Eine Katze auf dem Laufsteg - Lydia Adamson - ebook

Eine Katze auf dem Laufsteg ebook

Lydia Adamson

0,0

Opis

Eine elegante New Yorker Modeboutique hat Alice Nestleton, verkannte Schauspielerin und Catsitterin im Nebenjob, gemeinsam mit ihrer Nichte zu Aufnahmen für die neue Kollektion gebeten. Man versammelt sich in dem Loft von Freunden der beiden charmanten Designerinnen. Nur der berühmte Londoner Modefotograf fehlt noch. Dafür ist überraschenderweise Bobbin, die Katze der Designerinnen, anwesend. Doch noch bevor Alice ihre Karriere als Model beginnen kann, findet sie den Hausherrn des Lofts vergiftet in der Küche. Seine Ehefrau bittet Alice flehentlich, den Fall zu übernehmen.

Ebooka przeczytasz w aplikacjach Legimi na:

Androidzie
iOS
czytnikach certyfikowanych
przez Legimi
czytnikach Kindle™
(dla wybranych pakietów)
Windows
10
Windows
Phone

Liczba stron: 206

Odsłuch ebooka (TTS) dostepny w abonamencie „ebooki+audiobooki bez limitu” w aplikacjach Legimi na:

Androidzie
iOS



Über Lydia Adamson

Lydia Adamson ist das Pseudonym einer bekannten Krimiautorin. Bisher im Aufbau Taschenbuch Verlag erschienen: "Eine Katze kommt selten allein", "Eine Katze macht Theater", "Eine Katze im Wolfspelz", "Eine Katze bittet zum Tee", "Eine Katze hinter den Kulissen", "Eine Katze sitzt im Glashaus", "Eine Katze schlägt den Takt", "Eine Katze tanzt aus der Reihe", "Eine Katze ist kein Engel", "Eine Katze lädt zur Weihnachtsgans", "Eine Katze auf dem Laufsteg", "Eine Katze kommt selten allein".

Informationen zum Buch

Eine elegante New Yorker Modeboutique hat Alice Nestleton, verkannte Schauspielerin und Catsitterin im Nebenjob, gemeinsam mit ihrer Nichte zu Aufnahmen für die neue Kollektion gebeten. Man versammelt sich in dem Loft von Freunden der beiden charmanten Designerinnen. Nur der berühmte Londoner Modefotograf fehlt noch. Dafür ist überraschenderweise Bobbin, die Katze der Designerinnen, anwesend. Doch noch bevor Alice ihre Karriere als Model beginnen kann, findet sie den Hausherrn des Lofts vergiftet in der Küche. Seine Ehefrau bittet Alice flehentlich, den Fall zu übernehmen.

ABONNIEREN SIE DEN NEWSLETTERDER AUFBAU VERLAGE

Einmal im Monat informieren wir Sie über

die besten Neuerscheinungen aus unserem vielfältigen ProgrammLesungen und Veranstaltungen rund um unsere BücherNeuigkeiten über unsere AutorenVideos, Lese- und Hörprobenattraktive Gewinnspiele, Aktionen und vieles mehr

Folgen Sie uns auf Facebook, um stets aktuelle Informationen über uns und unsere Autoren zu erhalten:

https://www.facebook.com/aufbau.verlag

Registrieren Sie sich jetzt unter:

http://www.aufbau-verlag.de/newsletter

Unter allen Neu-Anmeldungen verlosen wir

jeden Monat ein Novitäten-Buchpaket!

Lydia Adamson

Eine Katze aufdem Laufsteg

Kriminalroman

Aus dem Amerikanischen vonChristine Pavesicz

Inhaltsübersicht

Über Lydia Adamson

Informationen zum Buch

Newsletter

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Impressum

KAPITEL 1

»Das ist ja völlig verrückt«, sagte Basillio und rieb sich die Hände. »Ich weiß gar nicht, warum das eigentlich mich so nervös macht. Schließlich tue ja nicht ich so was Blödes.«

»Vielleicht hat Tony recht, Tante Alice. Ich komme mir sehr dumm vor.«

Die mit Farbspritzern übersäten Türen des altersschwachen Aufzugs schnappten lautstark hinter uns zu.

Also hielten sowohl meine Nichte als auch mein Freund Tony Basillio diese Aktion für dumm. Was konnte ich sagen? Es war nicht einfach, ein Gegenargument zu finden.

So komisch es klingt, Alison und ich waren auf dem Weg zu Aufnahmen für Modefotos. Das Motto lautete: fotogene Frauen verschiedener Generationen führen Originalmodelle von zwei fashionablen Innenstadt-Couturiers vor. Mütter und Töchter würden in aufeinander abgestimmten Ballkleidern, Großmütter und Enkelinnen in seidenen Baseballjacken posieren. So in der Art.

Und Alison und ich sollten die gleichen knappen BH-Tops vorführen. Denn das war der letzte Schrei-Unterwäsche als Tageskleidung zu tragen.

Dumm? Nun, ich kam mir wohl wirklich ein bisschen dumm vor. Aber man bot uns für ein paar Tage Arbeit ein unglaublich gutes Honorar an, und ich hatte mich schrecklich abgequält, um für die Kamera zwölf Pfund abzunehmen. Also würde ich nicht wieder in diesen entsetzlichen Aufzug einsteigen und heimgehen.

Grace Ann und Samantha Collins, die beiden Schwestern und Modeschöpferinnen, die vor kurzem in der Modewelt ganz groß rausgekommen waren, hatten mich schon des öfteren als Catsitterin engagiert. Sie hatten jahrelang eine kleine Boutique in Chelsea betrieben, in der sie einem sehr loyalen und überaus wählerischen, aber recht begrenzten Kundenkreis ihre Kleider aus handgewebten Wollstoffen, exquisiten Seidentücher und perfekt geschnittene Röcke für berufstätige Frauen verkauften. Ich selbst nenne nur ein einziges, kostbares Stück der Collins-Schwestern mein eigen: einen langen, mitternachtsblauen Samtrock, ein Weihnachtsgeschenk von einer Freundin, die nach dem Tod ihres Mannes mehr Geld als Verstand hatte und für die das Einkaufen zum Lebensinhalt geworden war.

Jahrelang kamen die talentierten Collins-Schwestern mehr schlecht als recht gerade so über die Runden. Und auf einmal, aus welchem Grund auch immer – vielleicht auch völlig grundlos –, gelang der Boutique Ariel (nach ihrer Mutter genannt) und damit den beiden Schwestern der Durchbruch. Im vergangenen Jahr oder so hatten sie für mehr als zwei Dutzend prominente New Yorker Bräute das Hochzeitskleid entworfen. Sie kamen jetzt in allen »maßgeblichen« Publikationen der Branche vor, und man konnte ihre Kleider immer öfter an erstklassigen Trägerinnen bei erstklassigen gesellschaftlichen Ereignissen in erstklassigen Restaurants sehen.

Aber was um Himmels willen hatte die Welt der Society-Bräute, der Klatschspalten und der Modefotos in Harper‘s Bazaar mit mir zu tun? Nichts. Absolut nichts. Als mich Grace Ann Collins vor etwa einem Monat anrief, nahm ich daher an, sie wolle mich als Catsitterin für Bobbin engagieren, den großen Blue-Point Himalayakater, mit dem ich vor einigen Jahren, als die Schwestern auf Einkaufsreise in Savannah waren, so viel Spaß gehabt hatte.

Aber weit gefehlt. Grace Ann wollte mich fotografieren! Sie und Samantha machten gerade Werbung für eine umfassende, von Dessous inspirierte neue Modelinie, die bei den modebewussten jungen – und weniger jungen – Frauen der letzte Schrei war.

»Alice«, hatte sie gesagt, »was Mode anlangt, sind Sie ein fast hoffnungsloser Fall. Aber Ihr milchfarbener Teint interessiert uns. Und Ihr Körper. Besonders natürlich Ihre phantastischen langen Beine. Ich weiß einfach, dass Sie in unseren luftigen kleinen Creationen umwerfend aussehen werden. Und seien wir ehrlich, meine Liebe, welche Frau wünscht sich nicht eine Session mit Fliss?«

»Fliss? Was ist das – ein Insektenspray?«

»Fliss Francis! Fliss Francis!« hatte sie fassungslos geantwortet. Hieß denn das, dass ich noch nie von dem preisgekrönten britischen Fotografen gehört hatte? Dem Mann, der mich unsterblich machen würde, wie Grace Ann versprach.

Alice Nestleton ein Model. Das war ganz offensichtlich absurd, und ich war drauf und dran, ihr das zu sagen. Aber dann nannte sie ein astronomisches Honorar, das ich für diesen Auftrag bekommen würde. Ich sagte, ich würde es mir überlegen.

Drei Tage später rief mich Grace Ann wieder an. Sie und Samantha hatten es sich in den Kopf gesetzt, mich als Model zu bekommen, meinen Körper, mit allem Drum und Dran. Und das Honorar war noch höher geworden. Bevor sie auflegte, hatte ich ihr auch die Telefonnummer meiner Nichte gegeben. Wenigstens hatte Alison schon von Fliss Francis gehört.

Und so kam es, dass wir jetzt in diesem wunderschönen renovierten Gebäude in der Greene Street waren – na ja, alles war renoviert außer dem nervenaufreibenden Aufzug. Die heutige Fotositzung fand in einem mondänen Loft in SoHo statt, welcher einem Mann namens Niles Wiegel gehörte, der meines Wissens weder Künstler noch Fotograf noch Designer noch Indianerhäuptling war. Er war einfach ein Mann mit Geld, den andere Leute mit Geld kannten. So etwas gibt es wahrscheinlich nicht nur in SoHo, aber mir kam es jedenfalls so vor.

Die Tür zum Loft ging auf und gab den Blick auf hektische Betriebsamkeit frei. Eigentlich unterschied sich die Szene gar nicht so sehr von der Atmosphäre hinter den Kulissen eines Theaters ein paar Tage vor der Premiere. Es gab Scheinwerfer, Kulissen, Kleiderständer und Pappkartons, die aufeinandergestapelt, beiseitegeräumt oder wahllos hingestellt worden waren. Ein halbes Dutzend Leute hastete nervös und scheinbar ziellos in der Wohnung umher.

Ich entdeckte Samantha Collins – bis zu den Knien in Chiffon, musterte sie kritisch ein Nachthemd mit Spaghettiträgern auf einem satinbezogenen Kleiderbügel.

Sowohl Samantha als auch Grace Ann waren reizende, clevere Frauen. Beide Anfang Fünfzig, beide jünger aussehend, beide gertenschlank. Beide waschechte New Yorkerinnen, wenngleich in Mississippi geboren, wo ihre ehrgeizige Mutter, eine zerbrechlich wirkende, aber knallharte Frau aus einer jener legendären »guten« Südstaaten-Familien, sie in nobler Armut großgezogen hatte.

Doch während Grace Ann sehr selbstständig, redselig und gewitzt war – eine Art moderne Südstaatenschönheit –, agierte Samantha mehr im Hintergrund. Sie erledigte einen Großteil der Näharbeiten und kümmerte sich lieber um den beeindruckenden Garten hinter der Wohnung im Erdgeschoss eines Sandsteinhauses, die die beiden seit etwa fünfundzwanzig Jahren teilten, als mit Herausgebern von Modezeitschriften essen zu gehen.

»Alice, Alice, Alice!« hörte ich jemanden mit kaum merklichem Südstaatenakzent meinen Namen rufen.

In einem vollendeten schwarzen Strick-Trägerkleid mit weißer Bluse und altmodischen hohen, geknöpften Schuhen schwebte Grace Ann auf uns zu. Sie hauchte zuerst mir und dann Alison ein Küsschen auf beide Wangen.

»Grace Ann«, sagte ich, »das ist mein … das ist Tony Basillio.«

»Mein Gott, sind Sie aber ein gutaussehender Mann!« sagte sie wie aus der Pistole geschossen.

Tony räusperte sich und gab ihr die Hand.

»Ich hoffe, es ist okay, dass ich Tony mitgebracht habe. Er war wahnsinnig neugierig, und ich dachte, es würde niemand etwas dagegen haben.«

»Natürlich nicht. Einen kräftigen Rücken können wir immer brauchen.«

Alison grinste.

»Fliss ist noch nicht da«, sagte Grace Ann. »Ich kann Unpünktlichkeit nicht ausstehen, Sie? Außer natürlich bei einem Genie. Kommen Sie jetzt mit, ich stelle Ihnen die anderen vor.«

Inzwischen hatte uns Samantha bemerkt und winkte geistesabwesend in unsere Richtung.

Jetzt lief ein dünner, ganz in schwarzen Kaschmir gekleideter Mann von etwa fünfunddreißig durch den Raum und rief uns über die Schulter eine Begrüßung zu. Er hatte einen Krug mit Tomatensaft in der Hand.

»Das war Niles«, erklärte Grace Ann. »Er und Lainie haben uns freundlicherweise gestattet, ihre Wohnung einen Tag in Beschlag zu nehmen. Und damit komme ich zu –«

Grace Ann verstummte und griff nach der Hand des großen Mannes in perfekt sitzenden Jeans, der von hinten an sie herangetreten war.

»– damit komme ich zu meinem bezaubernden Freund Hector. Hector Naciemento. Er und Niles sind alte Freunde.«

Aus der Art, wie sie ihre Finger in seine schlang und in seine feuchten Augen aufblickte, war klar, dass er mehr war als ein »bezaubernder Freund«. Sieh mal einer an – wie meine Großmutter zu sagen pflegte, wenn man ihr etwas Pikantes erzählte. Grace Ann hatte also einen jüngeren Liebhaber.

Hector war ein Mann von vollendeter Schönheit mit großen, hinreißenden Augen von der Farbe von Espresso und mit makelloser gebräunter Haut. Die hochgeschobenen Ärmel seines weißen Sweatshirts hoben die Muskeln seiner Oberarme hervor wie die Saphireinfassung auf einer Damenbrosche den prachtvollen Diamanten. Alisons Gesicht erstrahlte zu einem 14-karätigen Lächeln, als er bei der Begrüßung ihre Hand liebkoste. Tony wirkte fast peinlich berührt und blickte zu Boden, als er ihm die Hand gab. Mir gegenüber murmelte Hector, er habe gehört, wie reizend ich sei, aber ich hörte ehrlich gesagt nicht wirklich zu. Sein gutes Aussehen hatte etwas fast Hypnotisches.

»Und das ist Penny Motion«, hörte ich Grace Ann sagen. »Sie wird Ihnen beim Make-up helfen.«

Penny Motion hätte ein ebenso attraktives Exemplar junger weiblicher Schönheit sein können wie Hector ein Bild männlicher Schönheit war. Doch die Art, wie sie sich herrichtete, beeinträchtigte das entschieden. Sie hatte auf ihr Gesicht so viel Make-up aufgelegt, dass es aussah wie Kleister, ihre wunderschönen hellgrünen Augen schienen hinter dick aufgetragenen schwarzen Strichen zu verschwinden, und ihr Lippenstift war von einem grauenvollen lilastichigen Schwarz. Ihre Jeans hatten mehr Löcher als Stoff, und an den Füßen trug sie schwere Armeestiefel ohne Schnürsenkel, die aussahen, als hätten sie in mindestens zwei langen Kriegen aktiven Dienst versehen.

Penny nickte uns dreien kurz zu und ließ einen schweren Koffer in Hectors Arme plumpsen. Er schenkte ihr ein nachsichtiges Lächeln und folgte ihr dann zu einem Schreibtisch in einer Ecke des Raumes.

»Kann ich jemandem eine Bloody Mary bringen?«

Diese Frage kam von einer nett aussehenden Frau, die meiner Meinung nach kaum dreißig Jahre alt war, ebenfalls strenges SoHo-Schwarz trug und ihr rotbraunes Haar zu einem Pferdeschwanz gebunden hatte.

»Hallo, ich bin Lainie Wiegel«, sagte sie. »Aufregend, nicht wahr? Sind alle bereit für Fliss?«

Bevor ich antworten konnte, kam Samantha Collins und nahm mich am Arm. »Also schön, Alice, Alison, sehen wir mal, was wir hier haben.«

Das war ihre Art, zu sagen, dass es für uns Zeit zum Umziehen war. Sie nahm ein rüschenbesetztes Bettjäckchen und hielt es an Alisons Gesicht, als wolle sie prüfen, ob die Farbe zu meiner Nichte passte.

Nur Tony nahm Lainies Angebot an und sagte, er hätte gerne einen Drink. Ich sah, wie sie im Küchenbereich verschwanden. Samantha öffnete den Reißverschluss meines langweiligen Kordkleides. »Nun, meine Liebe«, sagte sie, »lassen Sie sich mal ansehen. Hmm. Haben Sie nicht unzählige Pfunde abgenommen? … Oh … Nein, doch nicht.«

Ich lachte trotz dieses Tiefschlags. »Ich habe mein Bestes getan, Samantha.«

»Ich bin sicher, es wird alles gut gehen. Wenigstens wissen Sie, wie man geht und wie man stillsteht. Schließlich sind Sie Schauspielerin. Oh, Alice, Sie kennen ja Sidney, nicht wahr?«

Ich stand in meinem Slip da und sah zu dem älteren Mann mit Nickelbrille, der Samantha eine Schere reichte. »Nein«, sagte ich nur.

»Nein? Ich war sicher, Sie hätten sich schon kennen gelernt. Also, Alice, das ist unser Anwalt, Sidney Rickover. Sidney, das ist Alice Nestleton.«

»Sehr erfreut«, sagte Mr. Rickover und wich angesichts meines halbnackten Körpers rasch zurück. Ich merkte, wie vorsichtig er die Füße hob und wieder aufsetzte, als hätte er Angst, Lärm zu machen. Woher war Sidney gekommen? Er musste schon die ganze Zeit im Loft gewesen sein, doch ich hatte ihn nicht einmal bemerkt.

»Und das ist Alison Chevigny«, fügte Samantha hinzu. »Ist sie nicht zauberhaft?«

Sidney Rickovers Lächeln besagte, wenn Samantha das fand, dann fände er das auch.

»Samantha, ich glaube, diese Unterlagen decken jetzt alles ab«, sagte er. »Wenn Sie jetzt alle drei Kopien dieser Dokumente unterschreiben wollen –«

»Ja, Sidney, wir befassen uns noch heute damit. Ich verspreche es.«

Mr. Rickover beugte sich ein wenig vor, als wolle er Samantha auf die Wange küssen, doch in genau diesem Augenblick drehte sie sich wieder zu mir herum.

»Auf Wiedersehen, Sidney«, sagte sie.

»O nein, Sidney! Sie dürfen noch nicht gehen.« Das war Grace Ann, die sich zu uns gesellt hatte. »Sie müssen diesen Mietvertrag durchsehen, Sidney. Ich habe ein halbes Dutzend Fragen, die Sie mir einfach beantworten müssen, bevor ich auch nur an eine Unterschrift denken kann.«

»Selbstverständlich, Grace Ann.«

Damit gingen die beiden davon.

Basillio tauchte von Zeit zu Zeit irgendwo im Loft auf. Ich hörte, wie ihm Niles den Computer erklärte. Ein paar Minuten später sah ich ihn unter der Aufsicht von Penny Motion, die durch den Raum ging und dabei Anweisungen blaffte, Scheinwerfer und Kabel herumschleppen. Dann glaubte ich zu hören, wie er Lainie einen Vortrag darüber hielt, wie man Milch für einen Cappuccino aufschäumt. Nur einmal sah ich ihn in den behelfsmäßigen Umkleideraum hinter dem Wandschirm spähen, den Samantha für Alison und mich aufgestellt hatte.

Es war wie eine Theaterprobe ohne Folgeereignis. Keine Premiere, keine Aufführung. Nur eine endlose Probe. Ich wurde Samanthas Fürsorge langsam müde und verlor die Geduld mit Penny, die mir dauernd noch mehr Farbe ins Gesicht schmierte. Besonders störte mich, dass ich nicht sehen konnte, was sie mit mir anstellte. Ich dachte die ganze Zeit, sie wolle vielleicht aus mir ein schauriges Ebenbild ihrer selbst machen.

Ich sah, wie sich Alison in dem freistehenden, bodenlangen Spiegel betrachtete. In ihrem rosafarbenen BH-Top sah sie aus wie eine Mischung aus verlassenem Kind und Sexkätzchen. Sie hatte einen Gesichtsausdruck, den ich nicht richtig interpretieren konnte. War sie zufrieden mit sich, oder war sie entsetzt darüber, wo sie da hineingeraten war?

Wo ich sie hineingezogen hatte – so war es nämlich in Wirklichkeit. Im Laufe des Tages schämte ich mich immer mehr, dass ich sie in diese lächerliche Aktion verwickelt hatte. Ich fragte mich, ob Felix, der ältere und sehr väterliche Liebhaber meiner Nichte, mir das bis ans Ende meiner Tage vorwerfen würde.

Der betörende Duft von Kaffee italienischer Röstung erfüllte den Loft. Ich zog einen Bademantel an und holte mir eine Tasse. Nach der kleinen Pause machte ich mich auf die Suche nach dem Bad.

Gott, als ich die Schiebetür zum Schlafzimmer am Ende des Lofts aufzog, bekam ich den Schreck meines Lebens!

Es war, als wäre ein Pelzmantel lebendig geworden und ginge auf mich los.

Was da von dem Hochbett herunter sprang, und zwar direkt auf mich, war Bobbin! Der riesenhafte blaue Bobbin, der mir so groß wie ein Pony vorkam.

»Mein Gott, Bobbin! Du hast mich zu Tode erschreckt.«

Das große Fellknäuel rieb sich an meinen Knöcheln. Ich beugte mich hinunter und zerzauste ihn ein wenig.

»Ganz recht, du alter Bär. Ich bin es, Alice. Was machst du denn in dieser Wohnung?«

Diese Frage schien Bobbin zu ärgern. Hochmütig richtete er sich auf und zog sich hinter den Kleiderschrank zurück.

Als ich mich wieder zu den anderen gesellte, gingen Niles und Lainie gerade mit Tabletts zwischen den Leuten im Raum herum und boten ihnen Sandwiches und Snacks an. Tony stürzte auf mich zu.

»Schwedenmädel, ich muss gestehen, dass ich dachte, dies würde wieder eines deiner Debakel werden. Aber es ist toll!«

»Ach, findest du das, Tony, ja?«

»Ja. Ich meine«, jetzt senkte er ein wenig die Stimme, »ich habe geglaubt, das würden alles doofe Schicki-Mickis sein – zuviel Geld und kein Sinn für Ästhetik. Aber die Leute sind nett. Mit Ausnahme dieses bizarren Mädchens, meine ich. Aber sie ist auch irgendwie interessant. Irgendwie jenseits aller Worte. Lainie hat im Bennington Theaterwissenschaften studiert, wusstest du das? Und warum trägst du eigentlich nicht immer so was?« Er zeigte auf das hauchdünne Kleidchen mit Spaghettiträgern, das Samantha vorher inspiziert hatte.

»Wahrscheinlich aus demselben Grund, weshalb du nicht immer so was trägst, Tony.«

»Komm schon, ganz locker, Schwedenmädel. Ich finde, es läuft recht gut. Ich hole dir ein Sandwich. Dieser Niles hat gerade seine Spezialpastete gemacht, in diesem … diesem Dings … diesem Mixer-Dings.«

»Für mich keine Sandwiches. Ich will nicht, dass mich Samantha so anschaut. Ich will nur, dass dieser Fotograf endlich kommt, damit ich das alles hinter mich bringe.«

Samantha half Alison und mir in zwei aufeinander abgestimmte schlichte weiße Musselin-Slips, dann in eisblaue, schräggeschnittene Nachthemden und schließlich in gelbe Boxershorts.

Penny Motion machte ihre Arbeit gut. Sie richtete uns her wie Nutten vom Times Square und verwandelte uns danach mit Hilfe von ein paar altmodischen Lockenwicklern in sexuell ausgehungerte Prolo-Hausfrauen; sie schminkte uns sogar so, dass wir aussahen, als trügen wir überhaupt kein Make-up.

Und noch immer war Fliss Francis, das unpünktliche Genie, nicht da. Um ein Uhr kapitulierte ich und ging in die Küche, um nachzuschauen, ob noch etwas Pastete übrig war.

Niles Wiegel saß vor dem Mixer-Dings, wie es Tony genannt hatte, auf einem Küchenhocker. Zweifellos zauberte er gerade noch eine seiner Spezialitäten auf den Tisch.

»Ich wollte nachsehen«, sagte ich, »ob es noch etwas zu essen gibt. Meine Backenknochen sind mir inzwischen egal.«

Niles schwieg. Nichts wies darauf hin, dass er mich hereinkommen gehört hatte.

Also sagte ich lauter: »Entschuldigen Sie, Niles.«

Er blieb vollkommen reglos sitzen. Sein Profil sah merkwürdig aus.

Ich trat an die Arbeitsfläche. Niles‘ rechte Hand lag auf dem Schalter der Küchenmaschine. Ich tippte ihm leicht auf die Schulter, und er glitt geschmeidig von seinem Sitz, wie feine chinesische Seide, bis er auf dem gefliesten Boden aufschlug. Sehr hart.

O Gott. Ich machte einen Schritt zurück. Mir war plötzlich kalt.

»Ich glaube, Sie sollten hereinkommen«, rief ich in den anderen Raum.

»Wer?« antwortete Grace Ann.

»Alle.«

Ich hörte Lainie Wiegel schreien.

Tony stieß einen tiefen Seufzer aus. Und ich glaube auch einen Fluch.

Hector Naciemento und Sidney Rickover liefen zu der reglosen Gestalt.

Sidney fasste in Niles‘ schwarzes T-Shirt und suchte an seinem Hals nach einem Puls.

»Er ist … Er hat keinen … Er ist tot«, sagte der Anwalt.

Lainie schrie wieder auf und fiel in Grace Anns Arme.

Samantha schlug beide Hände vor den Mund.

»Was sollen wir jetzt tun?« fragte Hector leise.

»Jemanden anrufen?« schlug Penny vor.

Ich spürte Alisons Finger um mein Handgelenk. Sie tat mir weh. Ich führte sie sanft nach hinten, wo Tony sie übernahm.

Genau in diesem Augenblick war jemand an der Eingangstür. »Hallo! He, Niles? Jemand zu Hause?«

Fliss Francis war endlich gekommen.

KAPITEL 2

Es klopfte an meiner Tür.

Der verrückte Pancho hörte es auch. Und flitzte sofort zum Boiler. Bushy interessierte das nicht. Er war zu beschäftigt damit, sich die Krallen zu schärfen.

Ich sah mich rasch im Raum um. Nun, so, wie es war, würde es wohl genügen müssen. Das Katzenspielzeug und die aufgeschlagenen, halb gelesenen Zeitschriften und Kataloge wirkten mehr wie Requisiten als wie unaufgeräumter Krimskrams, hoffte ich.

Grace Ann Collins, die vor kaum einer Stunde angerufen und gefragt hatte, ob ich es irgendwie einrichten könne, sie heute Nachmittag zu sehen, lächelte, als ich die Tür öffnete. In der Hand hielt sie ein dünnes, flaches Päckchen, das in gefärbtes Pergamentpapier gewickelt und mit einer grobgerippten moosgrünen Schleife verziert war.

»Meine liebe, liebe Alice! Lassen Sie sich doch in Ihrer neuen Umgebung ansehen! Was für eine bezaubernde Wohnung das ist!«

»Oh, vielen Dank, Grace Ann. Uns gefällt sie jedenfalls.«

Jede Unterhaltung mit Grace Ann wurde zu einem Austausch von alten Südstaaten-Floskeln. Am Ende hörte ich mich immer genauso an wie sie. Keiner wusste, wer wem was vormachte.

»Ach du liebe Güte, ja doch. Soviel … Potenzial … für ein reizvolles Ambiente.«

»Darf ich Ihnen den Mantel abnehmen, Grace Ann?«

»Danke, meine Liebe. Oh. Hier ist eine Kleinigkeit für Sie.«

Die Kleinigkeit war ein quadratisches Stück feinster Seide, in dessen linke Ecke in winzigen Buchstaben meine Initialen gestickt waren. Diese Tücher verkauften sich gut, sagte Grace Ann, und Julia, der Verkäuferin in der Boutique, machte es wirklich Spaß, sie mit ihren »niedlichen kleinen Stickkünsten« zu personalisieren.

Ich machte mit Grace Ann die Zwei-Cent-Führung durch meinen Loft und gab mit meiner Aussicht an. Sie war natürlich höflich – Grace Ann würde nicht mal bei ihrer eigenen Hinrichtung ihre guten Manieren vergessen –, aber ich hatte den Eindruck, dass sie der hohen Decke oder meiner Beschreibung der Fliesen, die ich im Badezimmer legen lassen wollte, keine allzu große Aufmerksamkeit schenkte.

Bushy hatte sich herausgeputzt und bettelte Grace Ann geradezu an, ihn zu bewundern. Doch sie nahm kaum von ihm Notiz und beugte sich nur einmal hinunter, um ihn geistesabwesend hinter dem Ohr zu kraulen.

Dann setzten wir uns hin – ich mit meinem Apfelsaft, Grace Ann mit ihrer Tasse Tee –, und ihr Gesicht nahm einen ungeheuer besorgten Ausdruck an.

»Ehrlich gesagt, Alice, die letzten paar Tage waren so ziemlich die härtesten meines Lebens.«

»Ja, das kann ich mir vorstellen. Was an jenem Tag passiert ist war furchtbar. So plötzlich. Und er war so ein junger Mann.«

»Am schlimmsten ist es natürlich für den armen Hector. Er und Niles waren so eng befreundet.«

Und was ist mit seiner Frau, du dumme Gans? dachte ich. Aber laut sagte ich: »Wie geht es denn Hector?«

»Er ist einfach außer sich. Vollkommen außer sich. Und das bin ich jetzt auch.«

»Was meinen Sie damit?«

»Der Autopsiebericht ist da.«

»Was steht darin?«

»Plötzliches Herzversagen. Verursacht von einem Nahrungsmittel, gegen das er extrem allergisch war: Mandeln. Sie nannten es eine akute Irgendwas-Vergiftung. Offenbar hatte er eine lebensbedrohliche Allergie gegen Mandeln. Und wie sich herausstellte, waren welche in der Pastete, die er gegessen hat – sie enthielt eine große Menge Mandelpaste.«

»Aber Niles hat diese Pastete doch selbst gemacht, nicht wahr?«

»Das ist genau der Punkt, Alice.«

»Mein Gott, was für ein schrecklicher Fehler. Es ist grotesk.«

»Genau meine Meinung, Liebes. Aber die Behörden sehen das nicht so. Jedenfalls noch nicht. Sie bezeichnen Niles‘ Tod nicht als Unfall.«

»Was? Wollen Sie damit sagen, sie glauben, jemand hätte die Mandelpaste absichtlich hineingetan – um ihm etwas zuleide zu tun – ihn umzubringen?«

»Das sagen sie nicht, aber schließen es offensichtlich nicht aus. Der Fall ist derzeit ungeklärt, sagen sie. Weder so noch so abgeschlossen. Weder dies noch das. Und wie sehr man auch auf sie einredet, nichts kann sie davon abbringen.«

»Das tut mir leid.«

»Ich sage Ihnen, es ist entsetzlich. Und lächerlich!«

Ich hätte Grace Ann gern versichert, dass ich sie verstand, dass ich wüsste, dass es lächerlich war, zu glauben, irgendeiner von Niles‘ Freunden hätte ihn umbringen wollen. Aber ich sagte nichts. Ich hatte es aufgegeben, vorherzusagen, was die Menschen einander antun würden und was nicht.

Ich starrte in meinen Apfelsaft. Aus irgendeinem Grund erschien mir die Vorstellung, wegen einer gepanschten Pastete zu sterben, soviel schlimmer als ein Tod durch Erschießen, Erdolchen oder den Strick. Es war so unerträglich banal.

Plötzlich stand Grace Ann auf.

»Oh, Alice, ich weiß, wie schrecklich selbstsüchtig ich Ihnen vorkommen muss, aber aufgrund dieser ganzen furchtbaren Geschichte mit Niles geht bei uns überhaupt nichts mehr. Zwischen den Verhören und Hectors Kummer und der armen Lainie … also, ich weiß nicht. Es ist, als wären alle total zusammengebrochen. Selbst Samantha. Ich hätte mir nie träumen lassen, dass es sie so trifft, aber sie steht genauso unter Schock wie Hector. Wir sind ja mit dem Geschäft gerade in einer kritischen Phase – Versandtermine, die Werbekampagne, eine weitere Hochzeit – und sie haben alle einfach … aufgehört, was zu machen.«

»Ich bin sicher, sie werden es alle verkraften«, sagte ich, »sobald der Schock über Niles‘ Tod nachlässt.« Ich musste hoffen, dass diese abgedroschenen Floskeln für Grace Ann Trost genug waren. Warum versuchte ich eigentlich immer, die Leute zu trösten?