Flüchtig wie ein Tag. Neunzig Jahre Leben - Regina Horstmann-Neun - ebook

Flüchtig wie ein Tag. Neunzig Jahre Leben ebook

Regina Horstmann-Neun

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Opis

Irmgard wächst behütet in den 1920er Jahren in Berlin auf. Als Jugendliche erlebt sie die Grausamkeit des Zweiten Weltkrieges. Nichts ist alltäglich in dieser Zeit. 1944 lernt sie ihre große Liebe, einen angehenden Pfarrer, kennen. Mit dem »letzten Aufgebot« muss auch er an die Front. Berlin ist ein Trümmerhaufen, besetzt von den Siegermächten, und Irmgard von einem Russen schwanger. Sie flieht über die Zonengrenze in den Westen zu ihrem Mann, der Krieg und Gefangenschaft überlebt hat. Als Frau eines Pfarrers und Mutter scheint für Irmgard nach Zeiten der Not und des Hungers wieder die Sonne. Doch ihr Glück soll nicht lange währen. Der Tod nimmt ihr den liebsten Menschen und macht ihre drei Töchter zu Halbwaisen. Als Pfarrwitwe geht sie mit einem Journalisten eine Beziehung ohne Trauschein ein. Dieser ist noch verheiratet und seine Frau erwartet ein zweites Kind von ihm. Damals ein Skandal! Wird diese Beziehung Bestand haben? Und wieder ist es die Kraft der Liebe, die ihre Persönlichkeit stärkt und ihren Blick nach vorn richtet. Auf ihrem Weg hin zu einer Flickenteppichfamilie setzt sich Irmgard unbeirrt über die Meinung ihrer Mitmenschen hinweg. Zeitgeschichte und Lebensbericht einer Neunzigjährigen; fesselnd, lebensbejahend und anrührend.

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Flüchtig wie ein Tag

Neunzig Jahre Leben

Irmgard Horstmann

Regina Horstmann-Neun

Engelsdorfer Verlag

Leipzig

2012

Bibliografische Information durch die Deutsche Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://www.dnb.de abrufbar.

Copyright (2012) Engelsdorfer Verlag Leipzig

Alle Rechte bei den Autoren

Das Copyright der Abbildungen liegt bei den Autoren

Hergestellt in Leipzig, Germany (EU)

www.engelsdorfer-verlag.de

Inhalt

Prolog
Teil I: Berlin 1915–1941
„Kiek mal, der Kaiser kommt!“
Teil II: Berlin 1941–1947
Im Bombengewitter – verliebt, verlobt, verheiratet
Teil III: Im Westen 1945–1953
Die S-Kurve
Teil IV: Züschen 1954
Die Witwe
Teil V: Büdingen 1955–1957
»Im Namen des Volkes«
Teil VI: Groß Gerau 1958–1963
Flickenteppichfamilie
Teil VII: 1963–1971
Hausfrauen-Aufstieg
Teil VIII: 1971–1980
Eine Affäre
Teil IX: 1980–2011
Der etwas andere Trauschein
Epilog
Die Autoren

Für meine Familie

Ich lebe mein Leben in wachsenden Ringen,

die sich über die Dinge ziehn.

Ich werde den letzten vielleicht nicht vollbringen,

aber versuchen will ich ihn.

Ich kreise um Gott, um den uralten Turm,

und ich kreise jahrtausendelang;

und ich weiß noch nicht: bin ich ein Falke, ein Sturm

oder ein großer Gesang.

Rainer Maria Rilke (1875–1926)

Aus: Das Stundenbuch/Buch vom Mönchischen Leben (1899)

Prolog

Der Morgen dämmerte durch die Vorhänge. Es war Anfang Oktober 2010 und ich gähnte mich aus dem Bett. Die Wirbelkanalstenose begrüßte mich mit dem üblichen Schmerz. Immerhin waren nach der Operation die Ischias-Schmerzen verschwunden. Im Alter gewöhnt man sich vor allem daran, dass es jeden Morgen irgendwo wehtut. Ich griff nach meiner Krücke und schwankte zum Bad. Ich begann mit dem Wasserritual und spürte plötzlich eine widerliche Übelkeit in mir aufsteigen. Mich überlief eine Gänsehaut, kalter Schweiß brach aus und überzog meinen Körper. Ich hockte mich auf den Drehstuhl. Mein Herz schlug so unrhythmisch, dass ich es bis in den Kopf hinein spürte. Ich dachte: Schnell ins Bett, flach liegen, sonst kippst du um. Zurück im Bett bemühte ich mich, ruhig und tief zu atmen. Langsam ließ das Toben in meinem Inneren nach, der Kreislauf beruhigte sich. Mir kam der Gedanke, dass ich in wenigen Tagen neunundachtzig Jahre alt werden würde. Für die Familie, die fünf Kinder und acht Enkel umfasste, war ich Mutti, Oma, Mimi. Sie kümmerten sich, riefen an, schrieben oder schickten E-Mails.

Unsere Kinder mit ihren Familien waren im täglichen Stress dieser Zeit gefangen. Was wussten sie von meinem, unserem Leben? Einer neunzigjährigen Lebensgeschichte mit und ohne Trauschein. Ein gelebtes Leben vor, während und nach dem Zweiten Weltkrieg. Zwischen Kaffee und Kuchen und einigen Gläsern Wein, bei Geplauder erzählt, und vieles wieder vergessen.

Bei der Niederschrift meiner Erinnerungen habe ich nicht versucht, mich heute klüger zu machen, als ich damals war. Aber den Willen zu überleben und das Leben wieder zu genießen teilte ich mit vielen anderen.

Heute, auf der Insel Amrum, hat sich der Kreis meines Lebens fast geschlossen. Die Hauptakteure meines Lebens, mein erster Mann Friedrich Wilhelm Horstmann, Pastor der Lutherischen Kirche sowie mein zweiter Gefährte über viele Jahrzehnte, Ernst Joachim Seegert, Journalist, sind vor mir gegangen.

Ich sage danke für eine große wunderbare Familie, die mein ganzer Lebensinhalt gewesen ist und es auch heute noch ist. Sie tragen mich durch Kummer und Freude.

Teil I: Berlin 1915–1941

„Kiek mal, der Kaiser kommt!“

Im November 1915 fegte heftiges Schneegestöber über eine Haltestelle in Berlin Pankow. Johanna Reifegerste schaute auf die Uhr neben den Gleisen. Durch die dicken Schneeflocken konnte sie kaum die Zeiger erkennen. Die Bahn hätte schon seit mehr als einer halben Stunde da sein müssen. Es war später Nachmittag und es würde bald dunkel werden. Sie zog die Schultern in dem langen dunkelbraunen Lodenmantel hoch und schob sich die Pelzkappe tiefer über die Ohren. Unschlüssig stapfte sie mit ihren Stiefeln durch den Schneematsch auf dem Bahnsteig entlang. »Wegen des Schneegestöbers kommt wahrscheinlich keine Bahn«, seufzte sie und dachte nach: Soll ich die drei Stationen zu Fuß nach Hause gehen? Das würde sicher eine knappe Stunde dauern. Vater wird sich Sorgen machen, wenn er vom Auswärtigen Amt nach Hause kommt und mich nicht vorfindet. Das Abendessen muss ich auch noch richten. – Die nasse Kälte kroch langsam ihre Strickstrümpfe hoch. Sie war am Ende des Bahnsteigs angekommen. Dort drehte sie um und ging wieder zurück. Vielleicht kommt die Bahn doch noch, dachte sie hoffnungsvoll. Die Schneeflocken kamen ihr jetzt entgegen und stachen ihr Gesicht mit kalten Blitzen. Sie kniff die tränenden Augen zusammen. Durch die Schneegardine sah sie einen jungen Mann auf sich zukommen. Sein langer grauer Militärmantel wehte. Er trug eine militärische Schirmmütze und hatte den Kopf gegen den Sturm leicht gesenkt. Mit ausholendem Schritt kam er näher und ihre Wege trafen sich. Nur für einen kurzen Moment kreuzten sich ihre Blicke, während sie weitergingen, um am Ende des Bahnsteigs erneut umzukehren und wieder aufeinander zuzulaufen. Nach einiger Zeit verlangsamte der junge Mann seinen Schritt und kam neben ihr zum Stehen. Johannas Herz klopfte. Er machte eine knappe Verbeugung und tippte an seine Mütze: »Gestatten, gnädiges Fräulein, darf ich mich vorstellen: Leutnant Otto Schwanz.« Er lächelte. »Darf ich Sie zu einer Tasse Kaffee einladen, sonst frieren wir uns hier noch die Füße ab?«, Johanna schaute in die großen blauen Augen, die sie erwartungsvoll ansahen. Der junge Leutnant gefiel ihr. Sie zögerte nicht lange und folgte ihm in das Café hinter dem Stationsgebäude. Während sie sich mit einem heißen Getränk aufwärmten, machten sich meine Eltern gegenseitig bekannt.

*

Johanna Reifegerste, meine Mutter, war die Tochter von Hermann Reifegerste und Friederike Keppler, die liebevoll »Rikchen« genannt wurde. Rikchens Familie besaß eine große Gärtnerei in Thüringen, »Blumen Erfurt« genannt. Die Gärtnerei ging in Konkurs, da sich Rikchens Vater mit Immobilienkäufen verspekuliert hatte. Rikchen, meine Großmutter, war eine zierliche, schöne Frau mit veilchenblauen Augen. Sie trug ihren langen, braunen Zopf um den Kopf geschlungen. Ein paar Löckchen zupfte sie sich immer in die Stirn.

Mein Großvater Hermann Reifegerste hatte sich als junger Leutnant unsterblich in sie verliebt und wollte sie heiraten. Er hatte beim Krieg 1870/71 mitgekämpft und beabsichtigte zunächst, die militärische Laufbahn fortzusetzen. Für die Offizierslaufbahn musste er eine Frau finden, die eine »Kaution« stellen konnte. Das war damals so üblich, um die Familien der Offiziere finanziell abzusichern. Rikchens Eltern jedoch konnten nach der Firmenpleite keine Heiratskaution für ihre Tochter stellen. So nahm mein Großvater Abschied vom Militär und entschied sich für die wunderschönen Augen von Friederike. Sie heirateten und zogen nach Berlin Pankow. Mein Großvater begann eine Laufbahn im gehobenen Dienst beim Auswärtigen Amt. Zu dieser Zeit stand Staatssekretär Otto von Bismarck dem Amt vor. Von 1871 bis 1890 war er Reichskanzler unter Kaiser Wilhelm II. Die letzten vier Jahre dieser »Wilhelminischen Zeit« waren auch die des Ersten Weltkriegs.

Meine Großmutter Friederike gebar sechs Kinder. Bei einer der Geburten schrie sie sich »einen Kropf an«, wie man damals sagte. Wegen der Schwellung, die dabei am Hals entstand, trug sie daraufhin stets einen Tüllstehkragen. Ihre Figur blieb so schlank, dass sie bis zu ihrem frühen Tod immer Kleidergröße 36 tragen konnte. Eine Diphtherie-Epidemie raffte vier der noch kleinen Kinder dahin. Die beiden Jungen, Paul und Georg, blieben am Leben. Meine Mutter Johanna kam als Nachzüglerin, als siebtes Kind auf die Welt. Der Kummer über den Verlust ihrer Kinder hatte Rikchen zu einer kranken Frau gemacht. Sie kleidete sich nur noch schwarz. Ihr dunkler Zopf lag um ihren Kopf, doch ihre Augen blickten traurig und verloren. Sie erkrankte an Diabetes, außerdem hatte sie einen Herzklappenfehler, gegen den sich in der damaligen Zeit noch nicht viel ausrichten ließ.

Meine Mutter besuchte eine höhere Töchterschule. Mit sechzehn Jahren wurde sie aus der Schule herausgenommen, damit sie den Haushalt übernehmen und ihre Mutter pflegen konnte. Als bei meiner Großmutter schließlich auch noch eine Wassersucht dazukam, dauerte es nicht mehr lange und sie verstarb. Am Abend vor ihrem Tod bat sie meine Mutter um einen Spiegel. »Ach, schau mal, Hannchen, wie hübsch ich aussehe, so glatt!« Ihre Augen lächelten der Tochter zu. Das Wasser hatte alle Falten weggebügelt.

Meine Mutter übernahm den Haushalt für meinen Großvater und ihre Brüder und stellte ihre eigenen Wünsche für die Zukunft zurück. Ihr Bruder Georg strebte eine diplomatische Laufbahn an und Paul wurde Gartenbaumeister. Ihr Leben verlief ereignislos, bis sie als Achtzehnjährige, an jenem Wintermorgen 1915, im Schneegestöber auf meinen Vater Otto Schwanz traf. Der diente als junger Leutnant an der Front und hatte Sonderurlaub bekommen.

*

Großvater Hermann Reifegerste

Großmutter Friederike

Großvater Loouis Schwanz und Klara

Goldene Hochzeit meiner Urgroßeltern (Neumann)

Mein Vater Otto Schwanz, 1915

Meine Mutter Johanna Reifegerste, 1919

Kinderfoto meiner Mutter

Mein Vater (Mitte) mit Bruder Walter und Schwester Friedel

Mein Vater stammte aus der Bäckerfamilie Schwanz in Berlin-Tegel. Der Bäckermeister Louis Schwanz, mein Großvater, hatte in die Hutmacherfamilie Neumann eingeheiratet. Von meinem Urgroßvater, dem Hutmacher, weiß ich nur, dass er sein Handwerk in Berlin Brandenburg erlernt hatte. Anfang des 19. Jahrhunderts beschloss er, sein Glück in Russland zu versuchen. Er zog nach Petersburg, knüpfte Beziehungen und wurde der Hutmacher der Zarenfamilie. Als er sich einen gewissen Wohlstand erarbeitet hatte, zog es ihn zurück nach Berlin. Er kaufte ein Mehrfamilienhaus in Berlin-Tegel. Im Erdgeschoss eröffnete er ein Hutgeschäft und heiratete. Seine Tochter Klara hielt sich häufig in dem Geschäft auf und half mit. Als sich mein Großvater, der Bäckermeister, einen neuen Hut kaufen wollte, lernte er die Hutmachertochter Klara kennen und verliebte sich in sie. Sie heirateten und bekamen eine Tochter und drei Söhne.

Otto, mein Vater, war der mittlere Sohn. Er und seine Geschwister gingen noch nicht zur Schule, als meine Großmutter Klara an einer Meningitis verstarb. Für meinen Großvater war das eine Katastrophe, denn er hatte sich gerade ein Mietshaus gekauft, in dem er seine Bäckerei einrichtete. Ziemlich schnell heiratete er die schöne Hulda, die aus der Mark Brandenburg stammte. Hulda sorgte für einen geordneten Haushalt und übernahm die Pflichten als neue Mutter der vier Kinder. Mein Vater kam mit seiner Stiefmutter nicht besonders zurecht. Sie war ihm zu laut und zu grob. Einer seiner kindlichen Sprüche lautete: »Kaum hier rinjerochen und riskiert schon ’ne dicke Lippe«. Für Großvater war die Verbindung jedoch ein Segen, denn er konnte sich auf seine Bäckerei konzentrieren. Als Nachzügler wurde Gustav, das fünfte Kind, geboren.

Während des Ersten Weltkriegs vom 1. August 1914 bis zum Waffenstillstand am 11. November 1918 fiel einer von Vaters Geschwistern, der siebzehnjährige Sohn Hermann. Es war die Schlacht um die französische Festung Verdun, die vom 21. Februar bis zum 9. September 1916 andauerte und ihn und mehr als eine halbe Million deutsche und französische Soldaten das Leben kostete. Die Schlacht wurde als »Die Hölle von Verdun« bekannt. Hermanns älterer Bruder Walter verstarb an Tuberkulose. Seine Lieblingsschwester Frieda heiratete einen Versicherungskaufmann. Sie wurde sechsundneunzig Jahre alt und überlebte ihre Geschwister. Von uns allen geliebt und verehrt starb sie 1990 in einem Berliner Altenheim.

*

Nach der Begegnung meiner Eltern an der Haltestelle trafen sie sich noch zweimal. Mein Vater musste dann wieder zur Front und versprach meiner Mutter, bald wiederzukommen. Sie bangte und hoffte auf seine Rückkehr. Zum ersten Mal fühlte sie, wie schmerzhaft Sehnsucht und Liebe sein konnten.

An Kaiser Wilhelms Geburtstag, am 27. Januar 1916, bekam Otto Sonderurlaub und kündigte meiner Mutter seinen Besuch an. In seiner Paradeuniform wollte er bei Großvater seine Aufwartung machen. Mutter wartete ungeduldig am Fenster. Otto verspätete sich und Großvater meinte: »Na, der lässt dich wohl sitzen.« Ein Stein fiel meiner Mutter vom Herzen, als der Geliebte wenig später mit gerötetem Gesicht eintrat. Sein schwarzes Haar war vom Tragen des Helms etwas verstrubbelt. Es wurde eine gemütliche Kaffeestunde zu dritt. Bevor er ging, trat er auf meine Mutter zu und überreichte ihr einen Diamantring. »Mit der Verlobung wollen wir noch warten, denn ich weiß nicht, ob ich heil aus diesem Krieg zurückkomme.«

1918 kehrte mein Vater nach vier Jahren Krieg unversehrt zurück nach Berlin. Ein Hochzeitstermin wurde für November 1919 festgelegt. Die Zeiten waren unruhig. Der Krieg war verloren, Kaiser Wilhelm musste abdanken und bei der Bevölkerung herrschten Unzufriedenheit und Hunger. Banden zogen durch die Straßen und revoltierten gegen das Bürgertum.

Mein Großonkel Emil besaß eine Kutsche mit vier Pferden, die er der Braut für den Weg zur Kirche zur Verfügung stellte. Mein Vater trug seine Uniform mit Helm und Mutti ein weißes Brautkleid. Es blies ein steifer Wind, als sie die Hochzeitskutsche bestiegen, und Mutti hielt sich den Schleier fest, der an einer Blütenkrone auf dem Kopf festgemacht war und im Wind heftig flatterte. Die Pferde trabten gemächlich über die Hauptstraße zur Kirche. Da stürmte plötzlich eine Horde Revolutionäre auf die Kutsche zu. »Kiek mal, der Kaiser kommt!«, lästerten sie dem Hochzeitspaar schreiend entgegen. Einige erreichten die Kutsche und versuchten sie umzuwerfen. Emil auf dem Kutschbock schwang die Peitsche und feuerte die Pferde an. Die Angreifer wichen zurück und flüchteten in alle Richtungen.

Das Fest wurde in der Wohnung meiner Großeltern gefeiert. Es war eine schöne, großzügige Etagenwohnung in einem dreistöckigen, vornehmen Stadthaus. Die Räume waren hoch und in den Zimmern standen verzierte Kachelöfen. Die Gesellschaft war nur klein, denn es war schwierig, überhaupt etwas Essbares auf den Tisch zu zaubern. Die Versorgungslage am Ende des Ersten Weltkriegs war katastrophal.

Sieben Monate später wurde meine Schwester Gertraude geboren. Leider als Frühchen. Trotz der Mühen im Krankenhaus lebte sie nur einige Wochen. Das war für alle sehr traurig und besonders meine Mutter litt. Aber bald kündigte ich mich an und Mutti wurde sehr umsorgt, damit die Schwangerschaft problemlos verlief. Am 13. Oktober 1921 wurde ich morgens um sechs Uhr geboren. Es war eine Hausgeburt – im selben Bett, in dem auch meine Mutter zur Welt gekommen war. Mein Vater stand am Kopfende, hielt ihre Schultern und stöhnte mit: »Ah, was müssen wir leiden!« Nachdem ich mit einem Schrei das Licht dieser Welt erblickt hatte, riss die Hebamme das Fenster auf und schrie: »Leute, wir haben ein Kind gekriegt!«

*

Mein Großvater wurde zu einem der wichtigsten Menschen in meiner Kindheit. Fast täglich spazierte er mit mir durch den Park in Pankow. Ich balancierte an seiner Hand auf den schmalen Eisenstegen, die die Rasenflächen einrahmten. Er hatte einen kleinen grauen Spitzbart. Von seinem einst lockigen schwarzen Haar waren nur ein paar dünne weiße Strähnen übrig geblieben. Seine braunen Augen hatten ein warmes Leuchten. Er hielt seinen Spazierstock oft zwischen den Armen auf dem Rücken. So wollte er dem »Krummwerden« zuvorkommen. Da er dem Kirchenvorstand angehörte, war der Pastor ein häufiger Gast bei uns. Mutti half dem Pastor beim Kindergottesdienst.

Die Reichsregierung unter Gustav Stresemann gab am 26. September 1923 bekannt, dass Währung und Wirtschaft in Deutschland nahezu hoffnungslos zerrüttet seien. Die Belastungen durch den verlorenen Krieg konnten nur durch ständig neu gedrucktes Geld beglichen werden. Gegen Ende 1922 bezahlte man viertausend Reichsmark für einen Dollar. Ein Jahr später, im November 1923, stand der Kurs 1 zu 4,2 Billionen Reichsmark. Für das häusliche Leben der Menschen bedeutete dies zum Beispiel, dass man für ein Pfund Butter zwei volle Tage arbeiten musste.

Während der Inflationszeit sah Großvater einmal sehr traurig aus, weil er für sein Pensionsgeld nur noch ein Brötchen kaufen konnte. Da lief ich zu meinem Vater. »Gro traurig.«

Vater gab mir seine Zigarrenkiste: »Bring sie mal Großvater«, forderte er mich auf.

Ich trug sie vorsichtig in sein Zimmer und reckte ihm die Kiste entgegen. »Gro Garrel rauchen.«

Er strich mir über die Haare, nahm eine Zigarre heraus und lächelte mich an. »Das hilft bestimmt.«

Wenn ich abends schlafen ging, sang er mir ein Liedchen vor. Dafür hatte er mir ein Bild gemalt, das über meinem Bett hing. Darauf saßen zwei kleine Katzen nebeneinander auf einer Wiese. Großvaters sanfte Stimme wiegte mich in den Schlaf. »Miezekätzchen, Miezekätzchen, was machst du? Da sitzt du auf dem Bilde und schaust der Irmi zu.« Einmal durfte ich sogar mit meiner Mutter zu ihm ins Auswärtige Amt gehen. Ich trippelte auf den breiten Marmorstufen, die mit rotem Teppich ausgelegt waren, ehrfürchtig die Treppe hinauf. Vor jedem Mitarbeiter machte ich meinen Knicks. Obwohl ich sonst ein eher ängstliches Kind war, fühlte ich mich in der Nähe meines Großvaters, des Herrn Rat, sehr geborgen. Vielleicht war es dieses Gefühl, das mich später, nach einigem Wirrwarr in meinem Leben, ebenfalls ins Auswärtige Amt brachte.

Mein Vater hatte 1926 ein Grundstück im Südosten Berlins erworben. Es war zweitausend Quadratmeter groß und schloss ein Stückchen Wald mit ein. Gegenüber floss gleich die Dahme. Meine Mutter war hierüber sehr unglücklich und heulte: »Du kannst mich doch nicht hierher verschleppen«, schluchzte sie, »wo sich Hund und Katze Gute Nacht sagen.« Mein Vater, der ein begeisterter Wassersportler war, ließ sich jedoch nicht davon abbringen. Mit dem ältesten Bruder meiner Mutter, Onkel Paul, wurde unser Haus gebaut. Ein schönes Zimmer wurde für Großvater reserviert. Kurz bevor wir einzogen, musste Großvater sich operieren lassen. Am Tag, als wir ihn abholen wollten, erlitt er einen Hirnschlag, an dem er schließlich verstarb. Er wurde bei seinem »Rikchen« auf dem Pankower Friedhof beerdigt.

Großvaters Tod war der erste Schmerz in meinem fünfjährigen Leben. Die Lücke, die sein Tod riss, traf uns alle hart. Auch unser neues Heim in Karolinenhof musste neu berechnet werden. Großvaters Pension war mit in die Kalkulation des Hausbaus geflossen und die Finanzierung wurde eng. Vater jonglierte sich mit geborgtem Geld aus dem Engpass hinaus.

An einem strahlenden Sommertag zogen wir von Pankow nach Karolinenhof. In unserem neuen Haus fühlte ich mich bald sehr wohl. Ich kletterte gerne in die starken Kiefern, auf deren Ästen ich mich bequem niederließ. »Irmilein, Irmilein, wo bist du?«, rief meine Mutter oft und irrte im Garten umher. Ich ließ sie immer etwas länger suchen, bevor ich aus meinem Baumversteck kam. In der Nachbarschaft gab es einen Papagei, der sehr gerne Geräusche und Stimmen nachahmte. Eines Tages rief er: »Irmilein, Irmilein!« Ich wunderte mich, dass Mutters Stimme an diesem Tag so leise war, und kletterte vom Baum herunter. Sie stand gar nicht dort. Als wir feststellten, dass es der Papagei gewesen war, der mich gerufen hatte, lachten wir.

Im Sommer schwamm ich auf dem Rücken meines Vaters auf die kleine Rohrwallinsel. Ich genoss das nasse Element, geschützt vom Körper meines Vaters. Sein Halbbruder Gustav baute mir ein schmales Ruderboot. Es wurde schick in Weiß lackiert und bekam ein silbernes Geländer für den Rücksitz. Mit meinen sechs Jahren lernte ich schnell, damit umzugehen. An manchem Morgen im Sommer wachte ich schon früh auf. Vom Tau hingen noch die Tropfen an den Kieferzweigen, die in mein Fenster winkten und in der aufgehenden Sonne glitzerten. Schnell huschte ich aus dem Bett und sprang hinüber zum Wasser. Ich machte mein Boot los und ruderte auf den See. Danach legte ich mich auf die Bodenplanken und fand es wunderbar, wenn die Wellen mit ihrem »Klick, klack« unter mir heranschlugen. Das war eine meiner liebsten Beschäftigungen, bevor ich Freunde fand. Vater ließ für mich im Garten ein Turngerüst mit Schaukel, Reck und Kletterseil bauen. Dort konnte ich mit Nachbarkindern herumturnen und war nicht mehr allein.

Mein Großvater, der „Herr Rat“

Ich bin hier vier Jahre alt.

Unser Anwesen in Karolinenhof

Bootsanleger an der Dahme

Auf unserem Grundstück wuchsen Pilze zwischen den Bäumen. Mutti bat mich einmal, ein Körbchen voll zu bringen. Ich brachte ihr stolz den ganzen Korb voller leuchtend roter Fliegenpilze. Der Schreck meiner Mutter war groß, aber ich hatte zum Glück nichts davon probiert.

Mit sechs Jahren wurde ich in Schmöckwitz eingeschult. Es war eine kleine Schule, die nur einen großen Klassenraum hatte. Dort wurden alle Kinder unterrichtet. Die älteren Kinder wurden angeleitet, den Jüngeren bei ihren Aufgaben zu helfen. Ich war eine gute Schülerin und lernte schnell Lesen, Schreiben und Rechnen. Nur einmal hatte ich eine schlechte Note in einem Diktat. Der Lehrer, Herr Rose, konnte es nicht begreifen. Er sagte: »Irmchen, was ist denn mit dir passiert? Das ist ja eine glatte Fünf!« Ich war ganz erschrocken. Es lag daran, dass mein Vater wohlmeinend zu mir gesagt hatte: »Kind, man schreibt niemals zwei Worte hintereinander groß.« Das hatte ich mir gemerkt. Und ich wusste auch, dass nach einem Punkt groß geschrieben wurde. Jetzt kam der Text: »Eine Bauersfrau kocht Rüben ...« Also begann ich mit: »Eine« groß, fuhr fot mit: »bauersfrau« klein, »Kocht« wieder groß und so weiter. Über dieses Pleitendiktat lachten wir noch lange.

Meinen ersten Freund hatte ich mit acht Jahren. Er hieß Heinz und wohnte in einer Nebenstraße. Wir hatten ausgemacht, ab dem 1. Mai bis zum 1. Oktober täglich zu schwimmen. Eines Tages im Mai kam seine Mutter zu uns und fragte, ob ich schon baden ginge. Meine Mutter lächelte: »Natürlich, Irmchen geht täglich schwimmen.«

»Aha, deshalb geht Heinz jeden Tag baden. Das soll er eigentlich nicht, das Wasser ist doch noch viel zu kalt, und er hat es an der Niere. Aber jetzt weiß ich ja, wer ›alle Welt‹ ist, wenn er mir sagt, dass alle Welt schon badet.«

Heinz und ich lagen gern auf unserem kleinen Badeplatz unter den Kiefern, schauten in den blauen Himmel, der durch die Zweige schimmerte, oder veranstalteten ein Wettschwimmen. Der Badeplatz war eingezäunt und alle Grundstückseigentümer hatten Zugang mit einem Schlüssel. Dort gab es auch Umziehkabinen.

Dann kam die Zeit des Radfahrens. Zuerst gab es ein Dreirad, dann das normale Zweirad. Ich übte kräftig, freihändig zu fahren, denn das wollte ich unbedingt können. Meine Künste führten eines Tages dazu, dass ich mit meinem Rad in einem Drahtzaun landete. Ein Stachel bohrte sich durch meine Unterlippe und Mutti kühlte sie mit Kamille.

Ich spielte viel in der Familie meiner Freundin Gitta, die zwei Jahre jünger war. Sie hatte noch zwei Brüder und eine weitere kleine Schwester. Im Kreise dieser vier Geschwister fühlte ich mich sehr wohl. Dort übernachtete ich oft und im Sommer bauten wir uns aus Decken Zelte im Garten. Unsere Eltern saßen im lauen Sommerabend auf der Terrasse und tranken eine Berliner Weiße. An einem Regennachmittag spielten wir ein Gesellschaftsspiel. Dabei musste man ein Klötzchen bewegen, und wer an einer bestimmten Stelle landete, bekam einen Handkuss. Es erwischte den älteren Bruder meiner Freundin. Janti huschte verlegen zu seiner Mutter und fragte sie leise, ob er mir einen Handkuss geben dürfe. Sie lächelte. »Ja, das darfst du.« Er kam zu mir, küsste mir die Hand und wir beide liefen vor Aufregung puterrot an. Das war meine erste »Erfahrung« mit Jungs, mit denen ich viel lieber spielte als mit Mädchen. Mit Puppen hatte ich nicht viel im Sinn.

Einige Jahre später wechselte ich zum Gymnasium nach Köpenick. Ich war auch dort in Aufsätzen gut, dafür in Mathematik eine Katastrophe. Im Berliner Lokalanzeiger wurde mein erstes Märchen »Prinzessin Spinne« gedruckt und ich bekam ein Honorar von drei Reichsmark. Die ganze Familie war entsprechend stolz! Eine Privatlehrerin unterrichtete mich am Klavier und am Schifferklavier. Ich übte brav und meine Eltern klatschten, wenn ich eine kleine Melodie vorspielen konnte.

*

Im Sommer 1934 fuhr ich mit meinen Eltern ins Riesengebirge in den Urlaub. Ich maulte, da ich lieber auf die Nordseeinsel Amrum oder an die Ostsee gefahren wäre. Da konnte ich toben und fühlte mich frei. Vater meinte: »Jetzt meckere nicht. Das Gebirge ist mal wieder dran. Wir waren die letzten beiden Jahre an der See und du weißt, deine Mutter liebt die Berge«. Bei herrlichem Sonnenschein spazierten wir gemeinsam auf einem Wanderweg. Mutti und Vati hatten einen geflochtenen Sommerhut auf. Mutti hatte sich bei Vater eingehängt. Ich hüpfte im Zickzack vor ihnen her. Andauernd musste ich anhalten, weil sie nur langsam vorankamen. Ständig hörte ich Vater sagen: »Hannchen, Vorsicht, pass auf, hier kannst du leicht stürzen, warte, ich halte dich!« Ich saß mal wieder wartend am Wegrand auf einem Stein und drehte gelangweilt einen Strohhalm in den Fingern. »Warum hast du denn immer so Angst, dass Mutti stolpert?«, fragte ich Vater.

Er räusperte sich uns schaute meine Mutter fragend an.

Sie nickte.

»Weißt du, deine Mutter ist schwanger, du bekommst ein Geschwisterchen.«

Ich sprang überrascht auf. »Oh, Mutti, du bekommst ein Baby. Das ist ja toll! Dein Bauch ist aber noch nicht dick.«

Meine Mutter lachte. »Na ja, es ist noch ganz am Anfang, aber da muss man ja besonders aufpassen. Zum neuen Jahr hast du eine Schwester oder einen Bruder«.

Von da an passte ich gemeinsam mit Vater auf Mutti auf und ging an ihrer Hand.

Zurück in Karolinenhof bereiteten wir den Familienzuwachs vor. Vater suchte eine Privatklinik für die Niederkunft aus. Wir kauften ein Gitterbett und stellten es in das Herrenzimmer, unsere Bibliothek und Vaters Büro. Es lag zwischen dem Wohnzimmer und Schlafzimmer und wurde jetzt zum Kinderzimmer umfunktioniert.

Der Winter kam früh in jenem Jahr und die Gewässer waren zugefroren. Darüber war ich sehr glücklich, denn ich liebte es, Schlittschuh zu laufen. Ich war darin sehr begabt und drehte anmutig und tänzerisch meine weiten Kreise auf der Bahn. Als ich eines Abends mit roten Backen nach Hause kam, sagte mir Vater, dass Mutti in der Klinik sei. Die Wehen hatten eingesetzt. Drei Tage und Nächte dauerten sie an. Am dritten Tag wurde meiner Mutter Morphium verabreicht, damit die Schmerzen erträglicher wurden. Mutti war so geschwächt, dass ihre Zunge in den Rachen fiel und sie daran fast erstickte. Erst da entschloss sich der Arzt zu einer Zangengeburt. Mein Bruder Hermann, der am 21. Januar 1935 das Licht der Welt entdeckte, wog neun Pfund. Mutti blieb zwei Wochen in der Klinik, um sich zu erholen. In dieser Zeit wurde Hermann in Mutters Krankenzimmer getauft, denn sie konnte noch nicht aufstehen. Ich durfte den kleinen Brocken über das Taufbecken halten. Vater stand schützend neben mir und seine Augen leuchteten vor Glück.

Bevor Mutti nach Hause kam, hatten wir Hermanns Bettchen mit hellblauen Schleifen dekoriert. Das kleine Kissen und die Bettdecke waren mit einer blauen Kante und mit einer Spitzenborte eingefasst. Mutti betrat mit Vater am Arm das Zimmer. Ich stand neben dem Gitterbett und schaute Mutti erwartungsvoll an. Vater legte den schlafenden Kleinen vorsichtig in sein neues Bettchen und deckte ihn zu. Mutti streichelte über die Bettdecke. Ihr Blick streifte über das Bett, das Zimmer, die blauen Vorhänge. Dann sagte sie mit leiser Stimme: »Warum habt ihr denn alles in Lila gemacht?« Sie war während der schweren Geburt farbenblind geworden. Überängstlich forderte sie uns auf, alle Schlüssellöcher mit Pflaster zu verkleben. Es sollte kein Rauch oder lautes Geräusch zu Hermann dringen.

Mein Bruder schlief nachts sehr gut, dafür brüllte er tagsüber. »Das stärkt die Lunge«, meinte meine Mutter. Sie war immer froh, wenn ich vom Gymnasium nach Hause kam und mich mit ihm beschäftigte. Ich wickelte ihn, gab ihm Fläschchen und ging mit ihm spazieren. Stolz schob ich den Kinderwagen vor mir her. Manchmal blieben die Leute bei mir stehen. »Ist das Ihrer? Ein richtiges Engelsköpfchen mit den blonden Locken«.

1936 erlebten wir die Olympiade in Berlin. In Grünau startete der deutsche »Achter«, der Gold gewann. Mein Vater und ich hatten gute Plätze erobert, sodass wir den Wettgang der schmalen Ruderboote verfolgen konnten. Für die Zwischenvorführung auf dem Reichssportfeld wurde ich in die Turnriege aufgenommen. Auf meinem weißen Trikot prangte ein großes schwarzes K. Ich war sehr stolz, in der Schau mitwirken zu dürfen. Natürlich kam auch Adolf Hitler, der »Führer«, und der Jubel war laut und fanatisch. Als Parteivorsitzender der Nationalsozialistischen Partei Deutschlands (NSDAP) war er am 30. Januar 1933 zum Reichskanzler ernannt worden. Im Volksmund nannte man ihn »Führer« und er selbst titulierte sich auch gerne so.

Zur nationalsozialistischen »Ertüchtigung und Erziehung« gehörte auch die Instrumentalisierung der Jugend. Aus freien Jugendverbänden wurden nationalsozialistische Jugendorganisationen wie der »Bund deutscher Mädel« (BDM). Die jüngeren Mädchen gehörten zu den »Jungmädeln« und die Jungs in die »Hitlerjugend« (HJ). Dort hießen die Jüngeren »Pimpfe«.

So war auch ich in die »Jungmädelschar« eingetreten. Wöchentlich trafen wir uns in einem großen Raum. Bekleidet waren wir mit einer weißen Bluse, schwarzem Schlips mit Lederknoten, dazu trugen wir eine »Berchtesgadener Jacke«, die schwarz, rot und grün abgesetzt war und silberne Knöpfe hatte. Sehr zünftig sahen wir aus. Wir lernten Lieder und marschierten im Gleichschritt. Ich durfte den schwarzen, weiß bestickten Wimpel tragen. Darauf stand »Jungmädel Schmöckwitz«. Bei Wanderungen hängten wir uns einen Brotbeutel und eine Feldflasche um. Laut sangen wir: »Märkische Heide, märkischer Sand, sind des Märkers Freude, sind sein Heimatland ...« Für uns alle war es eine unbeschwerte Zeit. Doch danach wurden wir mit den ersten schlimmen Ereignissen der Nazizeit konfrontiert.

*

Einen Riss bekamen meine Gefühle von »heiler Welt« und »Unbeschwertheit«, als 1937 unsere jüdischen Freunde angegriffen und gedemütigt wurden. Die Nazis hatten die Herrschaft übernommen und verfolgten die Juden seit 1933. In unserem kleinen Villenvorort war es völlig überflüssig, ein Auto zu besitzen. Wir alle besaßen Segelschiffe, Motorboote und Ruderkähne, denn die Dahme, die in Köpenick in die Spree springt, lag uns ja direkt gegenüber. Mit der Straßenbahn fuhren die Berufstätigen morgens bequem in zehn Minuten bis zum S-Bahnhof Grünau, um dann in der Polsterklasse, Zeitung lesend, in ihre Büros oder Geschäfte zu fahren. Auf diese Weise lernte mein Vater Heine Landsberger kennen. Sie waren beide Soldaten des Ersten Weltkrieges gewesen. Heine erzählte, dass er ganz in der Nähe von uns ein kleines Haus erbaut hatte. Diese Bekanntschaft setzte sich über mehrere Jahre fort. Das Ehepaar kam häufiger zu uns und brachte mir immer etwas mit. Große blaue Weintrauben, Naschereien, Bekleidung oder auch ein Spielzeug. Sie hatten Beziehungen zu Bekleidungs- und Spielwarenfirmen. Wir erfuhren, dass sie Juden waren, was uns überhaupt nicht störte.

Mein Vater hatte vor seiner Tätigkeit als Bücherrevisor als Prokurist in einer jüdischen Bank gearbeitet und dort sein Geld verdient. Leider war diese Bank durch Fehlspekulationen in Insolvenz geraten. Daraufhin hatte er eine Umschulung zum vereidigten Bücherrevisor gemacht. Schon kurze Zeit später bekam er das Angebot einer Druckerei, dort als Prokurist zu arbeiten. Zusätzlich sollte er einen Verlag übernehmen, dessen Fachzeitschrift »Damen Schneiderei-Handwerk« nicht gut lief. Obwohl Vater von dem Thema keine Ahnung hatte, reizte ihn die kaufmännische Herausforderung. Gehalt und Bonus bei steigender Auflage würden stimmen. Er sagte zu.

Mutti und Cilly Landsberger befreundeten sich. Cilly war eine kleine, schlanke und sehr agile Frau mit einem roten Bubikopfschnitt. Die beiden Frauen trafen sich öfter in einem Berliner Café. Cilly vertraute meiner Mutter an, dass sie sich abends Essigumschläge um die Fesseln machte, damit sie schön schlank blieben. Mutti wollte auch so schick aussehen wie Cilly und sich einen Bubikopf schneiden lassen. Darüber gab es eine Auseinandersetzung mit Vater, der für Änderungen nicht zu haben war. Mutti griff zu einer List. Sie stöhnte über Migräne, die die Haarnadeln in ihren aufgetürmten Locken verursachten. Auch führte sie Vaters geliebte Schwester Friedel an, die bereits ihren Zopf der neuen Mode geopfert hatte. Endlich gab Vater nach und ich begleitete Mutti zum Friseur in die Stadt. Im Salon schwebten die rötlich-braunen Locken zu Boden und ihr Haar legte sich anschließend in leichten Wellen kinnlang um den Kopf. Begeistert verließen wir das Geschäft. Mutti kaufte sich dann gleich noch ein elegantes, hellgrünes Kleid, das ihr glattes, hübsches Dekolleté hervorhob. Wieder zu Hause präsentierte sie sich meinem Vater. »Sieht Mutti nicht wunderschön aus?«, rief ich. Vater hob nur kritisch eine Augenbraue und brummelte was von »neumodischem Quatsch«.

Die neuen Büstenhalter durfte Mutti nicht tragen. Wie zwei spitze gefüllte Tüten zeichneten sie sich unter dem Kleid ab. Das war meinem Vater zu provozierend. Es gefiel ihm auch nicht, wenn Frauen sich schminkten. Mutti zog sich nur mit einem Stift die Brauen nach und mit einem Läppchen verrieb sie etwas Lippenstift auf ihre Wangen.

1937 luden Heine und Cilly meine Eltern zu ihrer Silberhochzeit ein. Die Feierlichkeiten sollten in einem Lokal vor Karolinenhof in Richtershorn stattfinden. Cilly stellte meiner Mutter ihr Silberkleid vor. Sie sah ganz entzückend aus. Mit ihrer großen jüdischen Familie und Freunden feierten sie in den geschmückten Gesellschafträumen des Lokals. Es wurde getanzt, getrunken, es wurden Reden geschwungen und die Stimmung war ausgelassen. Plötzlich hörte das Orchester auf zu spielen. Verwundert sahen sich die Gäste um, die Tanzpaare hielten inne. Mit drohenden Gebärden setzten sich die Musikanten in Bewegung und brüllten in den Saal: »Judenpack, raus hier!« Die ersten Fäuste knallten auf die Gäste nieder. Unter den Musikanten erkannte meine Mutter den Postboten. Sie bahnte sich einen Weg zu ihm. »Hören Sie auf, das ist doch Wahnsinn! Die haben Ihnen nichts getan!« Sie wurde brutal zur Seite geschubst. Mein Vater versuchte die Polizei zu erreichen. Alle Stecker waren herausgerissen und es bestand keine Verbindung nach draußen. Es hatte auch keinen Sinn, gegen diese Schlägertypen anzulaufen. Das Geschrei war groß und die ersten Gäste lagen schon am Boden. Meine Eltern entwischten aus dem Saal und eilten zurück nach Karolinenhof, um Hilfe zu holen. Es war spät in der Nacht und mein Vater stieß bei der Polizei auf keinerlei Hilfsbereitschaft. Vermutlich sympathisierte die Polizei sogar mit den Schlägern.

Wir waren erschüttert von dem Vorfall. Ein paar Tage später kamen wir morgens aus unserem Haus und starrten entsetzt auf die braune Holzfassade. Mit großen Buchstaben hatte jemand in weißer Farbe »Judenfreund« hingeschmiert. Außerdem hatte man unser Gartentor herausgerissen und entfernt. Das gab uns allen sehr zu denken und meine Mutter ermahnte jeden Morgen meinen Vater: »Sei bloß still in der Bahn und mach deinen Mund nicht so weit auf, sonst bist auch du eines Tages weg.« Meine Mutter hatte bereits von zahlreichen Verhaftungen gehört. Manche Menschen »verschwanden« einfach über Nacht. In unserem verträumten Berliner Vorort bekamen wir von diesen Ereignissen kaum etwas mit. Zu Hause sprachen wir nicht über Politik.

In der Reichskristallnacht vom 9. auf den 10. November 1938 wurden 7.500 jüdische Geschäfte demoliert und 190 Synagogen in Brand gesteckt. Nach dieser Nacht kam unser Freund Heine Landsberger zu uns. Er sah meinen Vater an: »Papi Schwanz«, so nannte er ihn gerne, »bitte grüßen Sie mich nicht mehr. Tun Sie so, als ob Sie mich nicht kennen. Ich möchte auch Irmchens wegen nicht, dass Sie sich meinetwegen in Gefahr begeben. Es ist so schon schlimm genug für Sie. Wir werden in der nächsten Zeit versuchen, nach Amerika auszureisen.« Mein Vater wollte nicht darauf eingehen. Doch Heine ließ sich nicht davon abbringen. Ein paar Monate später kamen sie abends noch einmal leise vorbei, drückten uns die Hände und ihre Augen schimmerten feucht. »Wir gehen nach Amerika.« So nahmen wir Abschied von Freunden, die uns sehr ans Herz gewachsen waren. Sehr viel später, nach dem Zweiten Weltkrieg, bekamen wir eine Nachricht von ihnen. Sie hatten sich in Amerika gut eingelebt und ein Auskommen gefunden. Der Schmerz um den Verlust ihrer Heimat war geblieben, aber zurückkommen wollten sie nicht mehr. Das Entsetzen über die Geschehnisse in Deutschland war zu groß geworden.

Mein Vater sympathisierte mit dem deutsch-nationalen »Stahlhelm«. Als Bund der Frontsoldaten war er 1918 gegründet worden. Im Vordergrund standen die soldatische Traditionspflege sowie der Kampf gegen den Versailler Vertrag und die alliierten Reparationsforderungen. Bevor sich Vater dazu entschloss einzutreten, wurde er von der SA angeworben. Sie schlugen ihm vor, dass er wenigstens probeweise bei der SA mitmachte. So nahm er an einigen Heimabenden der SA-Gruppen teil. In unserem kleinen Ort waren alle Männer dort engagiert und es gab wenig Alternativen.

Eines Abends wurde Vater abkommandiert, an einem Marsch durch Köpenick teilzunehmen. Man stellte ihm eine Uniform zur Verfügung. Gegen 22 Uhr marschierten sie los. Ein Lastwagen begleitete sie, und soviel ich weiß, wurde an verschiedenen Stationen Halt gemacht. Juden wurden aus ihren Häusern geholt, auf den Lastwagen verfrachtet und abtransportiert. Wohin? Das wusste er nicht. Nach diesem Erlebnis hatte er die Nase voll von der SA und weigerte sich, ihr beizutreten, zumal wir ja auch bisher jüdische Freunde gehabt hatten.

Seine Ablehnung hatte ein Nachspiel: Er wurde vor ein Volksgericht geladen, bei dem sein Halbbruder Gustav als Beisitzer teilnahm. Gustav war schon vor der Machtergreifung ein begeisterter Nationalsozialist gewesen und machte innerhalb der Partei Karriere. Bei der Verhandlung setzte er sich für meinen Vater und dessen Weigerung ein. Es ging dann so aus, dass meinem Vater wegen Interesselosigkeit verwehrt wurde, der Partei beizutreten. Das galt als sehr unehrenhaft.

Ich merkte zwar etwas von dem rassistisch veränderten Klima in der Gesellschaft, aber ich beschäftigte mich nicht damit. Ich hatte hauptsächlich Jungs im Kopf.

*

Als ich fünfzehn Jahre alt war, verliebte ich mich in Werner. Er war zwei Jahre älter als ich und im letzten Jahr vor seinem Abitur am Gymnasium. Wir trafen uns oft bei den Heimabenden unserer Jugendorganisationen und unsere Blicke suchten sich. Als ich von ihm meinen ersten Kuss bekam, fand ich es sehr seltsam, dass meine Lippen auf seinen gelegen hatten. Wir waren sehr verliebt, schmusten im Wald miteinander und machten unsere ersten Petting-Erfahrungen. Dabei wurden wir einmal gesehen und man erzählte es meinen Eltern. Mein Vater, der noch von der Unberührtheit vor der Ehe überzeugt war, war außer sich. Sofort traf er sich mit Werners Mutter und drohte mit einer Anzeige wegen Verführung Minderjähriger. Ich durfte Werner nicht mehr treffen und heulte mir die Augen dick. Werner machte sein Abitur und fing in Berlin ein Medizinstudium an. Zufällig trafen wir uns eines Tages in der Stadt. Heimlich verabredeten wir uns in einer Berliner Kneipe. Während wir eine Berliner Weiße tranken, hörte ich ihn über die Knochen des menschlichen Körpers ab. Er stand kurz vor seinem Physikum. Plötzlich langte er nach dem Buch und legte es auf den Tisch. Er beugte sich zu mir herüber und sein heißer Atem streifte mein Gesicht: »Wollen wir die Nacht im Hotel verbringen?«, flüsterte er mit rauer Stimme. Er lehnte sich wieder in seinen Stuhl zurück und lächelte mich an.

Mir wurde heiß. Der Schmelz dieser ersten Liebe war vorbei. »Werner, nein«, sagte ich. »Wir wollen unsere Freundschaft nicht kaputtmachen. Ich bin dafür nicht bereit.«

Er nickte. »Schade, aber du musst es wissen.«

Verlegen nahm ich wieder das Buch auf und fragte ihn weiter ab. Die lockere Stimmung war verflogen und wir trennten uns bald. Er ging dann nach Leipzig und setzte dort sein Medizinstudium fort. Als er seinen »Dr. med.« gemacht hatte, besuchte er meine Mutter in Karolinenhof und sagte: »Jetzt kann ich Irmgard heiraten.« Das war 1944 und ich hatte zu diesem Zeitpunkt bereits geheiratet.

*

1938 verließ ich ein Jahr vor dem Abitur die Schule. Der Direktor konnte das gar nicht verstehen, da ich bis auf einige Klippen in Mathematik mit gutem Schnitt durch die Klassen gekommen war. Mich hatte jedoch die Schulunlust gepackt. Mein Traum war eine Familie mit vielen Kindern. Die Propaganda der Nationalsozialisten berieselte uns Mädchen, früh zu heiraten und Mutter zu werden. Vater meinte auch, ich solle schnell heiraten. Gerade war das Pflichtjahr eingeführt worden. Alle Frauen unter fünfundzwanzig Jahren verpflichteten sich zu einem Jahr in der Land- und Hauswirtschaft. So sollten wir auf unsere Rolle als Hausfrau und Mutter vorbereitet werden. Ohne den Nachweis über ein abgeleistetes Pflichtjahr konnte ich keine Ausbildung beginnen. Mit Begeisterung trat ich mein Pflichtjahr in einem nationalsozialistischen Verschickungsheim, NSV, auf der Nordseeinsel Amrum an. Im Alter von elf und zwölf Jahren hatte ich in diesem Haus bereits meine Ferien verbracht. Da war es noch ein Privatkinderheim für fünfzehn Kinder gewesen. Trotzdem freute ich mich sehr, da ich auch mit meinen Eltern mehrmals in Urlaub auf der Insel gewesen war. Es hatte mir dort immer sehr gut gefallen. Zuerst fiel mir die Arbeit schwer, da ich in Haus- und Küchenarbeit völlig ungelernt war. Ich hatte meiner Mutter lediglich ein paar Kochrezepte abgeschaut. Morgens musste ich vier Toiletten reinigen. Ich bekam ein stumpfes Küchenmesser, um jeden Urinsteinfleck sorgfältig abzukratzen. Anschließend wischten wir die langen Flure und wachsten sie ein. Mit einem schweren Bohnerbesen wienerten wir die Flächen auf Hochglanz. Waren noch Streifen sichtbar, wickelten wir einen weichen Lappen um die Borsten und polierten alles noch einmal, bis die Flure zu wunderbaren Schlitterbahnen wurden.

Der kleine Ort Norddorf auf Amrum war damals in den Händen der Diakonie von Bethel und die Kurmittelhäuser waren mit Diakonissen besetzt. Es waren freundliche Schwestern, die uns auch bei unseren Kuranwendungen betreuten. In Feierabendhäusern lebten die Schwestern, die keinen Dienst mehr leisten konnten. Mit ihren schwarz-weißen Hauben, die ihre Gesichter einrahmten, belebten sie die Norddorfer Straßen. Leider sind die Häuser inzwischen geschlossen, da die Diakonie keine Gelder und keinen ausreichenden Nachwuchs mehr hat. Nach vielem Hin und Her gingen die Einrichtungen später an die Ortskrankenkassen. Damals waren die Dünen frei zugänglich. Die Insel war noch nicht so verbaut wie heute. In den Pausen lag ich zufrieden mit einem Buch in den Dünen oder machte einen Spaziergang. Ich liebte die Weite, liebte die etwas zurückhaltenden Friesen, mit denen es nicht einfach war, in Kontakt zu kommen. Gegenüber vom Kinderheim war das Schmuckgeschäft Peters. Dort kaufte ich von meinem Lohn von über 25 Reichsmark monatlich so manches friesische Schmuckstück. Die erworbenen Armreifen und Broschen waren aus Silber und in filigraner Handarbeit hergestellt. Zu meinem Bedauern verlor ich im Laufe der späteren turbulenten Jahre meine schönste Brosche.

Am Wochenende hatten wir Pflichtjahrmädchen und die anderen Mitarbeiterinnen unseren Spaß im sogenannten »Honigparadies«, wo, neben manch anderem, der Honigwein floss. Es spielte eine kleine Kapelle und wir schwangen das Tanzbein. Zu später Stunde ließen wir uns mit einer Taxe zurückfahren. Vor unserem Wochenendvergnügen beobachteten wir den Wasserweg von Hörnum/Sylt nach Amrum. In Hörnum waren Soldaten der Luftwaffe stationiert, die gerne nach Amrum zum Tanzen kamen. Wenn dann das Boot vor Amrum auftauchte, wussten wir, dass es uns nicht an männlichen Tanzpartnern fehlen würde. Die Friesenjungs ließen sich immer sehr viel Zeit, jemanden zum Tanz aufzufordern. Meistens saßen sie erst einmal bis Mitternacht an der Theke, bevor sie sich zum Tanzen entschlossen.

Ein Schwung Kinder war gerade abgereist, als eines Tages die Heimmutter sagte: »Wir bekommen eine neue Belegschaft, es sind Vertriebene aus dem Sudetenland, die hier für einige Zeit einquartiert werden.« Wir waren sehr gespannt, was da auf uns zukommen würde. Mit der kleinen Inselbahn kamen etwa dreißig Frauen mit Kindern an. Sie trugen Kopftücher, wirkten ärmlich und verdreckt. Sie waren total verlaust, brachten auch Wanzen mit, und wir hatten unsere liebe Mühe, des Ungeziefers Herr zu werden. Fast alle liefen dann in den nächsten Tagen mit Turbanen herum. Es war sehr schwierig, die Läuse loszuwerden, da die Vertriebenen die Angewohnheit hatten, nachts zu mehreren in die Betten zu kriechen. Wir selbst hatten uns Läusekämme besorgt und untersuchten täglich, ob die Tierchen schon auf unsere Köpfe übergesprungen waren. Die Vertriebenen blieben sechs Wochen, dann wurden sie woanders hin verfrachtet.

Joachim, der Sohn meiner Heimeltern, ließ mein Herz jedes Mal höher schlagen, wenn er auf Urlaub kam. Verliebt betrachtete ich sein griechisch anmutendes Profil mit der hohen Stirn, über der sich blonde Locken kringelten. Er studierte in Rendsburg Musik und wollte Pianist werden. Ab und zu kam er zu Besuch auf die Insel. Obwohl er meine Blicke bemerkte, tat er so, als ob er nicht an mir interessiert sei. Einer seiner Freunde, der mit meiner Kollegin angebändelt hatte, fädelte es dann so ein, dass wir uns wie zufällig bei einem Spaziergang begegneten. Gemeinsam wanderten wir durch die Dünenlandschaft. Schnell entwickelte sich ein Verhältnis zwischen uns beiden. Ich fieberte seinen Besuchen entgegen und wir trafen uns dann zum Schmusestündchen im »Amrumer Wäldchen«. Mit glühenden Wangen eilte ich kurz vor 22 Uhr zurück ins Heim. Auch wenn er in meinen dunklen Haaren wühlte und mir Komplimente machte, schien meine Verliebtheit stärker zu sein als die seine. Jedenfalls blieb er stets ein wenig reserviert, was mein Schmachten nach ihm noch verstärkte.

Nach meinem tränenreichen Abschied von Amrum blieben wir noch weiter in Briefkontakt. Auch später, als ich in der Schweiz war, und danach schlief unsere Brieffreundschaft nicht ein. Ich wusste dennoch nicht genau, woran ich mit ihm war. Zu Beginn des Krieges am 1. September 1939 wurde er als Soldat eingezogen und nahm nach kurzer Ausbildung am Polenfeldzug teil. Ab und an erhielt ich einen Feldpostbrief von ihm. Dann schrieb mir einer seiner Kameraden, dass er verwundet sei. Ich überlegte nicht lange und reiste zu ihm nach Ellwangen an der Jagst.

Ich wollte mein Verhältnis zu ihm klären. Er trug seinen Arm in der Schlinge, freute sich über meinen Besuch und wir suchten ein verschwiegenes Plätzchen in der Umgebung auf. Wir streichelten und küssten uns. Ich hoffte auf sein Liebesbekenntnis. Aber bei meinen Versuchen, über eine gemeinsame Zukunft zu sprechen, wechselte er das Thema: »Ich habe mein Musikstudium abgebrochen. Es hatte keinen Zweck. Meine Begabung reichte nicht aus, um an die Spitze zu kommen. Was nach dem Krieg wird? Ich weiß es nicht.« Ich fuhr ab mit der Gewissheit, dass es ein endgültiger Abschied war. Seine Gefühle für mich beschränkten sich auf ein unverbindliches Verliebtsein. Er schrieb mir noch des Öfteren freudlose Nachrichten und teilte mir mit, wo er sich gerade befand und dass er das Ende des Krieges ersehnte, aber ohne eine Sehnsucht nach mir zu äußern. 1945, zum Ende des Krieges, schrieb er mir noch einmal: »Irmgard, sei froh, dass du dich nicht an mich gebunden hast. Der letzte Angriff hat mein Schicksal besiegelt. Ich habe überlebt, doch mir wurde durch eine Granate ein Bein abgerissen und ich habe ein Auge verloren. So werde ich als Krüppel weiterleben müssen ...« Als verheiratete Frau traf ich ihn später auf Amrum wieder. Er hatte inzwischen die Bäckerstochter von nebenan geheiratet, war Lehrer geworden und spielte sonntags die Orgel in der Kirche.

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Anfang 1939 war mein Pflichtjahr beendet und ich kehrte wieder zurück nach Berlin zu meinen Eltern. Sie hatten schon vorgesorgt und mir ein Internat in der französischen Schweiz ausgesucht, in dem ich meine französischen und englischen Sprachkenntnisse vervollkommnen sollte. Das Internat in Lausanne beherbergte etwa zwanzig Schülerinnen aller Nationen. Ich lernte fleißig die Sprache, doch es fiel mir schwer, mich einzugewöhnen. Die Landschaft war alpin. Ringsum Gebirge, Berge, wohin ich schaute. An manchen Tagen dachte ich: Ich möchte sie wegschieben, dann kann ich wieder in die Weite sehen. Ich lernte, Tennis zu spielen und widmete mich meinem Sprachstudium. Sehr glücklich war ich nicht, obwohl ich nette Gefährtinnen hatte. Ich spürte, dass mich die Heimeltern als Deutsche nicht mochten. In Deutschland hatte sich die politische Lage sehr verschärft. Wir standen im August 1939 kurz vor dem Krieg.

Meine Konfirmation 1936

Mein Bruder Hermann ist zwei Jahre alt.

Übungen in der Turnriege, Olympia 1936

Pflichtjahr auf der Insel Amrum, 1938

Sehr gern gesehen waren vier Engländerinnen. Sie belegten Koch- und Reitkurse und brauchten nicht zu sparen. Ich war in einem Zimmer mit einer Magdeburgerin untergebracht. Wir amüsierten uns über die Lockenfrisuren der Insulanerinnen. Aufgetürmte Schillerlocken wackelten um ihre Köpfe. Sie sprachen nur englisch und wir fragten uns, warum sie auf einer Sprachenschule waren.

Mit meinen Eltern telefonierte ich ab und zu. Mutti erzählte mir, dass Hermann auf seinem Dreirad ums Haus fuhr und Postbote spielte. Als ein Brief von mir gekommen war, hatte er geschrien: »Heute Post von Ihre Tochter aus die Schweiz!«

In der Spargelzeit wurden uns Stangenspargel und Mayonnaise serviert. Es war in der Schweiz üblich, die Köpfe in Fett zu tauchen und abzubeißen. Die Stangen blieben liegen. Als das Fett meine Gedärme durcheinanderbrachte, hieß es: »Die Deutschen vertragen nur dünne Suppen.«

Einige Busfahrten durchs Land hoben unsere Stimmung. Wir bestaunten die aus Blüten geformte Sonnenuhr in Interlaken und darüber die Bergspitzen von Eiger, Mönch und Jungfrau. Eine steile Bergbahn fuhr uns zum Furker Gletscher hinauf und wir stapften im Sonnenschein über ewiges Eis. Im Gletscher leuchteten wir gespenstisch grün.

Ich hatte gerade ein Tennismatch hinter mir und wollte voller Übermut über das Netz springen, als der Trainer rief: »Ne sautez pas!«* Ich war so erschrocken, dass ich mit einem Bein im Netz hängen blieb und mir dabei die Sehne des Fußes riss. Der Fuß schwoll sofort an und ich schleppte mich in das Gebäude. Man holte einen Arzt. Ich bekam kühlende Verbände und musste ruhen. Ich konnte kaum laufen, als ich ans Telefon gerufen wurde. Meine Mutter war dran und sagte: »Kind, es ist Krieg. Du musst dich auf den Weg nach Hause machen. Sieh zu, wie du da wegkommst. Die Grenzen werden geschlossen.« Ich humpelte in mein Zimmer und packte meine Koffer. Am 2. September 1939 nahm ich Abschied von dem Pensionat und den Freundinnen dieser Zeit. Im Zug nach Deutschland saß ich mit meinem gewickelten Fuß in einem vollen Abteil. Die Mitreisenden lachten und sagten: »Unser erster Verwundeter.«

So begann im September 1939 der Krieg, von dem wir nicht wussten, wie lange er dauern würde. Anscheinend ging es ja nur um einen kurzen polnischen Feldzug, dem Gerede nach zu urteilen. Die Lügen, die dazu aufgetischt wurden, durchschauten wir erst viel später. Wir waren zu dem Zeitpunkt der Überzeugung, dass sich unsere Soldaten dort zu Recht zur Wehr setzten, um uns zu verteidigen. In Wirklichkeit war es ein Überraschungsangriff gewesen und ein Vernichtungskrieg gegen das polnische Volk. Tausende fielen diesem Krieg zum Opfer.

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Zu Hause erhob sich dann die Frage, was als Nächstes mit mir geschehen sollte. Ich hatte sehr viel Freude an der französischen Sprache entwickelt. Da ich das Abitur nicht gemacht hatte, musste ich auf Nebenwegen versuchen, auf die Hochschule zu kommen. Ich wollte mich mit einem Privatlehrer auf eine Aufnahmeprüfung vorbereiten. Bei Bestehen hatte ich dann die Möglichkeit, bis zum akademischen Grad des Übersetzers die Hochschule zu besuchen. Den Diplomdolmetscher konnte ich ohne Abitur nicht erreichen. Es war damals nicht möglich, das Abitur nachzumachen. Bevor ich mit meinen Prüfungsvorbereitungen beginnen konnte, wurde ich im Oktober 1939 zum Reichsarbeitsdienst (RAD) einberufen, obwohl ich schon ein Pflichtjahr absolviert hatte. Dieser Dienst war neu und verpflichtete alle Achtzehnjährigen per Gesetz, einen halbjährigen unbezahlten Arbeitseinsatz für gemeinnützige Projekte abzuleisten. Das bedeutete, dass ich in meiner Ausbildung eineinhalb Jahre verlieren würde. Ich wurde bei Deutsch Krone, heute polnisches Gebiet, nahe der Grenze eingesetzt.

Das Lager, in das ich kam, war ein Gutshaus, der »Paulshof«. Es war bitterkalt. Mit zwanzig Grad minus und zwei Briketts im Ofen versuchten wir, unsere Schlafräume etwas anzuwärmen und vor dem Frost zu schützen. Doch das reichte nicht aus. Die Wände waren mit Eis beschlagen und wir klapperten vor Kälte unter den dünnen Decken auf den Strohmatratzen. Trotzdem erkältete sich keiner von uns. Um 22 Uhr standen wir vor Kälte zitternd am Fahnenmast, um die Fahne einzuholen. Die Gemeinschaftsgefühle halfen uns bei der Bewältigung aller schwierigen Situationen. Die Verpflegung war recht gut. Es wurden sogar Schweine geschlachtet. Als ich zum Küchendienst eingeteilt wurde, kochte ich jeden Morgen für die ganze Mannschaft eine Milchsuppe. Wir mussten uns morgens mit Schnee waschen, denn das Wasser war bereits eingefroren. Die Führerin stand neben uns und kontrollierte, ob wir uns auch von Kopf bis Fuß mit Schnee abrieben. Der Schnee war in silberfarbenen Blechschüsseln, die wir an den Wochenenden mit der Asche aus dem Ofen gründlich reinigen mussten, bis sie wieder blitzten.

Ich wurde eingesetzt, verschiedenen Bauern zu helfen, das Getreide zu dreschen. Zum Teil lief das ab wie im Mittelalter, wo ein Pferd im Kreis herum schritt und mit einem Balken das Dreschgerät bewegte. Das war eine recht mühevolle Arbeit. Vor dem Frost war ich bei der Kartoffel-Lese eingeteilt. Ich lief bergauf, bergab der Egge hinterher und sammelte die Kartoffeln auf. Das war für mich eine so ungewohnte Arbeit, dass ich dauernd Nasenbluten hatte.

Ein Lichtblick war das zweite Frühstück mit dem selbst gebackenen Brot. Der Bauer schnitt dicke Scheiben davon ab und belegte sie großzügig. Von geschlachteten Gänsen gab es Schwarzsauer, das war geronnenes Blut mit Rosinen vermischt, und dazu gab es Kartoffeln. Ich hätte mich wohl davor geekelt, das zu essen, aber der Hunger war viel zu groß. Schließlich fand ich daran sogar Geschmack.

Ich wurde von der Arbeitsdienstgruppe als Kameradschafts-Älteste ausgewählt und musste dafür sorgen, dass unser Zimmer stets in Ordnung war. In unserem Raum waren wir acht Mädels. Je zwei Betten standen übereinander.

Im Internat in der Französischen Schweiz, 1939 (2. v. l.)

Reichsarbeitsdienst 1939 mit Schifferklavier

Arbeit beim Bauern im Reichsarbeitsdienst (RAD), 1939

Reichsarbeitsdienst – die Flagge wird gehisst

Oft bezahlte ich einen Fünfer oder einen Groschen für diejenige, die mir half, die Decken auf Kante zu falten. Ich war darin sehr ungeschickt. Um sechs Uhr morgens, bei fünfzehn Grad minus, mussten wir zum Frühsport antreten. Wir liefen im Trainingsanzug über den Rasen und dampften vor uns hin. Danach ging es in die kalten Waschräume. Als ich Waschdienst hatte, gab es schon keine Seife mehr und die blauen Mädchenkleider wurden auf dem Waschbrett mit irgendetwas Bimssteinähnlichem gerubbelt.

Am Wochenende durften wir manchmal in die Stadt Deutsch Krone radeln. Dort waren deutsche Soldaten stationiert. In einem Saal gab es Tanzmusik. Zu Melodien wie »Rosamunde, Rosamunde schenk mir dein Herz und dein Geld ...« drehten wir uns ausgelassen mit Offizieren und Soldaten auf der Tanzfläche. Nach dem Zapfenstreich zu später Stunde radelten wir erhitzt und glücklich zurück zu unserem Hof.

Im Rückblick kann ich nur sagen, dass uns der sechsmonatige Einsatz und die Arbeit auf dem Lande trotz aller Schwierigkeiten nur gutgetan hatten. Wir hatten eine Gemeinschaft gebildet, uns gegenseitig gestützt und in vielen Bereichen dazugelernt.

Der RAD bot mir eine berufliche Karriere als RAD-Führerin an. Mein Vater riet mir davon ab, da er nichts von diesen nationalsozialistischen Verbänden hielt. Er meinte, ich solle lieber weiter Sprachen lernen.

*

Nach dem Arbeitsdienst kehrte ich im März 1940 wieder zu meinen Eltern nach Berlin zurück. Mein Bruder Hermann flog mir in die Arme und freute sich, dass seine große Schwester wieder da war. Stolz zeigte er mir Kunststücke auf seinem Kinderfahrrad und klimperte mir auf dem Klavier ein Kinderlied vor.

Der erste Kriegswinter war auch für meine Familie hart gewesen und sie hatten kaum genügend Brennmaterial. Briketts gab es nur auf Bezugsmarken. Fleisch, Fett, Eier, Mehl und Brot wurden rationiert. Für Kleidung und weitere Artikel wurden spezielle Marken und Bezugsscheine eingeführt.

Seit Kriegsbeginn war Verdunklung befohlen. So verhängten wir in Karolinenhof unsere Fenster, damit kein Licht nach außen drang. Auch Straßenlaternen brannten nicht. Wenn Mutti abends mal rausgehen musste, nahm sie wegen ihrer Nachtblindheit immer einen Stock zur Orientierung mit. Meine Eltern hatten mir schon eine kompetente Nachhilfelehrerin organisiert, damit ich mich auf die Aufnahmeprüfung für das Studium in Leipzig vorbereiten konnte. Gleichzeitig besuchte ich als Gast in einem Gymnasium die Oberprima, um meine Kenntnisse in Deutsch zu überprüfen. Ich büffelte für die nächsten zwei Monate.

Der Krieg wurde Gegenwart, auch wenn es ruhig schien und die Kinos und Theater gefüllt waren. Im April wurde Dänemark kampflos besetzt, Holland, Belgien und Norwegen wurden erobert. Mein Vater ging noch seiner Arbeit nach und wir fragten uns bang, ob er wohl eingezogen würde. Die Rekrutierung der Söhne und jüngeren Väter in unserer Umgebung hatte begonnen. Ein deutscher Jubeltag war der 10. Mai 1940, als in der französischen Hauptstadt Paris die deutsche Flagge gehisst wurde. Aus den Fenstern und von den Balkonen wehten die Hakenkreuzfahnen, um die Freude über den Sieg auszudrücken.

Im Juni fühlte ich mich fit genug für die Prüfung und zog in die Wohnung meines Brieffreundes Hanspeter nach Leipzig. Er war das angenommene Kind einer bürgerlichen Familie. Sie bewohnten die großzügige erste Etage eines Mehrfamilienhauses am Nikischplatz. Das Einzige, worum er mich bat, war, dass ich seine sorgfältig geordneten Bücher nicht durcheinanderbrachte. Seine Eltern empfingen mich sehr liebevoll mit einem frischen Rhabarberkuchen. Das half mir über mein aufkommendes Heimweh hinweg. Hanspeter hatte ich als Kind in einem Erholungsheim in Heringsdorf an der Ostsee kennengelernt. Dorthin hatten mich meine Eltern mit vierzehn Jahren geschickt, weil ich so dünn und häufig erkältet war. In dem Heim waren Jungen und Mädchen untergebracht. Wie es damals üblich war, schön getrennt voneinander. An einem Tag sah ich die Jungs aus ihrem Haus herausmarschieren. Sie gingen im Gleichschritt hintereinander her und sangen: »Schwarzbraun ist die Haselnuss, schwarzbraun bin auch ich, schwarzbraun muss mein Mädel sein ...« Ich saß mit meiner Freundin Jutta auf einer Decke und wir schrieben Postkarten, während uns die Sonne den Rücken wärmte. Wir kicherten und blickten ihnen hinterher. Als der Trupp später in lockerer Formation zurückkehrte, beobachteten wir sie etwas genauer. Einer der Jungs erspähte uns, verlangsamte seinen Schritt und kam dann auf uns zu. Sein Gesicht war gerötet und verschwitzt. Verlegen strich er sich durch die kurzen blonden Haare: »Schöner Tag heute, darf ich mich zu euch setzen?« Er lächelte schüchtern. Wir machten eine einladende Bewegung und er hockte sich zwischen uns. Schnell kamen wir ins Gespräch und er schien besonders an mir Interesse zu haben. Gegenseitig erzählten wir uns von unserem Leben und Zuhause. »Weißt du schon, was du später einmal machen möchtest?«, fragte er mich.

»Ich gehe vielleicht ins Auswärtige Amt und möchte gerne Sprachen lernen. Am liebsten Französisch, das ist wie Musik.«

»Sprachen sind nicht so meine Leidenschaft, aber ich interessiere mich sehr für Philosophie. In meinem humanistischen Gymnasium nehmen wir gerade die Philosophen durch.«

»He, Hanspeter, man fragt schon nach dir, beeile dich!«, rief einer seiner Kumpels, der auf uns zueilte. Schnell tauschten wir noch unsere Adressen aus. Wir trafen uns während des restlichen Aufenthaltes in dem Erholungsheim ab und zu auf die Schnelle, denn längere Kontakte zwischen den Geschlechtern waren nicht erlaubt. Am Ende unserer Ferien versprachen wir uns, in Briefkontakt zu bleiben. Daraus entstand eine Brieffreundschaft, die von meinem vierzehnten bis zu meinem einundzwanzigsten Lebensjahr andauerte und mit seinem Tod endete. In unseren Briefen tauschten wir unsere Gedanken über den Menschen und die Welt aus. Ich habe ihn über die Briefe sehr schätzen gelernt, auch wenn wir meist unterschiedlicher Meinung waren. Er war ein eifriger Verehrer Nietzsches und dessen Buch »Also sprach Zarathustra« mit seinen Ideen vom Übermenschen. Hanspeter wurde mein glühender Verehrer und veredelte mich in jeder Hinsicht. In irgendeiner Weise war ich die Erfüllung seiner Träume. Er versuchte sich an der Offizierslaufbahn – zunächst als Reserveoffizier. Da er etwas kränklich war, glückte das nicht sofort. 1941 bekam ich dann eine Karte von ihm. Er schrieb, dass er es geschafft hatte und angenommen worden war. Er lag mit seiner Infanteriedivision in Böhmen-Mähren. Ich freute mich für ihn, denn er hatte es als Makel empfunden, ein nicht eheliches Kind einer Straßenbahnschaffnerin zu sein. Mit einer Offizierslaufbahn erhoffte er sich einen besseren Status. Außerdem litt er im Abstand von sieben Jahren an einer Streptokokkenvergiftung, von der er sich immer nur sehr schwer erholte.

Während meines Aufenthalts in Leipzig besuchte ich an Wochenenden oft die Thomaskirche und lauschte sonnabends der Generalprobe des Chors der Thomaner. Ich versank in dem Gesang der hohen glockenreinen Stimmen und dachte an zu Hause: Vater war mit seinen sechsundvierzig Jahren doch noch eingezogen worden. Als Hauptmann wurde er als Bahnhofskommandant in Norwegen, und zwar in Oslo, für den Nachschub eingesetzt. Mutti war mit Hermann allein und sorgte sich um dessen Sicherheit. Mein Bruder sollte eingeschult werden. Er empfand die gelegentlichen Bombenangriffe über Berlin als äußerst spannend und sammelte Bombensplitter. Die Ausbeute verglich er dann mit der seiner Freunde.

Mein Heimweh und meine melancholische Stimmung hielten nicht lange an, dazu war ich zu lebenslustig.

Die Aufnahmeprüfung schaffte ich, bis auf Geographie, ohne Schwierigkeiten. Auf die Frage, ob England eine Flach- oder eine Steilküste hätte, antwortete ich: »Flachküste«. Daraufhin bemerkte der Prüfer: »Ach, Irmgard, vielleicht erzählen Sie uns etwas über ein Thema, das Ihnen besonders liegt«, was ich dann tat. Der Französischprofessor, Herr Snikers, prüfte mich bei sich zu Hause, da ich in dem Fach der einzige Prüfling war. Als er merkte, dass ich Französisch recht gut beherrschte, beauftragte er mich, ihm zu assistieren. Ich sollte Wortsynonyme verschiedener Begriffe, die er mir vorgab, zusammenstellen. Das machte mir Freude und ich konnte damit mein Taschengeld aufbessern.

Ich war glücklich, dass ich die Prüfung geschafft hatte und mich für Oktober an der Hochschule einschreiben konnte. Ich belegte die Fächer Französisch, Englisch und Spanisch. Da es eine Wirtschaftshochschule war, kamen die Fächer Volkswirtschaft und Rechtswissenschaften dazu. Ich nahm besonders an den juristischen Vorlesungen teil. Volkswirtschaft interessierte mich weniger. Ab und an besuchte mich Hanspeter, wenn er Ausgang hatte. Wir hatten lange, intensive Gespräche über Philosophie. Über seine »Nietzsche-Verehrung« bekamen wir uns dann auch regelmäßig in die Haare. Ich war nicht von der Theorie und der Aussage überzeugt, dass das Christentum nur ein Trostpflaster für ängstliche Gemüter sei. Er war in mich verknallt, aber ich konnte seine Zuneigung nicht so erwidern, wie er es sich erhoffte. Seine Korrespondenz hob ich auf. In einem seiner letzten Briefe, bevor er so jung starb, schrieb er, dass ich sie vernichten solle. Bis auf ein oder zwei, die ich im Folgenden anfüge, werde ich das auch tun. Kurz bevor er zum Leutnant berufen wurde, starb er an einer Streptokokkenvergiftung. Da ich zu dem Zeitpunkt in dem vom Nazi-Deutschland besetzten Paris war, fuhr meine Mutter nach Leipzig, um ihm die letzte Ehre zu erweisen.