Einfache Wahrheit - Ram Dass - ebook

Einfache Wahrheit ebook

Ram Dass

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Opis

Nur wenige Menschen sind den Pfad der Hingabe so konsequent gegangen wie Ram Dass. Warmherzig und humorvoll lässt er uns an seinem eigenen spirituellen Weg teilhaben und fordert dazu auf, selbst diese niemals endende Reise vom Kopf ins Herz zu unternehmen und gemeinsam eine neue Welt zu schaffen. In einer Mischung aus Biografie und spirituellem Wegweiser befasst er sich kurzweilig und dennoch tiefgreifend mit Themen, die uns alle angehen: Zufriedenheit, wahres Sein und bewusstes Altern. Durchsetzt mit Meditationen und Übungen ist dieses Buch ein praktischer Führer zu Liebe und Erwachen!

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Ram Dass mit Rameshwar Das

Einfache Wahrheit

Der Pfad der Hingabe

Zusammengestellt

von Janaki Sandy Gaal

Aus dem Amerikanischen

von Ulrich Magin

Titel der Originalausgabe: Polishing the Mirror Copyright © 2013 by The Love Serve Remember Foundation Originally published by Sounds True, Inc., Boulder, USA

Ram Dass Einfache Wahrheit

©J.Kamphausen in J.Kamphausen Mediengruppe GmbH · Bielefeld

ISBN print 978-3-89901-862-2 ISBN eBook 978-3-89901-934-6

Projektmanagement

Marianne Nentwig

Übersetzung

Ulrich Magin

Lektorat

Regina Rademächers

Coverdesign & Layout

Kerstin Fiebig [ad department]

Autorenfoto

©Dassima Murphy

www.weltinnenraum.de

1. Auflage 2015

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Dieses Buch wurde auf 100% Altpapier gedruckt und ist alterungsbeständig. Weitere Informationen hierzu finden Sie unter www.weltinnenraum.de.

Alle Rechte der Verbreitung, auch durch Funk, Fernsehen und sonstige Kommunikationsmittel, fotomechanische oder vertonte Wiedergabe sowie des auszugsweisen Nachdrucks vorbehalten.

ram dass

mit rameshwar das

einfache wahrheit

der pfad der hingabe

Den Blütenstaub von den Lotosfüßen meines Gurus sammelnd,um den Spiegel meines Herzens zu polieren,kann ich nun den reinen Glanz von Sri Ram singen,dem besten der Raghus,der die vier Früchte des Lebens verleiht.

Ich weiß gar nichts, also erinnere ich mich an dich,Sohn des Windes,verleihe mir Kraft, Verstand und Weisheit,und nimm meine Unreinheit und meine Last von mir.

Anrufung an „Hanuman Chalisa“, übersetzt von Krishna Das (aus: Flow of Grace)

Neem Karoli Baba gewidmet.

Dieses Buch ist ein fahler Widerschein deines Lichts, das Flackern einer Kerze verglichen mit der Sonne.

Inhalt

Vorwort von Rameshwar Das

Einleitung: Jetzt hier sein

Kapitel 1: Den Spiegel polieren

Kapitel 2: Bhakti Yoga – Der Pfad der Hingabe

Kapitel 3: Karma Yoga – In der Welt leben

Kapitel 4: Alter und Wandel

Kapitel 5: Bewusst leben, bewusst sterben

Kapitel 6: Vom Leiden zur Gnade

Kapitel 7: Zufriedenheit mit dem Sein

Kapitel 8: Übung, Übung

Anmerkungen

Danksagungen

Über den Autor und Koautor

Vorwort

1971, das Jahr, in dem Ram Dass’ Buch Be Here Now zum ersten Mal erschien, war eine turbulente Zeit. Überall gingen die Menschen auf die Straße und protestierten gegen den Vietnamkrieg. Die überschäumende Begeisterung für psychedelische Drogen und Rockmusik, die neugewonnene sexuelle Freiheit, der Feminismus, der Umweltschutz und die Hippiekommunen, die aufs Land zogen, veränderten alles bisher Dagewesene. Die psychedelische Bewusstseinserweiterung vermengte sich mit dem Buddhismus, dem Hinduismus sowie der Spiritualität des New Age und lockte mit innerer Befreiung.

Doch diese idealistischen Visionen wurden bald von der Realität eingeholt. Der Tod der Studenten an der Kent State University und von Rock ’n’ Roll-Helden wie Jimi Hendrix, Janis Joplin und Jim Morrison, wirkten ernüchternd. Woodstock war vorbei. Jetzt erwachten alle am Morgen nach der großen Party, rochen den Kaffee und mussten irgendwie weitermachen. Nun galt es, den Grundstein für einen wahren Wandel zu legen.

Richard Alpert, einer der Kollegen und psychedelischen Weggefährten von Professor Timothy Leary in Harvard, wurde – wie dieser – 1963 gefeuert. Nach ihrer Zeit in Harvard betrieben sie ein „Exploratorium“ der Gegenkultur in Millbrook im Staat New York. 1966 ging Alpert nach Indien. Er kehrte zurück als Ram Dass, ein Yogi aus dem Westen, und wurde bald zu einem Impulsgeber der östlichen Spiritualität im gesamten Westen.

Nach einer zweiten Indienreise von 1970 bis 1972 war Ram Dass erneut unterwegs und hielt zweieinhalb Jahrzehnte lang unermüdlich Vortrag um Vortrag. Immer wieder vermittelte er – mit seinem Humor, mit Anekdoten und Zitaten – den Wechsel vom westlichen Leistungsparadigma „Bring es zu etwas“ oder „Mach etwas“ hin zur Ruhe des Geistes und dem Sein im Augenblick, der Gegenwärtigkeit, der Achtsamkeit und Liebe – des reinen Seins. Indem er radikal über seine eigene frühere Erfahrung hinausging, beschrieb und manifestierte er in sich selbst einen neuen Geisteszustand, den ihm sein Guru in Indien übermittelt hatte. Daraus erwuchs manche spirituelle Knospe. Tausende hörten die Botschaft und veränderten daraufhin ihr Leben.

Als sein handgefertigtes Buch Be Here Now schließlich veröffentlicht wurde, war das eine neue Stimme im gegenkulturellen Lärm der 1970er. Eine Kommune von Künstlern hatte es in den Bergen im Norden von New Mexico produziert und auf braunes Verpackungspapier gedruckt. Es wirkte eher wie ein moderner Comic oder ein Kunstband als ein bloßer Text. Be Here Now war Ausdruck einer neuen Lebensart: Plötzlich gab es mitten im Mainstream des Verlagswesens eine handgebundene, gegenkulturelle Bedienungsanleitung für das eigene Bewusstsein.

Und das kam an. Wer es gelesen hatte, reichte es an seine Freunde weiter, und so verwandelte es sich in eine Art New- Age-Bibel. Wie ein Kieselstein, der in den kulturellen Teich des Bewusstseins geworfen wurde, erzeugte Be Here Now Wellen, die man heute noch spürt – im Slang der Gegenwart, in der Yoga-Kultur, im Titel von Radiosendungen wie Here and Now, in dem steten Strom der New-Age-Literatur, der sich über die spirituelle Landschaft ergießt.

Be Here Now war aber kein reines Medienphänomen, sondern Teil des kulturellen Bewusstseinswandels. Heute bekennen sich immer mehr Menschen zu einer konfessionell nicht gebundenen Spiritualität. Die Baby Boomer, die langsam in die Jahre kommen, beschäftigen sich ganz offen mit dem Leben und dem Tod. Yoga gilt nicht mehr als exotischer Import aus dem Osten, sondern ist zu einer weltweiten Subkultur geworden. Im Zeitalter des Internets überwindet die Gegenwärtigkeit Raum und Zeit; wir leben eingebettet in einem virtuellen Augenblick. Wir reisen gemeinsam auf einer blauen Murmel durch das All, dabei wächst unser planetarisches Bewusstsein und Grenzen lösen sich auf. Wie Ram Dass gern sagte: „Aus ihnen wird wir.“

Für Millionen von uns hat Be Here Now die Tür zu unserem tieferen Selbst geöffnet. Es hat den Wirbel und Aufruhr der Innenschau beruhigt und vielen von uns die ersten Schritte auf dem Pilgerweg ins eigene Herz ermöglicht. Seit den 1960er Jahren hat uns der verschlungene Weg der Selbsterforschung um viele Ecken und in so manche Sackgasse geführt. Die innere Vision ruft uns immer noch, und wir folgen ihr.

Be Here Now hat unsere Sichtweise verändert - von dem, was wir glaubten, was los sei, zu einem Blick auf das Leben als spirituelle Reise. Ein Kapitel des Buches versorgte uns Menschen aus dem Westen mit spirituellen Übungen und Yoga. Die einfache Botschaft lautete: „Jetzt hast du das Licht gesehen – und so lebst du in ihm.“ Dieses Buch ist nach wie vor eine essenzielle Quelle, auch der immerwährende Imperativ des kryptischen Buchtitels gilt nach wie vor: Sei völlig gegenwärtig im Augenblick. Sei einfach!

Unser Bewusstsein vom Chaos und von Anhaftungen zu reinigen, damit wir einfach jetzt und hier sind, ist schwierig und fordert uns heraus – ein Spiel auf vielen Ebenen. Sobald man sich auf ein Teil des Bewusstseins-Puzzles konzentriert, erheischt unwillkürlich etwas anderes, noch schwierigeres unsere Aufmerksamkeit. Wie Ram Dass meint: „Der Geist ist ein herrlicher Diener, aber ein schrecklicher Herr.“

Auch das Bild vom Polieren des Spiegels ist eine vielschichtige Metapher: Das Bewusstsein an sich ist ein Spiegelsaal. Eine der Haupteigenschaften der menschlichen Seele ist ihre Fähigkeit, die eigene Existenz zu reflektieren. Nachdenken über sich selbst, Introspektion, Selbsterforschung – wie immer wir das auch nennen – führt uns durch viele Zwiebelschichten hindurch in unser innerstes Sein, von unseren alltäglichsten, wiederkehrenden Gedanken bis zu den erhabensten Geisteszuständen der reinen Bewusstheit und bedingungslosen Liebe, der Einheit oder dem Gottes-Bewusstsein.

Diese innere Reflektion mag auch als Prozess des Bezeugens betrachtet werden, des einfachen Beobachtens unserer eigenen Handlungen, Gedanken und Gefühle aus einer Haltung der Toleranz und Liebe heraus. Dieses Betrachten trägt dazu bei, dass wir uns von den äußeren Phänomenen und körperlichen Erfahrungen lösen, ebenso wie von unseren Gedankenkonstrukten, unseren ureigenen Geschichten, die so viel Aufmerksamkeit beanspruchen.

Das Beobachten ändert auf subtile Art, wie wir uns selbst identifizieren. Wir sind nicht mehr länger der Protagonist unserer eigenen Lebensgeschichte, der sich im Aufruhr unserer Gedanken und Erfahrungen befindet, sondern erkennen Gedanken und Erfahrungen als Phänomene, die im stillen Spiegel unseres inneren Seins reflektiert werden. Wir sind nicht mehr der Star unserer eigenen Show, sondern ein liebevoller Beobachter des Spiels.

Mit diesem Ortswechsel der inneren Identität geht ein Prozess der externen Reflektion einher, weil unser inneres Sein sich in jeder Erfahrung der Außenwelt spiegelt und auf diese projiziert wird. Durch geduldige spirituelle Übung können wir unsere externe Erfahrung immer stärker mit unserem inneren Sein in Übereinstimmung bringen. Das nennt man Yoga – nicht nur das Yoga für den Körper, sondern auch das Yoga des Verstandes (jnana yoga), das Yoga des Herzens (bhakti yoga) und das Yoga des selbstlosen Tuns (karma yoga).

Wenn die Schleier der Illusion allmählich durchsichtig werden, wenn wir erkennen, wie begrenzt unsere Identifikation ausschließlich mit unseren Gedanken und Erfahrungen, mit der sogenannten Wirklichkeit ist, beginnen wir, den reineren Seinszustand widerzuspiegeln. Nehmen wir den Staub der Unreinheit und Anhaftung vom Spiegel unseres Herz-Geistes, dann können wir das spirituelle Licht reflektieren. Wenn die Schichten immer durchlässiger werden, dann strahlt das Licht durch uns und wir leben in einem weniger von Inhalt belasteten, immer klareren Zustand der Bewusstheit. Bewusstheit des Herzens erblüht zur Liebe, zum Mitgefühl, zur Weisheit.

Polieren wir diesen Spiegel, so löst sich der Prozess der Selbstreflektion durch das Beobachten und die Harmonisierung unseres externen Erlebens mit unserem wahren Sein, wenn wir uns vollständig mit unserer Seele identifizieren. Diese Schichten des Seins verschmelzen mit unserem spirituellen Herzen. Vielleicht kommt danach ein weiterer Schritt, wenn wir uns nicht mehr als abgetrennte Wesen erleben, wenn die paradoxe Beziehung von Subjekt und Objekt ins Eins-Sein aufgeht. Doch für diesen letzten Schritt benötigen wir etwas, das wir „Gnade“ nennen.

Wenn wir solch eine Reise der Selbst-Reflektion in Begleitung eines Führers oder Gurus unternehmen, erhalten wir die notwendigen Rückmeldungen, um konzentriert zu bleiben und uns nicht nur von unseren eigenen geistigen Umwegen, sondern auch von den astralen und feinstofflichen Ebenen ablenken zu lassen. Der wahre Guru spiegelt unser innerstes Wesen, unser wahres Selbst, weil er oder sie bereits an diesem Ort ist. Die liebende Bewusstheit eines Gurus bezüglich unserer Reise, und zwar auf jeder Ebene, ist wie ein Leuchtturm, der uns ständig unseren Weg weist.

Dieses Buch mit Ram Dass’ Lehren hält das Handwerkszeug bereit, das den Geist beruhigt, das Herz öffnet und zum Eins-Sein führt. Diese Lehren bieten praktische Lösungen, wie man jetzt hier ist. Betrachte dieses Buch als Reiseführer auf dem Weg ins Nirgendwo (oder ins Hier und Jetzt), als einen praktischen Ratgeber, wie man den wertvollen inneren Frieden und die spirituelle Wiedervereinigung findet.

Die Methoden sind einfach, der Weg ist subtil. Wir sind so nah – nur einen Gedanken entfernt!

Nur du selbst kannst herausfinden, ob das Polieren des Spiegels für dich stimmig ist. Du merkst es, wenn du innerlich ruhiger wirst, liebevoller und mitfühlender, friedlicher und gegenwärtiger, zufriedener mit deinem Leben.

Wie bei jeder inneren Arbeit gibt es viele Möglichkeiten, sich selbst zu täuschen. Das Ego verwandelt sich mühelos in ein neues, spirituelles Ego: „Aber hallo! Jetzt bin ich wirklich spirituell!“ Mit seinem Humor und weil er über seinen eigenen Weg und seine Stolpersteine so aufrichtig erzählt, ist Ram Dass das ideale Vorbild. Haben wir mit uns selbst so viel Mitgefühl und Geduld wie er es hat und nehmen wir uns selbst nicht zu ernst. Letzten Endes gibt es gar nichts zu erreichen. Wir lassen nur zu, dass wir einfach sind.

In Liebe

Rameshwar Das

Einleitung: Jetzt hier sein

Jetzt hier sein klingt einfach, und dennoch beinhalten diese drei Worte eine lebenslange innere Arbeit. Das Leben im Hier und Jetzt bedeutet, nichts in der Vergangenheit zu bereuen, sich wegen der Zukunft nicht zu sorgen oder etwas von ihr zu erwarten. In jedem Augenblick der Existenz vollkommen gegenwärtig zu sein bedeutet, ein Leben in völliger Zufriedenheit, in Frieden und Liebe. In die Gegenwart zu treten bedeutet, in einem anderen Seinszustand zu leben, in einem zeitlosen Augenblick, in der ewigen Gegenwart.

Hast du diesen Zustand des reinen Daseins einmal berührt, wirst du ihn nie mehr vergessen. Du merkst, wie deine Gedanken dich aus diesem Zustand des Im-Augenblick-Seins forttragen, doch Sein ist immer Hier, niemals weiter als ein Gedanke entfernt. Es gibt nichts zu tun, nichts, über das man nachdenken müsste. Nur sein – hier und jetzt.

Wenn unser denkender Geist nachgibt, erscheint das, was man unseren Herz-Geist nennen könnte, und wir können in Liebe leben. Liebe bedeutet, sich zu öffnen, um mit einem anderen Wesen oder mit Gott zu verschmelzen (letztendlich handelt es sich um dasselbe Andere). Liebe ist die Pforte zum Eins-Sein mit allem, zum harmonischen Sein mit dem gesamten Universum. Diese Rückkehr zum Eins-Sein, zu einer Einfachheit des reinen Seins, der bedingungslosen Liebe, sehnen wir alle herbei. Dieser einheitliche Zustand ist das wahre Yoga, die Vereinigung.

Vielleicht ermöglicht dir dieses Buch eine neue Sichtweise auf dein Leben. Und ich hoffe, dass ein Leben von diesem Blickpunkt aus für dich einen bedeutungsvolleren und transzendenteren Weg des Daseins darstellt. Um mit uns und anderen vollkommen gegenwärtig zu sein, konzentrieren wir uns auf das, was im Leben wahrhaft von Bedeutung ist. Indem wir das tun, werden wir bewusster und liebevoller.

Übung macht den Meister

Möglicherweise bist du längst eine fortgeschrittene Seele, die vom Einen nur noch durch einen hauchdünnen Schleier getrennt ist, und du wirst praktisch augenblicklich erleuchtet. Vielleicht bist du auch ein Suchender, der sich vorantastet, dessen Geist ihn auf diesen Weg zieht – und musst immerwährend daran erinnert werden, wo dein wahres Selbst liegt. Wie immer es um deine karmische Lage bestellt sein mag: Diese Einführung ins Bewusstsein soll dir ein nützlicher Wegweiser sein, der dich nach Hause führt. Da, wo das Herz zu Hause ist, ist deine Heimat.

Für die meisten von uns ist es hilfreich, wenn wir uns jeden Tag etwas Zeit für unsere spirituellen Übungen nehmen, ein bisschen Zeit in unserem ohnehin sehr geschäftigen Leben. Der Weg des Herzens ist nicht schwer, er ist eigentlich ganz einfach, aber er braucht Zeit und Willenskraft. Traditionell gilt der Morgen als bester Zeitpunkt, weil die Welt dann noch ruhig ist, oder der Abend, wenn die Tätigkeiten des Tages allmählich zur Ruhe kommen.

Nimm dir diese Zeit, um dein inneres Wesen zu erforschen, um den Sinn deines Lebens besser zu erkennen. Spirituelle Übungen lassen uns zu dem unserem Herzen innewohnenden Mitgefühl und zu unserer intuitiven Weisheit zurückkehren. Geh das Ganze an, als würdest du dir ein neues Kleidungsstück kaufen: Du probierst einfach die Übungen der Selbstreflektion aus, öffnest dein spirituelles Herz oder übst dich in Selbstlosigkeit, und findest heraus, ob etwas davon dir passt. Dann schaust du in den Spiegel und betrachtest, wer du nun bist und ob das für dich so in Ordnung ist.

Jeder von uns hat seinen eigenen Weg, sein eigenes Karma. Du musst diesem ureigenen Weg treu bleiben. Man kann nicht den Weg eines anderen gehen oder nachahmen. Höre auf dein Herz – was brauchst du? Dann nimm von diesen Übungen, was dir passt, den Rest lass sein.

Der Weg nach Hause

1961 war ich 30 Jahre alt und befand mich auf dem Höhepunkt meiner akademischen Laufbahn. Ich hatte meinen Doktor an der Universität Stanford gemacht und arbeitete als Professor für Soziale Beziehungen in Harvard. Ich war genau dort im Leben angekommen, wo ich sein sollte – sowohl in beruflicher, gesellschaftlicher als auch finanzieller Hinsicht. Und doch war ich innen leer – da war das Gefühl, dass mir trotz allem, was ich hatte, doch etwas fehlte. Da war ich nun in Harvard, dem Mekka der Intellektuellen. Wenn ich allerdings meinen Kollegen in die Augen blickte und mich fragte: „Weißt du, worum es geht?“, dann erkannte ich, dass das, was ich suchte, auch dort nicht zu finden war.

Bei familiären oder gesellschaftlichen Anlässen sahen die Leute zu mir hoch und hingen mir an den Lippen, schließlich war ich ja Professor in Harvard, also wusste ich alles. Mir selbst aber blieb das Geheimnis des Lebens verborgen. Ich wusste zwar viel, besaß aber keine Weisheit. Aufgrund dieser Unzufriedenheit stopfte ich mein Leben mit Dingen voll, die ich zu brauchen glaubte oder weil sie gesellschaftlich als erstrebenswert galten. Ich aß und trank zu viel. Ich häufte materielle Güter und Statussymbole an: Ich besaß ein Triumph-Motorrad und eine Cessna. Ich spielte Cello. Ich war sexuell aktiv. Und doch gaben mir diese Vergnügen nicht die Antworten, die ich ersehnte. Tief in mir war ich nie wirklich zufrieden.

Ein weiterer Psychologe, Timothy Leary, bezog sein Büro bei uns den Gang hinunter. Ihn zu treffen bedeutete einen Wendepunkt in meinem Leben. Wir wurden Trinkkumpane. Wie ich bald herausfand, war er ein brillanter Denker – brillant in dem Sinne, dass er anders war, offen dafür, die Welt unter ganz neuen Gesichtspunkten zu betrachten.

In einem Semester kam Timothy aus den mexikanischen Bergen zurück, wo er psychedelische Pilze genommen hatte, die teonanácatl oder „das Fleisch der Götter“ hießen. Er meinte, aus dieser Erfahrung habe er mehr gelernt als in seinem ganzen Psychologiestudium. Das interessierte mich. Im März 1961 nahm ich Psilocybin, eine synthetische Version der Zauberpilze, und danach war nichts mehr so wie früher. Ich hatte das Gefühl, dass ich durch Psilocybin meine Seele kennengelernt hatte, die unabhängig von Körper und gesellschaftlicher Identität existierte. Diese Erfahrung erweiterte mein Bewusstsein und veränderte mein Konzept der Realität.

Unsere darauffolgenden psychedelischen Forschungen und natürlich die Entlassung aus Harvard sorgten regional und landesweit für Schlagzeilen und machten uns berühmt und berüchtigt. Zu diesem Zeitpunkt gab es schon etwas in mir, dem akademische Grade und das Ansehen unter den Kollegen nicht mehr wichtig war, weil die Welt, die ich gerade erforschte, so viel aufregender war. Die Psychedelika machten es mir möglich, meine traditionelle Erziehung auszublenden und in Welten des Geistes und der Spiritualität vorzudringen, die ich mit keinem anderen Mittel zu erreichen vermochte. War ich high, dann war ich der, als den ich mich erkannte – ein tiefes Wesen, in Frieden, in Liebe und frei.

Ich nahm weitere fünf oder sechs Jahre psychedelische Mittel, um an diesem Ort der Erleuchtung zu bleiben, dem Ort, an dem ich Liebe war. Ich wurde high, kam wieder runter; wurde wieder high, kam runter – ich berührte den Zustand des Liebe-Seins, aber vermochte nicht darin zu verweilen. Und ich wollte frei sein, nicht high. Schließlich begriff ich, dass diese Technik bei mir nicht funktionierte – und versank in tiefe Verzweiflung.

Im Nachhinein verstehe ich, dass Psilocybin und auch LSD für mein eigenes Erwachen zwar von großer Bedeutung waren, Psychedelika dennoch für den Prozess des Ins-Selbst-Kommens nicht nötig sind. Sie zeigen dir zwar, was möglich sein kann, aber hast du diese Möglichkeit erst einmal gesehen, verwandelt es dich nicht, wenn du sie immer wieder und wieder aufsuchst. Alan Watts sagte gern: „Hast du die Botschaft gehört, kannst du das Telefon einhängen.“ Du musst schließlich in der Welt leben und dich dort transformieren.

Von Aldous Huxley bekamen wir ein Exemplar des Tibetischen Totenbuchs. Ich erkannte, dass es im Osten längst Landkarten der inneren Zustände gab, die wir gerade intuitiv und ohne jeden Anhaltspunkt erforschten. Also ging ich 1966 nach Indien, um jemanden zu finden, der sich auf diesen spirituellen Ebenen des Bewusstseins auskannte. In den ersten drei Monaten reiste ich gemeinsam mit einem Freund, der seinen Land Rover nach Teheran verschifft hatte und mich einlud, ihn zu begleiten. Wir reisten inmitten einer Haschischwolke durch Afghanistan, Pakistan, Indien und Nepal. Es war also bloß ein weiterer Trip – immer das Gleiche: high werden, runter kommen – mehr von meiner eigenen Realität. Und es führte nur zu noch größerer Verzweiflung.

Eines Tages betrat dann in Kathmandu, Nepal, ein auffällig großer Mann aus dem Westen mit langem, blonden Haar und einem ebensolchen Bart ein Hippierestaurant, das „Blue Tibetan“. Er trug indische Kleidung und setzte sich zu uns an den Tisch. Das war Bhagavan Das, ein 23-jähriger Surfer aus Laguna Beach, der bereits seit mehreren Jahren in Indien lebte. Als ich etwas Zeit mit ihm verbracht hatte, wusste ich, dass er Indien wirklich kannte. Also beschloss ich, mit ihm weiterzureisen und etwas zu lernen. Als wir durch Nepal und Indien fuhren, versuchte ich, ihm eine meiner gewöhnlich recht charmanten Anekdoten zu erzählen oder ich fragte ihn, wohin es ging. Bhagavan Das antwortete gewöhnlich: „Denke nicht an die Vergangenheit. Sei einfach jetzt hier.“ Oder: „Denke nicht an die Zukunft, sei einfach jetzt hier.“ Er war zwar mitfühlend, verstrickte sich aber nicht in meine Gefühle. Es gab nichts zu besprechen. Nach mehreren Monaten mit Blasen an den Füßen, Anfällen von Durchfall und Unterricht in hatha yoga, meinte Bhagavan Das, er müsse nun wegen seines Visas seinen Guru in den Ausläufern des Himalayas aufsuchen. Er wollte mit dem Land Rover dorthin, den wir bei einem indischen Bildhauer zurückgelassen hatten, wo ich ihn jederzeit borgen konnte. Also ging ich mit Bhagavan Das dorthin.

Auf dem Weg hielten wir nachts an und ich ging nach draußen, um mich zu erleichtern. Unter dem sternenklaren indischen Nachthimmel dachte ich an meine Mutter, die im Jahr zuvor an Krebs in der Milz gestorben war. Als ich an sie dachte, spürte ich ganz stark ihre Gegenwart. Ich erzählte niemandem davon. Der freudianische Psychologe in mir dachte: „Da schau mal an! Da denkst du an deine Mutter, während du auf dem Klo hockst.“

Der Guru, Hinfortnehmer der Finsternis

Als wir in die Berge fuhren, merkte ich, dass etwas in Bhagavan Das vorging. Tränen liefen seine Wangen hinab und er sang lauthals heilige Lieder. Ich rutsche in die Ecke des Sitzes und kauerte mich zusammen. Ich betrachtete mich selbst als Buddhisten und wollte keinen Hindu-Guru treffen.

Wir erreichten einen kleinen Tempel am Straßenrand. Bhagavan Das fragte jemanden, wo der Guru sei. Sie meinten, Maharaj-ji sei oben auf dem Berg. Bhagavan Das rannte den Abhang hoch und ließ mich unten allein. Dort schauten mich alle erwartungsvoll an. Ich wusste nicht, was ich tun sollte. Ich wollte nicht hier sein. Ich wollte keinen Guru treffen. Schließlich aber, eher aufgrund der Lage und weniger aus eigenem Entschluss, ging ich ihm nach. Ich stolperte den Abhang hinter diesem Riesen hoch, der in großen Sprüngen weinend nach oben rannte.

Als wir den Berg hochkletterten, erreichten wir ein hübsches kleines Feld mit einem herrlichen Ausblick auf das Tal, das man von der Straße aus nicht sehen konnte. Mitten in diesem Feld saß ein kleiner alter Mann auf einem Holzbett unter einem Baum. Er war in eine Decke gewickelt. Zehn oder 15 Inder in Weiß saßen im Gras um ihn herum. Es sah schön aus vor dem Hintergrund der Wolken. Ich war aber zu angespannt, um es zu genießen. Ich glaubte, das hier wäre so eine Art Sekte.

Bhagavan Das lief zu ihm hin und warf sich in danda pranam auf den Boden: Er legte das Gesicht auf die Erde, seine Hände berührten die Zehen des Alten. Bhagavan Das weinte immer noch, der Mann tätschelte seinen Kopf. Ich wusste nicht, was ich tun sollte. Das war doch verrückt! Ich hielt mich etwas abseits und sagte zu mir selbst: „Nun, jetzt bin ich hier, aber ich fasse garantiert niemanden an die Zehenspitzen!“ Ich verstand gar nicht, was hier los war. Ich war völlig paranoid.

Der alte Mann tätschelte Bhagavan Das den Kopf, dann sah er zu mir hoch. Er zog Bhagavan Das’ Kopf hoch und meinte in Hindi zu ihm: „Hast du ein Bild von mir?“ Inmitten seiner Tränen sagte Bhagavan Das Ja. Maharaj-ji meinte: „Gib es ihm.“

Ich dachte: „Oh, das ist aber nett, dieser alte Mann schenkt mir ein Bild von sich. Wow.“ Zum ersten Mal an diesem Tag streichelte jemand mein Ego. Ich konnte das brauchen.

Maharaj-ji sah mich an und sagte etwas, das mir übersetzt wurde mit: „Du bist in einem großen Auto gekommen?“ Er lächelte.

Das war ein Thema, über das ich nicht reden wollte. Wir hatten den Land Rover von meinem Freund nur geliehen und ich fühlte mich dafür verantwortlich.

Immer noch lächelnd meinte Maharaj-ji: „Gibst du es mir?“

Ich versuchte zu erklären, dass der Wagen nicht mir gehörte, aber Bhagavan Das sprang auf und sagte: „Wenn du es willst, Maharaj-ji, gehört er dir!“

„Du kannst ihm das Auto nicht geben!“, platzte es aus mir heraus. „Es gehört dir gar nicht!“

Maharaj-ji sah zu mir hoch und fragte mich: „Verdienst du viel Geld in Amerika?“

Das war es! Er glaubte, alle Amerikaner seien reich. „Das stimmt, ich habe mal viel Geld verdient in Amerika.“

„Wie viel?“

„Nun, einmal habe ich in einem Jahr 25.000 Dollar verdient.“

Sie rechneten die Summe alle in Rupien um. Das war schon eine Menge Geld.

Maharaj-ji sagte: „Kaufst du mir dann so ein Auto?“

So schnell hat mich noch nie jemand bedrängt, dachte ich in diesem Augenblick. Ich war mit jüdischen Wohltätigkeitsveranstaltungen aufgewachsen. Wir waren schon gut im Spendensammeln, aber nicht so gut wie dieser Mann. Da hatte ich den Kerl kaum kennengelernt und schon wollte er ein Auto für 7.000 Dollar von mir. Also sagte ich: „Vielleicht, mal sehen.“

Die ganze Zeit über lächelte er mich an. In meinem Kopf drehte sich alles. Alle anderen lachten mich aus, weil sie wussten, dass er mich aufzog, aber ich wusste das natürlich noch nicht.

Er sagte, wir sollten nun prasad nehmen, also essen. Man führte uns zu dem kleinen Tempel, bewirtete uns königlich mit wunderbarem Essen und gab uns einen Platz, wo wir ausruhen konnten. Wir befanden uns weit oben in den Bergen – kein Telefon, kein elektrisches Licht, nichts.

Etwas später brachte man uns erneut zu Maharaj-ji. Er meinte zu mir: „Komm, setz dich.“ Er sah mich an und sagte: „Gestern Nacht warst du unter dem Sternenhimmel.“

„Ja.“

Er sagte: „Und hast an deine Mutter gedacht.“

„Hm … ja.“

„Sie ist letztes Jahr gestorben?“

„Ja.“

„Ihr Magen wurde ganz groß, bevor sie starb.“

„Das stimmt.“

„Milz, Sie starb an Milz.“ Er sagte „Milz“ auf Englisch. Als er „Milz“ sagte, schaute er mich unmittelbar an. Und in genau diesem Augenblick passierten zwei Dinge zur gleichen Zeit.

Zum Ersten versuchte mein rationaler Verstand wie ein außer Kontrolle geratener Computer, verzweifelt herauszufinden, woher er das wusste. Ich ging jedes hyperparanoide CIA-Szenario durch, wie etwa: „Sie haben mich absichtlich hierher gebracht und das ist Teil der Gehirnwäsche.“ Oder: „Er hat hier ein Dossier über mich. Wow. Die sind ziemlich gut! Aber wie kann er das wissen? Ich habe niemandem davon erzählt, nicht einmal Bhagavan Das …“ und so weiter. Aber ganz gleich, wie toll mein Verstand auch arbeitete, ich konnte damit nicht umgehen. So etwas war in meiner Bedienungsanleitung nicht vorgesehen. Es lag sogar jenseits meiner paranoiden Fantasien, von denen einige schon sehr fantastisch waren!

Bis dahin war meine Einstellung zu sogenannten übernatürlichen Ereignissen eine intellektuelle gewesen. Hätte ich aus zweiter Hand davon gehört, hätte ich, wie jeder gute Harvard-Wissenschaftler, gesagt: „Nun, das ist interessant. Wir sollten solchen Sachen gegenüber offen eingestellt sein. In diesem Bereich kann man sicherlich interessante Forschungen durchführen. Schauen wir uns das mal an.“

Wäre ich beispielsweise high von LSD gewesen, hätte ich als Beobachter gesagt: „Woher weiß ich denn, dass nicht ich es bin, der all dies hier erfindet?“ Ich hatte aber keine chemischen Substanzen eingenommen und der alte Mann hatte gerade „Milz“ gesagt. Woher wusste er davon?

Mein Verstand raste bei dem Versuch, herauszufinden, wie Maharaj-ji das gewusst haben konnte. Schließlich klingelte es wie bei einem Computer im Zeichentrickfilm, der ein Problem nicht lösen kann, das rote Licht blinkte auf und die Maschine ging aus. Mein rationaler Verstand schaltete sich ab. Ich machte puff!

Zum zweiten schnürte sich in diesem Augenblick etwas in meiner Brust gewaltsam zusammen und ich begann zu schluchzen. Später erfuhr ich, dass das mein viertes Chakra war, das Herz- Chakra, das sich öffnete. Ich sah zu Maharaj-ji hoch und er sah mich dabei voller Liebe an. Ich begriff, dass er mich durch und durch kannte, selbst all die Sachen, für die ich mich schämte, und dass er mich wegen nichts beurteilte. Er liebte mich einfach mit seiner reinen, bedingungslosen Liebe.

Ich weinte und weinte und weinte und weinte. Ich war weder traurig noch glücklich. Am ehesten könnte man sagen, dass ich weinte, weil ich endlich Zuhause angekommen war. Ich hatte meine große Last den Berg hochgeschleppt, jetzt war es geschafft. Meine Reise war am Ziel, ich konnte meine Suche beenden.

Alle Paranoia wurde aus mir herausgespült und alles andere gleich mit. Alles, was mir blieb, waren diese fantastische Liebe und der Friede. Ich befand mich in der lebendigen Gegenwart von Maharaj-jis bedingungsloser Liebe. Ich war noch nie zuvor so vollkommen geliebt worden. Von diesem Augenblick an wollte ich nur noch Maharaj-jis Füße berühren.

Später verlieh mir Maharaj-ji den spirituellen Namen Ram Dass, was „Diener Gottes“ bedeutet („Rām“ ist eine der Inkarnationen Gottes im Hinduismus, „Dass“ heißt Diener). Er schickte mir auch Hari Dass Baba als Lehrer, damit dieser mich in den folgenden fünf Monaten in Yoga und Entsagung unterwies.

Ohne Ausweg

In den Monaten, in denen ich in Maharaj-jis kleinem Tempel in Yoga unterwiesen wurde, war ich wirklich high. Es fühlte sich an, als liefe mir Licht aus dem Kopf.

Einmal musste ich nach Delhi fahren, um mein Visum zu verlängern. Ich ging als Yogi. Ich hatte lange Haare, einen langen Bart, trug eine māla (Gebetskette) und weiße Kleidung. Ich ging barfuß durch den Connaught Circus im Zentrum von New Delhi, und spürte überall die shakti, die spirituelle Energie. Das gefiel mir. Mein neues spirituelles Ego begleitete mich.

Ich gab meinen Visum-Antrag ab und holte mir bei American Express meine Post ab. Dann ging ich in ein rein vegetarisches Restaurant, um dort zu essen. Ich war hungrig, wollte aber meine yogische Reinheit bewahren. In Indien behandelt man heilige Männer mit großem Respekt, ein heiliger Mann aus dem Westen ist aber ziemlich ungewöhnlich. Ich nahm mir ein vegetarisches Gericht und aß besonders bewusst und yogisch.

Am Ende gab es Nachtisch mit zwei englischen Keksen. Dass das kein yogisches Essen war, wusste ich natürlich: Wenn man rein ist, riecht man, welches Essen rein ist und welches unrein. Aber in mir steckte auch noch ein jüdischer Junge, und der wollte die Kekse. Ich guckte also möglichst heilig und schob dabei die Kekse unauffällig vom Tisch in meine Tasche. Ich erweckte den Eindruck, als sei ich in etwas Heiliges versunken. In der Gasse vor dem Restaurant verdrückte ich dann die Kekse.

Ich kehrte nach einer achtstündigen Busfahrt wieder in die Berge zurück, und als ich in den Tempel trat, berührte ich

Maharaj-jis Füße. Ich sah zu ihm hoch und er fragte mich: „Wie haben dir die Kekse geschmeckt?“

Einfache Wahrheit

Ich hoffte auf esoterische Unterweisungen durch Maharaj-ji, als ich ihn aber fragte: „Wie erlange ich die Erleuchtung?“, antwortete er nur: „Liebe jeden, diene jedem und erinnere dich an Gott“ oder „Ernähre die Menschen“. Als ich ihn fragte, wie ich Gott erkennen konnte, antwortete Maharaj-ji: „Die beste Weise, Gott zu verehren, ist, es in allen Formen zu tun. Gott ist alles.“ Diese einfachen Lehren, zu lieben, zu dienen und sich zu erinnern, wurden zu den Wegweisern meines Lebens.

Maharaj-ji konnte die Gedanken der anderen lesen, mehr noch, er kannte ihr Herz. Das brachte mich um meinen Verstand. In meinem Fall öffnete er mein Herz, weil ich erkannte, dass er alles über mich wusste, was es über mich zu wissen gab, selbst meine finstersten und beschämendsten Makel, und dass er mich dennoch bedingungslos liebte. Von diesem Augenblick an wollte ich diese Liebe nur noch teilen.

Obwohl er wusste, dass ich am liebsten für immer bei ihm geblieben wäre, sagte mir Maharaj-ji im Frühjahr 1967, es sei nun an der Zeit, nach Amerika zurückzukehren. Er bat mich, niemandem von ihm zu erzählen. Ich war noch nicht wirklich bereit und sagte ihm, dass ich mich noch nicht rein genug fühlte. Ich musste mich vor ihm immer wieder im Kreis drehen, dabei betrachtete er mich ganz konzentriert. Dann sah er mir in die Augen und sagte: „Ich sehe keinerlei Unreinheit.“

Bevor ich Indien verließ, erfuhr ich, dass Maharaj-ji meinem Buch sein ashirvad, seinen Segen, gegeben hatte. Ich antwortete: „Was ist ein ashirvad? Und welchem Buch eigentlich?“ Ich hatte gar nicht vor, das Buch, das später einmal Be Here Now wurde, zu schreiben. Be Here Now ist Maharaj-jis Buch.

Als ich im Flughafen Delhi saß und auf den Abflug aus Indien wartete, starrte mich eine Gruppe amerikanischer Soldaten an. Ich hatte lange Haare, einen Rauschebart und trug eine lange indische Kutte, die wie ein Kleid aussah. Einer der Soldaten kam zu mir und fragte mich: „Was bist du denn, eine Art Joghurt?“ Als ich in Boston aus dem Flugzeug stieg, holte mich mein Vater George am Flughafen ab. Er sah mich einmal kurz an und meinte dann: „Schnell ins Auto, bevor dich jemand sieht.“ Ich dachte bei mir: „Das wird wohl eine interessante Fahrt.“

40 Jahre und einen fast tödlichen Schlaganfall später bin ich nach wie vor auf der Reise. Jetzt hier zu sein ist für mich noch bedeutungsvoller geworden. Im Augenblick zu sein, einverstanden mit allem, was geschieht, verwandelt sich in Zufriedenheit. Diese Übung ermöglicht es mir, gegenwärtig zu sein, um in der Welt zu lieben und bedingungslose Liebe auszudrücken. Bist du ganz im Augenblick, dann gibt es nur diesen Augenblick. Die Zeit verlangsamt sich. Ist dein Geist gestillt, betrittst du den Fluss der Liebe und du fließt von einem Augenblick zum nächsten so natürlich, als atmetest du.

Was auch immer geschieht, ich umarme es in Liebe im Augenblick. Mit dieser Übung poliere ich den Spiegel, um Maharaj-jis Liebe zu spiegeln. In diesem Augenblick gibt es nur noch Bewusstheit und Liebe. Fragt mich jemand, wie er in sein Herz gelangen kann, schlage ich folgende Übung vor: Ich bin liebende Bewusstheit.

Wenn Menschen in Indien sich begrüßen oder verabschieden, sagen sie „Namasté“. Das bedeutet:

Ich ehre den Ort in dir,an dem das ganze Universum wohnt.Ich ehre den Ort in dir,der Liebe, des Lichts, der Wahrheit, des Friedens.Ich ehre den Ort in dir,an dem du an diesem Ort in dir bist und ich in diesem Ort in mir, dann ist nur noch einer da.

Namasté.

Ram Dass

[Maui, August 2013]

KAPITEL 1

Den Spiegel polieren

Gedanken-Felder

Die Essenz des Yoga ist die Vereinigung oder das Eins-Sein mit dem Universum. Das „Herz“ des Yoga, die Yoga Sutras von Patanjali, beginnt mit „Yoga citta vritti nirodha“, was bedeutet: „Vereinigtes Bewusstsein ist eine Folge des Einstellens der Gedanken.“ Die Beruhigung des Geistes ermöglicht es dem göttlichen Geist, sich in seiner natürlichen Tiefe zu manifestieren.

Die Meditation, die Praxis der Beruhigung und Konzentration und Reinigung des Geistes und seiner Ausrichtung auf die Seele, ist eine der Grundlagen des Yoga. Auch wenn man mit dem denkenden Geist beginnen kann und man ihn auch über das Denken erreicht, liegt die Meditation jenseits des denkenden Geistes. Die Meditation entstammt der Tatsache, dass du mehr bist als das, was du zu sein glaubst.

Je größer dein Wunsch ist, zu erfahren, wer du wahrhaftig bist und warum du hier bist, desto stärker zieht es dich zur Wahrheit hin. Wenn es dich nach innen zieht, dann lässt du die Anhaftungen hinter dir, die deine Vision verzerren und einschränken.

Dein Geist kann dich zu deiner Seele führen, aber er kann dich auch stark an dein Ego anhaften lassen, das du zu sein glaubst. Die westliche Kultur glorifiziert den Geist, aber es gibt noch andere Wege der Erkenntnis, und der denkende Geist ist nur ein Teil unseres Wesens. Die Wirklichkeit des Eins-Seins ist größer als das, was du mit deinen Sinnen und deinen Gedanken wahrzunehmen vermagst.

Die Anhaftung an das melodramatische Ego hält dich davon ab, jetzt hier zu sein. Das Modell dessen, was du zu sein glaubst und für was du die Welt hältst, trennt dich immerwährend ab. Es sind Gewohnheiten des Geistes. Aufgrund der Natur dieser Anhaftungen siehst du nur, was du sehen kannst, und vom Standpunkt deines Ego aus siehst du eine Welt aus Subjekt und Objekt, du und die materielle Welt.

Ein geschickterer Umgang mit dem Intellekt ist die Kontemplation. Das ist ebenfalls eine Art des jnana („dschnyana“ gesprochen) yoga, des Weges des Wissens und der Weisheit. Bei diesem Yoga des Geistes wird der Verstand eingesetzt, um sich selbst zu reflektieren. Man nimmt zum Beispiel jeden Morgen eine heilige Schrift zur Hand und widmet sich dann einem Gedanken daraus. Man liest kein ganzes Kapitel, sondern wählt sich einen einzigen Gedanken und sitzt zehn oder fünfzehn Minuten mit ihm. Man denkt im Laufe des Tages immer wieder an ihn. Denken wir zum Beispiel über die Eigenschaft der Liebe Christi nach oder über Gelassenheit, Güte oder Mitgefühl, dann nehmen wir allmählich diese Eigenschaften an. Sri Ramakrishna meinte: „Meditierst du über dein Ideal, eignest du dir seine Natur an. Denkst du Tag und Nacht an Gott, erwirbst du die Natur Gottes.“

Man kann es nicht wissen, man kann es nur sein

Wenn du das liest, dann weißt du längst, dass du dich auf einer spirituellen Reise befindest. Du verstehst vielleicht auch, dass du aus der Illusion deiner Abtrennung heraus nur eine relative Wirklichkeit wahrnehmen kannst, die man in Indien māya nennt, die projizierte Illusion von Subjekt und Objekt. Dich umgeben die unterschiedlichsten Ebenen der relativen Wirklichkeit. Erforschst du den Geist, ist eine Untersuchung dieser relativen Wirklichkeiten von Nutzen.