Frau Jenny Treibel. Königs Erläuterungen. - Theodor Fontane - ebook

Frau Jenny Treibel. Königs Erläuterungen. ebook

Theodor Fontane

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Königs Erläuterungen zu Theodor Fontane: Frau Jenny Treibel - Textanalyse und Interpretation mit ausführlicher Inhaltsangabe und Abituraufgaben In einem Band bieten dir die neuen Königs Erläuterungen alles, was du zur Vorbereitung auf Referat, Klausur, Abitur oder Matura benötigst. Das spart Zeit bei der Vorbereitung! Alle wichtigen Infos zur Interpretation. - von der ausführlichen Inhaltsangabe über Aufbau, Personenkonstellation, Stil und Sprache bis zu Interpretationsansätzen - plus 4 Abituraufgaben mit Musterlösungen und 2 weitere zum kostenlosen Download . sowohl kurz als auch ausführlich. - Die Schnellübersicht fasst alle wesentlichen Infos zu Werk und Autor und Analyse zusammen. - Die Kapitelzusammenfassungen zeigen dir das Wichtigste eines Kapitels im Überblick - ideal auch zum Wiederholen. - Das Stichwortregister ermöglicht dir schnelles Finden wichtiger Textstellen. . und klar strukturiert. - Ein zweifarbiges Layout hilft dir Wesentliches einfacher und schneller zu erfassen. - Die Randspalte mit Schlüsselbegriffen ermöglichen dir eine bessere Orientierung. - Klar strukturierte Schaubilder verdeutlichen dir wichtige Sachverhalte auf einen Blick. . mit vielen zusätzlichen Infos zum kostenlosen Download.

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KÖNIGS ERLÄUTERUNGEN

Band 360

Textanalyse und Interpretation zu

Theodor Fontane

FRAU JENNY TREIBEL

oder „Wo sich Herz zum Herzen find’t“

Martin Lowsky

Alle erforderlichen Infos für Abitur, Matura, Klausur und Referat plus Musteraufgaben mit Lösungsansätzen

Zitierte Ausgaben: Fontane, Theodor: Frau Jenny Treibel oder „Wo sich Herz zum Herzen find’t“. Husum: Hamburger Lesehefte Verlag, o. J. (176. Heft)

Über den Autor dieser Erläuterung: Martin Lowsky, geb. 1945, Studium der Romanistik, Mathematik und Verglei­chenden Literaturwissenschaft in Tübingen und Heidelberg, Promotion 1975. Abhandlungen, auch Bücher, zur deutschen und französischen Literatur (Bloch, Fontane, Storm, Valéry, Voltaire) und zur Pädagogik (Erich Fromm). Redaktions­tätigkeit für das Jahrbuch der Karl-May-Gesellschaft (Hu­sum) und die Forschungen zu Paul Valéry (Recherches Valéryennes) (Universität Kiel). Unterrichtet an einem Gymnasium in Kiel. In der Reihe ,Königs Erläuterungen‘ ist von Martin Lowsky zuletzt erschienen: Erläuterungen zu: Theodor Storm: Der Schimmelreiter. 2008

Das Werk und seine Teile sind urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung in anderen als den gesetzlich zugelassenen Fällen bedarf der vorherigen schriftlichen Einwilligung des Verlages. Hinweis zu § 52 a UrhG: Die öffentliche Zugänglichmachung eines für den Unterrichtsgebrauch an Schulen bestimmten Werkes ist stets nur mit Einwilligung des Berechtigten zulässig.

4. Auflage 2014

ISBN 978-3-8044-6906-8

© 2003, 2010 by C. Bange Verlag GmbH, 96142 Hollfeld Alle Rechte vorbehalten! Titelbild: Gisela Uhlen als Jenny Treibel im Fernsehfilm Frau Jenny Treibel von 1972 © ullstein bild

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INHALT

1. Das Wichtigste auf einen Blick – Schnellübersicht

2. Theodor Fontane: Leben und Werk

2.1 Biografie

2.2 Zeitgeschichtlicher Hintergrund

Preußen und Berlin

Die Literaturszene

2.3 Angaben und Erläuterungen zu wesentlichen Werken

3. Textanalyse und -interpretation

3.1 Entstehung und Quellen

3.2 Inhaltsangabe

3.3 Aufbau

Die Grundstruktur der Handlung

Übersicht und Chronologie der Kapitel

Örtlichkeiten

3.4 Personenkonstellation und Charakteristiken

Die Hauptfiguren

Jenny Treibel

Professor Wilibald Schmidt

Corinna Schmidt

Treibel

Eine bemerkenswerte Nebenfigur: Zeichenlehrer Professor Friedeberg

Die Personen und ihre sozialen Schichten

3.5 Sachliche und sprachliche Erläuterungen

„Bourgeois“

„Kommerzienrat“

„Konservative“ und andere Parteien

„Gymnasium“

„Wo sich Herz zum Herzen find’t“

Erläuterung einzelner Stellen

3.6 Stil und Sprache

‚Poetischer‘ Realismus

Das Kleine und Belanglose im Realismus

Selbstironie und Modernität

Die Kunst des Gesprächs und moderne Montage-Technik

3.7 Interpretationsansätze

Frau Jenny Treibel – eine genaue Gesamtschau des Bürgertums

Frau Jenny Treibel – ein spannender Geschehnis-Roman

Frau Jenny Treibel – eine Charakterkomödie

Frau Jenny Treibel – eine Satire

Die Brisanz der Schluss-Szene: Kritik und Spiel

4. Rezeptionsgeschichte

Frau Jenny Treibel und die begeisterten Leser

Frau Jenny Treibel in der Literaturwissenschaft

5. Materialien

Äußerungen Theodor Fontanes

Leben im Kaiserreich

Der Kritiker Fontane

Über die Rollen der Frau

Künstlerische Feinheiten im Roman

6. Prüfungsaufgaben mit Musterlösungen

Aufgabe 1 *

Aufgabe 2 **

Aufgabe 3 ***

Aufgabe 4 ***

Literatur

Zitierte Ausgabe

Gesamtausgabe

Übergreifende Darstellungen

Über Fontane-Verfilmungen

Zu Frau Jenny Treibel

Internet-Adressen

Frau Jenny Treibel – Verfilmungen

Als Theaterstück

1.Das Wichtigste auf einen Blick – Schnellübersicht

Damit sich jeder Leser in unserem Band rasch zurechtfindet und das für ihn Interessante gleich entdeckt, hier eine Übersicht.

Im 2. Kapitel beschreiben wir Fontanes Leben und stellen den zeitgeschichtlichen Hintergrund dar:

Theodor Fontane lebte von 1819 bis 1898, die meiste Zeit in Berlin.

Das Deutsche Reich bestand seit 1871, Preußen mit seiner Metropole Berlin hatte darin eine Vormacht­stellung. Buchhandel und das Zeitschriftenwesen blühten auf.

Frau Jenny Treibel, einer von Fontanes ‚Berliner Romanen’, ist 1892 erschienen. Zuvor war Fontane durch seine Gedichte und seine Wanderungen durch die Mark Brandenburg berühmt geworden.

Im 3. Kapitel bieten wir eine Textanalyse und -interpretation.

Frau Jenny Treibel – Entstehung und Quellen:

Zu Frau Jenny Treibel wurde Fontane durch einen Theaterbesuch und durch Vorfälle im Familien- und Bekanntenkreis angeregt.

Inhalt:

Der Roman umfasst 16 Kapitel.

Zwischen den Familien Treibel (Fabrikantenfamilie) und der Familie Schmidt (Wilibald Schmidt ist Professor) bestehen freundschaftliche Beziehungen. Vor allem schwärmt Jenny Treibel, die Ehefrau des Fabrikanten, in sentimentaler Weise für Schmidt, ihren Vertrauten von einst, und für seine Bildung. Corinna, Schmidts Tochter, möchte Jennys Sohn Leopold heiraten. Doch Jenny, entschieden standesbewusst, verhindert dies. Corinna heiratet schließlich einen Verehrer aus ihren Kreisen.

Chronologie und Schauplätze:

Der Roman spielt in zwei Monaten des Jahres 1888. Schauplatz ist Berlin und, im 10. Kapitel, die Berliner Ausflugsregion Halensee.

Personen:

Die Hauptpersonen sind

Jenny Treibel:

Ende fünfzig, elegant,

standesbewusst, Freude am Reichtum,

willensstark, herrschsüchtig,

sentimental bis zur Verlogenheit,

ihr Mann Treibel:

weltoffen mit kritischem Blick,

kontaktfreudig,

opportunistisch, anpassungsbereit,

Professor Wilibald Schmidt:

gebildet mit besonderem Interesse für die Antike,

liberal und bereit, sich selbst in Frage zu stellen,

zur Bequemlichkeit neigend,

Corinna Schmidt:

vielseitig interessiert,

gewandt und selbstsicher,

bereit zu Neuem.

Wir stellen diese Hauptpersonen ausführlich vor und nennen auch die anderen Personen und ihre sozialen Schichten.

Stil und Sprache Fontanes:

Fontane ist Realist:

Er vertritt den ‚poetischen Realismus’, d. h. er will Klarheit, Intensivierung und Abrundung beim Schreibprozess.

Er beschreibt auch das Kleine und Belanglose.

Fontane hat moderne Züge:

Er setzt sich in manchen Szenen selbstironisch über den Realismus hinweg.

Er fügt viele Zitate ein und entwickelt so ansatzweise eine Montage-Technik.

Vier Interpretationsansätze bieten sich an:

Frau Jenny Treibel ist

eine Gesamtschau des Bürgertums;

ein spannender Geschehnis-Roman;

eine Charakterkomödie in Romanform;

eine Satire.

Gesellschaftskritik und spielerische Elemente greifen ineinander.

2.Theodor Fontane: Leben und Werk

Theodor Fontane 1819–1898

2.1Biografie

Jahr

Ort

Ereignis

Alter

1819

Neuruppin

Geburt am 30. Dezember als ältester Sohn des Apothekers Louis Henri Fontane und seiner Frau Émilie, geb. Labry. Beide haben französische Vorfahren.

1827

Swinemünde (an der Oder­mündung; heute: Swinoujście)

Nach Pleite des Vaters Neuexistenz

7

1833

Berlin

Schüler der Berliner ‚Gewerbeschule’ (Oberrealschule)

13

1836

Berlin

Fontane erwirbt das ‚Einjährige’, d. h. die Mittlere Reife. Beginn seiner Apothekerlaufbahn (in Berlin, Leipzig, Dresden, Letschin)

16

1846

Berlin

Fontane trägt im ‚Tunnel über der Spree’, einem literarischen Klub, seine Balladen vor; darunter Der alte Zieten.

26

1848

Berlin

Während der Revolution Teilnahme an Barrikadenkämpfen: Fontanes rebellische Zeit

28

1849

Berlin

Fontane gibt den Apothekerberuf auf. Im folgenden Jahr Heirat mit Emilie, geb. Rouanet. Erste Gedichtbände erscheinen.

29

1855

London

Journalist: Pressebeauftragter der preußischen Regierung bis 1859. In dieser Zeit Reise nach Schottland.

35

1860

Berlin (in der folgenden Zeit Reisen in die Mark und zu Kriegs­schauplätzen)

Fontane wird Redakteur bei der reaktionären ‚Preußischen Zeitung’, genannt ‚Kreuz-Zeitung’: Fontanes konservatives Jahrzehnt beginnt. Vorbereitung der Wanderungen durch die Mark Brandenburg, die ab 1862 erscheinen.

40

1870

Berlin

Fontane verlässt die ‚Kreuz-Zeitung’ und wird Theaterkritiker für die ‚Vossische Zeitung’.

50

Herbst 1870

Lothringen, Besançon, Atlantik­insel Oléron

2-monatige Gefangenschaft in Frankreich während des deutsch-französischen Krieges

50

1874

Venedig, Florenz, Rom, Neapel

3-wöchige Reise nach Italien

54

1878

Berlin (seit 1872 endgültige Wohnung Potsdamer Straße 134 c)

Vor dem Sturm erscheint. Es ist der erste von insgesamt 17 Romanen Fontanes.

58

1880

Berlin

Die Ballade Die Brück’ am Tay erscheint.

60

1882

Berlin

Schach von Wuthenow erscheint.

62

1885

Berlin

Unterm Birnbaum erscheint, eine von Fontanes Kriminalgeschichten.

65

1887

Berlin

Irrungen, Wirrungen erscheint.

67

1892

Berlin

Frau Jenny Treibel erscheint.

72

Ende 1892

Berlin, Riesengebirge

Fontane, an Gehirnanämie erkrankt, ge­nest durch die Arbeit an Meine Kinderjahre.

72/73

1894

Berlin

Effi Briest erscheint.

74

1898

Berlin

Tod am 20. September. Der Stechlin, 1897 in einer Stuttgarter Wochenzeitung erschienen, kommt als Buch im Oktober 1898 (Impressum 1899) heraus.

78

2.2Zeitgeschichtlicher Hintergrund

ZUSAMMENFASSUNG

Wichtig um 1890:

Preußen und Berlin haben eine Vormachtstellung im Deutschen Reich.

Das Bürgertum gewinnt Macht gegenüber dem Adel.

Berlin entwickelt sich zur Weltstadt.

Soziale Not in den Mietskasernen

Ferner:

Der Buchhandel blüht, es gibt eine große Vielfalt an Zeitschriften.

Die literarische Richtung des ‚Realismus’ hat ihren Höhepunkt.

Preußen und Berlin

In den 80er Jahren des 19. Jahrhunderts, als Theodor Fontane Frau Jenny Treibel begann, war Preußen mit seiner Hauptstadt Berlin erstarkt wie nie zuvor. Im deutsch-dänischen Krieg 1864 hatte es das heutige Schleswig-Holstein und Nordschles­wig hinzugewonnen und im deutsch-französischen Krieg 1870/71, gemeinsam mit den süddeutschen Staaten, Elsass-Lothringen erobert. 1871, am Ende dieses Krieges, war in Versailles bei Paris der preußische König Wilhelm I. zum deutschen Kaiser ausgerufen worden. Das Deutsche Reich war damit gegründet, Preußen hatte in ihm eine Vormachtstellung. Das Militär stand in höchstem Ansehen, denn seinen Siegen, zusammen mit Bismarcks Diplomatie, war die Gründung des Reiches zu verdanken.

Deutschland hatte Frankreich eine Kriegsentschädigung von 5 Milliarden Franken abgefordert, eine riesige Summe, die die Wirtschaft ankurbelte und zu zahlreichen Firmengründungen führte. Man spricht daher von den Gründerjahren. Den Fabri­kanten und Industriellen – dem Besitzbürgertum – brachten diese Jahre einen bisher unbekannten Reichtum. Nach wie vor lag die politische Macht beim Adel; nur Adelige konnten Offiziere werden. Doch das Kapital des Bürgertums beherrschte die Wirtschaft, das Bürgertum, obwohl nur 7 % der Bevölkerung, gewann Gewicht neben dem Adel. Zugleich änderte sich das Schulsystem; neben das traditionelle humanistische Gymnasium traten das Real­gymnasium und die Oberrealschule.

Berlin war die Reichshauptstadt und der bedeutendste Industriestandort Deutschlands. Mit neuen repräsentativen Bauten entwickelte sich Berlin zur Weltstadt. 1872 wurde der große Neubau des ‚Potsdamer Bahnhofes’ zu Berlin eingeweiht. Die Stadtmauer und die Stadttore hatte man schon 1867 abgerissen, mit Ausnahme des heute berühmten Brandenbur­ger Tores. Berlins Bevölkerung wuchs, da die Industrie die Arbeiter anzog. Berlin wurde unter anderem zur Stadt der Mietskasernen und der Hinterhöfe. Auch junge Frauen kamen als Dienstmädchen in großer Zahl nach Berlin. Für diese Unterschicht war das Elend groß; oft wohnten fünfköpfige und noch größere Familien in einem einzigen Raum zusammen. 1871 hatte Berlin 930.000 Einwohner, 1891 war die Zahl von 2 Millionen erreicht; mehr als eine Verdoppelung binnen 20 Jahren!

Die Infrastruktur Berlins wurde mit Hilfe neuer Erfindungen ausgebaut: 1876 war das Rohrpostsystem betriebsbereit, 1881 fuhr die erste Straßenbahn, 1882 wurde das erste Stück der Stadtbahn (S-Bahn) eröffnet, und 1887 erfasste die Abwasser-Kanalisation bereits die halbe Stadt (im Bau 1873–1907).

Otto von Bismarck, der Reichskanzler, betrieb eine Politik der Festigung des deutschen Staates und arbeitete dabei vor allem mit den Nationalliberalen, der Partei des wohlhabenden Bürgertums, zusammen. 1883 setzte Bismarck die Sozialgesetzgebung durch, die die Krankenversicherung für Arbeiter einführte. Ein Ziel Bismarcks war dabei auch, die Kampfbereitschaft der Sozialdemokraten zu schwächen. Diese Partei der Sozialdemokraten, die auf Karl Marx zurückgeht, gewann an Einfluss. Ab 1878, formal bis 1890, galt die Partei als illegal auf Grund der ‚Sozialistengesetze’, doch ließen sich diese Gesetze in der Praxis nicht halten.

Im Jahre 1888 stieg Wilhelm II. auf den Kaiserthron. 1890 ent­ließ er Bismarck. Unter Wilhelm II. verfolgte Deutschland immer mehr ein Großmachtstreben in Konkurrenz mit den anderen europäischen Mächten Frankreich, England und Russ­land.

Die Literaturszene

Die Gründerjahre waren auch eine Blütezeit des Buchhandels. Durch den Fortschritt der Drucktechniken stieg die Zahl der veröffentlichten Bücher. 1890 erschienen in Deutschland 19.000 Buch­titel, die Zahl hatte sich seit 1870 verdoppelt. Gleichzeitig entfaltete sich eine Zeitschriften-Kultur. Vor allem die Familienzeitschriften wie ‚Die Gartenlaube’, ‚Daheim’ und andere waren beliebt: Sie boten Lesestoff zur Unterhaltung, aber informierten auch mit Illustrationen über die modernen Entwicklungen in der Industrie und den Naturwissenschaften. Die Familienzeitschriften waren also ein weit verbreitetes und vielseitiges Medium, vergleichbar mit dem Fernsehen heute.

Das Bürgertum abonnierte die Zeitschriften, die Herausgeber konnten ihren Autoren gute Honorare bezahlen. Fontanes Romane sind, ehe sie als Buch herauskamen, in solchen Zeitschriften als Fortsetzungsgeschichten gedruckt wor­den. Sein Roman Quitt erschien 1890 in der ‚Gartenlaube’, Frau Jenny Treibel 1892 in der Literaturzeitschrift ‚Deutsche Rundschau’.

Die Kombination von Unterhaltung, Information und Literatur in den damaligen Zeitschriften begünstigte eine spezielle Richtung der Literatur, den ‚Realismus’. Diese Richtung verwirklichte sich in Deutschland mit Verspätung. Die großen europäischen Realisten hatten längst vor Fontane ihre Werke verfasst, so die Franzosen Honoré de Balzac (gest. 1850) und Gustave Flaubert (gest. 1880) sowie die Russen Fjodor M. Dostojewski (gest. 1881) und Iwan Turgenjew (gest. 1883).

Etwa gleichaltrig mit Fontane waren die deutschsprachigen Realisten Theodor Storm (1817 bis 1888), Gottfried Keller (1819 bis 1890) und Conrad Ferdinand Meyer (1825 bis 1898). Keller und Meyer waren Schweizer, Storm war Schleswiger. Bedeutende realistische Erzählungen von ihnen sind:

Gottfried Keller: Romeo und Julia auf dem Dorfe (1856),

Conrad Ferdinand Meyer: Das Amulett (1873),

Theodor Storm: Der Schimmelreiter (1888).

2.3Angaben und Erläuterungen zu wesentlichen Werken

Erst mit 58 Jahren, im Jahre 1878, veröffentlichte Theodor Fontane seinen ersten Roman, erst als fast 70-Jähriger begann er, Frau Jenny Treibel zu schreiben. Man könnte meinen, Fontane sei ein Spätentwickler. Aber in Wahrheit sind Fontanes Romane die folgerichtig gewachsenen Gipfelleistungen seines Lebens.

In diese späten Romane ist Fontanes künstlerisches Können eingeflossen, das er sich lebenslang erworben hat bei seiner Arbeit mit verschiedenen literarischen Genres: seinen Balladen, seinen Reiseberichten