Franziskus unter Wölfen - Marco Politi - ebook

Franziskus unter Wölfen ebook

Marco Politi

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Opis

Der Journalist Marco Politi wirft einen spektakulären Blick hinter die Kulissen des Vatikan. Papst Franziskus hat nicht viel Zeit für seine Revolution. In Argentinien geben etliche Kirchenvertreter zu bedenken, dass seine Jahre gezählt sind. "Ich habe das Gefühl, dass Gott mich für eine kurze Zeit hierher gestellt hat"; so seine eigene Überzeugung. Der argentinische Papst ist sich darüber im Klaren, dass er eine Wende herbeiführt. Für die Kirche ist das Endresultat des Umbruchs noch ungewiss. Es könnte ein New Deal wie der des amerikanischen Präsidenten Roosevelt dabei herauskommen – oder ein Erdbeben wie Gorbatschows Perestroika. Papst Franziskus revolutioniert die Kirche. Doch seine Feinde werden immer mehr. Darunter sind Kardinäle genauso wie die Mafia und der Islamische Staat. Noch ist unklar, ob die Revolution gelingt. "Die Feinde von Papst Franziskus agieren und reden im Verborgenen. Sie applaudieren mit den anderen, heucheln Papsttreue und mögen es gar nicht, wenn man sie als Gegner des argentinischen Pontifex bezeichnet. Schließlich, so sagen sie, wollen sie doch nur verhindern, dass er Fehler macht. Doch wenn sie unter sich sind, wetzen sie ihre Messer." (Marco Politi)

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Marco Politi

Franziskusunter Wölfen

Der Papst und seine Feinde

Aus dem Italienischen von Gabriele Stein

Impressum

Titel der Originalausgabe:

Marco Politi: Francesco tra i lupi. Il segreto di una rivoluzione

© 2014 Gius. Laterza & Figli

All rights reserved

Überarbeitete und erweiterte Neuausgabe 2017

© Verlag Herder GmbH, Freiburg im Breisgau 2015

Alle Rechte vorbehalten

www.herder.de

Umschlaggestaltung: wunderlichundweigand, Stefan Weigand

Umschlagmotive: © picture alliance / Pressefoto UL – © DanielVilleneuve – iStock

E-Book-Konvertierung: le-tex publishing services GmbH, Leipzig

ISBN Print 978-3-451-06947-5

ISBN E-Book 978-3-451-80546-2

Eine Kurie, die keine Selbstkritik übt, ist ein kranker Leib. … Es ist die Krankheit derer, die sich in Gebieter verwandeln, … die Krankheit des »geistlichen Alzheimer« … der Rivalität und der Eitelkeit … Es ist die Krankheit derer, die ein Doppelleben führen … Die Krankheit des Tratsches.

Franziskus

Für Riccardo

INHALT

I – Der Geruch der Schafe

II – Das Ende der imperialen Kirche

III – Ein Pfarrer im Vatikan

IV – Mit den Nichtglaubenden unterwegs

V – Die heimlichen Pfarrerinnen

VI – Tod vor dem Vatikan

VII – Selbstkritik eines Papstes

VIII – Das Programm der Revolution

IX – Petrus hatte keine Bank

X – Franziskus und die Wölfe

XI – Der Krieg der Kardinäle

XII – Der Zorn der Mafia

XIII – Ein Papsttum auf Zeit

XIV – Rom, ein gefährlicher Ort

Anmerkungen

Danksagungen

KAPITEL I Der Geruch der Schafe

Jorge Mario Bergoglio geht die Treppe hinunter zur U-Bahn-Station Bolívar, wenige Schritte von der Kathedrale entfernt, und steigt hinab in den Bauch der Stadt. Linie »E«, Richtung Plaza de los Virreyes. Langsam und rasselnd nähert sich der Zug, die Waggons sind mit Graffiti übersät. Der Bischof sucht sich einen Platz in der Nähe des Ausgangs und setzt sich hin; seine Miene ernst und ein wenig melancholisch, das ist sein üblicher Gesichtsausdruck. Niemand erkennt ihn in seiner schwarzen Priesterkleidung, er ist nicht oft im Fernsehen und meidet offizielle Anlässe. Der Großraum Buenos Aires hat dreizehn, das Stadtzentrum fast drei Millionen Einwohner.

Es ist warm in der dichtgedrängten Masse der Pendler im Waggon. Die Fahrgäste um Jorge herum schauen gedankenverloren vor sich hin, fixieren das nur hin und wieder von Neonlampen unterbrochene Schwarz der Tunnelwände, lassen dösend den Kopf hängen oder starren resigniert ins Leere. Manche – auch junge Menschen – haben etwas Hartes, Wildes in ihrem Blick. Jorge ist umgeben von Müttern mit Kindern, von denen nur die Nasenspitze zu sehen ist, von alten Menschen, die im fahrenden Zug bedrohlich hin und her schwanken, und von etlichen Jugendlichen, die mit ihren Smartphones herumhantieren.

Bei jeder Haltestelle geht ein Ruck durch den Zug, und die Bremsen kreischen schrill. Vierzig Minuten mit der U-Bahn quer durch Buenos Aires mit seiner Mischung aus Ethnien, Herkunftsländern und Geschichten. Kinder und Nachkommen von Spaniern, Italienern, Russen, Chinesen, Afrikanern, Deutschen, Franzosen, südamerikanischen Immigranten jeder Nationalität und der Urbevölkerung Mittelamerikas. In den Waggons treffen Angehörige der Mittelschicht mit genau kalkuliertem Haushaltsgeld, junge Tagelöhner und die Vielen, die jeden Tag ums Überleben kämpfen, aufeinander.

Erzbischof Jorge Mario Bergoglio fährt nicht mit dem Wagen und hat auch keinen Chauffeur, genauso, wie er auch die elegante erzbischöfliche Residenz verschmäht und stattdessen zwei Zimmer im dritten Stock der Diözesankurie bezogen hat. Der Erzbischof kann Auto fahren: Mehr als einmal hat er in den Siebzigerjahren als Jesuitenprovinzial unter der Videla-Diktatur politisch Verfolgte, die einen Schlupfwinkel oder Fluchtweg suchten, in seinem Wagen mitgenommen. Doch heute fährt er nicht mehr. Seit er 1992 Weihbischof und später Primas von Argentinien geworden ist, zieht er es vor, in den täglichen Menschenfluss der öffentlichen Verkehrsmittel einzutauchen. Er nimmt die U-Bahn oder den Colectivo, den städtischen Autobus. Manchmal kommt es vor, dass eine Frau seine schwarze Kleidung sieht und ihn anspricht: »Padrecito, nehmen Sie mir die Beichte ab?« »Sí, claro«, antwortet er dann. Einmal, im Bus, wollte eine Frau gar nicht mehr aufhören, ihm von ihren Sünden zu erzählen, bis er sie schließlich höflich unterbrach: »An der übernächsten Haltestelle muss ich aussteigen.«1

Plaza de los Virreyes: Nun muss Bergoglio mit seinen leichten Plattfüßen und dem schmerzenden Bein die 35 Stufen bewältigen, die nach oben führen. Dort an der Treppe hängt, mit frischen Blumen geschmückt, das kleine Bild einer Fatima-Muttergottes. Wenig später steht Jorge unter einem großen Vordach, im Sommer ist die Luft hier schwül, im Winter kalt und feucht. Geduldig warten alle auf die Premetro, die schäbige Stadtbahn, die in die Vorstädte fährt. Bestimmt würde sich kein Prälat der vatikanischen Kurie, Kardinal und Vorsitzender der Bischofskonferenz und Bischof eines der vielen Länder, in denen die katholische Kirche vertreten ist, auf diese entnervende Routine einlassen. Und wenn doch, dann ist er gut versteckt.

Noch zwei Haltestellen, dann kommt Bergoglio in der Villa Ramón Carrillo an. »Villas miseria« werden die Elendsviertel hier genannt, oder, verschämter, »Villas de emergencia«. Die Gleise an der Haltestelle sind mit Papierabfällen und weggeworfenen Dosen übersät. Wenige Schritte weiter beginnt das Viertel. Illegal gebaute Häuser, die entweder halbfertig stehengelassen oder durch nachfolgende Anbauten erweitert worden sind. Die asphaltierte Straße endet nach wenigen Metern im Niemandsland. Der lehmige Boden ist von Rinnsalen durchzogen, die nach Abwässern stinken. Hier gelten keine Gesetze. Ein paar Häuser, besser gepflegt, mit Blumenvasen in den Fenstern, erinnern an Pasolinis römische Vororte. Weit häufiger begegnet man einer rücksichtslosen und unkontrollierten Urbanisierung, und man hat das Gefühl, einen Raum zu betreten, in dem alle Parameter außer Kraft gesetzt sind. »Hier gibt es keinen Staat«, erzählen die Vorstadtpriester, obwohl die Villa Ramón Carrillo über eine Grundschule und eine Arztpraxis verfügt.

Die Pfarrkirchen liegen häufig an den Rändern dieser Siedlungen, als wollten sie die Verbindung zur »normalen« Stadt aufrechterhalten. Am Rand einer anderen Vorstadt, der Villa-21, befindet sich sogar ein Stützpunkt der »Seestreitkräfte«. Junge, hochgewachsene Männer in khakifarbenen Uniformen und kugelsicheren Westen. Paradoxerweise wird der Eindruck der Unsicherheit durch ihre Anwesenheit noch verstärkt. Viele Taxifahrer weigern sich, in die Vorstädte zu fahren. »Da wirst du überfallen und ausgeraubt«, sagen sie. Pedro Baya, Pfarrer der Inmaculada-Kirche in der Villa Ramón Carrillo, leugnet es nicht: »Ab und zu pfeifen einem hier die Kugeln um die Ohren«, erklärt er, seelenruhig.

Jorge – der Erzbischof ist mit seinen Priestern per Du – kommt in die Vorstädte und stattet Jahr für Jahr sämtlichen Gemeinden dort seinen Besuch ab. Sogar mehrmals im Jahr. Zum Patrozinium, zur Marienprozession, zum Einkehrtag, zu dem einen oder anderen besonderen Anlass, zum jährlichen Treffen der Priester oder der Lehrkräfte an den katholischen Schulen vor Ort. Läuft er mit bei einer Prozession, so bleibt er stehen, um mit den Leuten zu reden, größtenteils Einwanderern aus Paraguay, Bolivien, Peru und dem argentinischen Hinterland. Er tritt so anders auf, als man es traditionell von einer erzbischöflichen Autorität erwartet, dass die eingewanderten Gläubigen aus Peru geradezu enttäuscht waren, als sie ihn das erste Mal sahen, weil er, wie Pfarrer Pedro erzählt, »nicht in einer Limousine und mit Trompetenschall« Einzug hielt.2

Bergoglio kennt jeden der 800 Priester seines Bistums persönlich. Seit seinem Amtsantritt als Erzbischof hat er darauf hingearbeitet, die Präsenz der Priester in den Vorstädten zu verstärken. Inzwischen hat jede Gemeinde in den Villas zwei oder drei Geistliche. Als er die Leitung der Diözese übernahm, waren sie zu elft, heute sind es 23. Sie können ihn direkt anrufen. Er ist ihnen nahe, hört ihnen zu, hilft ihnen und steht ihnen auch in persönlichen Krisenzeiten bei. Bergoglio verurteilt nicht, er begleitet. Er weiß, dass die Priester – wie Padre Pepe Di Paola berichtet, der jahrelang als sein Vikar für die Vorstädte zuständig war – Vertrauen zu ihm haben, dass sie ihm mehr vertrauen als anderen Bischöfen, dass sie ihm offen und ehrlich erzählen, was sie erleben, und dass sie oft in die Kathedrale kommen: »Nicht aus Pflichtgefühl, sondern um in geistlichen Dingen seinen Rat zu hören«.3

Früher gingen die Priester zum Erzbischof in die Kurie, heute kommt der Erzbischof zu ihnen. Das ist der Unterschied. Bergoglio, so sagen die Priester, ist »greifbar«. Ganz gleich, wo die Probleme liegen – oder »das« Problem. Zum Beispiel, wenn ein Priester am Scheideweg steht und sich fragt, ob er nicht lieber offen mit einer Frau zusammenleben will. In Buenos Aires erzählt man sich die Geschichte von einem Priester, der zu Jorge gegangen sei und ihm erklärt habe, er habe sich für eine Beziehung mit einer Frau entschieden. Einverstanden, antwortet der Erzbischof, dann ist es jetzt wohl an der Zeit, den Priesterstand aufzugeben: »Aber warte noch ein paar Jahre mit dem Kinderkriegen.« Nach zwei Jahren geht die Beziehung auseinander, der ehemalige Priester kehrt zurück und gesteht, er habe eingesehen, dass das Priestertum seine wahre Berufung sei. Einverstanden, antwortet der Erzbischof, dann leiten wir das Wiedereinsetzungsverfahren ein: »Aber vorher lebst du fünf Jahre lang als Laie in Keuschheit.« Heute, so heißt es, ist der Mann einer der angesehensten Priester der argentinischen Hauptstadt.

Jorge kennt die staubigen Wege und grauen Bäume der Vorstädte, und er kennt die Blicke ihrer Einwohner, die bald herzlich und froh und dann wieder misstrauisch und verschlossen sind. Er kennt die von Schlaglöchern übersäten und von liegengebliebenen, tausendfach geflickten Autos gesäumten Straßen. Er kennt die Kinder, die neben den Abwasserrinnsalen spielen, die Mutter, die ihrer Tochter die Flöhe abliest, und die herrenlosen Hunde, die träge von einer Straßenecke zur nächsten streunen. Hier und dort trägt ein Schild auf einer Baracke mit vernagelten Fenstern die vollmundige Aufschrift: »Getränke, Eis, Brot, Reinigungsmittel«. Ein Stück weiter hat jemand mit der Hand »Internet« auf eine verschlossene Tür geschrieben.

Jorge kennt die Eisengitter, die wie irrsinnig Türen und Fenster, Veranden und sogar den winzigen Innenhof des Gemüseladens verrammeln. Selbst die Nische des heiligen Kajetan, zu dem man um Brot und Arbeit betet, ist von einem so dichten Metallgitter geschützt, dass man das Bild nicht einmal erkennt. In den anderen Slums ist es genauso. Jorge ist an den Anblick der chaotischen, heruntergekommenen Häuserreihen gewöhnt. Auf die verputzte erste Etage hat man aus Backstein ein zweites und dann auch noch ein drittes Stockwerk gesetzt. Improvisierte Balkone, halbfertige Räume ohne Dach, die ein oder zwei oder drei Jahre lang so bleiben und als Terrassen benutzt werden, um die Wäsche aufzuhängen. Auf der Straße liegen Mülltonnen, Metallteile und Gestelle von Tischen und Betten. Auf der anderen Seite einer Überführung liegt eine noch prekärere Wohngegend: die Villa Esperanza. Die Gassen sind so eng, dass ein einzelner Mensch kaum hindurchpasst. An einer Baracke aus Zement, kaum größer als eine Gefängniszelle, hängt ein Schild: »Zu verkaufen«.

Der Erzbischof von Buenos Aires war jahrhundertelang eine »Macht«. Auf der Plaza de Mayo sind die Mächte der Landeshauptstadt symbolisch vereint: die Casa Rosada (der Präsidentenpalast), die Kathedrale, das Rathaus und das Wirtschaftsministerium. »Bergoglio«, erklärt Padre Di Paola, »hat nie von der Plaza de Mayo, sondern immer von den Orten der Schmerzen, des Elends und der Armut aus auf die Wirklichkeit geschaut. Von ganz unten, von den Elendsvierteln und Krankenhäusern aus.«

Seinen Priestern schärft Jorge ein, dass ein Geistlicher nie Funktionär sein darf, dass er die Menschen dort abholen muss, wo sie stehen, in ihrer konkreten Situation, dass er »im Beichtstuhl sehr barmherzig« sein, den Zugang zu den Sakramenten erleichtern und »sofort jedem, der ihn darum bittet, von den Dingen Gottes geben« soll.4 Und zwar ohne Gegenleistung, denn der Priester ist nicht Eigentümer, sondern nur Vermittler der Gaben Gottes. Die Priester wissen, dass Jorge hart mit denjenigen ins Gericht geht, die die Beziehungen zu den Gläubigen durch Regeln, Hindernisse und kirchliche Bürokratie erschweren wollen.

Persönlich hegt der Erzbischof, der sich wie irgendein beliebiger Priester unter die Bevölkerung der Metropole mischt, die Überzeugung, dass die Verbindung zu den Armen ein spiritueller Reichtum ist und dass gerade die Beziehung der Armen zu Gott von einer besonderen Authentizität und Sensibilität geprägt ist. Die Option für die Armen – festgeschrieben auf den großen Versammlungen des lateinamerikanischen Episkopats der vergangenen 50 Jahre: Medellín, Puebla, Santo Domingo, Aparecida – ist für ihn von grundlegender Bedeutung. Nicht aus ideologischen, sondern aus zutiefst religiösen Gründen. Hirten sein, die »genauso riechen wie die Schafe«, das ist sein Motto.5 Dieser Gedanke lässt ihn sein Leben lang nicht los.

Jorge weiß, dass die Elendsviertel auch eine gewaltgeprägte Welt sind. Die Brutalität liegt in der Luft, trotz der scheinbaren Ruhe der Frauen, die vor den Türen der Häuser sitzen, der Männer, die sich trinkend und schwatzend auf den Stühlen lümmeln, der Kinder, die in der Weihnachtszeit – dann ist Sommer in Buenos Aires – in kleinen Plastikbecken planschen. Jorge lässt sich nicht täuschen und zieht sich dennoch nicht zurück. Er hat keine Angst.

In der Villa Ramón Carrillo, wenige Schritte von der Pfarrkirche entfernt, zeugt ein geschwärzter Hauseingang von der Strafexpedition einer Familie, deren Sohn bei einem Bandenkrieg von einer verirrten Kugel getroffen worden war. Anderswo geschieht noch Schlimmeres. Eine bürgerliche Familie aus Buenos Aires, die ein kleines Mädchen aus der Vorstadt adoptiert hatte, erfuhr durch die Bilder, die das Kind malte, und mit der Hilfe von Psychologen, dass sie mitangesehen hatte, wie ein Kind abgetrieben und der Fötus an die Hunde verfüttert worden war.6

Dem Pfarrer Pedro Baya hat sich der Tag einer Tauffeier ins Gedächtnis eingebrannt. Er stand gerade neben dem Altar, um das Sakrament zu spenden, als plötzlich ein verfolgter Kleinkrimineller heftig keuchend in der Tür der Barackenkirche auftauchte. Der Bestohlene hatte ihn gepackt und schlug mit dem Pistolenknauf auf seinen Schädel ein. »Der Junge lag auf den Knien und heulte. Da packte der Verfolger die Pistole mit beiden Händen und schrie: ›Ich bring dich um, ich bring dich um!‹ Entsetzt überließ ich das Baby seinen Eltern und rannte zur Tür, um ihn aufzuhalten.« Der Junge wurde in letzter Sekunde gerettet und mit blutüberströmtem Kopf ins Krankenhaus gebracht. An der Schwelle der Kirche blieb eine große Blutlache zurück. »Mit Aids infiziertes Blut«, erinnert sich der Pfarrer, »also haben wir uns vor dem Aufwischen die Handschuhe angezogen.«

Jorge ist schon mehrmals an dieser schmiedeeisernen, grün lackierten Tür vorbeigegangen. Der Pfarrer hat sich nicht getraut, ihm die Geschichte zu erzählen. Doch der Erzbischof hat in anderen Gegenden, die er sehr gut kennt, viele ähnliche Geschichten gehört. Er weiß nicht nur aus dem Fernsehen, wie es in dieser Welt zugeht: Er kennt ihren Geruch, ihre Gesichter, sie ist ein Teil seines Lebens.

Neben der Gewalt herrschen in den Vorstädten die Drogen. Die Drogenbosse leben anderswo, in den allerbesten Gegenden. Doch die Dealer leben hier. Sie verkaufen »Paco«, eine Billigdroge auf Kokainbasis, fünf Pesos oder wenig mehr, die »dir das Hirn wegsprengt«, wie sie in Buenos Aires sagen. Sie macht schnell abhängig und wird den Kindern schon angeboten, wenn sie dreizehn oder vierzehn sind oder sogar noch jünger. Es sind dieselben Kinder, die auf einer Beerdigung dem Pfarrer um den Hals fallen, während er durch den Stoff ihrer Jacken hindurch den Pistolenknauf spürt. Dieselben, die in Häuser einbrechen, um den Stoff zu bezahlen, und die irgendwann so gestört sind, dass sie die Passanten auf offener Straße überfallen.

Die Drogen sind ein kapitales Problem, weil sie die Verbreitung von Waffen unter den Minderjährigen fördern. 2009 haben die Curas villeros, die Vorstadtpriester, demonstrativ in die nationale Debatte über eine eventuelle Legalisierung der Drogen eingegriffen und eine harte Anklageschrift veröffentlicht. Darin schreiben sie, dass »in den Vorstädten eine faktische Liberalisierung und Legalisierung herrscht«. Das Problem, so heißt es in dem Text, seien nicht die Bewohner der Elendsviertel, sondern der Drogenhandel, der sie missbraucht und sich an ihnen bereichert. Das Dokument hatte großen Einfluss auf die öffentliche Meinung. Die Drogenbosse reagierten prompt: »Du verschwindest hier, oder du bist ein toter Mann«, drohte ein Maskierter, der Padre Pepe Di Paola eines Nachts im April in einer Gasse der Villa-217 den Weg versperrte.7

Ohne zu zögern machte Erzbischof Bergoglio die Sache zu seiner eigenen und erneuerte die Anklage. Zwei Tage später griff er in der Messfeier auf dem Platz vor der Kathedrale die »mächtigen Händler der Finsternis« öffentlich an und berichtete von den Drohungen gegen seinen Priester. Pepe, der das Dokument initiiert hatte, fühlte sich beschützt und die anderen Vorstadtpriester empfanden dasselbe: »Mir wäre es lieber, selber zu sterben, als dass sie dich umbringen«, sagte der Erzbischof zu Pepe. Und die Drogenhändler führten ihren Mordplan nicht aus, auch wenn Pepe sich bald darauf gezwungen sah, die Villa-21 zu verlassen.

Wenn Jorge in die Metroschächte hinabsteigt oder mit seiner schwarzen Aktenmappe den Bus nimmt, trägt er all das mit sich. Er ist weder naiv noch fatalistisch. Er ist einfach nur davon überzeugt, dass er sich als »Hirte, der seiner Herde nachgeht«, in seiner Amtsausübung nicht für die Paläste, die Limousinen, die Chauffeure und die Eskorten entscheiden darf. Ihm ist bewusst, dass die Drogenhändler vor nichts zurückschrecken – auch nicht vor den Kirchenfürsten. 1993 ist der mexikanische Kardinal Juan Posadas Ocampo bei einem Blutbad getötet worden, das die gnadenlosen Killer des Tijuana-Kartells auf dem Flughafen von Guadalajara anrichteten. Die offizielle Untersuchung kam zu dem Schluss, es habe sich um ein tragisches Zusammentreffen gehandelt – als sei der Purpurträger nur zufällig in eine Schießerei zwischen rivalisierenden Banden geraten. Doch später stellte sich heraus, dass Ocampo über heimliche Absprachen zwischen Drogenhändlern und Vertretern der örtlichen Politik informiert gewesen und von Regierungsseite aufgefordert worden war, diese Informationen für sich zu behalten.

Auch Erzbischof Bergoglio hat solche Warnungen erhalten. 2012 ließen ihm einige Gewerkschaftler mitteilen, er solle vorsichtig sein: Gewisse Gruppen wollten ihm Böses und es sei vielleicht besser, nicht ohne Geleitschutz durch die Stadt zu gehen. »Ich werde die Straße nie verlassen«, lautete seine Antwort.8 Und als seine Vorstadtpriester ihn vor Überfällen warnten, reagierte er genauso.

Jorge hat die beiden Gesichter der Peripherie am eigenen Leib erfahren: entfesselte Gewalt und große Menschlichkeit. Er weiß aus eigener Anschauung, dass in den illegalen Siedlungen einfache Leute leben. Sie hungern nach Hoffnung, sind von Solidarität beseelt, von tiefer Volksfrömmigkeit geprägt und glücklich, wenn es etwas zu feiern gibt. Eine Armenspeisung in den Vorstädten, hat Padre Pepe immer gesagt, ist viel einfacher als in einem Reichenviertel. »Die Frauen kochen, die Männer schleppen die Tische heran, und die Kinder machen Freiwilligendienst.« Zwischen den rohen Fassaden der ewig halbfertigen Häuser, wo der Staat nur eine Abstraktion ist und die Meldebehörde sich seit jeher an die Priester wenden muss, wenn sie wissen will, wer welche Adresse hat, sind die Pfarrgemeinden die Zentren, wo Hilfe organisiert und Bürgersinn gefördert wird.

In der Villa-21 kommen die Einwohner am frühen Nachmittag, um sich ein paar Lebensmittel abzuholen: Brot, etwas als Belag und ein bisschen Obst; die kleinen Pakete sind schon vorbereitet. Pfarrer Toto De Vedia, Pepes Nachfolger, empfängt sie alle in einem winzigen Raum, der mit Fotos, Erinnerungen und handschriftlichen Ankündigungen tapeziert ist. Zwei Handys, ein unvermeidlicher Becher mit Mate, dem aromatischen und bitteren Nationalgetränk, und ein Kalender voller Termine. Es ist eine Prozession, die kein Ende nimmt. Eine Mutter bittet um den Schulproviant für ihren Sohn, eine andere macht sich Sorgen, weil ihr Sohn auf der Straße herumhängt und Drogen nimmt, wieder eine andere sucht Arbeit für ihre Tochter; ein Jugendlicher braucht eine Beschäftigung, im Altenheim muss ein Fest organisiert werden, Familien und Kranke warten auf Besuch, die Vorräte für die besonders Bedürftigen müssen wiederaufgefüllt werden. Und dann sind da noch die psychiatrische Klinik in der Nachbarschaft, die ihn eingeladen hat, eine Messe zu feiern, die Schule, die in der Villa gebaut werden soll, die Frau, die einen Rollstuhl braucht, die Beichten und noch mehr Messfeiern.

Die Villas der Metropole Buenos Aires, für die der Erzbischof eigens einen Vikar eingesetzt hat, sind keine Viertel, sondern kleine Städte. Villa-21 hat 40.000 Einwohner, »60 oder 70 Hektar«, fügt Toto De Vedia hinzu, »die der Kontrolle der Institutionen entzogen sind«. Unter den Augen des Erzbischofs sind in den Elendsvierteln weiterführende Schulen, Seniorenzentren, Drogenhilfezentren und Berufsbildungszentren entstanden. Ein Sportangebot trägt dazu bei, die Drogenabhängigen von der Straße zu holen, und ein Hort sorgt dafür, dass die Kinder nach der Schule nicht sich selbst überlassen sind. Die Einrichtung des Vikariats unterstreicht die strategische Bedeutung, die der Erzbischof der pastoralen Arbeit in diesen Gebieten beimisst.

Jorge fühlt sich wohl in diesen Gemeinden an der trostlosen Peripherie. Seinen Priestern sagt er immer wieder: »Die Kirche ist nicht dazu da, die Leute zu kontrollieren, sondern sie dort zu begleiten, wo sie gerade stehen.« Vor seinem Amtsantritt kümmerten sich die Priester, die eine Pfarrei in der Stadt hatten, nebenher auch noch um einen Bezirk in den Randgebieten. Jetzt ist es umgekehrt: Jetzt vertraut er den Pfarrern der Elendsviertel zusätzlich eine Pfarrei in den Vierteln der Mittelschicht an. Jorge hat das Pensionsalter erreicht und ahnt nicht, dass ihm noch einmal eine einschneidende Veränderung bevorsteht.

Jeder wird zu einer bestimmten Zeit geboren. Karol Wojtyła ist im Widerstand gegen die Nazi-Besatzung, im Untergrundtheater, in den Steinbrüchen und in der Fabrik Solvay großgeworden. Benedikt XVI. erhielt seine Ausbildung in den Hörsälen der Universitäten. Pius XII. und Paul VI. wurden in den Räumen des vatikanischen Staatssekretariats geschult. Johannes XXIII. reifte unter den Orthodoxen in Bulgarien und den Muslimen in der Türkei heran.

Jorge Mario Bergoglio wird im Bauch der Stadt neu geboren, Tag über Tag in der U-Bahn, und wenn er die Landschaft der Baracken durchquert.

KAPITEL II Das Ende der imperialen Kirche

Wenige Minuten entscheiden über das Image eines Papstes. Als Albino Luciani zum ersten Mal auf der Loggia erschien, gewann er die Herzen der Gläubigen durch sein unsicheres Lächeln und sein beinahe kindliches Winken. Er hätte gerne etwas gesagt, aber der Zeremonienmeister wies ihn darauf hin, dass das nicht üblich sei. Joseph Ratzinger weckte zärtliche Gefühle, weil aus den weißen Ärmeln seines päpstlichen Gewandes sein schwarzer Pullover heraussah. Johannes Paul II. ließ mit seinem berühmt gewordenen »Wenn ich einen Fehler mache, werdet ihr mich korrigieren!« sofort seinen unwiderstehlichen Charme spielen.

Bergoglio weckt zunächst Neugier, als er sich in seiner leicht wiegenden Gangart der Balustrade nähert, dort einen Moment lang in Stille verharrt und dann verhalten winkt, so als sähe er in der Ferne eine Gruppe von Verwandten und Freunden.

Seine Gesten sind familiär, nichts kommt von oben herab. Seine Worte wollen mehr als bloß den vorstellen, für den die Kardinäle »bis fast ans Ende der Welt gegangen« sind. Franziskus entwirft sofort eine neue Perspektive. »Jetzt beginnen wir diesen Weg – Bischof und Volk«, ruft er aus, und er wiederholt es zweimal. Damit betont er seine Gemeinschaft mit den Gläubigen und das »gegenseitige Vertrauen«. Die Kirche von Rom, das sagt er in aller Deutlichkeit, führt »den Vorsitz in der Liebe … gegenüber allen Kirchen«.9

Schon jetzt entwirft er in raschen Zügen den Stil einer gemeinschaftlichen Kirche. Bischof und Volk sind miteinander auf dem Weg. Rom ist kein bürokratisches Machtzentrum, sondern muss die katholischen Gemeinschaften der Welt in einem Band einen, das nicht in erster Linie auf Rechtsbestimmungen, sondern auf der Liebe beruht. So hat es der heilige Ignatius von Antiochien in der Frühzeit des Christentums erklärt. Bischof von Rom ist der Titel, den Bergoglio am liebsten hört. Kein einziges Mal nennt er sich Papst an jenem ersten Abend. Vom Balkon herab hängt nicht sein von der Tiara, dem Königssymbol, gekröntes Wappen, sondern lediglich ein rotes Tuch mit einem weißen Rechteck im Vordergrund.

Die Idee vom Weg greift Franziskus gleich am nächsten Tag wieder auf, als er in der Sixtinischen Kapelle mit dem Kardinalskollegium die Messe feiert. Er sitzt nicht auf dem päpstlichen Thron, sondern hält die Predigt im Stehen, wie ein Pfarrer. Er spricht über drei zentrale Begriffe: gehen, aufbauen, Christus bekennen. Das Leben ist ein Weg, sagt er, und wenn man stehenbleibt, dann »geht die Sache nicht«. Diesen Weg muss man mit dem Kreuz gehen, denn wenn man Christus ohne das Kreuz verkündet, dann ist die Kirche nicht mehr als eine NGO. Und dann »sind wir nicht Jünger des Herrn: Wir sind weltlich, wir sind Bischöfe, Priester, Kardinäle, Päpste, aber nicht Jünger des Herrn.«10 Während er zu den Kardinälen spricht, die ihn gewählt haben, holt der Papst ständig Luft. Sein Ischiasnerv macht ihm zu schaffen.

Von den allerersten Bemerkungen an wird Bergoglios Stil erkennbar. Eine unmittelbare, beinahe volkstümliche Sprechweise, eine intensive Spiritualität, die Vorstellung von einer dynamischen Kirche. Der eine oder andere Purpurträger denkt zurück an die raffinierten Satzperioden Benedikts XVI. und rümpft die Nase. Doch hinter Bergoglios schlichter und offener Sprache steht der Wunsch, an starren Denkstrukturen zu rütteln. Franziskus ist ein Eisbrecher, so wird es der USamerikanische katholische Schriftsteller Michael Novak formulieren. Wer Reformen auf den Weg bringen will, muss fossile Strukturen aufbrechen. Franziskus will eine Kirche, die in Bewegung ist und sich nicht abschottet, weil sie Angst vor Unfällen hat: »Aber ich sage euch: Mir ist eine verunfallte Kirche tausendmal lieber und nicht eine kranke Kirche!« Eine Kirche, die »den Mut hat, die Gefahr auf sich zu nehmen, um hinauszugehen«,11 das wird er in den Monaten nach seiner Wahl noch mehrfach wiederholen.

Seine Tracht ist das einfache weiße Gewand. Diese Entscheidung ruft erste Kritiker auf den Plan. Als er nach seiner Wahl in die päpstlichen Gewänder gekleidet wurde, soll er die rote Mozzetta abgelehnt und zu Monsignore Guido Marini, dem Zeremonienmeister, gesagt haben: »Nein danke, das können Sie selbst anziehen … Der Karneval ist vorbei!« Dieser fragwürdige Satz wurde später von seinen Gegnern kolportiert. Es ist schwer vorstellbar, dass ein jesuitischer Papst sich so unhöflich ausgedrückt haben soll.

Am Tag nach seiner Wahl fällt den Römern auf, dass der Papst nicht die traditionellen roten Schuhe trägt: die purpurfarbenen Prada, derentwegen Ratzinger seinerzeit von den Medien so gnadenlos aufs Korn genommen worden war. Bergoglios Schuhe sind schwarz, alt und ausgetreten. Orthopädische Pastorenschuhe, wie er sie in Buenos Aires trug, in der erzbischöflichen Kurie genauso wie in den Elendsvierteln. Am Handgelenk trägt er irgendeine Uhr. Das Kreuz auf seiner Brust ist aus Eisen. Auch an den Fingern will er nichts Goldenes haben. Der »Fischerring«, den Kardinal Sodano ihm im Namen des heiligen Kollegiums schenken wird, ist nur aus Silber.

24 Stunden nach seiner Wahl besteht er darauf, beim internationalen Priesterhaus in der Via della Scrofa, seiner römischen Unterkunft vor dem Konklave, vorbeizufahren, um seine Sachen, die in den Vatikan gebracht werden sollen, zusammenzupacken und persönlich die Rechnung zu bezahlen. Das Foto geht um die Welt. Der römische Pontifex ganz in Weiß an der Rezeption, während der Mann am Empfang die Quittung ausstellt. Am selben Tag weigert er sich, den offiziellen Wagen mit dem Kennzeichen SCV1 zu besteigen und fährt in einem einfachen Auto der vatikanischen Gendarmerie zur Basilika Santa Maria Maggiore. Als er am 14. November 2013 dem Präsidenten der Republik Giorgio Napolitano im Quirinalspalast einen offiziellen Besuch abstattet, nimmt er einen Ford Focus. Ohne laute Sirenen, ohne Motorradeskorte, ohne berittene Präsidialgarde. Während er ins Auto steigt, blitzt unter seinem weißen Gewand die schwarze Hose hervor.

Mehrere Tage vergehen, ohne dass der argentinische Pontifex die päpstliche Wohnung bezieht. Er bleibt im vatikanischen Gästehaus Santa Marta, wo er während des Konklaves gewohnt hat. Zunächst hält man das für eine provisorische Lösung. Sicherlich will er nur abwarten, bis die traditionelle Wohnung der Päpste nach seinem Geschmack hergerichtet ist. Dann kommen Gerüchte auf, er wolle in den Lateranpalast übersiedeln, den alten Sitz der Bischöfe von Rom. Doch Franziskus will gar keinen Palast. Nach zwei Monaten müssen die Prälaten klein beigeben. Franziskus wird im Gästehaus Santa Marta wohnen bleiben. Ein Schock für die Konservativen und auch unter denen, die ihn gewählt haben, finden sich einige, die murren, es gibt die ersten leisen Anzeichen von Widerstand. Manche werfen ihm einen demagogischen Bruch mit der Tradition vor, der seine Vorgänger in einem ungünstigen Licht erscheinen lasse.

Davon unbeeindruckt zieht es der Papst bis heute vor, in der kleinen Hotelsuite 201 zu wohnen und im gemeinsamen Speisesaal mit den anderen an einem Tisch zu essen, wo sich jeder, der will, dazusetzen kann. »Das macht es schwieriger, ihn zu vergiften«, scherzen sie in Buenos Aires. »Die Leute können mich sehen und ich führe ein normales Leben … öffentliche Messe am Morgen, Essen mit allen in der Kantine … ich bin nicht isoliert«, schreibt er an einen argentinischen Priester.12

Jeden Morgen um zehn Uhr begibt sich Franziskus zu den Arbeitstreffen in den apostolischen Palast, doch den Nachmittag über bleibt er in seinem Arbeitszimmer in Santa Marta. Man begegnet ihm im Aufzug oder auf dem Weg zum Kaffeeautomaten, während er in der Tasche nach Kleingeld sucht. Zwei Priester, die ihn in den ersten Tagen im Aufzug treffen, grüßen stotternd: Sie wissen nicht, ob sie auf dem Absatz kehrtmachen oder ihm die Hände küssen sollen.

Bergoglio nennt einen einfachen Grund für seine Entscheidung, im Gästehaus zu bleiben: Es tue ihm nicht gut, von der Welt getrennt zu sein. »Ich kann nicht alleine leben … ich kann es einfach nicht … das ist psychisch bedingt …«, scherzt er. Nur jemand, der »sich selbst nicht sehr mag«, erzählt er einer Klasse von Jesuitenschülern, könne den Ehrgeiz haben, auf den Stuhl Petri zu steigen. Deshalb habe er »nicht Papst werden« wollen.13

Gegenüber den Journalisten auf dem Rückflug vom Weltjugendtag in Brasilien wird er sich ähnlich äußern: »Ich brauche Menschen, muss Menschen begegnen, mit den Menschen sprechen.«14 Eher politischer Natur ist die Erklärung, die er dem Jesuiten Antonio Spadaro gibt: Das päpstliche Appartement »gleicht … einem umgekehrten Trichter … der Eingang ist wirklich schmal. Man tritt tropfenweise ein.«15 Das »Appartement« ist im vatikanischen Jargon gewissermaßen das Codewort für Anweisungen von oben. Dadurch, dass Franziskus im Gästehaus Santa Marta wohnen bleibt, ist mit einem Schlag der magische Zirkel der Eingeweihten verschwunden, die sich in jedem Pontifikat mit ihrem tatsächlichen oder nur angeblichen Zugang zur apostolischen Wohnung brüsten und den Rest der Welt gnädigerweise mit bruchstückhaften Informationen darüber versorgen, was der Papst denkt. Bei einem Papst, der sich einer so skandalös direkten Ausdrucksweise bedient, gibt es für Anspielungen auf La Mente (den ›lenkenden Geist‹ – auch dies ein Wort aus dem Kurienjargon, um auf die allerhöchsten Wünsche zu verweisen) keinen Raum mehr.

Der unbeirrbar einfache Stil des Papstes wirbelt die Traditionen durcheinander. Manchmal erscheint er zu einer feierlichen Zeremonie in derselben Aufmachung wie die anderen Bischöfe und hält die Mitra in ihrem Futteral in der Hand. Bei der ersten Messe mit den Kardinälen in der Sixtinischen Kapelle trägt er noch seine alte Mitra aus Buenos Aires. Wenn er während der Predigt die Brille aufsetzen muss, wühlt er in seiner Tasche nach dem Etui, statt sich die Sehhilfe wie sein Vorgänger eilfertig von einem Sekretär anreichen zu lassen. Auf der Gangway zum Flugzeug nach Rio de Janeiro hatte er eine schwarze Aktenmappe unter den Arm geklemmt, »weil ich das immer so getan habe … Und was ist darin? Der Rasierapparat, das Brevier, der Terminkalender, ein Buch zum Lesen«.16

Manche im Vatikan wollen den neuen Kurs bagatellisieren und sagen, das sei eben »südamerikanischer Stil«. Doch das stimmt nicht. In Lateinamerika hat es alle Arten von Bischöfen und Kardinälen gegeben. Solche, die in großer Armut lebten wie Helder Câmara, der den Armen seinen Palast überließ. Solche mit eher mittelständischen Lebensgewohnheiten. Und hochherrschaftliche Kirchenfürsten, die an altkastilische Aristokraten erinnerten. Franziskus’ Demut ist nicht aufgesetzt. Die unkonventionellen Gesten sind ein Spiegel seiner Persönlichkeit. Kardinal Camillo Ruini erinnern sie an die »Genügsamkeit der Jesuitenprofessoren, die nichts besaßen außer ihren Büchern«.

Vor allem aber steht dieser informelle Stil im Dienst eines hellsichtigen Plans: den imperialen Charakter des Papsttums, den cäsarischen, halbgöttlichen, von der Aura der Unfehlbarkeit umgebenen Absolutismus zu demontieren, der sich im Lauf der Jahrhunderte am päpstlichen Hof abgelagert hat und sogar im heidnischen Titel der Nachfolger Petri zum Ausdruck kommt: Pontifex Maximus.

Wenige Tage nach seiner Wahl versetzt Papst Franziskus dem Bild von der Macht des Vatikans einen ersten, heftigen Stoß. Als er gerade über die Wahl seines Namens und über den Heiligen von Assisi spricht, unterbricht sich Bergoglio und murmelt halblaut und mit hörbarem Aufseufzen: »Ach, wie möchte ich eine arme Kirche für die Armen!«17 Diese Worte werden von den Zuhörern mit stürmischem Beifall aufgenommen. Der Osservatore Romano setzt den Satz in Riesenlettern auf die Titelseite. Das ist nicht die Kirche, die den Menschen, zum Beispiel in einer Umfrage, spontan in den Sinn kommt. Wer an jenem Tag in der Audienzhalle dabei war, der wird sich daran erinnern, welche starken Emotionen diese geradezu programmatischen Worte in den Anwesenden hervorgerufen haben.

Vieles von dem, was der ursprünglichen Rolle des Bischofs von Rom an »Sakralem« und Hochtrabendem hinzugefügt worden ist, hat nichts mit dem Christentum und schon gar nichts mit der Frohen Botschaft zu tun. »Alles, was zu Kaiser Diokletian gehörte, wurde als ›sakral‹ definiert: seine Edikte, sein Schlafzimmer, seine Garde, seine Palastkanzlei«, schreibt der Historiker Giovanni Filoramo über die rituelle Struktur der spätrömischen Kaiserzeit. »Wem die Ehre einer Audienz beim Kaiser zuteilwurde, der wurde zur ›Anbetung des Purpurs‹, des kaiserlichen Mantelsaums, zugelassen«.18

Das Rot der päpstlichen Schuhe und des päpstlichen Mantels leitet sich von diesem kaiserlichen Purpur ab. Mit der Farbe des Blutes und einer symbolischen Bereitschaft zum Martyrium hat das nichts zu tun. Es ist das Rot der absoluten Herrschaftsgewalt. Der Kniefall der Kardinäle vor dem Papst ist die Erniedrigung der Untergebenen gegenüber dem römischen Kaiser und dem persischen König der Könige. Die »Heilige Rota«, die »Heilige Inquisition«, die »heiligen Paläste«, die »Ringkussaudienzen«, die »heiligen Kongregationen« oder der »Kuss des päpstlichen Pantoffels«: All das sind Anklänge an die Praktiken der absoluten Monarchien des Orients, in denen der Wille des Herrschers oberstes Gesetz war. »Die Führer der Kirche waren oft narzisstisch, von Schmeichlern umgeben und von ihren Höflingen zum Üblen angestachelt. Der Hof ist die Lepra des Papsttums …«, vertraut Franziskus Eugenio Scalfari, dem Gründer der Zeitung la Repubblica an.19

Bergoglio schockiert die vatikanischen Prälaten, als er die argentinische Presidenta Cristina Kirchner auf die Wangen küsst und Königin Rania von Jordanien eine Kusshand zuwirft. Er ist auch der erste Pontifex, der sich regelmäßig von den Gläubigen küssen lässt.

Das alles dient der Demontage des Mythos vom Pontifex und Imperator. Johannes Paul II. war warmherzig, menschlich, mal lustig, mal zornig. Immer aber blieb ein »Imperator«. Franziskus lässt die monarchische Aura ein für alle Mal hinter sich. Der Papst ist Bischof und muss reden wie ein Priester. Auch im päpstlichen Jahrbuch macht sich die Wende bemerkbar. »Franziskus, Bischof von Rom«, heißt es auf der ersten Seite, die dem Papst vorbehalten ist. Die anderen barocken Titel – Stellvertreter Jesu Christi, Nachfolger des Apostelfürsten, oberster Pontifex der allgemeinen Kirche – sind auf die zweite Seite verbannt.

Drei Monate nach seiner Wahl findet ein ihm gewidmetes Konzert zum Jahr des Glaubens ohne ihn statt. Sein leerer Stuhl in der Aula Paolo VI sticht ins Auge und wird prompt fotografiert. Überrascht erklärt Erzbischof Rino Fisichella, Präsident des Päpstlichen Rates zur Förderung der Neuevangelisierung und Veranstalter des Konzerts, der Papst sei aufgrund »unvorhersehbarer Verpflichtungen« verhindert. Zur selben Zeit sitzt Bergoglio im Gästehaus Santa Marta und liest die Unterlagen zum Thema Istituto per le Opere di Religione (IOR), besser bekannt als die Vatikanbank. Der Kommentar, den er zuvor abgegeben haben soll, ist vernichtend: »Ich bin doch kein Renaissancefürst!« Im November lässt der Papst das Abschlusskonzert zum Jahr des Glaubens ganz streichen. Das Konzept, um dessen Durchsetzung er sich in den folgenden Monaten nach Kräften bemühen wird – und das unter den Anhängern des Symbolpapsttums für allergrößte Empörung sorgt –, besagt, dass der Papst ein ganz normaler Mensch ist, der »lacht, weint, ruhig schläft und Freunde hat wie jeder andere auch«.

Ihre letzte Konkretisierung erfährt der Abbau des monarchischen Gepränges in kleinen Details. Die Vatikanangestellten erhalten diesmal nach der Wahl des neuen Papstes keine Sondervergütung. Päpstliche Orden werden nur noch an ausländische Diplomaten verliehen. Die Ernennungen der Gentiluomini di Sua Santità, der »Edelmänner seiner Heiligkeit«, sind ausgesetzt. Und der Titel eines Monsignore wird nur noch an Priester vergeben, die über 65 sind.

Auch der Rücktritt Benedikts XVI. hilft Franziskus bei dieser Demontage der imperialen Kirche. Die Abdankung seines Vorgängers hat das Papsttum menschlicher gemacht, entsakralisiert. Als er noch Kardinal war, hat Ratzinger bereits geahnt, dass die päpstliche Monarchie in den überkommenen Formen nicht mehr tragbar war: »Eine Kirche von globalen Dimensionen«, sagte er mir wenige Monate vor seiner Wahl, »kann in der heutigen Weltlage nicht auf monarchische Weise regiert werden.«20 Als er dann Papst geworden war, hatte er nicht den Mut, die Reform selbst in die Hand zu nehmen.

Franziskus packt das Problem an der Wurzel. Er verflacht die übertrieben pyramidale Form der Kirche, deren Kurie als Hauptquartier fungiert: eine Kommandostelle, die allein schon durch ihren Pomp und ihre Schönheit die Überzeugung ausstrahlt, das »Zentrum« und das »Ganze« des katholischen Erdkreises zu sein. Eine überalterte Arroganz, wie der Kirchenhistoriker Alberto Melloni glaubt.21 Für Franziskus ist nun der Moment gekommen, die »Kollegialität« zu verwirklichen, jenes vom Zweiten Vatikanum verlangte Prinzip, wonach Papst und Bischöfe gemeinsam – wie einst Petrus vereint mit den Aposteln – sich die Leitungsverantwortung der Weltkirche teilen. Papst und Bischöfe sind »Stellvertreter Christi«. Das ist die Wende des Konzils. Die Bischöfe sind keine Präfekten mehr, die die Weisungen eines päpstlichen Monarchen umsetzen, sondern Apostel, die gemeinsam mit dem Papst für die gesamte Kirche verantwortlich sind. Deshalb braucht es jetzt eine Generation von Bischöfen, denen jeglicher Karrierismus fremd ist. An die Nuntien, die im Auftrag des Heiligen Stuhls die Profile der Kandidaten für das Bischofsamt erstellen, richtet er die Mahnung: »Sie sollen die Armut lieben, die innere Armut als Freiheit für den Herrn und auch die äußere Armut als Einfachheit und Schlichtheit des Lebens. Sie sollen keine Mentalität von ›Fürsten‹ haben. Achtet darauf, dass sie nicht ehrgeizig sind«.22 Die Haltung eines Bischofs darf »nicht die des Fürsten oder des bloßen Funktionärs« sein, betont er mehrfach. Und auch nicht die eines Bürokraten, »der vor allem auf die Disziplin, die Regeln, die Organisationsmechanismen achtet.«23

Die großen Päpste haben schon gleich nach ihrer Wahl ihr Programm im Kopf. Johannes XXIII. rief noch am Tag des Konklaves nach dem Abendessen Monsignore Domenico Tardini an, um ihm seine Ernennung zum Staatssekretär mitzuteilen. Knapp zehn Wochen nach seiner Wahl sprach er mit Vertrauten bereits über seine Idee zu einem Konzil. Dass es nützlich wäre, ein solches einzuberufen, hatte er schon während seiner Zeit als Nuntius in der Türkei (1934 –1944) im Privaten geäußert.24

Bergoglio entschied vier Tage nach seiner Wahl, wer der neue Staatssekretär sein und Kardinal Bertone ablösen sollte:25 Pietro Parolin, 58 Jahre alt, Nuntius in Venezuela und zuvor, von 2002 bis 2009, Untersekretär der Abteilung für auswärtige Angelegenheiten des Heiligen Stuhls. Er kommt aus der großen Diplomatenschule der Kardinäle Agostino Casaroli und Achille Silvestrini. Ehe er 2009 nach Venezuela beordert wurde, hatte er den Vertrag zwischen dem Heiligen Stuhl und Vietnam ausgehandelt. Auf der Basis dieses Vertrags haben die beiden Parteien diplomatische Beziehungen aufgenommen, und seit 2010 kann der Vatikan anhand einer Vorschlagsliste mit drei Namen, die er der Regierung vorlegt (also nach demselben Verfahren, das während des Kalten Krieges in den osteuropäischen Staaten üblich war), in Vietnam Bischöfe ernennen. Parolin soll der Staatssekretär einer verschlankten Kurie werden, die bereitwilliger mit den Bischöfen in aller Welt zusammenarbeitet. Er hat eine Gabe, die für den argentinischen Pontifex entscheidend ist: sein priesterliches Engagement. Zwar bemüht sich Bertone um ein Jahr Verlängerung, doch der Papst hat schon im März beschlossen, dass die Wachablösung nach Ablauf des Sommers erfolgen soll, und genau so geschieht es auch. Parolin tritt das Amt offiziell am 15. Oktober 2013 an, auch wenn er aufgrund einer unvorhergesehenen Leberoperation sein Büro im Staatssekretariat de facto erst am 18. November bezieht. Im folgenden Jahr bekommt er den Kardinalshut.

Dreißig Tage nach dem Konklave beginnt der Papst seine Revolution. Mit einer Presseerklärung setzt er eine Arbeitsgruppe ein, der acht Kardinäle aus fünf Kontinenten angehören. Für Lateinamerika der honduranische Kardinal Oscar Rodríguez Maradiaga, der zum Koordinator ernannt wird, und der Chilene Francisco Javier Errázuriz. Für Nordamerika der US-Amerikaner Sean Patrick O’Malley. Für Europa der Deutsche Reinhard Marx. Für Asien der Inder Oswald Gracias. Für Afrika der Kongolese Laurent Monsengwo Pasinya. Für Ozeanien der Australier George Pell. Die Herkunftsorte der Berater sind wie Koordinaten auf der Landkarte der globalisierten Kirche, wie sie Franziskus vorschwebt. Nur ein Vertreter der Kurie ist unter ihnen, Kardinal Giuseppe Bertello, Präsident des Governatorats der Vatikanstadt. Ein weiterer Italiener, Marcello Semeraro, Bischof von Albano, fungiert als Sekretär. Einige Angehörige des Gremiums, unter ihnen Monsengwo, waren im Konklave aktiv daran beteiligt, die Wende zugunsten Bergoglios Wahl herbeizuführen.

Dieser Rat, der dem Papst zur Seite stehen soll, ist eine so durchschlagende Neuerung, dass Vatikansprecher Lombardi sich beeilt zu versichern, es handele sich lediglich um eine Arbeitsgruppe, die nicht dazu gedacht sei, die Bedeutung der Kurie zu schmälern. Doch der Text, der die Ernennungen ankündigt, geht weit darüber hinaus. Die acht Kardinäle, so heißt es darin, werden die Aufgabe haben, das Projekt einer Kurienreform zu studieren und »dem Heiligen Vater bei der Regierung der Weltkirche behilflich« zu sein. Das ist der erste Schritt auf dem Weg zur Umsetzung der Kollegialität. Nach fünf Monaten tut Franziskus einen weiteren Schritt. Am 28. September ist die neue Einrichtung amtlich. Sie wird »Kardinalsrat« heißen, und ihre Funktionen sind nun noch klarer umrissen. Ihre Aufgabe – sagt der Papst ausdrücklich – besteht darin, »mich in der Leitung der Weltkirche zu unterstützen«. Der Papst behält sich vor, den Rat den jeweiligen Erfordernissen gemäß zu strukturieren und gegebenenfalls die Zahl der Mitglieder zu erhöhen. Franziskus will ein ständiges Beratungsorgan an seiner Seite haben, das die Bischöfe der Welt direkt repräsentiert. Es geht dabei, das betont er ausdrücklich, um die Umsetzung von »Vorschlägen«, die auf den allgemeinen Versammlungen der Kardinäle vor dem Konklave geäußert worden sind.26

Tatsächlich werden so die Voraussetzungen dafür geschaffen, das Modell einer absoluten Monarchie zu überwinden und der Kirche eine gemeinschaftliche Struktur zu geben, in der die Episkopate mitentscheiden können, welche Strategien die Kirche in der gegenwärtigen Epoche verfolgen soll und wie der Glaube in der heutigen Gesellschaft gelebt werden kann. Als der Sommer vorbei ist, beschleunigt der Papst die neue Entwicklung. Der Kardinalsrat wird in rascher Folge dreimal einberufen: im Oktober und Dezember 2013 und dann wieder im Februar 2014. Zu den ersten Diskussionspunkten gehört die Reform der Kurienverfassung einschließlich einer grundlegenden Neuorganisation sowie die Entscheidung, sich in einer Bischofssynode mit der Gesamtthematik der Familie, der Empfängnisverhütung, der Sexualität und der gleichgeschlechtlichen Beziehungen zu beschäftigen.

Franziskus ist nicht nur eine charismatische Persönlichkeit: Er ist ein Politiker. Seine Arbeitsmethode basiert darauf, die verschiedenen Vorschläge anzuhören und sorgfältig zu bewerten. Im ersten Jahr seines Pontifikats macht er keinen Urlaub. Er verzichtet auf die Ausflüge in die Alpendörfer, die vor allem Papst Wojtyła so geliebt hatte, und gönnt sich nicht einmal im August eine richtige Ruhezeit in der päpstlichen Villa in Castel Gandolfo. Als wäre ihm bewusst, dass die Zeit, die ihm zur Verfügung steht, begrenzt ist.

In den ersten Monaten seines Pontifikats führt er systematische Beratungsgespräche mit allen Kurienorganen und den Vertretern der wichtigsten katholischen Organisationen. Maria Voce, die Präsidentin der Fokolarbewegung, die in dieser Zeit mit ihm zusammentrifft, beschreibt ihn als »sehr sanftmütig und gleichzeitig mit einem außerordentlich starken Charakter begabt. Er ist besonnen, er geht keine Risiken ein, aber man spürt, dass der Wille Gottes seine Inspiration ist, die ihn ganz durchdringt«.27

Ein Politiker, ein Staatsmann, muss flexibel sein. Franziskus geht es vor allem um die Neugestaltung der Kurie, aber angesichts der Finanzskandale, die die Kirche unausgesetzt beschädigen, nimmt er auch die Geldfrage unverzüglich in Angriff.

Im Sommer 2013 schnürt er ein Paket aus neu eingerichteten Gremien, die für Transparenz sorgen und die Ausgaben prüfen sollen. Am 24. Juni ernennt er eine Untersuchungskommission für das IOR. Die Vatikanbank soll mit der Sendung der Kirche »in Einklang« gebracht werden. Zu den Mitgliedern der Kommission gehört unter anderen die US-amerikanische Professorin Mary Ann Glendon, ehemalige Präsidentin der Päpstlichen Akademie der Wissenschaften, die 1995 auf der UNO-