Frühstück mit Scot - Michael Downing - ebook

Frühstück mit Scot ebook

Michael Downing

2,0

Opis

Scot lebt bei Sam und Ed, zwei Schwulen, die kaum damit gerechnet haben, sich eines Tages um ein Kind kümmern zu müssen, noch dazu um ein Kind wie Scot. Denn der zeigt Vorlieben, die eher zu einem Mädchen passen würden: Make-up, Parfüm und singende Haarbürsten. Auch wenn er sie mit seinem Verhalten oft in den Wahnsinn treibt, erkennen Sam und Ed an seinen Problemen, wie sehr sie selbst sich längst der Umgebung angepasst haben, und sie nehmen zusammen mit Scot den Kampf um die Selbstbehauptung auf. Frühstück mit Scot, 2007 von Larie Lynd wundervoll verfilmt, ist alles andere als ein Kinderbuch. Der Autor erzählt vom scheinbar idyllischen Leben der weißen Mittelschicht in Neuengland. Nachbarn, Freunde, Lehrer, alle müssen sich in der Auseinandersetzung mit Scot bewähren. "So klein er auch war, und so hoch die Räume waren, Scot hatte es doch geschafft, die Temperatur zum Kochen zu bringen. Das ist sein Talent, er ist ein Katalysator."

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MICHAEL DOWNING

 

FRÜHSTÜCK MIT SCOT

 

Roman

Aus dem Amerikanischenvon Joachim Bartholomae

 

 

Männerschwarm VerlagHamburg 2010

Es ist eine große Versuchung,den Geist explicit machen zu wollen.

Ludwig Wittgenstein

1

Eine Woche nachdem er bei uns eingezogen war, nahm ich Scot mit ins Isabella-Stewart-Gardner-Museum jenseits des Flusses. Scot war elf, und ich dachte, Bostons berühmte Schmuckschachtel würde ihm gefallen. Das Museum ist vollgestopft mit japanischen Wandschirmen, französischen Glasarbeiten, deutschen Altären, persischen Teppichen, italienischen Gemälden und wertvollen Nippessachen ohne Ende. Ich kannte Scot nicht besonders, aber ich wusste, dass er eine Schwäche für Flohmärkte und Wühltische hatte. Und ich verrate Ihnen einen weiteren Grund: Scots schlaffe Gliedmaßen und seine etwas trudelnde Körperhaltung waren mir ganz einfach peinlich. Ich wollte die Gemälde der Vorrenaissance anschauen und ihn mit diesen Heiligen und Engeln vergleichen, die auf so charmante Art gegen die Proportionen verstießen.

Ich suchte einen neuen Zugang zu Scot.

Ich wollte meine Vorurteile überwinden.

Als wir den zweiten Stock erreichten, die gotische Abteilung, wurde Scot übel. Höhenangst. In der Mitte des glänzenden Terrazzo-Fußbodens ging es ihm gut, aber er wollte unbedingt durch die maurischen Bögen hinab in die Leere des Innenhofs schauen. Er fragte den Wachmann, wie lange ein Sturz hinab in die Grünanlagen dauern würde. Als der nur meinte, «Na, schau’n wir mal», und Scot im Nacken packte, gaben seine Beine nach, er sackte zusammen und quiekte, «Bitte tun Sie mir nichts, Sir.»

Der Wachmann schrak zurück und hob die Hände, um zu beweisen, dass nichts passiert war.

Ich winkte ab und sagte, «Er hat Höhenangst, es ist nicht Ihre Schuld.»

Aber der Wachmann war verlegen und beleidigt, eine Gefühlsmischung, die Scot bei Fremden immer wieder hervorruft. Also rief er, «Na, der stellt sich aber an!», und zwar so laut, dass es jeder hören konnte. Dann schlenderte er in den nächsten Saal.

Scot sagte, «Es tut mir leid, dass ich geschrien habe.»

Ich zog ihn wieder hoch. «Weißt du noch, dass wir im ersten Stock die vielen leeren Stellen an den Wänden gesehen haben? Die Bilder, die gestohlen wurden?» Tatsächlich war jemand mit einer millionenschweren Sammlung niederländischer Meister unbemerkt aus dem Museum spaziert. «Seitdem sind die Leute hier mies drauf.»

Wir standen gerade vor meinem Lieblingsbild in den amerikanischen Museen, ein kleiner seliger Moment, gemalt vor 675 Jahren von dem italienischen Meister Giotto. Die Darbringung Jesu im Tempel ist auf einer Staffelei ausgestellt – eine begnadete Idee von Frau Stewart Gardner, die all die Bilder angeschafft und aufgehängt hat, vor langer Zeit, als dieser Palast noch ihr Zuhause war. Der Giotto ist ein wahres Meisterwerk, und die Staffelei erinnert an die schlichten Umstände seiner Entstehung. Jemand hat Temperafarben mit Eigelb angerührt und auf ein kleines Holzbrett geschmiert. So entsteht Kunst. Allerdings ist die Staffelei mit rotem Stoff drapiert, etwas zu viel für meinen Geschmack. Scot fand das prima.

Scot sagte kein Wort zu dem schlaffen Körper des Jesuskindes. Vom rot gekleideten Simeon emporgehoben, hält Jesus sich mit der linken Hand an dessen Bart fest, und mit der rechten Hand greift er nach den ausgestreckten Armen seiner Mutter, wodurch sein Körper die Form eines Kreuzes annimmt. Eine traurige Ahnung überschattet den seligen Moment.

Scot fand die Drapierung der Staffelei klasse. «Das könntest du auch mit den Möbeln zu Hause machen, Ed. Oder mit dem Fahrrad.»

Vier junge Frauen mit Zeichenblöcken waren hereingekommen, gefolgt von zwei jungen Männern, die sich bei der Zusammenstellung ihrer Garderobe offenbar an den Romanen F. Scott Fitzgeralds orientierten. Einer von ihnen hatte sogar Hosen aus weißem Hirschleder aufgetrieben.

Scot erkannte in den beiden sofort eine schickere Variante von Sam und mir.

Der Wachmann kam zurück. Diese Ansammlung von wenig lebenstüchtigen Menschen in der gotischen Abteilung gefiel ihm nicht besonders. Er wies jeden der Zeichner darauf hin, sich nicht auf die geschnitzten Mahagoni-Thronsessel zu setzen, echte Foltergeräte, die kein Amerikaner für Stühle halten würde.

Scot griff nach der Kameratasche aus blauem Leder, die er sich umgehängt hatte, und ließ den Verschluss aufschnappen.

Der Wachmann rief sofort, «Fotografieren verboten, tut mir leid, Junge.» Er sah mich vorwurfsvoll an.

Scot kramte in der Tasche herum und fischte schließlich eine Tube mit einer rosafarbenen Lotion heraus. Er drückte sich einen großen Klumpen in die Handfläche, rieb beide Hände kräftig gegeneinander, räumte alles wieder in die Tasche und stand auf.

Die Lotion war ganz unglaublich parfümiert.

Ich hörte, wie der Wachmann schnupperte.

Ich starrte unverwandt auf den heiligen Simeon und die Hand des Kindes in seinem Bart.

Eine der Zeichnerinnen fragte ihre Freundin, ob ihr dieser eigenartige Geruch auffiel.

Der Mann mit den Hirschledernen sagte, «So was sollte man verbieten», und zog seinen Freund im Leinenanzug mit sich in den nächsten Saal. Sie fanden es ganz einfach zu outriert. Drapierte Möbel waren okay, übles Parfüm nicht.

Der Wachmann sagte, «Das ist ein ziemlich heftiges Zeug.»

Scot strahlte und verriet mir das Geheimnis. «Das heißt Rosa Gardenien. Es war im Angebot. Ich habe auch das Badeöl gekauft.» Dann griff er mit seiner klebrigen Hand nach meiner, und wir gingen zur Treppe.

2

Sam und ich sind Scot zum ersten Mal begegnet, als er zwei Jahre alt war. Sein Haar war dünn und irgendwie rosa, ein Farbton, den man optimistisch als erdbeerblond bezeichnen konnte. Er verbrachte den größten Teil des Wochenendes unter dem Wohnzimmertisch und spielte mit den Schnürsenkeln der Erwachsenen. Ich erinnere mich, dass Scot jeden beweglichen Gegenstand als Hut benutzte. Er experimentierte mit Polsterkissen, einzelnen Socken, Notizblöcken und sogar einem gegrillten Hühnerbein. Julie, seine Mutter, war gerade mit Sams einzigem Bruder Billy zusammengezogen, der in Baltimore eine schöne alte Wohnung in einem traditionellen Ziegelhaus besaß. Julie kochte zu jeder Mahlzeit eine Unmenge an Essen, was ich sympathisch fand. Sie legte es darauf an, Sam und mir etwas vorzumachen.

Billy ist zwei Jahre älter als Sam, zirka zehn Zentimeter kleiner, und seit seiner College-Zeit ist er in Lateinamerika verliebt, irgendwas muss damals passiert sein. Dunkle Haare und schwarze Augen hatte er schon immer gehabt, aber später kam noch diese enorme Ausstrahlung hinzu. Er trägt abgewetzte dunkle Anzüge, eine dünne dunkle Krawatte, schwarze Schuhe und auffällig teure weiße Hemden. (Wie er sagt, war das ein Tipp seines Onkels Arthur, eines stillen Menschen, dessen Schnurrbart Billy als Kind bewundert hatte und dessen Freundin jedes Mal, wenn Billy und Sam zu Besuch kamen, rein zufällig gerade eben mal hereinschaute.) Im College war Billy außerdem zu einer richtigen Leseratte geworden; durch seine Begeisterung konnte er jeden gedruckten Text in erotische Literatur verwandeln. Oft steht er abrupt vom Esstisch auf und kommt mit einem aufgeschlagenen Buch zurück, die Ärmel des weißen Hemdes über die Ellbogen hochgeschoben. Er liest seitenlang daraus vor, schlägt sich vor die Stirn und stöhnt, denn diese Worte sind «o Mann, ganz einfach der Hammer! Allmächtiger Jesus, ist es zu fassen, das hat die ganze Zeit in meinem Büro im Regal gestanden, und keiner hatte auch nur den leisesten Schimmer davon.»

Das zweite Mal sahen wir Scot im Alter von vier Jahren. Er hatte rote Haare und graue Augen, und er wusch sein Spielzeug, nachdem er damit gespielt hatte. Billy war anderthalb Jahre lang in Kolumbien gewesen. Ich hatte Julie während dieser Zeit ein paar Postkarten geschickt und ihr den Namen eines Freundes gegeben, der in D.C. eine Kunstgalerie eröffnet hatte. Julie war Malerin, aber bisher ohne Erfolg. Billy sagte, wie dankbar er dafür sei, dass ich Julie jeden Monat angerufen und mit so vielen Typen aus dem Kunstbetrieb in Verbindung gebracht hätte. Das machte Julie in meinen Augen noch sympathischer: Sie hatte Billy meinetwegen etwas vorgemacht. Billy lud uns alle auf Kosten der Regierung zum Essen ein, und Julie trug ihre Perlen. Wir bestellten exotischen Fisch und tranken chilenischen Wein, aber nach dem Essen wurde das Gespräch versponnen und haltlos. Billy überzeugte uns davon, dass er wichtig genug sei, um ermordet zu werden, und Julie wirkte stolz, dass ihr Schicksal mit dem seinen verwoben war und sie in einem explodierenden Auto oder in einem Lagerraum auf dem Flughafen von Miami enden würde. «Natürlich kann es auch viel banaler abgehen», meinte Billy. «Vielleicht sterben wir beide ja bei einem Flugzeugabsturz.»

Julie war bereits ein wenig betrunken, als sie erwiderte, «Wen willst du hier verarschen? Wir gehen doch nirgendwo zusammen hin!»

Billy sagte, «Ich meine nur, es könnte ein Unglück geschehen.»

Julie konterte, «Du glaubst doch gar nicht an Zufälle.»

Dann wieder Billy, «Ich sage ja nur –», und seine schwarzen Augen verrieten uns nicht, was er nicht sagte.

«Ich auch», sagte Julie, die ihr Perlenhalsband abgenommen hatte und es um Billys Hand wickelte.

Billy hielt die Hand über Julies Teller, und die Perlen kullerten auf ihren erlesenen Fisch.

Julie war beeindruckt und belustigt, und außerdem war sie inzwischen ziemlich betrunken. «Also Billy stirbt bei einem Flugzeugabsturz, und ich trinke mich zu Tode. Alles klar?»

Billy sagte, «Na dann Prost», er sprach sehr leise und schenkte Julie nach. Damit war die Stimmung endgültig ruiniert.

Sam goss sich ebenfalls nach, damit Julie nicht allein sterben müsste, aber Julie erkannte die noble Geste nicht und rief nach dem Kellner, «Noch ’ne Flasche guten Rotwein, was Anständiges.» Billy machte Zeichen, er solle die Bestellung ignorieren. Dann sagte ich, hier wird nicht gestorben, Sam sagte, keiner wird sterben, und Billy sagte, «Falls wir doch sterben, dann sollt ihr euch um Scot kümmern, das ist die Hauptsache.»

Julie sagte, «Um Scot kümmern, das ist die Hauptsache. Meinen Sohn, klar?»

Ich sagte, «Klar doch, wir mögen Scot», aber das war gelogen. Wir hielten ihn für ein unglückliches Kind, er tat uns leid, aber der ganze Abend war irgendwie aus dem Ruder gelaufen.

Sam fragte, «Bist du sicher?»

Ich dachte, er redete mit mir, und Julie dachte, sie wäre gemeint, also sagten wir gleichzeitig «Aber ja», was mir eine Verlegenheit ersparte und Scots Schicksal besiegelte.

Als wir Scot zum dritten Mal sahen, war er beinahe sieben und hatte gerade – Julie wusste nicht, von wem – eine Federboa geschenkt bekommen, die er als Perücke benutzte. Eine Turmfrisur am Morgen, ein Pferdeschwanz am Nachmittag. Billy fragte mich, ob Julies Bilder etwas taugten. Sie taugten nichts. Sie hatte keinen Unterricht genommen, und sie war auch nicht naiv, weshalb ihre Abstraktionsversuche schmerzhaft artifiziell wirkten, und ihre gegenständlichen Arbeiten waren voller Gegenstände, die wenig überzeugten und wie zur Entschuldigung an den Rand des Bildes gerückt waren. Man konnte Julie geradezu hören: Komm, ich räume diesen Baum aus dem Weg, und achte bitte nicht auf das Vogelzeugs da am Himmel.

Billy durchbrach mein Schweigen. «Sind sie schlimm? Sind sie richtig peinlich?»

«Mir ist das Gespräch peinlich, Billy.»

Er sagte, «Mir ist es ernst.»

«Dann solltest du mit einem professionellen Kunstkritiker reden.»

«Du findest sie also nicht toll.»

Ich sagte, dass ich sie nicht toll finde.

Offenbar hatte er jemanden gebraucht, der ihn in seiner Meinung bestätigte. Jahre später habe ich mich gefragt, ob ich ihn hätte überraschen sollen. Hätte er Julie geliebt, wenn ich ihm wegen ihres Talents etwas vorgemacht hätte?

Als ich am Sonntag aufwachte, bereiteten Sam und Julie bereits ein üppiges Frühstück vor. Scot hatte sich Kniestrümpfe auf die Beine gemalt. Billy und ich zogen los, um die Post und die Times zu kaufen. Wie sich herausstellte, sollte ich außerdem das Foto eines Stilllebens von Julie begutachten. Billy stellte den Wagen auf den halb vollen Parkplatz einer Kirche, legte das Foto aufs Armaturenbrett und fragte, «Wie viel kann man dafür verlangen? Maximal?»

Ich fragte, wie groß das Original sei, in der Hoffnung, dass es klein sein möge. Es war riesengroß und ein ziemlicher Schrott. Auf goldenem Hintergrund hatte Julie einen Apfel und eine Apfelsine gemalt. Der Apfel war orange, und die Apfelsine hatte rote und grüne Flecken, irgendwie so wie ein Apfel.

«Das hat Julie verkauft, als ich neulich auf Reisen war. Sie macht immer dann tolle Geschäfte, wenn ich gerade auf Reisen bin. Sie hängt wieder an der Nadel. Entweder du meinst, dass dieses Bild viertausend Dollar wert ist, oder ich nehme den Job in Santiago. Ich bin nicht der Vater des Jungen, und ich subventioniere diesen Kunstgewerbe-Mist nicht länger. Und ich lasse einen Bluttest machen. Ausgerechnet ich! Ist das nicht verrückt?»

«Was denn?» Ich dachte, er spräche über Kunst. Zum Beispiel darüber, dass Scot sich Kniestrümpfe aufmalte.

Billy meinte, «Verrückt, wenn am Ende ich Aids bekomme und nicht Sam.»

Er stieg aus. «Kommst du mit rein und betest für mich, bevor ich den Test mache? Es dauert nicht lange.»

Ich wartete im Wagen auf ihn und betrachtete das Foto von Julies Gemälde. Äpfel und Apfelsinen. Ist das zu fassen?

3

Billy nahm den Job an, Julie behielt die Wohnung, und Scot begann sich zu schminken.

Ein paarmal im Jahr telefonierte Sam mit Billy, dann dachten sie sich komplizierte Reisen aus. Anschließend warfen sie alles wieder über den Haufen, wegen Terminproblemen, zu teurer Fahrkarten, schlechter Wettervorhersagen, und natürlich immer wieder wegen Arbeit, Arbeit, Arbeit. Ich weiß nicht, was Billy an diesem Spiel reizte, aber Sam entdeckte auf diese Weise mal ein Kasino auf Barbados, mal einen Vulkansee in Guatemala. Ich kaufte dann eine Landkarte und bestellte Prospekte, und die nahmen wir im August mit nach Provincetown und sagten unseren Freunden, dass wir im nächsten Sommer wohl woanders hinfahren würden.

Julie blieb bis zum Schluss in meinem Postkartenverteiler, man kann also nicht sagen, dass ich keinen Gedanken an sie oder Scot verschwendet hätte. Im Juni sprach ich zum letzten Mal mit ihr. Damals erzählten meine Freundin Nula und ich gerade überall herum, dass Marco, unser Arbeitgeber, 85 000 amerikanische Dollar für Rosen ausgeben wollte, um das Gardner Museum zu dekorieren. Er hatte es als Location einer Herbstparty gemietet, um den ersten Geburtstag der englischsprachigen Ausgabe von Figura zu feiern, Europas irgendwie äußerstem Magazin. Was war es noch einmal genau? Das äußerst teure? Äußerst überflüssige? Äußerst unwahrscheinlich, dass es sein erstes Jahr in Amerika überleben würde? Nula und ich hatten die Aufgabe, die Einladungen entsprechend auszufüllen.

Julies letzter Anruf kam sehr früh an einem sonnigen Samstagmorgen, und sie sagte, sie sei seit einiger Zeit in der Stadt. Ich lud sie ein, bei uns in der Finn Street zu wohnen, und als sie zögerte, stufte ich das Angebot zurück auf eine Einladung zum Abendessen; vielleicht hatte ich unsere Freundschaft überschätzt. Die Einladung zum Essen verwirrte sie, und bevor ich Kaffeetrinken in der City vorschlagen konnte, begann sie zu weinen. Sie war nicht in Boston. Sie war in New York, oder zumindest sah es so aus wie New York, dort, von wo sie telefonierte. Ich sagte, ich könne ihr Geld schicken, aber sie meinte, «Ich bin nicht in der Patsche, ich will nur mit Billy reden.» Ich schlug vor, Sam zu holen, und Julie klang ganz nüchtern, als sie sagte, «Lass mal. Ich will lieber nicht mit Billy reden, wenn ich in der Patsche sitze.» Ich fragte, ob Scot bei ihr sei, und sie antwortete, «Ist der nicht für die Sommerferien zu meiner Mutter gefahren?» Sie klang wirklich neugierig, als ob Scot und sie ehemalige Klassenkameraden wären, die sich aus den Augen verloren hatten. Ich fragte Julie, ob ich irgendetwas für sie tun könne. Ihre Stimme klang munter und beruhigend. «O nein. Aber ich werde Scot ausrichten, dass du nach ihm gefragt hast. Dank dir für den Anruf, Sam.»

Sam versuchte vergebens, Billy in Santiago zu erreichen und herauszufinden, ob Julies Mutter noch lebte. Wir hatten nichts mehr von ihm gehört, seit er im Dezember aus einem Hotel in den peruanischen Anden angerufen hatte und verkündete, er werde vielleicht eine Frau aus Charlottesville heiraten. Er lebte mit ihr und ihrem sechs Jahre alten Kind zusammen. Billy hatte schon immer eine Schwäche für vaterlose Familien, was Sam für einen Charakterfehler hielt, als wäre Billy so etwas wie ein Nesträuber. Billys gelegentlicher Adoptionssucht lagen keine psychologischen Prägungen zugrunde, oder sie mussten von sehr komplexer Art sein. Er war in einer intakten Familie aufgewachsen. Seine und Sams Eltern waren bis zu ihren Tod zusammengeblieben, und selbst in höherem Alter hatten sie immer genug Schinkensalat und Oliven im Schrank für den Fall, dass ihre Kinder mit ein paar Freunden vorbeikämen.

Nula hatte eine eigene Erklärung für Billys Verhalten. Sie musste es eigentlich wissen – fünfzehn Jahre lang hatte sie als heimliche Verehrerin das schwere Los auf sich genommen, seine Geschichten anzuhören. Aber damit war jetzt Schluss. Sie hatte mitbekommen, dass er an Thanksgiving uns besuchen wollte, und fühlte sich sitzen gelassen. Eines Sonntagmorgens kam sie vorbei, um zu verkünden, Billy könne neue Trends vorhersehen, «wie die ersten Investoren von McDonald’s. Alleinerziehende Mütter sind die Zielgruppe von morgen. Unter all den Leuten, die per Anzeige Haushaltshilfen oder Babysitter suchen, ist jede Menge Partnermaterial.»

In meinen Augen war Billy ganz einfach ein Vogelfreier, der kein Haus betrat, ohne vorher den Ausgang gesichert zu haben.

Anfang September rief Billy schließlich zurück, zu einer Zeit, zu der Sam grundsätzlich nicht zu sprechen ist. Am Montag ist in seinem Beruf am meisten los, das wusste selbst Billy. Sam ist Chiropraktiker und muss die Wochenendgeschädigten von ihren Schmerzen und Verrenkungen befreien. Billy nannte eine alte Adresse von Julies Mutter in Troy, New York, und er sagte, er sei erleichtert, dass Julie am Leben sei, was sie jedoch, zu diesem Zeitpunkt, bereits nicht mehr war.

4

Am letzten Freitag im August, dem Tag, an dem Julie starb, hörte Sam auf sich zu rasieren. Helen, Julies Schwester, rief aus Troy an und sagte, es werde zunächst einmal keine Trauerfeier geben. Sie hatte mit einem Rechtsanwalt und einem Sozialarbeiter gesprochen, und auch mit ihrer Mutter, die im Altersheim lebte. Sie würden Scot ins Ferienlager bringen, bis wir sein Zimmer renoviert hätten. Sam meinte, «Sie würden ihn uns faxen, wenn das möglich wäre. Armes Kind.» Armes Kind, genau. Ich war die eine Hälfte des Empfangskomitees und übernahm die Aufgabe, unsere Freunde und Nachbarn zu informieren und ihre kleinlichen Vorurteile und vielleicht auch moralische Entrüstung zu besänftigen. Von allen Seiten kam jedoch nur Zustimmung, und diejenigen, die selbst Kinder hatten, waren die Schlimmsten. Joan Koester, die ein Stück die Straße hinunter wohnte, sprach für die Gemeinschaft der Gebärfreudigen. «Willkommen in unserer Welt. Hoffentlich hattet ihr nicht vor, in den nächsten acht Jahren ins Kino oder in ein gutes Restaurant zu gehen. Dich und Sam hat’s erwischt. Für Greg und mich ist das eine echte Genugtuung. Wir können demonstrieren, wie tolerant wir euch gegenüber sind, und außerdem gibt es viele Gründe für Schadenfreude!»

Sam war fest entschlossen. Den ganzen Sonntag über vereinbarte er Doppelsitzungen mit seinen Patienten, um dadurch Überstunden anzusparen, die er bei Bedarf abfeiern konnte. Vielleicht hätte ich mich von seiner klaglosen Pflichterfüllung anstecken lassen, aber sein Bart, der in Grau und Schwarz wucherte, war mir eine Warnung. Sam musste ihn bereits stutzen. Es würde einer dieser kurzen, gepflegten Bärte werden. Er sah plötzlich älter aus und, ich gestand mir das nur ungern ein, schicker. Sam verwandelte sich in einen adretten Mann mittleren Alters.

Am Montag verließ Sam das Haus um sechs Uhr morgens.

Ich schlief noch bis sieben, na ja, es wurde acht. Er hatte eine reichlich nüchterne Nachricht auf dem Küchentisch zurückgelassen: Treffen mit Barbara um sechs (Anwalt). Ich las die Nachricht ein paarmal, und schon war es halb neun. Zu dieser Zeit stand Nula an der Ecke Garden Street / Appian Way und zündete sich eine Zigarette an. Sie rauchte sie neuerdings nur noch zur Hälfte, selbst ihre geliebten Zigaretten machten ihr keine Freude mehr. Währenddessen überlegte ich, ob ich Kaffee kochen sollte. Bevor sie beschloss, nicht länger auf mich zu warten und allein zum Büro zu gehen, warf Nula einen letzten Blick auf ihre Schweizer Armee-Uhr. Sie bewunderte die Schweizer, weil sie für alles überhöhte Preise verlangten. Darin war sie einer Meinung mit Marco, Eigentümer und Herausgeber von Figura, dem Monatsmagazin für Baukunst, das fast jeden Monat von einer Redaktion von siebzig Italienern und dreieinhalb Amerikanern produziert wurde, ungleich verteilt zwischen Mailand und Cambridge. Marco liebte es, die Amerikaner durch die Drohung in Angst zu versetzen, die englischsprachigen Beiträge von Genf aus betreuen zu lassen. Mit dieser Drohung beantwortete er jeden Vorschlag, einen Beitrag über Kunstwerke von amerikanischen Ureinwohnern ins Magazin aufzunehmen. «Genf. Beschweren sich die Schweizer vielleicht, weil in der Scala nicht gejodelt wird? Nein! Sie kaufen teure Eintrittskarten und stärken ihre Hemden und ziehen an den Amerikanern vorbei, die in einer langen Schlange für Last-Minute-Tickets zum halben Preis anstehen, für Plätze im dreizehnten Rang. Drücke ich mich klar aus? Ich will von euren Totempfählen und Grabhügeln im Landesinnern nichts hören. In Genf gibt es einen weltberühmten See, und die Leute verschleudern freudig einen Wochenlohn für eine Handtasche. Da kann man Geschäfte machen!»

«Wie recht er hat», sagte Nula, als Marco sich entschuldigt hatte und versprach, ein paar Italiener rauszuschmeißen und die Klappstühle in den amerikanischen Büros durch Modelle aus einem Katalog für Industriedesign zu ersetzen. «Er sollte wirklich ein Büro in den Alpen eröffnen», erklärte sie, «nur Nazis mögen solche Stühle.»

Nula wäre dagegen, dass wir Scot behielten.

Ich kam eine Stunde zu spät zur Arbeit, was in Nulas Zeitrechnung anderthalb Stunden bedeutete, denn sie rechnete von dem Moment an, wenn sie das Haus verließ. Sie saß am einen Ende der beiden Klapptische, die wir irgendwie zu einem Schreibtisch zusammengeschoben hatten. Marco weigerte sich, das Dachgeschoss der Kolonialstil-Villa, in der sich unser Büro befand, zu möblieren oder auch nur eine Klimaanlage einbauen zu lassen. Nula trug ein viel zu großes Hemd aus gelber Seide. Sie war klein und dünn, und es sah meistens so aus, als trüge sie die Sachen ihres Vaters. Allerdings müsste ihr Vater dann Ludwig XIV. gewesen sein.

«Vielleicht muss ich Sam verlassen», sagte ich.

Nula kämpfte sich energisch durch zwei Papierstapel und sortierte sie in einen Pultordner. «Schau dir an, was das Fax alles ausgespuckt hat», sagte sie.

Es handelte sich um die Korrekturabzüge eines Artikels über das Dome Projekt, den eine von Marcos italienischen Freundinnen verfasst hatte. Als ich einen der zusammengeklappten schwarzen Metallstühle aufstellte, gab mir Nola eine alte Ausgabe der Zeitschrift als Sitzpolster.

«Sam hat gesagt, wir sollten lieber Kissen hineinlegen», erklärte sie. «Diese Stühle ruinieren unsere Wirbelsäulen.»

Sam half vielen von unseren Freunden. Er renkte nicht nur ihre Wirbelsäulen wieder ein, sondern oft auch ihr Leben. Er arbeitete nicht nach der klassischen Methode, obwohl er all die plötzlichen Bewegungen und ruckartigen Verrenkungen beherrschte, die das Knochengerüst wieder ins Lot brachten und eingeklemmte Nervenbahnen befreiten. Die meisten Menschen, die zu ihm kamen, hatten kaputte Rücken und störrische Versicherungen, denen seine Gebühren nicht gefielen. Sie bezahlten lieber viel Geld für Chirurgen, die Wirbel zerhackten oder Nerven verletzten, bis die Versicherten dann ohne Überweisung zu Sam nach Cambridge humpelten.

Es gibt zwei Sorten von Chiropraktikern, die Linientreuen und die Pragmatiker. Ich habe mir das nicht ausgedacht. Man könnte sagen, Sam sei selbst für einen Pragmatiker ziemlich pragmatisch. Manche der Linientreuen legten Wert darauf, auch nicht das kleinste bisschen vom rechten Weg abzuweichen, und ich hielt sie für die Arier der Orthopädie. Sie bekämpften den Zusatz von Fluor im Trinkwasser und glaubten, die Theorie bakterieller Infektionen sei vom örtlichen Apotheker erfunden worden. Zahlenmäßig waren die Linientreuen den Pragmatikern unterlegen, die am liebsten alles miteinander kombinierten und zusammenrührten. Sam hatte zwar eine linientreue Ausbildung absolviert, aber er hatte auch in Biologie promoviert, wusch mit Bleichmitteln, ließ seine eigenen Röntgenaufnahmen regelmäßig durch Computer- und Kernspintomografie gegenchecken und kaufte Tee in Chinatown. In den Kategorien der Chiropraktiker war Sam eine verrückte Moulinette mit diversen Aufsätzen.

Er hatte nun einmal eine andere Arbeitsweise. Er sprach mit seinen Patienten über die Ursachen ihrer Schmerzen, und sein langjähriger Partner Jeremy warnte ihn vor solchem «ausufernden Interesse an der Krankengeschichte». Mit anderen Worten: Jeremy behandelte 135 Patienten pro Woche, Sam schaffte nicht einmal 100.

Jeremy wollte, dass Sam sich wie ein richtiger Arzt verhielt. Er kaufte für sie beide die gleichen Arztkittel und mietete Praxisräume in einem klassischen Backsteinhaus voller zugelassener Optiker und Fußpfleger. Es war ein wunderschönes Haus am Harvard Square, eine alte Fabrik zur Hemdkragen-Herstellung. Als Sam sich jedoch eine Vitrine für seine Sammlung heilkräftiger Tees bauen ließ, die er und seine Patienten tranken, inhalierten und in ihr Badewasser schütteten, entschloss sich Jeremy, in einer Ambulanz der öffentlichen Gesundheitsfürsorge zu arbeiten. Sam hörte auf, rotes Fleisch, weißen Zucker und abgepackte Snacks zu essen, und eine Zeit lang hatte ich Angst, als Nächstes käme das Bleichmittel auf die Rote Liste.

Nula meinte jedoch, es gebe keinen ernsten Grund zur Sorge, solange Sam sich nicht weigerte, gebratenes Hähnchen zu essen. Diese Teesachen hatten ihrer Meinung nach nichts mit Homöopathie zu tun. Es waren Hausmittel. Sie wusch ihre Haare in Sams «Kamille spezial», und gemeinsam mit Sam bearbeitete sie mich, ab und zu eine Ingwer-Limonen-Packung aufzulegen, um meiner schuppigen Haut etwas Gutes zu tun. Und nachdem er achtzehn Monate in der trüben Brühe gesetzlicher Krankenpflege geschmort hatte, fand Jeremy den Weg zurück zu Sams Praxis, und seinen Arztkittel ließ er zu Hause.

Ich mochte Jeremy. Er war genauso skeptisch wie ich, aber doppelt so impulsiv, und dadurch nahm er mir öfters die Arbeit ab, Sam selbst beleidigen zu müssen.

Aber was sollten wir mit Scot? Ich konnte darin keine Wertsteigerung unserer Partnerschaft erkennen.

Nula lief hin und her und kramte in den Ecken herum. Schließlich kam sie mit ein paar Jute-Mappen zurück und zog die Kappe von einem schwarzen Filzstift herunter. Notiert, sortiert und etikettiert: das Dome Projekt in all seiner Schönheit. «Um diese Leiche kümmern wir uns später», meinte sie. Dann griff sie in ihre rote Mappe, die Ablage für stumpfsinnige Arbeiten und nervigen Kleinkram. Sie nahm ein Blatt mit getippten Bildunterschriften heraus und verglich sie mit den Vorlagen. Statt des schwarzen nahm sie einen grünen Stift, damit korrigierte sie Rechtschreibung und Zeichensetzung. Blitzschnell war alles abgezeichnet, datiert und in den «zu faxen»-Ordner geschoben. Dann brauchte Nula eine Pause.

Sie öffnete einen Fensterflügel und reckte ihren hennaroten Kopf hinaus in das nobelste Wohngebiet von Cambridge.

Nulas Arbeitsweise war epileptisch. Ein Anfall von Aktivismus, dann das Blackout.

Am anderen Ende des großen weißen Raums leuchtete Eleanor Covenas Computerbildschirm, aber der Stuhl der geschäftsführenden Herausgeberin war zusammengeklappt und an die Wand gelehnt. Von Theo, dem Reporter auf Halbtagsbasis, war an diesem Morgen ebenfalls nur ein Klappstuhl und ein Bildschirm zu sehen.

«Eleanor hat angerufen.» Nula war wieder da. «Sie behauptet, sie wäre krank, aber sie hat doch nie etwas.»

Wir hatten beide den Verdacht, dass Eleanor Covena der Welt der Baukunst nicht mehr lange erhalten bleiben würde. Sie wollte alles so handhaben wie bei Atlantic, einem Monatsmagazin, das tatsächlich monatlich erschien. Als Marco das letzte Mal hier auftauchte, hatte Eleanor ihn mit einem vierseitigen Antrag zur Einstellung eines Assistenten der Herausgeberin überfallen.

Marco tat so, als würde er das Papier lesen. Er trug einen blaubeerfarbenen Zweireiher, und er hatte den Vormittag damit verbracht, sich die Haare tönen zu lassen. «Das liest sich ja, als würdest du mir unlautere Geschäftspraktiken vorwerfen», sagte er so liebenswürdig, als würde ihm das ständig vorgeworfen.

Entweder war Eleanor zu groß oder Marco zu klein, auf jeden Fall wirkte es ziemlich brutal, wie sie ihm den Antrag aus den Händen riss. «Unlauter? Ich brauche einen Sekretär, Marco.»

Marco schob seinen olivgrünen Schal unter das Revers seines Sakkos. Er wirkte wie ein Prinz und wie eine Taube zugleich. «Mach dich nicht lächerlich, Eleanor. Du bist die leitende Herausgeberin für Amerika. Du brauchst einen Assistenten, aber den kannst du dir nicht leisten. Schick mir ein Fax nach Mailand, wenn du Hilfe brauchst, und ich kümmere mich persönlich darum, dass jemand das für dich erledigt.»

Nula meinte, «Mal ehrlich, Ed. Du kannst Sam nicht verlassen.» Sie saß auf dem Fußboden, wahrscheinlich in einer Yoga-Stellung.

Ich druckte die E-Mail aus, die wir letzte Nacht aus Mailand erhalten hatten. Wir Amerikaner waren ständig gegenüber unseren Kollegen im Hintertreffen, einen Tag zu spät. Irgendwie italienisch.

Nula setzte sich wieder auf ihren Stuhl. «Ich mag dich viel zu sehr, alter Kumpel, und wenn du Sam verlassen würdest, dann könnte ich nicht mehr als Patientin zu ihm gehen. Ich bin aber viel zu egoistisch, um meine Behandlungen aufzugeben, deshalb müsste ich dich belügen und mich heimlich davonstehlen, um mich bei Sam auf die Pritsche zu legen. Wir alle wären in eine lieblose Massage à trois verstrickt. Bitte nicht.»

«Und das Kind?»

Nula sprang auf und stützte die Hände auf den Tisch. Dabei beugte sie sich vor wie ein Prediger auf der Kanzel. «Der verdammte Billy. Wenn er vor zehn Jahren nach Cambridge gekommen wäre, wäre jetzt alles in Ordnung. Dieses Kind macht nur Ärger. Was weißt du denn schon über ihn? Er könnte so werden wie diese Glatzköpfe –»

«Die Burlingtons.»

«Noch so ein Glatzenkind in der Finn Street, und wir rufen am besten gleich die Polizei. Und welches Zimmer soll er denn kriegen? Das hübsche neben deinem oder das miese kleine Loch mit den Foltergeräten?»

«Heimtrainer», sagte ich. Nula hatte recht. Das Kind war eine Bedrohung unserer Gesundheit.

«Hast du denn, abgesehen davon, dass du selbst mal ein Kind gewesen bist, irgendeine Ahnung von zehnjährigen Jungs?»

Ich sagte, «Ich bin ziemlich sicher, dass er schon elf ist.»

«Elf?» Es klang wie ein Verbrechen. «Elf ist viel schlimmer als zehn. Ich muss eine rauchen.»

Ich griff nach einer der Espressotassen und nahm die Gummibänder heraus. «Heute kommt doch keiner mehr», sagte ich. «Hier ist ein Aschenbecher.»

Nula gab sich Feuer.

Eine Weile waren wir glücklich. Die Zweckentfremdung von Haushaltsgegenständen machte uns beiden viel Freude. Kugelschreiber als Kaffeelöffel. Papierkörbe als Fußschemel. Postkarten als Staubwedel. Zeitschriften als Kissen.

Nula griff nach zwei Stapeln mit Material zum Dome Projekt. «Die E-Mails heben wir uns für den Lunch auf, okay?» Sie war schwungvoll und tatendurstig.

Ich nahm zwei Brillen aus dem Marmeladenglas für Schreibstifte – schwarze Plastikrahmen mit halben Gläsern, wie man sie im Drogeriemarkt bekommt. Ohne Vergrößerung waren die Abzüge aus Figura reines Augenpulver. Die Artikel und Überschriften waren negativ in einer altertümlichen, prätentiösen und unlesbaren Typografie gesetzt, und die weißen Buchstaben schwammen in einem Meer von monatlich wechselnden Farben. Der Bericht über das Dome Projekt sollte im März erscheinen, und in diesem Monat waren die Seiten rötlich.

Nula schimpfte, «Dieses Rot ist irgendwie fies.»

«Tomatensuppe», schlug ich vor.

Nula drückte die Zigarette aus, presste sich das Ende eines Bleistifts gegen die Stirn und murmelte, «Ich glaube, ich bekomme meine transatlantische Migräne.»

Nach der Arbeit, nachdem ich mich an unserer Straßenecke von Nula verabschiedet hatte, wurde mir auf dem Weg zu meinem Treffen mit Sam und seiner Anwältin etwas klar. Ich war kein Bildhauer und auch kein Maler geworden. Jedes Jahr machte ich ein paar Fotos von einem Ahornbaum in den Berkshires, aber ich habe keine Ambitionen als Fotograf. Ich verließ das Ehrenamtlichen-Programm, als mein Buddy in ein Hospiz zog und starb. Ich wohnte nun schon seit sieben Jahren im selben Haus und hatte keine einzige Wand eingerissen, kein Fenster und auch kein zusätzliches Badezimmer eingebaut. Ich ließ meine Schwester auf Briefe und Anrufe warten. Sie hatte vier Kinder und einen Verlagsvertrag für den dritten Band ihrer «Dianas Abenteuer»-Serie für junge Leserinnen. Sam zahlte zwei Drittel der Miete, und er arbeitete jeden Monat ein paar Abende umsonst am Städtischen Krankenhaus von Cambridge. Ich hatte nie ein Kind haben wollen. Sam hatte nie ein Kind haben wollen. Wir bekamen ein Kind, weil Sam der Auffassung war, ein Mann solle zu seinem Wort stehen. Und weil ich meinen Garten nicht gesät, gegossen und gejätet hatte und deshalb jetzt, wo ich es brauchte, nicht genügend Knoblauch da war, um mich vor dem kleinen Vampir zu beschützen.

Sams Anwältin Barbara arbeitete im zweiten Stock eines umgebauten Satteldachhauses in der Stadtmitte. Wir gingen in einen Besprechungsraum, für den zwei Zimmer zusammengelegt worden waren. Sie trug ein schwarzes Leinenkleid, gelbe Gummischuhe für die Gartenarbeit und Büroklammern im Haar, das hatte man zu akzeptieren. Zu Auftritten im Gerichtssaal schickte sie Althea, eine ernste Haitianerin mit richtigen Schuhen, die keine Büromaterialien in ihre Kleidung integrierte.

Barbara saß uns gegenüber, und wir alle wurden von der Sonne geblendet, die auf der Oberfläche des schwarz lackierten Esstisches funkelte und glänzte. Schließlich schlurfte sie zum Fenster und schloss die Jalousien. «Es gibt vom Grundsatz her drei anerkannte Formen von Vormundschaften», sagte sie. Sam zufolge redete Barbara völlig normal, wenn sie beide allein waren, aber in meiner Gegenwart sprach sie ganz langsam und schaute dabei ständig in ihre Unterlagen, als wären wir Parteien in einem Rechtsstreit. Es war kein Geheimnis, dass sie mich nicht leiden konnte. Ich war fast vierzig und nicht wichtig genug, um einen eigenen Anwalt zu haben. Ihre Partnerin Donna war mit einem meiner Mitschüler vom College verheiratet gewesen, und sie machte mich für dessen Charakterfehler verantwortlich. Es war zwecklos zu beteuern, dass ich ihn nicht gekannt habe, denn es war eine kleine Kunstschule auf Rhode Island gewesen, und Barbara war überzeugt, dass ich lüge.

Barbara hustete, um die Bedeutung dessen hervorzuheben, was sie nun sagen würde. «Ohne die Beteiligung einer hinzuzuziehenden weiblichen Person stellt die männliche homosexuelle Partnerschaft keine ausreichende Voraussetzung dar, um als Person anerkannt zu werden, die der Staat als natürlichen oder naturgemäßen Vormund einsetzen kann.»

Falls Barbara über Humor verfügte, so verausgabte sie ihn für ihre Schuhe. Das war schade, denn sie war ein Quell der faszinierendsten Informationen. Vormundschaft zum Beispiel. Ein leibliches Elternteil ist ein natürlicher Vormund, ein Status, den Sam und ich als Paar nicht erlangen konnten. Das war mir egal. Anders als viele meiner Zeitgenossen bin ich einverstanden, wenn der Staat sich an der Natur orientiert. Ich habe schon viele Rüden einander rammeln sehen, aber nie wird einer davon schwanger. Ich vertraue auf den Schatz der Erfahrung, und warum sollten meine gewählten Führer das nicht auch tun?

Ein anderer Weg, zum Vormund bestellt zu werden, ist die gerichtliche Anordnung, aber wenn man so ist wie Sam und ich, na ja, dann ist das nicht sehr wahrscheinlich. Ich würde sagen, hier weicht der Staat vom Weg der Natur ab. Dürre männliche Elchwaisen stoßen sich die Hörner an den Köpfen älterer männlicher Elche ab. Im Grunde ziehen alle Tiere nach dem Abstillen die raue Atmosphäre einer zusammengewürfelten Herde der Enge eines Tierheims oder eines Zwingers vor. Wenn Sie mir nicht glauben, öffnen Sie einfach mal den Käfig. Dennoch beharrt der Staat darauf, die Kinder einzubuchten, statt ihnen bei zwei Männern ein Zuhause zu geben.

Die dritte Möglichkeit ist die testamentarische Verfügung. Das traf auf uns zu, und Barbara vertiefte sich noch mehr in die Feinheiten der Rechtslage. «In diesem Fall», sie las wörtlich aus ihren Notizen, «hat der Staat die Verpflichtung, das Mündel und sein Eigentum umgehend der Person zu übergeben, die im Letzten Willen und Testament des natürlichen Elternteils als Vormund angegeben wurde.»

«Und Julie hat uns angegeben», sagte Sam, um die Angelegenheit ein wenig zu beschleunigen.

Zu spät. Barbara hatte sich irgendwoher eine Orange genommen. «Diabetes», sagte sie, aber ich glaubte ihr nicht. Wenn sie hier irgendwo Schokolade gefunden hätte, würde sie sie auch allein aufessen. «Julie hat dich angegeben, Sam. Ed geht das nichts an.»

Dazu fiel mir nichts ein. Ich sah eine große Heftklammer an einem Dokument und überlegte, ob das nicht was für meine Haare wäre.

Barbara gab Sam eine Kopie von Julies Testament. «Niemand hat das Testament oder einzelne seiner Verfügungen angefochten. Es ist gültig.» Sie machte eine Pause. «Aber es gibt außerdem noch zwei Briefe, und die machen mir Sorge.» Sie zog sie aus einem Briefumschlag und strich den Falz glatt, damit Sam sie lesen konnte. «Zuerst hat mich gewundert, dass sie überhaupt existieren. Sie sind überflüssig. Das Testament begründet die Vormundschaft. Warum hat sich Julie so viel Mühe gegeben? Diesen hier scheint sie selbst geschrieben zu haben, darin bestätigt sie, mit dir über die Vormundschaft gesprochen zu haben. Dein Bruder Billy hat die Unterschrift bezeugt.»

Sam nickte und schaute auf die Uhr.

«Und diesen hast angeblich du geschrieben, aber die Unterschrift sieht erstaunlicherweise so aus wie die deines Bruders. Und gar nicht wie deine.»

Sam nickte.

Ich warf einen Blick auf Sams Brief, den Sam weder verfasst noch unterschrieben hatte. Sein Datum lag mehr als ein Jahr vor dem Essen mit Julie und Billy und dem chilenischen Wein.

«Hat Julies Anwalt die geschickt?», fragte Sam.

Barbara aß die letzten zwei Schnitze ihrer Orange und sagte dann Ja. «Er meinte, sie könnten für dich von sentimentaler Bedeutung sein, oder später einmal für das Mündel. Dies sind die Originale, aber ich lasse sie kopieren, bevor ihr geht.»

Sam nickte und blickte zu mir herüber, als ob er sagen wollte, Sie ist ihr Geld wert, oder?

Seitdem die Orange aufgetaucht war, hatte ich nichts mehr verstanden.

Sam meinte, «Du wolltest noch mehr zu den Briefen sagen.»

«Sie sind ganz einfach überflüssig», sagte Barbara. «Sie tragen nichts zur Lösung des Problems bei. Aber sie sind selber ein Problem. Ich habe sie gelesen, und ich bin ziemlich sicher, dass beide von derselben Person geschrieben wurden. Ich vermute, es war Billy.» Sie zeigte auf Sams gefälschte Unterschrift. «Aber warum nur?»

Sam riss ihr die Briefe aus der Hand. «Sie haben gar nichts zu bedeuten. Fürs Protokoll, du hast sie nie gelesen. Du hast gewartet, um den Umschlag in meiner Gegenwart zu öffnen, damit ich sie als Erster bekam. Dann bist du hinausgegangen, um mit deiner Sekretärin zu reden. Ich habe die Briefe aus Versehen mit anderen Unterlagen mit nach Hause genommen und sie dort verlegt. Wir haben nie wieder darüber gesprochen.»

Barbara schloss die Augen, als sei ihr Blutzuckerspiegel plötzlich abgesackt. «Lieber jetzt gründlich sein als später Ärger kriegen.» Sie ging hinaus, sprach mit ihrer Sekretärin und kam wieder herein. «Muss ich mir Sorgen machen, Sam?»

«Nein.» Sam steckte die Briefe zurück in den Umschlag. «Das mit dem Hinausgehen war etwas übertrieben, aber eine nette Geste. Falls ich gegen das Gesetz verstoße, dann nur durch meine Gutmütigkeit.»

Ich hatte noch nie eine richtige Hinterzimmer-Mauschelei miterlebt und war beeindruckt. Aber Sam war noch nicht fertig. Während er die Briefe in seine Aktentasche steckte, sagte er, «Ruf die Schwester in Troy an und sag ihr, Scot soll am nächsten Dienstag um zwölf Uhr mit gepackten Sachen bereit sein. Für die fünfte Klasse beginnt nächste Woche der Unterricht. Er soll mit den anderen zusammen anfangen. Wir können am Labor Day alles für ihn vorbereiten. Wie kommen sie dazu, ihn einfach ins Ferienlager zu schicken?»

Barbara meinte, «Es wird sich ein Sozialarbeiter um ihn kümmern, in Troy. Bis du ankommst, ist er juristisch gesehen ein Mündel des Staates.»

Sam stand auf und sagte, «Nur noch zwei Sachen. Niemand soll je zu Scot sagen, er sei so etwas wie ein Mündel. Und Ed geht das sehr wohl etwas an. Um ihn geht es nämlich in erster Linie, er ist mein Ein und Alles.»

Sams Bart sah gar nicht mehr adrett aus. Ich fand ihn cool. Und sein Arm um meine Schultern war auch ziemlich cool.

5

Es ist erstaunlich, wie viel sinnlosen Aktivismus man an einem verlängerten Wochenende entfalten kann. Ich mähte den Rasen, Sam putzte die Fenster. Ich kaufte neue Bettwäsche und Handtücher, und er besorgte einen Monatsbedarf an Frühstücksflocken in Portionsschachteln. Mildred Monterosso schleppte eine Sammlung von Werkzeug und Eimern an, außerdem einen alten Autoreifen und ein Seil. Es dauerte ein Weilchen, bis wir begriffen, dass das eine Schaukel sein sollte. Joan und Greg kamen ein paarmal mit dem vierjährigen Hank vorbei und machten sich über uns lustig. Später hängte Greg dann den Reifen an einen Ast des alten Apfelbaums. Robert und Danny kamen ohne ihre Pudelbestie aus Boston herüber und halfen beim Möbelschleppen. Am Sonntag kam Nula und brachte eine Brioche für Sam und einen Heyday-Kaffee für mich, außerdem eine Sammlung exklusiver Körperpflegeartikel für Scot in einer alten Holzkiste, die man richtig abschließen konnte. Sie hatte ihm einen Willkommensgruß auf eine Ansichtskarte von Cambridge geschrieben, aber sein Name war falsch. «Scot mit einem T? Darum kümmere ich mich. Bevor ich sterbe, kriegt er ein zweites T.»

Das Hin und Her ging auch am Montag weiter, mit Nachbarn und Freunden, brauchbarem Spielzeug und unbrauchbaren Schneeschuhen. Andrea Burlington und ihre Söhne schauten von der anderen Straßenseite aus dem Fenster zu, und ab und zu kam der neue Vater der Jungs zum Rauchen vor die Tür und begutachtete unsere Schätze. Unsere Häuser waren identisch – weiße Arbeiterhäuser von der Jahrhundertwende mit Schindeldächern –, und wir teilten uns das tote Ende der Finn Street, wie Kinder sich ein Doppelbett teilen: Die Grenze wird scharf bewacht.

Joan und Greg Koester kamen am Montag nicht. Sie entrümpelten lieber die leere Hälfte ihres großen gelben Eckhauses am Anfang der Straße. Dabei sagten sie jedem, der es hören wollte, dass ihr Haus viel zugemüllter sei als unseres. Sie wohnten in der ruhigen Haushälfte an der Finn Street und vermieteten die andere, die zur lebhaften Massachusetts Avenue ging. Ihre Nachbarn von gegenüber, ein aufstrebendes junges Ehepaar, denen das andere Eckhaus gehörte, eine blaue viktorianische Bausünde, sprachen nicht mit uns anderen, außer um nachzuforschen, wie die gebrauchten Kondome und die Mülltonnendeckel unter ihre geometrisch geschnittenen Büsche gelangt waren. Keiner konnte sich ihre Namen merken, weil Joan sie immer nur die Gestrandeten Königskinder nannte. Sie bildeten sich offenbar ein, sie wohnten am Harvard Yard. Der war von der Finn Street zwar nur zehn Minuten Fußweg entfernt, aber unsere einzige offizielle Verbindung zur Universität war ein Gastprofessor der juristischen Fakultät, Joan und Gregs zukünftiger Mieter, der im Oktober einziehen würde.

Zwischen den Königskindern und den Burlingtons stand ein kleines graues Haus im klassizistischen Stil, mit Schrägdach und Säulen an der vorderen Veranda, das jeder gern gehabt hätte. Louisa Bramford war nach North Carolina gezogen, um «in einem Hurrikan umzukommen», wie sie sagte. Louisa hatte seit ihrer Kindheit in dem grauen Haus gewohnt, und sie kannte jeden Klatsch über das Leben in der Finn Street seit den zwanziger Jahren; wenn ihr der Stoff ausging, dachte sie sich etwas aus. Sie gab sich die größte Mühe, jedem von uns besonders ausgefallene Geschichten über die früheren Bewohner unserer Häuser zu erzählen, ob sie nun wahr oder erfunden waren.

Ihre Familie hatte vor, das verkommene Haus zu renovieren und zu verkaufen, aber außer der Blütenpracht einer Herbstklematis, die Louisa selbst noch an ihrem Zaun gepflanzt hatte, bevor sie fortging, war bisher keine Verbesserung festzustellen.

In dem Bauernhaus mit einer Fassade aus Blechschindeln gleich neben uns wohnten Mildred Monterosso und ihr Ehemann George mit ihrem erwachsenen Sohn, der auch George hieß. Die Monterossos sind nette, riesenhafte Menschen, und am Montagnachmittag saßen sie alle drei in unserem Wohnzimmer und aßen Sandwiches, die Mildred mitgebracht hatte. Bevor sie gingen, inspizierten die beiden Georges unseren Keller. Als gelernte Maurer versprachen sie, ihn in Ordnung zu bringen, zumindest «das Allernötigste». Mildred sagte, «Hör nicht auf die. Euer Keller ist nicht mehr der Jüngste, aber das macht nichts. Die Burschen haben überall was zu meckern; am liebsten würden sie die Nähte an meinen Schuhen zuspachteln.»

Jeremy, Sams Partner im Rückenbrechen, brachte Luftballons vorbei, und Barbara kam in ihren gelben Holzschuhen mit zwei Teddybären – ich nehme an, einer für Scot und der andere für mich. Aus Mailand rief jemand an und sagte etwas, das Sam nicht verstand, und meine Schwester hatte uns trotz des Feiertags drei blau-weiß karierte Cornflakes-Schalen und drei passende Kaffeebecher zustellen lassen, was ein Vermögen gekostet haben muss.

Am Dienstagmorgen überraschte mich Sam mit der Mitteilung, dass er alleine nach Troy fahren wolle. «Das soll kein Familientreffen werden oder so, nur das Nötigste. Ich will mich nicht mit Leuten anfreunden, die Scots Mutter nicht ordentlich beerdigen konnten und ihn sofort ins Ferienlager abgeschoben haben. Danach mache ich dann keine Alleingänge mehr, versprochen.» Als Scot um sieben Uhr abends unser Haus betrat, trug er einen braunen Trikotschlafanzug und Sams Pullover mit V-Ausschnitt. Er sah hinüber zur Treppe, sagte «Hallo Ed» und lief hinauf in sein Zimmer, das kleine mit der neuen Bettwäsche. Weiter sprach er kein Wort, bis er am Mittwochmorgen das Haus verließ – «Dann also bis heute Abend.»

Ich fand nichts von dem in seinem Gepäck, was ein Junge normalerweise besitzt oder besitzen möchte. Seine Wäsche war schmutzig, und offenbar besaß er keinen Pullover und keinen ordentlichen Wintermantel. Sam wirkte ratlos. «Komisch, Julies Schwester machte einen guten Eindruck. Helen. Sie war sehr freundlich, sie meinte, sie würden ihn gern anrufen oder ihm schreiben, wenn wir das wollten. Helen war Scot vorher erst zwei oder drei Mal begegnet. Sie hat selbst drei Kinder, glaube ich wenigstens. Sie waren im Kindergarten oder so, aber die haben doch bestimmt Pullover. Sie hat nicht mal seine Wäsche gewaschen.»

Ich sagte nur, «Ich wasche seine Sachen. Wir gehen mit ihm einkaufen.»

«Ich habe Julies Mutter getroffen. Sie trägt eine schwarze Pagenkopf-Perücke und hat mich gefragt, ob ich segeln gehe.» Sam sah mich an, als ob er irgendeine Zustimmung von mir erwartete.

«Ist sie gaga?»

«Sie bringt sich mit Wein und Kräuterschnaps um.» Sam kam mit mir in die Küche und nahm sich ein Hühnerbein. «Es war auch keine Überdosis, nur der Vollständigkeit halber. Ich habe den Bericht des Leichenbeschauers gelesen. Jemand – entweder Julie selbst oder ein guter Bekannter – hat ihr Luft in die Vene gepumpt und sie getötet. Und Helen sagt, Scot glaubt, dass sie bei einem Verkehrsunfall getötet wurde. Können wir bald schlafen gehen?»

Sam aß noch ein Hühnerbein und ging nach oben, um nach Scot zu sehen. Ich blieb unten und inspizierte Scots zweite Tasche, eine wahrhaftige Wundertüte. Es war ein schwarzer Nylonseesack. Als ich den Reißverschluss öffnete, fiel eine rosa Haarbürste heraus und fing sofort an, ein schepperndes Kinderlied zu spielen. Ich brachte sie in die Küche und wartete, bis die Melodie zu Ende war. Als Nächstes bekam ich zwei Tupperdosen voller Plastikperlen und falscher Goldkettchen zu fassen. Dann ein Marmeladenglas mit zwei Paar weißer Kniestrümpfe, eins davon mit Spitzensaum. Das gab mir den Rest. Ich hatte die Vision, einen verkleinerten Scot in der Hand zu halten, eingelegt in Formaldehyd, der sich Kniestrümpfe auf die Beine gemalt hat. Ich verschloss die Tasche und trug sie hinauf in sein Zimmer. Sam hatte den Kopf gegen den Schrank gelehnt und schlief auf dem Fußboden. Scot war zu ihm heruntergerutscht und lag zusammengerollt in seinem Schoß.

Am Mittwochmorgen weigerte sich Scot, Strümpfe anzuziehen, und Sam brachte ihn zu seiner neuen Schule, die zwar eigentlich auf meinem Weg zur Arbeit liegt, aber ich hatte Angst, ich könnte mich zu einer schnippischen Bemerkung über bloße Füße hinreißen lassen. Um halb zwölf waren Sam und Scot wieder zu Hause, weil Scot in der Schule keinen Ton mehr sagen wollte, sobald Sam gegangen war.

Die Schaukel im Hof schien Scot zu gefallen, und Sam rief in seiner Praxis an und sagte alle Termine für den Nachmittag ab. Es dauerte nicht einmal zwanzig Minuten, bis Tony Burlington, eins der Glatzenkinder von gegenüber, Scot mit einem roten Lenkradschloss umzubringen versuchte. Sam erzählte, dass er Tony am Kragen packen und mit dem Eisenschloss in Schach halten musste, bis seine Mutter ans Badezimmerfenster kam. Sie trug einen Mundschutz, wie immer, wenn sie mit frischer Luft konfrontiert wurde. Soweit Sam sie verstand, hatte Tony die Schule geschwänzt, und er solle ihn festhalten, bis die Polizei käme und ihn zum Klassenlehrer brachte. Andrea Burlington und ihre Kinder schafften es immer wieder, den Steuerzahler für ihre privaten Belange aufkommen zu lassen.

Als ich nach Hause kam, ging Scot gerade die Massachusetts Avenue entlang in Richtung Harvard Square, und zwar zusammen mit Ryan, dem anderen Glatzenkind der Burlingtons. Ryan war zwei Jahre älter als Tony. Scot ließ einen Beutel mit irgendetwas in seiner kleinen Hosentasche verschwinden. Später erfuhr ich, dass sie bei Carnduff gewesen waren, einer altehrwürdigen Apotheke, die sich neben pharmazeutischer Grundversorgung auf Badezusätze spezialisiert hatte. Bevor ich etwas sagen konnte, verabschiedete sich Ryan, und Scot erzählte mir von Tonys Anschlag auf sein Leben. Auf dem Weg nach Hause fing er an zu weinen. Sam weigerte sich, das Lenkradschloss, das er Tony abgenommen hatte, in unserem Wohnzimmerfenster auszustellen, was nach Scots Meinung die einzige Möglichkeit war, Tony von neuen Angriffen abzuhalten. Auch in dieser Nacht schlief Sam bei Scot.

Donnerstag war schwierig und entmutigend und machte uns ein wenig Angst. Sam und ich hatten das Gefühl, in einem geliehenen Wagen ohne Bremsen eine dunkle Straße hinunterzurasen. Scot bat Sam, mit einem unserer Fahrradhelme zur Schule gehen zu dürfen, für den Fall, dass Tony auftauchen sollte, aber er musste sich mit einem Extrabecher zuckerfreiem Schokoladenpudding zufriedengeben, den er als Schutzgeld verwenden könnte, meinte Sam. Scot überstand den Tag, und als ich nach Hause kam, saß er vor der Haustür, den Pullover über den Kopf gezogen, neben ihm ein dicker asiatischer Junge mit Zahnspange. Er stellte sich als der Schülerlotse vor und entschuldigte sich dafür, dass er kein Abzeichen trage, aber er warte noch damit, bis auch die orangefarbenen Schärpen ausgegeben würden.

«Scot hatte Angst, nach Hause zu gehen, und er wollte nicht zu meiner Mutter in den Wagen steigen. Ich heiße Joey Morita, und vielleicht werden Scot und ich ja irgendwann mal Freunde.» Joey zeigte zur Straße, und seine Mutter winkte zu uns herüber.

Ich brachte Joey zum Wagen, zusammen mit Scot, der seinen Kopf noch immer unter dem Pullover versteckte.

Mrs Morita fragte, «Ist es ein Junge oder ein Mädchen?» Ich nehme an, sie wollte Scot provozieren und ihn dazu bringen, seine Geschlechtsidentität auf männliche Weise zu demonstrieren.

Scot sagte nur, «Das ist mir alles viel zu blöd.»

Mrs Morita starrte Scot an, und das Lächeln gefror ihr auf den Lippen. Schließlich fuhr sie davon, ohne ein Wort zu sagen.

Bevor Scot unter seinem Pullover hervorkam, hatte ich ausreichend Gelegenheit, seinen Gürtel zu betrachten. Er war aus glänzend weißem Lackleder mit tanzenden rosafarbenen Hunden und kleinen schrägen Notenzeichen.

In dieser Nacht kam Sam wieder in unser Bett. Als er mich auf den Rücken küsste, zuckte ich zusammen, und er sagte, «Gar nicht gut.»

«Was ist gar nicht gut?» Ich blickte zur Uhr.

«Du bist so angespannt.»

«Ja, das kann man sagen», erwiderte ich.

«Ich auch.» Sam ließ die Hand auf meiner Hüfte liegen. «Doch wohl nicht deshalb, weil er im Haus ist?»

«Nein, nicht direkt.»

«Warum dann?» Sams Hand wanderte über meinen Schenkel.

«Wenn ich Scot so anschaue, dann verstehe ich nur zu gut, was für einen Eindruck er wohl auf Tony Burlington macht.»

«Aber wir sind nicht die Burlington-Jungs», sagte Sam.

«Genau», erwiderte ich, «deshalb haben die auch keinen Respekt vor uns.»

Sam zuckte zusammen.

6

Sam wollte über die gefälschten Briefe sprechen, und wir verabredeten uns für Samstagabend, aber am Samstag war ich mit Scot im Gardner Museum gewesen, und wir hatten auf dem Rückweg beim Chinesen ein paar Sachen gekauft und kalt gegessen. Scot hatte nämlich mitbekommen, dass Nula am Sonntagmorgen zu uns kommen würde, und in einer Aufwallung von Dankbarkeit für die Pflegeprodukte hatte er die Haustür mit Plastikrosen beklebt, die Sam selbst mit dem Steakmesser oder einem Farbspatel nicht wieder herunterbekam. Und dann brachen alle Dämme: «Warum versteht ihr mich denn nicht? Ihr versteht mich kein bisschen! Keiner versteht mich!»

Mir ist klar, dass Kinder das dauernd sagen, aber wahrscheinlich war diese Klage noch niemals zuvor so berechtigt wie gerade jetzt.

7

Am Sonntag war es eigenartig warm und ruhig, und Sam schlief noch, als ich mich aus dem Bett wälzte. Die Zeitung lag auf dem Küchentisch, und auf der Vordertreppe unterhielten sich Scot und Ryan Burlington, ihre Stimmen drangen bis in die Küche. Ich wartete damit, den Kaffee zu mahlen, um sie nicht aufzuscheuchen.

Ryan meinte, sein Bruder Tony mache gerade eine gewalttätige Phase durch, aber diese Erklärung hielt Scot nicht für ausreichend. Er verlangte Schutz vor weiteren Angriffen, und Ryan sagte, «Komm runter, ich hab dir doch gesagt, dass ich mich darum gekümmert habe.» Scot erwiderte, «Dafür könnte ich dich küssen», aber Ryan sagte, «Lass mal, so bekifft bin ich noch nicht. Erzähl mir lieber mehr davon, was deine Mutter über Nadeln gesagt hat.»

Und Scot erzählte. «Also pass auf. Mit der sauberen Nadel kannst du dir die richtige Dröhnung verpassen, mit den schmutzigen ist es einfach nur Kacke. Es gibt so Busse, in denen kann man die alten gegen neue umtauschen. Frag am besten das Gesundheitsamt.» Und im gleichen Tonfall fuhr er fort, «Darf ich deinen Kopf anfassen?» Es fühlte sich wohl komisch an, denn ich hörte ihn kichern. Dann wurde er wieder ernst und sagte, «Glatzen sind wahrscheinlich nicht so meine Sache, aber danke schön.»

«Kein Problem», sagte Ryan, «ich glaube, ich geh dann mal.»

Ryan Burlington war nicht immer so friedlich gewesen. Als Sam und ich hier eingezogen sind, kurvten er und sein Bruder mit ihren Chopper-Rädern vor unserem Küchenfenster auf der Straße herum. Sie schrien «Tunten!», und trommelten dabei auf Mülltonnen herum, bis ihr damaliger Vater sie ins Haus holte. Aber dann kam Ryan zur Highschool. Jetzt war er die meiste Zeit bekifft und legte sich einen Harem von Mädchen an, die alle wie kleine Louise Brooks’ aussahen. Seitdem verlagerte sich sein Zugehörigkeitsgefühl auf die andere Straßenseite, nicht direkt zu Sam und mir, aber immerhin fort von seiner maskentragenden Mutter und seinem strengen neuen Vater.

Ryan blieb dann doch noch ein wenig länger, weil Scot ihm ziemlich genau erklärte, wie man sein Besteck zur Not mit Bleichmittel reinigen kann, und ich glaube, bevor er ging, hat Ryan ihm ein oder zwei Dollar gegeben. Jemand versorgte Scot also heimlich mit Geld. Jemand half ihm dabei, sich Parfüm und Badezusätze zu besorgen.

Scot kam zu mir in die Küche.

Ich sagte, «Danke für die Zeitungen.»

«In echt?»

«In echt», sagte ich.

«Keine Ursache, Ed», meinte Scot. Er kletterte auf den Küchentresen und nahm sich eine karierte Schale und einen Kaffeebecher. Dann fragte er, ob er mir einen Kaffeebecher holen sollte.

«In echt?», sagte ich.

Er lachte und sagte, «In echt.»

Ich kochte Kaffee. Scot entschied sich für süße Frühstücksflocken. Wir blätterten beide in der Zeitung. Ich schenkte uns Orangensaft ein und bot an Toast zu machen, aber Scot lehnte höflich ab. Er wollte wissen, ob Sam und ich verheiratet wären.

Ich verneinte. Scot sagte, «Das habe ich mir gedacht.»

Und ich dachte nur, Was kommt wohl als Nächstes.

Scot sagte, «Ihr seid also ganz einfach schwul, oder?»

«Und wir lieben uns beide.»

Scot meinte, «Viele Kinder sagen, dass ich schwul bin.»

«Was denkst du, was sie damit wohl meinen?» Ich fand, Sam hätte mir ruhig die wichtigsten Verhaltensregeln erklären können. Ein paar davon kannte ich: Scot sollte sich am Schulunterricht beteiligen, er durfte kein Parfüm auflegen, ohne vorher zu fragen, und es war ihm inzwischen verboten, unsere nächsten Nachbarn Mr und Mrs Montasaurus zu nennen.

Scot war in die Betrachtung eines Fotos in der Sonntagsbeilage vertieft. Er hielt sich einen Löffel an die Stirn und sagte, «Ich glaube, sie meinen damit, dass sie uns nicht leiden mögen.»

«Vielleicht», sagte ich. «Vielleicht meinen sie auch nur, dass sie uns nicht richtig kennen.» Natürlich war das ziemlich lahm, aber es klang irgendwie optimistisch und elternhaft. Schamlos suchte ich Zuflucht bei dem Philosophen von gegenüber. «Was sagt denn Ryan Burlington dazu?»

Scots Miene hellte sich auf. «Ryan sagt, Love the one you’re with.»

Vor Überraschung fiel mir dazu nichts ein. Ryan war wirklich ein cleveres Kerlchen.

Sam wankte mit Bademantel und Bart zu uns herunter. Was für eine liebevolle Szene bot sich ihm dar, Scot und ich mit passenden Kaffeebechern, auch wenn wir noch kein gesundes Frühstück zustande gebracht hatten.

Sam hatte für heute eine Menge vor, und als er begann, statt Kaffee grünen Tee zuzubereiten, war mir klar, dass er nicht gut geschlafen hatte. Um zehn sollte Nula kommen, wir wollten zusammen Sachen für Scot einkaufen. Sam würde kurz im Büro vorbeischauen, und irgendwie müssten wir drei Zeit finden, um aufzuschreiben, was alles zu besprechen war. Außerdem standen ein paar neue Regeln an, zum Beispiel waren Aufkleber verboten und im Haus Streichhölzer anzuzünden, und dann musste Scot auch noch baden, Zähne putzen und sein Zimmer aufräumen. Vermutlich würde es regnen, wir sollten also besser die Fenster zumachen, bevor wir das Haus verließen. Gott sei Dank kochte endlich das Teewasser.

Scot blies in die zusammengelegten Hände und roch seinen Atem. «Ich hoffe, Ryan hat nicht gemerkt, dass ich Mundgeruch habe.» Er machte ein Eselsohr in die Seite und klappte das Magazin zu.

Sam sagte, «Wir werden uns ab jetzt jede Woche ein paar Ziele setzen. Zum Beispiel mindestens einen neuen Freund finden.»

Scot fragte, «Jeder?»

Ich schaute Sam an, aber statt einer Antwort wärmte er einen seiner schickeren Steingut-Teebecher mit heißem Wasser vor, und das hieß, er war schrecklich müde. Schließlich sagte er, «Jeder hat seine eigenen Ziele.»

Mein Ziel war Würstchen zum Frühstück, aber mir war klar, daraus würde nichts werden. Sam wärmte sich etwas alte Buchweizengrütze in fettloser Milch auf, mit einem Löffel Buchweizenhonig darin. Wenn ihm etwas richtig gegen den Strich ging, machte Sam Ernst mit Vollwertkost. Er aß nur noch Putzmittel wie das Weiße vom Ei, Sellerie und fiese kleine Körner, die dem Körper mehr nahmen, als sie ihm gaben.

Scot sagte, «Das mit den Aufklebern tut mir leid, Sam.»

Sam meinte, «Entschuldigung angenommen», was ich ziemlich halbherzig fand, aber Scot sah erleichtert aus und ging nach oben, um sich um das Chaos auf seinem Schreibtisch und seinen schlechten Atem zu kümmern.

Ich machte Toast.

Sam roch an seinem Tee und trank schließlich einen Schluck.

Ich trank Kaffee.

Sam sagte, «Wir brauchen ein Erziehungskonzept.»

Ich meinte, «Ich brauche ein paar neue Krawatten.»

Sam sagte, «Ich will nicht, dass er mit Jungs von der Highschool herumhängt.»

«Entschuldigung», sagte ich.

«Entschuldigung angenommen.» Hinter ihm blubberte sein Frühstück. «Das war ein Witz, Ed. Alles in Ordnung.» Aber er lächelte nicht.

Ich sagte, «Er wollte wissen, ob wir verheiratet sind.»

«Scot wirft eine Menge Fragen auf.» Sam stand auf, damit sein Frühstück nicht anbrannte, aber bevor er zum Herd ging, legte er die Sonntagsbeilage auf meinen Teller.

Ich schlug die Seite auf, wo Scot das Eselsohr gemacht hatte. Es war eine Anzeige. Sie zeigte einen attraktiven jungen Mann in einem klassischen blauen Blazer. Mit gestärktem weißen Hemd. Wunderschöner Krawatte mit gelbem Paisley-Muster. Stirn und Wangen wie Marmor. Schwarzes Haar. Blaue Augen. Zartrosa Lippenstift.

Beim Essen des Kasha kam Sam zu sich. Entspannt lehnte er an der Spüle, die Schale mit dem Karomuster in der Hand. «Scot hat zwei Make-up-Sets. Und beide benutzt er regelmäßig.»

«Ich nehme an, du hast keinen Football oder Stollenschuhe in seinem Gepäck gefunden?»

«Nein, aber ein Bettelarmband», sagte Sam.

Ich erwiderte, «Anhand dieser Beweise müssen wir davon ausgehen, dass wir eine kleine Tunte großziehen.»

Sam meinte, «Wir können davon ausgehen, dass er kein Mittelstürmer ist.»

«Und eine Tunte verhält sich zum Mittelstürmer wie ...?»

Sam sagte, «Wie ein Chiropraktiker zu einem Arzt.»

Ich meinte, «Wie ein Redakteur zu einem Bildhauer. Oder sollte man sagen, wie ein Bildhauer zu einem Redakteur?»

Sam sagte, «Wie grüner Tee zu Kaffee.»

Ich sagte, «Nein, pass auf. Eine Tunte verhält sich zu einem Mittelstürmer wie ein Halstuch zur Krawatte.»

«Ganz genau», sagte Sam. «Es geht um Stil, nicht um Moral.»

Ich gab ihm recht. «Auf keinen Fall um Moral. Stil hat nicht einmal mit Ethik zu tun.»

«Nicht, solange wir ihn nicht zu ändern versuchen. Dann würden wir es gehörig mit der Ethik zu tun kriegen.»

«Genau», sagte ich, «von hier aus sieht es wie seichtes Wasser aus, aber sobald wir einen Fuß hineinsetzen, schlägt es über unseren Köpfen zusammen. In null Komma nichts ertrinken wir in Make-up-Regeln und anderen moralischen Vorschriften.»

Sam fragte, «Wollen wir zusammen springen?»

Ich sagte nichts. Wir waren längst untergetaucht.

«Was geht dir durch den Kopf?», fragte Sam.

Ich sagte, «Aftershave, Bikini-Unterteile, parfümierte Haarsprays, Ohrringe und Brustpiercings, Handtücher mit Monogramm, Slipper mit Troddeln, und eine Gänsehaut bei dem Gedanken, wie Scot sich wohl an Halloween verkleidet.»

8

In einer Hinsicht war Scot vollkommen – er war ein Chaot durch und durch. Er ließ Stifte auf Stühlen liegen, Notizbücher im Kühlschrank, Comics im Wäschekorb, Toasts auf der Fensterbank, und einen Saum von lila Badeschaum am Wannenrand. Beim Anziehen verfuhr er nach derselben Methode – es kam eben eins zum andern.

Als Nula endlich eintraf und Birnen und Äpfel mitbrachte, war fast schon Mittagszeit. Sie hatte keine Lust, einkaufen zu gehen. Und dann kam Scot herunter. Die sichtbaren Schichten seiner Kleidung waren blaue Baumwollschuhe mit Kreppsohle, rote Cordhosen mit Schlag, die Jacke seines braunen Pyjamas, Sams Pullover fesch um den Hals gelegt, und eine weiße Regenkappe aus Gummi. Er gab Nula die Hand und bedankte sich für die Holzkiste mit Pflegeprodukten. «Sie sind himmlisch», sagte er. Dann meinte er schüchtern, er habe etwas vergessen, und kurz darauf kam er mit einem durchsichtigen Plastikregenschirm zurück, der Griff in der Form einer Zuckerstange.