Fettnäpfchenführer New York - Petrina Engelke - ebook

Fettnäpfchenführer New York ebook

Petrina Engelke

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Opis

Times Square, Empire State Building und Freiheitsstatue – oder Streetart, Achterbahn und Superheldenausstatter? Beide Dreiklänge sind typisch New York. Letzteren übersieht, wer in der Stadt nur eine Liste von Sehenswürdigkeiten abhakt. Wie aber geht er, der New Yorker Way of Life? Da hängen »Diamant-gefunden«-Zettel am Schwarzen Brett, sabotieren Eichhörnchen die Finanzwelt und steigen klitschnasse Surfer in die U-Bahn. Es wird sich abgemüht, um die horrenden New Yorker Mieten zusammenzubekommen, und trotzdem großzügig Trinkgeld verteilt. Und zum Feierabend wird die herrlichste Aussicht auf eine unvergleichliche Skyline genossen. In 35 Kapiteln lädt das Buch dazu ein, den Blick auch mal von den Wolkenkratzern abzuwenden und hinter ihnen zu entdecken, wie das Leben im Big Apple wirklich aussieht.

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Fettnäpfchenführer New York

Times Square, Empire State Building und Freiheitsstatue – oder Streetart, Achterbahn und Superheldenausstatter? Beide Dreiklänge sind typisch New York. Letzteren übersieht, wer in der Stadt nur eine Liste von Sehenswürdigkeiten abhakt. Wie aber geht er, der New Yorker Way of Life?

Da hängen »Diamant-gefunden«-Zettel am Schwarzen Brett, sabotieren Eichhörnchen die Finanzwelt und steigen klitschnasse Surfer in die U-Bahn. Es wird sich abgemüht, um die horrenden New Yorker Mieten zusammenzubekommen, und trotzdem großzügig Trinkgeld verteilt. Und zum Feierabend wird die herrlichste Aussicht auf eine unvergleichliche Skyline genossen.

In 35 Kapiteln lädt das Buch dazu ein, den Blick auch mal von den Wolkenkratzern abzuwenden und hinter ihnen zu entdecken, wie das Leben im Big Apple wirklich aussieht.

Inhalt

Karte

Vorwort

Extratipp für dieses Buch

1 – Wohnen im Schuhkarton

Von der Villa zum WG-Zimmer: Wie New Yorker wohnen

2 – Manhattanhenge

Wenn die Sonne in den Straßenschluchten versinkt

3 – Gridlock

Dauerstau, Hupkonzert und der mächtige Straßenfeger

4 – Höher, schneller, weiter

New York ist eine Baustelle

5 – Meilenweit Sand

Mit der U-Bahn zum Strand

6 – Inselhüpfen

Vom Hängemattenpark bis zum bestens bewachten Friedhof

7 – Hafenliebe

Ozeanriesen, Holzkrokodile und Austernbänke

12 x Hafenromantik

Restaurants und Bars am und auf dem Wasser

8 – Wasser, marsch!

Duschgetröpfel, erfrischende Hydranten und die wahren Wahrzeichen

9 – Aufs Dach gestiegen

Was Farmer, Gangster und Party People nach ganz oben zieht

10 – Sie nennen es Melting Pot

Ein Leben zwischen Wodka, Kölsch und Voodoo-Zauber

11 – Black Lives Matter

Tote Schwarze, freigesprochene Polizisten und jede Menge Hashtags

12 – Das (lokal-)patriotische Herz

Was die individualistischen New Yorker eint

13 – Superhelden

Weltretten für Anfänger und Fortgeschrittene

14 – It’s showtime!

Unterhaltungskünstler in der U-Bahn

15 – Das showreife Publikum

Von Mitsingern und Besserwissern

Reisetipps von New Yorkern

Was man nach New York mitbringen sollte

16 – Schlangestehen

Kaffee, Tickets, Schnäppchen, Bus: Anstehen ist ein Muss

17 – Urban Jungle

Wilde Tiere zwischen Wolkenkratzern

18 – Platz da für den Park!

Wie New York Grünflächen schafft

19 – Eat your greens

Trendgemüse, Samenbomben und Beete für die Nachbarschaft

20 – Iss dich hip

Blaue Kartoffelchips, Meerschweinchenbraten und ein Katerfrühstück

21 – Essen für Eilige

Vom Büro-Lunch auf der Straße bis zum Fast Food für Gourmets

22 – Das Märchen von der Flasche in der Papiertüte

Alkohol trinken in New York

23 – Die mit dem Helm

Wie die Radfahrer New York erobern

24 – Love your pet

Von Hundeparks und Katzencafés

25 – Gone fishing (or sailing)

Von Ruderromantikern, Jetski-Angebern und Hilfssheriffs mit Angelrute

26 – Sport ohne Stadion

Wo New Yorker im Team schwitzen (oder anfeuern)

27 – Gallery hopping

Kunst, Coolness und Gratiswein

14 x Außergewöhnliches entdecken

Museen abseits ausgetretener Pfade

28 – Graffiti is a crime

Street-Art zwischen Gesetz, Galerie und Gentrifizierung

29 – Underground Art

Kunst in der U-Bahn

30 – Dress to impress

Der New Yorker Hang zur Verkleidung

31 – Reich und arm

Almoseneintopf, vergoldeter Nachttopf und das dünne Eis dazwischen

32 – Die Spezialisten

Vom Financial District zum Flower District

10 x Spezielles einkaufen

Wo New York den Begriff »Einzelhandel« wörtlich nimmt

33 – If I can make it there ...

Broadwayträume, Karrierewechsel und übersehene Promis

34 – DIY or die

Großstadt-Handarbeit, gestickte Kackhäufchen und ein gutes Geschäft namens Brooklyn

35 – Los, entspann dich!

Auszeit in aller Hektik

***

Autorin Petrina Engelke

Impressum

Karte

Vorwort

Seit mehr als acht Jahren streife ich durch die Straßen New Yorks und schreibe auf, was mir unterwegs ins Auge springt oder zu denken gibt. »Moment: New York« habe ich meinen Blog genannt. Dort landet der Leuchtturm ohne Wasser ebenso wie der Park im Hochhaus, die Schlange vor der Suppenküche und das Wettrennen der Immer-noch-höher-Bauer, das Gemüseeis und die Trapezschule, das Seemannsgarn aus dem Hafen und das Protesteinmaleins von Occupy Wall Street.

Weil ich für andere aufschreibe, was ich sehe, grabe ich tiefer. Ich begleite New Yorker, frage nach, denke nach, und mit der Zeit entdecke ich Verbindungen und Muster, die meine Sicht auf New York prägen: New York ist für mich Betonwüste und Nistplatz, große Freiheit und dicker Stau, eine glitzernde Zumutung, unbarmherzig, laut, launisch und viel zu schnell, voller Chancen, Geschichten und herzzerreißend schön, ein Bluff, ein Spiegel, eine Katastrophe unverwüstlicher Hoffnung.

Und auch die Klischees von New York stimmen gleichzeitig komplett und überhaupt nicht. Ich bin davon überzeugt, dass dasselbe auf New-York-Besucher zutrifft, auch bekannt als those tourists (diese Touristen). Touristen kennen sich nicht aus, stehen nur im Weg, machen große Augen, verstopfen die ewig gleichen Attraktionen – und gleichzeitig bringen viele von ihnen ein ernsthaftes Interesse an der Stadt mit, jenseits vom Abfotografieren möglichst vieler bekannter Orte. Deshalb habe ich dieses Buch geschrieben: Es bietet Startpunkte zum Abschweifen.

Wenn ich New-York-Besuchern nur einen einzigen Rat geben sollte, wäre er: Geht ziellos und mit offenen Augen los, nur für einen Nachmittag, oder nur für eine halbe Stunde. Durchstreift die Umgebung einer U-Bahn-Haltestelle oder verweilt in einem Imbiss, einfach nur so. Die »Zehn Dinge, die man in New York gemacht haben sollte« und die »Top Ten der Sehenswürdigkeiten« sind vorher und hinterher gleich schön.

Beim Herumstreifen erlebt indessen jeder etwas anderes, und man geht doch überhaupt auf Reisen, um Neues zu entdecken. Jeder bringt dabei andere Interessen und Fragen mit. Manche schauen genau hin, wenn eine Flotte Sportwagen nach Ladenschluss vor einer Filiale von Ralph Lauren steht. Andere sehen überall Gefahr. Und einige sehen den Wald vor lauter Wolkenkratzern nicht.

Ich habe 35 verschiedene Dinge aufgeschrieben, die ich in New York sehe. Und ich hoffe, das hilft euch dabei, euer eigenes New York zu entdecken.

Extratipp für dieses Buch

New York verändert sich ständig: Restaurants und Läden öffnen und schließen wieder, Museen ziehen um, Street-Art wird übermalt, Hochhäuser werden abgerissen, und was die Polizei erlaubt, ist auch schon wieder anders als letztes Jahr. Von den täglichen Bauarbeiten und Streckenumleitungen in der U-Bahn ganz zu schweigen.

Deshalb liste ich in diesem Buch statt Öffnungszeiten so viele Internetadressen wie möglich auf, damit jeder ganz kurz vor dem Besuch nachschauen kann, ob selbiger sich lohnt. Praktischerweise hat die Stadt New York ihr öffentliches WLAN-Netz ausgebaut: An vielen schwarzen Säulen über die Stadt verteilt kann man kostenlos ins Netz, auch viele Cafés und Fast-Food-Ketten haben free wifi. Dabei sollte man bedenken, dass diese Netze öffentlich sind und dementsprechend weniger sicher als ein geschlossenes WLAN – daher lieber den Kontostand nach dem Urlaub mal abrufen.

Ob die U-Bahn tatsächlich so fährt wie gedacht, kann man übrigens in Echtzeit auf der Website der New Yorker Verkehrsbetriebe MTA [www.mta.info] nachschauen oder sich gleich ganze Routen mit einer Smartphone-App wie Citymapper [https://citymapper.com/nyc] heraussuchen lassen.

1 – Wohnen im Schuhkarton

»Watch it with that door!«

Meine Hand schließt sich fest um die kugelige Klinke, dann schiebe ich sanft. Noch glaube ich, Mike wollte mich warnen, dass die Tür lose in den quietschenden Angeln hängt. Aber die Tür ist gar nicht das Problem. Das Problem bin ich.

Ich stehe vor dem Klo, und mein rechtes Bein tut weh. Um den Grund dafür herauszufinden, begebe ich mich in eine Yoga-Heldenhaltung: Untenrum wie angewurzelt, obenrum gedreht. – Und da sehe ich: Mein Bein klemmt zwischen der Tür und dem Klo. Geht die Tür überhaupt an der Schüssel vorbei? Und wie passe ich dann noch ins Bild?

Das muss doch gehen, denke ich, aber das wird Millimeterarbeit. Während ich ausbaldowere, ob es einfacher wäre, noch einmal von vorne, also von draußen anzufangen, frage ich mich, was Mike wohl denkt, wo ich bleibe.

Für unser Fotoshooting ist alles besprochen, deshalb war ich hier, wir müssen los, und ich wollte nur noch mal schnell ... ins Bad. New Yorker bevorzugen schwammige Beschreibungen für das, was da vor sich geht, das Wort toilet nimmt fast niemand in den Mund.

Als ich mein Werk verrichtet und mit cleverem Schlängeln ohne weitere Blessuren das Bad verlassen habe, finde ich Mike in der Küche. Es sei doch etwas frisch, sagt er – und zieht einen dicken Pullover aus dem Ofen. Aufgewärmt hat er ihn dort nicht; ihm fehlt Platz im Einbauschrank. Der Ofen dagegen sei wertvolles real estate, wie ich erfahre – ein Immobilienschatz an ungenutztem Raum.

Von der Villa zum WG-Zimmer: Wie New Yorker wohnen

In Manhattan gibt es alles – außer Platz. Eine Insel kann sich eben nicht wie eine Stadt auf dem Festland einfach ausbreiten, wenn die Bevölkerung wächst. In New York wächst sie derzeit schneller als gedacht: Nach der Volkszählung 2010 (8,17 Millionen Einwohner) warnten Demografie-Experten die Stadtplaner, bis 2020 würde die Bevölkerung der Stadt auf 8,5 Millionen ansteigen. Doch an dieser Zahl kratzen bereits die Zahlen für 2014. Allein in Manhattan sind es 50.400 mehr Menschen als noch vier Jahre zuvor, in Brooklyn 117.100. Und sie alle wollen irgendwo schlafen.

Der Speckgürtel von New York liegt nicht etwa am Ufer Manhattans, sondern hinter der Bronx, dem einzigen Festlandbezirk der Stadt. In der Region Westchester leben viele Banker, Ärzte und Anwälte den Traum vom Raum mit Villa, Garten und Country-Club-Mitgliedschaft. Superreiche gönnen sich neben der Luxus-Stadtwohnung ein Sommer-Anwesen mit 14 Zimmern und ebenso vielen Badezimmern hinter hohen Hecken in den Hamptons.

Natürlich gibt es auch innerhalb der Stadtgrenzen Eigenheime. Deren Besitzer blättern Millionen für ein Brownstone-Reihenhaus in einem angesagten Viertel hin, oder ein bisschen weniger weit draußen am Rande von Staten Island, Queens, Brooklyn und der Bronx. Fast alle von ihnen würden für das, was sie heute in New York bezahlen, anderswo deutlich mehr Wohnfläche und Annehmlichkeiten bekommen. Für Mietwohnungen gilt das erst recht. Wer eine 70-Quadratmeter-Wohnung für zwei für die Norm hält, wird sich in New York wundern; und muss entweder sehr viel Glück oder sehr viel Geld mitbringen oder die Stadt verlassen.

»Stell dir einfach vor, du sollst in deine Küche ziehen«, sagt Holly ihrer auswärtigen Kundschaft. Als vor Jahren Zugezogene hat sie nicht vergessen, was außerhalb der Stadtgrenzen als normal gilt. Und als Immobilienmaklerin gibt sie den zukünftigen Bewohnern New Yorks für ihren Krempel zwei Tipps mit auf den Weg in die Stadt: Ebay und Einlagern.

Weil selbst die winzigsten Wohnungen im Vergleich zu vielen anderen Städten unfassbar teuer sind, ist New York eine WG-Hochburg. Größere Wohnungen kosten weniger, und das dann noch geteilt durch zwei, drei, vier ... fertig ist der Haushaltsplan. Junge Paare ziehen aus diesem Grunde früher zusammen als anderswo, Geschwister bleiben länger beieinander oder sogar bei den Eltern. Vor allem aber teilen in New York oft Fremde eine Wohnung – und das zuweilen über lange Jahre, mit immer wechselnden Mitbewohnern. Nach Umfrage einer Miet-Website leben 42 Prozent der New Yorker zwischen 23 und 65 mit jemandem zusammen, der nicht Ehepartner oder Lebensgefährte ist (erwachsene Kinder werden in der Statistik allerdings mitgezählt). 20 Prozent dieser WG-Menschen sind über 40 Jahre alt.

Das hat auch die Immobilienbranche mitbekommen: Sie schafft neuerdings Wohnraum, der wie ein Hostel für Backpacker funktioniert. Da gibt es dann für viel Geld ein kleines Zimmer, dazu ein gemeinschaftlich genutztes Bad, eine Küche, und einen Aufenthaltsraum – und oft Extras wie Profi-Putzdienst, Gratis-Kaffee und Wäscheservice. Und so seltsam das alles klingt: Es passt perfekt zu New York.

Schließlich plant kaum ein Bewohner der Stadt, auf der Stelle zu treten. Für den Traum, es in New York zu schaffen, nehmen viele eine unbequeme Ausgangslage in Kauf. So manche College-Absolventin kommt für Praktikum oder Berufseinstieg her, wohl wissend, dass eine gewisse Zeit bei einer namhaften New Yorker Kanzlei oder Werbefirma ihr anderswo die Tür für lukrative Jobs öffnet. Sie hatte nie vor, sich in New York zu verwurzeln. Auch mancher Wall-Street-Händler nimmt sich für einige Jahre des Halb-tot-Arbeitens ein Bett in einer WG mit Leuten, die er nie so recht zu Gesicht bekommt, und wartet auf einen Bonus, der ihm eine Eigentumswohnung finanziert. Beide, College-Absolventin und Wall-Street-Händler, brauchen in dieser Zeit keine große, schöne Wohnung. Sie kommen ja ohnehin nur zum Schlafen nach Hause. Aber auch sie gehören zu denen, die die Stadt immer voller machen.

Die Wohnungssituation verschärfen Dienste wie AirBnB, HomeAway und VRBO: Eigentlich waren sie dazu gedacht, dass nette Leute ab und zu einen Platz auf der Couch oder im Gästezimmer vermieten. Eigentlich sollte das gerade in New York prima funktionieren: In der Stadt muss der Mieter anwesend sein, um seine Wohnung für weniger als 30 Tage unterzuvermieten. Geschäftstüchtige New Yorker mieten trotzdem gleich mehrere Wohnungen an, um sie illegal in lauter Gästezimmer aufgeteilt an Touristen zu vermieten. Mehr als die Hälfte der über 36.000 Angebote allein bei AirBnB in New York beziehen sich auf komplette Wohnungen; mehr als ein Viertel der Anbieter listet mehrere Angebote gleichzeitig. Der Bundesstaat will deshalb ein Gesetz durchbringen, das auch das Anbieten selbst mit einem empfindlichen Bußgeld ahndet.

Höher oder kleiner? Neubauten in Manhattan

Mehr Wohnraum zu schaffen funktioniert auf einer Insel wie Manhattan auf zwei Wegen: Man baut in die Höhe oder man macht die Wohnungen immer kleiner. Beidem schieben Gesetze einen Riegel vor, doch die Immobilienbranche springt mit immer neuen Ideen aus der Kiste, um diese zu kippen.

Über den Daumen gepeilt profitieren ganz normale New Yorker von einer Ausbreitung in die Höhe nicht sonderlich viel; viele der neuen Super-Wolkenkratzer, die das Empire State Building in den Schatten stellen sollen, sind für Luxus-Eigentumswohnungen reserviert. Dem Vernehmen nach greifen viele Ausländer zu, die es bequem haben möchten, wenn sie ein- bis zweimal im Jahr New York besuchen. Oft kursieren die Hochglanzbroschüren längst bei asiatischen Agenturen, bevor diese Wohnungen überhaupt in New York angeboten werden.

Um einen Ausgleich zu schaffen, erlaubt die Stadt New York den Investoren, höher zu bauen, sofern sie im Gegenzug etwas für die Normalsterblichen tun: Ein mit der jeweiligen Stadtteilverwaltung ausgefochtener Anteil der Neubauwohnungen muss »erschwinglich« sein, gemessen am Einkommensdurchschnitt der Gegend. Diese Wohnungen werden dann für eine ans Einkommen gekoppelte Lotterie ausgeschrieben. 60 dieser Lotterien mit insgesamt rund 3.400 Wohnungen gab es zwischen Mai 2014 und August 2015. Säckeweise Bewerbungen trudelten ein: mehr als 2,9 Millionen, um genau zu sein.

Die gegenläufige Bewegung, mehr Wohnungen auf derselben Fläche unterzubringen, prallte lange Zeit an der Begrenzung von 400 Quadratfuß ab. 37,16 Quadratmeter, kleiner darf eine Wohnung in einem New Yorker Neubau nicht sein. Im Altbau lässt sich das aber nicht durchsetzen, und wenn man die Misere schon nicht ändern kann, dann kann man ihr wenigstens einen Namen geben: shoebox.

Manche glorifizieren das Leben im Schuhkarton, komplett mit Schlafzimmer, Diele, Küche und Bad. Auf Extra-Ausstellungsflächen zeigt der einzige New Yorker Ikea weit draußen in Brooklyn, wie man sich auf 37 Quadratmetern bequem einrichtet, selbst wenn man zu zweit auf dieser Fläche wohnt.

Doch die Untergrenze wackelt. New York ist eine Single-Stadt, sagen die Statistiken, etwa ein Drittel lebt allein. Das nutzt die Immobilienbranche für einen Vorstoß: In einem Pilotprojekt ist gerade ein Haus voller Micro-Units entstanden, zwischen 25 und 33 Quadratmeter klein. Praktisch für die vielzitierten Singles, allerdings zu einem stolzen Preis: Auf den Quadratmeter gerechnet kostet die Miete beinahe doppelt so viel wie im Durchschnitt der Gegend. Immerhin ist sie platzsparend mit Ausziehsofa und Ausziehtisch möbliert. Den Grundrissen nach zu urteilen gilt das auch fürs Badezimmer – da ist eine Schiebetür geplant.

Nach der Geschichte mit Mikes Klotür habe ich meine Lektion natürlich gelernt, und all die Jahre in New York haben mich mit allen erdenklichen Tücken des Wohnens im Schuhkarton vertraut gemacht. Das glaube ich jedenfalls, als ich in einem schicken Penthouse eingeladen bin. 250 Leute passen da hinein, wenn die Besitzer es wegen der tollen Aussicht für Hochzeiten vermieten.

Weil es aber nicht als Veranstaltungsraum, sondern als Wohnraum geplant war, gibt es nur eine Toilette, und ich stehe an. Als mir mein Vorgänger die Tür aufhält, zwitschere ich ein fröhliches »Thank you!«, schließe sie beschwingt von einem eleganten Abend mit Schmackes und – aua! In diesem Falle ist der Toilettenraum zwar recht großzügig bemessen. Aber Tür und Klo stehen sich so nahe, dass sie meine Anwesenheit mit blauen Flecken quittieren.

Do it yourself

Früher war es auch nicht besser. Jedenfalls nicht in New Yorker Wohnungen. Das Tenement Museum zeigt das hervorragend: In restaurierten Wohnungen erklären Schauspieler in Rollen von Mietern, Sweatshop-Arbeitern und Geschäftsleuten verschiedener Epochen ihren Alltag.

Tenement Museum • Lower East Side, 103 Orchard Street • Haltestelle Delancey/Essex Street mit F, J, M, Z oder Grand Street mit B, D • www.tenement.org

Bei Ikea kann man auf Extraflächen in der Möbelausstellung nachfühlen, was 400 Quadratfuß bedeuten und wie erfinderisch New Yorker mit diesem Platz umgehen. Die einzige New Yorker Filiale der Möbelkette ist im ehemaligen Hafenviertel Red Hook (Brooklyn) angesiedelt – aus dem Café im oberen Stockwerk hat man einen schönen Blick auf Manhattan und auf einen Parkplatz voller gelber Schulbusse. Ein Spaziergang in diesem Viertel zeigt zudem, wie aus ehemaligen Speichergebäuden Künstlerateliers [Brooklyn Waterfront Artists Coalition, 499 Van Brunt Street, während Wochenendausstellungen auch für die Öffentlichkeit zugänglich • www.bwac.org], Wohnraum und ein Supermarkt [Fairways, 480–500 Van Brunt Street] wurden. Auf der Van Brunt Street sind viele Restaurants, Cafés und Läden.

Ikea als Ausgangspunkt • 1 Beard Street • Haltestelle Ikea mit der Fähre vom Pier 11 (Wall Street) aus oder mit dem Gratis-Shuttlebus von der Haltestelle Borough Hall (Brooklyn) mit Linie 2, 3, 4, 5, R

Nicht nur eine Frage des Preises: Was New Yorker Wohnungen von deutschen unterscheidet

Die Wohnungspreise in New York sind für Deutsche nicht leicht zu durchschauen. Das liegt daran, dass sie direkt mit der falschen Frage beginnen: »Du zahlst 3.000 Dollar im Monat – für wie viele Quadratmeter denn?« Erstens messen Amerikaner nicht in Metern. Zweitens nimmt die Quadratfußzahl in Wohnungsanzeigen einen untergeordneten Platz ein. New Yorker orientieren sich eher an der Anzahl der Schlafzimmer. Wohn-, Ess- und Arbeitszimmer werden nicht mitgezählt, in einer Annonce aber oft extra erwähnt. Küchen sind so gut wie immer bereits eingerichtet, und viele Schlafzimmer haben Einbauschränke.

Zu den gebräuchlichen Wohnungsarten zählen Studios. Bei diesen Einraumwohnungen kann die Küchengröße von einer offenen Einbauküche bis zur Kochecke mit Elektroplatte schwanken. Ein two bedroom bedeutet zwei Zimmer, Küche, Bad (manchmal auch Diele), manchmal plus Wohn- oder Esszimmer – und ist ein WG-Klassiker.

Die Größenangaben für Wohnungen finden sich erst tief vergraben in Statistiken der Immobilienbranche wieder. Ende 2015 lag der durchschnittliche Mietpreis in Manhattan bei umgerechnet rund 47 Dollar pro Quadratmeter im Monat. Zum Vergleich: Laut Mietspiegel kostet eine Wohnung in Berlin im Schnitt 12,05 Euro (etwa 13 Dollar) pro Quadratmeter, in Hamburg 12,78 Euro, in München 20,02 Euro – teuer für deutsche Verhältnisse, aber immer noch weniger als die Hälfte dessen, was ein Quadratmeter Wohnraum in Manhattan kostet.

Mietverträge in New York sind zudem stets befristet. Meist hat man die Wahl zwischen einem und zwei Jahren. Danach kann sich der Preis nahezu unbegrenzt verändern – wer Pech hat, bekommt eine Mieterhöhung von mehreren hundert Dollar »vorgeschlagen«. Die Folgen sieht, wer seinen New-York-Besuch kurz vor den Ersten des Monats legt: Zum Straßenchaos gesellt sich dann eine Horde in zweiter Reihe parkender Miet-Vans, die sich mit Umzugsgut füllen.

2 – Manhattanhenge

»It’s like Woodstock out here!«

Beim Woodstock-Festival auf einem Feld gar nicht so weit von New York City machten die Hippies 1969, was sie wollten: das Gegenteil dessen, was als gesittet galt. Gut 40 Jahre später laufen Ruby und ich zusammen mit vielen anderen Menschen im New Yorker Berufsverkehr mitten auf die 42nd Street, als wollten wir die Straße von der Blechkolonne zurückerobern.

Ruby schüttelt den Kopf. Eine lange Mähne hängt nicht daran, schon lange nicht mehr, argwöhne ich, sie ist kein Hippie, und Musik spielt auch nirgends. Dafür hupen verdächtig viele Autos. Wir stören uns nicht daran, wir haben aufgehört, bei jedem Ampelgrün schnell wieder auf den Gehsteig zu huschen. Wir haben Wichtigeres zu tun, und wir sind außerdem inzwischen in der Überzahl.

Das ist jetzt unsere Straße. Und unser Sonnenuntergang. Wir fiebern einem magischen Ereignis entgegen, und als es passiert, legt sich ein goldener Glanz auf unsere Gesichter. Es ist also wirklich wahr.

Selbst Ruby schaut andächtig in einen Sucher ihrer Kamera. Doch die Szene friert nicht ein. Schon gluckst eine Polizeisirene wie ein Meerschweinchen los, fiep, fiep, fieeep. Wir schauen artig nach links und rechts, ehe wir zum Gehsteig zurückkehren, als wäre nichts gewesen. Auch die Sonne zieht ihrer Wege.

Hinterher behauptet Ruby natürlich, sie habe das alles die ganze Zeit über gewusst. Dass die Sonne rauskommt und das ganz toll wird. Ich dagegen erinnere mich genau, wie sie den Ball – und damit im Zweifelsfall auch die Schuld – in mein Feld spielte. Dabei weiß doch wohl jeder, dass die Schuld für das alles in Wirklichkeit Neil deGrasse Tyson trägt. Der hat das Spektakel schließlich »Manhattanhenge« genannt.

Wenn die Sonne in Straßenschluchten versinkt

Die Sonne macht eine Punktlandung. Genau in die Wolkenkratzerschlucht hinein schiebt sich der rötlich werdende Ball und schickt sich an, am Horizont ins andere Ende der Straße zu sinken.

Der Astrophysiker Neil deGrasse Tyson ist in die Frage vernarrt, wie Anthropologen dereinst wohl die Ausrichtung des New Yorker Straßennetzes erklären werden. Falls die New Yorker vom Erdboden verschwinden, das Grundmuster Manhattans aber erhalten bleibt. Nach de Grasse Tysons Fantasie rätseln die Forscher darüber dann ebenso wie über Stonehenge: Sie bringen den Winkel der Straßen zu den Gestirnen ins Spiel, suchen darin nach Anhaltspunkten über die Kultur, womöglich nach einem mystischen Kult. Deshalb nannte de Grasse Tyson das Phänomen im Jahr 2001 Manhattanhenge.

Praktischerweise arbeitete er im American Museum of Natural History, und als Direktor von dessen Planetarium hatte er beste Chancen, sein Steckenpferd bekanntzumachen. Bald schon spottete er darüber, dass die New York Times den Spezialsonnenuntergang »Manhattan Solstice« genannt hatte. Heute noch erklärt der Astrophysiker jedem, der es hören will, dass das ja wohl die Sonnenwende bezeichnet, und das Ende ihrer Bahn hat die Sonne zur Manhattanhenge-Zeit noch gar nicht erreicht.

Richtig ist aber, dass das Ereignis zweimal im Jahr eintritt. Anders als in Stonehenge, wo die Sonne nur zur Sommersonnenwende im perfekten Einklang mit den Bauwerken steht. Das Straßennetz von Manhattan dagegen ist nicht ordentlich nach Norden ausgerichtet – in diesem Falle fände Manhattanhenge zum Frühlings- und Herbstbeginn statt. Stattdessen findet die Sonne an zwei meist warmen Terminen ihren Weg in die Straßenschluchten – einmal Ende Mai und einmal im ersten Juli-Drittel.

Ein rechtwinkliges Straßennetz haben auch andere Städte zu bieten, und auch dort geht die Sonne manchmal genau auf dessen Linie unter. Blöderweise steht Beobachtern dabei aber meist irgendetwas im Weg. Als Insel ist Manhattan da klar im Vorteil: Der Hudson River wird zum weiten Horizont.

Inzwischen kommen die Menschen in Scharen, um zu sehen, wie die Sonne zwischen den Wolkenkratzern versinkt, an einem Tag als runder Ball, am anderen zur Hälfte schon unter dem Horizont hängend. Spätestens seit die Krimiserie CSI: NY Manhattanhenge in der gleichnamigen Folge zeigte, ist das Lieblingsereignis des Planetariumchefs kein Geheimtipp mehr, sondern eine Massenveranstaltung. Trotzdem fühlt es sich an wie Feuerwerkgucken mit Bedeutung: Wenn die Sonne auf die schnurgerade Straße einbiegt, ergibt Manhattan auf einmal Sinn. Außerdem dauert Manhattanhenge nur wenige Minuten und passt damit prima zur Großstadthektik. Und unberechenbar ist es auch: Manchmal fällt es einfach aus.

Das weiß Ruby ganz genau, deshalb hat sie erst einmal obercool Abstand gehalten. Beim ersten Manhattanhenge des Jahres waren wir schon einmal hier. Es war bedeckt, und trotzdem wimmelte die Brücke, die wir uns ausgesucht hatten, vor Beinen, Stativen, Köpfen und Kameras. Bis zum Sonnenuntergang. Denn der kam. Nur leider konnten wir ihn nicht sehen.

»What about sunrise?«, fragte Ruby damals. Tja, Sonnenaufgang. Vielleicht nächstes Jahr, sagte ich und hoffte auf gnädiges Vergessen. Aber gerade jetzt, nachdem wir Manhattanhenge doch noch gesehen haben, fällt es Ruby wieder ein. Sie meint, frühmorgens seien nicht so viele Leute unterwegs, da könnten wir viel bessere Fotos machen. Aus der Nummer komme ich wohl nicht heraus. Immerhin fallen die Termine in die Winterhälfte. Da geht die Sonne ja nicht so früh auf.

Do it yourself

Manhattanhenge findet an wechselnden Tagen statt, einmal Ende Mai, einmal Anfang/Mitte Juli. Zu jedem der beiden Spektakel gehören zwei Tage: Einmal ist die Sonne halb untergegangen am Ende der Straße zu sehen, einmal noch als ganzer Sonnenball. Sonnenaufgangstermine liegen Anfang Dezember und Anfang Januar.

Die vier konkreten Termine gibt es jedes Jahr ab Mai in der Rubrik »Resources« auf der Website des Hayden Planetarium im American Museum of Natural History [www.amnh.org/our-research/hayden-planetarium/resources/manhattanhenge].

Am besten sieht man Manhattanhenge möglichst weit im Osten der folgenden (breiten!) Querstraßen: 14th Street, 23rd Street, 34th Street, 42nd Street, 57th Street [Haltestellen 14th Street – Union Square, 23rd Street, 33rd Street, Grand Central und 59th Street mit Linie 6]. Von dort aus dann nach Westen schauen – einfach dahin, wohin auch alle anderen gucken.

Was ist Manhattanhenge?

Eine große Ansammlung an Hochhäusern und schnurgerade Straßen setzt es in Szene: Beim sogenannten Manhattanhenge geht die Sonne genau an den Querstraßen Manhattans ausgerichtet unter. Möglich macht es das Straßengitter, das Stadtplaner im Jahr 1811 über die Insel legten. Auch wenn die Querstraßen bei ihrer Benennung in East und West aufgeteilt werden: Der Gitternetzplan lässt sie um 29 Grad vom echten Ost-West-Winkel abweichen. Darauf beruhen die Termine für den Spezialsonnenuntergang.

Viermal im Jahr, an jeweils zwei aufeinanderfolgenden Tagen, ergibt sich der passende Winkel, damit es wirkt, als würde die Sonne am Ende bestimmter Straßen zwischen den Häuserschluchten versinken. Ähnliche Sonnenspektakel gibt es in Chicago, Montreal und Toronto. New York hat ihnen etwas voraus: Durch den dank der Insellage unverbauten Horizont kann man Manhattanhenge besonders gut sehen.

3 – Gridlock

»The secret is twenty-...«

Ein Teil des Satzes geht im Geheul einer Sirene unter. Aber ich habe genug gehört. Diese Illuminati-Verschwörungstheoretiker sind einfach überall, natürlich muss mir die magische Nummer 23 auch in New York früher oder später begegnen. Durchs Fenster eines altmodischen Diners an der 11th Avenue schaue ich zu, wie sich die Feuerwehr lautstark durch die New Yorker Rushhour quält, und Eugene erzählt mir was vom Fahren ohne Stop-and-go. Dank 23. Denke ich jedenfalls.

Ich habe mich allerdings verhört: In Wahrheit ist 27 die magische Zahl für Autofahrer in New York. Die Ampeln auf den Avenues in Manhattan sind so getaktet, dass man eine grüne Welle hat, wenn man 27 Meilen pro Stunde (ca. 44 km/h) fährt. Eugene Salomon hatte genug Zeit, diese Zahl zu ermitteln. Er arbeitet seit 1977 als Taxifahrer in New York, und er fährt in der Nachtschicht – da ist die Bahn frei für Geschwindigkeitsexperimente.

Eugene hat zwar noch nie im Leben ein Strafmandat wegen überhöhter Geschwindigkeit bekommen. Aber wenn ihn jemand fragt, was er beruflich macht, sagt er, er fahre Autorennen. Und das meint er nur halb im Scherz. Die Konkurrenz um Fahrgäste ist spätnachts so groß, dass viele der yellow cabs halsbrecherische Manöver und eben auch kurze Rennen fahren, wenn sie jemanden am Straßenrand erblicken, der die Hand erhoben hat. Eugene ist dabei nicht nur auf der Jagd nach einem Einkommen, sondern auch nach Geschichten.

Mit Erfolg: Er schreibt grade an seinem zweiten Buch. Das erste heißt Confessions of a New York Taxi Driver. Außerdem bloggt er unter dem Titel Cabs Are For Kissing über seine Erlebnisse. Daher kennen wir uns: Eigentlich wollte ich Eugene nur interviewen, dann kamen wir aus dem Dialog nicht mehr hinaus, und jetzt frage ich mal wieder, ob er Zeit für eine Pause hat.

Seine Schicht beginnt um fünf Uhr nachmittags. Da scheint halb New York die Kriechspur abonniert zu haben. Nach sieben wird es langsam besser, und nur wenige Stunden später hat Eugene den Eindruck, New York möge zwar vielleicht nie schlafen, aber sehr wohl seine Bürgersteige hochklappen.

Wenn die letzten Büroameisen ihren Feierabenddrink hinter sich haben und die Theater- und Konzertbesucher verschwunden sind, sieht er nur noch wenige Menschen auf der Straße. Bis zu einer Stoßzeit, die nur Eingeweihte – und Nachttaxifahrer – kennen: gegen vier Uhr morgens. Da heißt es in Bars und Clubs last call, letzte Runde, und nach einer durchtanzten Nacht gönnen sich viele New Yorker ein Taxi. Mit viel Verkehr hat Eugene zu dieser Zeit aber nicht zu kämpfen. In einer Tagesschicht würde er die Stadt ganz anders erleben.

Dauerstau, Hupkonzert und der mächtige Straßenfeger

Schuld an den verstopften Straßen tragen nach Ansicht von Verkehrsexperten die Stadtplaner aus dem 19. Jahrhundert. Ihnen stieß es sauer auf, dass immer mehr Großgrundbesitzer in New York ihr Farmland willkürlich in Bauland verwandelten. Die Politiker wollten Ordnung: Jede Parzelle, so entschieden sie dem Vernehmen nach willkürlich, solle 25 × 100 Fuß (ca. 7,60 × 30 Meter) groß sein und gut erreichbar obendrein.

Mit dem sogenannten Commissioners’ Plan bekam die Landkarte von Manhattan im Jahr 1811 den Grid, das Gitternetz aus Straßen, das damals bis zur 155th Street reichte und einen Gutteil der Insel in 2.028 Häuserblöcke unterteilte. Bald darauf zwangen Bulldozer und Sprengmeister diesen Reißbrettplan in die Landschaft. Heute ist es kaum vorstellbar, dass Manhattan einmal voller Hügel, Felsvorsprünge und Feldwege war.

Für Fußgänger hat der »Manhattan Grid« klare Vorteile: Es ist kinderleicht, sich zurechtzufinden. Für Autofahrer dagegen tun sich nach jedem Häuserblock neue Staugefahren auf. Die breiten Avenues und die schmaleren Querstraßen kreuzen sich alle Nase lang; wer nach einer Ampelphase in der Mitte einer solchen Kreuzung festhängt, was übrigens verboten ist, verursacht eine Verstopfung, die schnell zu einem immensen Rückstau führen kann – und das Gitternetz für den Verkehr schließt. Daher stammt der Begriff »gridlock«.

Passenderweise wurde er nicht nur in New York geprägt, sondern auch noch von einem zentralen Mitarbeiter der Verkehrsbehörde. Sam Schwartz hat es sich zur Lebensaufgabe gemacht, den Verkehr in New York zum Fließen zu bringen, und unter dem Namen »Gridlock Sam« bloggt und twittert er eine Mischung aus Stauwarnungen und verkehrsplanerischen Lösungsansätzen.

Damit die Straßen frei werden, hat Manhattan inzwischen ein Gewirr aus Einbahnstraßen, Parkvorschriften und »thru streets« bekommen, in denen man nicht abbiegen darf. Doch das reicht nicht. Autofahrer hupen und schimpfen in der Rushhour. In den 1980er-Jahren dauerte sie drei bis vier Stunden. Heute hat sich die Stoßzeit auf 8 bis 19 Uhr ausgeweitet, und vor allem Autofahrer von außerhalb Manhattans tragen dazu bei, dass es in diesem Zeitraum nur mit durchschnittlich 11,5 Meilen pro Stunde (18,5 km/h) vorwärts geht.

Deshalb richten die meisten New Yorker auch im Taxi einen Blick auf den Verkehr. Manche verlangen schon beim Einsteigen eine bestimmte Route, auf der erfahrungsgemäß – oder nach den Echtzeitangaben einer Verkehrs-App – weniger Verkehr ist. Manche beenden die Fahrt vorzeitig, weil sie zu Fuß schneller zu sein glauben. Ich habe in einer solchen Situation schon über eine Strecke von mehreren Häuserblocks inklusive roter Fußgängerampeln ein Wettrennen gegen den Taxifahrer gewonnen. Ich habe aber auch schon welche verloren.

Fahrdienstvermittlungen wie Uber, Lyft, Via und Gett haben die Lage etwas verändert: Auf den dazugehörigen Apps sieht man ja nicht nur, wie viele Wagen in der Gegend sind, sondern auch, wie schnell sie vorankommen. Kritiker sagen, diese Dienste verschärfen die Verkehrssituation, weil zusätzlich zu den mehr als 13.000 gelben Taxis nun mehr als ebenso viele Privatautos auf der Suche nach Fahrgästen durch die Stadt kurven. Vor allem aber zielt die Kritik auf die Absicherung von Fahrern und Fahrgästen.

Schon die lizensierten Taxifahrer arbeiten unter fiesen Bedingungen: Sie müssen die Taxis mieten und auch den Sprit selbst bezahlen. Das bedeutet, dass sie erst einmal rund 150 Dollar pro Schicht eingenommen haben müssen, ehe sie ihren ersten Dollar verdienen. Allein deshalb sollte man sich in New York das Taxi sparen, wenn man nicht willens oder in der Lage ist, 20 Prozent Trinkgeld zu geben.

Uber und Konsorten gehen in ihrem Geschäftsmodell noch einen Schritt weiter und sparen sich nicht nur die Wartung der Wagen, sondern auch deren Unterbringung. An einem Ort wie Manhattan ist Platz schließlich Mangelware, und das wirkt sich deutlich auf die Parkplatzsituation aus.

Wer in New York bei einem Autobesitzer wohnt, kann deswegen seltsame Verhaltensweisen beobachten. Frühmorgens verlassen diese das Haus mit den Worten »Ich gehe nur eben parken.« New York wurde nicht etwa von nachtaktiven selbstfahrenden Autos übernommen, sondern die Stadt wimmelt vor Parkplätzen mit Zeitbegrenzung. Über Manhattan, Bronx, Brooklyn, Queens und Staten Island verteilt sind etwa 10.000 Straßenmeilen (mehr als zweieinhalbmal die Luftlinienentfernung zwischen Düsseldorf und New York) vom sogenannten Alternate Side Parking betroffen. Die Regelung macht es unmöglich, ein Auto länger als ein, zwei Tage herumstehen zu lassen. Davor schieben die Straßenfeger einen Riegel, oder besser gesagt: im Extremfall eine Wegfahrsperre.

Damit vom Winde verwehte Zeitungen und Tüten, achtlos fallengelassene Kaffeebecher und eine perfide Mischung aus Staub und Pollen vom Straßenrand verschwinden, fahren Straßenreiniger festgelegte Routen. Und wo sie auftauchen, muss die Bahn frei sein. Ist sie es nicht, ist im Nu die Verkehrspolizei zur Stelle.

Rot-weiße Schilder mit einem Besen-Symbol kündigen an, an welchen Wochentagen und zu welchen Uhrzeiten das geschieht. Einer komplett freien Straßenseite stehen dann meist eine ganze Reihe in zweiter Reihe parkende Autos gegenüber, oft mit einem gelangweilten Fahrer, der sich nicht nur den Strafzettel sparen, sondern auch »seinen« vorherigen Parkplatz sichern möchte.

Rein rechtmäßig darf dort aber jeder parken, der gerade die Straße herunterfährt. In der Praxis entbrennt um solche Parkplatzansprüche oft erbitterter Streit. Denn diese Parkplätze sind kostenlos. Für einen Dauerparkplatz im Parkhaus muss man dagegen im Durchschnitt mehr als 500 Dollar berappen, plus Trinkgelder für die Mitarbeiter. In Manhattan gibt man sein Auto am Parkhaus nämlich ab, und jemand bringt es dann an seinen Platz – oft mit einem Lastenfahrstuhl. Platz für Parkhausrampen gibt es schließlich nicht.

Geheimtipps in punkto Parkplatzsuche kann man von New Yorker Taxifahrern kaum erwarten. Auch das lerne ich von Eugene. Wir sind auf eine abendliche Kaffeepause verabredet, und er erscheint kopfschüttelnd im Coffeeshop: »Hier gibt es ja überhaupt keine Parkplätze!« Vorher hatte ich darüber nie nachgedacht: Taxifahrer bleiben immer in Bewegung. Es sei denn, sie müssen mal. Und dafür, so geht die Sage, hüten sie das Geheimnis, wo man in Manhattan beim Toilettengang nicht im Stau (an-)steht.

Do it yourself

Den Manhattan Grid kann man wunderbar im Queens Museum betrachten: Dort gibt es ein Panorama, das die Insel im Verhältnis 1:1.200 zeigt (auf dem Stand von 1992). Das Museum ist zwar ein gutes Stück von Manhattan entfernt, taugt aber prima für einen Ausflug. Neben stets spannenden Ausstellungen und einem kleinen Café lockt die Umgebung. Direkt vor dem Museum steht die Unisphere, eine riesige Weltkugel aus Stahl, die zur Weltausstellung 1964 aufgestellt wurde. Heute warten dort zudem meist einige Foodtrucks auf Imbiss-Kundschaft. Und ein Stück weiter im Flushing Meadows Corona Park, an den das Museum grenzt, steht die Queens Hall of Science. Das familienfreundliche Museum erklärt nicht nur viele wissenschaftliche Phänomene wie das Möbiusband mit Mitmachelementen, sondern im Winter entsteht dort eine ganze Stadt: die Ginger Bread Lane aus wohlriechenden Lebkuchenhäusern, an denen ein Koch aus der Bronx das ganze Jahr über arbeitet.

Flushing Meadows Corona Park mit Unisphere und Queens Museum • Haltestelle Mets-Willets Point mit Linie 7 • www.queensmuseum.org

Ginger Bread Lane • 47-01 111th Street, Ecke 47th Avenue • meist Dezember bis Anfang Januar, in der New York Hall of Science • Haltestelle 111th Street mit Linie 7 • www.nysci.org

Zurechtfinden im Straßengitternetz

Nur einen Häuserblock weit in eine beliebige Richtung muss man laufen, um sich im Manhattan Grid zu orientieren. Längs verlaufen die Avenues, und ihre Querstraßen, die Streets, sind von Süden nach Norden aufsteigend nummeriert. Anhand der Straßennummern sieht man also direkt, in welche Richtung man auf einer Avenue läuft.

Die Seitenstraßen sind außerdem nach West und Ost aufgeteilt, mit der Fifth Avenue als Mittellinie. Obacht: Die Adresse 200 West 42nd Street liegt also von 200 East 42nd Street mehr als einen Kilometer weit entfernt!

Die Nummern der Avenues steigen wie die Sonne von Osten nach Westen auf. Die Second Avenue liegt viel weiter Richtung East River als die Fifth Avenue. Im Kern Manhattans tragen einige Avenues »richtige« Namen, die aber schnell auswendig gelernt sind.

Wer an der Ecke Sixth Avenue und 34th Street losläuft und an der Seventh Avenue landet, geht also nach Westen, Richtung Hudson. Taucht vom selben Startpunkt aus stattdessen als nächstes das Straßenschild 35th Street auf, geht die Reise nach Norden, Richtung Central Park.

Nach diesem Prinzip funktionieren in New York auch die Ortsangaben: Hausnummern sind dort Schall und Rauch, was zählt, sind die unmittelbaren Querstraßen. Deshalb ist man gut beraten, sich nicht einfach nur die Hoteladresse zu merken, sondern sich dessen Lage auf dem Stadtplan anzuschauen. »East 60th Street between Second and Third Avenue« ist eine Angabe, mit der Taxifahrer und Verabredungen zurechtkommen. Auch in diesem Buch sind sämtliche Adressen deshalb mit den jeweiligen cross streets versehen.

Taxifahren in New York

In Manhattan gibt es keine zentrale Taxivermittlung – man winkt einfach ein yellow cab heran. Die Anzeige oben auf den Taxis verrät, ob das lohnt: Leuchten die beiden kleinen äußeren Lampen, ist das Taxi außer Dienst. Ist die Beleuchtung ausgeschaltet, hat es bereits einen Passagier. Leuchtet dagegen die Mitte, sucht das Taxi Fahrgäste.

Man steigt auf dem Rücksitz ein und sagt, wohin man möchte – am besten mit den entsprechenden Querstraßen als Referenzpunkten. Beim Bezahlen ist ein Trinkgeld in Höhe von 20 Prozent üblich.

Vorbestellen kann man schwarze Taxis (car service), die wiederum keine Fahrgäste auf der Straße auflesen dürfen, oder App-gebundene Fahrdienste wie Uber.

In allen Taxiarten empfiehlt es sich, sehr genau darauf zu achten, dass man beim Aussteigen nichts liegen lässt, und zur Sicherheit die Taxinummer zu notieren. Verlorene Gegenstände wiederzubeschaffen ist oft langwierig, teuer und ohne die Taxinummer und Fahrtzeit so gut wie aussichtslos.

4 – Höher, schneller, weiter

»I took care of those Saturdays.«

Ich horche. Das sind drei, nein, vier. Die Presslufthammer zittern sich in den Boden und sägen an unseren Nerven. »Immerhin sind sie kleiner als der Riesenbohrer, der gestern lief«, sage ich zu Said. Früher haben Said und ich übers Wetter gesprochen. Doch die Lücke nebenan wird jetzt ein Haus und bekommt einen Keller, der unser Gesprächsthema geändert hat. New York ist auf Fels gebaut – zu unserem Leidwesen.

Acht Stunden lang dringt das Geräusch von Metall auf Stein an mein Ohr, jeden Tag von acht bis vier, abgesehen von den kurzen Pausen, die Bauarbeiter von Rechts wegen machen. Trotzdem lebe ich in einem Baustellenluxus: Freunde erzählen mir Horrorgeschichten von nächtlichem Lärm, ordnungsgemäßen Beschwerden und dem langen, vergeblichen Warten auf ein Einschreiten der Behörden.

Die Bauherren nebenan verzieren das Treiben mit ihren Wutanfällen, und heimlich bin ich froh, dass ihre Leute zwar gegen sieben Uhr auftauchen, aber erst um acht Uhr die Bohrer und Presslufthammer rausholen. Und dass sie nur ein einziges Mal auch am Samstag die Hammermänner schickten. Doch nun stelle ich fest, dass Said dahintersteckt.