Ein norwegisches Haus - Vigdis Hjort - ebook

Ein norwegisches Haus ebook

Vigdis Hjort

0,0

Opis

Alma liebt ihr bescheidenes Häuschen inmitten der idyllischen norwegischen Landschaft, die ungeputzten Fenster, die Kiefernholzdielen, die leeren Weinflaschen im Waschkeller und den Safe, der sich nicht öffnen lässt. Zu ärgerlich, dass sie die Einliegerwohnung, die direkt an ihr Schlafzimmer grenzt, untervermieten muss, denn von ihrer Gage als Künstlerin allein kann sie nicht leben. Als ein polnisches Pärchen einzieht, das sich bei ihr mehr und mehr zu Hause fühlt, stößt Alma an ihre Grenzen. Voller Abneigung und Misstrauen belauert sie die Fremden in ihren eigenen vier Wänden. Ein norwegisches Haus erzählt die Geschichte einer liebenswerten Misanthropin, die den Weg zurück zu den Menschen sucht, in eine Gemeinschaft, die in ihrem Gutmenschentum und ihrer Oberflächlichkeit aber ebenso ohnmächtig und handlungsunfähig ist wie Alma selbst. Vigdis Hjorth zeichnet das Bild einer Gesellschaft, wie es sie überall auf der Welt gibt: Ein bisschen Alma ist eben in jedem von uns.-

Ebooka przeczytasz w aplikacjach Legimi na:

Androidzie
iOS
czytnikach certyfikowanych
przez Legimi
czytnikach Kindle™
(dla wybranych pakietów)
Windows
10
Windows
Phone

Liczba stron: 295

Odsłuch ebooka (TTS) dostepny w abonamencie „ebooki+audiobooki bez limitu” w aplikacjach Legimi na:

Androidzie
iOS



Vigdis Hjorth

Ein norwegisches Haus

Roman

Aus dem Norwegischen vonGabriele Haefs

Saga

Pity would be no more,

If we did not make somebody Poor;

And Mercy no more could be

If all were as happy as we.

William Blake

I

Als Alma sich im Alter von zweiunddreißig Jahren scheiden ließ, zog sie in ein heruntergekommenes Holzhaus nicht weit von der Wohnung, in der der Vater der Kinder nun bleiben würde. Sie wollten das Sorgerecht teilen, die Kinder jeweils eine Woche bei sich haben, und deshalb war Alma froh, als sie dieses Haus fand, das kaum zweihundert Meter von dem des Ex entfernt lag, getrennt nur durch einen bewaldeten Hügelkamm, und Alma war zudem froh, weil eine Erbschaft ihr den Kauf ermöglichte. Ohne diese Erbschaft hätte sie sich in der relativ wohlhabenden Gegend niemals eine Bleibe beschaffen können. Das Haus hatte einem Mann gehört, der in die Psychiatrie eingewiesen worden und dort verstorben war, es hatte zwei Jahre leer gestanden, und das war ihm auch anzusehen, das große Grundstück war zugewachsen. Aus unbekannten Gründen war es einer Bank in Süd-Trøndelag überschrieben worden, die es loswerden wollte, weshalb das Haus nicht viel kostete. Mehr wusste Alma nicht, sie erhielt einen Ordner mit Unterlagen, die sich dann als unvollständig erwiesen. Es war ein weitgehend selbst gebautes Haus, wie es Alma schien, jedenfalls waren die Wasserrohre für das Badezimmer an der Außenseite des Hauses angebracht und froren jeden Winter ein, sodass sie mit einem Föhn aufgetaut werden mussten. Und viele Fenster ließen sich nicht schließen, während andere sich nicht öffnen ließen, also war eine Menge zu tun. Der ehemalige Besitzer hatte einige seltsame Dinge hinterlassen, zum Beispiel einen Safe, in dem etwas lag, das merkte sie, da sie den Safe ein wenig bewegen konnte. Wenn sie ein seltenes Mal Gäste hatte, versuchten die immer, den Safe zu öffnen, was aber nicht gelang. Das kann meine Lebensversicherung sein, dachte Alma und erinnerte sich noch genau daran, wie sie die Haustür aufgeschlossen hatte, nachdem sie bei der Gemeindeverwaltung den Vertrag unterschrieben hatte, wie sie, gleichsam stolz, das Gefühl gehabt hatte, dieses Haus zu besitzen. Ihr hatte noch nie eine Wohnung gehört. Sie ging durch die Zimmer und berührte die Wände. Es gab noch einen Anbau mit einer kleinen Einliegerwohnung, die sie vermieten konnte, um sich auf diese Weise ein festes monatliches Einkommen zu sichern, das ihr wie gerufen kommen würde, denn ihre Einnahmen als Textilkünstlerin waren unsicher und unregelmäßig. Die Einliegerwohnung bestand aus einer kleinen Diele, einem Schlafzimmer, einer engen, sehr schlichten Kochnische und einem engen und einfachen Badezimmer ohne Fußbodenheizung. Von dieser kleinen Wohneinheit führte eine schmale Treppe, die sich der Steigung des Terrains anpasste, zu einem kleinen Wohnzimmer mit Kiefernholzboden, Kiefernholzdecke und Kiefernholztäfelung an allen Wänden, das dadurch einer Sauna ähnelte. Die großen Fenster, die auf allen Seiten auf den dichten Wald hinausblickten, vermittelten ein Gefühl, sich mitten in einem Dschungel zu befinden, Alma kaufte das Haus zu Beginn des Herbstes, und die Blätter waren noch nicht von den Bäumen gefallen. Es wäre schön, keine Möbel in diesem Zimmer zu haben, dachte sie, aber möbliert zu vermieten brachte mehr, sie musste etwas Billiges kaufen und hineinstellen. Wie viel sie damals, vor fast zwanzig Jahren, für diese kleine Zweizimmerbude genommen hatte, wusste sie nicht mehr, Strom war inklusive, denn die Wohnung hatte keinen eigenen Stromzähler. Die ganze Wohnung zog sich wie ein dünner Schlauch vom Haus zum Wald hoch. Sie hatten nur eine gemeinsame Wand. Die Endwand von einem der Kinderzimmer in Almas Wohnung war die Seitenwand des Schlafzimmers in der Einliegerwohnung. Es war hellhörig, wie sie bald feststellten, aber das war nicht so wichtig. Die meisten, die sich dort einmieteten, waren alleinstehende Studenten oder frisch ausgebildete Männer, die eine Stelle im Gewerbegebiet einige Kilometer weiter jenseits der Autobahn gefunden hatten. Und das nicht in der Chefetage, denn dann hätten sie sich keine so primitive Unterkunft genommen. Es war eine Wohnung für Leute, denen es nicht so besonders wichtig ist, wie sie wohnen, vor allem dort schlafen wollen, es war eine . Und obwohl Alma die Runden mit Anzeigenaufgeben und Besichtigungsterminen anstrengend fand, war ihr das doch lieber so, als ihre Mieter zu kennen und sich nicht mehr frei fühlen zu können. Sie wollte ihre Ruhe haben und sich mit ihren Dingen beschäftigen, mit Teppichen, Garn, den Texten auf den Textilien, Geplauder mit den Nachbarn lag ihr nicht. Es kam vor, dass Einzelne, wenn sie nach der Besichtigung Namen und Telefonnummern aufschrieben, weil sie sich für die Wohnung interessierten, in Klammern hinzufügten, dass sie gern vielleicht fünfhundert Kronen mehr pro Monat bezahlen würden, wenn sie die Wohnung bekämen. Alleinstehende Mütter oder Hundebesitzer. Für die entschieden die ländliche Lage und die Natur. Aber Alma wollte keine Hunde oder kleine Kinder in der Nähe haben, Kinder, die vielleicht mit ihren eigenen Kindern spielen würden, in ihrem Haus ein- und ausgehen, und die Beziehung zu den Mietern komplizierter machen würden, nicht mehr nur streng geschäftlich. Nein, sie zog die alleinstehenden Männer vor, die rund um die Uhr arbeiteten. Immer wenn so einer einzog, verspürte sie Ruhe in ihrem Körper; jeden Monat Geld, vermutlich für ein ganzes Jahr. Die wenigsten blieben länger. Und dann gab es neue Anzeigen und Besichtigungen. Es kam natürlich vor, dass die Wohnung einen oder zwei oder drei Monate leer stand. Wenn jemand aus unterschiedlichen Ursachen unerwartet auszog, zum Beispiel mitten im Semester. Alma gab in der Lokalzeitung eine Anzeige auf, aber die Antworten ließen auf sich warten, weil der Wohnungsmarkt so oder so war, oder weil es die falsche Jahreszeit war, oder weil die Interessenten die Miete im Vergleich zur Wohnqualität doch zu hoch fanden. Das lag an der fehlenden Fußbodenheizung im Badezimmer oder dem viel zu kleinen Küchenschrank oder daran, dass es keine Satellitenschüssel gab. Andererseits gab es viel Platz zum Parken und gleich in der Nähe eine Bushaltestelle. Die Menschen haben unterschiedliche Bedürfnisse. Wenn die Wohnung einen oder zwei Monate leer stand, kam es vor, dass Alma eine überstürzte Entscheidung traf und zweifelhafte Personen einziehen ließ, die bar zahlten. Wenn die Wohnung leer stand, hatte Alma das Gefühl, Geld zu verlieren, jeden Tag, sie kam nicht zur Ruhe. Dann unterschrieb sie die einfache Übereinkunft, die sie selbst mithilfe eines Freundes aus der Immobilienbranche formuliert hatte und die sicher mit den Mietgesetzen nicht ganz in Übereinstimmung stand. Und der Mieter unterschrieb, ohne dass die Forderung nach zwei Monatsmieten Kaution erfüllt worden wäre. Denn die, die die erste Monatsmiete bar bezahlten, waren ebenso ungeduldig wie Alma und wollten die Hauptsache erledigen. Einmal zog ein Mann bereits an dem Tag ein, an dem er die Wohnung besichtigt hatte, Alma wusste noch, dass er sie nach einer Wolldecke gefragt hatte. Die Sache mit der Kaution wurde deshalb aufgeschoben, und danach fand sich nie wieder eine Gelegenheit, die Sache zur Sprache zu bringen. Zudem hatten Mieter, die sich auf diese leicht verzweifelte Weise einstellten, sicher nicht die Summe von zwei Monatsmieten zur Hand, und wenn Alma also auf dieser Klausel bestünde, würden sie absagen, und sie würde wieder annoncieren müssen. Außerdem war es ihr unangenehm, zusammen mit einem Mieter zur Bank zu fahren, eine Nummer zu ziehen und mit ihm zu plaudern, während sie darauf warteten, an die Reihe zu kommen. Sie wollte nichts mit ihrem Mieter zu tun haben, wollte ihn nicht sehen müssen, wollte seine Existenz vergessen, wenn nur das Geld jeden Monat auf dem Konto war. Außerdem könnten sie ja nicht viel kaputt machen, beruhigte sie sich selbst. Es kam natürlich vor, dass jemand nicht bezahlte und auch auf eine Mahnung nicht reagierte und dann plötzlich verschwunden war, während sie zum Beispiel in einer primitiven Ferienhütte in den Bergen saß und an einer Fahne arbeitete. Ein finnisches Ehepaar verschwand. Sie sah die beiden wochenlang nicht, und ihr Auto war auch nicht da, was Alma nicht interessierte, aber als die Miete ausblieb, machte sie sich Sorgen, wie lange sollte sie warten, ehe sie etwas unternahm, und was? Ihre Sachen stehen ja noch da, sagte sie sich und schloss die Wohnungstür auf und sah sich die finnischen Habseligkeiten mit gemischten Gefühlen an, die stellten sicher eine Art Wert da, jedenfalls für das Ehepaar? Persönliche Papiere und gerahmte Fotos von Menschen, die ihnen zweifellos wichtig waren. Fernseher und Computer, Stapel von Kleidern und Hausrat und Toilettensachen, ganz andere Marken, als sie selber kaufte. Diese Sachen sind eine Art Pfand, dachte sie, während die Zeit verging und die notwendigen monatlichen Summen ausblieben. Sollte sie sich die Mühe machen, die Sachen einzupacken und die Wohnung zu säubern, um an andere vermieten zu können? Aber wenn die Finnen doch noch auftauchten? Dürfte sie das überhaupt? Sie rief den Vermieterverband an, in dem sie über ihre Versicherung Mitglied geworden war, die sagten, sie müsse mit der Post eine Kündigung aufgrund von Mietrückständen schicken. Aber die holen die Post ja nicht aus dem Briefkasten, sagte sie. Dann müsse sie einen Einschreibebrief schicken, denn selbst, wenn der nicht abgeholt würde, wäre er doch ein benötigter Beweis, um die Kündigung durchführen zu können. Sie folgte diesem Rat und sah, dass der Abholschein für den Einschreibebrief unberührt im Briefkasten der Einliegerwohnung liegen blieb, zusammen mit anderen Schreiben, Postkarten und Briefen von Banken, bei denen sie mit dem Gedanken spielte, sie zu öffnen und zu lesen. Alles blieb liegen, Briefe blieben liegen, Dinge blieben stehen, kein Geld lief auf dem Konto ein. Und Alma schloss die Tür auf und drehte die Heizkörper aus, um nicht für die Katz zu heizen und noch mehr Geld zu verlieren, sie hatte das Gefühl, dass das Geld ihr nur so davonfloss. Sie rief abermals beim Vermieterverband an und fragte, wie lange sie warten müsse, um die Wohnung ausräumen und neu vermieten zu können, und ihr wurde gesagt, streng genommen müsse sie die Finnen zuerst anzeigen. Sie ging zur Polizei und erklärte die Situation, und der Vermieterverband hatte ihr die richtige Auskunft erteilt, sie musste das finnische Ehepaar durch die Polizei suchen lassen, ehe sie etwas unternehmen konnte. Also ließ sie das finnische Ehepaar suchen, nicht, weil sie Angst hatte, ihnen könne etwas zugestoßen sein, sondern weil sie erst, wenn die Polizei feststellte, dass sie anderswo wohnhaft waren, den Mietvertrag als aufgehoben betrachten dürfte. Die Polizei schrieb eine hohe Rechnung für die Nachsuchgebühren aus, aber ansonsten hörte Alma nichts von ihnen, diese Ermittlung galt sicher nicht als besonders dringlich. Ich hätte die Kaution verlangen müssen, dachte sie dann. Zwei Wochen nach ihrem Besuch auf der Wache fuhr sie im Advent mit den Kindern nach Berlin, und als sie zurückkamen, war die Wohnung leer. Das finnische Ehepaar hatte sie offenbar beobachtet und gewartet, bis die Familie weg war, die Lampen tagelang ausgeschaltet waren. Alma beschloss, ohne sich mit dem Vermieterverband oder der Polizei zu beraten, das Mietverhältnis als beendet zu betrachten. Sie putzte die Wohnung, warf alles weg, was die Finnen nicht mitgenommen hatten, wertlose Dinge, verschlissene Handtücher, angesengte Topflappen, borstenlose Spülbürsten, und sie war dabei reichlich wütend. Weil sie den Dreck der anderen wegmachen musste. Und weil sie gewusst hatten, als sie verschwanden und den Dreck liegen ließen, dass Alma sie aufheben und wegwerfen müsste, die braune Klobürste. Dass sie das Klo putzen und die Flecken auf dem Badezimmerboden entfernen müsste. Sie putzte und schrubbte und kaufte einen neuen Duschvorhang und ersetzte Gabeln und Gläser. Doch, es brachte allerlei unvorhergesehene Arbeit, aber vor allem war es ein großer Vorteil, eine solche Wohnung als Teil des Hauses zu haben. Und die Wohnung hatte jetzt auf der Vorderseite eine schöne Terrasse, dafür hatte ein dänischer Handwerker gesorgt, ehe auch er plötzlich verschwunden war. Als Alma drei Monate lang weder ihn noch sein Auto gesehen und auch keine Miete bekommen hatte, schloss sie die Wohnung auf und konfiszierte allerlei Werkzeug, das er dort liegen hatte, denn auch von ihm hatte sie keine Kaution bekommen, so ungeduldig war sie gewesen. Als er nicht wieder auftauchte, begann sie, ohne sich mit der Polizei oder dem Vermieterverband zu beraten, seine zahllosen Habseligkeiten in Säcke zu packen, die sie in die Garage stellte. Das, was ihrer Meinung nach einen Wert besaß, schloss sie in ihrer eigenen Wohnung ein. Als der Mann auftauchte und die Wohnung leer vorfand, klopfte er bei ihr an und verlangte seine Besitztümer zurück. Sie sagte, er werde die erst bekommen, wenn er die ausstehende Miete bezahlte. Das konnte er offenbar nicht und hatte es offenbar auch nicht vor. Dann werde sie die Sachen behalten, sagte sie, verwundert über ihre Entschiedenheit, sie war gestählt, sie war stark. Sie können mir doch meine Sachen nicht wegnehmen, stammelte der Däne, doch das konnte sie, das tat sie. Sie sagte, in der Garage stehe so einiges, das er mitnehmen könne. Sie stand hinter dem Vorhang und sah zu, wie er seine Säcke in einen Lieferwagen packte. Eine Woche lang wartete sie nervös, ob sie von ihm hören würde, ob irgendwelche Forderungen einlaufen würden, ob er sich an einen Anwalt oder an die Polizei gewandt hatte, aber sie sagte sich, die Gefahr sei gering, da er selbst den Vertrag nicht eingehalten hatte. Sie hörte auch weder von ihm noch von anderen. Sie putzte die Wohnung, kaufte Gabeln und Gläser, wechselte den Duschvorhang aus, nähte neue Vorhänge und Kissen, aus Stoff, den sie übrig hatte, gab eine Anzeige auf und vermietete die Wohnung an eine Frau mit Hund. Erst, als der Mietvertrag unterschrieben war, fuhr sie nach Lierbygda und verkaufte das Werkzeug des Dänen in einem Baumarkt. Dort hielten sie die Sachen offenbar für Diebesgut, obwohl Alma die Lage ganz offen schilderte, aber sie nahmen immerhin alles. Den großen Grill und den Schreibtischsessel verkaufte sie über . Noch immer kam manchmal Post für den Dänen, Toni Hansen hieß er, von Banken, bei denen er Schulden hatte.

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!