotz dieser offensichtlichen Geringschätzung antworte ich ihm nicht. Alles, was mir einfällt klingt abwertend. Stattdessen fahre ich damit fort, unterwürfig und immer freundlicher zu sagen, dass ich nichts weiß. Sie fragen mich erneut über Mira aus und darüber, wie ich betrüge. Aber ich streite weiterhin alles ab. Die Unterhaltung dreht sich weiter im Kreis. Ich weiß, dass sie ihrer genauso müde sind wie ich — vielleicht sogar noch mehr.

Ich sehe eine Schwachstelle und schlage zu. »Ich müsste bitte wissen, wie lange ich hier noch festgehalten werde«, erkläre ich Nick, »damit ich meiner Familie Bescheid geben kann.«

Ich gebe vor, dass sich einige Menschen darüber wundern würden, wenn ich nicht bald auftauche. Auch der Gebrauch des Wortes "festhalten" erinnert sie an ihre legalen Befugnisse — oder, was eher wahrscheinlich ist, an deren Abwesenheit.

»Nick, der nicht aufgeben zu wollen scheint, runzelt die Stirn und sagt stur: »Sie können gehen, sobald sie uns etwas Nützliches gesagt haben.« Er hört sich nicht überzeugt an und ich weiß, dass meine Frage Erfolg hatte. Er will jetzt nur noch sein Gesicht wahren.

Er führt die Befragung hartnäckig fort und fragt mich erneut dieselben Fragen, auf die ich ihm genauso antworte wie beim ersten Mal. Nach einigen Minuten berührt Buff seine Schulter. Sie wechseln einen Blick.

»Warten Sie hier«, sagt Buff. Sie verlassen den Raum, offensichtlich um etwas außerhalb meiner Hörweite zu besprechen.

Ich wünsche mir ich könnte zuhören, aber leider ist das nicht einmal in der Stille möglich. Obwohl das so nicht ganz richtig ist. Ich habe Lippenlesen gelernt und bin schnell immer wieder in die Stille gegangen und sofort zurück. Auf diese Weise konnte ich Stück für Stück ihre Unterhaltung zusammenfügen. Aber das wäre eine lange und zähe Prozedur. Außerdem brauchte ich das nicht. Meine Logik sagte mir grob, was sie gerade besprechen mussten. Ich nehme an, es war ungefähr so: »Dieser Kerl ist zu clever für uns; wir sollten ihn gehen lassen, uns Donuts holen und bei einem Stripclub vorbeischauen.«

Sie kommen nach einigen Minuten zurück und Buff sagt zu mir: »Wir werden dich gehen lassen, aber wir wollen weder dich noch deine Freundin hier wieder sehen.« Ich kann sehen, dass Nick nicht glücklich darüber ist, seine Befragung abbrechen zu müssen ohne die gewünschten Antworten erhalten zu haben. Er äußert aber keine Einwände.

Ich unterdrücke ein erleichtertes Aufseufzen. Ich hatte halb befürchtet, sie könnten Hand an mich legen oder ähnliches. Das wäre übel gewesen, aber nicht unerwartet — oder etwa unverdient, wenn man bedenkt, dass ich betrüge. Auf der anderen Seite haben sie keinen Beweis dafür. Und wahrscheinlich denken sie auch, dass ich intelligent genug bin, ihnen legale Schwierigkeiten zu verursachen — gerade wegen meines Juraabschlusses.

Natürlich wäre es auch möglich, dass sie mehr wissen als das, was in der Akte steht. Vielleicht sind sie auf Informationen über meine Mütter gestoßen. Habe ich überhaupt erwähnt zwei Mütter zu haben? Ja, die habe ich. Glauben Sie mir, ich weiß wie eigenartig sich das anhört. Und bevor jemand auf dumme Gedanken kommt: ich möchte von niemandem einen Witz über dieses Thema hören. Davon habe ich schon in der Schule genug gehabt. Sogar an der Uni wurde von einigen abfällig darüber geredet. Natürlich stellte ich sicher, dass sie es bereuten.

Auf jeden Fall ist Lucy, meine Adoptivmutter — und trotzdem die tollste aller Mütter — eine knallharte Kriminalbeamtin. Wenn diese Dummköpfe mir auch nur ein Haar krümmen würden, würde sie sie wahrscheinlich aufspüren und ihnen persönlich in den Hintern treten. Sie hat ein Team, welches Bericht an sie erstattet und wahrscheinlich auch eingreifen würde. Sara, meine biologische Mutter — die normalerweise sehr still und friedliebend ist — würde sie auch nicht davon abhalten. Nicht in diesem Fall.

Nick und Buff schweigen, als sie mich aus ihrem Büro führen und durch das Kasino zu dem Taxi begleiten, welches draußen auf mich wartet.

»Sollten Sie noch einmal hierher kommen«, sagt Nick als ich in das leere Taxi steige, »werde ich Ihnen etwas brechen. Persönlich.«

Ich nicke und schließe schnell die Tür. Es reicht mir schon, so freundlich darauf hingewiesen zu werden. Im Nachhinein gesehen war Atlantic City gar nicht so spaßig gewesen.

Ich bin überzeugt davon, nie wieder zurückkommen zu wollen.

3

Dienstagmorgen, am Tag nach Labor Day, fühle ich mich wie ein Zombie. Nach den Ereignissen im Kasino konnte ich nicht schlafen, aber ich kann heute auch nicht einfach die Arbeit sausen lassen. Ich habe einen Termin mit Bill.

Bill ist mein Chef und niemand würde ihn jemals so nennen — nur ich in meinen Gedanken. Sein Name ist William Pierce. So wie in Pierce Capital Management. Sogar seine Frau nennt ihn William — das habe ich selbst gehört. Die meisten Menschen nennen ihn Mr. Pierce weil sie sich nicht wohl dabei fühlen, ihn mit seinem Vornamen anzusprechen. Also ja, Bill ist einer der wenigen Menschen, die ich ernst nehme. Und trotzdem würde ich mich gerade lieber in mein Bett begeben als ihn zu treffen.

Ich wünschte es wäre möglich in der Stille zu schlafen. Dann wäre das alles kein Problem. Ich würde mich hineinbegeben und unter meinem Schreibtisch schlafen, ohne dass es jemand mitbekäme.

Nach meinem ersten Kaffee scheint es so, als würde sich mein Hirn in Gang setzen. Zu diesem Zeitpunkt bin ich schon an meinem Arbeitsplatz. Es ist acht Uhr morgens. Und falls Sie denken, das sei früh, dann irren Sie sich. Ich war der letzte, der auf diesem Teil der Etage zur Arbeit kam. Mir ist es egal, was diese Frühaufsteher von meinem späten Erscheinen halten. Ich kann ja momentan sowieso kaum etwas machen.

Trotz meiner Erfolge bei dem Fond habe ich kein Büro. Bill hat das einzige Büro in diesem Unternehmen. Es wäre schön ein wenig Privatsphäre zu haben, um sich ein wenig zurückzuziehen, aber ich bin zufrieden mit meinem Platz. Solange ich die meiste Zeit außerhalb oder von zu Hause aus arbeiten kann — und solange ich genauso ein hohes Gehalt bekomme wie Menschen, die sonst ein Büro haben — stört mich die Abwesenheit eines eigenen Raumes nicht.

Mein Computer ist eingeschaltet und ich schaue auf die Liste der Mitarbeiter auf dem Instant Messenger des Unternehmens. Ich sehe, dass Bert gerade online kommt. Das ist wirklich früh für ihn. Als unser bester Hacker kann er kommen wann er möchte, und das weiß er auch. Wie ich interessiert es ihn nicht, was die anderen über ihn denken. Wahrscheinlich interessiert es ihn noch weniger als mich — und deshalb kommt er noch später. Zuerst dachte ich, dass wir nach meinem Treffen mit Bill reden könnten, aber da er nun schon einmal da ist, nutze ich die Gunst der Stunde.

»Komm vorbei«, schreibe ich ihm. »Ich brauche deine einzigartigen Fähigkeiten.«

»BGD«, antwortet Bert. Bin gleich da.

Ich kenne Bert seit Jahren. Im Gegensatz zu mir ist er ein wirkliches Wunderkind. Wir waren in jenem Jahr in Harvard die einzigen Vierzehnjährigen in dem Einführungskurs in Computerwissenschaften. Er absolvierte den Kurs mit Auszeichnung ohne sich in die Stille zu begeben oder die Antworten im Lehrbuch nachzuschlagen, so wie ich das tat. Er hat auch niemanden aus Weißrussland dafür bezahlt, seine Programmierprojekte für ihn zu schreiben.

Bert ist der Computermann bei Pierce. Er ist wahrscheinlich der fähigste Programmierer New York Citys. Er macht immer Andeutungen darüber, dass er für einen Geheimdienst gearbeitet hat, bevor ich ihn dazu überredet habe, hier anzufangen und richtig Geld zu machen.

»Darren«, sagt Bert mit leicht nasaler Stimme und ich drehe mich als Antwort darauf mit meinen Stuhl um.

Ihn mir als Teil der CIA oder des FBI vorzustellen bringt mich immer zum Lachen. Er ist ungefähr 1,62 Meter groß und wiegt bestimmt unter 45 Kilogramm. Bevor wir Freunde wurden war mein Spitzname für ihn immer Mini-Me gewesen.

»Also, Albert, wir sollten diese Idee besprechen, von der Sie mir letzte Woche erzählt haben«, beginne ich und weise mit dem Kinn auf einen der Meetingräume.

»Ja, ich würde diesen Bericht gerne hören«, antwortet Bert als wir die Tür schließen. Wie immer übertreibt er seine Rolle.

Sobald wir alleine sind hört er auf, den formellen Kollegen zu spielen. »Mann, du hast es wirklich getan? Du bist nach Vegas geflogen?«

»Naja, nicht wirklich. Ich hatte keine Lust auf einen fünfstündigen Flug —«

»Also hast du stattdessen eine zweistündige Taxifahrt nach Atlantic City in Kauf genommen?«

»Ja, genau.« Ich grinse zurück und nehme einen Schluck von meinem Kaffee.

»Ein klassischer Darren. Und dann?«

»Haben sie mir Hausverbot erteilt«, sage ich triumphierend so als sei das eine tolle Leistung.

»So schnell?«

»Ja. Aber nicht, bevor ich dieses Mädchen getroffen habe.« Ich mache eine Spannungspause. Ich weiß, dass das der Teil ist auf den er wirklich wartet. Seine eigenen Erfahrungen mit Mädchen waren bis jetzt eher abschreckend.

Mit Sicherheit hängt er nun am Haken. Er möchte alles bis ins kleinste Detail wissen. Ich erzähle ihm eine Abwandlung von dem was passiert ist. Natürlich ohne die Stille zu erwähnen. Davon erzähle ich nur meinem Seelenklempner. Ich erkläre Bert einfach, dass ich sehr viel gewonnen habe. Er liebt diesen Teil, da er derjenige ist, der vorgeschlagen hatte ich solle es mal mit einem Kasino versuchen. Das war, nachdem ich ihn und eine Gruppe Kollegen bei einem freundschaftlichen Kartenspiel abgezockt hatte.

Er, wie die meisten anderen die am Fond arbeiten, wissen, dass ich Dinge weiß, die ich nicht wissen sollte. Er kann sich nur nicht erklären woher ich diese Informationen habe. Er nimmt es einfach als gegeben hin. Auf eine bestimmte Art und Weise ist Bert ein wenig wie ich. Er weiß Dinge, die er nicht wissen sollte. Nur dass in diesem Fall jeder weiß woher. Das Geheimnis seiner Allwissenheit ist, dass er sich in jedes Computersystem hacken kann, auf das er Zugriff bekommen möchte.

Und genau dafür benötige ich ihn jetzt auch. Ich erkläre ihm: »Ich brauche deine Hilfe.«

Er zieht seine Augenbrauen hoch und ich sage: »Ich muss mehr über sie hinausfinden. Was auch immer du herausbekommen könntest wäre hilfreich.«

»Was?« Seine Begeisterung schwindet sichtlich. »Nein, Darren, das kann ich nicht.«

»Du bist mir noch etwas schuldig«, erinnere ich ihn.

»Ja, aber das ist ein Verbrechen im Internet.« Er sieht entschlossen aus und ich seufze innerlich. Wenn ich jedes Mal wenn er diesen Satz ausspricht einen Dollar bekommen würde ... Wir beide wissen dass er jeden Tag etwas Kriminelles im Internet macht.

Ich beschließe, ihn zu bestechen. »Ich werde mir einen Kartentrick anschauen«, gebe ich mich geschlagen und muss alle meine Energien aufwenden, um ein wenig Begeisterung in meine Stimme zu legen. Berts Versuche mit Kartentricks sind grauenhaft, aber das entmutigt ihn überhaupt nicht.

»Oh«, erwidert Bert beiläufig. Aber sein Pokerface ist richtig schlecht. Ich weiß, dass er gerade mehr herausschinden möchte, aber das wird nicht passieren, wie ich ihn wissen lasse.

»Ist ja schon gut, schicke mir die falschen Namen, von denen du mir erzählt hast, die dir „in den Schoß gefallen sind“ und die Adressen, die du „zufällig“ erfahren hast«, antwortet er nachgiebig. »Ich werde schauen, was ich tun kann.«

»Danke, großartig.« Ich grinse ihn wieder an. »Ich muss jetzt los — ich habe ein Treffen mit Bill.«

Ich kann sehen wie er zusammenzuckt als ich William so nenne. Ich glaube ich mache das auch nur aus diesem Grund — um von Bert bewundert zu werden.

»Warte mal«, meint er stirnrunzelnd.

Ich weiß schon, was jetzt kommt und versuche, nicht zu ungeduldig zu wirken.

Bert hat eine Schwäche für Magie. Er ist nur nicht gut darin. Er hat immer ein Kartenspiel bei sich und bei jeder Gelegenheit — echt oder eingebildet — holt er seine Karten heraus um einen Kartentrick vorzuführen.

In meinem Fall ist es noch schlimmer. Ich habe ihn schon einmal bloßgestellt und deshalb denkt er jetzt ich beschäftige mich auch mit Magie, tue aber so, als sei das nicht der Fall. Meine Tendenz beim Kartenspielen zu gewinnen untermauert seine Vermutung, ich sei Hobbymagier.

Und wie ich ihm versprochen habe, kann er seinen Trick vorführen. Ich werde ihn nicht beschreiben. Es muss reichen wenn ich sage, dass sich auf dem Konferenztisch ein Stapel Karten befindet und ich eine von ihnen auswählen soll, während ich beim Umdrehen der Karten zählen und Zaubersprüche aufsagen muss.

»Toll, der war super, Bert«, lüge ich sobald er meine Karte aufdeckt. »Jetzt muss ich aber wirklich los.«

»Jetzt komm schon«, bettelt er. »Kann ich deinen Trick bitte noch einmal sehen?«

Ich weiß, dass es schneller geht nachzugeben, als mich mit ihm zu streiten. »In Ordnung«, sage ich, »Du weißt, was du tun musst.«

Als Bert das Kartenspiel teilt schaue ich weg und begebe mich in die Stille.

Sobald die Welt einfriert, bemerke ich, wie viele Außengeräusche es im Meetingraum gibt. Die Abwesenheit von Geräuschen ist erfrischend. Ich habe dieses Gefühl deutlicher verspürt, als ich Schlafmangel hatte. Das liegt zum Teil daran, dass das 'Ich fühle mich beschissen-Gefühl' verschwindet wenn ich in der Stille bin. Zum anderen Teil daran, dass der Geräuschpegel außerhalb der Stille einen leichten Kopfschmerz ausgelöst hatte, den ich erst hier bemerke.

Ich begebe mich zum bewegungslosen Bert, nehme ihm den Kartenstapel aus der Hand und schaue mir die Karte an, die er herausgezogen hat. Dann komme ich zurück.

»Herz sieben«, sage ich ohne mich herumzudrehen. Die Geräusche sind zurück und mit ihnen die Kopfschmerzen.

»Mist«, sagt Bert wie erwartet. »Wir sollten zusammen gehen. Und das nächste Mal Hausverbot in Vegas bekommen.

»Dafür schuldest du mir einen größeren Gefallen.« Ich winke ihm zu und gehe zu meinem Arbeitsplatz.

Als ich an meinem Tisch ankomme sehe ich, dass es Zeit für mein Meeting ist. Bevor ich mich auf den Weg zu Bill mache schicke ich Bert noch schnell die Informationen die er benötigt, um Nachforschungen über Mira anstellen zu können.

Bills Büro sieht genauso beeindruckend aus wie immer. Es ist ungefähr so groß wie mein Apartment in Tribeka. Ich habe gehört, dass er nur so ein riesiges Büro hat, weil die Kunden das sehen wollen, wenn sie vorbeikommen. Angeblich würde er liebend gerne sein Büro verlassen und mit uns in einem Würfel mit niedrigen Wänden sitzen.

Ich bin mir nicht sicher, ob ich das glauben kann. Die Dekoration ist zu pingelig, um diese Theorie zu unterstützen. Außerdem habe ich den Eindruck, dass er gerne Privatsphäre hat.

Eines Tages werde ich auch mein eigenes Büro haben, außer ich entschließe mich dazu, vorher in Rente zu gehen.

Bill sieht wie der geborene Anführer aus. Ich kann nicht genau sagen, weshalb ich diesen Eindruck habe. Vielleicht ist es sein markantes Kinn oder auch die weise Wärme in seinem Blick, wenn er abschweift. Oder aber es ist etwas völlig Anderes. Alles was ich weiß ist, dass er wie jemand aussieht, dem die Menschen folgen würden — und das tun sie auch.

Bill hat sich meinen größten Respekt dadurch verdient, dass er an der Legalisierung der gleichgeschlechtlichen Hochzeit in New York beteiligt war. Meine Mütter haben, so lange ich denken kann, davon geträumt zu heiraten und jeder der dabei hilft, meine Mütter glücklich zu machen, ist für mich eine gute Person.

»Darren, bitte nehmen Sie Platz«, sagt er als ich eintrete, und wendet seinen Blick vom Monitor ab.

»Hallo William, wie war Ihr Wochenende?«, frage ich. Ich glaube er ist die einzige Person in dem ganzen Büro mit dem ich freiwillig Smalltalk betreibe. Und auch hier tue ich es nur weil ich weiß, dass Bills Antwort kurz und knapp ausfallen wird. Ich interessiere mich generell nicht für das, was meine Kollegen machen, ganz zu schweigen von ihren Wochenendaktivitäten.

»Ereignisreich«, erwidert er. »Und Ihres?«

Ich versuche seine lakonische Antwort zu übertreffen. »Interessant.«

»Hervorragend.« Genau wie ich scheint auch Bill nicht daran interessiert zu sein, dieses Gespräch auszudehnen. »Ich habe etwas für Sie. Wir denken über eine Positionierung in FBTI nach.«

Das ist die Abkürzung für die Future Biotechnology and Innovation Corp; ich habe schon von diesem Unternehmen gehört. »Natürlich. Wir brauchen ein Standbein in der Biotechnologie«, entgegne ich ohne mit der Wimper zu zucken. Um ehrlich zu sein habe ich mir schon seit einer längeren Zeit nicht mehr die Mühe gemacht, mir unser Portfolio anzuschauen. Ich kann mich aber nicht daran erinnern in der letzten Zeit Aufträge im Biotechnik Bereich erhalten zu haben — also denke ich mir, dass es nicht so viele von ihnen geben kann.

»Korrekt«, bestätigt er. »Aber es ist nicht nur wegen einer breiteren Fächerung.«

Ich nicke und bemühe mich möglichst ernst und nachdenklich auszusehen. Das ist bei Bill leichter als bei den meisten anderen Menschen. Manchmal interessiert mich das was er sagt wirklich.

»FBTI wird in drei Wochen etwas enthüllen«, erklärt er weiter. »An der Wallstreet haben die Aktien allein wegen dieser Spekulationen an Wert gewonnen. Es könnte einen schönen Abfall geben, falls FBTI enttäuscht —« er macht einen Spannungspause, »— aber ich habe das Gefühl, dass sich die Dinge in eine andere Richtung entwickeln werden.«

»Meines Wissens nach lagen Sie mit Ihren Vorahnungen immer richtig«, sage ich. Ich weiß, dass es sich anhört als würde ich mich anbiedern wollen, aber es ist die Wahrheit.

»Sie wissen, dass ich niemals nur aus einem Bauchgefühl heraus handele«, meint er und macht wie so häufig diese komische Bewegung mit seinen Augenbrauen. »Und in diesem Fall ist Vorahnung vielleicht ein wenig untertrieben. Ich ließ einige der Patente der FBTI analysieren. Viele von Ihnen sind sehr vielversprechende Entwicklungen.«

Ich bin mir sicher dass ich weiß, worauf er hinaus möchte.

»Warum sehen Sie sich das Ganze nicht einmal näher an?«, schlägt er vor und bestätigt damit meine Annahme. »Sprechen Sie mit dem Vorstand und schauen Sie sich an, ob die Neuigkeit wirklich größer ist als das, was die Leute erwarten. Sollte das der Fall sein, müssen wir anfangen uns zu positionieren.«

»Ich werde tun, was ich kann«, erwidere ich.

Das entlockt Bill ein Lächeln. »So bescheiden heute? Das wäre ja das erste Mal«, sagt er und sieht sichtlich amüsiert aus. »Ich brauche ihre Magie. Sie nehmen diese Herausforderung an, oder etwa nicht?«

»Natürlich. Um was es sich bei der Neuigkeit auch immer handeln sollte, Sie werden es Ende der Woche wissen. Das garantiere ich Ihnen.« Ich lasse ein „ansonsten bekommen Sie Ihr Geld zurück“ wegfallen. Das wäre zu viel. Was, wenn ich nichts herausfinde? Bill ist die Art von Person, dich mich bei meinem Wort nehmen würde.

»Je früher desto besser, aber wir brauchen sie auf jeden Fall vor ihrer öffentlichen Verkündung in drei Wochen«, entgegnet Bill. »Wenn Sie mich jetzt entschuldigen würden.«

Ich verstehe, dass ich entlassen bin. Ich gehe zurück zu meinem Schreibtisch und lasse ihn mit seinem Computer alleine.

Sobald sie den Namen Pierce hören, ist FBTI gerne bereit, mit mir zu reden. Ich lasse mir einen Termin mit ihrem CTO geben und bereite mich gerade mental darauf vor, mit der Metro zu ihrem Büro in SoHo zu fahren, als mir mein Instant Messanger eine neue Nachricht von Bert anzeigt.

»Ich habe sie«, steht in der Nachricht.

»Gehen wir kurz nach draußen?«, schreibe ich ihm zurück.

Er ist einverstanden und wir treffen uns an den Fahrstühlen.

»Dieses Mädchen ist verrückt«, erklärt mir Bert als ich den Knopf nach unten drücke. »Sie führt ein eigenartiges Leben.«

Wenn es sich nicht gerade um seine Kartentricks handelt, weiß Bert genau wie man Spannung aufbaut. Das muss ich zugeben. Ich werde nicht ungeduldig oder das wird eine längere Angelegenheit werden. Ich sage nur: »Und?«

»Als erstes: du hast wirklich Glück, mich zu haben«, beginnt er mit aufgeregter Stimme. »Sie wohnt schon lange nicht mehr an der Adresse, die du „zufällig“ gefunden hast. Von dem was ich herausgefunden habe ist der Name — Mira — allerdings ihr echter Name. Nur das dieser Name vor einigen Jahre völlig von diesem Planeten verschwunden ist. Es gibt keine einzige elektronische Spur. Das gleiche gilt für einige ihrer Pseudonyme.«

»Aha«, meine ich und gebe ihm damit den Anstoß, den er braucht, um fortzufahren.

»Um das zu umgehen bin ich in die Datenbanken einiger der Kasinos in Vegas eingedrungen, da ich davon ausgegangen bin, dass sie nicht nur in Atlantic City sondern auch dort spielen würde. Und ich hatte Recht, sie hatten Aufzeichnungen über einige ihrer anderen falschen Namen, die du erwähnt hast. Und weitere.«

»Wow«, ist alles, was ich sagen kann.

»Ja«, stimmt mir Bert zu. »Anfangs führte nur einer dieser Namen zu einer Adresse, bei der kürzlich jemand gewohnt hatte. Offensichtlich versteckt sie sich. Auf jeden Fall war dieses Pseudonym, Alina Nochwas, Mitglied in einem Fitnessstudio am Kings Highway und Nostrand Avenue in Brooklyn. Ich habe mich daraufhin in deren System gehackt und herausgefunden, dass ihre Karte noch ab und an genutzt wird. Als ich das herausgefunden hatte, nahm ich das Fitnessstudio als meinen Ausgangspunkt für die Nachforschungen. Normalerweise besuchen Menschen immer Fitnessstudios in der Nähe.«

»Beeindruckend«, bemerke ich und meine es ernst. In solchen Momenten frage ich mich, ob die Geschichten darüber, dass er für einen Geheimdienst tätig war, nicht doch stimmen.

»Zuerst konnte ich nichts finden«, fährt er fort. »Keiner der von ihr benutzten Namen besitzt eine Eigentumswohnung oder hat ein Apartment in der Nähe gemietet. Aber dann habe ich versucht, einige der Vornamen die sie benutzt mit anderen ihrer Nachnamen zu kombinieren.« Er macht eine Pause und blickt mich an — damit ich ihm auf die Schultern klopfe, nehme ich an.