Eden - D. J. Franzen - ebook

Eden ebook

d.j. franzen

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Opis

Auf ihrer Flucht vor den Truppen des Majors kommen die Pilger immer näher an das zerstörte Köln. Sandra zieht sich immer weiter von der Gruppe zurück, denn dunkle Ahnungen von großen Verlusten ihrer kleinen Schar machen ihr zu schaffen. Gleichzeitig ist auch die Armee des Majors weiter in Richtung Süden unterwegs. Jörg ist verblüfft, als der Major befiehlt, geradewegs nach Köln zu marschieren. Er muss den Befehlen des Totlebenden aber Folge leisten, um keinen Verdacht zu erregen. Der Major scheint mehr zu wissen, als er seinem Adjutanten sagen will und einen geheimen Plan zu verfolgen. Als auch Patrick Stark und der ewige Wanderer Longinus mit ihrem Gefolge aus Untoten an die Stadtgrenzen kommen, glaubt Patrick seine wahre Bestimmung zu erkennen. Es scheint, als hätten unbekannte Kräfte die Toten und die Lebenden hier zusammengeführt, damit sie ihren letzten Kampf ausfechten können. Es wäre die Schlacht um den sicheren Weg nach. Eden

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Armageddon, die Suche nach Eden

Band 12

Eden

© 2013 Begedia Verlag

© 2013 D.J. Franzen

ISBN: 978-3-95777-024-0 (epub)

Idee und Exposé: D. J. Franzen

Umschlagbild: Lothar Bauer

Layout und Satz: Begedia Verlag

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http://verlag.begedia.de

Auf ihrer Flucht vor den Truppen des Majors kommen die Pilger immer näher an das zerstörte Köln. Sandra zieht sich immer weiter von der Gruppe zurück, denn dunkle Ahnungen von großen Verlusten ihrer kleinen Schar machen ihr zu schaffen.

Gleichzeitig ist auch die Armee des Majors weiter in Richtung Süden unterwegs. Jörg ist verblüfft, als der Major befiehlt, geradewegs nach Köln zu marschieren. Er muss den Befehlen des Totlebenden aber Folge leisten, um keinen Verdacht zu erregen. Der Major scheint mehr zu wissen, als er seinem Adjutanten sagen will und einen geheimen Plan zu verfolgen.

Als auch Patrick Stark und der ewige Wanderer Longinus mit ihrem Gefolge aus Untoten an die Stadtgrenzen kommen, glaubt Patrick seine wahre Bestimmung zu erkennen. Es scheint, als hätten unbekannte Kräfte die Toten und die Lebenden hier zusammengeführt, damit sie ihren letzten Kampf ausfechten können.

Es wäre die letzte Schlacht um den sicheren Weg nach …

… Eden

I. Teil

Veränderungen

Das Leben ist nur ein wandelndes Schattenbild.

William Shakespeare, Macbeth, 5. Akt, 5. Szene

Kapitel I

»Ahnungen«

Das ist jetzt das zwölfte kleine Notizbuch, in das ich jetzt schreibe. Meine Finger werden immer steifer und ungelenker. Bald sieht meine Sauklaue aus, wie die von Martin. Warum mache ich das überhaupt? Warum, zur Hölle, schleppe ich die Tagebücher mit mir herum und suche bei Gelegenheit nach weiteren und nach Stiften? Wenn ich ehrlich zu mir selber bin: Weil ich Angst habe. Ich habe Angst, dass ich irgendwann eines von diesen anderen Dingern werde. Vielleicht hält mich so etwas Menschliches, wie das Führen eines Tagebuchs ja davon ab.

»Totlebende benötigen keinen Schlaf im eigentlichen Sinn«, hat Steins zu mir gesagt. »Sie werden nur ab und zu in eine Art Trance fallen, die sich aber wie normale Müdigkeit ankündigt.« Bisher hat er recht gehabt. Aber warum habe ich dann seit einiger Zeit das Gefühl, ich sei ständig müde und kann trotzdem nicht schlafen oder in Trance fallen? Kann man als Totlebende überhaupt an Schlafmangel leiden? Ich weiß, dass Menschen mit Schlafmangel zu Halluzinationen neigen, wenn dieser Mangel dauerhaft oder wenigstens auf längere Zeit fortgesetzt wird. Und ich weiß, dass ich nicht begabt bin. Also habe ich definitiv keine Visionen wie die Heilige Jungfrau Johanna von Orleans! Sind es also Halluzinationen, die ich sehe? Manchmal, wenn ich die Augen schließe, sehe ich schreckliche Bilder. Zähne und Klauen, Blut und Eingeweide. Ich höre Schmerzensschreie und ich habe Angst. Angst um die Kinder. Es sind nicht meine, aber ich fühle mich für sie verantwortlich, so als wären sie mein Fleisch und Blut. In mir ist seit ein paar Tagen eine Unruhe, die ich mir nicht erklären kann. Wir kommen einfach zu langsam vorwärts, was sich auch auf die Stimmung der anderen legt. Wir bräuchten ein Flugzeug. Dann kämen wir schneller nach Süden, könnten uns ausruhen und wären weg vom Major und seiner Armee der neuen Ordnung. Marion kann fliegen. Jörg konnte auch fliegen. Aber er ist nicht hier und wir müssen eben sehen, wie wir zurechtkommen! Trotzdem frage ich mich, ob ich ihn je wiedersehen werde. Was mag er jetzt eigentlich tun? Wo ist er? Wie geht es ihm? Gott muss ein Sadist sein! Der erste Mann in meinem Leben, der ehrlich und zärtlich zu mir war, und dann wird er mir genommen. Ich sehne mich nach seinen Händen, seinen Augen und seiner Stimme. Er fehlt mir so sehr!♥♥♥

Im Moment gehen wir drei Schritte vorwärts und zwei zurück. Es ist zum Mäusemelken! Die Stimmung unter den anderen ist auch im Eimer. Ich habe das Gefühl, als würde sich über unseren Köpfen ein riesiger Eimer voll Jauche ansammeln. Ich glaube, ich sollte Martin bei Gelegenheit die Tagebücher, die er so hochtrabend Chroniken genannt hat, zurückzugeben. Vielleicht liest sie eines Tages jemand. Und ich werde das Gefühl nicht los, dass ich dann nicht mehr da sein werde. Aber vorher sollte ich sie noch schnell durchsehen. Muss nicht jeder alles von mir wissen, selbst wenn ich nicht mehr da bin.

Genug der kleine-Mädchen-Spielereien! Fehlt nur noch, dass ich Sticker mit Blümchen und Herzchen suchen gehe! Der Morgen dämmert. Wir müssen los. Ich muss die Kinder in Sicherheit bringen, und wenn ich dabei draufgehe!

Kapitel II

»Hunger«

»Mir geht dieses Lied einfach nicht aus dem Kopf.« Martin trat lustlos nach einer kleinen Schneewehe. »High Hopes. Große Hoffnungen. Was, wenn Eden auch nur eine große Hoffnung ist, die sich als Seifenblase entpuppt?«

Tom sah ratlos auf. Die beiden hatten die Wache bis zum Morgengrauen übernommen. Hinter ihnen standen die Humvees wie ein Wall Tür an Tür. Eine Wagenburg wäre einem schnellen Aufbruch hinderlich gewesen. Also hatte Sandra angeordnet, dass sie die Fahrzeuge in einer Reihe quer über die vierspurige Landstraße aufstellen sollten, auf der sie Rast machten.

»Das ist doch schon zwei Tage her, Martin«, sagte Tom. »In Wahrheit geht dir doch viel mehr durch den Kopf, oder?«

»Ja«, murmelte Martin verdrossen. »In Bonn, als ich bewusstlos war, da habe ich irgendwie ein … Tor? Ja, es war ein Tor. Ich habe es erschaffen. Dadurch konnte Stefan raus aus der Zelle. Warum kann ich das jetzt nicht mehr? Warum kann ich uns nicht einfach wie in einem Science-Fiction-Film von hier wegbeamen? Am besten direkt nach Eden!«

»Weil du das noch nie konntest«, erklang Lemmys Stimme aus dem Gebüsch am Straßenrand. Es raschelte und der Mann kam ächzend und leise fluchend aus der Umarmung der knorrigen Büsche heraus.

»Ich würde alles dafür geben, mal wieder auf 'nem ordentlichen Thron mein Morgengeschäft zu erledigen! In die Büsche kacken wie 'n Trapper? Keine Zeitung, keine Fluppe und der Wind bläst dir eiskalt durch die Muffe. Pah!«

Tom kicherte leise und deutete auf Lemmys linken Fuß.

»Du hast da ein Mitbringsel.«

Lemmy starrte an seinem Bein herunter und seine Laune sank noch weiter, sofern das überhaupt möglich war. Knurrend rieb er seinen Schuh am Boden, um das Stück Papier, das sich an seiner Sohle festgeklebt hatte, abzustreifen.

»Scheiße!«

»Aber total«, feixte Tom. »Soll ja Glück bringen, wenn man da rein tritt.«

Martin sah Lemmy die ganze Zeit ernst an und ging auf die Alberei nicht ein. Er neigte wie fragend den Kopf.

»Was meinst du damit? Das konnte ich noch nie?«

Lemmy sah Martin durchdringend an. Alles Knurrige und Schnodderige war von dem alten Mann gewichen und eine Aura der Zeitlosigkeit umgab ihn plötzlich.

»Du bist noch nicht soweit, mein Junge.«

Bevor Martin etwas erwidern konnte, kam Sandra aus der Morgendämmerung auf die Fahrzeuge zu.

»Habt ihr eigentlich den Knall nicht gehört, oder geht es euch zu gut?«, zischte sie. »Ich habe euch schon in hundert Metern Entfernung gehört! Wollt ihr etwa, dass sämtliche Stinker der Umgebung auf unser kleines Picknick im Grünen hier aufmerksam werden?«

Martin sah betreten zu Boden und schüttelte den Kopf.

»Sehr gut. Nachdem wir das also geklärt haben, könnt ihr die anderen wecken. Die Straße ist auf die nächsten fünf Kilometer frei und ich habe keine Stinker sehen können.«

Als Sandra an Martin vorbeiging, hielt er sie am Arm zurück.

»Sandra, was machst du eigentlich?« Die Totlebende sah ihn mit einem undefinierbaren Blick an und Martin sah sich gezwungen, seine Frage zu verdeutlichen. »Ich meine damit deine einsamen Nachtwachen, weit ab von unserem Lager.«

»Willst du die übernehmen, Junkie?«

»Ex-Junkie. Und nein, ich will die nicht übernehmen. Ich frage mich aber, warum du es tust, warum du das Risiko eingehst, da draußen im Dunkeln ganz alleine herumzustreunen.«

Zuerst sah es so aus, als wolle Sandra wütend werden. Doch dann entspannte sie sich unter Martins Fingern, und er hatte das Gefühl, als würden alle Kraft und Entschlossenheit aus ihr heraussickern.

»Ich gehöre nicht zu euch. Jedenfalls nicht so richtig. Nicht mehr.«

»Du bist unsere Anführerin! Du bist unsere Big Mama!«

Sandra lachte leise auf.

»Big Mama? So nennt ihr mich also?«

Martin grinste schwach. »Naja, die Kids zumindest. Immerhin hast du sie bis hierhin gebracht. Sie lieben und verehren dich. Sie vertrauen dir.«

Wehmut trat in Sandras Augen. Ein Ausdruck, der Martin tiefer traf, als er es je vermutet hätte. Vielleicht deshalb, weil Sandra ihm nie sonderlich gefühlsbetont vorgekommen war. Sie jetzt so zu sehen, war … beunruhigend.

»Ja, ich habe sie bis hierher gebracht. Einmal quer durch ein totes Land und fast wieder zurück an den Ort, wo auch für mich alles begann. Und was hat es uns gebracht? Sind wir in Sicherheit? Nein. Im Gegenteil, wir sind gefährdeter als je zuvor! Wir haben schwere Verluste hinnehmen müssen, haben Freunde gewonnen und noch mehr verloren, mussten Menschen verraten und Freunde zurücklassen, um unser eigenes Leben zu retten. Und jetzt bin ich ein Freak, eine Laune der Natur, an dessen ehernen Gesetzen eine Handvoll verrückter Wissenschaftler herum gepfuscht hat!« Sandra seufzte und Martin glaubte, Tränen in ihren Augen schimmern zu sehen. »Martin, wenn ich doch wirklich so eine Big Mama bin, warum kann ich euch, ganz besonders die Kinder, nicht endlich in Sicherheit bringen?«

»Aber du gibst doch dein Bestes!«

»Ja. Das tue ich. Aber ist es auch genug?«

Ehe Martin etwas erwidern konnte, zog Sandra sanft aber mit Nachdruck ihren Arm aus seinem Griff und ging mit gesenktem Blick zu den Wagen, wo die Pilger langsam erwachten.

»Es ist genug, Sandra«, flüsterte Martin ihr hinterher. »Du große Mutter, die ihre Kinder in der Nacht auf einsamer Wache beschützt, damit sie eine Hoffnung auf ein neues Leben haben.«

In diesem Augenblick wurde der mentale Ruf, den alle Begabten spürten, wieder stärker. Martin verglich es mit dem Bild einer Bake, die ihre Strahlen im Kreis in die Nacht warf, um die Seeleute sicher in den Hafen zu lotsen. Wohin würde diese Bake sie führen? Warum schien dieser Ruf zugleich auch die Stinker zu aktivieren und machte aus ihnen grausige Zugvögel, die auf ihrem Weg nach Süden alles fraßen, das lebendig war? Martin seufzte und kämpfte gegen den Drang an, umgehend dem Ruf zu folgen. Je näher die Pilger in Richtung Süden kamen, um so drängender wurde dieser Sog. Was würden sie vorfinden, wenn sie dort angekommen waren? Lag dort wirklich Eden?

Plötzlich zuckte Martin zusammen. Je näher sie dem Ursprung des Rufes kamen, um so verschlossener wurde Sandra. Gab es da einen Zusammenhang? Martin beschloss, Sandra beizeiten auch darauf anzusprechen.

***

Sandra hielt sich im Hintergrund, als die Gruppe der Pilger sich für den Aufbruch vorbereiteten. Sie war satt und hatte die Wut in ihrem Inneren wieder unter Kontrolle.

Ein trockenes Würgen schoss ihr in die Kehle.

Ja, sie war satt. Sie hatte gegessen.

Totes Fleisch, das sie auf ihrer nächtlichen Jagd erlegt hatte. Einer Jagd, die die anderen als einsame Nachtwache ansahen. Ihre Augen brannten, aber es kamen keine Tränen aus ihren reanimierten Augen. Wie lange noch, bis sie ihre Wut und ihren Hunger nicht mehr unter Kontrolle halten konnte?

Steins hatte unrecht gehabt. Und auch van Hellsmann hatte total danebengelegen. Sie war nichts Besonderes. Auch sie benötigte eine permanente Zufuhr an Nährstoffen und Sedativa, um die Bestie in ihrem Inneren unter Kontrolle halten zu können. Wie lange noch, bis sie keine untote Beute mehr fand und ihre Gier nicht mehr stillen konnte? Dieser Hunger nach frischem Fleisch, der immer schlimmer wurde, je näher sie ihrem Ziel kamen. Dieser Ruf, dieses auf- und abschwellende Brummen in ihrem Kopf, dass ihr klares Denken überlagerte, schwoll langsam wieder ab. Aus irgendeinem Grund assoziierte sie mit diesem Brummen das Bild eines kleinen Leuchtturms in der Nacht. Das Brummen wurde in diesem Bild zu einem langen Arm aus purem Licht. Und wenn er am stärksten war, sie direkt anblickte und ihr Denken blendete …

Tom rief leise ihren Namen und holte Sandra aus ihren Grübeleien. Die Gruppe war abmarschbereit. Mit Beinen, die nicht ihr zu gehören schienen, ging Sandra auf den vordersten der Humvees zu. Und die Bestie in ihr murmelte unruhig im Schlaf, wartete auf den Ruf, der sie wieder wecken würde und träumte von einem Bissen warmen Fleisches.

***

Patrick Stark und Longinus schritten gemächlich eine Autobahn entlang. Sie konnten nebeneinander gehen, da dieser Teil vor der Katastrophe abgesperrt worden war. An den Leitplanken standen noch die schweren Maschinen einer Wanderbaustelle, die wie metallische Dinosaurier in der Kälte vor sich hin dösten. Den beiden einsamen Wanderern folgte eine schier endlose Herde von Untoten. Die Stinker hielten respektvollen Abstand zu den beiden Männern, die in ihre Gedanken vertieft schienen. Plötzlich blieb Patrick stehen und seufzte tief. »Mein Freund, wenn ich mich richtig orientiere, sind wir auf dem Weg nach Köln.«

Longinus rückte seinen Rucksack mit Proviant zurecht und sah sich um. »Ja, in der Tat. Unser Weg in Richtung Süden hat uns in die Nähe von Colonia Claudia Ara Agrippinensium geführt.«

»Ist das ein Zeichen?«

»Warum?«

»Weil hier für mich alles begann.«

Longinus schüttelte den Kopf. »Du glaubst noch immer, dass du eine göttliche Aufgabe zu erfüllen hast, Patrick?«

Der totlebende Pfarrer sah den ewigen Wanderer nachdenklich an und deutete mit einer Hand hinter sich.

»Siehst du die Herde verlorener Seelen, die wir mit uns ziehen? Siehst du mich und meine Existenz, die jeglicher Natur widerspricht? Was, wenn keine göttliche Aufgabe, ist es dann, was mich hier stehen lässt?«

Longinus lachte leise auf.

»Eine Horde recht anrüchiger, verlorener Seelen, möchte ich sagen. Wenn wir Rückenwind haben, fällt mir das Atmen zugegebenermaßen etwas schwer.«

»Ich bin verwundert, Longinus. Wie kann der Mann, der Jesus am Kreuz seinen Speer in die Seite stach, kein gläubiger Mensch sein? Ein Mann, der seitdem durch die Jahrhunderte wandert, wie ich dazu sagen muss.«

»Patrick, ich habe es dir schon gesagt. Ich bin einer der Alten. Das Produkt einer zu früh eingesetzten Evolution, die mir und den anderen meiner Art gewisse Fähigkeit verleiht. Auch wir können sterben. Allerdings ist uns die Gabe der Wiedergeburt unserer Seele in einer Weise gegeben, die zugegebenermaßen den biblischen Worten entspricht.« Longinus hielt inne. Sein Blick verschleierte sich ein wenig, als er weitersprach. »Manche von uns vereinen sich sogar in einem Körper, der auf diese Weise die Zeiten überdauert. Auch du bist im Grunde nichts anderes, als eine Weiterentwicklung des Menschen. Jedenfalls ist das der Eindruck, den ich in den Jahrhunderten meiner Wanderung gewonnen habe. Was immer dich verändert hat, dir eine gewisse Immunität gegen das Virus gab, ist ein Teil des großen Plans der Evolution.«

Patrick lachte auf, als er weiterging.

»Und was ist die Evolution denn anderes, als Gottes Plan der Schöpfung? Wenn du und die anderen Alten über besondere Fähigkeiten verfügt, dann steht es eben so in Gottes Plänen für die Menschen geschrieben. Was du also seit Jahrhunderten auf wissenschaftlichem Wege zu ergründen suchst, ist nichts anderes, als ein Teil des göttlichen Plans.«

»Ein katholischer Pfarrer und Wissenschaft?«, fragte Longinus verblüfft und kicherte. »Ich kann mich an Zeiten erinnern, da waren diese beiden Worte und ihre jeweiligen Anhänger unversöhnliche Feinde.«

»Ja. Ich habe nach den Ereignissen in Bonn endlich erkannt, dass Religion und Wissenschaft sich nicht ausschließen müssen. Ich glaube daran, dass Gott mich bewusst so geschaffen hat, dass ich dem Virus insoweit widerstehen kann, dass er aus mir keine seelenlose Fressmaschine macht. Er sagt mir damit, dass ich die armen Kreaturen hinter uns an einen Ort führen soll, wo sie ihren letzten Frieden finden werden. Zudem ist es besser für eventuelle weitere Überlebende, wenn ich wie ein Magnet die Metallspäne, das unselig belebte Fleisch hinter mir herziehe.«

»Eine ziemlich freie Interpretation seines Willens, findest du nicht?«, fragte Longinus.

Patrick schwieg und der ewige Wanderer erkannte einmal mehr, wie schwer die Schuld auf den Schultern Patricks lastete. In Bonn hatte er seine kleine Herde aus Überlebenden im Stich gelassen, als General Dupont einen Gottesstaat auf den Trümmern der alten Welt errichten wollte. Stark war ihm begeistert gefolgt und sogar bereit gewesen die Kinder, die er in Köln half zu retten, auf dem Altar des wahren Glaubens zu opfern. Er hatte die verraten, die er eigentlich schützen wollte, weil sie anders waren. Jetzt war er einer von ihnen und sogar noch etwas mehr. Ein Zwischending aus einem Untotem und einem lebenden Menschen, mit der Gabe die Stinker an sich zu binden *).

Longinus nickte versonnen vor sich hin, während sie dem Verlauf der Autobahn folgten. Es war also kein Wunder, das Patrick versuchte einen Sinn hinter all dem Geschehenen zu erkennen. Aber wenn das wirklich alles Gottes Wille war, dann hatte ER einen seltsamen Sinn für Humor.

Wie um diese Tatsache zu beweisen, stolperte Longinus. Er fing sich und sah auf seine Füße. Die Sohle seines rechten Schuhs hatte sich gelöst und hing, als er den Fuß leicht anhob, wie eine erschlaffte Zunge vom restlichen Schuh herab. Patrick blieb neben ihm stehen.

»Ich fürchte, dass unsere Begleiter etwas widerstandsfähiger sind, als unsere Ausrüstung«, sagte er ehemalige Geistliche mit einem schiefen Lächeln auf den Lippen. »Sie ermüden nicht, brauchen weder Rast noch Proviant und können ewig so weitermarschieren.«

*) Siehe Band 4 »Babylon« und Band 5 »Herbst«

Longinus nickte.

»Ich fürchte, da hast du recht, mein Gefährte. Zumindest, was unsere Ausrüstung betrifft. Ich mag zwar über andere Fähigkeiten verfügen, als ein normaler Mensch, dennoch bin ich darauf angewiesen, ab und an eine Rast einzulegen und zu essen und zu trinken.«

Patrick wurde blass und Longinus erkannte, was er gesagt hatte. Ehe Longinus etwas sagen konnte, trat Patrick einen Schritt näher und legte ihm eine Hand auf die Schulter.

»Welche Schuhgröße hast du?«

»Vierundvierzig.«

Patrick lächelte und deutete mit dem Daumen hinter sich. »Dann werde ich in meiner Herde um eine gnadenvolle Spende für dich bitten. Vielleicht finde ich ja einen heiligen Sankt Martin, der statt seines Mantels, sein Schuhwerk mit dir teilt.«

Longinus sah Patrick in die Augen und bemerkte ein fröhliches Funkeln in dessen Augen. Schließlich lächelte er. »Möchtest du dir vorher noch eine Laterne basteln und dir die Lieder deiner Kindheit in Erinnerung rufen?«

Patrick schüttelte grinsend den Kopf.

»Es wird auch gehen, ohne dass ich Martinslieder schmettere.« Er wandte sich ab und schritt auf die Untoten zu, die im respektvoll erscheinenden Abstand hinter den beiden stehen geblieben waren. »Ansonsten werde ich es mit den amerikanischen Brüdern halten und Süßes oder Saures skandieren«, rief er über die Schulter zurück.

Longinus` Gelächter hallte noch durch die tote Landschaft, als Patrick schon das Schuhwerk der ersten Untoten in ihrem Gefolge auf Haltbarkeit und passende Größe untersuchte.

***

Patrick atmete auf, als er sich umsah und Longinus nicht mehr sehen konnte. Seine Hände zitterten. Der Ruf hatte ihn ereilt. Wieder einmal. Und mit ihm kam der große Hunger. Eilig ging der ehemalige Pfarrer noch ein ganzes Stück tiefer in die Horde der Stinker, die ihm bereitwillig Platz machten und verständnislos anblickten. Ja, er war so etwas wie ihr Hirte, ihr Führer durch ein totes Land. Aber auch ein Hirte musste leben. Heiße Tränen der Scham brannten in Patricks Augen, als er an einen halb nackten Untoten kam, in dessen rechte Wade ein großes Stück Fleisch fehlte. Untot oder nicht, auch er brauchte Muskeln, um sich zu bewegen. Und er war aufgrund seiner Verletzung zu langsam.

Patrick murmelte ein schnelles Gebet, während er die kurze Distanz zwischen sich und dem Stinker überwand. Unbändiger Hunger gewann die Oberhand über Schamgefühle. Und als das gehauchte Amen in der Stille der toten Welt verblutete, grub Patrick Stark seine Zähne in den Oberarm des Stinkers. Ja, auch ein Hirte musste essen, damit er leben und seine Herde führen konnte. Und in Zeiten der Not aß ein Hirte auch die Lämmer seiner eigenen Herde. Und der Ruf blendete alles klare Denken in Patrick aus.

Kapitel III

»Fragen«

Die Neonröhre in dem kahlen Raum summte leise. Ihr grelles Licht ließ in den Ecken der Betonwände keine Schatten zu. An dem einen Ende des Raumes stand ein Tisch mit zwei Stühlen. Auf dem Tisch war ein Schachspiel aufgebaut. Eine Frau in einem weißen Anzug saß starr vor dem Spiel und starrte ins Leere. Seit der Vereinigung mit ihrem Bruder Gabriel hatte Luzifer den Raum nicht mehr verlassen *). Zumindest körperlich nicht. Ihr Geist schwebte in einer Ebene, die die Alten den Nimbus nannten. Hier konnte Luzifer das Geschehen auf der Erde sehen und von Ort zu Ort eilen, ohne körperlich anwesend zu sein. Doch die Vereinigung mit ihrem Bruder hatte sie Kraft gekostet. Sie beide. Dank ihrer Kräfte war es ihr gelungen, Nahrung und Trinken von den verschiedensten Orten hierher, in diesen kahlen Raum eines russischen Raketensilos zu schaffen, und einen Verfall ihres fleischlichen Körpers zu verhindern, aber zu mehr war sie nicht in der Lage. Denn in ihrem Inneren tobte immer noch ein Kampf um die Vorherrschaft.

*) Siehe Band 8 »Terror«

Schwester, lass mich doch endlich auch etwas tun!

»Nein!«

Aber habe ich mich nicht mit dir vereint? Freiwillig, wie ich nochmals betonen möchte!

»Ja, das hast du. Aber ich kenne dich. Du bist die Hinterlist in Person. Du hast mich mit der Vereinigung überrumpelt!«

Warum überrumpelt? Ich wollte unser beider Kräfte bündeln und endlich das Richtige tun. Ich wollte den Menschen vertrauen und den wenigen Überlebenden helfen, einen sicheren Ort zu finden.

»Aha. Du WOLLTEST also vertrauen, du WOLLTEST also helfen. Das ist mir ein wenig zu vage.«

Ah, du weißt, was ich meine, Schwesterherz.

»Ja, ich weiß, was du meinst, Gabriel. Du vergisst aber, dass wir vereint sind und du mich nicht täuschen kannst. Ich spüre in deinen Worten Schwingungen, die mich zweifeln lassen. Außerdem hast du dich in Vergangenheit auch nicht gerade mit dem Ruhm eines Philanthropen bekleckert.«

Ein Lachen hallte durch das doppelte Bewusstsein.

Wie meinst du das denn, Luzifer?

Statt einer Antwort flammten Bilder in dem doppelten Bewusstsein auf.

Prunkvoll gekleidete Monarchen und Bischöfe, über Karten gebeugt, auf denen Landesgrenzen zu sehen sind. Auf den Karten kunstvoll verzierte Holzklötze, die die verschiedensten Truppenarten darstellen. Im Hintergrund ein Mann mit tiefschwarzen Haaren und dem zufriedenen Lächeln eines gesättigten Wolfs auf den Lippen.

Ein weites Feld, von Bäumen umsäumt. Zwei große Armeen, die sich gegenüberstehen, die Bajonette aufgepflanzt, bereit auf das Kommando ihrer Generäle hin loszustürmen. Auf einem Hügel, weit abseits der Schlacht, eine Handvoll Reiter in reich verzierten Uniformen, die Blicke auf das Schlachtfeld gerichtet. Neben dem General der Truppen ein Mann mit tiefschwarzen Haaren auf einem schwarzen Rappen. Er lehnt sich zur Seite und flüstert dem General etwas ins Ohr. Der nickt, und der dunkle Mann setzt sich mit einem zufriedenen Lächeln wieder aufrecht in seinen Sattel.