Eine überflüssige Frau - Rabih Alameddine - ebook

Eine überflüssige Frau ebook

Rabih Alameddine

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Opis

Aaliya ist 72 Jahre alt und lebt allein in einer Wohnung in Beirut. Allein, seit sie mit Anfang zwanzig kinderlos von ihrem Mann geschieden wurde. Seitdem umgibt sie sich mit Büchern. Sie arbeitet als Buchhändlerin und übersetzt jedes Jahr eines ihrer Lieblingswerke ins Arabische. Wieder neigt sich das Jahr dem Ende zu und zum ersten Mal ist Aaliya unsicher, welches Buch sie als nächstes übersetzen soll. Sie beginnt ihr Alter zu spüren. Erinnerungen durchziehen ihre Gedanken. An ihre Familie. An das Leben in Beirut während des Bürgerkriegs. An Hannah, ihre einzige Freundin. „Großartig." (Rachel Kushner) Gewinner 2015 California Book Award.

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Eine überflüssige Frau

Eine überflüssigeFrau

Rabih Alameddine

Louisoder Verlag

Alameddine, Rabih: Eine überflüssige Frau Erste Auflage 2016 © 2016 der deutschen Übersetzung: Louisoder Verlagsgesellschaft mbH, München Originaltitel: An Unnecessary Woman © 2013 by Rabih Alameddine Originally published in 2013 by Grove Press Übersetzung: Marion Hertle Lektorat: Nina Schiefelbein Korrektorat: Ilona Buth Umschlaggestaltung: CosmosMedia, Cornelius SchödlISBN: 978-3-944153-30-8978-3-944153-31-5www.louisoder-verlag.de

Die Übersetzung aus dem Englischen wurde mit Mitteln des Auswärtigen Amts unterstützt durch Litprom – Gesellschaft zur Förderung der Literatur aus Afrika, Asien und Lateinamerika e.V.

Für Eric, in Dankbarkeit.

Von meinem Dorf aus sehe ich, was man auf Erden vom Weltall sehen kann …

Darum ist mein Dorf auch so groß wie irgendein anderes Land, Denn ich bin so groß wie das, was ich sehe,

Und nicht so groß wie ich bin …

Fernando Pessoa als Alberto Caeiro,Der Hüter der Herden

Vielleicht sind Lesen und Schreiben letzte Reservate menschlicher Würde, denn am Ende erinnern uns diese Tätigkeiten an etwas, das einst – bevor auch er sich in unserer Epoche der unablässigen Erniedrigungen in Luft auflöste – Gott selbst uns ins Bewusstsein rief: dass wir mehr sind, als wir sind, dass wir eine Seele haben. Und noch mehr.

Oder vielleicht auch nicht.

Richard Flanagan, Goulds Buch der Fische

The cure for loneliness is solitude.

Marianne Moore, aus dem EssayIf I Were Sixteen Today

Das Unglück Don Quixotes ist nicht seine Phantasie, sondern Sancho Pansa.

Franz Kafka, Das dritte Oktavheft

Man könnte sagen, dass ich mit den Gedanken woanders war, als ich meine Haare blau wusch, und zwei Gläser Rotwein haben zu meiner Konzentration auch nicht gerade beigetragen.

Ich will es erklären.

Zunächst sollten Sie Folgendes über mich wissen: Ich habe nur einen einzigen Spiegel zu Hause, und der ist schmutzig. Ich putze sehr gründlich, man könnte fast sagen zwanghaft – das Waschbecken ist makellos weiß, die Bronzearmaturen blitzen –, aber ich denke kaum je daran, den Spiegel sauber zu machen. Ich denke, wir müssen nicht erst Freud oder einen seiner vielen Nacheiferer konsultieren, um zu erkennen, dass hier etwas dahintersteckt.

Ich beginne diese Geschichte mit einer schlecht ausgeleuchteten Reflexion. Eine der beiden Glühbirnen im Bad ist kaputt. Mitten in meinem allabendlichen Ritual stehe ich beim Zähneputzen vor besagtem Spiegel, als ein Heiligenschein um meinen Kopf meine Aufmerksamkeit erregt. Die Zahnbürste in der rechten Hand bewegt sich weiter auf und ab, von Seite zu Seite, während die linke Hand nach der Lesebrille auf dem kleinen Tischchen neben der Toilette greift. Als ich sie auf der weit vorstehenden Nase habe, kann ich damit erkennen, dass ich keine Heilige oder sonst irgendwie selig bin, sondern eher die Königinmutter – oder besser ein Bild von der Königinmutter, das der Radiergummi eines Schulmädchens verschmiert hat. Kein Heiligenschein, nein, die blaue Anomalie ist mein nasses Haar. Eine Pigmentschlacht tobt auf meinem Kopf, ein Zickenkrieg ungleicher Kontrahenten.

Ich berühre eine feuchte Locke, um zu prüfen, wie beständig die blaue Farbe ist, was dazu führt, dass dort ein Klecks Zahnpasta kleben bleibt. Es stimmt wohl, Multitasking ist nicht meine Stärke.

Ich beuge mich über die Wanne und greife nach dem Bel Argent-Shampoo, das ich gestern gekauft habe. Um das Kleingedruckte zu entziffern, muss ich sogar mit Lesebrille die Augen etwas zusammenkneifen. Ja, ich habe zum Haarewaschen zehn Mal so viel verwendet wie angegeben. Ich schäume sie eben gerne gründlich ein. Auch Gebrauchsanleitungen zu lesen scheint nicht zu meinen Stärken zu gehören.

Lustig. Die quadratischen Fliesen in meinem Bad sind weiß mit ineinander verschlungenen blauen Tulpen darauf, die fast den gleichen Farbton haben wie meine Haare. Zum Glück ist es nicht das Blau der israelischen Flagge. Können Sie sich das vorstellen? Wo wir schon bei einem Streit ungleicher Kontrahenten sind …

Für gewöhnlich habe ich mit Eitelkeit nichts am Hut, sie bringt mich nicht aus der Ruhe. Allerdings habe ich gehört, wie die drei Hexen über das unerbittliche Weiß meiner Haare gesprochen haben. Joumana, meine Nachbarin von oben, hatte vorgeschlagen, dass ich ein Shampoo wie Bel Argent verwenden solle, dann wäre das Weiß nicht ganz so platt. Jetzt habe ich den Salat.

So, wie ich es verstehe – und es ist gut möglich, dass ich mich wie immer irre –, büßen Sie und ich mit dem Alter kurzwellige Zapfen in der Netzhaut ein, wodurch wir die Farbe Blau schlechter unterscheiden können. Deshalb haben viele Leute ab einem bestimmten Alter einen leichten Blaustich im Haar. Ohne den Blaustich erscheint ihnen ihr Haar blassgelb, oder vielleicht sogar lachsfarben. Ein Friseur hat mal im Radio beschrieben, wie er eine alte Frau endlich davon überzeugen konnte, dass ihr Haar viel zu blau war. Aber seine Kundin weigerte sich trotzdem, die Farbe zu ändern. Sie fand es viel wichtiger, dass ihre Haare für sie selbst normal aussahen, als dass sie es für den Rest der Welt taten.

Ich würde mich wahrscheinlich besser mit der Kundin verstehen.

Ich bin auch eine alte Frau, aber ich habe noch viele kurzwellige Zapfen zu verlieren. Jetzt gerade zum Beispiel kann ich die Farbe Blau etwas zu deutlich wahrnehmen.

Gestatten Sie mir, zu meiner Verteidigung ein wenig zu erklären, warum ich abgelenkt war. Bevor ich mich an ein neues Projekt mache, lese ich am Ende des Jahres die Übersetzung, die ich fertiggestellt habe. Ich nehme letzte kleine Korrekturen vor, bringe die Seiten in die richtige Reihenfolge und lege sie in eine Kiste. Das gehört zum Ritual, genau wie die zwei Gläser Rotwein. Ich gebe zu, dass mir dieses letzte Lesen auch erlaubt, mir auf die Schulter zu klopfen und dazu zu gratulieren, dass ich das Projekt abgeschlossen habe. Dieses Jahr habe ich den großartigen Roman Austerlitz übersetzt, meine zweite Übersetzung von W. G. Sebald. Ich habe heute darin gelesen und aus irgendeinem Grund, wahrscheinlich wegen der großen Verzweiflung der Hauptfigur, konnte ich nicht mehr aufhören, an Hannah zu denken. Es gelang mir einfach nicht, als wäre der Roman, oder meine arabische Übersetzung davon, eine Brücke zu Hannahs Welt.

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

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