Frevel - Stephanie Parris - ebook

Frevel ebook

Stephanie Parris

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Opis

Ein grausamer Mordfall erschüttert den englischen Königshof ...

England, 1583. Königin Elisabeths Herrschaft ist bedroht. Gerüchte gehen um, dass die katholische Maria Stuart, Elisabeths Cousine, auf den Thron gesetzt werden soll. Der Freigeist Giordano Bruno wird nach London geschickt, um Beweise für das Komplott zu finden. Doch dann wird eine der Ehrenjungfrauen der Königin ermordet aufgefunden. In den Händen hält sie einen Rosenkranz, ihr toter Körper ist mit okkulten Symbolen übersät. Ist schwarze Magie im Spiel? Oder hat der Mord etwas mit Elisabeth zu tun? Bruno ermittelt und verstrickt sich immer tiefer in höfische Intrigen und religiöse Verschwörungen ...

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STEPHANIE PARRIS

FREVEL

Stephanie Parris

Frevel

Roman

Aus dem Englischen

von Nina Bader

Die Originalausgabe erschien 2011 unter dem Titel »Prophecy«

bei HarperCollinsPublishers, London.

1. Auflage

© der Originalausgabe 2011 by Stephanie Merritt

© der deutschsprachigen Ausgabe 2012 by Limes Verlag, München,

in der Verlagsgruppe Random House GmbH

Satz: KompetenzCenter, Mönchengladbach

ISBN 978-3-641-08238-3

www.limes-verlag.de

Prolog

Mortlake, Haus von John Dee

3. September im Jahr des Herrn 1583

Ohne Vorwarnung flackern alle Kerzen im Raum und erlöschen, als wäre ein plötzlicher Luftzug hereingezogen, aber die Luft bleibt ruhig. Im selben Moment beginnt die Haut meiner Arme zu kribbeln, die Härchen richten sich auf, und ich erschauere – ein kalter Atemzug streift uns, obwohl draußen der Tag allmählich anbricht. Verstohlen schiele ich zu Doktor Dee, der wie zu einer Marmorstatue erstarrt dasteht, die Hände wie im Gebet versunken gefaltet und die Knöchel beider Daumen erwartungsvoll gegen die Lippen gepresst hat – oder gegen das, was durch seinen aschgrauen Bart davon zu sehen ist, der ihm in einer Imitation Merlins, als dessen Erben sich Dee heimlich betrachtet, spitz zulaufend bis auf die Brust fällt. Ned Kelley, der Wahrsager, kniet vor dem Arbeitstisch auf dem Boden, kehrt uns den Rücken zu und hält den Blick auf den gänseeigroßen, hellen, durchsichtigen Kristall gerichtet, der in einem Messingständer auf einem quadratischen roten Seidentuch ruht. Die hölzernen Läden der Fenster des Studierzimmers sind geschlossen; diese Zeremonie muss im Schatten, im Kerzenlicht durchgeführt werden. Kelley holt tief Atem wie ein Schauspieler, der sich anschickt, seinen Prolog zu sprechen, und breitet die Arme aus wie ein Gekreuzigter.

»Ja …«, keucht er schließlich. Seine Stimme ist kaum lauter als ein Flüstern. »Er ist hier. Er gibt mir ein Zeichen.«

»Wer?« Dee beugt sich mit vor Eifer funkelnden Augen vor. »Wer ist er?«

Kelley wartet kurz mit der Antwort. Seine Brauen ziehen sich zusammen, als er sich auf den Kristall konzentriert.

»Ein Mann, größer als ein gewöhnlicher Sterblicher, mit einer Haut so dunkel wie poliertes Mahagoni. Er ist von Kopf bis Fuß in ein zerrissenes weißes Gewand gehüllt, und seine Augen bestehen aus rotem Feuer. Mit der rechten Hand hält er ein Schwert in die Höhe.«

Bei diesen Worten fährt Dees Kopf herum, er umklammert meinen Arm und starrt mich an. Der Schock in seinem Gesicht muss sich in meinem eigenen widerspiegeln. Genau wie ich hat er die Beschreibung erkannt: Das Geschöpf, das Kelley in dem Kristall sieht, passt zur ersten Figur im Zeichen des Widders, so wie der antike Philosoph Hermes Trismegistos es beschreibt. Es gibt sechsunddreißig solcher Gestalten, die ägyptischen Götter der Zeit, die die Einteilung des Tierkreises beherrschen und von denen manche als »Sternendämonen« bezeichnet werden. Doch es gibt nur wenige Gelehrte in der christlichen Welt, die die Figur identifizieren können, die Kelley sieht, und zwei davon befinden sich hier in diesem Studierzimmer in Mortlake. Wenn es wirklich das ist, was Kelley sieht. Ich ziehe es vor, mich nicht dazu zu äußern.

»Was sagt er?«, drängt Dee.

»Er hält ein Buch vor sich«, erwidert Kelley.

»Was für ein Buch?«

»Ein altes Buch mit abgewetztem Einband und Seiten aus Blattgold.« Kelley lehnt sich tiefer über den Kristall. »Wartet! Er schreibt mit dem Zeigefinger etwas darauf – mit Blut.«

Ich würde gern fragen, was die Gestalt mit dem Schwert gemacht hat, während sie schreibt – es sich vielleicht unter den Arm geklemmt? –, aber Dee würde es mir verübeln, wenn ich diese Angelegenheit ins Lächerliche zöge. Ich höre, wie er neben mir zischend den Atem einzieht. Er brennt darauf zu erfahren, was der Geist schreibt.

»XV«, berichtet Kelley nach einem Augenblick. Er dreht sich um, erst, um zu uns aufzublicken, und dann, um über seine rechte Schulter zu spähen. Er wirkt verwirrt. Vielleicht erwartet er, dass Dee die Zahlen deutet.

»Fünfzehn, Bruno«, flüstert Dee, dabei sieht er mich bestätigungsheischend an. Ich nicke einmal. Das verloren geglaubte Buch von Hermes Trismegistos, das Buch, das ich in England zu finden gehofft hatte und von dem ich jetzt weiß, dass Dee es vor Jahren in den Händen gehalten hatte, nur um brutal überfallen und beraubt zu werden und es wieder zu verlieren. Konnte das sein? Mir kommt plötzlich ein Gedanke: Was, wenn Kelley die Besessenheit seines Herrn von diesem fünfzehnten Buch kennt?

Der Wahrsager gebietet mit erhobener Hand Schweigen, ohne den Blick von dem Kristall abzuwenden.

»Er blättert die Seite um. Jetzt zeichnet er etwas … es sieht aus wie … ja, es ist ein Zeichen – rasch, holt mir Papier und Tinte!«

Dee beeilt sich, das Verlangte zu bringen. Kelley streckt eine Hand danach aus und schwenkt sie ungeduldig, als fürchte er, das Bild könne verschwinden, bevor er Zeit hätte, es auf Papier festzuhalten. Er nimmt die Feder und zeichnet, den Kristall immer noch eindringlich betrachtend, das astrologische Symbol des Planeten Jupiter und hält es uns zur Begutachtung hin.

Ich erstarre. Dee, dessen Hand nach wie vor auf meinem Arm ruht, spürt es und dreht sich halb zu mir um, um mich mit fragend hochgezogenen Brauen zu mustern. Ich bemühe mich, eine unbeteiligte Miene zu wahren. Das Zeichen des Jupiter ist mein Code, meine Unterschrift sozusagen; es ersetzt meinen Namen als Beweis dafür, dass meine Nachrichten und Informationen wirklich von mir stammen. Nur zwei Menschen auf der Welt wissen dies: ich selbst und Sir Francis Walsingham, der erste Staatssekretär und Geheimdienstchef Ihrer Majestät. Das Zeichen kommt in der Astrologie häufig vor, und Kelley hat es sicherlich zufällig gezeichnet, trotzdem betrachte ich seinen Hinterkopf mit wachsendem Argwohn.

»Auf die gegenüberliegende Seite«, fährt Kelley fort, »malt er etwas anderes.« Auch das überträgt er auf das Papier; die Feder kratzt träge über das Blatt, als verrinne die Zeit zäher, während er die Offenlegung des Bildes in den Tiefen des Kristalls beobachtet: diesmal das Symbol des Saturn – ein Kreuz mit einem geschwungenen Schweif.

Dees Atemzüge beschleunigen sich, als er das Papier nimmt und mit zwei Fingern dagegenschnippt.

»Jupiter und Saturn. Die Große Konjunktion. Ich denke, Ihr versteht, Bruno?« Ohne meine Antwort abzuwarten, wendet er sich ungeduldig an Kelley. »Ned – was tut der Geist jetzt?«

»Er öffnet den Mund und bedeutet mir zuzuhören.«

Kelley verstummt und verharrt regungslos. Einige Momente verstreichen.

Dee beugt sich voller Erwartung vor, so als würde er von einem straff gespannten Seil gehalten und schwanke zwischen dem Wunsch, sich auf seinen Wahrsager zu stürzen und ihn zu schütteln, und der Furcht davor, ihn in die Enge zu treiben. Als Kelley endlich weiterspricht, klingt seine Stimme verändert, irgendwie dunkler, und er verkündet wie in Trance:

»›Alle Dinge haben nahezu ihre Vollendung erreicht. Die Zeit selbst soll verändert werden, und seltsam sollen die entstehenden Wunder sein. Wasser soll in Feuer vergehen und eine neue Ordnung daraus entstehen.‹«

Hier bricht er ab und stößt einen langen, zittrigen Seufzer aus. Dees Griff um meinen Arm verstärkt sich. Ich weiß, was er denkt. Kelley fährt in demselben unheilvollen Ton fort: »›Die Hölle selbst wird der Erde überdrüssig werden. Zu dieser Zeit wird sich einer erheben, der genannt werden wird der Sohn des Verderbens, der Herr des Irrtums und der Prinz der Finsternis, und er wird viele durch seine magischen Künste in die Irre führen, sodass es scheinbar Feuer vom Himmel regnet und der Himmel die Farbe von Blut annimmt. In Kaiserreichen, Königreichen, Fürstentümern und Staaten werden Umstürze stattfinden, Väter werden sich gegen Söhne und Brüder gegen Brüder wenden. Es wird Aufruhr geben unter der Bevölkerung der Erde, und Blut wird durch die Straßen der Städte strömen. Daran sollt ihr das Ende der alten Ordnung erkennen.‹«

Er hält inne und lässt sich schwer atmend auf seine Fersen sinken. Seine Brust hebt und senkt sich, als sei er eine Meile in der Hitze gerannt. An meiner Seite spüre ich, wie Dee, der immer noch mein Handgelenk umkrallt, zittert; ich spüre, dass er nach weiteren Worten des Geistes lechzt, den Wahrsager stumm drängt, nicht hier aufzuhören, aber aus Angst, den Bann zu brechen, nicht wagt, laut zu sprechen. Ich selbst behalte mir Bedenken vor.

»›Doch Gott hat eine Medizin für das Leiden der Menschen‹«, deklamiert Kelley in demselben Ton und setzt sich so plötzlich auf, dass wir beide zusammenschrecken. »›Es wird sich zugleich ein Prinz erheben, der im Licht von Vernunft und Logik herrscht, der die Dunkelheit der alten Zeiten vertreibt, und mit ihm wird die Veränderung der Welt beginnen, und so wird er einen Glauben einführen, eine alte Religion der Einheit, die den Zwistigkeiten ein Ende setzt.‹«

Dee klatscht vor Freude in die Hände und dreht sich mit leuchtenden Augen und der Begeisterung eines Kindes zu mir um. Es fällt schwer zu glauben, dass er in seinem sechsundfünfzigsten Herbst steht.

»Die Prophezeiung, Bruno! Was kann das anderes sein als die Prophezeiung der Großen Konjunktion, des Endes der alten Welt? Ihr seht das ebenso klar wie ich, mein Freund – dank der guten Dienste von Master Kelley hier haben sich die Götter der Zeit entschieden, uns die Ankunft des Feurigen Trigons anzukündigen, wenn die alte Ordnung umgestürzt und die Welt nach dem Abbild einer alten Wahrheit neu erschaffen werden wird!«

»Er hat zweifellos von bedeutenden Dingen gesprochen«, räume ich ein.

Jetzt dreht sich Kelley mit schweißfeuchter Stirn um und mustert mich mit seinen eng beieinanderstehenden Augen.

»Doktor Dee – was ist dieses Feurige Trigon?«, fragt er, nun wieder mit seiner normalen, leicht näselnden Stimme.

»Du konntest die Bedeutsamkeit dessen, was uns deine Gabe heute enthüllt hat, nicht erfassen, Ned«, erwidert Dee in väterlichem Ton, »aber du hast uns eine wundersame Prophezeiung übermittelt. Wirklich wundersam.« Er schüttelt langsam und bewundernd den Kopf, dann beginnt er im Studierzimmer auf und ab zu schreiten, während er zu einer Erklärung ansetzt und dabei merklich seine Autorität als Lehrer zurückgewinnt. Im Verlauf der Séance ist er vollständig von Kelley abhängig, aber eigentlich ist es nicht seine Gewohnheit, sich unterwürfig zu zeigen; immerhin ist er der persönliche Astrologe der Königin.

»Ein Mal alle zwanzig Jahre«, führt er aus, dabei hebt er wie ein Schulmeister einen Zeigefinger, »bilden die beiden mächtigsten Planeten in unserem Kosmos, Jupiter und Saturn, eine gerade Linie und bewegen sich jedes Mal durch die zwölf Tierkreiszeichen. Alle zweihundert Jahre – mehr oder weniger – rückt diese Konjunktion in ein neues Trigon, das heißt in die Gruppe von drei Zeichen, die einem der vier Elemente zugeordnet sind. Und ein Mal alle neunhundertsechzig Jahre wird der Zyklus durch die vier Elemente vollendet und beginnt von neuem beim Feuer. Während der letzten zweihundert Jahre wanderten die Planeten durch die Zeichen des Wassertrigons. Aber jetzt, mein lieber Ned, in diesem Jahr des Herrn 1583, werden sich Jupiter und Saturn erneut mit dem Zeichen des Widders vereinen, dem ersten Zeichen des Feurigen Trigons – die mächtigste aller Konjunktionen, die seit fast tausend Jahren nicht mehr vorgekommen ist.«

Er legt eine effektheischende Pause ein. Kelleys Mund steht offen wie das Maul eines Kabeljaus.

»Dann ist dies ein bedeutsames Ereignis am Himmel?«

»Mehr als bedeutsam«, spinne ich den Faden weiter. »Der Anbruch des Feurigen Trigons kündigt den Beginn einer neuen Epoche an. Es ist erst die siebte Konjunktion dieser Art seit der Erschaffung der Welt, und jede wurde von Ereignissen begleitet, die die Geschichte erschüttert haben. Die Sintflut, die Geburt Christi, der Herrschaftsantritt Karls der Großen – all das stimmt mit der Rückkehr zum Feurigen Trigon überein.«

»Und dieser Übergang in das Zeichen des Widders am Ende unseres unruhigen Jahrhunderts bedeutet laut Vorhersage wieder das Ende einer Zeit«, stimmt Dee nachdenklich zu. Er ist vor seinem hohen perspektivischen Spiegel in dem kunstvoll verzierten Goldrahmen angekommen, der in der Ecke bei dem nach Westen hinausgehenden Fenster steht. Seine besondere Eigenschaft besteht darin, dass er ein Bild wirklichkeitsgetreu wiedergibt und nicht seitenverkehrt wie bei einem gewöhnlichen Spiegel. Die Wirkung ist eigenartig beunruhigend. Jetzt dreht Dee sich zu uns um und hebt die rechte Hand. Sein Spiegelbild tut das Gleiche.

»Der Astronom Richard Harvey schreibt über die derzeitige Konjunktion: ›Darauf wird entweder eine wundervolle und Furcht einflößende Veränderung von Kaiserreichen, Königreichen und Staaten oder die Zerstörung der Welt folgen‹«, füge ich hinzu.

»Das hat er getan, Bruno, das hat er getan. In den kommenden Zeiten, meine Freunde, können wir wahrscheinlich mit Zeichen und Wundern rechnen. Unsere Welt wird sich verändern, bis wir sie nicht wiedererkennen. Wir werden Zeugen des Anbruchs einer neuen Ära werden.« Dee zittert, seine Augen schimmern feucht.

»Dann kam … der Geist in dem Kristall, um uns an die Prophezeiung zu erinnern?«, fragt Kelley verwundert.

»Und um uns auf ihre spezielle Bedeutung für England hinzuweisen«, fügt Dee mit bedeutungsschwangerer Stimme hinzu. »Denn sie kann nur auf eines hinauslaufen – die Abschaffung der alten Religion zugunsten einer neuen, mit Ihrer Majestät als Licht der endgültigen Aufklärung.«

»Davon hatte ich ja keine Ahnung«, beteuert Kelley träumerisch.

Ich beobachte ihn genau. Hier gibt es zwei Möglichkeiten. Entweder er ist ein Scharlatan, oder er verfügt wirklich über eine außerordentliche Gabe, was ich mit Vorbehalt betrachte, denn mir wurde eine solche Gabe niemals zuteil. In anderen Ländern habe ich von Männern gehört, die mittels Kristallkugeln oder eigens zu diesem Zweck angefertigten Spiegeln – wie dem aus Obsidian, den Dee über seinem Kamin aufbewahrt – mit Wesen sprechen, die sie als Engel oder Dämonen bezeichnen. Aber während meiner Wanderjahre durch Europa habe ich ebenso viele dieser umherziehenden Wahrsager und Medien gesehen, bis auf die Knochen durchtriebene Kreaturen, die sich für Geld anheuern lassen. Sie haben sich oberflächlich ein paar Bruchstücke esoterischer Bildung angeeignet und erzählen den Gutgläubigen für den Preis eines Bettes und eines Humpens Bier alles, von dem sie meinen, dass diese es hören wollen. Vielleicht bin ich ein Snob, aber ich kann mir nicht helfen, ich denke, wenn die ägyptischen Götter der Zeit beschließen würden, zu den Menschen zu sprechen, würden sie sich an gelehrte Männer wenden, an Philosophen wie meine Wenigkeit oder John Dee, den wahren Erben des Hermes Trismegistos, keineswegs an einen Mann wie Ned Kelley, der seine alte Filzkappe sogar im Haus tief in die Stirn gezogen trägt, um zu verbergen, dass man ihm wegen Falschmünzerei ein Ohr abgeschnitten hat.

Aber ich muss mit dem, was ich zu Dee über Ned Kelley sage, vorsichtig sein; der Wahrsager hatte schon lange vor meiner Ankunft in England seine Füße fest unter Dees Tisch, und dies ist das erste Mal, dass Dee mir erlaubt hat, an einer dieser Séancen teilzunehmen. Kelley verübelt mir meine kürzlich entstandene Freundschaft mit seinem Herrn; mir ist nicht entgangen, wie er mich unterhalb seines Mützenschirms feindselig anschielt. John Dee ist der größte Gelehrte Englands, aber in Bezug auf Kelley erscheint er mir erstaunlich vertrauensselig, obwohl er fast nichts über dieses »Medium« weiß. Dee ist mir ans Herz gewachsen, und ich möchte nicht gern mit ansehen, wie er hinters Licht geführt wird, doch zugleich möchte ich auch nicht seine Gunst verlieren und seine Bibliothek nicht mehr nutzen dürfen – die beste Büchersammlung, die in diesem Königreich zu finden ist. Also halte ich den Mund.

Ein plötzlicher Luftzug verrät, dass die Tür des Studierzimmers aufgeflogen ist, und wir alle zucken schuldbewusst zusammen; Kelley wirft mit überraschender Geistesgegenwart seine Kappe über den Kristall. Keiner von uns gibt sich irgendwelchen Illusionen hin: Was wir hier tun, würde als Hexerei bezeichnet werden, die ein Kapitalverbrechen gegen die Gesetze von Kirche und Staat darstellt. Es muss nur ein tratschsüchtiger Dienstbote Wind von Dees Aktivitäten bekommen und uns allen könnte der Scheiterhaufen drohen. Die protestantische Regierung dieser Insel ist zwar in einigen Dingen toleranter als die Kirche meiner Heimat Italien, geht aber dennoch rücksichtslos gegen alles vor, was nach Magie riecht.

Staubiges Abendsonnenlicht fällt in den Raum. In der Türöffnung steht ein kleiner Junge von vielleicht drei Jahren, der uns nacheinander neugierig anstarrt.

Dees Gesicht verzieht sich zärtlich, aber auch erleichtert. »Arthur! Was gibt es denn? Du weißt doch, dass du mich nicht stören sollst, wenn ich arbeite. Wo ist deine Mutter?«

Arthur Dee tritt über die Schwelle und wird mit einem Mal von einem heftigen Frösteln durchgebeutelt.

»Warum ist es hier so kalt, Papa?«

Dee wirft mir einen fast triumphierenden Blick zu, so als wollte er sagen: Siehst du? Wir werden nicht getäuscht. Er stößt die Läden des westlichen Fensters auf. Draußen geht die Sonne unter und färbt den Himmel zinnoberrot – in der Farbe des Blutes.

1

Barn Elms, Haus von Sir Francis Walsingham

21. September im Jahr des Herrn 1583

Die Hochzeitsfeier von Sir Philip Sidney und Frances Walsingham droht in den nächsten Tag überzugehen. Die Dämmerung ist hereingebrochen, Lampen sind entzündet worden, und über den Lärm der Musikanten auf der Galerie und das Gelächter der Gäste hinweg erzählt mir aufgeregt die junge Frau, mit der ich getanzt habe, sie habe einmal ein Hochzeitsfest besucht, das vier Tage gedauert habe. Dabei beugt sie sich dicht zu mir und presst ihre Hand gegen meine Schulter. Ihr Atem riecht nach süßem Wein. Die Musikanten stimmen eine weitere Weise an, meine Tanzpartnerin stößt einen Freudenschrei aus und umklammert eifrig meine Hand. Ich will gerade protestieren, dass es warm in der Halle ist und ich gern einen Becher Wein trinken und einen Moment frische Luft schnappen möchte, ehe ich mich wieder in das Getümmel stürze, aber ich habe kaum den Mund geöffnet, als mich eine Faust zwischen den Schulterblättern trifft und ein herzlicher Ausruf ertönt.

»Giordano Bruno! Was muss ich da sehen? Der große Philosoph hat seine Gelehrtenrobe abgelegt und schwingt mit einer Blume vom Hof Ihrer Majestät das Tanzbein? Hast du so im Kloster tanzen gelernt? Deine verborgenen Talente setzen mich immer wieder in Erstaunen, amico mio.«

Als ich das Gleichgewicht wiedererlangt habe, drehe ich mich um und lächle breit. Vor mir steht der Bräutigam, herausgeputzt in vollem Staat, sechs Fuß groß und mit von Wein und Triumph gerötetem Gesicht. Seine Kniehose aus kupferfarbener Seide ist so voluminös, dass es an ein Wunder grenzt, wenn er sich damit durch eine Tür zwängen kann. Dazu trägt er ein elfenbeinfarbenes, mit Saatperlen besticktes Wams, und die Spitzenkrause um seinen Hals ist so steif gestärkt, dass sein hübsches, bartloses Gesicht so mühsam darüber hinwegzuspähen scheint wie das eines kleinen Jungen über eine hohe Mauer. Sein Haar steht vorne immer noch hoch wie das eines Schulbuben, der gerade aus dem Bett gescheucht worden ist. In all dem Tumult habe ich seit der Zeremonie am Morgen kein Wort mit ihm gewechselt, er und seine junge Braut waren ständig von hochrangigen Gratulanten und Verwandten umringt – den höchsten Würdenträgern des Hofes Ihrer Majestät.

»Nun«, er grinst schelmisch, »willst du mir nun Glück wünschen, oder bist du nur wegen der Speisen auf meiner Tafel hier?«

»Auf der Tafel deines Schwiegervaters, meinst du wohl«, berichtige ich ihn lachend. »Oder hast du irgendeinen Teil des Festes selbst bezahlt?«

»Deine Debattierhallenpedanterie kannst du dir heute sparen, Bruno. Aber ich hoffe, auch du hast genug Fleisch und Wein abbekommen.«

»Hier gibt es genug Fleisch und Wein, um die fünftausend zu speisen.« Ich deute auf die beiden langen Tische an jedem Ende der großen Halle, die sich unter den Resten des Festbanketts biegen. »Davon werdet ihr noch wochenlang essen.«

»Oh, dafür wird Sir Francis schon sorgen«, entgegnet Sidney. »Heute Großzügigkeit, morgen Sparsamkeit, so lautet sein Motto. Aber lass gut sein, Bruno. Du kannst dir gar nicht vorstellen, wie ich mich freue, dass du hier bist.« Er breitet die Arme aus, und ich umarme ihn mit ehrlicher Zuneigung. Aufgrund meiner geringeren Körpergröße bohrt sich meine Nase in seine Halskrause.

»Pass auf meinen Festtagsstaat auf«, warnt er nur halb im Scherz. »Bruno, darf ich dich meinem Onkel Robert Dudley, dem Earl of Leicester, vorstellen?«

Er tritt zurück und deutet auf einen Mann, der ein paar Schritte entfernt von ihm steht. Er ist ungefähr so groß wie Sidney, vielleicht Mitte fünfzig, trotzdem noch kräftig und athletisch. Sein Haar schimmert an den Schläfen stahlgrau, aber das Gesicht hinter dem säuberlich gestutzten Bart ist feinknochig und anziehend. Der Mann mustert mich mit wachen braunen Augen.

»Mylord.«

Ich verneige mich tief. Der Earl of Leicester ist einer der hochrangigsten Edelmänner Englands und der Mann, der größeren Einfluss auf Königin Elisabeth ausübt als irgendjemand sonst. Dann hebe ich den Kopf und stelle fest, dass er mich abschätzend taxiert. Man munkelt, dass er in ihrer beider Jugend der einzige Geliebte der Königin gewesen sei und ihre lang andauernde Freundschaft auch heute noch intimer als die meisten Ehen wäre. Er lächelt, und jetzt tritt ein warmer Ausdruck in seine Augen.

»Doktor Bruno, die Freude ist ganz meinerseits. Als ich von Eurem mutigen Handeln in Oxford erfuhr, wollte ich Euch unbedingt persönlich kennen lernen und Euch danken.« Bei diesen Worten dämpft er seine Stimme – Leicester ist der Kanzler der Universität von Oxford und damit beauftragt, die katholische Widerstandsbewegung unter den Studenten zu zerschlagen. Dass diese Bewegung während seiner Amtszeit so mächtig geworden ist, hat ihn in nicht geringe Verlegenheit gesetzt; meine Abenteuer mit Sidney dort im Frühjahr hatten dazu beigetragen, sie zumindest vorübergehend auszuschalten. Ich setze gerade zu einer Antwort an, als wir von einem Mann in einem rostfarbenen Wams unterbrochen werden, der einen derart kugelförmigen Bauch vor sich herträgt, dass es aussieht, als wäre er schwanger. Der Earl nickt mir höflich zu, und ich wende mich wieder Sidney zu.

»Mein Onkel scheint Gefallen an dir zu finden. Er möchte gern mehr über deine gewagten Theorien bezüglich des Universums hören.« Ich muss wohl etwas beklommen wirken, denn Sidney versetzt mir einen aufmunternden Rippenstoß. »Leicesters Freundschaft ist viel wert, Bruno.«

»Ich freue mich, ihn kennen gelernt zu haben.« Ich reibe mir die Seite. »Darf ich jetzt deiner Braut meine Aufwartung machen?«

Sidney blickt sich um, als erwarte er, dass sich jemand dieser Bitte unverzüglich annimmt. »Sie muss hier irgendwo stecken. Schwatzt und kichert vermutlich mit ihren Zofen.« Es klingt nicht so, als habe er es eilig, sie zu finden. »Aber du wirst anderswo gebraucht.«

Er dreht sich um und verbeugt sich vor meiner Tanzpartnerin, die sich taktvoll ein paar Schritte zurückgezogen hat und uns mit sittsam gefalteten Händen unter gesenkten Lidern hervor beobachtet. »Ich entführe Euch den großen Doktor Bruno für eine Weile, bringe ihn aber so schnell wie möglich wieder zurück. Nach dem Maskenspiel wird weitergetanzt.« Das Mädchen errötet, lächelt mir schüchtern zu und verschwindet gehorsam in der bunt gemischten Gästemenge. Sidney sieht ihm belustigt nach. »Wie es aussieht, hat Lady Arabella Horton ein Auge auf dich geworfen. Lass dich von all dem Wimperngeklimper nur nicht täuschen. Der halbe Hof hat Interesse an dir gezeigt, und sie wird ihres schnell verlieren, wenn sie erfährt, dass du der Sohn eines Soldaten bist, dessen einziges Kapital in seinem Verstand und einer kleinen Zuwendung des Königs von Frankreich besteht.«

»Ich hatte nicht vor, ihr das sofort auf die Nase zu binden.«

»Hast du ihr erzählt, dass du elf Jahre lang Mönch warst?«

»Auch so weit sind wir noch nicht gekommen.«

»Es könnte ihr gefallen – vielleicht möchte sie dich gern für die verlorene Zeit entschädigen. Aber für jetzt legt dir mein frischgebackener Schwiegervater nahe, dass du vielleicht erst einmal einen Spaziergang durch den Garten machst, Bruno.«

»Gut. Ich hatte noch keine Gelegenheit, ihm zu gratulieren.«

Mir ist klar, dass es um etwas Geschäftliches geht. Sidney legt mir eine Hand auf die Schulter.

»Die hatte noch niemand. Weißt du, dass er bereits heute Nachmittag für zwei Stunden verschwunden ist, um über irgendwelchen Papieren zu brüten? Während der Hochzeitsfeier seiner eigenen Tochter?« Er lächelt nachsichtig, als müsse er solche menschlichen Schwächen tolerieren, obwohl wir beide wissen, dass es Sidney nicht zusteht, sich zu beklagen; in finanzieller Hinsicht war er auf diese Heirat dringender angewiesen als die junge Mistress Walsingham, bei der ich den Verdacht hege, dass sie zu große romantische Hoffnungen in ihn setzt.

»Ich nehme an, die Räder der Staatsmaschinerie müssen sich weiterdrehen.«

»In der Tat. Und nun ist es an dir, diese Räder zu ölen. Geh zu ihm. Wir sehen uns später.«

Wir werden von allen Seiten von Leuten bedrängt, die dem Bräutigam gratulieren wollen, sich gegenseitig anrempeln, aggressiv lächeln und versuchen, seine Hand zu schütteln. In dem Gewühl husche ich zur Tür.

Draußen schlägt mir kühle, vom ersten Herbstfrost durchsetzte Nachtluft entgegen, und es herrscht Ruhe, eine willkommene Abwechslung zu dem Lärm der Feiernden drinnen. In dem nah bei dem Haus gelegenen Ziergarten sind Laternen entzündet worden, und Paare schlendern die sorgsam gepflegten Pfade entlang, tuscheln miteinander und stecken die Köpfe zusammen. Sogar in den Schatten kann ich erkennen, dass Sir Francis Walsingham hier nicht zu finden ist. Ich hebe die Arme und lege den Kopf in den Nacken, um zum Himmel emporzublicken. Die Sternenkonstellationen heben sich silbern vom tiefen Dunkelblau ab. Die Anordnung ist hier anders als am Himmel über Neapel, wo ich als Junge zuerst die Sternbilder zu bestimmen gelernt habe.

Ich erreiche das Ende des Pfades, und da von Walsingham immer noch nichts zu sehen ist, überquere ich die weitläufige Rasenfläche und steuere auf ein Wäldchen zu, das an den Garten hinter Walsinghams Landhaus grenzt. Nach kurzer Zeit materialisiert sich ein schlanker Schatten aus dem Dunkel und kommt auf mich zu. Er scheint aus der Nacht selbst zu bestehen; ich habe Walsingham nie anders als schwarz gekleidet gesehen, noch nicht einmal heute, auf der Hochzeit seiner Tochter, und er trägt auch seine eng anliegende schwarze Samtkappe, die sein Gesicht noch ernster wirken lässt. Er ist jetzt über fünfzig, und ich habe gehört, er wäre letzten Monat krank gewesen – einer dieser langwierigen Krankheitsschübe, die ihn in regelmäßigen Abständen für Tage an sein Bett fesseln, aber wenn man sich nach seiner Gesundheit erkundigt, winkt er nur ungeduldig ab; so als hätte er keine Zeit, über solche Belanglosigkeiten nachzudenken. Dieser Mann, Königin Elisabeth Tudors erster Staatssekretär, hält die Sicherheit Englands in den Händen, obwohl er auf den ersten Blick keinen sonderlich imposanten Eindruck macht. Walsingham hat ein Netzwerk von Spionen und Informanten aufgebaut, das sich quer über Europa bis zum Land der Türken im Osten und den Kolonien der Neuen Welt im Westen erstreckt, und die Nachrichten, die sie ihm bringen, stellen den besten Schutz der Königin vor den Myriaden katholischer Komplotte gegen sie dar, die ständig ihr Leben bedrohen. Und was noch bemerkenswerter ist – er hat all diese Informationen im Kopf und kann sie jederzeit abrufen, wenn er sie benötigt.

Ich war vor sechs Monaten zu Frühjahrsbeginn in England eingetroffen, auf Geheiß meines Gönners König Henri III. von Frankreich, um einige Zeit bei seinem Botschafter in London zu verbringen und so der Aufmerksamkeit der katholischen Extremisten zu entgehen, die unter der Führung des Herzogs von Guise in Paris immer mehr Anhänger gewannen. Nachdem ich mich kaum zwei Wochen in England aufgehalten hatte, bat mich Walsingham um ein Treffen. Die langjährige Feindschaft zwischen mir und Rom sowie meine privilegierte Position als Hausgast in der französischen Botschaft machten mich zum idealen Mann für seine Zwecke. Und im Lauf der letzten Monate habe ich gegenüber Walsingham immer größeren Respekt empfunden, wenn nicht sogar ein wenig Furcht.

Seit ich ihn zuletzt gesehen habe, ist er jedoch hager und hohlwangig geworden. Jetzt faltet er die Hände hinter dem Rücken; der Lärm in der Halle verklingt, als wir uns vom Haus entfernen.

»Congratulazione, Euer Gnaden.«

»Grazie, Bruno. Ich hoffe, Ihr genießt das Fest!«

Wenn er unter vier Augen mit mir spricht, bedient er sich des Italienischen, teilweise vermutlich, um mir meine Befangenheit zu nehmen und teils, weil er sichergehen will, dass mir kein wichtiger Punkt entgeht – sein Diplomatenitalienisch ist wesentlich besser als mein Englisch, das ich größtenteils auf meinen Reisen von Kaufleuten und Soldaten gelernt habe.

»Nur aus reiner Neugier – wo habt Ihr unsere englischen Tänze gelernt?«, fügt er hinzu, dabei dreht er sich zu mir um.

»Ich mache einfach das, was die anderen machen. Wenn man beherzt genug auftritt, gehen die Leute davon aus, dass man weiß, was man tut, diese Erfahrung habe ich schon vor langer Zeit gemacht.«

Er lacht dieses tiefe, grollende Lachen, das so selten aus seiner Brust dringt.

»Das ist Euer Motto in allen Dingen, nicht wahr, Bruno? Wie sonst könnte ein Mann von einem flüchtigen Mönch zum persönlichen Berater des Königs von Frankreich aufsteigen? Wo wir gerade von Frankreich sprechen …«, seine Stimme klingt betont gleichmütig, »… wie geht es denn Eurem Gastgeber, dem Botschafter?«

»Castelnaus Stimmung hat sich beträchtlich gehoben, seit seine Frau und seine Tochter aus Paris zurückgekehrt sind.«

»Hm. Ich habe Madame de Castelnau noch nicht kennen gelernt. Es heißt, sie wäre eine Schönheit. Kein Wunder, dass der alte Hund bei bester Laune ist.«

»Schön … ja, das ist sie wohl. Ich habe bislang noch nicht mit ihr gesprochen, aber gehört, dass sie als äußerst fromme Tochter der katholischen Kirche gilt.«

»Das hat man mir auch zugetragen. Dann müssen wir Acht geben, dass sie keinen zu großen Einfluss auf ihren Mann ausübt.« Seine Augen werden schmal. Wir haben die Bäume erreicht, und er bedeutet mir, ihm in ihren Schatten zu folgen. »Ich hatte gedacht, Michel de Castelnau würde die Vorliebe des französischen Königs für diplomatische Beziehungen zu England teilen – das hat er jedenfalls selbst im Rahmen einer Audienz bei mir behauptet. Aber in letzter Zeit gewinnen dieser fanatische Herzog von Guise und seine katholischen Verbündeten am französischen Hof immer mehr Macht, und in Eurem Brief von letzter Woche habt Ihr mir ja mitgeteilt, dass Guise Maria von Schottland über die französische Botschaft Geld schickt …« Er hält inne, um seinen Zorn zu zügeln, und schlägt mit der Faust in seine Handfläche. »Und wozu braucht Maria Stuart Guises Geld, hm? Sie wird in Sheffield Castle mehr als großzügig versorgt, wenn man bedenkt, dass sie unsere Gefangene ist.«

»Um sich die Loyalität ihrer Freunde zu sichern?«, schlage ich vor. »Oder um ihre Kuriere zu bezahlen?«

»Ganz genau, Bruno! Den ganzen Sommer lang habe ich daran gearbeitet, die beiden Königinnen zu einem Punkt zu bringen, wo sie bereit sind, von Angesicht zu Angesicht miteinander zu reden und vielleicht einen Friedensvertrag auszuhandeln. Königin Elisabeth täte nichts lieber, als ihre Base Maria freizulassen, vorausgesetzt, sie gibt alle Ansprüche auf den englischen Thron auf. Und was Maria betrifft, so glaube ich, dass sie ihrer Gefangenschaft überdrüssig und daher bereit ist, fast alles zu schwören, was man von ihr verlangt. Deswegen beunruhigt mich dieser Strom von Briefen und Geschenken von ihren Anhängern in Frankreich ja auch so, der über die Botschaft zu ihr geleitet wird. Treibt sie ein doppeltes Spiel mit mir?« Er funkelt mich an, als erwarte er eine Antwort von mir, aber bevor ich den Mund öffnen kann, fährt er wie im Selbstgespräch fort:

»Und wer sind diese Kuriere? Ich lasse die diplomatische Post jede Woche abfangen und durchsuchen – sie muss eine andere Möglichkeit haben, ihre privaten Briefe zu verschicken.« Er schüttelt nachdrücklich den Kopf. »Solange Maria Stuart am Leben ist, stellt sie das Banner dar, unter dem sich Englands Katholiken und all jene in Europa versammeln, die wieder einen papistischen Herrscher auf unserem Thron sehen möchten. Aber Ihre Majestät wird nie aus bloßen Gründen der Vorsicht gegen ihre Base vorgehen, auch wenn der Kronrat sie drängt, der Gefahr ins Auge zu blicken. Deswegen ist Eure Anwesenheit in der Französischen Botschaft für mich wichtiger denn je, Bruno. Ich muss jegliche schriftliche Kommunikation zwischen Maria und Frankreich sehen, die durch Castelnaus Hände geht. Wenn sie wieder Komplotte gegen die Königin schmiedet, brauche ich diesmal hieb- und stichfeste Beweise, die sie belasten. Könnt Ihr mir die verschaffen?«

»Ich habe mich mit dem Sekretär des Botschafters angefreundet, Euer Gnaden. Für einen angemessenen Preis kann er uns Zugang zu jedem Brief verschaffen, den Castelnau schreibt oder erhält, wenn Ihr ihm zusichert, dass den Dokumenten hinterher nichts anzusehen ist. Er hat große Angst, entdeckt zu werden – er möchte, dass Ihr ihm Euren Schutz gewährt.«

»Ein guter Mann. Sichert ihm alles zu, was er wünscht.« Er umfasst für einen Augenblick meine Schulter. »Wenn er uns ein Siegel des Botschafters beschaffen kann, lasse ich Thomas Phelippes ein Duplikat davon anfertigen. Kein Mann in England ist in diesen Dingen so bewandert wie er. Angesichts der Umstände, Bruno, halte ich es übrigens für ratsam, dass Ihr nicht so oft mit Sidney gesehen werdet«, fügt er hinzu. »Nicht jetzt, wo er mein Schwiegersohn ist. Castelnau darf keinen Moment lang an Euer Loyalität gegenüber Frankreich zweifeln.«

Sogar im Dunkeln muss mein Gesicht meine Enttäuschung verraten haben. Sidney ist der einzige Mensch, den ich in England wirklich als Freund betrachte. Wir haben uns vor Jahren während meiner Flucht durch Italien in Padua kennen gelernt und unsere Freundschaft im Frühjahr aufgefrischt, als wir in Walsinghams Auftrag nach Oxford gereist waren. Die Abenteuer, die wir dort erlebt hatten, haben uns einander nur noch nähergebracht. Ohne seine Gesellschaft werde ich mir meines Exils nur noch schmerzlicher bewusst sein.

»Aber ich habe einen anderen Kontaktmann für Euch gefunden, einen Schotten namens William Fowler – Ihr werdet ihn zu gegebener Zeit kennen lernen. Er ist ein Anwalt, der für mich in Frankreich gearbeitet hat, Ihr werdet also viel Gesprächsstoff finden.«

»Ihr traut einem Anwalt, Euer Gnaden?«

»Ihr wirkt belustigt, Bruno. Anwälte, Philosophen, Priester, Soldaten, Kaufleute – es gibt niemanden, der mir nicht auf irgendeine Weise nützlich sein kann. Fowler hat gute Verbindungen in Schottland, sowohl unter unseren Freunden als auch unter denen, die der schottischen Königin die Treue halten und glauben, er stünde auf ihrer Seite. Er hat sich auch bei Castelnau eingeschmeichelt, der Fowler für einen heimlichen Katholiken hält, der mit der Herrschaft Ihrer Majestät unzufrieden ist. Er hat die Gabe, in jede beliebige Rolle schlüpfen zu können, die gerade erforderlich ist. Fowler ist hervorragend geeignet, um Eure Berichte aus der Botschaft zu schmuggeln, ohne Euch zu kompromittieren.« Er hält inne und hebt den Kopf. Musik und Gelächter wehen vom Haus her schwach zu uns herüber, und er scheint sich an den Anlass dafür zu erinnern. »Im Moment wäre das alles. Kommt – wir sollten heute fröhlich sein! Ihr müsst Euch wieder an dem Tanz beteiligen.«

Wir drehen uns zu den erleuchteten Fenstern um. Seine Hand ruht noch immer leicht auf meinem Rücken. Hier draußen, so weit westlich von der Innenstadt Londons entfernt, bringt die frische Brise saubere Nachtdüfte nach Erde, Gras und Frost mit sich. Sogar die Themse, die träge hinter den Bäumen dahinfließt, riecht hier nicht so faulig. Dees Haus liegt nur eine Meile entfernt; ich bin überrascht, dass er nicht eingeladen wurde. Immerhin ist er Sidneys alter Lehrer und eine Art Freund von Walsingham. Als würde er meine Gedanken lesen, bemerkt der Staatssekretär beiläufig:

»Ihr verbringt neuerdings viel Zeit in Mortlake, wie ich hörte?« Es ist keine Frage, sondern eine Feststellung.

»Ich schreibe ein Buch«, erkläre ich, als wir langsam in Richtung der Musik zurückgehen. »Doktor Dees Bibliothek ist für mich von unschätzbarem Wert.«

»Was für ein Buch?«

»Über Philosophie. Und Kosmologie.«

»Also eine flammende Verteidigungsschrift Eures geliebten Kopernikus.«

»Etwas in der Art.« Ich will nicht zu viele Worte über das Buch verlieren, an dem ich arbeite, bevor es vollendet ist. Die Theorien, die es enthalten soll, sind nicht nur kontrovers, sondern revolutionär und gehen weit über Kopernikus’ Thesen hinaus. Ich möchte es wenigstens geschrieben haben, bevor ich gezwungen bin, mich dafür zu rechtfertigen.

»Hm.« Bedeutungsschwangeres Schweigen folgt auf diesen Laut. »Hütet Euch vor allzu engem Umgang mit Doktor Dee, Bruno.«

»Ich dachte, er wäre Euer Freund, Euer Gnaden?«

»Das trifft bis zu einem gewissen Punkt auch zu. Wenn es um Kartografie, Chiffres oder die Reformation des Kalenders geht, gibt es niemanden im ganzen Reich, dessen Wissen ich höher schätze. Aber in der letzten Zeit spricht er mir zu viel von Prophezeiungen und Omen.«

»Er glaubt, wir leben in der Endzeit, Euer Gnaden.«

»Wir leben in Zeiten nie dagewesener Unruhen, so viel steht fest«, erwidert er brüsk. »Ihre Majestät hat genug zu fürchten, da muss Dee ihr nicht auch noch seine apokalyptischen Vorhersagen einflüstern, weil er sich ihr unentbehrlich machen will. Was wir alle auf unsere Weise tun«, schließt er seufzend. »Aber sein Einfluss reicht inzwischen bis in die Kronratskammer, und plötzlich trifft sie keine Entscheidung mehr, ohne vorher eine Sternenkarte zu Rate zu ziehen. Was die Regierungsgeschäfte ziemlich erschwert. Außerdem«, er dämpft die Stimme, »bin ich der festen Überzeugung, dass Gott der Herr einige Geheimnisse in das Buch der Natur geschrieben hat, die nicht enthüllt werden sollten. Wie ich hörte, bewegen sich Dees jüngste Experimente gefährlich nah an dieser Grenze.«

Es bringt nichts, ihn zu fragen, wie er von Dees Experimenten erfahren hat; Walsingham verfügt über Spitzel in ganz Europa und sogar den Kolonien der Neuen Welt. Kein Wunder, dass er genau weiß, was eine Meile von seinem eigenen Haus entfernt vor sich geht. Aber trotzdem, Dee war doch immer so sorgfältig darauf bedacht, seine Geheimnisse zu wahren …

»Einige bei Hof finden, dass er einen zu großen Einfluss auf Ihre Majestät ausübt und in Ungnade fallen sollte«, fährt Walsingham fort.

»Zählt Ihr auch dazu?«

Seine Zähne schimmern im Dunkeln, als er lächelt.

»Ich habe großen Respekt vor John Dee und würde nichts tun, was seinem Ruf schadet. Das gilt aber nicht für manche anderen Mitglieder des Kronrats. Lord Henry Howard veröffentlicht, wie man mir zutrug, ein Buch, das er der Königin präsentieren will – ein hitziger Angriff auf Prophezeiungen und Astrologie und alle, die behaupten, die Zukunft vorhersagen zu können. Er bezeichnet diese Leute als Hexenmeister und beschuldigt sie, mit Dämonen zu kommunizieren. Dees Name wird nicht ausdrücklich genannt, aber die Absicht ist nicht misszuverstehen … wenn Dee der Hexerei bezichtigt würde, hätte das üble Folgen für alle, die als seine Freunde bekannt sind – für mich, für Sidney, für den Earl of Leicester. Die Howards verfügen über eine gefährliche Macht, wie die Königin nur zu gut weiß. Vielleicht erwähnt Ihr das Dee gegenüber, wenn Ihr das nächste Mal seine Bibliothek benutzt.«

Zum Zeichen dafür, dass ich die Warnung verstanden habe, neige ich leicht den Kopf. Als ich mich verbeuge und mich verabschieden will, blicke ich kurz auf und sehe einen Mann über das Gras auf uns zueilen. Sein kurzer Reitumhang weht hinter ihm her. Er fällt atemlos vor Walsingham auf die Knie. Im schwachen silbrigen Licht kann ich unter den Schlammspritzern, die von einem harten Ritt zeugen, das königliche Wappen auf seiner Livree erkennen. Er murmelt etwas von Richmond und einer dringenden Angelegenheit, die keinen Aufschub dulde, dabei ist in seinen aus den Höhlen quellenden Augen nacktes Entsetzen zu lesen. Ich entferne mich diskret, damit die Vertraulichkeit seiner Botschaft gewahrt bliebe, doch Walsingham ruft mich zurück.

»Bruno! Seid so gut und wartet einen Moment auf mich.«

Ich bleibe ein Stück abseits stehen, trete mit den Füßen auf der Stelle und reibe zugleich meine Hände, um die Kälte zu vertreiben, während der Mann sich erhebt und seine Nachricht weiter hervorstammelt. Walsingham beugt sich vor, die Hände hat er noch immer hinter dem Rücken gefaltet. Was auch immer der Bote vom königlichen Hof zu melden hat, es muss wichtig sein, sonst hätte er nicht derart rücksichtslos eine Familienfeier gestört.

Nach einer Weile murmelt Walsingham eine Antwort, der Bote verneigt sich abermals und macht sich in Richtung des Hauses auf. Walsingham hebt eine Hand und winkt mich zu sich.

»Ich werde in einer äußerst ernsten Angelegenheit im Richmond Palace gebraucht, Bruno, und ich möchte, dass Ihr mich begleitet. Wir wollen unauffällig aufbrechen, ohne Aufmerksamkeit auf uns zu lenken – der Bote weist gerade die Diener an, ein Boot bereit zu machen. Auf der Fahrt werde ich Euch dann alles erzählen, was ich weiß.« Seine Stimme klingt gepresst, aber beherrscht. Wenn Ihre Majestät Probleme hat, verlässt sie sich stets darauf, dass Walsingham alles wieder in Ordnung bringt.

»Wird man Euch nicht vermissen?« Ich nicke zum Haus hinüber, und er lacht kurz auf.

»Solange ich meinem Haushofmeister den Schlüssel zum Weinkeller überlasse, bezweifle ich, dass irgendjemand etwas merken wird. Und jetzt kommt.«

Er führt mich um das Haus herum und durch den Garten zu dem kleinen Kai, wo sich tanzende Lichter in dem schwarzen Wasser widerspiegeln. Ich muss mich in Geduld fassen, bis er willens ist, mir die Geschichte des Boten von sich aus zu erzählen.

2

Richmond Palace, Südwestlondon

21. September im Jahr des Herrn 1583

»Ein gewaltsamer Tod, sagt der Mann.« Walsingham muss die Stimme heben, um das Geräusch der Ruder zu übertönen, mit denen der Diener das kleine Boot verbissen gegen die Strömung Richtung Westen lenkt. Der Wind bläst uns Gischt in das Gesicht. Bei Tageslicht hätten wir die Strecke zwischen Barn Elms und dem Richmond Palace zu Pferd in der Hälfte der Zeit zurücklegen können, aber im Dunkeln ist der Fluss der sicherste Weg, obwohl er sich träge um die Landzunge herumwindet.

»Aber er muss von besonderer Bedeutung sein, sonst hätte man Euch nicht von dem Fest weggeholt.« Der Wind weht mir die Worte förmlich von den Lippen.

»Wie es scheint, wurde eine der Hofdamen Ihrer Majestät nur einen Steinwurf von den Privatgemächern der Königin entfernt direkt vor der Nase der Palastwächter getötet – Ihr könnt Euch vorstellen, dass sich der gesamte Hof in heller Aufregung befindet. Aber die Art des Todes ist der Grund dafür, dass Lord Burghley mich so dringend rufen ließ. Nun, bald werden wir mehr wissen.«

Er lehnt sich zurück und deutet auf die vor uns auftauchende weiße Palastfassade, ein blasser Schatten im Mondlicht. Zu beiden Seiten des Torhauses mit den warm erleuchteten Fenstern erheben sich die Kapelle und die große Halle, und von der Gebäudereihe, die an den Fluss grenzt, ragt ein Wald schlanker Türmchen auf, auf denen vergoldete zwiebelförmige Minarette thronen wie bei einem Palast eines Sultans des Ostens. Ein Diener erwartet uns an dem Landesteg hinter dem Palast, wo eine Reihe hölzerner Barken festgemacht ist, die müßig auf dem Wasser dümpeln. Er begrüßt Walsingham mit einer Verbeugung, doch sein Gesicht wirkt angespannt. Dann führt er uns zu einer in die Mauer eingelassenen Seitenpforte. An der Tür stehen zwei mit Piken bewaffnete Männer, die zur Seite treten, um dem Diener den Weg freizugeben. Dieser hämmert gegen die Tür und ruft etwas, woraufhin ein kleines Gitter aufgeschoben wird und ein kurzer Wortwechsel erfolgt, bevor die Tür ganz geöffnet wird und ein kleiner, rundgesichtiger Mann mit weißem Haar unter einer schwarzen Kappe heraustritt, die Arme ausbreitet und die Stirn runzelt. Er umarmt Walsingham kurz, dann fällt sein Blick auf mich, und die Besorgnis in seinen Augen verstärkt sich.

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