Feuermuse - Robin Gates - ebook

Feuermuse ebook

Robin Gates

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Opis

Auf der Suche nach seinem Skizzenblock, den ihm Mitschüler gestohlen haben, betritt David eine verlassene Villa. Was er nicht weiß: Die Villa gehörte einem verstorbenen Ritualmagier. Von der schönen rothaarigen Elára angelockt, stolpert er durch einen magischen Spiegel und findet sich in einer Parallelwelt wieder, die aus einem Haus mit zahllosen Räumen besteht. Elára ist ein Feuerwesen, dessen größter Wunsch es ist, ein Mensch zu werden. Allerdings sind David Unbekannte gefolgt, die es auf einen von Elára bewachten mächtigen Rubin abgesehen haben. Ein Kampf auf Leben und Tod entbrennt.

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Robin Gates

Feuermuse

Fantasy

Impressum

Dieses Werk wurde vermittelt durch die Literaturagentur Schmidt & Abrahams GbR Frau Natalja Schmidt Kämmererstr. 25a Speyer

Personen und Handlung sind frei erfunden.

Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen

sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

Besuchen Sie uns im Internet:

www.gmeiner-digital.de

Gmeiner Digital

Ein Imprint der Gmeiner-Verlag GmbH

© 2015 – Gmeiner-Verlag GmbH

Im Ehnried 5, 88605 Meßkirch

Telefon 0 75 75/20 95-0

[email protected]

Alle Rechte vorbehalten

Lektorat: Claudia Senghaas

E-Book: Mirjam Hecht

Umschlagbild: © YaroslavGerzhedovich – iStockphoto.com, unter Verwendung von © Blend Images – Fotolia

Umschlaggestaltung: Simone Hölsch

ISBN 978-3-7349-9326-8

Zitat

»O for a Muse of fire, that would ascend

The brightest heaven of invention!«

(William Shakespeare: Henry V)

für Frederike

1. Besuch von außerhalb

Die Eidechse brannte.

Wahrscheinlich war das der Grund, weshalb sie ihr aufgefallen war. Sie hatten etwas gemeinsam.

Das kleine Tier stand lichterloh in Flammen. Dennoch huschte es höchst lebendig über die schwarzen Schlackebrocken, die matt glänzten, als seien sie lackiert. Die hellgelben Feuerzungen umhüllten es wie eine Aura.

Neugierig beobachtete sie die brennende Eidechse, die sich mit schnellen Trippelschritten dem Rand des Beckens aus Schlacke näherte. Sie fragte sich, wie das Tier hierhergekommen war. Langsam, um es nicht zu verschrecken, bewegte sie sich durch die glühende Lava im Inneren des Beckens.

Aufmerksam starrte die in Flammen gehüllte Eidechse in die rotglühende Masse vor sich. Die von der Lava ausgehende Hitze war so immens, dass jedem Lebewesen aus Fleisch und Blut sofort die Gliedmaßen in zu Asche verbrennenden Klumpen vom Körper herabgetropft wären. Doch der Eidechse, die ihr eigenes Feuer mit sich führte, schien die Lava nichts anhaben zu können. Sie verharrte völlig reglos auf dem pechschwarzen Gestein, während sich vor ihr allmählich etwas aus der Esse herauszuschälen begann, das die Form eines Kopfes besaß. Es sah aus, als formten Flammen in ihrem Auflodern ein menschliches Antlitz.

Tiefrote Feuerzungen bewegten sich um dieses Gesicht aus Feuer, sodass sie wie das von einem unfühlbaren Wind bewegte Haar des Wesens inmitten der Lava wirkten. Ein Paar Augen begegnete dem der Eidechse, weißglühend wie angefachte Kohlen. Die stecknadelkopfgroßen Augen des Tiers, die im Gegensatz dazu fast völlig schwarz schimmerten, blickten unerschrocken zurück.

Eine Hand aus Flammen legte sich mit der Handfläche nach oben sacht auf den Rand des Beckens. Die Eidechse zögerte kurz, dann huschte sie zielstrebig über die Schlacke und sprang, ohne Furcht zu zeigen, auf die ausgestreckte Hand.

Dieses Tier stammte nicht aus der Welt, die sie ihr Zuhause nannte. Das konnte sie fühlen. Dennoch hatte es einen Weg hierhergefunden, so wie sich eine Motte in der Dunkelheit von einem hellen Licht angezogen fühlte. Die Grenzen zwischen ihrer Heimat und anderen Welten waren porös geworden. Bilder und Klänge gelangten von einer in die andere, fanden als Träume ihren Weg in die Gedanken ihrer Bewohner.

Nachdenklich hob sie den Kopf und blickte in die Schwärze über sich. Jenseits eines Kreises aus Zacken von zerbrochenem Fensterglas herrschte Dunkelheit. An diesem Ort, tief unter dem breiten, klaffenden Loch in dem gläsernen Dach, konnte sie fast glauben, dass sie sich tatsächlich unter freiem Himmel befand. Natürlich war es nur eine schale Illusion, denn es existierte keine Welt außerhalb des Hauses. Dort gab es nur undurchdringliche nächtliche Schwärze, die alles Licht verschluckte, selbst ihr Feuer.

Sie hätte zu gerne einmal eine echte klare Nacht erlebt, ein dunkles Tuch voll kühl schimmernder weißer Sterne auf uralten Bahnen weit über ihr, und Wind kurz vor Anbruch der Morgendämmerung in den Flammen ihres Haars. Sie wollte einmal mit eigenen Augen sehen, wie sich allmählich ein tiefes Dunkelblau in die nächtliche Schwärze stahl, bis sich alles um sie herum mit immer mehr Farben füllte, die Sterne verblassten und am Horizont ein schwach rötlicher Schleier den Aufgang der Sonne verkündete.

Aber dieses Schauspiel war ihr verwehrt. Für sie existierte nur das Haus und die Dunkelheit, die es umgab. Sie senkte wieder den Kopf, erkundete die Eidechse auf ihrer Hand.

Jemand hatte diesem brennenden Tier Leben eingehaucht. Jemand aus der Welt jenseits des Spiegels. Wer auch immer es gewesen war, er musste eine Ahnung von der Natur des Feuers besitzen.

Sie hätte ihn gerne kennengelernt.

2. Die letzte Stunde

»… David?«

Der Junge, der von dem vorherigen Satz nur seinen Namen gehört hatte, hob den Kopf. Er strich sich die strähnigen blonden Haare aus der Stirn, die ihm die Sicht raubten und fast bis auf seine Schulter reichten.

»Was … was haben Sie gesagt?«

Kaum unterdrücktes Glucksen ertönte von den umliegenden Bänken. Der Junge sah mit leicht gesenktem Kopf geradeaus, ohne seine Augen zur Seite wandern zu lassen. Lisa und Verena hingen ständig kichernd zusammen, wenn jemand einem Lehrer unangenehm auffiel.

Herr Kolloch, der vor David Freys Bank stand, seufzte. Es war heiß im Klassenraum. Die gekippten Fenster ließen nur wenig frische Luft hindurch. Er spürte Schweiß seine Achseln hinabrinnen und dachte vage daran, dass man das wenigstens wegen des Sakkos, das er auch im Sommer trug, nicht sehen konnte. Ungehalten musterte er den Jungen vor sich über den dicken Rand seiner Hornbrille, mit der er wie ein Fernsehshowmaster aus einer alten 70er-Jahre-Sendung aussah.

»Ich sagte: Ist es zu viel verlangt, in der letzten Woche vor den Ferien so etwas wie einen Rest von Aufmerksamkeit von dir zu erwarten?«

Der Junge mit dem strähnigen blonden Haar wich dem Blick seines Ethiklehrers aus. Seine Augen fixierten den Fernseher vor der Tafel, dessen eingefrorenes Schwarz-Weiß-Bild einen uralten Schauspieler in Großaufnahme zeigte. Im Gesicht des Mannes klafften Furchen von der Tiefe des Grand Canyon. Der Film hieß »Die zwölf Geschworenen«, und Herr Kolloch war sich sicher, dass seine Schüler keinen einzigen der Schauspieler darin kannten.

»Nein«, murmelte er.

»Ich hab dich nicht gehört«, sagte Herr Kolloch, der sich anstrengen musste, um ungehalten zu klingen. In der Sommerhitze verlangsamten sich alle Körperfunktionen. Selbst Gefühlsregungen bleichten aus.

»Nein, ist es nicht«, wiederholte David gedehnt. Er hörte sich genauso missmutig an, wie sein Lehrer dreinsah.

»Schön, dass wir uns da einig sind«, sagte Herr Kolloch. Es ging ihm gegen den Strich, dass er den Film hatte anhalten müssen, weil einer seiner Schüler mit etwas anderem beschäftigt war. Er empfand es tatsächlich als ein Muss. Jedem anderen Lehrer der 10 b wäre es so kurz vor Schuljahrsende wahrscheinlich herzlich egal gewesen, ob seine Schüler noch dem Unterrichtsstoff folgten. Aber Herr Kolloch war penibel.

Er hatte lange genug an der Flachsland-Oberschule im Westberliner Stadtteil Charlottenburg unterrichtet, um zu wissen, dass man gegen den Kalender nicht ankam. Die Aussicht von sechs Wochen freier Zeit schwebte wie ein ansteckendes Fieber in der Luft. Darum hatte er für seine letzte Ethikstunde einen Film in den DVD-Player eingelegt. In seinen Augen stellte »Die zwölf Geschworenen« eine spannende Lehrstunde in demokratischem Verhalten dar. Dass dieser Junge, der erst vor zwei Monaten neu in die Klasse gekommen war, sich so offensichtlich nicht für einen seiner Lieblingsfilme interessierte, ärgerte Herrn Kolloch.

»Es wäre noch schöner, wenn du deine Aufmerksamkeit mehr dem Film als deinen Zeichnungen widmen würdest. Was kritzelst du da eigentlich die ganze Zeit?«

»Nichts«, murmelte David. Er schob den Skizzenblock zur Seite und legte ein Schreibheft darauf, aber Herr Kolloch zog den Gegenstand seines Interesses mit einer schnellen Handbewegung an sich.

»Mal sehen, was dich so beschäftigt, dass nicht einmal ein Hollywoodklassiker dabei mithalten kann.«

Er blickte über seine Brille hinweg von seinem Schüler zu dem aufgeschlagenen Block. Albernes Bleistiftgekritzel, ganz wie er es sich gedacht hatte. Wie nannte man diesen japanischen Comicstil noch mal? Anime, Manga? Sein Kollege Bergmann, der Kunsterziehungslehrer, hatte ihm einmal zwischen Tür und Angel den Unterschied erklärt, aber er hatte ihn wieder vergessen.

Der Junge hatte sich von seinem Platz erhoben. »Das gehört mir!«, sagte er bestimmt. »Geben Sie das wieder her!«

Von einem Moment auf den anderen herrschte Totenstille in der Klasse. Den beiden Mädchen in Davids Nähe war ihr Grinsen eingefroren. Herr Kolloch glaubte seinen Ohren nicht zu trauen. Der sonst so stille Junge war ja auf einmal richtig lebendig geworden! Aber heute war es einfach zu heiß, um seine Konfrontation mit David noch weiter hochzukochen. Er hielt den Skizzenblock in die Höhe. »Mag sein, dass das hier dir gehört. Trotzdem hat es in meinem Unterricht nichts verloren, verstanden?«

»Ja, Herr Kolloch«, sagte David.

Der Lehrer blinzelte irritiert, als er seinen Namen betont deutlich ausgesprochen hörte. Wollte der freche Kerl ihn etwa provozieren? Die Schmierereien auf einer Wand in der Toilette hatten ihm den wenig schmeichelhaften Spitznamen »Kloloch« verliehen. Natürlich hätte sich nie jemand getraut, ihm das ins Gesicht zu sagen. Aber wie sie manchmal mit der Andeutung eines vorlauten Lächelns seinen Namen betonten, selbst dieser Neue …

»Nächstes Mal verschwindet der Block, wenn mein Unterricht anfängt, verstanden?«

»Ja, Herr Kolloch«, wiederholte David ungeduldig.

»Deine brennenden Drachen kannst du auch in der Freizeit zeichnen.«

Er warf David den Skizzenblock zu. Der Junge fing ihn auf und ließ ihn schnell in seiner grünen Umhängetasche verschwinden, dann setzte er sich wieder. Mit hochrotem gesenktem Kopf sagte er an seinen Lehrer gerichtet, der sich bereits wieder von ihm abgewandt hatte: »Das ist kein Drache, sondern eine Eidechse.«

Vereinzeltes Lachen wurde im Klassenraum laut. Thorsten Fernow in der letzten Bank schnitt ein verächtliches Gesicht und murmelte seinem Nachbarn René Karitz etwas zu, woraufhin dieser zu grinsen anfing. Herr Kolloch zog es vor, Davids letzten Satz zu ignorieren. Stattdessen drückte er einen Knopf der Fernbedienung. Das eingefrorene Bild auf dem Fernsehbildschirm wurde wieder lebendig, und die Dialoge des Films hallten durch den Klassenraum. Der Ethiklehrer der 10 b atmete tief aus. Manchmal gingen ihm seine Schüler so etwas von auf die Nerven. Zum Glück fingen nächste Woche die Ferien an!

3. Drei gegen einen

Der durchdringende Gong, der das Ende der letzten Stunde ankündigte, war kaum verklungen, als David Frey sich auch schon seinen Rucksack griff, aufsprang und der Tür zum Klassenzimmer zustrebte. Herrn Kollochs Verabschiedung und dessen arg förmlicher Wunsch, sie alle mögen eine erholsame Ferienzeit verbringen, war für ihn nicht mehr als ein weiteres Geräusch unter dem allgemeinen Stühlerücken und den im Raum aufbrandenden Gesprächen. Er wollte einfach nur schnell nach Hause und in Ruhe weiterzeichnen.

David liebte es zu zeichnen. Es war eine Beschäftigung, mit der er Stunden zubringen konnte, ohne zwischendurch hochzublicken und sich zu fragen, wie spät es war. Wenn ihn jemand gefragt hätte, in welchem Alter er mit dem Zeichnen angefangen hatte, hätte er wahrscheinlich nur die Achseln gezuckt und erwidert, dass er es nicht wüsste. Er hatte Zeichenstifte in den Händen gehalten, solange er zurückdenken konnte. Aber ihn fragte keiner. Er war ein Einzelgänger. Das war er ebenfalls schon so lange gewesen, wie er sich erinnern konnte.

Mit schnellen Schritten eilte er die weite Steintreppe zum Haupteingang der Schule hinab, wo sich bereits andere Schüler drängten, die es ebenfalls kaum erwarten konnten, ins Freie zu kommen. Er schob die gläserne Doppeltür auf und blinzelte, als er den Schulhof betrat.

An einem tiefblauen Himmel schien die Sommersonne blendend hell auf Berlin herab. Keine Wolke sorgte für Schatten. Schon seit zwei Wochen hatte die Hitzewelle die Stadt fest in ihrem Griff. Die Freibäder waren überfüllt, und am Teufelssee im Grunewald wie an der Krummen Lanke drängten sich so viele Leute auf ihren Badetüchern, dass der Weg zum Wasser sich in einen herausfordernden Hindernislauf verwandelte. Die Straßencafés in Charlottenburg, wo David mit seinem Vater wohnte, waren ständig bis auf den letzten Platz besetzt. Alte Leute und ihre vierbeinigen Gefährten hatten es zurzeit besonders schwer. Sie führten ihre japsenden Hunde, denen die Zungen wie spröde Gummibänder schief aus den Mäulern hingen, entweder in den frühen Morgenstunden Gassi, oder sie trauten sich erst ins Freie, wenn die Sonne wieder hinter den Häuserfassaden verschwunden war und ein leichter Abendwind den Sommer etwas erträglicher machte.

Während David zum Fahrradständer ging, roch er die staubige Hitze, die in der Luft hing. Wenigstens hatte er es nicht lange nach Hause. Etwa zehn Minuten mit dem Rad, dann würde er sich wieder in seinem Zimmer mit Blick nach Osten vergraben. Es gehörte zu einer kühlen Altbauwohnung. Selbst bei diesen Temperaturen war es mittags da gut auszuhalten. Wie so ziemlich alle seiner Schulkameraden freute er sich schon auf die Ferien, doch im Gegensatz zu ihnen war er hauptsächlich froh darüber, dass er die meisten für die nächsten Wochen nicht zu Gesicht bekommen würde. Er war neu in der Klasse und kam sich unter ihnen vor, als wäre er ein Astronaut, den es auf die dunkle Seite des Mondes verschlagen hatte.

»Wirst schon sehen, an der neuen Schule bekommst du im Handumdrehen auch neue Freunde«, hatte sein Vater leichthin gesagt, als David ihm vor fast drei Monaten erzählt hatte, dass er keine Lust hätte, von Braunschweig nach Berlin zu ziehen.

Im Handumdrehen? David hatte kaum fassen können, was er da gehört hatte. Er hatte versucht, seinem Vater klarzumachen, wie lange es gedauert hatte, Peter und Thomas zu finden, mit denen er manchmal etwas unternahm. Er wollte die beiden nicht aufgeben und sich wieder neue Freunde suchen müssen, nur weil sein Vater unbedingt weg aus Braunschweig wollte!

»Von Wollen kann keine Rede sein«, hatte Martin Frey entgegnet. »Aber den Job hat mir ein alter Freund aus dem Studium vermittelt – ohne Befristung. Das ist heutzutage wie ein Lottogewinn.«

»Toll. Ein Lottogewinn in Berlin«, hatte David bitter entgegnet. Aber für seinen Vater war die Angelegenheit damit erledigt, wie immer. Typisch Pädagoge. Dachte, wenn er etwas nur lange und wortreich genug erklärte, dann würde sein Sohn es schon verstehen. Als ob sein Vater glaubte, dass David irgendwie zu begriffsstutzig wäre, um zu erkennen, was für eine berufliche Chance sich da in Berlin auftat – dabei ging es doch gar nicht darum!

»Worum geht es denn dann?«, hatte sein Vater ungeduldig gefragt, aber David hatte sich umgedreht und war in sein Zimmer gegangen. Es hatte doch sowieso keinen Sinn. Der Plan mit Berlin stand bereits fest.

Er hoffte, dass es klappen würde, Peter und Thomas während der Ferien zu besuchen. Braunschweig war zum Glück nicht am anderen Ende von Deutschland. Hier in Berlin war es ihm bisher kaum geglückt, neue Kontakte zu knüpfen – jedenfalls keine freundschaftlichen. Sein Magen zog sich zusammen, als er an Thorsten Fernow dachte. Der hochgewachsene Junge mit den athletischen Schultern und dem kurz geschorenen Haar war 15 und damit genauso alt wie David, besaß aber bereits das um einiges ältere Gesicht eines Erwachsenen. Aus irgendeinem Grund, den David nicht kannte, hatte Thorsten ihn von Anfang an nicht ausstehen können – vielleicht war die einfachste Erklärung, weil David ihn ebenfalls nicht mochte. In der kurzen Zeit, seitdem David auf die Flachsland-Oberschule ging, hatte Thorsten schon mehrmals Streit mit ihm angefangen. Einmal, ganz am Anfang, hatten sie sich nach der Schule geprügelt. Thorsten hatte seine beiden Freunde Patrick Belling und René Karitz dabeigehabt. Die beiden hatten sich nicht rausgehalten, sondern kräftig mitgeholfen. Sie hatten ihn festgehalten, sodass er sich nicht wehren konnte, während Thorsten ihm ein paar laut klatschende Ohrfeigen verpasst hatte. Auf eine merkwürdige Weise war das verletzender gewesen, als Faustschläge abzubekommen. Seine brennend rote Wange hatte mehr wie das Ergebnis einer Demütigung durch einen Erwachsenen als einer Auseinandersetzung zwischen Gleichaltrigen ausgesehen.

Seitdem versuchte David mehr schlecht als recht, den dreien aus dem Weg zu gehen, was leichter gesagt als getan war. Schließlich besuchten sie dieselbe Klasse. Wenn er es sich genau überlegte, war auch sein eiliger Abgang eben nicht so sehr ein Nach-Hause-Hasten zum Weiterzeichnen als vielmehr eine Flucht. Er ahnte, dass seine laute Bemerkung über die gezeichnete Eidechse ihm wieder blöde Sprüche einbringen würde, wenn er heute noch mehr Zeit als nötig in der Nähe seiner ganz speziellen Freunde verbrachte. Es war besser, den Ball flach zu halten, als wieder in eine Auseinandersetzung zu geraten.

Er hatte sein Fahrrad erreicht und bückte sich, um es aufzuschließen. Doch der Schlüssel wollte nicht in das Schloss des Spiralkabels passen, das er durch seinen Hinterreifen und um den Fahrradständer gezogen hatte. Stirnrunzelnd kniete sich David hin und sah genauer hin.

Verdammter Mist! Der Spalt zum Einführen des Schlüssels war von einem harten milchigen Belag überzogen, der sich in dem grellen Sonnenlicht nur schwer erkennen ließ. Jemand hatte etwas darauf geschmiert, was nur Sekundenkleber sein konnte.

Die Sonne knallte ihm unbarmherzig auf den Schädel und schien nur dazu da, ihn zu verspotten. Wie in Zeitlupe stand er auf. Ihm ging das alles so sehr auf die Nerven! Nur mit Mühe konnte er sich davon abhalten, gegen das Rad zu treten.

»David?«

Er fuhr so ruckartig herum, dass Lisa, die von hinten an ihn herangetreten war, erschrocken einen Schritt rückwärts ging. Ihre langen, pechschwarzen Haare glänzten im Mittagslicht.

»Alles in Ordnung?«

»Das Schloss ist verklebt«, murmelte er heiser. Erst jetzt bemerkte er, dass er seine Zähne so hart aufeinandergebissen hatte, bis ihm der Kiefer schmerzte.

Lisa blickte an ihm vorbei auf sein Fahrrad. »Au Scheiße.« Sie unterdrückte ein hilfloses Lachen. »Weißt du, wer es war?«

»Ich kann’s mir denken«, sagte David grimmig. »Du doch auch, oder?«

Sie nickte und legte ihren Kopf schief. »Was ist das eigentlich mit Thorsten und dir?«

Müde schob David seine Umhängetasche von der einen auf die andere Schulter. »Frag ihn das selbst. Er fängt doch ständig Streit an. Ich will einfach nur, dass er mich in Ruhe lässt. Nicht, dass er das tun wird – aber das ist der Plan.«

Sie schmunzelte. »Ich glaube, er mag deine große Klappe nicht.«

Erstaunt starrte David sie an. »Meine große Klappe? Ich … ich sag doch eh kaum was!«

»Aber wenn du etwas sagst, triffst du genau ins Ziel«, beharrte Lisa. »Deswegen wollte ich auch mit dir reden. Wir brauchen für den Titel der neuen Ausgabe unserer Schülerzeitung noch ein Bild zum letzten Schultag mit einem lustigen Spruch. Andrea hätte das machen sollen, aber sie ist uns in letzter Minute krank geworden. Hast du Lust, für sie einzuspringen? Du zeichnest doch ständig irgendwas.« Sie grinste. »Von mir aus kann’s auch eine brennende Eidechse sein.«

David bemühte sich, unbeeindruckt dreinzusehen, hatte aber das Gefühl, dass er wegen der Hitze und seiner schlechten Laune einfach nur erledigt wirkte. Trotzdem – wer auch immer am letzten Schultag eine Ausgabe der Schülerzeitung kaufte, würde seine Zeichnung mit nach Hause nehmen! Dass das Angebot von einem Mädchen kam, das er sich bisher kaum von selbst anzusprechen getraut hatte, war noch die Schlagsahne auf dem Kuchen.

»Klar, kann ich machen«, brachte er heraus.

Lisa strahlte ihn an.

»Super! Wir haben am Wochenende noch ein Redaktionstreffen. Ich geb dir rechtzeitig Bescheid.«

»Geht in Ordnung«, sagte David. Er wandte sich zum Gehen.

»Was machst du denn jetzt mit deinem Rad?«, wollte Lisa wissen.

»Ich fahr mit dem Bus nach Hause und komme mit einem Bolzenschneider wieder. Ich krieg das Rad nur los, wenn ich das Schloss knacken kann.«

»Ein Tipp«, sagte Lisa, die bereits dabei war, ihr eigenes Rad aufzuschließen, »probier es mit Aceton.«

»Was?«

Sie lächelte. »Nagellackentferner. Hat bei dem verklebten Fahrradschloss von meinem kleinen Bruder geholfen.«

Jetzt erschien auch auf Davids Gesicht ein verhaltenes Lächeln. »Danke, das probier ich aus!«

Lisa stieg auf ihr Rad, winkte ihm zu und bog um die Ecke. David blieb noch kurz stehen und blickte auf die Mauer des Schulhofs, hinter der sie verschwunden war.

Er hatte geglaubt, für jemanden wie Lisa Wagner existierte er nur, damit sie hin und wieder mit einer ihrer Freundinnen den Kopf zusammenstecken und über ihn lachen konnte. Dabei wollte sie ihn bei der nächsten Ausgabe der Schülerzeitung dabeihaben. Sie war tatsächlich an dem interessiert, was er so machte!

Wie in Trance trat David den Nachhauseweg an. Er beschloss die Abkürzung durch den Schustehruspark zu nehmen, die er vor Kurzem entdeckt hatte. Die weitläufige Grünanlage lag verlassen in der Mittagshitze. Die meisten Menschen, die sonst auf Parkbänken oder dem Rasen saßen, waren bei den hohen Temperaturen zum etwas weiter südlich gelegenen Lietzensee abgewandert, wo sie ihre Füße ins halbwegs kühle Wasser hängen konnten. Ein junger Mann Ende 20 mit Pferdeschwanz und Boxershorts warf in einiger Entfernung einen Ast in hohem Bogen über die Wiese. Ein struppiger Schäferhundmischling fegte wie der Blitz seiner Beute über das verblichene Gras hinterher.

David war in Gedanken noch bei seiner neuen Zeichnung und bei Lisa, die ihm ein so unerwartetes Angebot gemacht hatte. Deswegen fiel ihm das leise Geräusch von sich nähernden Fahrradreifen auf dem festgestampften Weg erst auf, als es dicht hinter ihm zu vernehmen war. Dann brauste ein Fahrrad dicht links an ihm vorbei und stellte sich mit mahlendem Knirschen der Rückbremse vor ihm quer.

»Wo hast du dein Rad gelassen?«, fragte Thorsten Fernow mit schneidender Stimme. »Zu heiß zum Fahren?« Er lehnte über dem Lenker und starrte den neuen Jungen in der 10 b feindselig an.

Von einem Moment zum nächsten war die sommerliche Hitze vergessen. Ein Schwall Eiswasser schien Davids Rückgrat hinunterzulaufen. Er vernahm ein Auflachen, dann bremsten rechts und links von ihm Patrick und René ihre Räder ab.

Das war ja zu erwarten gewesen. Thorsten traf man kaum ohne die beiden an. Und irgendwie hatte das zugeklebte Fahrradschloss regelrecht nach einem kranken Scherz der drei gerochen.

»Ich glaub, du weißt ganz gut, was mit meinem Rad ist«, sagte er. Nur mühsam hielt er seine Frustration im Zaum. Es war völlig klar, worauf das Ganze hinauslief, ihr Gespräch eine abschüssige Rutschbahn, die nur eine Richtung kannte.

Thorsten kickte den Ständer seines eigenen Rades und stieg langsam ab. Er sah an David vorbei zu seinen beiden Freunden. »Wow, unbewiesene Anschuldigungen. So was einfach in die Welt rauszublasen grenzt ja schon an Mobbing.«

René und Patrick, die nun ebenfalls ihre Räder abgestellt hatten, lachten auf, als hätten sie einen richtig guten Witz gehört. Thorsten selbst lächelte ebenfalls, als sein Blick nun zu David schwenkte, doch das Lächeln reichte nicht bis zu seinen Augen.

»Willst du mich mobben, Spast?«

Es fiel David schwer, dem Blick des Jungen, der einen halben Kopf größer als er war, nicht auszuweichen. »Was ich will, ist, dass ihr mich in Ruhe lasst«, sagte er mit so fester Stimme, wie es ihm nur möglich war.

»Ich will, dass ihr mich in Ruhe lasst«, äffte Patrick ihn mit hoher, quäkender Stimme nach. Das war seine Spezialität. Die anderen in der Klasse lagen regelmäßig vor Lachen am Boden, wenn er einen Lehrer imitierte.

René war das kurze Zucken in Davids Gesicht beim Anhören seiner eigenen Worte aus Patricks Mund nicht entgangen. »Gleich fängt er an zu heulen.«

»Warum sollten wir dich denn in Ruhe lassen, hm?«, fragte Thorsten mit gespielter Neugier. »Wo du doch mit deinen Bildern einen Kracher nach dem anderen bringst. Besser als jede Sitcom.«

»Das ist kein Drache, sondern eine Eidechse«, fügte Patrick mit dieser übertrieben quäkenden David-Stimme hinzu.

»Wo hast du sie eigentlich?«, fragte Thorsten. »Lass sie doch mal sehen. – Haltet ihn fest!«

Er hatte kaum ausgesprochen, als David schon versuchte, an René vorbeizukommen. Doch der stämmige Junge versperrte ihm mühelos den Weg. Sofort packte Patrick ihn von hinten. Im Gegensatz zu René wirkte sein Kamerad schlaksig, aber der Eindruck trog. Seine sehnigen Arme hielten David wie in einem Schraubstock. René riss ihm die Umhängetasche herunter und warf sie Thorsten zu. Geschickt fing der Anführer der drei ihn auf.

David kickte zornig nach hinten aus, einmal, zweimal. Er traf Patrick am Schienbein und vernahm dicht hinter sich ein überraschtes Grunzen, bevor er von René einen Fausthieb in den Magen erhielt, bei dem ihm die Luft wegblieb. Hätte Patrick ihn nicht so fest gehalten, wäre er wie ein Scharnier zusammengeklappt und zu Boden gegangen. Er rang nach Atem und kämpfte gleichzeitig mühsam damit, sich nicht zu erbrechen. Wie vom anderen Ende des Schustehrusparks hörte er Thorsten auflachen.

»Woohoo, gleich kotzt dir der Idiot auf die Schuhe!«

David keuchte. Das Bild von Renés Füßen verschwamm vor seinen Augen. Er blinzelte fest, und es setzte sich wieder zusammen. Angestrengt blickte er zu Thorsten hoch, der seine Hand in die Umhängetasche gesteckt hatte und darin herumwühlte.

»Feige Sau!«, murmelte er mühsam. Der Kloß im Hals, der ihm das Atmen erschwerte, rührte nicht mehr von dem Magenschwinger her. Es war blanker Hass auf den Jungen vor ihm, der nun seinen Skizzenblock in der Rechten hielt. Er hatte keine Ahnung, woher diese Wut kam. Normalerweise ging er Auseinandersetzungen so gut er konnte aus dem Weg.

Thorsten ließ die Umhängetasche zu Boden plumpsen. René ballte die Faust zu einem weiteren Schlag, aber Thorsten schob ihn zur Seite.

»Was hast du gesagt?«

»Du bist eine feige Sau!«, brach es aus David heraus. »Versteck dich nur weiter hinter den beiden. Vielleicht finden sie ja da drüben auf dem Spielplatz noch ne Fünfjährige, der sie die Hände auf den Rücken binden können, damit’s auch ein fairer Kampf für dich wird.«

Thorsten erstarrte. Er zog ein Gesicht, als ob David ihn geschlagen hätte. Als wieder Bewegung in ihn kam, drückte er René den Skizzenblock in die Hand.

»Lass ihn los«, sagte er heiser zu Patrick, der ihn überrascht ansah.

»Was?«

»Lass ihn los, verdammt!«, schrie Thorsten ihn an. David spürte, wie die Schraubstöcke um seine Arme sich lösten. Im nächsten Moment stürzte der Anführer der drei auf ihn zu. Thorstens geballte Faust sauste ihm entgegen. Renés Magenschwinger hatte David zu sehr geschwächt, um ihr auszuweichen. Ein Blitz schlug in seinem Kinn ein und stieß ihn rückwärts von den Beinen. Er merkte es kaum, wie er zu Boden ging. Das wütende Gesicht seines Angreifers hing über ihm, das Gewicht seines Körpers hielt David auf der Erde. Thorsten holte erneut zum Schlag aus. Gleichzeitig drosch David ihm ohne nachzudenken seine eigene Faust seitlich in die Rippen. Der größere Junge stieß ein dumpfes Grunzen aus. Sein Schlag streifte Davids Kinn. Für einen Moment war seine Position über David nicht mehr so sicher, was der Junge sofort ausnutzte, um sich aufzubäumen und Thorsten von sich herunterzustoßen.

Keuchend rollten die beiden über den staubigen Weg. David kickte seinem Widersacher gegen das Schienbein. Es gelang ihm, sich auf ihn zu werfen. Eine roter Vorhang aus Wut hatte sich vor seinem Gesichtsfeld herabgesenkt. Alles, was seit seinem Umzug in diese Drecksstadt eine hilflose Wut in ihm entfacht hatte, lag in der Reichweite seiner Arme. Wie besessen schlug und schlug er auf Thorsten ein.

Nur undeutlich drangen Schreie und Hundegebell an sein Ohr. Etwas explodierte hart seitlich gegen seinen Kopf. Hände rissen ihn von seinem Gegner weg, schleuderten ihn auf den Weg. Seine schmerzende Schläfe riss den Schleier aus Wut von oben bis unten entzwei, und er sah wieder klar.

Thorsten hatte sich vom Boden aufgerappelt. Seine Unterlippe war aufgeplatzt. Auch aus einem seiner Nasenlöcher floss ihm Blut über die wenigen Bartstoppeln. Sein Gesicht war verzerrt vor Hass. David versuchte sich aufzurappeln, aber er war noch ganz benommen. Die Welle aus Wut, die ihn mit sich gerissen hatte, war wieder abgeebbt und hatte nichts anderes zurückgelassen als eine dumpfe Leere.

»Du bist tot!«, stieß Thorsten mühsam hervor. »Dich stech ich ab!« Seine Rechte grub sich in seine Hosentasche, wühlte darin herum und schnellte mit einer schnellen Bewegung aus dem Handgelenk wieder heraus. Ein metallisches Klicken ertönte. Die Klinge eines Butterflymessers glänzte in der Sonne.

»Alter, lass gut sein!«, ließ Patrick sich mit unsicherer Stimme hinter David vernehmen.

»Schnauze!«, herrschte Thorsten ihn an. Er hatte den Jungen auf dem Boden erreicht und trat ihm hart in die Seite. »Steh auf!«

David presste die Handflächen auf den staubigen Boden und rappelte sich hoch. Etwas in ihm schrie ihn an, dass Thorsten vorhatte, ihm das Messer in den Bauch zu rammen, sobald er wieder auf den Beinen war.

Von unten aufwärts –wie in dem Film heute! Es war die einzige Szene gewesen, bei der jeder von ihnen gebannt auf den Bildschirm gestarrt hatte.

Dennoch verspürte er kaum Angst noch Zorn. Er fühlte sich nur fürchterlich erschöpft. Seine Seite und seine rechte Schläfe brannten wie Feuer.

»Heh, was machst du denn da?«

Die laute Stimme eines Erwachsenen drang an sein Ohr. Er wandte den Kopf und sah den jungen Mann mit den Boxershorts, der von der Wiese herübergekommen war. Neben ihm stieß der Schäferhundmischling ein lautes Bellen aus. Der junge Mann bückte sich und hielt ihn am Halsband fest.

»Geht dich nichts an, also verzieh dich!«, gab Thorsten zurück. Seine Hand hielt den Griff des Butterflymessers umklammert, bereit, zuzustechen.

»Der Einzige, der sich hier verzieht, bist du – und zwar zackig«, gab der junge Mann ungerührt zurück. So schnell wie eben Thorstens Butterflymesser war in der Hand des Mannes ein Mobiltelefon aufgetaucht. »Entweder das, oder ich ruf die Polizei. Such es dir aus.«

Thorstens hasserfüllter Blick wanderte von dem Gesicht des Mannes zu dessen Hund, der den Jungen in ohrenbetäubender Lautstärke anbellte. Sein Verstand schien gegen den Impuls anzukämpfen, auf irgendjemanden loszugehen, egal wen – den Neuen in der Klasse, den unbekannten Mann vor ihm oder dessen kläffenden Köter. Schließlich klappte er sein Messer mit einer kurzen Handbewegung, bei der sich der Hund hart gegen den Griff seines Herrn stemmte, wieder zusammen und verstaute es in der Hosentasche. Er drehte sich zu seinen beiden Freunden um.

»Los, Abflug.«

Patrick und René packten ihre Räder in einer Geschwindigkeit, als ginge es ihnen nicht schnell genug, aus dem Park zu verschwinden. Thorsten schwang sich auf sein eigenes Rad, wobei er eine schmerzhafte Grimasse zog. Er wandte sich zu David um. »Wir sehen uns noch, Spast!«

So heftig in die Pedalen tretend, dass seine beiden Freunde Mühe hatten, nicht von ihm abgehängt zu werden, verschwand er in der Richtung, aus der er mit ihnen gekommen war. David blickte ihnen erschöpft nach.

»Alles in Ordnung mit dir?«

Er drehte sich zu dem jungen Mann mit dem Pferdeschwanz um. Der Hund hatte aufgehört zu bellen, sah ihn aber so misstrauisch an, als traue er dem Frieden nicht.

»Ist alles okay«, murmelte er. »Danke, dass Sie mir geholfen haben.«

Der Mann musterte ihn aus Augen, die er vor dem grellen Mittagslicht halb zusammengezogen hatte, was ihn beinahe ebenso misstrauisch aussehen ließ wie seinen Hund. »Schon gut. Du hast ganz schön was einkassiert. Besser, du packst dir etwas Eis aufs Kinn.« Er legte den Kopf in den Nacken und blinzelte zur Sonne empor. »Bei dem Wetter ist Eis die beste Lösung für so ziemlich jedes Problem.«

David musste schmunzeln, was ein Stechen durch seinen Kiefer jagte. Plötzlich wirbelte er herum, so schnell es seine schmerzenden Glieder zuließen. Er starrte auf seine am Boden liegende Umhängetasche.

Der Skizzenblock war fort.

Wer hatte ihn noch mal zuletzt in Händen gehabt? Natürlich – René! Die drei hatten ihm seine Zeichnungen gestohlen!

Vor dem harten Klumpen, in den sich sein Magen bei dem Gedanken daran verwandelte, verblassten alle anderen Schmerzen seiner Prügelei.

4. Vater und Sohn

»Du willst mir wirklich nicht erzählen, was passiert ist?«

Martin Frey lehnte in der Küche an der Spüle und sah seinen Sohn resigniert an. Er war ein hagerer, bebrillter Mann Anfang 40, dessen blondes Haar allmählich schütter wurde und sich immer mehr aus den Geheimratsecken an seinen Schläfen zurückzog. David saß mit gesenktem Kopf am Küchentisch. Er rührte lustlos in einem Teller mit Chili con Carne vor sich herum, ohne zu antworten. Sein Vater klopfte sich gern dafür auf die Schulter, dass er ein Chili kochte, das sogar dem hartgesottensten Texaner Tränen in die Augen getrieben hätte. David mochte scharf gewürztes Essen ebenfalls, aber heute war es einfach zu heiß für etwas Warmes. Außerdem verspürte er noch immer einen dicken schmerzenden Knoten im Magen, wenn er an die Auseinandersetzung mit Thorsten und seinen Freunden dachte.

»Jetzt komm schon!«, hörte er seinen Vater sagen.

David hielt im Rühren inne und schob den Teller von sich. »Es war keine große Sache.«

»Schau mal in den Spiegel!«, forderte Martin Frey ihn auf. »Dein Kinn sieht aus, als hättest du einen Boxkampf mit einem der Klitschko-Brüder hinter dir. Das nennst du keine große Sache?«

»Es war …«, David sah sich wie hilfesuchend in der Küche um, »eine Rumschubserei, die ein bisschen heftiger wurde, mehr nicht. Was erwartest du denn? Dass wir zusammen zur Polizei gehen? Dann brauche ich mich in der Klasse erst gar nicht mehr blicken lassen.«

Herr Frey nahm seine Brille mit dem dünnen Metallrand ab und rieb sich mit zusammengekniffenen Augen den Nasenrücken. »Ich hätte erwartet, dass du eine gewalttätige Auseinandersetzung nicht einfach auf sich beruhen lässt«, erwiderte er mit noch immer geschlossenen Lidern.

»Mache ich doch auch nicht!«, protestierte David. »Ich – ich mach es nur nicht auf deine Art.«

»Wie denn dann?«, wollte sein Vater wissen. Er musterte ihn besorgt. »Willst du dem, der dich verprügelt hat, auflauern? Es ihm heimzahlen?«

David verdrehte die Augen, ohne zu antworten. Er wusste ja selbst nicht, wie sich das Problem mit Thorsten und den beiden anderen lösen sollte. Alles was er wusste, war: Er musste selbst damit fertigwerden, ohne Einmischung von Erwachsenen.

Sein Vater sah ihn an, als wartete er doch noch auf eine Antwort. Doch David zog nur erneut den Teller mit Chili zu sich und stocherte weiter darin herum. Herr Frey seufzte kaum hörbar, öffnete die Kühlschranktür und nahm ein Bier heraus.

»Du wärst lieber in Braunschweig geblieben, oder?«

David hob den Kopf. Sein Vater hatte ihm den Rücken zugedreht. Umständlich durchsuchte er die Fächer des Küchenschranks nach einem Flaschenöffner.

»Du bist nicht glücklich hier in Berlin.«

Einen Moment herrschte Schweigen in der Küche. Herr Frey stand still, seine Hand bewegungslos in der Schublade vergraben, ohne seinen Sohn anzusehen.

»Ja«, sagte David tonlos.

Es zischte leise, als sein Vater das Bier öffnete. Er nahm einen Schluck aus der Flasche und drehte sich langsam zu dem Jungen am Tisch um.

»Es tut mir leid«, sagte er. »Ich wünschte, es hätte eine andere Lösung gegeben. Aber wir sind nun mal hier, und irgendwie müssen wir das Beste daraus machen. Es wäre schön, wenn du wieder mit mir reden würdest wie früher. Wir könnten mehr gemeinsam unternehmen – die Stadt zusammen entdecken. Was hältst du davon?«

David dachte nach. Das war eine weitere Sache, die ihm an Berlin auf die Nerven ging: Seit dem Umzug war sein Vater tagein, tagaus mit seiner neuen Arbeitsstelle beschäftigt. Er war Sozialarbeiter und hatte die Leitung eines Wohnheims für Jugendliche, die nicht mehr zu Hause wohnen konnten, übernommen. Schon in Braunschweig, wo er als Familienhelfer gearbeitet hatte, war er mit seinem Job so gut wie verheiratet gewesen. Aber hier in Berlin war es noch extremer.

Wie um Davids letzte Überlegungen zu unterstreichen, begann das Mobiltelefon seines Vaters laut zu klingeln. Er verdrehte die Augen und zog es aus seiner Hosentasche.

»Tut mir leid«, sagte er mit gedämpfter Stimme, obwohl er noch gar nicht abgenommen hatte. Dann machte er sich auf den Weg aus der Küche. In Hinausgehen hörte David ihn ins Telefon sprechen.

»Frey. – Nein, das ist schon in Ordnung. Wenn ich in meinem Feierabend nicht gestört werden wollte, wäre ich nicht rangegangen und hätte erst am Montag die Mailbox abgehört. – Das ist gar kein Problem. Wir nehmen uns einfach morgen den Transporter und fahren den Umzug, damit die Lage bei ihm zu Hause nicht weiter eskaliert. Ja, genau.«

Resigniert schüttelte David den Kopf, obwohl sein Vater das nicht mehr sehen konnte. War ja klar. Ein Anruf aus der Arbeit, weil einer seiner Jugendlichen Probleme hatte, und schon war sein Vater am Wirbeln. So war es schon in Braunschweig gewesen. Aber seitdem er den Leitungsjob angenommen hatte, kam es noch häufiger vor, dass er alles stehen und liegen ließ, wenn die Kollegen in seinem Team ihn anriefen und etwas geklärt haben wollten. Er kam auch immer später nach Hause. Es war fast so, als ob sein Vater sich mehr um diese problembeladenen Jugendlichen kümmerte als um seinen eigenen Sohn. Vielleicht sollte er einfach mal richtigen Mist bauen, so wie die Jungen, von denen sein Vater manchmal erzählte, ohne Namen zu nennen. Auf einen Lehrer losgehen, von der Schule verwiesen werden und sich völlig zugedröhnt mit einem geklauten Auto von der Polizei erwischen lassen. Dann hätte der Herr Sozialarbeiter bestimmt eine Menge Zeit für ihn.

Er hatte mit seinen alten Freunden durchaus schon einigen Blödsinn angestellt, Dinge, von denen sein Vater bis heute nichts wusste. Aber das waren vergleichsweise harmlose Sachen wie eine mit einem Feuerlöscher zugeschäumte Mädchentoilette an der alten Schule in Braunschweig gewesen. Dumme Streiche, Jackass eben. Vor Straftaten aus den Arbeitsgeschichten seines Vaters war er immer zurückgeschreckt.

Bisher.

Während Herrn Freys leise Stimme aus dem Nebenzimmer erklang, starrte David reglos auf seinen halb leer gessenen Teller mit Chili, das allmählich kalt wurde. In seinen Gedanken war er noch einmal über Thorsten am Boden gebeugt. Seine Fäuste wirbelten auf ihn herab, wieder und wieder.

Wenn man’s genau nimmt, haben dir seine Freunde einen Gefallen getan, als sie dich von ihm weggezogen haben, ließ sich eine hässliche, kalte Stimme in seinem Inneren vernehmen. Er biss die Zähne zusammen, bis ihm der Kiefer wehtat, aber sie redete ungerührt weiter. Du hättest ihn krankenhausreif geprügelt, wenn du mit ihm allein gewesen wärst. Vielleicht hättest du ihn sogar umgebracht.

So plötzlich, dass der Stuhl, auf dem er gesessen hatte, umkippte und auf dem Küchenboden aufschlug, sprang David auf. Die leise Stimme seines Vaters nebenan verstummte.

David stürmte aus der Küche, eilte in sein Zimmer und knallte die Tür zu.

Er hatte sich früh hingelegt, nachdem er noch eine Weile an seinem Computer gesessen und an einem 3-D-Zeichenprogramm herumgebastelt hatte, ohne etwas zustande zu bringen, womit er zufrieden gewesen wäre. Sein Vater war kurz hereingekommen und hatte nochmals versucht, ein Gespräch mit ihm anzufangen, aber David hatte keine Lust gehabt, schon wieder über die Prügelei im Schustehruspark zu reden. Jetzt starrte er mit offenen Augen an die dunkle Zimmerdecke und dachte nach. Das Fenster über seinem Schreibtisch stand weit offen, um wenigstens eine Ahnung von kühlerer Nachtluft hereinzulassen. Kaum vernehmbare Straßengeräusche drangen an sein Ohr, jener Klangteppich, der einem in einer ruhigen Seitenstraße für gewöhnlich nur auffiel, wenn man sich darauf konzentrierte. Die nächtliche Stadt atmete ein und aus.

Das Zeichnen am Computer hatte nichts gebracht. Er fühlte sich noch immer aufgewühlt und wütend. Wieder und wieder kehrten seine Gedanken zu seinem gestohlenen Skizzenblock zurück. Gestern, etwa um diese Zeit, er war schon kurz vorm Schlafengehen gewesen, war plötzlich das Bild einer Echse in seinem Verstand an die Oberfläche getrieben, ohne dass er genau hätte sagen können, aus welchen Tiefen es eigentlich aufgetaucht war. Vielleicht hatte es etwas mit der Hitzewelle zu tun gehabt, die über der Stadt brütete, der Vorstellung, dass wahrscheinlich die einzigen Wesen, die momentan nicht über die hohen Temperaturen stöhnten, Eidechsen waren, die in der prallen Sonne ihr kaltes Blut wärmten.

Als er angefangen hatte, das Tier in dem Mangastil zu zeichnen, den er sich gerade selbst beibrachte, war auch noch etwas anderes passiert, ebenso plötzlich und unerwartet wie das Tier selbst: Er ertappte sich dabei, wie er aus den Spalten der Eidechsenschuppen Flammen hervorbrechen ließ, ganz so, als bestünde die Haut des Tiers aus der festen, aber dünnen Oberfläche eines Vulkankraters, unter der die brodelnde Lava nur darauf wartete, sich einen Weg ins Freie zu bahnen.

Er hatte noch eine Weile weitergezeichnet und ein paar Korrekturen mit dem Radiergummi vorgenommen. Am Ende hatte er befriedigt auf den ersten Entwurf seiner brennenden Eidechse herabgeblickt. Jetzt, mit der Dunkelheit des nächtlichen Zimmers um sich herum und dem leisen Atem der Stadt am Rand seiner Wahrnehmung, erkannte David mit einem Mal, dass diese Zeichnung zu den besten gehörte, die ihm jemals gelungen waren. Es stand außer Frage, dass er sie wiederhaben musste. Aber wie?

Angestrengt versuchte er, sich daran zu erinnern, wer der drei seinen Skizzenblock zuletzt in den Händen gehabt hatte. Thorsten hatte ihn René zugeworfen – dessen war er sich sicher. Danach ließ ihn seine Erinnerung im Stich. Es musste natürlich nichts bedeuten – genauso gut konnte René den Block auch in den nächsten Abfalleimer geworfen haben, als sie davongeradelt waren, oder er hatte ihn Thorsten überlassen. Wahrscheinlich hatte der Anführer der drei aus Wut darüber, dass er David nicht ungestört hatte verprügeln können, alle Seiten mit seinem Butterflymesser zerschlitzt, und seine Zeichnung war unwiederbringlich zerstört.

Morgen würde er sich auf den Weg zu René machen. Er war seine einzige Spur. Mit etwas Glück würde er ihn alleine antreffen.

Und was dann?, bohrte eine hartnäckige Stimme in ihm nach. Wie willst du ihn dazu bringen, dir zu verraten, was sie mit deinem Skizzenblock gemacht haben? Ihn darum bitten? Dich bei seinen Eltern beschweren? Was ist der Plan?

Das werde ich entscheiden, wenn es soweit ist, sagte David sich in Gedanken. Er drehte sich auf die Seite, entschlossen, nicht mehr weiterzugrübeln. Trotz allem, was heute geschehen war, hatte ihn die Hitze so erschöpft, dass er binnen Kurzem einschlief.

5. Durch den Kamin

Das kaum vernehmbare Rauschen des Straßenverkehrs wurde allmählich lauter. Gleichzeitig veränderte es sich, bekam einen harten, prasselnden Unterton, der nicht mehr an weit entfernte fahrende Autos erinnerte, sondern an das trockene Knacken von brennendem Reisig.

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