Erfüllt leben - Meine Werte, mein Glaube, mein Glück -  - ebook

Erfüllt leben - Meine Werte, mein Glaube, mein Glück ebook

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Opis

Wir leben in Zeiten, in denen Menschen den Sinn und die Erfüllung für ihr Leben selbst ergründen müssen, es findet sich in unserer individualisierten Gesellschaft kein allgemein akzeptiertes Regelwerk mehr, das uns die Sinnfrage abnehmen könnte. Ein Blick in die Philosophiegeschichte zeigt, dass sich die Frage nach dem Sinn des Lebens über Jahrhunderte immer wieder neu stellt – aber nie letztgültig beantworten lässt. In den 14 Texten dieses E-Books spüren wir den unterschiedlichen Wegen nach, auf denen Menschen eine erfüllte Existenz finden. Glauben und Spiritualität gehören für viele dazu, natürlich auch die Liebe in Ehe und Familie, das Glück einer stimmigen Berufswahl, die Befriedigung, eine Lebensaufgabe gefunden zu haben, oder der Einklang von Körper und Seele.

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Inhaltsverzeichnis

Erfüllt leben

Vorwort

KAPITEL 1

„Glaubst du an Gott?“
Kinder fragen, Großeltern antworten
„Die Welt wird sich weiterdrehen“
Die Philosophin Svenja Flaßpöhler und der Jesuitenpater Michael Bordt diskutieren über Erfüllung, Tod, Selbstfindung und den Sinn unseres Daseins
„Die Angst ist noch in mir“
Der syrische Flüchtling Mohannad Kassab erzählt vom Heimweh, dem Trauma der Flucht und seinen Lebenszielen
Von Gott zum Geist
Die spirituelle Wandlung des Schriftstellers Steven Uhly

KAPITEL 2

Einfach alles anders machen
Diese fünf Menschen haben ihrem Leben einen neuen Inhalt gegeben
Lieblingsbuch
Was die Autorin Nora Bossong als Lektüre zum Heftthema empfiehlt
Die Leerstelle
Der Ehemann stirbt. Nach Schock, Trauer und Wut tastet sich seine Witwe mühsam in eine neue Zukunft
Dr. Allwissend
Über den Sinn des Unsinns
Erster Job, erste Krise
Wer als Karriereanfänger auf die große Erfüllung am Arbeitsplatz hofft, wird oft enttäuscht. Wie macht man dann weiter?
„Wer geht schon gern zum Prediger?“
Der atheistische Pfarrer Klaas Hendrikse hat 30 Jahre lang Seelsorge ohne himmlischen Beistand betrieben – zur Kirche brachte ihn seine große Liebe zu einer Christin

KAPITEL 3

Hüterin der Stille
Vom Kiez nach Südfrankreich: Eine Gr0ßstadtmüde aus St. Pauli findet ihr Refugium auf einem Landschloss
Ganz bei dir
Vom großen Glück, ein Gegenüber zu finden: drei Protokolle der Liebe
Mit Leib und Seele
Warum wir erst dann ganz Mensch sind, wenn wir das Leben mit allen Sinnen spüren
Gut gemacht!
Metzger, Dachdecker, Friseurin, Bestatterin: Vier Menschen erzählen, weshalb ihr Beruf sie erfüllt

Anhang

Impressum
Erfüllt leben • Einleitung

Vorwort

Wir leben in Zeiten, in denen Menschen den Sinn und die Erfüllung für ihr Leben selbst ergründen müssen, es findet sich in unserer individualisierten Gesellschaft kein allgemein akzeptiertes Regelwerk mehr, das uns die Sinnfrage abnehmen könnte. Dieses SPIEGEL E-Book will Anregung geben, wie wir uns den großen Fragen des Lebens nähern können. Ob wir in emotionale oder in berufliche Turbulenzen geraten, ob wir in einer konkreten Situation nicht weiter wissen oder uns einfach fragen, wozu das alles – für jeden Zweifel und an jeder Weggabelung der Biographie gibt es inspirierende Anstöße und Beispiele, die Mut machen und das eigene Nachdenken voranbringen.
Dass die Sinnfrage keine Erfindung des 21. Jahrhunderts ist, zeigt sich beim Blick in die Philosophiegeschichte. Kein großer Denker, kein Wissenschaftler, kein Theologe oder Literat hat je eine gültige Antwort gefunden. Aber immer wieder haben Menschen wie die Philosophin Svenja Flaßpöhler und der Jesuitenpater Michael Bordt sich in Gesprächen den großen Fragen der Existenz gewidmet.  
Oft gilt es nur, an ganz kleinen Stellschrauben der gewohnten Routine zu drehen, um erfolgreich aus einer Krise hervorzugehen. Manchmal braucht es radikale Schnitte, manchmal einen Neuanfang. Schon Kinder stellen große Fragen, Menschen auf der Flucht in einem fremden Land geraten in schwere Nöte – und finden neue Hoffnung. Schriftsteller, Berufsanfänger und sogar Pastoren brauchen Hilfe und andere Menschen, um einen Schicksalsschlag, eine alltägliche Last oder eine Ausnahmesituation zu verkraften und ins Gute zu wenden. Nicht immer können Freunde und Familie helfen, auch professionelle Gesprächspartner können Wege aufzeigen. Wir hoffen, dass die Menschen, die wir Ihnen in diesen Texten vorstellen, Sie auf neue Ideen und Gedanken bringen, und Ihnen mit ihren Lebensentwürfen und ihren Erfahrungen Zuversicht und Lebenslust vermitteln.  
Bettina Musall
KAPITEL 1 • FAMILIENGESPRÄCHE
Carlotta Kenkel

„Glaubst du an Gott?“

Kinder fragen, Großeltern antworten. Text: Christine Haas; Fotos: Marie Hochhaus

Carlotta Kenkel (12), Heino Prigge (68), Gerda Meyer-Prigge (65)

Carlotta Kenkel (12), Heino Prigge (68), Gerda Meyer-Prigge (65)
Carlotta: Glaubt ihr an Gott?
Meyer-Prigge: Ich würde sagen, ich zweifle sehr stark.
Prigge: Ich glaube nur manchmal. Aber ich habe auch gelesen, dass das selbst bei vielen Pfarrern der Fall ist, dass sie ganz oft zweifeln.
Carlotta: Wann sind denn Situationen, in denen ihr nicht glaubt?
Prigge: Bei großen Unglücken. Vor ein paar Jahren sind bei dem Tsunami im Pazifik viele Menschen gestorben. Da heißt es dann: Das ist der Mensch, der dafür verantwortlich ist, weil er keine Rücksicht auf die Umwelt nimmt. Für mich bleibt trotzdem die Frage, warum Gott das zulässt. Darauf habe ich bis heute keine befriedigende Antwort gefunden. Als Kind habe ich gelernt, dass es den strafenden Gott gibt.
Meyer-Prigge: Bei mir war immer vom lieben Gott die Rede.
Prigge: Das hat bei mir auch Ablehnung hervorgerufen. Dieses Absolute, dieses Von-oben-Herab, das früher ganz typisch für die Kirche war, das habe ich nicht verstanden.
Meyer-Prigge: Wir hätten früher niemals infrage stellen dürfen, dass es Gott gibt. Man wurde da mit seinen Zweifeln als Kind allein gelassen.
Carlotta: Ich glaube auch, dass es einen gütigen Gott gibt, den ich um Hilfe bitten kann. Aber ich will ihn auch nicht überfordern. Er muss sich ja um alle Bitten kümmern. Vor einer Klassenarbeit bitte ich ihn nicht um gute Noten, das muss ich selbst schaffen. Aber ich bitte ihn, dass er mir hilft, dass ich nicht so aufgeregt bin.
Konrad Wauschkuhn
Meyer-Prigge: Und denkst du denn auch, dass es für alle Gläubigen der gleiche Gott ist? Die Muslime beten zum Beispiel zu Allah.
Carlotta: Vielleicht gibt es auch mehrere Götter. Aber das ist Gott bestimmt egal, wie man ihn nennt. Für ihn sind alle Menschen gleich. Wahrscheinlich stelle ich mir Gott auch ganz anders vor als du.
Meyer-Prigge: Wie sieht er in deiner Vorstellung denn aus?
Carlotta: Er hat einen langen weißen Bart.
Prigge: So einen wie ich?
Carlotta: Noch ein bisschen länger. Früher habe ich mir immer vorgestellt, dass er in den Wolken wohnt. Und wenn dann in den Wolken Löcher waren und die Sonne durchgestrahlt hat, habe ich gedacht, dass er vielleicht gerade zu uns herunterschaut.
Prigge: Für mich zeigt sich das Göttliche auch in der Natur. Die lieben Menschen um mich herum, die Bäume und auch die Wespe, die mich im Sommer sticht – die Schöpfung ist etwas ganz Wunderbares.
Carlotta: Aber glaubst du, die Schöpfung kommt von Gott? Das ist ja eigentlich ein religiöser Begriff.
Meyer-Prigge: Das ist eine gute Frage. Die Wissenschaft kann ja heute eigentlich alles erklären – dass alles beim Urknall entstanden ist zum Beispiel. Aber wenn ich ein neugeborenes Kind sehe, dann frage ich mich schon: Und das soll Zufall sein? So ein niedliches Geschöpf, da muss doch mehr dahinterstecken.
Heide Fischer

Konrad Wauschkuhn (12), Heide Fischer (74)

Konrad: Glaubst du an Gott, Großmutter?
Fischer: Ich bin mit dem lieben Gott groß geworden. Meine Großmutter ging jeden Sonntag mit uns Mädchen in die Kirche.
Konrad: Wie stellst du dir Gott denn vor?
Fischer: Es steht schon in der Bibel, dass man sich kein Bild machen soll. Ich habe aber ein altes Märchenbuch, da trägt der liebe Gott einen blauen Mantel mit Sternen. Als Kind habe ich ihn mir so vorgestellt.
Konrad: Hat er dir auch manchmal geholfen?
Fischer: Wir brauchen nur an die letzten zwei Jahre zu denken, in denen ich zwei Schwestern verloren habe und zwei Unfälle hatte. Da ist man erst fassungslos und fragt: Warum ich schon wieder? Es gibt diesen Spruch: Da falle ich doch vom Glauben ab. Das passiert, glaube ich, allen gläubigen Menschen in ihrem Leben, wenn sie Schlimmes erlebt haben. Aber ich konnte immer mit Gott reden und die Dinge auf diese Weise für mich verarbeiten.
Konrad: Wieso glaubst du immer noch an Gott, wenn er das alles duldet? Auch wenn du an die Geschehnisse im Mittelalter denkst, die ja angeblich im Namen von Gott getan wurden.
Fischer: Im Mittelalter gab es nur die katholische Kirche. Da gab es Frauen, die mit Kräutern heilen konnten, die wurden verbrannt. Und wenn die Menschen einen Ablass an die Kirche zahlten, dann wurden sie von ihren Sünden freigesprochen. Aber dann kam Martin Luther und hat gesagt: Das darf so nicht sein.
Konrad Wauschkuhn (12), Heide Fischer (74)"Du bist ja noch ein junger Mensch. Du musst erst noch ganz viel lernen."
Konrad: Aber wenn es den Gott gibt, an den die Protestanten glauben, dann gab es den ja auch schon im Mittelalter. Und er hat nichts unternommen.
Fischer: Nein, das kann er auch nicht. Aber er ist da. Ich finde es ganz wunderbar, dem lieben Gott etwas erzählen und ihn um Dinge bitten zu können. Die Kirche war für mich immer ein Zufluchtsort.
Konrad: Das ist sie für mich nicht.
Fischer: Du bist ja noch ein junger Mensch. Du musst erst noch ganz viel lernen, auch über die Religionsgeschichte. Deshalb finde ich es auch nicht gut, dass du dich nicht konfirmieren lässt. Noch kannst du gar nicht überschauen, ob das die richtige Entscheidung ist.
Konrad: Nur weil das Christentum hier die ganze Ordnung aufgebaut hat, muss ich ja nicht Christ sein. Ich glaube nicht dran. Und ich möchte mich nicht nur konfirmieren lassen, weil man das halt macht.
Fischer: Wir sind da so reingewachsen durch die Sonntage in der Kirche und die Gebete jeden Tag. Aber wenn man gar nicht in die Kirche geht, lernt man das nicht.
Konrad: Ich hatte Religionsunterricht. Da haben wir über so was gesprochen. Das ist einfach nicht so mein Ding.
Fischer: Das halte ich für sehr kindlich.
Konrad: Ich halte deine Aussage auch für nicht so überdacht. Du bist damit aufgewachsen. Aber damals hatte die Wissenschaft auch noch nicht so viele Erkenntnisse.
Ursula Lübker (77)"Ich danke Gott ganz oft, dass wir Frieden haben - seit 70 Jahren, das ist eine Sensation."
Fischer: Auch früher gab es Vereinigungen wie das Rote Kreuz und die Malteser. Die helfen Menschen ohne Ansehen der Person. Es ist viel Humanismus im christlichen Glauben.
Konrad: Das ist für mich trotzdem kein Grund, Christ zu werden. Die Werte kann ich auch so befolgen.
Marie Hochhaus / Spiegel Wissen

Lola Lübker (14), Ursula Lübker (77)

Lola: Glaubst du an Gott, Oma?
Lübker: Nicht an eine bestimmte Gestalt. Aber es muss irgendeine Macht geben, die uns hier auf der Erde lenkt. Das ist mein Glaube – und das gibt mir Halt.
Lola: Gab es schon mal eine Situation, wo du gedacht hast: Da hätte Gott mir aber helfen sollen?
Lübker: Als ich elf Jahre alt war und meine Mutti gestorben ist, habe ich ganz doll gezweifelt, ob ich weiter an den lieben Gott glauben soll. Oder als deine Mutter dein Brüderchen gekriegt hat, und es ist leider nicht am Leben geblieben. Wir haben eine Stunde lang geweint, und dann kamst du hereingelaufen. Wie alt warst du da?
Lola: Drei Jahre, glaube ich.
Lola Lübker (14)
Lübker: Du bist zu deiner Mama aufs Bett gehüpft und hast gesagt: Mama, du musst nicht traurig sein, wir probieren das noch mal. Da haben wir trotz der Tränen gelacht. Und – Gott sei Dank – es hat geklappt. Vielleicht hat der liebe Gott da auch geholfen. Du bist doch jetzt glücklich, dass du eine Schwester hast. Es hat alles seinen Sinn.
Lola: Ich glaube auch, dass da irgendwas ist, was alles bewegt. So ein richtig großes Erlebnis hatte ich noch nicht. Aber allein schon, wenn man auf der Treppe stolpert und sich nichts tut ...
Lübker: ... dann denkt man: Mein Schutzengel war schnell genug, der hat mich aufgefangen. Es ist doch schön, wenn man etwas hat, an das man sich halten kann.
Lola: Es könnte ja auch alles viel schlimmer sein. Ich denke jetzt nicht jeden Tag darüber nach, wie es den Kindern in Afrika geht. Aber wir regen uns in Deutschland zum Teil über Sachen auf, davon können andere Leute nur träumen.
Lübker: Ganz genau! Wenn du siehst, wie viele Lebensmittel hier weggeworfen werden. Wir haben als Kinder immer den Teller blank gegessen.
Lola: Du hast auch erzählt, dass ihr früher Leute aufgenommen und mit denen das Essen geteilt habt.
Lübker: Ja, da wurde der Brotkant noch durchgeschnitten und geteilt. Wenn du gar nichts hast, dann sagst du: Gott, du hast doch dafür gesorgt, dass ich hier auf der Erde bin. Wieso gibst du mir dann nicht genug zu essen? Aber scheinbar muss es so sein. Es gibt Höhen und Tiefen. Gerade das ist ein Grund zu glauben. Wenn es immer wieder aufwärtsgeht, wenn das Schöne überwiegt. Ich würde in jeder Notsituation wieder die Hände falten und bitten: Lieber Gott, hilf mir doch, das schaffe ich nicht allein.
Lola: Ich habe auch ganz lange jeden Abend gebetet. Wenn Papa mich ins Bett gebracht und mir eine Geschichte vorgelesen hat, dann haben wir gebetet. Aber das machen wir jetzt nicht mehr.
Lübker: Das kann man auch für sich allein machen. Es muss ja nicht abends sein. Jedenfalls solltest du dich dann voll auf deine Gedanken konzentrieren und nicht nebenbei den Fernseher laufen haben. Ich danke Gott ganz oft, dass wir Frieden haben – seit 70 Jahren, das ist eine Sensation! Und dass ich meinen Mann habe, der voll zu mir steht. Und meine Familie. Was will man denn mehr im Leben? Dass wir Abschied nehmen müssen und hier nur ein kleines Gastspiel geben – das ist doch bekannt von Anfang an, da mache ich mir nichts vor.
Lola: Ich denke manchmal darüber nach, dass es ja sein könnte, dass man noch mal neu geboren wird. Es könnte ja sein, dass ich schon 50-mal auf der Welt war, aber das alles vergessen habe.
Lübker: Vielleicht komme ich noch mal als Maikäfer wieder ... Nein, das glaube ich nicht. Aber das macht jeder mit sich selbst aus, Lola.

Wie rede ich mit Kindern über Gott?

Respektieren Sie, dass Kinder an etwas glauben wollen.
Die Frage, ob es Gott gibt, stellen manche Kinder schon mit drei Jahren, andere im Grundschulalter. „Kinder wollen glauben“, sagt die Münchner Grundschullehrerin Katrin Lex, 32 – woran, das verändere sich mit der Zeit. Lex unterrichtet Ethik, da kommt die Frage häufig. „Für manche Menschen gibt es Gott, für manche nicht, das ist ganz unterschiedlich“, sagt sie ihren Schülern.
Erkennen Sie die Überlegungen der Kinder an.
„Was glaubst du denn?“, fragt die Lehrerin in ihrer multikulturellen Klasse manchmal die Kinder. Besonders die Jüngeren orientieren sich noch an Figuren, die ihnen wichtig sind, wie Nikolaus, Christkind oder Weihnachtsmann. Auch bei Kindern, die aus einem nicht religiösen Elternhaus kommen, taucht Gott häufig auf. Ob zu Hause oder in der Schule, wichtig ist, dass jede Antwort angehört und anerkannt wird.
Muten Sie Kindern auch mehrdeutige Antworten zu.
Schon Sechs- bis Zehnjährige können damit sehr gut umgehen. Auf die Frage, wo Gott wohne, genügt es zu erklären, dass manche Menschen, die an Gott glauben, ihn in der Natur sehen, zum Beispiel in einem schönen Schmetterling, andere gehen in die Kirche, und wieder andere glauben, wenn Menschen etwas Gutes tun, sei das ein göttliches Zeichen. Nicht gläubige Eltern ermutigt die Pädagogin: „Kinder kommen gut damit klar, dass es nicht auf alle Fragen eine Antwort gibt.“
Geben Sie Kindern den Freiraum, selbst nachzudenken.
Wenn es Gott gibt, warum erlaubt er, dass schreckliche Dinge geschehen? Und warum sorgt er nicht dafür, dass ich einen Hund bekomme? Das sind Fragen, die Kinder beschäftigen. Sie verstehen, betont Ethiklehrerin Lex, wenn man ihnen sagt, dass die Menschen selbst dafür verantwortlich sind, wie sie zusammenleben. Und dass Gott keine gute Fee ist, die alle Wünsche erfüllt.
KAPITEL 1 • GEISTESLEBEN
Michael Bordtlehrt an der Münchner Hochschule für Philosophie. Der Jesuit, Jahrgang 1960, hat zahlreiche theologische und philosophische Werke veröffentlicht.
MAURICE WEISS / SPIEGEL WISSEN

„Die Welt wird sich weiterdrehen“

Gehört Selbsterkenntnis zu einem guten Leben? Was erfüllt uns? Welche Rolle spielt der Tod? Die Philosophin Svenja Flaßpöhler und der Jesuitenpater Michael Bordt über den Sinn unseres Daseins
SPIEGEL: Frau Flaßpöhler, warum haben Sie Philosophie studiert, ein Fach, in dem existenzielle Fragen behandelt werden, ohne dass es eine klare Berufsperspektive gibt?
Flaßpöhler: Ich wusste bei der Promotion noch nicht, was ich mit der Philosophie einmal machen will. Aber ich war immer sicher, dass das genau das Richtige für mich ist. Schon als Kind hatte ich ein interessiertes Verhältnis zum Tod. Manchmal, wenn ich abends mit gefalteten Händen im Bett lag, hab ich mir vorgestellt: So liege ich irgendwann einmal im Sarg. Das war kein beängstigender, sondern ein faszinierender Gedanke. Und wenn man über den Tod nachdenkt, dann ist man ja ganz schnell bei der Frage nach dem Sinn und nach dem Sein.
SPIEGEL: Aber noch nicht beim Philosophiestudium.
Flaßpöhler: Es kamen prägende Ereignisse hinzu. Meine Eltern haben sich sehr früh getrennt, meine Mutter verließ ihren zweiten Ehemann und uns Kinder, als ich gerade in die Pubertät kam, ich wuchs ab meinem 14. Lebensjahr bei meinem Stiefvater auf. Mir hat ein sicheres Fundament gefehlt, was bestimmt dazu beigetragen hat, dass ich früh eine elementare Form des Fragens entwickelt habe.
SPIEGEL: Herr Bordt, was hat Sie zur Theologie und zu den Jesuiten geführt?
Bordt: Ich wusste nach der Schule nicht, was ich mit meinem Leben machen will, wo ich Halt finde. Im Zivildienst mit geistig behinderten Kindern fühlte ich mich manchmal überfordert. Mit 21 geriet ich dann in eine freikirchliche Gruppe, in der ich eine tiefe religiöse Erfahrung gemacht habe.
SPIEGEL: Was ist da passiert?
Bordt: