Exodus - Ben B. Black - ebook

Exodus ebook

Ben B. Black

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Opis

Nachdem die Pilger die Suite 12/26 erfolgreich evakuieren konnten, trennen sich ihre Wege. Ein Teil der Gruppe unter Sandra will den Major und seine Armee unter Beobachtung halten. Die restlichen Pilger sollen sich mit dieser Rückendeckung nach Süden durchschlagen. Doch die Gruppe der Pilger fährt im Kreis, da alle Straßen weitgehend blockiert sind und große Herden Stinker wie Zugvögel nach Süden wandern. Auch die Wächter müssen sich vor den immer weiter ausholenden Patrouillen der Armee des Majors zurückziehen und treffen schließlich wieder auf die anderen Pilger. Da es auf Dauer zu gefährlich wäre, an einem Ort in der Nähe der Arme des Majors zu bleiben, beschließen sie erneut, einen Versuch zu wagen, um nach Süden zu gelangen. Auch wenn es keiner zugeben mag, drückt diese Entscheidung doch auf ihre Stimmung. Denn so, wie einst das Volk Israel Ägypten verließ, machen auch sie sich auf den Weg, um eine neue Heimat zu finden. Es ist für sie der große ... Exodus

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Armageddon, die Suche nach Eden

Band 11

Exodus

© 2013 Begedia Verlag

© 2013 Ben B. Black

ISBN: 978-3-95777-023-3 (epub)

Idee und Exposé: D. J. Franzen

Umschlagbild: Lothar Bauer

Layout und Satz: Begedia Verlag

Besuchen Sie unsere Webseite:

http://verlag.begedia.de

Nachdem die Pilger die Suite 12/26 erfolgreich evakuieren konnten, trennen sich ihre Wege. Ein Teil der Gruppe unter Sandra will den Major und seine Armee unter Beobachtung halten. Die restlichen Pilger sollen sich mit dieser Rückendeckung nach Süden durchschlagen.

Doch die Gruppe der Pilger fährt im Kreis, da alle Straßen weitgehend blockiert sind und große Herden Stinker wie Zugvögel nach Süden wandern. Auch die Wächter müssen sich vor den immer weiter ausholenden Patroullien der Armee des Majors zurückziehen und treffen schließlich wieder auf die anderen Pilger. Da es auf Dauer zu gefährlich wäre, an einem Ort in der Nähe der Arme des Majors zu bleiben, beschließen sie erneut, einen Versuch zu wagen, um nach Süden zu gelangen. Auch wenn es keiner zugeben mag, drückt diese Entscheidung doch auf ihre Stimmung.

Denn so, wie einst das Volk Israel Ägypten verließ, machen auch sie sich auf den Weg, um eine neue Heimat zu finden.

Es ist für sie der große …

... Exodus

Kapitel I

Neue Ziele

Das Heulen des Windes klang wie der mehrstimmige Gesang von Dämonen. Ich war mir in diesem Moment ziemlich sicher, in meinem ganzen Leben niemals etwas Schauerlicheres gehört zu haben als das. Dieser stetig auf- und abschwellende Ton zehrte an meinen Nerven.

Beinahe hätte ich trocken aufgelacht, konnte mich aber im letzten Moment gerade noch zusammenreißen. Welche Nerven denn? Besaß ich so etwas überhaupt noch? Zumindest Schmerz war für mich nicht mehr wirklich existent – dumpfe Empfindungen schon, aber eben nicht mehr. Gut, okay, da gab es noch die Nerven im übertragenen Sinne, aber auch bei denen war ich mir beileibe nicht sicher, ob ich davon noch welche besaß. Zwar spürte ich eine kalte Wut in mir, die mehr oder weniger zu meinem ständigen Begleiter geworden war, aber so richtig aus der Fassung bringen konnte mich nichts mehr.

Zum Glück bot mein untoter Körper mir auch ein paar Vorteile, sonst hätte ich inzwischen vermutlich längst alles darangesetzt, mich vollends vom Leben zum Tod zu befördern. Unter anderem machte mir die Kälte nichts aus, die meine Begleiter schlottern ließ. Und er machte mich nahezu unsterblich – zumindest solange keine essenziellen Teile davon beschädigt wurden.

Mist, da war es wieder! In welchen Bahnen dachte ich denn inzwischen? »beschädigt«, was für ein Wort im Zusammenhang mit etwas, das eigentlich ein Mensch hätte sein sollen! Wäre »verletzt« in dem Fall nicht deutlich angebrachter? Nein, vermutlich nicht, denn Verletzungen konnten heilen, Beschädigungen mussten hingegen repariert werden.

»Ich gehe mich mal draußen umsehen«, erklärte ich. »Vielleicht kann ich abschätzen, bis wann der Schneesturm, der uns hier festnagelt, endlich nachlässt.«

Ich wartete erst gar nicht auf eine Antwort, sondern ging bereits bei den letzten Worten auf die klapprige Tür zu, die unseren Unterschlupf mit dem derzeit so ungastlichen Draußen verband. Ich musste einfach für ein paar Minuten aus dieser Enge heraus, die mir plötzlich den Atem zu rauben drohte, den ich ohnehin nicht mehr wirklich brauchte. Vielleicht würde ich ein paar klare Gedanken fassen können, wenn mir der Sturm ordentlich um die Nase wehte, sozusagen das Gehirn frei pustete. Einen Versuch war es zumindest wert.

***

»Was will sie draußen?«, fragte Mareike leise, nachdem sich die Tür der kleinen Hütte  hinter Sandra geschlossen hatte. »Sie wirkte irgendwie – wie soll ich sagen? - deprimiert.«

»Ich habe keine Ahnung«, gab Thilo ebenso leise zurück. »Vermutlich möchte sie einfach eine Weile alleine sein, denn dass sie nach dem Wetter sehen will, halte ich für einen vorgeschobenen Grund.«

»Du hast es also auch gesehen?«

»Was meinst du?«

»Na, diesen merkwürdigen Blick in ihren Augen. Denkst du, sie tut sich etwas an?«

»Nein, das glaube ich nicht.« Thilo schüttelte entschieden den Kopf. »Sandra ist stark, auch wenn sie immer wieder an sich zweifelt. Vermutlich ist sie sogar deutlich stärker als sie selbst glaubt. Und sie hat geschworen, die Pilger sicher nach Eden zu bringen.«

»So wird es wohl sein.« Mareike zwang sich zu einem Lächeln. »Und auch nach diesem Sturm wird irgendwann wieder die Sonne scheinen, so war es bisher jedenfalls immer.«

Sie blickte sich in der Hütte um, obwohl es eigentlich nichts zu sehen gab. Neben ihr und Thilo hielten sich hier noch Erich, Marion, Lemmy, Belinda, und Bernhard auf, alle, so gut es ging, in Decken gehüllt, um der Kälte zu trotzen.

Nachdem der neuerliche Sturm eingesetzt hatte, waren sie mehr durch Zufall über diese Hütte gestolpert, die wohl zu früheren Zeiten Waldarbeitern als Unterschlupf gedient hatte, wenn diese von schlechtem Wetter überrascht wurden. Hier drin gab es nichts außer ein paar roh gezimmerter Bänke. Selbst das Schloss, dass die Tür gesichert hatte, war primitiv und für Bernhards Fähigkeiten noch nicht einmal ansatzweise eine Herausforderung gewesen.

Aber gut, sie wollten sich hier ja auch nicht häuslich niederlassen, sondern nur das Ende des Sturms abwarten, um dann weiter Richtung Süden zu gehen, nach Eden, ihrem eigentlichen Ziel.

»Hey, nicht einschlafen!« Thilo rüttelte Mareike sanft an der Schulter. »Wenn du einschläfst, besteht die Gefahr, dass du erfrierst, und das willst du mir wohl nicht antun, oder? Außerdem wird das Heulen des Windes leiser, ich denke, wir haben es bald überstanden.«

In diesem Moment flog die Tür der Hütte krachend auf, und Sandra stürmte herein. »Nicht mehr lange, dann können wir endlich wieder aufbrechen. Allerdings gibt es eine kleine Planänderung!«

***

Vielleicht hätte ich doch nicht ganz so brachial in die Hütte zurückkehren sollen, denn in den Gesichtern, die sich mir bei meinem Eintreten ruckartig zuwandten, spiegelte sich Erschrecken und teilweise auch ein kleines bisschen Angst wider. Aber der Gedanke, der mir draußen gekommen war, hatte mich dermaßen überwältigt, dass ich für einen Moment nicht mehr daran gedacht hatte, die Kräfte meines untoten Körpers zu zügeln.

»Nun schaut nicht so.« Ich versuchte ein Grinsen, was mir aber den Reaktionen der anderen zufolge nicht sonderlich überzeugend gelang. »Es ist doch eine gute Nachricht, dass wir bald weiter können, oder nicht?«

»Was für eine Planänderung?«, brummte Lemmy, und es klang nicht eben begeistert. »Paar Details musste uns schon verraten tun, sonst is’ nix mit Freudentanz und so.«

»Wir haben einen großen Fehler begangen«, eröffnete ich.

»Welchen von den vielen Fehlern der letzten Zeit meinst du?« Marion sah mich mit einem schwer zu deutenden Blick an. »Von denen hatte doch jeder für sich ein besonderes Format. War da tatsächlich einer darunter, der noch größer als seine Kollegen war?«

»Wo’se recht hat, hat’se recht«, knurrte Lemmy. »Verdammpt viele Haufen Scheiße, was’wa die letzten Wochen und Monate erlebt haben. Kann mich nich’ erinnern, dass einer davon deutlich mehr gestunken hätte als die anderen, war ja auch irgendwie kaum möglich …«

Zorn wallte in mir hoch. Konnten oder wollten sie mich nicht verstehen? Ihre ablehnende Art, für die ich ja noch ein Stück weit Verständnis aufbringen konnte, gepaart mit einer gewissen Lethargie und Gleichgültigkeit machte mich rasend.

Nur mit Mühe brachte ich meine Gefühle wieder unter Kontrolle. So ruhig und sachlich, wie es mir in diesem Moment möglich war, fuhr ich schließlich fort: »Ich weiß zwar nicht, was ihr alles als Fehler anseht, mir geht es jedenfalls um die Tatsache, dass wir uns zu weit von der Armee des Majors entfernt haben. Wie Hühner auf der Flucht haben wir die Beine in die Hand genommen und sind aufs Geratewohl in Richtung Eden losgetappt. Das war ein Riesenfehler.«

»Hätten wir bei diesem größenwahnsinnigen Irren bleiben und warten sollen, bis er uns alle zu Zombies macht?«

Aus Marions Augen schossen jetzt förmlich Blitze in meine Richtung, und ich konnte regelrecht sehen, was sie nicht aussprach: »Hätte es dir besser gefallen, wenn wir alle so wie du geworden wären?«

Das Misstrauen saß offenbar tief in ihr verwurzelt, aber mich wunderte ohnehin, dass Thilo und die anderen Jugendlichen es nicht teilten. Bei Lemmy konnte ich mir nie sicher sein, was er dachte oder auf wessen Seite er stand, trotzdem genoss er bei Marion wesentlich größeres Vertrauen als ich.

Und dann war da noch Erich. Er hatte nicht gezögert, sich mit mir zusammen auf die Suche nach Jörg, Lemmy und den anderen zu machen. Seine Motive lagen dabei mehr oder weniger offen: Verliebt bis über beide Ohren besaß er nur noch Augen für Marion. Nun, sollte er, immerhin misstraute er mir nicht – oder falls doch, verbarg er es sehr, sehr gut.

»Ich rede doch gar nicht davon, dass wir uns dem Major anschließen sollen«, stellte ich klar. »Falls du es schon vergessen haben solltest: Ich hatte ebenfalls schon das Vergnügen mit diesem Durchgeknallten. Teil seiner Gefolgschaft zu werden, lag für mich nie im Bereich des Denkbaren. Weshalb ich mich damals auch sehr schnell wieder dort vom Acker gemacht habe, und zwar deutlich schneller, als ihr das geschafft habt.«

»Beruhigt euch doch mal, Mädels.« Erich machte mit den Händen eine Geste, die uns beschwichtigen sollte. »Wir müssen zusammenhalten, da ist keinem damit gedient, wenn wir uns gegenseitig unterschwellige Vorwürfe an den Kopf werfen, oder?«

»Das nennst du unterschwellig?«, brauste Marion auf, und die Blitze aus ihren Augen trafen nun auch den blonden Hünen. »Also mir war sofort klar, was Sandra damit ausdrücken will. Dir etwa nicht?«

»Sie hat es sicher nicht so gemeint. Wir sind alle ein wenig überreizt, was aber auch kein Wunder ist, oder?«

»Bist wohl neuerdings unter die Hobbypüschologen gegangen, wie?« Lemmy sah den anderen mit einer Mischung aus Belustigung und Sorge an. »Das wird unsere Damen aber nicht beeindrucken tun, weißte?«

»Wollen wir nicht lieber mal hören, was Sandra uns mitteilen möchte?«, ließ sich Thilo vernehmen, bevor wieder einer der Erwachsenen etwas sagen konnte. »Zanken könnt ihr danach immer noch, wenn ihr unbedingt wollt.«

Das saß! Marion und ich senkten zeitgleich den Blick. Aus den Augenwinkeln sah ich, wie Lemmy und Erich grinsten. Obwohl Thilo gerade einmal knapp sechzehn Lenze zählte, bewies er in dieser Situation einmal mehr Führungsqualitäten, von denen wir Erwachsenen uns alle eine Scheibe abschneiden konnten.

»Ihr gebt mir also recht? Fein.« Thilo nickte. »Also, Sandra, was ist denn der große Fehler, und welche Planänderung resultiert daraus?«

Ich straffte mich und sah die anderen wieder direkt an. »Wie ich schon sagte, der Fehler besteht darin, dass wir uns zu weit von der Armee des Majors entfernt haben.«

Marion wollte etwas erwidern, doch Erich legte ihr die Hand auf den Oberarm, und sie klappte den eben geöffneten Mund wieder zu.

»Auf diese Weise bekommen wir nicht mehr mit, was er vorhat«, fuhr ich fort. »Nach dem, was Lemmy über ihn erzählt hat, ist nicht auszuschließen, dass der Major sich ebenfalls in Richtung Eden aufmachen wird.«

»Woran wir ihn wohl kaum hindern können«, nuschelte Marion.

»Aber wir könnten versuchen, die Pilger zu warnen, falls der Major und seine Leute ihnen zu nahe kommen. Das würde ihre Chancen, sich rechtzeitig zu verstecken und unentdeckt zu bleiben, drastisch erhöhen. Findest du nicht?«

»Vielleicht. Genau kann man das erst sagen, wenn es soweit ist.«

»Was soll’n’wa also machen tun?« Lemmy sah mich aufmerksam an. »So deiner Meinung nach, mein ich.«

»Wir müssen zu diesem Einkaufszentrum zurück und dort Beobachtungsposten beziehen. Wenn der Tross weiterzieht, sehen wir, wohin sie sich wenden. Wenn sie nicht nach Süden gehen, ist alles in Ordnung, und wir können unseren Marsch nach Eden fortsetzen.«

»Und wenn nicht?« Mit einem Mal war alles Schnoddrige aus Lemmys Stimme verschwunden, und seine Augen taxierten mich.

»Wenn nicht, müssen wir in ihrer Nähe bleiben, damit wir die Pilger gegebenenfalls rechtzeitig warnen können.«

»Und falls der Major schon weitergezogen ist?« Erich kratze sich nachdenklich im Nacken. »Willst du sie dann verfolgen?«

»Haben wir eine andere Wahl?« Während ich sprach, wurde ich immer lauter. »Nein, die haben wir nicht! Wir alle haben geschworen, auf die Kinder aufzupassen, zur Not unser Leben für sie zu opfern. Also sollten wir auch genau das tun!«

Auf meine Worte folgte eine Stille, die schwer auf dem kleinen Raum lastete. Schließlich war es Marion, die zu meiner Überraschung als Erste wieder sprach: »Du hast recht, und es tut mir leid, dass ich dich so angegangen bin. Jörg wird zwar alles tun, was in seiner Macht steht, um den Major daran zu hindern, für die Pilger zur Gefahr zu werden, aber vielleicht ist das nicht genug.«

»Genau«. Erich nickte. »Wir müssen so etwas wie die fernen Wächter der letzten Pilger nach Eden werden, damit diese eine reelle Chance haben, Eden zu erreichen, ohne in die Fänge des Majors zu geraten. Außerdem müssen wir verhindern, dass Bane und seine Truppe nach Eden gelangen, denn andernfalls ist auch das kein sicherer Ort mehr. Wir müssen also den Major und seine Armee der neuen Ordnung im Auge behalten.«

»Klingt, als hätten’wa ’nen Plan.« Lemmy nickte nun ebenfalls. »Dann lasst uns ma’ aufbrechen tun. Der Sturm is’ vorbei, und bisschen Weg hamm’wa noch vor uns.«

***

»Dort vorne, das sieht gut aus.« Marion deutete auf ein Haus, das einsam am Waldrand stand. »Scheint verlassen zu sein.«

Hinter der Gruppe lag ein zweitägiger Gewaltmarsch, der sie wieder relativ nahe an das Einkaufszentrum herangeführt hatte, wo sie den Major und seine Leute vermuteten.

»Zumindest sind im Moment keine Knirscher in der Nähe«, informierte Thilo die anderen. »Im schlimmsten Fall halten sich in dem Haus also ein paar normale Menschen auf.«

»Im schlimmsten Fall …« Marion sah den Jugendlichen von der Seite an. »Du tust ja gerade so, als ob es etwas Schlechtes wäre, normal zu sein.«

»So habe ich das doch gar nicht gemeint. Es war nur … es war nur …«

»Ist schon gut, Junge.« Lemmy legte ihm seine Hand auf die Schulter. »Wenn Marion mal durchatmen tun tut, dann kommt sie selba drauf, wie du’s gemeint hast.«

»Glaubt ihr wirklich, dass hier noch jemand am Leben ist?«, fragte ich. Irgendwie schien mir diese Vorstellung unpassend zu sein.

»Wir werden es herausfinden.« Marion wirkte jetzt sehr entschlossen. »Das Haus ist für unser Vorhaben ideal, zur Not müssen wir es eben requirieren.«

Da geht wohl gerade der Kommisskopf mit ihr durch, dachte ich, zog es aber vor, es für mich zu behalten. Als ob man in diesen Zeiten noch irgendetwas requirieren konnte. Im Zweifelsfall nahm sich der Stärkere vom Schwächeren einfach das, was er brauchte. Und wenn es sich als nötig erwies, konnten wir verdammt stark sein …

***

»Hallo? Ist da jemand?« Marion legte die Hand hinters Ohr und lauschte. »Jemand zuhause?«

»Wie in einem schlechten Film«, witzelte Thilo, fing sich dafür aber einen strafenden Blick von Marion ein. »Ich meine ja nur. Ist doch irgendwie der Klassiker, dieses ›Ist da jemand?‹. Und in den ganz schlechten Filmen kommt daraufhin immer das Ungeheuer um die Ecke und bringt alle um.«

»Tu’s ma’ nich’ beschreien tun, Jungchen.« Lemmy schüttelte missbilligend den Kopf.

»Jetzt macht euch doch mal locker«, sprang Bernhard seinem Bruder zur Seite. »Wenn hier Stinker wären, hätten wir sie längst gespürt.«

»Sicher?« Lemmy sah ihn prüfend an.

»Natürlich bin ich si… Scheiße! Was …?« Benhards Augen wurden immer größer, er keuchte. »Das gibt es doch ni…«

»Was ist los?« Marion klang alarmiert.

Ich griff ebenfalls nach meiner Waffe. Wir alle verließen uns darauf, dass die jungen Leute die Gegenwart von Knirschern rechtzeitig spürten und uns dann warnen konnten. Aber was, wenn dem aus irgendeinem Grund plötzlich nicht mehr so war?

Wir alle wurden sichtlich nervös – alle bis auf Lemmy. Wusste der etwas, das er uns verschwieg? Oder hatte er gar …? Ein Verdacht keimte in mir.

»Lass den Quatsch, Lemmy!« Ich sah den großen Zottel mit strafendem Blick an. »Das ist nicht der richtige Zeitpunkt für irgendwelche blöden Streiche.«

»Meinste etwa mich?«

Lemmy blickte drein, als könne er kein Wässerchen trüben, trotzdem sah ich aus dem Augenwinkel, dass sich Bernhard sichtlich entspannte. Zwar hatte ich nur auf den Busch geklopft, damit jedoch offenbar ins Schwarze getroffen.

»Die Hütte scheint leer zu sein«, ergriff ich wieder das Wort. »Also lasst uns mal reingehen. Und vergesst nicht, mit euren Schuhen den Schuhabstreifer ordentlich zu malträtieren, schließlich wollen wir unser neues Heim nicht gleich mehr als unbedingt nötig einsauen.«

Obwohl niemand auf unser Rufen reagiert hatte, gedachten wir trotzdem nicht, leichtsinnig zu sein. Als erstes durchsuchten wir deshalb das gesamte Haus vom Dachboden bis zum Keller, fanden aber tatsächlich alle Räume verlassen vor. Wie es aussah, lebte hier schon seit einiger Zeit niemand mehr, was uns nur recht sein konnte.

Wie Marion bereits gesagt hatte, war das Haus für unser Vorhaben ideal. Es lag weit genug vom Einkaufszentrum entfernt, damit wir nicht Gefahr liefen, entdeckt zu werden, auf der anderen Seite jedoch auch nahe genug, dass wir die Bewegungen der Armee des Majors beobachten konnten.

Doch noch gab es keinen Grund zur Freude, denn bisher wussten wir nicht, ob Bane und seine Truppe überhaupt noch dort lagerten, wo wir sie vermuteten.

»Marion und Lemmy kommen mit mir«, entschied ich deshalb. »Wir schauen beim Einkaufszentrum nach dem Rechten. Die anderen bleiben hier und sehen zu, ob sich hier etwas Essbares oder andere nützliche Dinge finden lassen.«

Hatte ich mit Widerspruch von Marion oder Lemmy gerechnet, wurde ich enttäuscht. Zumindest im Moment schienen sie mich als Anführer zu akzeptieren, was sich aber jederzeit ändern konnte. Speziell der große Zottel schien mir derzeit wieder äußerst unberechenbar zu sein.

***

Etwa nach einer halben Stunde Fußmarsch hörten wir verdächtige Geräusche. Sofort verharrten wir bewegungslos an Ort und Stelle. Die Geräusche kamen langsam näher, und uns wurde schnell klar, dass wir es mit einer von Banes Patrouillen zu tun haben mussten.

Ich überlegte gerade, ob wir uns ein Stück zurückziehen sollten, um eine Entdeckung zu vermeiden, als die Männer die Richtung wechselten und sich wieder von uns entfernten.

»Wir sind offenbar schon dichter dran, als ich dachte«, flüsterte ich.

»Dann können wir ja umkehren«, gab Marion ebenso leise zurück. »Wir wissen jetzt, dass der Major noch hier ist.«

»Wie sicher bist du dir, dass das seine Leute waren, und nicht irgendjemand anderes? Bevor ich das Lager nicht mit eigenen Augen gesehen habe, glaube ich gar nichts.«

Das war nur die halbe Wahrheit. Tatsächlich wollte ich die Gelegenheit nutzen, um vielleicht einen Blick auf Jörg zu erhaschen oder wenigstens etwas über sein Schicksal in Erfahrung zu bringen. Die anderen ging das jedoch nichts an, schließlich erzählten sie mir auch nicht alles.

»Wenn’s denn sein muss«, gab sich Lemmy schicksalsergeben. »Dann turnen wir halt noch bissi in der Kälte rum. Aber nich’ mehr lange, hörst du? Es wird nämlich bald dunkel.«

Ohne ein weiteres Wort setzte ich mich wieder in Bewegung. Die beiden anderen folgten mir mit ein paar Schritten Abstand.

Ständig auf weitere Patrouillen lauschend näherten wir uns dem Einkaufszentrum immer mehr. Schließlich erreichten wir den Waldrand und blieben stehen.

»Siehste, alles noch da«, brummte Lemmy. »Jetzt zufrieden?«

»Ja.« Eine glatte Lüge, und ich erschrak darüber, wie leicht sie mir von den Lippen ging. Aber was sollte ich sagen? Unser heutiges Etappenziel hatten wir erreicht, wir sollten jetzt besser umkehren.

»Ich hätte gedacht, dass sie sich zumindest schon im Aufbruch befinden«, sagte ich stattdessen, und meinte es auch genau so, wie ich es sagte. »So wie ich den Kerl kennengelernt habe und nach allem, was ihr mir über ihn erzählt habt, bin ich davon ausgegangen, dass er längst nach den Pilgern oder euch suchen würde.«

»Das ist tatsächlich verwunderlich.« Marion nickte mit nachdenklicher Miene. »Bane hat auf mich den Eindruck eines größenwahnsinnigen Despoten gemacht, und die sind eigentlich zu allen Zeiten auch wahre Kontrollfreaks gewesen. Entweder ist er sich seiner Sache, dass wir ihm nicht entkommen können, äußerst sicher, oder es gibt etwas, was ihn aufgehalten hat.«

»Nicht etwas, sondern jemanden.« Hoffnung flackerte in mir hoch.

In Marions Augen sah ich, dass sie sofort dasselbe dachte wie ich: Jörg! Nur Lemmy zeigte sich weiterhin brummig und von allem unbeeindruckt. Sollte er doch, wenn er unbedingt meinte. Ich für meinen Teil hatte auf jeden Fall wieder etwas gefunden, das mich Hoffnung schöpfen ließ.

***

Als wir wieder bei unserem neuen »Heim« eintrafen, war es bereits fast dunkel. Die Armee würde heute sicher nicht mehr aufbrechen. Das Risiko, dass dabei etwas schiefging, war viel zu hoch, außerdem gab es für den Major keinen Grund es einzugehen.

Erich hatte einmal mehr seine praktische Veranlagung demonstriert und die Heizung zum Funktionieren gebracht. Ihm kam dabei zu Hilfe, dass die Heizung eine unabhängige Energiequelle hatte. Nach und nach wichen die Minusgrade aus den ausgekühlten Wohnräumen und machten behaglicher Wärme Platz. Trotzdem spürte ich deutlich, dass die Stimmung unter uns Wächtern immer noch gedrückt war. Im Moment saßen wir hier herum, waren zum Nichtstun verdammt, und keiner konnte sagen, wie lange dieser Zustand noch andauern würde. Kontakt zu den Pilgern konnten wir ebenfalls keinen aufnehmen. Thilo und die anderen Jugendlichen hatten es ein paarmal versucht, jedoch immer ohne Erfolg. Erste Sorgen machten sich breit, dass Roland, Gregor, Martin und den Kindern doch etwas passiert sein könnte. Vielleicht gab es aber auch einen anderen Grund, warum der Kontakt nicht zustande kam, aber die Hoffnung daran schwand immer mehr.