Elite1 – Europas Untergang - Alex Trust - ebook

Elite1 – Europas Untergang ebook

Alex Trust

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Opis

Das Missionsschiff Elite1 ist in ferner Zukunft auf seiner ersten Mission unterwegs, um den Jupitermond Europa, der kurz vor der Zerstörung durch einen riesigen Asteroiden steht, zu evakuieren. Technische Probleme und politische Gegenspieler machen Admiral Taylor diese Aufgabe alles andere als einfach. Als dann auch noch eine neue Lebensform entdeckt wird, welche die bisherige Ordnung der Zivilisationen komplett durcheinanderbringen wird, überschlagen sich die Ereignisse ... Mit ganz anderen Schwierigkeiten hat derweil Beth, die neue Liebe des Admirals, zu kämpfen, denn sie stammt von der Erde der 1980er Jahre. Sie muss nicht nur lernen mit der Zukunft umzugehen, sondern auch mit ihrer Rolle als „Wächterin“ just dieser Lebensformen zurechtkommen.

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EPUB
MOBI

Liczba stron: 1295




Inhaltsverzeichnis

Impressum

Hinweise zum Lesen dieses Buches

Danke an

Vertrau mir

Mission

Konversion

Vertrautes Gesicht

Aufgewacht

Ankunft

Alleine Laufen

Rätsels Lösung

Aufruf

Verkündigung

Husarenpläne

Erste Fracht

Familienglück

Korridore

Feierabend

Tischgespräche

Pflicht und Kür

Deal

Eis-Experten

Entspannung

Engagement

Unter Freunden

Nahaufnahme

Opferstück

Deckung

Nachgedacht

Argwohn

Vulkans Wunsch

Aufgedeckt

Klare Worte

Zusammenkunft

Aufteilung

Umzug

Doppelter Gegenwind

Vernetzt

Schneller

Modifikation

Status Grün

Projektion

Neue Welt

Stimmungswechsel

Detailfragen

Letzte Nacht

Alteisen

Eigene Reihen

Erstes Drittel

Einladung

Zweite Meinung

Unwissende

Schreiendes Blau

Schutzhaft

Zusammenprall

Abschied

Aufmarsch

Sight seeing

Dekodiert

Planänderung

Zugriff

Freiheit

Biologieunterricht

Geordneter Rückzug

Alien Food

Rettungsfalle

Truppmann neun

Guter Rat

Schützenhilfe

Überhang

Kontakt

Ethik und Genetik

Frischfisch

Modularität

Zwischenerkenntnis

Probepäckchen

Falsches Bild

Getriebe

Austausch

Internas

Observatorium

Treffer

Artefakt

Geleitschutz

Tassenuniversum

Paarbildung

Neuland

Restarbeit

Entlastung

Bodenprobe

Letzte Tour

Aufklaren

Einschlag

Grad Acht

Tribut

Rapport

Lebendes Blau

Neue Heimat

Vorschau: Elite1 – Rotation

Impressum

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie­.

Detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://www.d-nb.de abrufbar.

Alle Rechte der Verbreitung, auch durch Film, Funk und Fern­sehen, fotomechanische Wiedergabe, Tonträger, elektronische Datenträger und ­auszugsweisen Nachdruck, sind vorbehalten.

© 2017 novum Verlag

ISBN Printausgabe: 978-3-95840-159-4

ISBN e-book: 978-3-95840-160-0

Lektorat: Katja Wetzel

Umschlagfoto: Alex Trust

Umschlaggestaltung, Layout & Satz: novum publishing gmbh

Innenabbildungen: Alex Trust (2)

www.novumverlag.com

Hinweise zum Lesen dieses Buches

Die Bücher der Reihe „Elite1“ erhalten eine Ergänzung in Form eines Supplements. In diesem finden Sie ein Glossar, Personenverzeichnis, Chronologie sowie Zusammenfassung der Kapitel. Zusätzlich eine Trivia und weitere wissenschaftliche Hintergründe zur Geschichte.

Aktuell ist das Supplement als E-Book und als PDF zum freien Download verfügbar unter http://www.alex-trust.com/elite1/supplement

Als Autor empfehle ich Ihnen das Supplement bereitzuhalten und ggf. Rat suchend hinzuzuziehen.

Danke an

meine Frau Gerti, die mir die Zeit und Gelegenheit geschenkt hat, dieses Buch (und mehr) zu schreiben.

Marion Jaud für die vielen erleuchtenden Momente, aus denen ich auch gelernt habe, dass es zum richtigen Zeitpunkt nichts Wichtigeres gibt als das herauszulassen, was herauskommen muss.

Meine vielen Helfer und Freunde, die mir Feedback gegeben und bei der Detailfindung geholfen haben, speziell Christina Fuhr und Thorsten Buchenau sowie Christian Freyer.

In Erinnerung an Ariane Neusser.

Vertrau mir

Ich liebe diese Stadt. München der 1980er. Genau meine Zeit. So wie andere sich das Mittelalter oder die Zeit der Ägypter vorstellen und sich dort hinein wünschen, so zieht mich eben diese kleine Location inmitten aller möglichen Universen unendlich an.

Hier kannte ich mich aus, war schon oft unterwegs und hatte irgendwie das Gefühl zu Hause zu sein – auch wenn ich dies nie war.

Magisch angezogen ging ich den Weg entlang in meine Stammkneipe, jene, in der ich schon des Öfteren war, jene, in der es jedes Mal anders war – kein Wunder, denn es war jedes Mal eine eigene Realität.

Die Zeit verging, während ich die Leute betrachtete. Ein Spiel, um mir meine Zeit zu vertreiben. Ich sah mir Menschen an, die ich vorher nie gesehen hatte, und dachte mir Geschichten aus. Geschichten über ihr Leben, ihren Alltag, Familie, Beruf.

„Hau weg die Scheiße!“ Aggressiv drang eine dennoch zärtliche Stimme vom Tresen an mich heran. Als ich mich umblickte, saß sie neben mir. Den Kopf mit der blonden Mähne weit in den Nacken gelegt. Das Schnapsglas leer.

„Harte Worte für so ein weiches Gesicht!“

„Klugscheißer! Was würdest du tun, wenn du die genialste Erfindung der Menschheit gemacht hast und dich dein Chef dafür feuert?“

„Ich würde zu meinem Partner in den Arm gehen und mit ihm die Welt verändern.“

„Die Welt verändern wird das nicht mehr, die Sache landet nur in der Schublade und wird nie wieder rausgeholt, weil es den Großen zu gefährlich ist.“ Sie ließ den Kopf über dem Tresen sinken. „Und um so einen Luxus wie Männer kann ich mich nicht kümmern – der liebe Chef hat mich in seinem Labor angekettet, versteckt vor der Welt eine Unwissende – und jetzt – gefeuert, Single, besoffen! – Tolles Leben!“

Es war kein Mitleid, das ich ihr entgegnete, sondern eine innere Neugier, die in mir pochte, als wäre ich auf das größte Verbrechen der Welt gestoßen. Und das im Wesen einer so bildhübschen Frau.

„Uhhh – was hat denn diese ‚geniale Frau‘ erfunden, als sie noch ‚beschäftigt, Single und nüchtern‘ war?“

Sie lachte, stützte sich auf ihr Glas und schüttelt den Kopf.

„Das ist zu hoch für dich – trink dein Bier und lass mich in Ruhe.“

Ich trank einen Schluck. Schließlich grinste ich und ließ sie nicht in Ruhe.

„Ich denke, als Arbeitslose hat man Zeit zum Reden – und nachdem du nicht mehr Single bist und nicht mehr nüchtern, kannst du ja über dein bisheriges Leben berichten, oder?“ Ich schob ihr einen weiteren Schnaps hin, den ich per Handzeichen beim Barkeeper geordert hatte.

Der Tresen war mit einer nassen Spur versehen, in der sie verträumt mit dem Finger Herzen malte. Ihre Hände waren kräftig, jene einer Sportlerin. Die Finger selbst geschmeidig, aber nicht gerade lang.

„Ich sagte, ichbinSingle.“

Zum ersten Mal drehte sie sich zu mir um.

Ihre Augen, strahlend blau, waren wässrig. Vom Alkohol oder Tränen ließ sich nicht ausmachen.

Ich lächelte sie an. „Sicher?“

Sie zögerte, doch dann brach der Redefluss aus ihr heraus.

„Multiple Dekavitation bei nukleotider Detonation im Hochvakuum.“ Sie ließ eine Pause, um zu genießen wie mir die Sache zu kompliziert wurde.

Wurde sie aber nicht.

Verzweifelt legte sie nach: „Gerichtete Phalanxbildung durch inherente Bias“, grinste sie und wartete, bis ich abwinkte.

„In wenigen hundert Jahren wird man damit Clustersprünge wagen, meine Liebe – die Energien müssen dazu nur noch höher werden. Aber das ist für mich bereits Alltag, über den ich mir keine Gedanken mehr mache.“

Nun entgleiste ihr Blick.

Ich wandte mich ab, nahm einen langen Schluck meines Bieres und genoss ihre Verblüffung. Sie schien plötzlich vollkommen nüchtern zu sein.

„Du hast Ahnung von so was, oder?“

Ich schwieg.

„Bist du einer von den Franzosen? Die wollten schon immer an meine Ergebnisse!“

„Wo ich herkomme, dort gibt es keine Franzosen! Und wenn du nicht mehr Single sein willst …“

Ich kam nicht weiter. Das Zittern, Vibrieren des Barhockers, des Bodens, dann das leise Klirren der Gläser in der Vitrine, schließlich immer stärker, gepaart von einem Wummern, wie auf einer alten Fähre, wenn der Motor in Resonanz mit den Wellen das Schiff an der Reling erzittern lässt.

Die Gläser auf dem Tresen fingen an zu wandern, Leute wurden unruhig. Sie saß da und fragte mich mit atemlos hauchender Stimme: „Erdbeben? In München gibt es keine Erdbeben!“

Ich stand auf, mein Barhocker kippte um. „Das gilt mir!“

Wie in einem Reflex griff ich nach ihrer Hand, zögerte, wusste, dass ich gehen musste. Aber war das der Zufall, den ich immer wieder anzog? Dann war das der Moment, ihre Hand nicht loszulassen.

Ich zog, sie glitt vom Stuhl, wir stürzten auf die Straße. Die Fußgängerzone war hell erleuchtet. Das Vibrieren und Rauschen schier ohrenbetäubend. Schaufenster wackelten, Leute suchten unter den Dächern Schutz. Doch ich zog sie hinaus in die Mitte des Platzes, geführt von hellen Strahlen. Ja, genau so stellte man sich in ihrer Zeit in den Filmen immer das Kommen der Außerirdischen vor. Dann blieb ich stehen, nahm sie eng an mich.

Fasziniert in den Himmel starrend, nicht wissend, ob sie Angst haben sollte oder ihre Neugier überwog, ließ sie gewähren und schien fast ahnen zu können, was ihr nun geschehen würde.

„Wenn du dein Leben so scheiße findest und wenn du tatsächlich so eine geniale Erfinderin aus ganzem Herzen bist – und wenn du nicht mehr Single sein willst – kannst du dir vorstellen, dein Leben jetzt und hier aufzugeben und mit mir zu kommen – neu zu beginnen?“

Sie starrte nach oben in die Lichter, die sich flirrend über uns senkten, bis sie noch weit über den Dächern der Stadt still standen und sich eine Luke öffnete. Dann, zuerst als kleiner Punkt, doch klar erkennbar, etwas auf uns zustürzte.

„Was ist das hier? Versteckte Kamera oder Realität?“

„Vertraust du mir?“

Ihr Flüstern war im Lärm kaum wahrnehmbar, ihre Arme aber sagten mir, dass sie entspannt, gefasst und neugierig war.

„Dann halte dich fest!“

Neben uns hingen vier schwarze Gestalten, kopfüber, maskiert, an hauchfeinen Seilen.

„Guten Abend, Sir!“

„Wir haben einen Gast!“

„Das habe ich mir gedacht, Sir, daher habe ich zwei Gurte dabei, Sir!“

Und während ich lächelte schlossen sich die Gurte, geführt von den routinierten Händen um uns.

Ich blickte sie an, ihre Augen sprachen Bände des Vertrauens, als hätte sie nie etwas anderes gemacht und wir uns seit Lebensbeginn gekannt.

„Schau nach oben und hab keine Angst!“

„Fertig, Sir?“

Ihre Augen lösten sich von mir und blickten in die Luke, zig Meter über uns.

Es dauerte nur Bruchteile von Sekunden, die Beschleunigung stärker als alles, was sie bisher erlebt hatte. Der weiße Fleck raste auf uns zu und stoppte keine Handbreit vor unseren Köpfen, um uns wieder fallen zu lassen, auf den Boden der Luke, welcher sich wie eine Schere unter uns geschlossen hatte.

Sie hatte keine Zeit zu schreien, ihr Nervensystem war offensichtlich zu träge dazu.

Schlagartig wurde ihr die Stille bewusst, in der sie sich befand. Umgeben vom Brummen, das sie in der Bar zum ersten Mal gehört hatte. Ich ließ sie los. Das zarte Geschöpf glitt von mir, aufgefangen und gestützt von zwei der schwarzen Gestalten.

„Alles in Ordnung! Bleib einfach bei ihnen, lass dich führen – ich komme, so schnell ich kann!“

Sie nickte, gewann an Sicherheit.

„Willkommen an Bord, Sir.“

„Wenn ihr mich hier rausholt, dann muss schon etwas Besonderes sein!“

Er legte seinen Kopf zur Seite. „Selbst Newton und Suan wissen noch nichts, aber sie sollen alle drei anwesend sein.“

Ich drehte mich um, sorgend um das Mädchen, das ich gerade aus ihrer Welt gerissen hatte. Doch der Helfer beruhigte mich: „Wir kümmern uns, Sir!“

Dann ging ich.

„Ma‘am …“ Er wies ihr den Weg in den nächsten Raum.

Der Raum war quasi leer. Einige Sessel vor einem Fenster. Dunkelheit, Sterne, der Mond.

Sie setzte sich nicht.

Er blieb im respektvollen Abstand stehen, die Hände auf dem Rücken.

„Leider haben wir hier nicht den Service, den Sie vielleicht gewohnt sind, Ma‘am, aber wenn ich etwas für Sie tun kann?“ Sein Deutsch klang gebrochen, aber er bemühte sich.

„Wo bin ich hier?“

„Nun, Ma‘am, das ist die Sache des Sir, Ma‘am, da kann ich Ihnen leider nicht weiterhelfen. Aber es dauert nicht lange, bis wir ankommen, Ma‘am, dann wird sich sicher alles lichten.“

Sie atmete ruhiger.

„Ist das der Mond? Er ist so groß!“

Die wenigen Augenblicke bis zur Antwort vergingen wie eine Ewigkeit, während sich der Himmel zu bewegen schien.

„Nun, Ma‘am, wir werden gleich schwenken und die Erde sehen. Sie ist wunderschön.“

Wie auf Kommando neigte sich das Sichtfeld, der Mond verschwand rechts oben aus dem Bild – sie trat näher, konnte die Scheibe aber nicht fassen.

Dann kam, blau leuchtend, die Erde von unten heran.

„Ist – das – die Erde? Film?“

Er ließ sie etwas zappeln, obwohl er das nicht mit Absicht tat. Doch ihre unglaubliche Verwunderung wollte er nicht unterbrechen.

„Nun, Ma‘am – wie gesagt, das ist etwas kompliziert. Aber ich kann bestätigen, Ma‘am, dass dies die Erde ist. Und es ist – nun – natürlich kein Film, Ma‘am.“

Sie ging in die Hocke.

„Fliegen wir?“

Der Helfer räusperte sich und musste insgeheim in sich hineinlachen. Konvertierte waren immer so verwundert beim ersten Mal. „Es wird gleich der Mond erscheinen – dort sind wir dann am Ziel.“

„Wir landen auf dem Mond? Ihr wollt mich verarsch…“

Wie auf Zeichen erschien der klare, gelblich braune Felsen im Fenster.

Ich betrachtete sie, wie sie da hockte, sich mit einer Hand am Boden stützte.

Ihre Turnschuhe, die knallige Jeans, der pralle Hintern, das weiche Shirt, ihre Mähne, im Gegenlicht eine wunderbare Silhouette.

Sie hatte ihre Jacke vergessen. Eine dunkelblaue Daunenjacke.

Sie hatte ihr Leben zurückgelassen.

„Wir werden dort nicht landen. Unser Schiff ist nur hinter dem Mond versteckt. Eure Teleskope könnten uns ausmachen, eure Sensoren reichen aber nicht um den Mond herum. Und normalerweise zeigen wir uns auch nicht so öffentlich.“

Sie nahm mich nicht wirklich wahr.

So hockte ich mich hinter sie, winkte meinem Helfer, uns alleine zu lassen.

Dieser zog sich zurück mit den Worten: „Weniger als ein Gone, Sir.“

Ich hielt sie. Sie roch wunderbar süßlich. Mein Kopf legte sich von hinten über ihre Schulter. „Das ist kein Film. Das ist Realität. Und es ist wunderbar!“

Sie neigte den Kopf, versuchte mich anzusehen und flüsterte: „Und wenn das das Ende meines Lebens ist – dafür hat es sich gelohnt!“

Ich grinste, deutete auf den Mond, der sich vor die Erde schob. „Es ist nicht das Ende deines Lebens – es ist nur das Ende des Lebens, das du bisher kanntest.“

Wir genossen den Moment.

„Du hast gesagt, du vertraust mir. Du wirst nicht enttäuscht werden. Dort unten – dort gibt es nichts mehr für dich zu tun. Du bist denen weit voraus. Hier, hier und jetzt, in dieser Realität, hier, wenn sich die Tür hinter uns öffnet, da bist du zu Hause, da gibt es Dinge für dich zu entdecken, die du dir nicht mal im Traum vorstellen kannst.“

Wir erhoben uns langsam, rieben uns aneinander. Sie führte meine Hände auf ihren Bauch, hielt sie fest. Sie waren warm und ihre Atmung ruhig. Vorbei aller Weltschmerz, den sie noch vor wenigen Gone auf ihrem kleinen Planeten mit den großen Sorgen herausgeschrien hatte.

„Ich kenne nicht mal deinen Namen, aber ich vertraue dir.“

Es wurde dunkel, der Mond verdeckte unsere Aussicht.

„Max.“

Sie schien es kaum gehört zu haben.

Die Tür öffnete sich. Im Lichterschein räusperte sich jemand.

„Wir sollten …“

„Geh’ und tu’, was du zu tun hast. Ich werde noch immer da sein, wenn du wiederkommst.“

Sie ließ mich gehen.

Als ich auf der Höhe meines Assistenten war, blitzen die Augen einer blonden Schönheit im Licht. Sie war wunderbar hübsch.

„Die Konversion ist fast abgeschlossen, Sir, man erwartet Sie, Sir.“

Ich nickte.

„Ich kümmere mich um Ihren Gast, Sir.“

Als sich die Schleuse vor mir öffnete, war ich bereits in meiner Routine. Wenige Schritte im hellen Gang und ein kurzes Briefing. Zu zweit waren wir im Permovator.

Ich schwieg.

„Hat’s Ihnen ganz schön angetan.“

Ich drehte mich zu ihm.

„Verzeihung, steht mir nicht zu.“

„Doch, ja, schon, wenn nicht meiner rechten Hand, wem dann?“

Er blickte auf den Boden „Ich habe nicht viel von ihr gesehen, Sir, aber – hübsch, sehr hübsch, wenn ich das so sagen darf.“

Die Tür öffnete sich. Suan wartete bereits, Amy kam aus dem Permovator gegenüber.

„Dürfen Sie, Karcher, dürfen Sie!“

Die Tür des Permovators schloss sich hinter mir, mein ExO verschwand.

Die Wand des Konferenzraumes wurde hell. General Lukovic blickte in den Raum.

Suan drehte sich zu ihm. Ich stand neben ihm. Newton kam von hinten zu meiner Rechten.

„Ich habe gehört, du hast einen Gast mitgebracht?“ Suan blickte mich aus dem Augenwinkel an.

Ich grinste.

Mission

Lukovic unterbrach die Stille. „Ich weiß nicht, Taylor, aus welchem Unfug ich Sie wieder herausgeholt habe, aber es ist schön, dass Sie drei mir endlich Ihre Aufmerksamkeit schenken.“

Wir standen still und gespannt, versuchten keine Miene zu verziehen.

„Ich verzeihe Ihnen, General, dass Sie mich aus meiner Freizeit herausgeholt haben, Sir – aber ich hoffe, derUnfughier lohnt sich!“

Newton stieß mir ihren Ellenbogen in die Rippen, Suan grinste.

Diesmal war es Lukovic, der sich jegliche Miene verkniff.

„Wenn Sie also alle so eifrig arbeiten, wie Sie das sollten, dann können Sie mir sicher auch bestätigen, dass Sie alle Asteroiden im Blick haben, die sich in unserem Sonnensystem befinden und gewisse Besonderheiten aufweisen.“ Sein aufgedunsenes Gesicht lächelte und es war klar, dass er mehr wusste als wir.

Suan rief die Tactics auf und nur wenige Handbewegungen später hatten wir einen Punkt, der sich auf dem Weg zu den Gasriesen des Sol-Systems befand, jenem Sonnensystem, das für Menschen lange Zeit als einziges mit Leben galt.

„Sir, ich gehe davon aus …“ Suan blickte uns an, um sich zu versichern, dass es in Ordnung war, wenn er uns aus der Patsche half. Warum sollte es nicht in Ordnung sein? Wir zwei zumindest waren immer ein besonders gutes Team und Suan konnte mit Tactics umgehen, wie kein anderer „… dass Sie jenen meinen, General, der sich auf Europa zubewegt?“

„Wenigstens einer, der seine Hausaufgaben hier macht.“

Suan kniff die Lippen zusammen.

„Dann ist Ihnen auch aufgefallen, dass dieser sich zerteilt hat?“ Lukovic grinste wieder in seiner eigentümlichen hinterhältigen Art.

Suan korrigierte Lukovic: „… zerteilen wird, General, er wird sich bereits bei Annäherung an Saturn zerteilen, Sir.“

„Suan!“ Lukovic lächelte – er lächelte nie – diesmal lächelte er. Und das bedeutete nichts Gutes. Gar nichts Gutes. „Suan, mein Lieber, ich dachte schon, Sie seien ein löbliches Vorbild für die anderen. Aber die Tactics kann ich auch bedienen.“ Lukovic schickte uns eine Detailanimation.

„Erhatsich bereits zerteilt. Und zwar fast einen Orb zu früh.“

Die Aufnahmen zeigten den Asteroid mit einer langsamen Teilung. Suan fuchtelte an Tactics herum und wies uns auf eine kleine Abweichung hin.

„Sie haben schon begriffen, Suan, der Kurs ist dadurch vom Berechneten abgekommen.“

Wir versuchten uns mit den Daten anzufreunden.

Lukovic beobachtete uns, als hätten wir ein Rätsel zu lösen.

„Lassen wir den Unfug!“, unterbrach er lautstark unsere Arbeit. „Triviale Aufgaben wie diese haben Ingenieure schon weit vor Ihnen gelöst.“ Er beendete unsere Animation. „Der Unfug, Taylor, hat sich gelohnt. Europa ist nun nicht mehr Beobachtungspunkt, Taylor, sondern Zielgebiet.“

Wir begriffen.

Europa. Jupiters Mond mit seinem Forschungszentrum war nicht mehr die beste Aussichtsplattform um den Einschlag auf Jupiter zu beobachten – sondern selbst zum hervorgesagten Einschlagort geworden.

„Europa wird diesen Aufschlag nicht überleben. Selbst wenn nur zwei der neun Bruchstücke wirklich einschlagen, wird das Europa zerreißen wie eine Melone.“

Stille.

„Europa ist zu evakuieren. Komplett. Ich will, dass sich beim Aufschlag nicht ein Individuum im Gefahrenbereich befindet.“

Stille.

„Und wenn ich sagekeinIndividuum“, Lukovic beugte sich zu mir vor, „dann meine ich damit, dass auch die Elite1 ihren fetten Arsch da raus schwingt – Taylor!“

Stille.

„Ich habe mich da klar ausgedrückt, Taylor. Leider ist Ihr Schiff das einzige, das über die Möglichkeiten verfügt, diese Mission durchzuführen. Zeigen Sie drei uns also bitte nun, dass die Investition, solch ein Schiff zu bauen, Sinn gemacht hat – und dass es kein Unfug war, dieses Ding in ausgerechnet Ihre Hände zu legen.“ Lukovic drehte sich um und nahm einen Schluck. „Die Elite2 ist noch im Bau und wird nicht fertig werden, ich muss also in den sauren Apfel beißen und Sie damit beauftragen, die Evakuierung in Gang zu bringen.“ Er drehte sich um und grinste mich an. „Und bitte, Taylor, diesmalohneKollateralschaden und Kamikaze-Aktionen, bei denen man mehr Glück als Verstand haben muss.“ Er setzte sich. „Suan, mein Freund, Sie und die kleine Amy passen bitte auf unser liebes Mäxchen auf, dass er diesmal keine Dummheiten macht und die Elite1 wieder heil zurückbringt. Kommandant Yasul wird Sie nun einweisen.“

Die Übertragung war beendet, noch bevor die Worte im Raum verhallt waren.

Wir drei standen da wie Kinder. Keiner von uns hatte davon erfahren, dass der Asteroid bereits zerborsten war – und so war auch keiner darüber informiert, dass Europa in Gefahr sei.

Suan und Newton widmeten sich wortlos dem Tactics. Es zeigte keinerlei Hinweise auf eine Kursänderung und keine Informationen, wann und wo der Körper sich geteilt hatte.

Yasul erschien auf der Übertragung. Der verbissene dunkelhaarige und knochige Typ entsprach eher dem eines verhungerten Penners als jenem eines Kommanders der Generalität.

„Admirals, ich habe die Aufgabe Sie in Ihre Mission einzuweisen.“

Ich fiel ihm ins Wort: „Warum wissen wir nichts davon, dass der Asteroid sich geteilt hat?“

Newton drehte sich um, stärkte meinen Rücken.

Doch Yasul war nicht berührt, kratzte sich in seinem fettigen Stoppelbart. „Diese Kenntnisse wurden von einer Beobachtungsdrohne der Secury übermittelt. Sie wurden von der Führung als kritisch eingestuft. Um zu verhindern, dass es zu einer Hysterie kommt, wenn das Schicksal Europas bekannt werden würde. Daher wurden die Kenntnisse unter Verschluss gehalten und zuerst ein Generalplan entwickelt. Die Elite1, genauer gesagt, Sie, sind die Ersten außerhalb der Generalität, welche von diesen Fakten Kenntnis erhalten. Sie haben dabei die Aufgabe, dieses Wissen in koordinierter Form zu vermitteln und währenddessen bereits für Ordnung zu sorgen.“

Suan lachte. Wir drehten uns um, denn wenn er in dieser lauten Weise lachte, dann war etwas Besonderes.

„Die Tactics hat sich verändert. Wir haben wohl nun Zugang zu den Daten.“

Er dirigierte die Ansicht. Nun war auch für Newton und mich aus der Ferne jedes Detail sichtbar – auch die bereits entstandenen Splitter und deren korrigierte Kurse. Alle Teile würden laut Tactics Europa mit voller Wucht treffen.

Ruhig und mit süßlicher Stimme versuchte ich Yasul aus der Reserve zu holen. „Und Sie meinen, Kommander, dass die Elite1 nun die Kohlen für die Generalität aus dem Feuer holen soll, um später ein Opferlamm zu haben, wenn es darum geht, dass Panik ausgebrochen ist?“

Yasul schluckte, um Zeit für eine diplomatische Antwort zu erhaschen. „Ehre, Sir, Ehre würde besser passen, Admiral, Sir.“ Feine Schweißperlen glänzten auf seiner Stirn.

Suan war tief in die Details gedrungen, prüfte bereits Daten und Positionen von Schiffen in der Umgebung. Newton flüsterte vor sich hin, sodass wir es verstehen konnten – ihre Art, wirklich Wichtiges zu sagen. „Wir werden es als Chance darstellen. Sodass kaum einer von Europa weg möchte. Dann wird es nicht zu einer Flucht werden.“

Yasul meldete sich zu Wort. „Die Admirals werden alle Hilfen und Rechte in Anspruch nehmen können, über welche die Secury verfügt, Sir, natürlich unter Einhaltung der üblichen gesetzlichen Regelungen, der ethischen Trennung und der üblichen Sicherheitsbestimmungen, sowie der Restriktionen durch interstellare und intergalaktische Abkommen, als auch …“

„Wie viele?“, fragte ich in den Raum hinein. Yasul und Suan fühlten sich beide angesprochen.

„381 Millionen“, sprach Suan.

„Alle!“, kam vom Kommander Yasul.

„381 Millionen Individuen laut unseren Datenbanken.“ Suan schüttelte leicht den Kopf. „Alle – wird zwar unser Ziel sein, Kommander, aberallebedeutet auch, dass wir verdammt wenig Zeit haben. Und wenn Sie mich fragen, dann viel zu wenig Zeit. Oder exakter: nicht genug, um auch nur einen Bruchteil derer zu evakuieren!“

„Ich meinte mitalle, Sir, dass Sie über alle Schiffe der Secury verfügen können, Admiral, Sir. Wie gesagt, jene der Secury, Sir, nicht den anderen zivilen Schiffen. Deren Teilnahme muss beantragt werden, aber das ist Ihnen ja als übliches Vorgehen bekannt. Wobei wir zusichern können, dass wir die Verfahren entsprechend beschleunigen werden. Ausnahmen sind natürlich Schiffe geächteter Zivilisationen wie den Klingonen, jener unter Kontaktschutz, wie den Bahrit und nicht zu erwähnen all jener ohne Forschungsgenehmigung auf Europa.“

Newton flüsterte: „Viehtransport.“

Das konnte nur ich verstehen.

War die Zeit der 1980er auf der Erde doch mein Hobby, so war bekannt, dass man damals auf der Erde animale Lebensformen stark zusammengepfercht transportierte, mehr als die Ladekapazität eigentlich hergab. Wenn Newton dieses Wort nutzte, dann nur, um mir ihre Idee und zugleich Befürchtung mitzuteilen, ohne dass die anderen das mitbekommen sollten. So war es auch: Yasul ignorierte die Wortmeldung, Suan ließ mit seinem Blick verstehen, dass er uns vertraute.

„Wenn wir Zugriff auf alle unserer Schiffe haben, Kommander, haben wir dann auch Zugriff auf alle Daten?“

„Haben wir!“, antwortete Suan. „Ich komme sogar an die Beobachtungsdrohne dran, von der wir nicht mal wussten, dass sie existiert.“

Yasul blickte zu Boden.

„General Lukovic war lediglich für die Geheimhaltung verantwortlich, Sir, die Mission wurde direkt an Sie verwiesen. Die Elite1 ist das neueste und effektivste Missionsschiff der Secury, und wenn ich das mit Verlaub sagen darf, Sir, Sie sind für Ihre – sagen wir – ungewöhnlichen und nicht selten unglaublich erfolgreichen Vorgehensweisen bekannt. Sie können sich denken, dass man sich an entsprechender Stelle gegen alle Vorurteile sehr wohl positiv darüber geäußert hat, dass wohl nur die Admiralität der Elite1 in der Position ist, diese Mission, wenn überhaupt …“ Ich gab das Handzeichen zur Unterbrechung der Übertragung – wir waren wieder alleine, schneller als ihm lieb war.

Diplomatie war noch nie meine Stärke.

Konversion

Kaum hatte ich den Raum verlassen, deuteten meine Leute mit einer einladenden Geste Beth den Weg aus dem Retrieval, welches uns aus dem München ihrer Zeit abgeholt hatte. Zögerlich, wenngleich neugierig folgte sie wortlos, jedes Detail aufsaugend, bis sie aus der dunklen Atmosphäre in einen weiten, hellen Gang mit rotem Boden kam.

Ihr gegenüber stand eine blonde Frau. Sie blickte zu Boden. Ihre Stimme war kaum hörbar, doch jedes Wort war bestens verständlich. „Mein Name ist Konsultant Payong. Ich werde Sie begleiten und Ihnen alle Fragen beantworten, bis wir weitere Anweisungen erhalten.“

Beth zögerte.

Ihre Stimme, selbst eine weiche, schien ihr gegen diese zarte Art wie ein Reibeisen vorzukommen. „Hallo.“ Nicht gerade das Intelligenteste, was sie jemals gesagt hatte.

Payong erhob den Blick. Ihre Augen konnten durchdringen, aber taten dies ohne zu verletzen. „Kommen Sie, ich zeige Ihnen Ihre Unterkunft und gebe Ihnen passende Kleidung.“ Sie deutete zu folgen und als Beth in ihrer Höhe war, sagte sie: „Wie darf ich Sie nennen, Ma‘am?“ „Beth. Beth Midway. Beth, bitte, einfach nur Beth, wenn das geht.“ „Alles geht, Ma‘am, Sie sind Gast des Admirals, Sir. Ma‘am.“ „Sie nennen ‚ihn‘ Admiral. Meinen Sie Max? Ist er der Chef hier oder so was Ähnliches?“ Payong lächelte. Eine Frage, die jeder stellen würde, der erst seit einem Gone in der neuen Welt war.

„Sie sind an Bord der Elite1, einem Missionsschiff der Secury Foundation. Dem größten und neuesten, um genau zu sein. Das Schiff, das Sie hierher gebracht hat, war nur so etwas wie ein – wie würden Sie sagen – Zubringer?! Nun, ein L-Retrieval, jedenfalls. Ich hoffe der Moment, in dem man Sie an Bord gehievt hat, war nicht zu schlimm für Sie, Ma‘am? ‚Max‘, wie Sie ihn nennen, ist Sir Admiral Max Taylor, der Kommandant dieses Schiffes oder, besser gesagt, einer der drei an Bord. Admiral Suan und Admiral Newton sind die anderen. Sie werden das bald mitbekommen.“

„Also, muss ich ihn nun ‚Sir‘ nennen oder wie mache ich das hier richtig?“ „Nein, Sie dürfen ihn nennen, wie Sie möchten, Ma‘am. ‚Taylor‘ wäre angemessen, ‚Max‘ …“, Payong blickte zu Boden, „‚Max‘ wäre passend, wenn Sie rein privater Natur hier wären.“ Beth lächelte.

Die Tür schloss blitzartig, um Augenblicke später wieder aufzuschnellen. Von einer Fahrt war nichts zu spüren. Vor Beth tat sich ein großer Raum auf. Blau und Weiß dominierten.

„Ich habe Ihnen neue Kleidung dort drüben hingelegt. Ihre eigene können Sie leider an Bord nicht anbehalten. Dort finden Sie die SU und die LU als auch die RA. Bezüglich Ihrer Schlafmöglichkeiten habe ich allerdings noch keine Anweisung.“

„Ist das die Kabine von Max?“

Payong nickte. „Wenn Sie das so nennen möchten, Ma‘am. Ja. Er ist privilegiert an Bord, es wird also nicht an Platz fehlen, wenn Sie mehr wünschen.“

Beth blickte sich um. „Sie machen Scherze.“

„Verzeihen Sie, Ma‘am, reicht Ihnen das nicht aus? Ich werde gerne Entsprechendes veranlassen.“ „Nein! Nein, um Gottes willen, nein. Schon alleine dieses Zimmer hier ist größer als meine ganze Wohnung in Schwabing. Lassen Sie mal gut sein, ich bin hier nur über den Luxus überrascht.“

Payong war beruhigt. „Ich lasse Sie nun alleine, nehmen Sie sich Zeit. Ich werde Sie in einigen Gone abholen, dann zeige ich Ihnen die Verpflegungsmöglichkeiten, wenn Ihnen das recht ist?“

Beth drehte sich um. „Nein – bitte. Bleiben Sie. Ich habe keine Ahnung, was ich hier wo finde und wie was geht – bitte, ich meine, ich weiß nicht mal, was das für Wörter sind, die Sie gerade benutzt haben. Können Sie bleiben?“

Payong grinste leicht, machte einen halben Schritt nach vorne, der Permovator schloss sich geräuschlos, aber blitzartig. „Natürlich, Ma‘am. Dafür bin ich da, Ma‘am. Ich dachte nur, Sie wollen einige Zeit alleine verbringen?“ „Nein, bitte, nein, bitte nicht.“ Beth drehte sich um die eigene Achse. „Wo zum Beispiel kann ich ‚für Mädchen gehen‘ und wo die Hände waschen? Und das mit der Kleidung, also, ich …“

„SU oder LU?“, fragte Payong und ging zu zwei Öffnungen an der Wand.

„‚Ludwigshafen‘ oder was?“ Beth grinste ob des Witzes, den Payong nicht verstehen konnte.

„SU – ‚solid unit‘ oder LU – ‚liquid unit‘. Eine Frage was von beidem Sie loswerden möchten.“

„Oh – ah! Äh – beides.“ „SU!“ Beth huschte hinein.

Sekunden später öffnete sich die Tür abermals, darin Beth. „Und wie geht das hier?“

Nachdem Beth die erste Hürde der Integration genommen hatte, betrachtete sie die Kleidung, die für sie bereitgelegt war. Bestehend aus zwei Overalls, beide in Grau gehalten, mit fest angebrachten Füßlingen.

„Dieser hier“, Payong hob den dünneren, offensichtlich hautengen an, „ist für Ihren Alltag an Bord gedacht.“ Sie ließ ihn nieder und nahm den anderen Overall, der weicher schien und fast sackartig weit. Die Füßlinge mehrere Finger dick gepolstert, an den Handgelenken und am Hals jeweils ebenso dicke und breite Bündchen. „Jener ist für Ihre Freizeit gedacht. Man trägt ihn im Regelfall hier in diesem Raum, beim Schlafen und selbstverständlich bei offiziellen Anlässen.“ Beth nahm ihn, hob ihn vor sich und nahm Maß. „Sie meinen, man geht hier im Schlafanzug auf einen Empfang?“

„Wenn Sie das so ausdrücken möchten, ja. Es ist eine Ehre, wenn Sie anderen zeigen, wie Sie rein privat sind. Sie symbolisieren sozusagen ein gewisses Vertrauen, das Sie zulassen, Ma‘am.“

Payong hob wieder den dünneren hin. „Dieser hier ist aber jetzt der Richtige für Sie. Ich gehe davon aus, dass Sie das Schiff sehen möchten und etwas essen?“

Beth legte den dickeren Overall beiseite, nahm den angebotenen und blickte sich um. „Wo?“

„Hier.“

„Sie meinen, ich soll mich vor Ihnen ausziehen?“

„Gibt es da ein Problem?“

„Das ist hier so üblich?“

„Ja, wieso nicht?“

„Scham?! Ich meine, ich kenne Sie nicht.“

Payong verstand und ging einen Schritt zurück. „Verzeihen Sie.“

Beth zögerte weiter. „Also, in der Welt, aus der ich komme, zieht man sich im Bad um. Oder in einer Umkleidekabine oder jedenfalls alleine.“

Payong zweifelte. „Wieso sollte das nötig sein? Denken Sie, dass sich Ihr Körper von den anderen Individuen essenziell unterschiedet, oder gibt es etwas, das Sie verheimlichen möchten?“

Beth begann ihren Pullover auszuziehen. Darunter ein hautenges T-Shirt. „Besser?“

Payongs Blick ließ ein Grübeln erahnen.

Es folgte das T-Shirt, die Turnschuhe, Jeans.

Payong rührte keine Miene.

„Alles?“

„Alles.“

Beth zischte.

Bustier, Slip, Socken.

„So recht?“

Payong deutete auf den Overall.

„Keine Untersuchung?“

„Was meinen Sie damit?“

„Ich stehe hier nackt vor Ihnen, als wäre ich beim Militärarzt. Finden Sie das nicht etwas peinlich?“

„Verzeihen Sie, ich spreche zwar Ihre Sprache recht gut, aber können Sie das Wort ‚peinlich‘ erklären?“

Beth zerrte den Overall zu sich und versuchte in die Beine einzusteigen. „Ach, vergessen Sie es.“

Sie war selbst überrascht, wie geschmeidig und passend der Overall inklusive der Füßlinge war und wie leicht sie hineinsteigen konnte. Es dauerte nur einen Moment, bis der Stoff ihren kompletten Körper umschlang und bis hoch zum Hals wie angegossen saß. Beth wunderte sich, fasste an ihre Ärmelbündchen, den Halskragen und war der Meinung, nichts an dem Overall nachjustieren zu müssen. Warm, angenehm, aber nicht beengend, fast unspürbar umschloss der Overall ihren Körper. Sie tat einen Schritt.

„Fertig?“

Payong nickte. „Essen?“

„Und Schuhe?“ Beth blickte an sich herunter.

„Haben Sie doch bereits an, Ma‘am. Der Overall. Mehr benötigen Sie nicht.“

Beth tat einen weiteren Schritt. Und tatsächlich war das Gefühl trotz des hauchdünnen Stoffs als hätte sie festes Schuhwerk an.

Als sich die Tür zum Restaurant öffnete war Beth von der Größe des Saals überwältigt. Payong wies den Weg zu einem Tisch nahe eines großen Fensters. Daran waren keinerlei Stühle zu erkennen und auch der Tisch bestand aus einer einzigen hauchdünnen Platte, die zu schweben schien. Als sich Payong wie selbstverständlich setzte, zuckte Beth und befürchtete, dass sie den fehlenden Stuhl übersehen hatte. Doch aus dem Boden erhob sich zeitgleich etwas wie eine Folie, die nun geformt wie der Körper von Payong eine Sitzmöglichkeit mit Lehne und Armlehne formte.

Beth, technikaffin, vertraute ihr und ließ sich fallen. Weich schmiegte sich das Material an ihren Rücken und folgte jeder Bewegung.

Rechts neben ihnen ein Bullauge. Mehrere Meter hoch, vom Boden bis zur Decke, sicher 40 oder 50 Schritt in der Breite des Raumes und wie man meinen konnte mit einer gewölbten Scheibe.

Das sanfte Licht von draußen kam von der Sichel Lunas, nicht weit vom Fenster entfernt. Beth genoss den Augenblick.

„Wenn das hier also der Mond ist und wir hier in einem Raumschiff sind, dann sind wir nicht im Jahre 1986, oder?“

„Möchten Sie nicht erst einmal etwas essen?“

„Pasta bitte, mit irgendeiner Soße. Und Bier.“

Payong zögerte nicht. Wenige Augenblicke später hatte sie bestellt.

„Das einzige Raumschiff, das ich kenne, ist die Columbia. Und die ist von den Amis. Aber Sie sprechen alle Deutsch hier?“ Sie blickte sich um. „Na ja, bis auf die da.“ Sie versuchte die Sprache der anderen zu erraten. „Was ist das? Arabisch? Nein, warten Sie – Schwedisch? Japanisch? Sagen Sie es mir?“

„Abr.“

„Was?“

„Abr. Wir sprechen alle ‚Abr‘. Es gibt keine andere Sprache mehr. Seit über zweitausend Jahren Ihrer Zeitrechnung, Ma‘am.“

Beth versuchte weiter Sinn in den Worten zu finden. Vergebens.

„Okay. Langsam. Wo bin ich, wer bin ich und vor allem, warum bin ich hier?“

Payong fuchtelte in der Luft herum, es schien als führe sie Selbstgespräche. Dann beugte sie sich vor.

Erst jetzt erkannte Beth, wie geschmeidig und freundlich ihr Gesicht war. Wie unglaublich luftig ihre langen, glatten blonden Haare fielen. Ihre Figur war makellos schön, aber – nichtssagend. Stereotyp, wie aus der Retorte.

Sie blickte sich um. Alles glänzte. Dennoch drangen die Stimmen der anderen nur sanft durch. Etwas, das nicht sein konnte. Keiner der Anwesenden trug etwas anderes als die engen Overalls. Lediglich die Farbe unterschied sich in Rot und Blau. Payong war die Einzige in Gelb, sie die Einzige in Grau. Und obwohl sie auffallen mussten, schien keiner der Anwesenden sich daran zu stören oder gar sie wahrzunehmen. Tief sog sie die Luft ein, die neutral, einfach nachnichtsroch.

„Ooookayyy. Lassen Sie mich raten – ich hatte einen Zusammenbruch, weil ich mich zugesoffen habe, jetzt bin ich in der Klapse und habe Halluzinationen? Sagen Sie nichts – in Wirklichkeit sind Sie mein böser Doktor und ich im Delirium und vollgestopft mit Medikamenten? Wow. Die Pillen sind nicht schlecht.“

Payong grinste. „Sie sind nicht die Erste, die mir diese Geschichte erzählt, Ma‘am. Die Wirklichkeit aber sieht vollkommen anders aus. Und in Ihren Worten zu bleiben ist es ‚viel abgefahrener‘.“

„Gut!“ Beth beugte sich vor, saß wie ein Spiegelbild von Payong am Tisch. Zwar war sie etwas kleiner, hatte auch eine eher athletische Figur, aber ihre blonde Mähne ließ keinen Zweifel, dass auch sie an Bord mithalten könnte – oder wo auch immer sie war. „Dann legen Sie mal los. Ich tue erst mal so, als würde ich Ihnen alles mal einfach so glauben. Bitte – Sie sind dran ‚Councelor Troy‘.“

„Konsultant Payong. Mein Titel ist Konsultant. Ich bin keine Anwältin, sondern eine Vertraute.“

Beth nickte entnervt. „Okay, legen Sie los,Vertraute!“

Payong ließ sich Zeit.

„Wir haben genug Zeit, alles zu beantworten. Und Sie werden sicher viele Rounds benötigen, um sich hier zurechtzufinden. Admiral Taylor und ich werden alle Ihre Fragen beantworten und stehen jederzeit zur Seite.“

Beth verzog keine Miene. „Wo ist er?“

„Die Admiräle sind alle gleichzeitig in einer Besprechung. Das ist ungewöhnlich. Es muss etwas vorgefallen sein. Und der Umstand, dass man Sie aus dieser – nun – Situation in dieser Art und Weise an Bord geholt hat, spricht dafür, dass es sich um etwas sehr Ungewöhnliches handelt. Mehr weiß ich aber nicht. Seien Sie dennoch versichert, er wird sicher so schnell zu Ihnen kommen, wie es geht, Ma‘am.“

Beth nickte sachte.

„Fangen wir damit an, was für Sie wohl als Wichtigstes erscheint. Der FragewoSie sind.

Sie sind, wie ich bereits sagte, an Bord der Elite1. Einem Missionsschiff der Secury Foundation. Das ist eine Organisation, die sich um die Sicherheit im All bemüht. Die Elite1 ist das modernste und größte Missionsschiff der Foundation mit etwa 3600 Individuen Besatzung und einer Kapazität von über 12000 Gästen, sowie zusätzlich mindestens 3000 Sanitätsplätzen. Payloadbuchten, Waffensystemen, jeder Menge Retrievals und Uridiums. Fähig obere Orbits und Clustersprünge durchzuführen – na ja, und alles dazwischen eben.“

Währenddessen erschienen wie von Geisterhand diverse Ansichten einer fast gänzlich weißen zigarrenähnlichen Form. Sie drehte sich und gab einen Eindruck vom Schiff – sofern man in Sachen Raumschiffen bewandert war und mit den Angaben etwas anfangen konnte.

Beth war dies nicht.

„Die wichtigste Frage aber ist: ‚Wann sind wir?‘ Nun, Ma‘am, Sie sind aus dem Jahre 1986 gerissen worden. Aus Deutschland. Richtig?“

Beth nickte nachdenklich, ahnte bereits, dass sie sozusagen einen Zeitsprung vollführt haben mochten. Oder aber, dass sie nun vollkommen verrückt geworden war.

„Wir sind nach Ihrer Zeitrechnung im Jahre – 6135.“

Beth verzog keine Miene. War es das? Hatte sie tatsächlich einen Zeitsprung hingelegt? „Wie komme ich hier her? Bin ich tot? Oder wie alt bin ich jetzt?“

„Sie sind so alt, wie Sie vorher waren. Das mit dem Zeitsprung, wie Sie es sicher nennen würden, ist nicht wirklich ein Zeitsprung. Aber das sollte Ihnen Sir Taylor erklären. Wichtig ist nur, dass Sie wissen, dass wir über 4000 Jahre weiterentwickelt sind, als die Welt, wie Sie sie kennen.“

Plötzlich war alles anders. Wie von einem unsichtbaren Signal gerufen ließen alle Anwesenden alles stehen und liegen und gingen eilig, aber ruhig zu Türen, die sich aus den Wänden auftaten. Alles so schnell, dass der Raum in wenigen Augenblicken leer war. Payong war sichtlich unruhig geworden, fasste sich aber wohl. „Bleiben Sie sitzen. Das gilt nicht uns. Wir haben nur uns und ich habe jede Zeit, die Sie von mir benötigen, Ma‘am.“

Beth blickte sich um. Das Restaurant war leer. Dennoch war es nicht still. Ein leichtes Vibrieren, eine Angespanntheit lag in der Luft. Die Luft. Sie war kühl, doch angenehm. Frisch, ohne Gerüche. Dennoch war ihr nicht kalt.

Sie lehnte sich zurück, strich über die Arme ihres Overalls, fühlte sich unglaublich wohl. Angenehm warm, aber nicht beengt, feinfühlig, aber nicht nackt.

„Pasta?“

Payong nickte. „So was Ähnliches.“

Vertrautes Gesicht

Gedankenversunken stiegen wir in den Permovator.

Newton in gewohnter Manier in Haltung mit Armen auf dem Rücken neben mir. „Lukovic hat kein Recht dich ‚Mäxchen‘ zu nennen. Er hat dich mit Titel anzureden. Warum fährst du ihm nicht mal eine ein?“ „Abwarten, Amy. Lukovic schießt sich selbst ins Aus.“

„Er hasst dich.“

„Hass – ist eine Form der extremen Liebe, ein Ausdruck von Hochachtung. Sollte eigentlich dein Fach sein.“

Newton trat mit einem energischen Schritt aus dem Permovator. „Du gehst zu deinem Gast?“

„Ja.“

„Endlich auch jemanden gefunden?“

Ich grinste. Meinte sie doch damit, dass sie immer noch auf der Suche nach dem perfekten Partner war, auch wenn sie zahlreiche getestet hatte. Anders könnte man das, was sie tat, nicht nennen. „Wenn es wirklich so etwas gibt wie ‚Liebe auf den ersten Blick‘, dann – wow – hat es mich diesmal erwischt.“ „Respekt. Ungünstige Zeit allerdings für – wie war ihr Name?“

Stimmt – ich kannte nicht einmal ihren Namen. Die perfekte Frau vertraut von Anfang an, aber ihr Name?! „Ich komme auf die Brücke, sobald Suan unsere neue Position angefahren hat.“ Der Permovator schloss sich.

Stille war eingekehrt und Beth lauschte aufgeschlossen allen Darstellungen von Konsultant Payong über die Gepflogenheiten an Bord. Das Essen schmeckte ihr, auch wenn es mit Pasta wenig gemeinsam hatte.

Als ich das Restaurant betrat war es fast leer. Lediglich einige Schlafwandler der gelben Schicht aßen lautlos in sich hinein. Wie erwartet saßen Beth und Payong an einem Tisch am großen Fenster. Es war mir, als würde der Raum an ihrer Stelle etwas heller leuchten. Im schwarzen Lack glänzten die blonden Haare beider Frauen regelrecht um die Wette. Ich verlangsamte meinen Schritt, nahm einige Zeit, um meinen Puls zu senken. So musste es sein, wenn ein Bräutigam zum ersten Mal seine Braut sehen konnte, die vom Schwiegervater in die Kirche gebracht wurde.

Sie bemerkten mich nicht, bis ich direkt neben ihnen stand. Beth blickte mich von unten an. Dann erhob sie sich langsam.

Wortlos, atemlos standen wir fast auf Körperkontakt voreinander. Es schien keiner von uns zu atmen, um den winzigen Spalt zwischen uns nicht durch das Heben des Brustkorbes zu schließen. Ihre Augen glänzten. Diesmal nicht vom Alkohol. Wir fingen beide an leicht zu lächeln. Vorsichtig, als würde man etwas ganz Zerbrechliches anfassen, berührten sich unsere Gedanken.

Payong räusperte sich. Sie erhob sich, ging. Wortlos.

Alles andere hätte gestört. Doch jetzt war nicht die Zeit zum Stören.

„Ich bin jetzt hier.“

„Bleibst du?“

„Ja.“

Beth war beruhigt. „Ich bleibe auch.“

Ich grinste, hatte sie doch keine andere Wahl. Ich schwieg. Es war nicht der richtige Zeitpunkt, ihr zu eröffnen, dass sie nie wieder gehen könne, obwohl es ihr wahrscheinlich nicht einmal etwas ausgemacht hätte. Sie sah glücklich aus. Zeigte mir, dass sie diesen Moment das erste Mal in ihrem Leben zufrieden war, wie alles ist.

Vorsichtig nahm ich ihre linke Hand. Sie war warm, weich, samtig. Ich öffnete den Weg in den Raum. Sie schien an meinen Augen zu heften. Ihre Hand hielt sich an meiner. Als wir einen Schritt gingen, hielt sie mich zurück.

„Wollen wir nicht zahlen? Ich meine, sonst haben wir an einem Tag gleich zweimal die Zeche geprellt.“

„Müssen wird nicht. Hier gibt es kein Geld.“

„Kein Geld? Aber mit was zahlt ihr denn?“

„Gar nicht. Mach dir da mal keine Sorgen, das erkläre ich dir bei Gelegenheit. Du gehörst hier an Bord, da hast du nichts zu zahlen. Lass es dir gut gehen und fühle dich eingeladen. Okay?“

Ihr skeptischer Blick wanderte umher, als wir Big-Eyes verließen. „Und wer bezahlt das?“

Wir standen vor dem Permovator, dessen Türen sich lautlos öffneten.

„Ist unsere Existenz nicht Lohn genug?“

Sie zögerte, als ich einstieg und ließ meine Hand los. Dann schüttelte sie sichtlich verwirrt den Kopf. „Da muss ich noch nachdenken.“

Als wir in meiner Unterkunft ankamen, nestelte sie an ihrem Overall herum. Ich wusste genau, was nun kam.

„Ich versuche irgendwie eine Jacke zu öffnen. Wirklich etwas, an das ich mich gewöhnen muss.“

Ich schenkte ein Glas Japp ein. Ein edles Stöffchen. Noch bevor sie in Verlegenheit geraten könnte, schlenderte ich auf sie zu. Ihre Körperhaltung mit den streng geschlossenen Beinen, dem leichten Hohlkreuz und den flach auf den Bauchnabel gepressten Händen verriet mir Erwartung, Erregung, aber auch Unsicherheit und das Gefühl haltlos im Raum zu sein.

Ich kam näher, lächelte sie an, während ihr Lächeln fast eine Verlegenheit war – jene, die ich zu vermeiden versuchte. „Japp. Beste Qualität. Nimm einen kleinen Schluck.“

Sie griff das Glas, bot es zum Anstoßen. Ich deutete ihr mit dem Finger, dass man hier einen solchen Kontakt nicht schätze, prostete in die Luft, wie es üblich war, und setzte zu einem langsamen Schlückchen an.

Sie imitierte mich.

Das Gesicht sprach Bände. Es schien, als hätte sie noch nie vorher solch ein köstliches Getränk genossen. „Wow. Was ist das? Schmeckt gut das Zeug.“

„Japp. Ein Extrakt aus einem Baumrindensaft. Nur im Aldebaraner Gebiet anzutreffen. Wird veredelt mit dem Tau eines Bodengewächses aus dem Centaur Gebiet. War ursprünglich die Besiegelung des ersten Bundes zwischen den Solarsystemen. Dieses Harz, was dabei entsteht, der Japp, gibt es in unzähligen Varianten. Das hier ist eine etwas seltenere.“

Sie prostete mir zu, nahm noch ein Schlückchen.

Als ich ihr das Glas abnahm und auf den Tisch neben uns abstellte, zeigte der Japp bereits Wirkung. Beth entspannte sich.

„Dabei weiß ich noch nicht mal, wie du heißt.“ Meine Unsicherheit verbarg ich, indem ich die Gläser auf dem Tisch stehend noch einige Momente festhielt und mich so von ihr abwendete.

Sie lachte. „Elisabeth – nenn’ mich Beth. Einfach nur Beth.“

Vorsichtig drehte ich mich um, meine Augen feucht, doch wusste ich selbst nicht, ob das vom Japp kam oder durch meine Gefühle. „Willkommen, Beth. Willkommen.“

Als sie mir ihre Arme um den Hals legte, sich ein wenig auf die Zehenspitzen stellte, um mir näher zu sein, erwartete ich einen Kuss. Doch der hätte aus allem nur einen One-Night-Stand gemacht.

Beth aber verstand es, den Wert dieser Beziehung zu erhalten. „Ich freue mich darauf, wenn du mir morgen deine Welt zeigst. Sofern du Zeit hast.“

„Werde ich, Beth, schließlich hast du über 4000 Jahre aufzuholen.“

„Sofern mich nicht noch einer entführt, werde ich bei dir bleiben. Ich habe das Gefühl, als würde ich einfach genau hierher gehören. Hier in deine Zeit.“

„Interessant, und ich träume seit meiner Kindheit von den 1980er-Jahren auf der Erde – und das, obwohl es doch so viele Welten gibt.“

„Ist es das, warum du so gut Deutsch kannst? Ich meine, diese Payong – bei ihr merkt man, dass sie es lernen musste.“

„Deutsch gibt es nicht mehr. Aber immerhin war es mal eine Weltsprache. Daher können fast alle humanoiden Terraner wenigstens einige Brocken. Na ja. Bei mir ist das eben Leidenschaft, die dazukommt.“

„Und was sprecht ihr hier sonst so? Englisch?“ Sie kam mir näher. Ein Kuss fast unausweichlich.

„Abr. Wir sprechen hierAbr. Das ist eine extrem verdichtete Kurzsprache, die es erlaubt, den vielfachen Inhalt der alten Sprachen unmissverständlich und nuancenreich in wesentlich kürzerer Zeit auszudrücken. Häufig ergänzt und weiter beschleunigt durch Handzeichen. Du wirst sie schnell lernen. Glaube mir, die Grammatik und Wortbildung sind komplett logisch und mathematisch berechenbar. Und mit deinem Ingenieurswissen sicher kein Problem.“

Sie drückte ihre Waden durch, kam mir noch näher, zog gleichsam an den Armen um meinen Hals ihren Körper zu mir, ohne jedoch auch nur ein einziges Mal zu blinzeln. Meine Hände auf ihrem runden, festen Hintern gaben ihr Halt, boten den Weg, ermutigten sie.

„Englisch, Englisch spricht hier keiner. Zu unwichtig war diese alte Sprache. Abr, das ist das Einzige, was wir sprechen. Alle, nicht nur an Bord. Einfach alle. Es ist die einzige existierende Universalsprache – überall.“

Als ihre Nase fast meine berührte und ich ihren Duft warm aufnahm, den ihre samtweiche Gesichtshaut verströmte, verstummte ich. Jedes weitere Detail von den unendlichen, die sie in den nächsten Rounds erwarten durfte, würde diese Situation zerstören.

Dann hauchte sie: „Und wie heißt auf Abr ‚Ich bekomme diesen verdammten Overall nicht aus!‘?“

Ich lachte, die Stimmung kippte – endlich.

Sie reizte die Situation gekonnt aus, bevor sie ins Klischeehafte abrutschen konnte. Ich war stolz, ein Individuum kennengelernt zu haben, das sich nicht einfach erobern ließ, wie dies Amys Opfer taten. Dann fuhr ich an ihrem Rücken hoch, athletisch, muskulös. An ihrem Nacken angekommen, unter den locker fallenden Locken, griff ich in den Kragen. Zog dann links, rechts und herunter bis zu den Hüften. Leise rauschte der Stoff elektrisierend über den Flaum der Haut. Ihre Arme folgten. Entblößt, aber ohne, dass ich aufgrund der Nähe einen Blick auf sie erhaschen konnte, hatte sie sich nur minimal bewegt. Ich ertastete ihre Hände. Warm und geschmeidig, entspannt und samtig lagen ihre Finger zwischen meinen. Ihr blauer, stechender Blick immer noch direkt vor meinen Augen, die stupsige Nasenspitze noch immer kurz vor einer Berührung.

Ihre Hände imitierten die meinen. Mein Overall glitt herunter, bis sich unsere Finger wieder ineinander verhakten.

„Es scheint mir hier bei euch so zu sein, dass man schamlos Fremden nackt gegenübertritt?“

„Du bist mir nicht fremd, Beth. Du bist mir vertraut, als hätte ich dich schon immer gekannt.“

Sie schlug ihre Augen nieder, ließ sich von den Zehenspitzen herab und legte ihre Stirn auf meine Brust. Warm zog der Duft ihrer blonden Locken in meine Nase. „Du hast mich gefragt, ob ich dir vertraue.“

„Ja, kurz bevor ich dich aus deinem alten Leben gerissen habe und dich mit hierher genommen habe.“

„Ich habe dir vertraut.“

Stille. Ihre Wärme strahlte in mich hinein.

„Und ich vertraue dir immer wieder.“

Wir hielten uns.

Lange.

Dann begannen wir aus den Overalls zu steigen.

Erst ich, dann sie.

Ich streifte den Overall tiefer über ihren Hintern herab. Ein großer, aber muskulöser Po, der mehr verlangte als eine zarte, kurze Streicheleinheit. Schließlich standen wir entblößt voreinander, dennoch nicht nackt. Sie blickte zur Seite. Deutete auf den zweiten Overall. „Und jetzt muss ich in den hier rein?“

„Dumusstgar nichts. Aber das ist der Overall, in dem wir normalerweise schlafen. Auch ich.“

Sie blickte zum Bett. „Und wie ist das hier mitMann und Frau?“

Ich grinste. „Das geht immer noch so, wie seit Urzeiten.“

„Gut, dann lass uns einfach nackt ins Bett gehen – ich bin unglaublich müde.“

Und mit einem gazellenartigen Sprung war sie durch den Raum hindurch in das Bett gesprungen. Es wippte.

„Wasserbett?“

„Ja, verzeih mir, aber ich stehe auf den Kram von der Erde. Zeitgemäß ist das zwar nicht, aber ich mag es. Ich hoffe, das ist okay?“

„Ich habe noch nie im …“

Weiter kam sie nicht, schlief ein. Sie lag da, in ihrer Schönheit, schlief, als wäre sie betäubt. Ihre Stirn, Wange, Nase. Ich berührte die zarte Haut. Mund, Lippen, Kinn, herunter über den muskulösen Hals, Dekolleté, ihre kleinen kräftigen Brüste, zog die Decke hoch.

Als ich den letzten Schluck Japp trank und in meinen Overall stieg, wusste ich, dass alles gut werden würde. Sie würde es sein, die mir die Kraft für meine neue Aufgabe geben würde.

Die Leitung der Elite1.

Aufgewacht

Als ich nach viel zu kurzem Schlaf aufwachte, lag sie immer noch neben mir, unbewegt, in der gleichen Position wie beim Einschlafen. Ich betrachtete sie. Es hatte etwas Wunderbares, als würde man sein eigenes Kind in Ruhe und Frieden schlafen sehen. Und doch kreisten meine Gedanken bereits darum, wie wir den mehreren hundert Millionen Individuen das Leben retten könnten.

Sie holte Luft.

Blickte mich an. Grinste.

Dann flüsterte sie: „Entweder habe ich gestern zu viel gesoffen oder ich bin jetzt 4000 Jahre älter.“

Ich grinste zurück, lehnte mich über sie. „Ja, du hast gut gesoffen und nein, du bist keine 4000 Jahre älter geworden.“

Sie schloss die Augen. „Scheiße. Ich hatte so einen coolen Traum, dass ich im Weltraum geflogen bin.“

Ich ließ sie ihre Sinne wiederkehren.

„Haben wir …?“ Sie verzog die Miene.

„Ja, wir haben miteinander getrunken, uns gegenseitig ausgezogen und du bist im gleichen Augenblick tief eingeschlafen.“

Enttäuscht zog sie sich die Decke über den Kopf.

Das gab mir Gelegenheit aufzustehen.

Langsam zog ich ihre Decke weg. „Aber erstens habe ich mich ganz artig neben dich gelegt, sicher verpackt in meinem Schlafoverall. Und zweitens fliegst du immer noch durch die Gegend – kurz vor Europa.“

Sie blickte sich um. Ihre Hand griff meinen Overall am Bein.

Langsam erhob sie sich, versteckte sich hinter der Decke. „Europa? Wo genau? Deutschland? München?“

Ich öffnete die Aussicht „Europa, Mond von Jupiter, Sol-System. Der Ort, an dem unser Schiff seine nächste Mission verbringen wird. 381 und mehr Millionen Individuen sind zu evakuieren.“

Der Ausblick war mächtig. Europa lag mit seinen Furchen und Kratern nahe, aber in seiner Gesamtheit sichtbar vor uns. Es schien, als flögen wir direkt auf ihn zu. Jupiter dagegen nur als leicht gekrümmter Horizont am linken Rand sichtbar – fern, aber unglaublich groß.

Beth stand auf. Die Decke noch vor sich haltend ging sie auf die Aussicht zu. „Bin ich tot?“ Ihr Gesichtsausdruck zeigte eine Mischung aus Verwunderung, Verwirrung und atemlosen Erstaunen über die unglaubliche Schönheit des Alls.

Ich näherte mich vorsichtig von hinten, legte meine Hand auf ihre Schulter, die sie mit der ihrigen ergriff. „Quicklebendig.“

Beth machte sich gut in der Imitation meiner Bewegungen beim Ankleiden.

„Warum trage ich grau und du blau?“

„Weil ich der blauen Schicht angehöre. Und du prinzipiell schichtlos bist.“

„Schichtlos?“

„Das Schiff muss rund um die Uhr einsatzfähig sein. Ein Round hat einhundert Gone, einhundert geteilt durch drei sind 33⅓. Wir teilen in drei Schichten, 33 Gone für die rote Schicht, die von Admiral Marc Suan geleitet wird, 33 für Admiral Amy Newton in Gelb und für die verbleibenden 34 habe ich das Kommando, da ich den höchsten Rang habe – meine Schicht ist blau, weil wir dies die ‚Nachtschicht‘ nennen.“

„Gone?“

„Zeiteinheit. Ein Round ist so etwas wie ein Tag. Länger als jener auf der Erde, aber vergleichbar. Da bei uns alles metrisch ist, wird ein Round in einhundert Einheiten geteilt, unsere Basiseinheit der Zeit: Gone. Es gibt Milligone oder Kilogone – vergleichbar einer Sekunde oder Woche.“

„Und die anderen sind auch Kommandoleute hier an Bord?“

„Kommandanten, ja. Interessanterweise alle drei sogar Admirals. Ungewöhnlich für ein Schiff, denn normalerweise reicht einer. Aber das ist eine lange Geschichte.“

„Und wenn diese Payong gelb getragen hat, dann war sie nicht aus deiner Schicht?“

„Nein. Wie schon gesagt, sie ist Konsultant von Newtons Mannschaft. Aber eben die Einzige von uns, die noch fließend deine Sprache spricht.“

Sie blickte wieder in die Aussicht. Europa war nur leicht näher gekommen.

„Dann sollte ich möglichst schnell deine Sprache lernen, oder?“

„Wäre hilfreich.“

Ich korrigierte nach einer Pause.

„Wäre nötig.“

„Gut – dann erkläre mir, was ‚Hunger‘ bei euch heißt!“

Das erste gemeinsame Frühstück war schmackhaft. Ich schien aus der Auswahl an Bord die richtigen Zutaten für Beth ausgewählt zu haben.

Auf unserem Weg begegneten wir einigen aus meiner Schicht. Sie grüßten mit dem gewohnten „Sir!“ Beth blickte jedem einzeln nach, wunderte sich über einige, schwieg aber.

Als Karcher auf uns zukam, deutete ich ihm anzuhalten.

„Sir?“

„Beth, das ist Christian Karcher, mein ExO.“

„Angenehm. ExO?“ Sie streckte ihm die Hand hin, welche Karcher betrachtete, aber aufgrund seiner Unkenntnis der alt-terranischen Gepflogenheiten ignorierte.

„Executive-Offizier. Meine Vertretung, wenn ich nicht da bin, so etwas wie der zweite Kommandant einer Schicht.“

Beth zog die Hand zurück, schaute mich fragend an.

„Das ist hier nicht üblich“, flüsterte ich.

„Ma‘am, es ist mir ein Vergnügen, Sie kennenzulernen“, übersetzte ich.

„Midway“, ergänzte ich.

„Midway, Ma‘am“, fügte Karcher hinzu.

„Wir sind gerade auf dem Weg zur Brücke.“

Karcher nickte. „Wir sehen uns.“

Beth blickte ihm nach. „Ziemlich steif, kann das sein?“

„Es ist ihm unangenehm, dass er dich nicht versteht. Normalerweise versteht Christian alles.“

Sie grinste und rief ihm auf Hochdeutsch nach: „War nett Sie kennenzulernen.“

Ich stieß sie an. „Spott?“

Sie war verliebt. Anders könnte man ihre gute Laune kaum erklären. Dann öffnete sich die Tür des Permovators in der Brücke. Vor uns Newton.

Sie dirigierte ihr Team.

„Admiral auf Brücke!“

Ich schob Beth aus dem Permovator.

Wir traten direkt hinter Newton und blickten ihr über die Schulter. Vor uns tat sich die Kuppel auf. Europa und Jupiter schienen nun größer, mächtiger. Man glaubte fast ihre Anziehungskraft zu spüren, die Atmosphäre atmen zu können. Beth flüsterte, blickte sich um, wie ein Kind, das zum ersten Mal in ein Planetarium trat. „Wow!“

„Rechts steht der ExO. Links Tactics. Ganz vorne das, was du Steuermann und Navigator nennen würdest, links und rechts davon sind noch Armours und Globals unbesetzt. Hier in der Reihe vor uns Kommunikation, Internal und Logistics. Davor Drones, Missions, Divisions, Payloads und Hangars. Das ist die normale Mannschaft der kleinen Brücke. Mit ihr sind wie prinzipiell einsatzklar.“

Beth schwieg, nickte, verstand wahrscheinlich nicht ein Wort. Dann drehte sie sich um und flüsterte mich an: „Stören wir die nicht?“

„Nein. Wir sind in der Lage den Schall mit Gegenschall zu minimieren und nur das an die Ohren dringen zu lassen, was der Einzelne hören soll. Wir können uns also unterhalten. Es wird keiner mitbekommen – Du bist nicht in der Position, dass du hier gehört wirst.“

„Und du?“

„Wenn ich etwas sagen wollte, dann schon. Aber so sieht man mich nur als Betrachter. Mein Schall wird quasi komplett entfernt.“

„Wow!“ Sie drehte sich wieder um, blickte die Galerien herab, um alle zu sehen. „Steil hier. Ich dachte immer, der Kapitän sitzt immer vorne?“

„Es gibt hier keinenKapitän. Wir sind Kommandanten. Und für uns ist es logisch ganz hinten zu sein, denn wir müssen doch alles überblicken. Ich muss sehen, was auf den Tischen jedes Einzelnen läuft. Und wenn ich etwas anweise, dann will ich mich nicht erst umdrehen müssen. Ich beobachte, nicht die anderen mich.“

Newton schien uns bemerkt zu haben.

Sie drehte sich zu uns. „ExO, Ihre Brücke, in 3-2-“

Bellvü übernahm.

„Willkommen an Bord!“ Steif und ungelenk hielt Newton ihre Hand hin.

Beth grinste, versicherte sich bei mir. „Midway, Ma‘am!“, ignorierte ihrerseits die Hand, drehte sich wieder zu mir und lächelte.

„Ihre ersten Worte, Midway? Gratulation!“ Newtons gebrochenes Deutsch machten Beth klar, dass sie noch viel lernen musste. Immer noch stand sie mit steifer Hand vor ihr.

„Ich habe ihr bereits erklärt, dass das bei uns nicht üblich ist, Amy.“

„Schade“, kam ihre Antwort auf Abr. „Ich wollte mal höflich sein.“

Ich schubste Beth, die ihre Hand ausstreckte und Newtons schüttelte. Natürlich hatte Amy das bemerkt, gab sich aber als perfekte Gastgeberin.

„Mein Deutsch ist nicht besser als Ihr Abr, Ma‘am Midway. Verzeihen Sie mir.“

Beth nickte, ließ nach langem Schütteln Amys Hand wieder los.

Es war Zeit, die Brücke zu verlassen.

Als wir uns umdrehten fragte mich Newton, ob wir uns nach meiner Bereitschaft sehen würden, vielleicht zum gemeinsamen Essen. Sie würde gerne mehr von Midway wissen und sehen, wie ihre Sprachkenntnisse gediehen wären.

Wir verabredeten uns im Front-View.

Als ich Beth davon informierte war sie geschmeichelt. „Ich darf wohl mit den richtig hohen Tieren hier essen, oder?“ Ich grinste. Eigentlich hatte sie recht. „Und wie versteht sie uns, wenn sie schlecht Deutsch spricht?“

„Ich sagte doch, es wäre nicht nur höflich, sondern nötig, dass du unsere Sprache lernst.“

Sie schwieg. „Ein bisschen kurz die Zeit, oder?“

„Keine Angst, Payong ist eine gute Lehrerin. Und außerdem wirst du sehen, wie logisch und einfach Abr ist.“

Ich wies den Weg in einen weiteren Raum.

Er war leer. Wesentlich größer als die Brücke, aber ähnlich aufgebaut. Hier waren jedoch nicht nur eine Ebene an Mitarbeitern, sondern dreidimensional, wie im Inneren einer Honigwabe sechs Flächen, welche die Hohlkugel füllten.

Beth stockte, zögerte hineinzugehen, schien etwas den Halt zu verlieren und hielt sich an mir fest.

„Stehen die auf dem Kopf?“

„Das hier ist die große Brücke. Sie hängt am Rücken der kleinen, in der wir gerade waren. Im Krisenfall, Gefecht oder einer großen Mission ziehen wir hier hin um. Unten, von dir aus gesehen der gleiche Aufbau, wie in der kleinen Brücke, nur etwas weiter verteilt. Dann hier links und rechts hoch Assistenten, die spezielle Bereiche abdecken. Aber alles kommt wie in einem Trichter hier auf die oberste Ebene.“

Beth drehte den Kopf, versuchte sich vorzustellen, wie man auf dem Kopf stehend – oder hängend arbeiten könne.

„Du darfst nicht vergessen, dass wir im All keine Schwerkraft kennen.Untenundobensind relativ und können überall sein“, erahnte ich ihre Gedanken.

„Und wie kommt man dann da hoch?“

Ich ging einige Schritte zur Seite. Von ihrer Warte aus stand ich nun bereits schräg an der Wand.

Vorsichtig tastend, an der Wand entlang folgte sie mir einige Schritte. Es schien ihr Spaß zu bereiten.

Dann wartete sie einen Moment, grinste mich an. Nickte. „Suuuppiiii.“

Und als wäre sie hier geboren, lief sie zu mir, nahm meine Hand, noch etwas ängstlich, aber ruhig.

„Dürfen wir überhaupt hier sein?“

Ich grinste. Diese Frage war wohl nicht nötig zu beantworten.

Sie blickte sich um. Dann eroberte sie den Raum, streifte durch einige Reihen und setze sich an einen Platz. „Steht mir gut, oder?“

„Woher weißt du, dass das der richtige Platz für dich wäre?“

„Keine Ahnung. Was mach ich hier?“ Sie versuchte aus den Zeichen vor ihr etwas zu deuten. „Schießen?“

Ich grinste, schüttelte den Kopf und setzte mich neben sie. „Das ist der Platz für FTL-Antriebe. Klingt gut. ‚Ma‘am Hyper-Warp‘.“

Sie zögerte. „Warp, das gibt es doch auch bei Raumschiff Enterprise?“

Ich atmete tief. Gefährliches Halbwissen.

„Okay. In aller Kürze, denn ausführlich dauert das nun zu lange. Die Enterprise, wie du sie aus den Filmen im Fernsehen deiner Zeit kennst, gibt es wirklich. Oder, genauer gesagt, so ähnlich gab es sie wirklich. Nicht lange nach deiner Zeit, knapp 600 Jahre später eben. UndWarp, ja, Warp bedeutet Lichtgeschwindigkeit. Und nein, das ist nicht das Ende der Geschwindigkeiten. Es gibt Trans-Warp, das ist viele hundert Mal bis einige tausend Mal so schnell. Und Hyper-Warp, das ist noch wesentlich schneller, allerdings nicht so sehr genau zu steuern. Daher nur für sehr große Distanzen zu verwenden. Alles zusammen nennt sich FTL oder ‚Faster than Light‘.“

Stille. Sie blickte sich um. Es wurde ihr unheimlich. „Wow!“ Sie versuchte ihre Verlegenheit mit Scherzen zu überspielen. „Ma‘am Hyper-Warp. Die ganz Schnelle.“