Erstbezug - Stefan Peters - ebook

Erstbezug ebook

Stefan Peters

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Opis

Der Sozialberater Michael Bogner ist täglich mit Härtefällen am Rand der Gesellschaft konfrontiert. Als ihm ein afghanischer Klient von einem der Kirche nahestehenden Verein erzählt, der Flüchtlingen unter dubiosen Umständen Wohnraum zur Verfügung stellt, läuten bei ihm alle Alarmglocken. Dann stirbt – nur ein paar Gassen von Bogners Arbeitsplatz entfernt – ein Flüchtling bei illegalen Bauarbeiten. Gemeinsam mit seiner Exkollegin (und ehemaligen Geliebten) Karin begibt er sich auf die Spur des zwielichtigen katholischen Vereins. Da wird bei Bogner eingebrochen, Karin verletzt, ein weiterer Mord geschieht und die beiden sind plötzlich auf der Flucht – bloß vor wem, das wissen sie nicht … Stefan Peters ist in seinem Debüt ein überaus spannender Wien-Krimi gelungen, dessen Bezüge ebenso real sind wie das Lokalkolorit authentisch – ein packendes Leseerlebnis bis zur letzten Seite!

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STEFAN PETERS

ERSTBEZUG

Copyright © 2017 Picus Verlag Ges.m.b.H., Wien

Alle Rechte vorbehalten

Grafische Gestaltung: Dorothea Löcker, Wien

Umschlagabbildung: © plainpicture/Tilby Vattard

Druck und Verarbeitung:

Christian Theiss GmbH, St. Stefan im Lavanttal

ISBN 978-3-7117-2049-8

eISBN 978-3-7117-5337-3

Informationen über das aktuelle Programmdes Picus Verlags und Veranstaltungen unterwww.picus.at

Stefan Peters, geboren 1967, studierte Publizistik und war als Journalist tätig, arbeitet nun als freier Kameramann und als Systemischer Coach in Wien. 2017 erscheint sein erster Roman »Erstbezug« im Picus Verlag.

STEFAN PETERS

ERSTBEZUG

ROMAN

Inhalt

Über den Autor

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Kapitel 36

Kapitel 37

Kapitel 38

Kapitel 39

Kapitel 40

Kapitel 41

Kapitel 42

Kapitel 43

Kapitel 44

Kapitel 45

Kapitel 46

Kapitel 47

Kapitel 48

Kapitel 49

Kapitel 50

Kapitel 51

1

»Was machen wir mit dem von Nummer 17?« Der Mann sah den Alten von unten fragend an.

»Nummer 17? Na, was schon?« Der Alte schnaubte verächtlich und drückte seine Zigarette aus. »Der ist ein Schnorrer. Kassiert Notstandshilfe. Einmal anblasen, und er fällt um.« Er sah aus dem Fenster.

Draußen vor dem Café rumpelte auf dem Gürtel ein Lastwagen vorbei. Der Gürtel. Das waren sechs Spuren graue Durchfahrtsstraße, die Wien von Süden nach Nordwesten hin in der Form einer Sichel zerschnitt. Drei Spuren innen, drei außen, dazwischen der Viadukt der alten Stadtbahn. In Summe ergab das eine nimmermüde Verkehrshölle, entlang an verstaubten Gründerzeithäusern, in denen die hausten, die sich nichts anderes leisten konnten. Die Alten, die nicht mehr wussten, wohin sie ziehen sollten. Die Neuankömmlinge, die nirgendwo sonst in der Stadt einen Mietvertrag bekamen. Die Huren, die es am Gürtel nie weit zur Arbeit hatten.

Die Scheibe des gesichtslosen Vorstadtcafés klirrte leise und er spürte die Vibrationen des Zwölftonners bis ins Kreuz.

Wie Presslufthämmer, dachte der Alte. Und grinste.

Er zündete eine neue Zigarette an, blies den Rauch senkrecht in die Luft. Dann fixierte er sein Gegenüber, einen Mittzwanziger mit dem Gesicht einer Ratte. Einer devoten Ratte. So was gefiel ihm. Das Devote, nicht das Rattenhafte.

»Erzählt ihm was. Märchenstunde. Und erst wenn er nicht umfällt, zeigt ihm, was sonst noch geht.« Er hob warnend den Finger. »Genau in der Reihenfolge, nicht umgekehrt. Diplomatie, kapiert?« Sein Grinsen wurde noch breiter. Er wedelte mit der Hand und ein Ascheregen ergoss sich über den Tisch. Das Rattengesicht war entlassen. Als es die Tür zum Ausgang öffnete, schwoll der Straßenlärm an, als hätte jemand an einem Regler gedreht. Ein Schwall von Staub, Benzindunst und dem Testosteron, mit dem die jungen Möchtegernrennfahrer ihre schwarzen BMWs betrieben, flutete den Raum. Dann schwang die Tür zu und schnitt die lebensfeindliche Außenwelt ab.

Der Alte warf dem Rattengesicht einen flüchtigen Blick nach, dann wandte er den Kopf und sah wieder aus dem Fenster. Es war dunkel geworden. Sein Spiegelbild starrte ihm entgegen. Dichte weiße Haare, streng nach hinten gegelt, markante, harte Züge, tief liegende Augen.

Ein Anführergesicht.

Dahinter, auf der anderen Straßenseite, wo ein offener Bogen unter dem Viadukt hindurchführte, blinkte die Neonreklame eines Würstelstands, rot und blau, erst langsam, dann immer schneller. Bald verschwamm das Bild im Wechselspiel der Farben. Die Lichter der Großstadt. Es war seine Stadt. Er hatte ihre Gesetze gelernt, auf die harte Tour. Heute beherrschte er sie. Die Gesetze und mit ihnen seinen Teil der Stadt.

Der lag woanders. Hier am Hernalser Gürtel hatte er nur seine Ordination eingerichtet, für Sprechstunden wie die, die er eben beendet hatte. Hier profitierte er vom Nimbus der alten Rotlichtmeile, den erbitterten Kämpfen, in denen die Wiener Strizzis ihre Bordelle in den Neunzigern gegen die Russen verteidigt hatten. Bis dann vor fünf Jahren die Polizei die Kapos einsackte. Und obwohl das große Geschäft heute woanders lief als im Puff – wo, das wusste er selbst am besten –, umgab den Gürtel immer noch die Aura der Bosse. Wie er einer war.

Er lehnte sich zurück und sah auf die Uhr. »Milanka!« Er schnippte mit dem Finger und eine Kellnerin hob müde den Kopf. »Noch einen!« Er zeigte auf das leere Glas auf seinem Tisch. Einer ging noch. Einer ging immer noch.

2

»Wohnung nix gut, nix wie Mann sagen. Mann sagen, ich allein. Ich aber nix allein. Fünf Männer noch. Und ich.«

Der Mann hob die linke Hand und streckte die Finger aus. Die Rechte schob er unschlüssig über den Tisch mit dem zerkratzten Furnier aus hellem Holz, schob sie auf Bogner zu, wo sie auf halber Strecke resigniert liegen blieb. Als wäre ihm spät, aber doch aufgefallen, dass da nicht seine Mama saß. Bloß sein Berater.

Bogner seufzte. Es gab, wie es schien, ein Problem. Eins, wo es eigentlich keines geben sollte.

Wenn er das Kauderwelsch des Afghanen richtig verstanden hatte, lebte der Mann zusammengepfercht mit fünf anderen Männern in einer winzigen Wohnung. Und es brauchte nicht viel Fantasie, um sich auszurechnen, dass die Miete, gemessen am Platz, den die Leute für sich hatten, nicht gerade von übermäßiger Selbstlosigkeit kündete.

Er kannte das Spiel, das Spiel mit Hoffnung und Angst. Figuren, die auf einem unsichtbaren Brett verschoben wurden. Meist waren es Flüchtlinge. Aus Tschetschenien, Syrien oder einem anderen Teil der Welt, wo sie sich gegenseitig umbrachten. Oder eben aus Afghanistan, wie der Mann, der ihm gegenüber am Beratungstisch saß. Es waren Leute, die dort, wo sie herkamen, keine Schule von innen gesehen hatten, geschweige denn eine Ausbildungsstätte. Jetzt waren sie da, sprachlos und schon allein deshalb chancenlos auf einem Arbeitsmarkt, der unersättlich nach jungen Leuten mit perfekten Sprachkenntnissen und den Taschen voller Diplome war.

Die hier, seine Kunden, für die er eigentlich eine berufliche Zukunft finden sollte, die brauchte niemand. Nicht in einer Welt, in der die Hilfsarbeiterjobs längst ausgestorben waren, abgesiedelt in dreckige Fabriken in Bangladesch, in die Hinterhöfe der Dritten Welt. Das Arbeitsamt schickte sie ihm, er sah zu, was er tun konnte. Und das war wenig. Ein Deutschkurs, manchmal eine Grundschulung. Die einem auch nicht weiterhalf. Nicht wenn zehntausend andere gleichzeitig aus den Universitäten strömten und verzweifelt genug waren, einen Job anzunehmen, den ihre Eltern nicht einmal mit der Kneifzange angefasst hätten.

Irgendwann schickte sie Bogner dem Arbeitsamt zurück und schrieb einen Bericht. In dem stand dann hübsch verpackt, dass die berufliche Orientierung des Kunden zwar abgeschlossen sei, aber bis auf Weiteres seitens der Wirtschaft kein Hahn nach ihm krähe.

Nicht dass das für die Leute vom Arbeitsamt überraschend kam. Aber so waren eben die Spielregeln. Und Bogner fügte sich, spielte mit. Denn er wollte wenigstens seinen eigenen Job behalten.

Und jetzt saß er da, mit einem dieser Kandidaten, der ihn verzweifelt aus schwarzen Augen ansah. Als könnte sein Berater ein Wunder bewirken. Als könnte Bogner in die Hände klatschen und alles wäre gut.

Nichts war gut.

»Okay, noch einmal«, versuchte er es. »Was genau ist passiert?«

Der Afghane runzelte die Stirn und Bogner fragte sich, was dahinter vorging. Er selbst sprach kein Wort Paschtu, der andere hatte mindestens drei Deutschkurse weitgehend wirkungslos an sich vorüberziehen lassen. Das ergab eine eher wackelige gemeinsame Gesprächsbasis. Im Grunde bezweifelte Bogner, dass der Mann überhaupt eine Sprache gut genug beherrschte, um geschäftliche Vereinbarungen zu treffen oder wenigstens zu verstehen.

»Erst Mann sagen, bekomme eigene Zimmer mit alles. Dann sagen, nix eigene. Zimmer groß genug für viel Männer. Viel Männer in viel Bett.« Er legte die Hände übereinander und Bogner schoss das Bild von Stockbetten aus weißen Stahlgestellen durch den Kopf. Er verscheuchte den Gedanken daran. Und an den Geruch, der dort herrschen musste. Denn der Afghane war einer von den Stinkern, einer jener, bei denen Bogner und die anderen im Beraterteam Duftkerzen anzündeten, bevor die Kunden kamen.

Die Stinker. Unzumutbar. Wie die Säufer, die nach ihren Besuchen ein annähernd zündfähiges Luftgemisch im Beratungsraum hinterließen.

»Wo?«, fragte Bogner.

»Wo, was?«, gab der Mann zurück.

»Wo ist die Wohnung?«

»Da.« Seine Hand zeigte irgendwohin.

»Wo genau?«

»Graumanngasse.«

»Ah!«, machte Bogner. Die Graumanngasse verendete keine zehn Gehminuten von seinem Büro im Schatten des Verkehrsknotens, an dem der Gürtel auf die Wiener Westeinfahrt traf. Beste Gegend. Ein Stundenhotel, Geheimprostitution, Drogenhandel.

»Und die anderen? Sind das auch Leute aus Afghanistan?«

Der Mann, dessen Papiere ihn als zweiundzwanzig auswiesen, der aber, dem Aussehen nach, genauso gut dreißig sein konnte, hob die Achseln.

»Wir alle aus Afghanistan, nur ein Mann Türkei, alter Mann. Sagen, müssen warten. Zimmer nix gut. Aber besser als schlafen draußen. Reden mit Mann von Wohnung, dann besser.«

»Wann haben Sie ihn zuletzt gesehen, den Mann von der Wohnung? Den Vermieter.«

Der Kunde schüttelte den Kopf.

Bogner tat dasselbe. Er dachte ans Arbeitsamt, dachte an die Berichte. Kurz, ganz kurz nur durchzuckte ihn ein Anflug von Wut. Ein ungewisser Stich war es, wie die Erinnerung an eine lange zurückliegende Verletzung, die sich von Zeit zu Zeit aus dem Vergessen zurückmeldete. Es war die Wut auf die Leute dort draußen, die dafür sorgten, dass er es mit Leuten wie dem Afghanen zu tun hatte.

Das Gefühl verging, wie es gekommen war. Plötzlich. Wie immer. Bogner stand auf und sah dem Mann in die Augen. Schwarz wie … Wie wer? Ein bekanntes Gesicht. Oder?

»Viel Glück!«, murmelte er zerstreut.

Der Afghane lächelte schüchtern und stand auf.

3

Dabei hatte noch vor drei Wochen alles so einfach ausgesehen. Sahar Parsa, vor zwei Jahren vor dem Bürgerkrieg geflohen, hatte über einen Landsmann die Karte eines Vereins in die Hand gedrückt bekommen. Pro Gurgustium stand auf dem eselsohrigen Zettel, den er Bogner gezeigt hatte.

Eine Telefonnummer, Festnetz. Kein Name, keine Adresse, nichts.

Bogner hatte gefragt, ob er das Papier kopieren dürfe. Er durfte. Man wusste ja nie, wofür es gut war.

Eine Erfahrung, die er in seinem Job immer wieder gemacht hatte, war, dass es hilfreich war, Zettel wie diesen aufzuheben. Es gab kaum eine mögliche oder unmögliche Situation, in die seine Kunden noch nicht geraten waren. Und da war es gut, einen Kontakt aus dem Ärmel schütteln zu können.

Bogner war sich darüber im Klaren, dass er in seinem Zettelkasten, einem ausgedienten MG-Patronenkoffer vom Flohmarkt, hauptsächlich historisches Material bunkerte. Seit dreizehn Jahren lagerte er Schicht auf Schicht, ein Komposthaufen des Informationszeitalters. Es waren Namen von Kontaktleuten, die in der Zwischenzeit dreimal die Stelle gewechselt hatten, Telefonnummern, die ins digitale Nirwana führten, Adressen, Firmen und Vereine, die längst nicht mehr existierten. Doch für regelmäßige Pflege seiner Daten fehlten ihm gleichermaßen Zeit und Antrieb. So war der kopierte Zettel auf all den anderen zu liegen gekommen, als Eventualität.

Der Verein. Er tippte auf eine katholische Splittergruppe. Sonst tat sich doch kein Mensch mehr Latein an, außer im Vatikan, wo sogar die Geldautomaten die tote Sprache sprachen. Wenn er richtig verstanden hatte, waren die Leute angetreten, um Bedürftigen kleine Startwohnungen zu vermitteln. Oder so ähnlich, wenn er die Sprachbarriere in Betracht zog, die ihn von seinem Kunden trennte.

Gurgustium, er hatte das Wort googeln müssen. Sein Schullatein reichte keinen Halbsatz weit. Eine bombastische Umschreibung von Loch. Oder Kneipe, je nach Zusammenhang. Ein armseliges Zimmer, aber wenigstens von der Sozialhilfe leistbar. Für ein Jahr, dann musste man wieder raus. Das war der Deal. Eine kurze Zeit, wenn man beruflich auf die Beine kommen wollte. Eine lange Zeit, wenn man auf der Straße war. Und dort war der Afghane bisher immer wieder gelandet, seit er mit dem Asylbescheid in der Tasche das Flüchtlingslager verlassen hatte. Auf der Straße, bei Freunden, am Westbahnhof, wo der Mittelstreifen des Gürtels breit war und aus den Lüftungsschächten der U-Bahn auch im Winter warmer Wind wehte.

Und dann hatte Parsa ihm freudestrahlend den Zettel gezeigt. Er habe schon mit den Leuten gesprochen, alles sei geregelt, nächsten Montag könne er einziehen. Bogner hatte ihm gratuliert und eingeschärft, diesen großen Schritt in eine bessere Zukunft nicht zu verhauen. Er hatte ihm zugeredet, jeden Termin einzuhalten und jede Vereinbarung, er hatte ihm alles, was ihm auf die Schnelle einfiel, angedroht, wenn nicht. Wenn er nicht verdammt noch Mal anfing, sein Leben in die Hand zu nehmen. Ohne Ausreden, ohne Vertrauen darauf, dass jemand anderer das tat.

»Kismet funktioniert nicht in Europa«, hatte er ihm zum Abschied mitgegeben. Und einen neuen Termin.

Bei der wöchentlichen Sitzung im Beraterteam hatte Bogner davon erzählt. Wie jeden Montag saßen sie, er und seine sechs Kollegen und Kolleginnen, um den runden Tisch in seinem Büro. Sie saßen nicht bei ihm, weil er der Chef war, sondern weil er zufällig das größte Büro zugeteilt bekommen hatte, damals, als sie vor zwei Jahren die alte Putzmittelfabrik bezogen hatten.

Bogner mochte das Haus. Es markierte die Mitte einer abschüssigen Gasse, die einst diesem Teil des Bezirks seinen Namen gegeben hatte. Braunhirschen. Wie lange es wohl her war, dass durch die Wälder der Vororte braune Hirsche gesprungen waren? Heute würden sie nicht weit kommen. Die Gegend war mit einem schachbrettartigen Raster von Straßen überzogen, in denen sich vor allem Gemeindebauten aus den fünfziger Jahren aneinanderreihten. Ihre schmucklosen Fassaden und grau gestrichenen Gittertore harmonierten mit dem Elend der Vorstadt, das sich dahinter verbarg.

Die Fabrik war eine Insel, ein anachronistisches industrielles Überbleibsel, umgeben von einer Handvoll anderer Relikte, die dem Zahn des wohnbaulichen Fortschritts getrotzt hatten. Vis-à-vis ein Autospengler, nebenan eine aufgelassene Tischlerei, schräg über die Gasse einer der unzähligen Wiener Beserlparks, in dem tagsüber die Alten aus dem nahen Pensionistenheim saßen und abends die Dealer mit ihrem Gras einfielen wie die Gelsen und die Jugendlichen anzirpten. Brauchst du was?

Am oberen Ende der Gasse harrten auf verlorenem Posten die traurigen Überreste des einst florierenden Schwendermarkts. Leere Stände, dazwischen ein Branntweiner. Und neuerdings zwei Pioniere, die wissen wollten, ob hier vielleicht doch noch was ging.

Hier.

Der fünfzehnte Bezirk, Rudolfsheim-Fünfhaus, der einzige, den sich Bogner sofort hatte merken können, als sie in der Volksschule die Wiener Bezirke auswendig gelernt hatten. Weil Eselsbrücke, zweimal die Fünf. Es war der ärmste Bezirk des ganzen Landes, Schwemmland für Migranten, die es nicht geschafft hatten, am Kuchen mitzunaschen. Selbst die Mariahilfer Straße, jene lange Ausfallstraße, die innerhalb des Gürtels eine schicke Flaniermeile war, verblasste hier. Ängstlich schmiegte sich der Markt unter Straßenniveau in ihre stinkende Achselhöhle, den Endpunkt einer trostlosen Linie von Kebabläden markierend, unterbrochen von Haushaltsdiskontern.

Doch die Fabrik war anders. War Freundesland. Bogner hatte sie mit seinen Kollegen in Beschlag genommen. Gemeinsam hatten sie die Fahne aufgepflanzt wie auf einer Insel in haifischverseuchten Gewässern.

Zwischen rohen Ziegelwänden, um die sie jede Designergruppe beneidet hätte, tauschten sie zu Wochenbeginn ihre Erfahrungen aus. Sie redeten über die Frau mit Waschzwang, die stundenlang die Toilette blockierte, und über den Säufer, der Stimmen hörte. Sie redeten über den älteren Mann, der nicht nur die Sozialhilfe einsteckte, sondern auch die Miete aus den zwei Häusern, die offiziell seiner Mutter gehörten. Nicht dass sie das großartig in ihrer Arbeit weiterbrachte. Aber es half, mit dem Wahnsinn klarzukommen, der tagtäglich in ihre Büros hereinmarschierte und den für normal zu erklären Teil ihres Jobs war.

Also tauschten sie Skurrilitäten aus, außerdem Tipps zu Fördergeldern und wie man an sie rankam, und natürlich die neuesten und wildesten Gerüchte aus dem Arbeitsamt. Bisweilen verschoben sie nützliche Kontakte kreuz und quer über den Tisch, Kontakte, die in Zettelkästen begraben wurden. In dem von Bogner und in denen der anderen.

Vor Bogner lag ein Notizblock, auf dessen Karos er geistesabwesend Muster kritzelte. Plötzlich stockte der Kugelschreiber in seiner Hand. »Omar Sharif«, murmelte er.

»Was sagst du?«

Bogner sah auf. Alle starrten ihn an. »Doktor Schiwago«, sagte er entschuldigend. Ihm war eingefallen, an wen ihn der Afghane erinnerte. Als notorischer Kinogeher hatte er den Film ein halbes Dutzend Mal gesehen. Bogner hatte es nicht mit Gesichtern. Er konnte nie sagen, ob er einen Menschen wiedererkannte oder ob ihn dieser Mensch bloß an einen Filmschauspieler erinnerte.

Da fiel ihm der Verein ein. Die Notiz auf seinem Zettel, die ihn daran erinnern hatte sollen, war bis zur Unleserlichkeit überkritzelt.

»Habt ihr eigentlich schon einmal mit Pro Gurgustium zu tun gehabt?«, fragte er schnell, um abzulenken. »Das ist …«

»Kenn ich«, fiel ihm Birchmann ins Wort. »Sehr katholisch, unglaublich glaubensfest. Scheinen auf Afghanen spezialisiert zu sein. Wahrscheinlich missionieren sie sie unter der Hand.« Er lachte.

»Und?«

»Was und?« Birchmann reckte das Kinn vor.

»Weißt du mehr über sie oder machen wir jetzt einen auf Religionsstunde?« Er war sauer. Alles an seinem Kollegen war groß. Groß und laut. Außerdem hasste es Bogner, unterbrochen zu werden. Immer schon.

»Nichts Genaues weiß man nicht«, gab Birchmann zu. »Ein bisschen von hier, ein bisschen von da, alles Gerüchte, selbstverständlich.« Er fuhr sich mit den Fingern durch die hellbraunen Locken. »Das Übliche. Wir wollen ja nur helfen.« Er malte Gänsefüßchen in die Luft. »Aber sie scheinen insgesamt halbwegs koscher zu sein, koscherer als andere, die nur billige Leute suchen, die ihnen Kugelschreiber zusammenschrauben und alte Fetzen sortieren.«

»Hast du auch …« Bogners Frage schwebte in der Luft.

»Hab ich«, warf Birchmann zurück. »Einen Afghanen. Selber Verein, Pro Dingsbums, aber nicht ganz pro bono, wie ich fürchte. Wobei, meiner ist recht zufrieden. Na ja, immer noch besser als unter der Brücke.«

Bogner sah in die Runde. »Okay, das ist immerhin was. Kennt sonst noch wer den Verein?«

Kopfschütteln.

»Auch gut. Wollen wir das Beste hoffen. Wenn es Informationen gibt, sag ich’s weiter. Dann können wir auch darüber reden, wen von unseren Obdachlosen wir ihnen noch schicken.«

Das war vor drei Wochen gewesen und Bogner hatte seinen Job ein bisschen mehr als sonst gemocht.

Heute hasste er ihn. Ein bisschen mehr als sonst.

4

»Ist gut, ist gut, ich komm ja schon!«

Der Mann im Bademantel schlurfte den Korridor entlang, während draußen jemand ebenso heftig wie ausdauernd gegen seine Tür hämmerte.

Er mochte Mitte sechzig sein. Oder genauso gut zwanzig Jahre jünger. Genau ließ sich das nicht sagen, nicht bei dem gebeugten Gang eines Schwerarbeiters, der er früher möglicherweise gewesen war. Schulterlanges graues Haar verdeckte in fettigen Fransen ein grotesk aufgequollenes Säufergesicht.

Der Mann schnürte im Gehen den Gürtel des Bademantels zu. Verdammt, was sollte das? Es war mitten in der Nacht, ging auf drei Uhr zu. Und wenn es wieder einmal die waren?

Schwungvoll riss er die Tür auf und streckte sich gleichzeitig zu voller Lebensgröße.

»Nummer 17?« Das Rattengesicht. Und sein Freund, der Slawe. Wieder einmal. Die.

»Blöde Frage! Könnt ihr nicht lesen?« Der Mann zeigte auf die Ziffern aus Aluminium, die er eigenhändig auf die Tür genietet hatte, damals, in einer anderen Zeit.

Mühsam versuchte er, sein benebeltes Hirn vom Alkohol des letzten Abends zu befreien. Ganz hinten, im letzten Winkel seines Kopfes, läutete eine Alarmglocke. Er hörte sie, aber verstand nicht, was sie ihm sagen wollte.

»Grüß Gott schön, wir sind der Umzugsservice.« Rattengesicht grinste breit und bösartig. Diplomatie, hatte der Alte gesagt. Er konnte sich nicht beschweren. Keiner würde sich beschweren können, außer …

»Ich brauch keinen Umzugsservice«, protestierte der Mann. »Verpisst euch!« Er packte die Tür und knallte sie den beiden vor der Nase zu.

Dachte er jedenfalls.

Denn irgendwas war plötzlich so falsch, wie es nur falsch sein konnte. Sein Hirn war mit der Verarbeitung von Eindrücken aller Art wohl ein wenig in Verzug geraten. Jedenfalls lag er, als er wieder wusste, wie ihm geschah, auf dem Vorzimmerboden. Auf seiner Brust saß, wie ein Troll aus einem Albtraum, das Rattengesicht. Etwas Warmes sickerte aus seiner Nase und lief ihm die Wange hinunter übers Ohr, dazu hallten in seinem Kopf Donnerschläge, die seinen Körper auf voller Länge erzittern ließen.

»Scheiße, was …?«, konnte er noch herauspressen, bevor das Rattengesicht sein Gewicht verlagerte und alle Luft pfeifend aus seiner Lunge fuhr.

Er musste dann weggetreten sein.

Als er wieder zu sich kam, war er allein. Keine Ratte. Kein Slawe. Nur eine Kälte, die ihm durch Mark und Bein ging. Der Mann setzte sich langsam auf und betastete seine Nase, fühlte Brocken gestockten Bluts. Er atmete tief ein. Und schrie auf. Im Dunkel umtanzten ihn Funken des Schmerzes. Eine gebrochene Rippe, mindestens.

Plötzlich wurde es hell. Draußen musste jemand das Ganglicht aufgedreht haben. Aber wieso konnte er hier drin …?

Der Mann sah auf. An der Stelle, wo ihn noch vor Kurzem seine Wohnungstür von Typen wie den beiden getrennt hatte, klaffte jetzt ein großes, hässliches Loch. Keine Tür, nicht einmal ein Türstock. Die Donnerschläge. Das war kein Umzugsservice gewesen. Eher schon eine Abrissbirne.

Er ließ sich auf den Boden zurücksinken. Stück für Stück kam die Erkenntnis, Welle um Welle überflutete ihn die Verzweiflung. Der Mann krümmte sich zusammen, machte sich so klein wie möglich.

Das war’s dann.

Sie hatten gewonnen.

5

Parsa war gegangen und Bogner wieder allein. Mit ein paar schnellen Schritten eilte er zum Fenster und riss es auf. Gierig sog er die frische Luft ein, die den Schweißdunst des Afghanen aus seiner Lunge spülte. Als er endlich das Gefühl hatte, all den Mief ausgeatmet zu haben, trat er zurück und ließ sich auf den Bürosessel hinter seinem Schreibtisch fallen.

Bogner stierte nachdenklich vor sich hin.

Was machte er hier eigentlich? Er machte einen Job, dem er am Anfang höchstens fünf Jahre gegeben hatte. Bis … ja, bis? Bis er endlich ernsthaft die Fotografie anginge? Oder sonst was Ernsthaftes. Aber was hieß schon ernsthaft? Das Psychologiestudium hatte er noch im ersten Abschnitt abgebrochen. Zu viele Zahlen, zu wenig Geist. Pädagogik hatte er schließlich fertig studiert, vor allem weil es damals kaum ein anderes Fach auf der Universität gab, das mit so wenig Arbeitsaufwand zu schaffen war. Er hatte da und dort gejobbt, hin und wieder sogar als Fotograf, wenn auch ohne Ausbildung. Aber wer brauchte heutzutage schon so einen, wenn doch ohnehin jeder mit einem ständig schussbereiten Handy durch die Gegend lief?

Irgendwann hatte er sich arbeitslos gemeldet und dann aus reinem Zufall die Seiten gewechselt. War Berater für Arbeitslose geworden, Dichter von Bewerbungen und Ähnlichem.

Jedenfalls offiziell.

In Wirklichkeit war er Anlaufstelle für Sozialfälle, denen es nicht annähernd um polierte Lebensläufe ging. Sondern darum, wie sie den nächsten Tag überleben sollten. Case Management, so hieß das auf Neusprech, eine Art sozialer Rundumbetreuung.

Seine Kunden waren der Bodensatz der Gesellschaft und er war der Einzige, der sich für sie interessierte, wenn auch rein professionell.

Was dich umgibt, wird dich prägen, hieß es.

Ihn umgaben Probleme. Existenzielle Sorgen, nicht die Luxusprobleme seiner früheren Freunde, die sich nicht zwischen zwei Reifenmustern für ihren Sportwagen entscheiden konnten. Doch die Freunde, die waren weg, waren am Land geblieben. Wie Ingeborg. Er sollte sie einmal anrufen. Am Wochenende, vielleicht.

Was sie wohl sagen würde, wenn. Wenn sie ihn jetzt sähe. Früher hatte sie das ganze Haus mit Lavendelsträußchen vollgehängt. Wegen der guten Luft, wie sie sagte.

Gute Luft.

Bogner schüttelte sich. Nach den Stinkern hatte er immer die Befürchtung, dass ihn der nächste Beratungskunde als Verursacher im Verdacht haben würde.

Und die Freunde? Würden sie lachen? Oder ihn als hoffnungslosen Fall von Weltverbesserer abhaken? War er das? Ein Weltverbesserer, einer von denen, die sich in die Probleme von Leuten einmischten, denen ohnehin nicht zu helfen war? Wahrscheinlich würden sie fragen, wann er mit den sozialen Albernheiten aufhören und endlich etwas Anständiges machen würde.

Etwas Anständiges. Auch einer seiner wunden Punkte, einer der ältesten von allen. Sie hatten nie kapiert, was er für anständig hielt. Nicht wenn es um den Job ging. Nicht seine Eltern, nicht Ingeborg, erst recht nicht seine Freunde, die es sich lauwarm und satt eingerichtet hatten.

Bogner würde ihnen zeigen, was anständig war. Jetzt.

Er griff zum Telefon. Ein Anruf war fällig. Nicht Ingeborg, sondern die Nummer auf dem Zettel. Der Verein. Anrufen, abhaken, fertig, genau in der Reihenfolge. Dazwischen den Leuten klarmachen, dass es da jemanden gab, der es unanständig fand, wenn sie leere Versprechungen machten.

Leere Versprechungen. Wie so oft, wenn seine Beratungskunden mit leuchtenden Augen von der Jobchance ihres Lebens erzählten. Am nächsten Ersten würden sie anfangen. Gewiss doch, man hatte es ihnen versprochen. Der Erste zog vorüber und die Versprechen verschoben sich. Auf nächsten Monat, auf den übernächsten. Wurden schließlich vage und verstummten dann.

Er klaubte den Zettel aus der MG-Kiste und wählte die Nummer.

Nach dem dritten Läuten hob jemand ab.

»Ja, bitte?« Eine Männerstimme, jung und hell.

Ja, bitte?, sonst nichts.

Bogner räusperte sich. »Mein Name ist Michael Bogner. Spreche ich mit dem Verein Pro Gurgustium?«

»Jaah?« Zweifelnd, zögernd, als wäre sich der Mensch am anderen Ende der Leitung selbst nicht sicher. Oder misstrauisch.

»Ich bin der Berater von Herrn Parsa«, versuchte er, den Faden wieder aufzunehmen. »Ein Afghane, der über Ihren Verein eine Wohnung bekommen hat. Und ich wüsste gern …«

»Wer sind Sie?« Scharf. Und schnell. Okay, der junge Mann war misstrauisch, so viel war sicher.

Da sind wir schon zwei.

»Michael Bogner, Arbeitsmarktberatung und Case Management. Herr Parsa hat mir von Ihnen erzählt …«

»Was hat er?«

»Erzählt. Von einer Wohnung.« Bogner beschloss, auf den Telegrammstil des anderen einzusteigen. Er war gewöhnt, sich sprachlich an die Fähigkeiten seiner Kunden anzupassen. Oder an deren Unfähigkeiten. »Zuerst hat es geheißen, er bekommt ein Zimmer. Jetzt hat er eins, zu sechst. Ist das eine …?«

Er sprach in eine tote Leitung. Ob es sich um eine provisorische Lösung handelte, hatte er fragen wollen. Noch während er den Knopf für die Wiederwahl drückte, ahnte er, dass er nicht viel weiter kommen würde.

Seine Ahnung bestätigte sich. Der junge Mann vom Verein brauchte wohl dringend eine Erholungspause von dem wortreichen Telefonat. Oder er war inzwischen in die wohlverdiente Frühpension gegangen.

Nach zwei Minuten monotonen Läutens warf Bogner entnervt den Hörer auf die Gabel. Na gut, dann eben nicht. Der Verein hatte massiven Nachholbedarf, was Öffentlichkeitsarbeit betraf.

Er schnaubte resigniert, dann ließ er sich in seinen Bürostuhl zurücksinken und dachte nach. Was war da geschehen? Bogner brauchte nicht lange zu überlegen. Er kannte die Antwort und sie machte ihm keine Freude.

Na, was schon? Das Übliche.

Wie so oft war sein Bedürfnis, abzuschalten und hinter den Kunden die Tür zu schließen, auf sein soziales Gewissen geprallt. Dieses Gewissen, das ihm ins Ohr flüsterte, dass er wahrscheinlich der Einzige war, den die Probleme seiner Leute kümmerten.

Kümmerten sie ihn wirklich? Er dachte an Kollegen, die ihre Privatnummer hergaben, für den Fall, dass. Sicher, kein Problem, gerne außerhalb der Arbeitszeit.

Blödsinn! Er war keiner von den Selbstverbrennern. Keiner von den Bessermenschen, die sich in der Luft zerfetzten, nur damit man sie für sozial engagiert hielt. Worum er sich kümmerte, sich wirklich kümmerte, das war das Kinoprogramm. Zu Hause hatte er dicke Bündel von alten Tickets, mit Gummiringen zusammengebunden. Manchmal legte er sie abends auf, wie Patiencen, auf seinem Küchentisch. So viele Geschichten, so viel Leben. Sein Leben.

Die Gesichter aber, die untertags an ihm vorüberzogen, zerriss er in winzige Erinnerungsfetzen und spülte sie mit einem letzten Mokka hinunter, kurz vor Dienstschluss.

Andererseits.

War denn der Afghane einer von der Sorte, die sich auf die Hinterbeine stellte?

Sicher nicht.

Ein geduckter Mensch, kaum fähig, ein paar Worte auf Deutsch zu stammeln, ständig in der Angst lebend, wer weiß wohin abgeschoben zu werden. So einer beschwerte sich nicht. So einer kuschte.

Ein Underdog. Wie viele. Aber einer, der dummerweise aussah wie Omar Sharif, dessen Gesicht sich in so vielen Kinomomenten in Bogners Gedächtnis eingebrannt hatte. Das war wohl der einzige Grund gewesen, warum er sich den Mann gemerkt hatte. Warum er ihn nicht in Erinnerungsfetzen zerreißen hatte können, so wie all die anderen.

Wie die meisten anderen, korrigierte sich Bogner. Das passierte ihm nicht zum ersten Mal. Er war eben anfällig für Ähnlichkeiten. Deshalb hatte er jetzt auch nicht anders gekonnt, als anzurufen. Deshalb, und wegen des Anstands.

Bogner sah auf. An der Wand gegenüber hob sein Spiegelbild den Kopf. Damals, als die Büros eingerichtet wurden, hatte er aus dem Fundus den riesigen Spiegel mit dem breiten Rahmen aus Silber für sich reklamiert. Keiner hatte Einspruch erhoben, weil er mit seiner fotografischen Vergangenheit angeboten hatte, die Bilder für Lebensläufe zu schießen. Von seinen Leuten und denen der Kollegen. Und dafür brauchte man schließlich einen Spiegel. Für einen letzten Blick auf das Make-up. Hatte er jedenfalls behauptet.

In Wirklichkeit hing an der Wand genau der Punkt, an dem Bogners Eitelkeit begraben war. Womit er leben konnte. Schließlich hatte jeder seine Eitelkeiten. Und mit der Lust, mit der er versuchte, den Gesichtsausdruck seiner Kinohelden im Spiegel zu treffen, ging er wenigstens niemand anderem auf die Nerven.

Bogner fixierte sein Gegenüber. Ja, doch, er hatte Glück. Für einen, der gerade dabei war, in die Schlussgerade zum Fünfziger einzubiegen, war er ausgesprochen herzeigbar. Sein Bauch hielt sich in engen Grenzen. Die grau melierten Stellen im Kurzhaarschnitt saßen an den Schläfen, genau dort, wo sie hingehörten. Und die Augen? Grün, sagten die Frauen, wenn sie nur nahe genug herankamen. Was nicht sonderlich oft geschah.

Er hatte es nicht so mit der Nähe.

Bogner wandte sich von seinem Spiegelbild ab und stand auf. Er hatte Lust auf einen Kaffee mit Konecny, seiner Kollegin nebenan. Auf einen Plausch über Nichtigkeiten. Egal worüber, Hauptsache Ablenkung.

Eine Viertelstunde später war es ihm endlich gelungen, den Afghanen, den Verein und alles, was damit zusammenhängen mochte, in Erinnerungsfetzen zu zerreißen.

6

Die U-Bahn fuhr aus ihrer unterirdischen Versenkung über eine lang gestreckte Rampe auf den Viadukt zwischen den Gürtelspuren nach Norden. Bogner war endlich auf dem Heimweg. Seine Augen wurden schwer und drohten zuzufallen. War es Erschöpfung oder das monotone Rattern der Räder auf den Gleisen, das ihn so schläfrig machte? Er zwickte sich mit Daumen und Zeigefinger in die Nasenwurzel. Das half. Dann riss er die Augen auf und sah aus dem Fenster, sah unter sich die dreispurige Blechschlange, die sich Meter für Meter durch die Rushhour quälte.

Sein Fokus wechselte zwischen fern und nah, zwischen der Welt da draußen und seinem Spiegelbild, das sich in der hereinbrechenden Dämmerung als zarte Kontur im Fenster abzuzeichnen begann. Kurz nachdem der Zug die Josefstädter Straße passiert hatte, fiel sein Blick auf die mächtige Kirche aus Backstein. Das Gotteshaus nahm fast den ganzen Uhlplatz ein und war seine Landmarke von doppelter Bedeutung. Wenn Bogner daran vorbeifuhr, wusste er, dass er in zehn Minuten zu Hause sein würde.

Und er wusste, woher seine diffuse Scheu vor der Kirche rührte. Sein Großonkel war hier vor ewigen Zeiten Pfarrer gewesen, hatte alles erledigt, was im Familienkreis an Taufen und Hochzeiten anfiel. Ein paarmal hatte er ihn als Kind besucht, den Monsignore. Groß, streng und heiligenmäßig war er ihm erschienen, die Augen hinter einer Nickelbrille zusammengekniffen, darunter eine lange, spitze Nase. Bogner hatte sich gefürchtet. Vor dem strengen Monsignore, vor der Stille und vor der Kälte, die seine Kirche selbst im Sommer durchzog.

Plötzlich ruckte die U-Bahn, wurde langsamer und blieb schließlich stehen. Aus den zehn Minuten würde heute wohl nichts werden. Bogner ließ seinen Blick über die dicht gedrängten Fahrgäste schweifen und schloss eine stille Wette ab, wer von ihnen als Erstes laut über die Unfähigkeit der öffentlichen Verkehrsmittel räsonieren würde. Seine Wahl fiel ex aequo auf einen Junkie im Kapuzensweater und eine alte Dame mit Schoßhund, die bereits pfauchend Anlauf nahm.

Da registrierte er aus den Augenwinkeln ein Bild, das nicht zur Blechschlange da draußen passte. Unten am Straßenrand stand ein Pulk von Menschen um den Eingang eines lang gestreckten weißen Gebäudes aus der Gründerzeit. Vor dem prächtigen Bau mit reich verzierter Fassade, die wie ein Fremdkörper zwischen seinen grauen Nachbarn hervorstach, drängten sich bärtige Männer und bekopftuchte Frauen. Sie stießen und rempelten, schrien und setzten Ellbogen ein, um einen Schritt weiterzukommen, näher zum Eingang. Keiner lachte. Und obwohl Bogner durch das Zugfenster und den dichten Verkehr nichts hören konnte, wusste er genau, worum es ging.

Hier entschied sich Tag für Tag, wer bleiben durfte. Und wer nicht. Hier stellte die Fremdenpolizei Aufenthaltsgenehmigungen aus. Oder verweigerte sie. In diesem Haus erfüllten sich Hoffnungen auf ein besseres Leben in der neuen Heimat. Oder sie zerschellten an einer abgelaufenen Frist, an einem fehlenden Dokument.