Driven. Starkes Verlangen - K. Bromberg - ebook

Driven. Starkes Verlangen ebook

Bromberg K.

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Opis

Kriegsberichterstatter Tanner Thomas liebt das Leben am Limit. Ständig stürzt er sich in neue Gefahren, immer auf der Jagd nach der nächsten Story – bis die Fotojournalistin Beaux Croslyn auftaucht. Doch die beiden müssen ihre Leidenschaft verbergen. Denn auch Beaux hat ihre Geheimnisse ...

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Das Buch

Kriegsberichterstatter Tanner Thomas liebt das Leben am Limit. Mit Adrenalin versucht er, persönliche Enttäuschungen zu verdrängen. Ständig stürzt er sich in neue Gefahren, immer auf der Jagd nach der nächsten großen Story – bis die Fotojournalistin Beaux Croslyn auftaucht und sein ohnehin schon turbulentes Leben aus der Bahn wirft. Doch die beiden müssen ihre Leidenschaft verbergen. Denn auch Beaux hat ihre Geheimnisse. Und als ihre Vergangenheit beginnt sie einzuholen, ist nicht nur ihre Beziehung bedroht, sondern auch ihrer beider Leben. Doch Tanner ist bereit, ihr ans Ende der Welt zu folgen, um herauszufinden, ob die Verbindung zwischen ihnen echt war – oder nur eine kurze Leidenschaft, entzündet von der Gefahr, die sie umgab …

Die Autorin

K. Bromberg lebt mit ihrem Mann und ihren drei Kindern im südlichen Teil Kaliforniens. Wenn sie mal eine Auszeit von ihrem chaotischen Alltag braucht, ist sie auf dem Laufband anzutreffen oder verschlingt gerade ein kluges, freches Buch auf ihrem eReader.

Lieferbare Titel

DRIVEN. Verführt

DRIVEN. Begehrt

DRIVEN. Geliebt

DRIVEN. Verbunden

DRIVEN. Tiefe Leidenschaft

DRIVEN. Bittersüßer Schmerz

K. BROMBERG

Driven

STARKES VERLANGEN

Roman

Aus dem Amerikanischenvon Kerstin Winter

WILHELM HEYNE VERLAGMÜNCHEN

Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen

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Die Originalausgabe erschien 2015 unter dem TitelHard Beat bei Signet Eclipse, New York.

Taschenbucherstausgabe 05/2017

Copyright © 2015 by K. Bromberg

Copyright © 2017 der deutschsprachigen Ausgabe by Wilhelm Heyne Verlag, München, in der Verlagsgruppe Random House GmbH,

Neumarkterstraße 28, 81673 München

Redaktion: Anita Hirtreiter

Umschlaggestaltung: Nele Schütz Design, München

unter Verwendung von shutterstock/wtamas

Umsetzung eBook: Greiner & Reichel, Köln

ISBN 978-3-641-20088-6V002

www.heyne.de

»Was soll das – bist du auf einem Selbstmordtrip, oder was?«

»Was? Was soll die Frage?«

Als ich auf meinem Stuhl herumrutsche, um mich Rafe zuzuwenden, blicke ich flüchtig durch die Fenster auf die Welt jenseits von Worldwide News in Manhattan. Doch vor meinem geistigen Auge läuft ein Film von Erinnerungen ab, die ich nicht wieder loswerden kann.

Grelle Lichtblitze, die die stockfinstere Nacht erhellen. Das durchdringende Schrillen der Sirenen. Mein panisches Flehen, sie möge atmen, bei mir bleiben. Ihre leblose Gestalt, die blasse, klamme Haut. Keine Reaktion.

Augen, einst so lebendig und funkelnd, nun starr ins Nichts gerichtet.

Beißender Gestank von Schießpulver, darunter der dumpfe metallische Geruch des Todes, der uns einhüllt wie ein zäher Nebel.

Meine Hände, die unablässig Druck auf ihr Brustbein ausüben, um sie ins Leben zurückzuzwingen, und der Schmerz in meinem Herzen, als mir dämmert, dass es sinnlos ist.

Ihre Lippen, bläulich, kalt.

Dann Chaos. Hände, die nach mir greifen, mich zurückzerren, damit ich den Sanitätern Platz mache.

Das Wissen, dass sie nichts mehr tun können.

Kälte durchdringt mich, als ich beobachte, wie sie sie in den Krankenwagen heben, Kälte, die mir willkommen ist, weil sie mich betäubt und die Schuld, die mich bereits überfallen will, noch eine Weile von mir abhält.

Ich konnte sie nicht retten. Ich habe es versucht, und ich habe versagt.

»Tanner!«

Rafes Stimme reißt mich aus der Albtraumsequenz, die sich in Endlosschleife in meinem Kopf abspielt. Ich brauche einen Moment, um mich in der Wirklichkeit zu orientieren.

»Ja, sorry.« Ich fahre mir mit dem Handrücken über die Oberlippe, um mir die Schweißperlen abzuwischen. »Ich war –«

»Du warst in Gedanken? Tja, genau das meine ich: Du willst auf ein Selbstmordkommando.«

»Das ist Schwachsinn, und das weißt du. Es geht mir um die Story. Es geht mir immer um die Story.« Meine Verärgerung wächst. Was soll das? Seit wann muss ich etwas erklären? Normalerweise fragt Rafe nur, wann ich abfahrbereit sein kann.

»Bei deinem gegenwärtigen Gemütszustand besteht eher die Gefahr, dass du zur Story wirst.« Sein Sarkasmus ärgert mich, aber ich weiß, dass er eine Reaktion aus mir herauskitzeln will. Als ich schweige, stützt er sich auf seinem Schreibtisch ab und blickt mich finster an. »Gib’s doch zu. Du suchst mit Absicht das Risiko, um dich dafür zu bestrafen, dass du Stella nicht retten konntest.«

Ich halte seinem Blick stand, denn obwohl er in gewisser Weise recht hat, könnte er dennoch nicht falscher liegen. »Bin ich nicht dein bester Reporter?« Ja, die Frage ist arrogant, aber mehr als berechtigt. Ich schaue einen Moment lang aus dem Fenster, dann begegne ich herausfordernd seinem Blick.

»Darum geht es hier nicht«, gibt er zurück. »Du –«

»Quatsch!« Laut schrammt der Stuhl über den Boden, als ich mich abrupt erhebe. »Da drüben ist der Teufel los. Du kannst dir nicht leisten, irgendein Milchgesicht hinzuschicken, das in null Komma nichts getötet wird, nur weil es sich nicht auskennt. Niemand ist besser für den Job geeignet als ich.«

»Du brauchst eine Auszeit, Mann. Seit Jahren gönnst du dir keine Pause, und jetzt das … Ich meine, es ist doch erst zweieinhalb Monate her.«

»Und ich komme langsam um vor Langeweile«, fahre ich ihn an und werfe die Hände hoch, nehme sie jedoch hastig wieder herunter. Ich muss ihm klarmachen, dass ich es noch draufhabe und nicht die tickende Zeitbombe bin, für die er mich anscheinend hält. Verdammt, ja – im Geiste bin ich das wohl auch, doch das braucht er nicht zu wissen. »Setz mich ein, Rafe. Komm schon, Kumpel, ich bitte dich darum! Ich brauche das, ich muss unbedingt hier raus und wieder dorthin, wo ich mich zu Hause fühle …« Mein Betteln ist jämmerlich, ich weiß, aber ich bin an einem Punkt, an dem ich nichts zu verlieren habe.

»Wenn du ein schäbiges Hotel voller Reporter irgendwo im Mittleren Osten als Zuhause bezeichnest, dann tust du mir verdammt leid, mein Freund.« Seine Stimme verklingt, und er mustert mich prüfend. Ich glaube, in seinen Augen tatsächlich einen Hauch Mitleid zu sehen, und ich hasse Mitleid!

»Du weißt sehr gut, was ich damit meine. Es ist das, was ich momentan brauche. Der Auftrag wird mir helfen, alles zu verarbeiten. Wenn ich mich wieder auf eine Story konzentrieren kann, muss ich nicht ständig an Stella denken.« Oder an ihre Beerdigung, bei der ich ihren Eltern gegenübertreten musste, statt mit ihnen und ihr gemeinsam auf Ibiza Urlaub zu machen, wie es ursprünglich geplant war.

»Ich versteh dich ja, Tanner, aber … ach, verdammt.« Er richtet sich auf, steckt die Hände in die Hosentaschen und tritt ans Fenster. Mit einem Seufzen dreht er sich wieder zu mir um. »Mal sehen, was ich tun kann. Ich habe noch nicht einmal einen neuen F–« Er bricht ab, obwohl ihm klar sein muss, dass ich genau weiß, was er eigentlich sagen wollte.

Eine ihrer Kameras steht auf meiner Kommode zu Hause, und die Speicherkarte ist voll mit Bildern unseres letzten gemeinsamen Abends, aber ich habe sie mir nicht angesehen. Ich kann nicht. Dabei würden sie mir vielleicht helfen, die grässlichen Erinnerungen, die stets am Rand meines Bewusstseins lauern, zu verdrängen.

»Sprich es ruhig aus, Rafe. Ich werde mich wohl oder übel daran gewöhnen müssen. Du brauchst einen neuen Fotografen.«

Ich weiß, dass diese Geschichte auch ihn zutiefst erschüttert hat. Zu dritt haben wir in diesem Job angefangen – jung, naiv und voller Ideale. Nun ist einer von uns ein Bürohengst, der andere will zurück in den Hexenkessel, um seinen Erinnerungen zu entkommen, und die Dritte im Bunde ist tot.

»Ich halte es dennoch für besser, wenn du ein Weilchen im Land bleibst. Besuch deine Schwester und ihre Familie. Komm ein bisschen zur Ruhe.«

»Danke, kein Bedarf. Ich will nicht zur Ruhe kommen.« Ich benehme mich wie ein Arschloch, das ist mir klar. Wenn jemand allerdings verstehen sollte, warum ich das machen muss, dann er. »Hör zu, Rafe, ich akzeptiere kein Nein. Mach, was immer du tun musst, aber sorg dafür, dass ich den Auftrag bekomme, oder ich frage mal bei CNN nach. Ich habe gehört, die suchen noch jemanden.«

Der Satz ist ein echtes Totschlagargument, da er genau weiß, wie oft die Konkurrenz mich in der Vergangenheit abzuwerben versucht hat. Und als er die Kiefer zusammenpresst und mich wütend anfunkelt, gehe ich davon aus, dass ich einen Treffer gelandet habe.

»Ich muss das mit der Chefetage abklären.« Er blickt flüchtig zur Decke; über uns hat der Vorstand seine Büros. »Dort ist man der Meinung …« Er lässt den Satz unvollendet, und prompt schaltet mein Verstand in den Turbogang.

»Was – dass ich Stellas Tod zu verantworten habe?« Ich beginne auf und ab zu gehen, um die plötzlich auftretende nervöse Energie abzuarbeiten, und fahre mir mit einer Hand durchs Haar. Es ist ungepflegt und zu lang, aber ich hatte in den vergangenen Monaten wenig Lust, auf mich zu achten.

»Das habe ich nicht gesagt«, antwortet er, und ich höre ihm an, dass ihm die Geduld ausgeht.

»Musst du auch nicht. Das tue ich schon selbst jeden Tag. Nun, wie gesagt …« Spöttisch ziehe ich die Augenbrauen hoch und gehe in Richtung Tür. »CNN ist eine Option. Also?« Und damit verlasse ich sein Büro.

Hoffentlich wirkt die Drohung.

Einen Monat später

Eine Hand schlägt mir auf den Rücken, und es ist nicht die erste bei dieser spontanen Willkommensfeier in der Hotelbar.

»Schön, dass du wieder da bist, du alter Mistkerl.«

Ich und Auszeit? Ha, von wegen.

Ich drehe mich um und erblicke Pauly. Breites Grinsen, dicke Brille, schmierige Haare und ein Bauch, den er sich teuer angetrunken hat. »Mann, tut gut, dich zu sehen.« Ich will ihm die Hand hinhalten, aber er zieht mich in seine Arme und drückt mich fest.

»Alles okay mit dir?«, fragt er, als er sich losmacht und mich betrachtet. Sein Blick ist traurig und mitfühlend, und normalerweise hasse ich das, doch bei Pauly mache ich eine Ausnahme. Pauly darf das, weil er unser beider Freund und Kollege war; auch er hat Stella geliebt wie eine Schwester. Ich gebe zu, dass ich mich gefürchtet habe, ihm wieder unter die Augen zu treten, weil ich nicht wusste, ob er mir die Schuld geben würde, aber offenbar tut er das nicht, und ich bin ungeheuer erleichtert.

Es tut verdammt gut, wieder hier zu sein! Die Leute hier verstehen mich und wissen, warum ich zurückkehren musste, anstatt den Job zu schmeißen und zu Hause zu bleiben: Einmal Nomade, immer Nomade, und Zuhause bedeutet nicht zwingend ein Haus in der Heimat, sondern der Ort, an dem man sich wohlfühlt. Natürlich kann sich das mit der Zeit ändern, weil sich auch Bedürfnisse und Wünsche ändern, aber hier fühle ich mich zum ersten Mal seit Stellas Tod wieder ein wenig wie ich selbst.

Hier kenne ich mich aus. Der abgestandene Zigarettenqualm, der in der Luft hängt, ist mir ebenso vertraut wie der Duft der Gewürze, der durchs Fenster dringt. Pauly betrachtet mich immer noch besorgt.

»Jetzt, da ich hier bin, geht es mir besser.« Ich deute auf den Barhocker neben meinem.

Pauly setzt sich. »Gott sei Dank. Rafe hat sich ziemlich viel Zeit gelassen.«

»Fast vier Monate.«

»Shit«, sagt er, denn er weiß genau, was das für jemanden wie mich bedeutet.

»Wem sagst du das. Die ersten beiden Monate wird man in solchen Fällen natürlich immer freigestellt, doch als ich schließlich drohte, zur Konkurrenz zu gehen, knickte er ein. Unter der Bedingung allerdings, dass ich noch einen Centurion-Kurs absolvieren musste.« Ein Sicherheitstraining unter anderem für Auslandskorrespondenten, in dem man lernt, wie man sich in Krisengebieten verhält und mit den unterschiedlichsten Situationen umgeht. »Anschließend konnte man angeblich keinen Fotografen auftreiben, der Lust auf Urlaub im Paradies hatte … und so weiter. Eine Ausrede nach der anderen.«

»Anders ausgedrückt: Er hat versucht, Zeit zu schinden, damit du letztendlich erst dann wieder herkommen würdest, wenn er es für richtig hielt.«

»So ist es.« Ich hebe meine Flasche an die Lippen. »Weil er der Meinung war, ich bräuchte die Pause. Ich würde sonst vor die Hunde gehen.« Ich bedeute dem Barkeeper, uns noch eine Runde zu bringen.

»Das tun wir alle irgendwann. Aber bis dahin …« Er tippt den Hals seiner Flasche gegen meine. »… holen wir alles raus, was wir können.«

»Amen, Bruder. Und jetzt erzähl mir, was passiert ist, während ich weg war.« Höchste Zeit, das Thema zu wechseln. Selbstverständlich ist Stella überall hier spürbar, aber ich muss den Gedanken an sie verdrängen, damit ich mich auf den Job konzentrieren kann.

Zumindest ist es einen Versuch wert.

»Man munkelt, dass ein paar neue Spieler auf den Plan getreten sind und es ein hochoffizielles Treffen geben wird, aber darüber können wir später reden.« Pauly wendet sich der Menge zu, und seine Stimme wird lauter. »Jetzt müssen wir dich erst mal stilecht willkommen heißen. Nicht wahr, Leute?«, brüllt er, und die anwesenden Gäste, hauptsächlich Männer, heben als Antwort ihr Glas in unsere Richtung. Vereinzelte Rufe ertönen, und die Aufregung ist sofort spürbar. In einem solchen Umfeld ist jeder Anlass zum Feiern willkommen, denn das Leben hier ist so wenig planbar, dass man nie weiß, wann sich die nächste Gelegenheit ergibt. Ob im Hotel oder draußen im Gelände unterwegs mit Militäreinheiten – Ausgehsperren, Luftangriffe und Schutzmaßnahmen sind an der Tagesordnung und verhindern jegliche Routine.

Als ich mich wieder zur Bar drehe, füllt der Barkeeper gerade eine Reihe Schnapsgläser mit Fireball Whiskey. Aus Erfahrung weiß ich, dass dieser Reihe noch sehr viele weitere folgen werden, und eigentlich täte ich am besten daran, nur ein Glas zu trinken und mich dann klammheimlich auf mein Zimmer zu verdrücken.

Die letzten Tage waren verdammt lang. Der Flug durch verschiedene Zeitzonen, der Transport in die Stadt, Versuche, meine ehemaligen Kontakte zu reaktivieren, und die großzügige Verteilung von Schmiergeldern an den richtigen Stellen – all das hat viel Energie gekostet, aber obwohl ich erschöpft bin, bin ich doch froh, wieder hier zu sein und das zu tun, was ich gut kann und liebe.

»Komm schon, Doppel-T«, brüllt Carson und schlägt mit der flachen Hand auf die Theke, und als ich meinen Spitznamen höre, der sich auf die Anfangsbuchstaben meines Vor- und Nachnamens bezieht, wird mir klar, dass ich keinerlei Chance habe, mich vorzeitig von dieser Willkommensparty zu verabschieden.

»Ich bin dabei, wenn ihr es seid.« Ich hebe mein Glas und warte, bis sich die Leute um mich herum ebenfalls eins genommen haben. Weitere Hände klopfen mir auf die Schulter, sodass die bernsteinfarbene Flüssigkeit über den Glasrand schwappt.

»Okay, Leute, wartet!«, ruft Pauly. Er stellt sich auf den Barhocker und hält sein Glas in die Luft. »Tanner Thomas, wir sind froh, deine hässliche Visage wieder unter uns zu wissen. Zwar bin ich sicher, dass wir uns wünschen werden, du würdest wieder abhauen, sobald du uns mal wieder die besten Storys vor der Nase wegschnappst, aber im Moment freuen wir uns über dich. Sláinte!« Und damit bricht Jubel um uns herum aus, und wir leeren unsere Gläser gemeinsam auf einen Zug.

Ich genieße das Brennen in meiner Kehle, und ehe es noch nachlässt, wird mein Glas erneut gefüllt. Als ich aufschaue, begegne ich dem Blick einer Frau auf der anderen Seite der Bar, die mir bisher noch nicht aufgefallen ist. Sie hat dunkles Haar und lebhafte Augen und nickt mir leicht zu, als sie ebenfalls ihr Glas hebt, aber dann schiebt sich jemand vor mich und versperrt mir die Sicht.

Dennoch blicke ich weiterhin in ihre Richtung; ich würde mir diese geheimnisvolle Frau gerne genauer ansehen. Sie kommt mir nicht bekannt vor, und das macht mich neugierig. Ich bin zwar fast vier Monate fort gewesen, doch da ich normalerweise immer über alles Bescheid weiß, ärgert es mich, dass ich keine Ahnung habe, um wen es sich handelt.

»Bist du so weit, Tan?« Paulys Glas stößt an meins und reißt mich aus meinen Gedanken.

»Und ob, Baby!« Gott, es tut so gut, wieder hier zu sein, den Kriegsgeschichten der Jungs zu lauschen und sich über all das auszutauschen, wovon in meinem Heimatland keiner je etwas mitbekommt.

Beim zweiten und dritten Mal fließt der Whiskey geschmeidiger durch die Kehle. Immer wieder kommen neue Gäste herein, und mit jedem Schub erscheint auch eine neue Reihe Gläser auf der Theke.

Vielleicht liegt es am Alkohol, vielleicht an der vertrauten Atmosphäre, aber ich habe das Gefühl, endlich wieder leichter zu atmen. Immer wieder denke ich an Stella, die diesen Zusammenhalt von Leuten, die eigentlich Konkurrenten sind, immer geliebt hat, und zum ersten Mal kann ich bei der Erinnerung an sie tatsächlich lächeln.

»Und wie lange wirst du diesmal hier sein?«, fragt Pauly.

»Keine Ahnung.« Ich stoße den Atem aus und lehne mich auf meinem Platz zurück. Nachdenklich fahre ich mit dem Finger über das beschlagene Wasserglas vor mir. Es ist noch voll. Whiskey schmeckt heute Abend einfach besser. »Vielleicht ist das ja sogar mein letztes Mal …« Meine Worte überraschen mich selbst. Offenbar spricht da durch Alkohol befeuerte Nostalgie.

»Rede keinen Stuss, Alter. Das hier liegt dir doch im Blut. Du kannst gar nicht ohne.«

»Stimmt.« Während ich bedächtig nicke, sehe ich mich in der Bar um. »Aber man hat nur ein Leben, Kumpel.«

»Deshalb stehe ich ja so auf Muschis. Die haben neun.«

»Herrgott, Pauly.« Ich verschlucke mich fast. »Was du meinst, wird dir wohl kaum mehr Lebenszeit verschaffen. Aber vielleicht fühlst du dich dann wenigstens wie im Himmel!«

Er lacht und schlingt mir den Arm um die Schultern. »Ach, Thomas, ich hab dich verdammt noch mal vermisst. Und wo wir gerade davon sprechen …« Er drückt meinen Arm und deutet mit dem Kinn in einen Winkel der Bar. »Das scharfe Ding da auf zwei Uhr sieht schon den ganzen Abend zu dir her.«

Ich zucke die Achseln, obwohl ich in gewisser Hinsicht hoffe, dass es die Frau von vorhin ist. Ich hatte mir eingeredet, sie wäre schon gegangen, aber insgeheim hätte ich nichts dagegen, wenn ich falschliege. »Ich hoffe doch, dass du mit scharfem Ding etwas Weibliches meinst und keine USBV.«

Einer sogenannten unkonventionellen Spreng- und Brandvorrichtung begegnet man außerhalb des Hotels leider öfter.

»Darauf trinken wir, Kumpel. Gruseliges Zeug.« Er stößt seine Flasche an den Rand meines leeren Glases. »Nein, ich meine dunkles Haar, ein klasse Gestell und eine aufregende Figur.«

»Nein, danke«, erwidere ich knapp, doch zu meinem Ärger kann ich mich nur mit Mühe davon abhalten, zu der Stelle zu blicken, wo sie vorhin gesessen hat.

»Bist du noch mit Wie-hieß-sie-noch-mal zusammen?« Paulys Stimme klingt gleichgültig und spiegelt exakt das wider, was ich am Schluss ihr gegenüber empfunden habe.

»Nein …« Wieder muss ich daran denken, was sie mir bei unserem letzten Streit alles vorgeworfen hat. »Sie hat einen Auftrag in Nordkorea angenommen.«

»Hat sie gedacht, du hättest was mit Stella?«, fragt er das Naheliegende.

Bei dem Gedanken huscht ein Lächeln über mein Gesicht. Automatisch sehe ich Stella und mich vor mir, beide jung und bis über beide Ohren verliebt. Mir ist, als sei es eine Ewigkeit her, und im Grunde genommen stimmt das auch. Zwei Frischlinge, die zusammen ihren ersten Auftrag erledigen sollten und fast zwingend irgendwann miteinander im Bett landeten. Aus Lust wurde Liebe, doch wir merkten bald, dass wir als Paar nicht funktionierten. Es dauerte eine Weile, bis wir die schwierige und manchmal peinliche Phase danach überwunden hatten, aber mit der Zeit kam auch die Erkenntnis, dass wir uns als Freunde großartig verstanden, wodurch wir auch als Team unschlagbar waren. Fast zehn Jahre lang arbeiteten wir zusammen, ohne dass gelegentliche Solo-Aufträge oder neue Beziehungen unserer Freundschaft im Wege stehen konnten.

»Ja, und ich kann es sogar verstehen. Wahrscheinlich würde ich im umgekehrten Fall dasselbe denken, aber …« Ich zucke die Achseln. »Du kanntest sie. Du hast uns zusammen erlebt.«

»Nicht die ideale Konstellation«, murmelt er zustimmend, und wir verstummen. Dann fügt er hinzu: »Ich mochte Wie-hieß-sie-noch-mal.«

Ich lache laut. »Nein, ganz sicher nicht.« Er grinst; jeder wusste, dass die beiden sich nicht verstanden. »Aber danke. Eigentlich war es schon vorbei, ehe sie den neuen Auftrag annahm. Beziehungen sind eben nicht ganz leicht, wenn man in unserem Job arbeitet.«

»Ja, da sagst du was. Und ich muss es wissen. Wo bin ich jetzt – bei Ehefrau Nummer drei? Vier? Ich sollte mir an dir ein Beispiel nehmen: Deine Einstellung Erst der Spaß, dann das Vergnügen ist viel klüger als meine Heiratsmentalität, aber … na ja. Wenn die Kleine noch mal hersieht, wäre ich glatt versucht, sie für diese Nacht zur Frau Nummer fünf zu machen.«

Sein tiefes Glucksen entlockt mir ein widerwilliges Lachen, und nun kann ich meine Neugier nicht mehr bezähmen. Ich sage mir, dass sie es ja nicht einmal bemerken wird, und erlaube mir einen flüchtigen Blick.

Und sehe in faszinierende Augen, die direkt auf mich gerichtet sind. Ihr dunkles Haar ist zu einem unordentlichen Knoten aufgesteckt, der bei jeder anderen vermutlich ungepflegt gewirkt hätte, bei ihr aber irgendwie sexy aussieht. Als unsere Blicke sich begegnen, bilden ihre Lippen ein »O«, ehe ein Lächeln über ihr Gesicht huscht. Ich nicke ihr zu und schaue wieder weg, und das prickelnde Ziehen, das sich plötzlich in meinen Eingeweiden breitmacht, passt mir überhaupt nicht.

In meinem Bewusstsein schrillen Alarmglocken los. Sie hat etwas an sich, das mich warnt, mich von ihr fernzuhalten – was immer es sein mag. Warum zum Teufel blicke ich also wie unter Zwang erneut hinüber, um zu sehen, ob sie mich noch beobachtet? Und warum sollte es mich überhaupt kümmern?

»Kann ich mir denken«, reagiere ich auf Paulys Spruch – zugegeben ziemlich spät.

»Sie ist wirklich scharf. Wie oft verirrt sich schon eine solche Klassefrau hier in diese Gegend? Alter, sie guckt schon wieder her. Sie will was von dir, ich schwör’s.« Er kichert.

»Ja, und wahrscheinlich gehört sie zu irgendeinem Scheich. Nein, danke. Nachher hackt man mir noch die Hand hab, nur weil ich ihr zugewinkt habe.« Ich werfe meine Serviette auf die Bar, als schon die nächste Runde Drinks vor uns erscheint.

»Lieber deine Hand als etwas anderes«, bemerkt Pauly.

Ich lache. »Auch das.«

»Wer weiß – vielleicht ist sie das Risiko ja wert.« Als ich ihn strafend von Kopf bis Fuß mustere, zuckt er die Achseln. »Oder auch nicht.«

»Oder auch nicht.« Ich reibe mir das glatt rasierte Gesicht. Schon bald wird mein Kinn wieder dauerhaft von Bartstoppeln bedeckt sein, wie es eben geschieht, wenn man hier lebt und arbeitet. »Ist sie eine von uns?«

»Freiberuflerin, glaube ich. Sie ist seit ungefähr zwei Wochen hier. Viel weiß ich nicht. Soll ziemlich schwierig im Umgang sein, unberechenbar. Zieht immer allein los, geht unnötige Risiken ein, kommt ständig anderen in die Quere. Hab sie bisher nur kurz in der Lobby gegrüßt, aber nicht mit ihr gesprochen.«

Und so werde ich es auch machen. Mich von ihr fernhalten. Zu viele übereifrige Frischlinge kommen hierher auf der Jagd nach einer großen Story und machen irgendeinen Mist, bei dem nachher jemand zu Schaden kommt. Wie es mit Stella passiert ist.

»Na ja, wie auch immer«, fährt er fort. »Ich denke, du solltest dich an sie ranmachen. Sie ist bestimmt bald wieder weg, wird also nichts Festes erwarten, und man weiß schließlich nie, wann man wieder eine Chance bekommt, eins von den neun Leben zu kosten.« Er zwinkert mir zu, aber ich schnaube nur verächtlich.

»Lass gut sein. Ich habe morgen genug zu tun, meinen neuen Fotografen einzuweisen.« Ich verdrehe die Augen und hebe mein Glas an die Lippen, die sich schon ziemlich taub anfühlen. Es ist zehn Jahre her, dass ich jemanden anlernen musste, und ich freue mich nicht auf diese Aufgabe.

»Tja, dein Pech, Kumpel«, sagt er und klopft mir auf den Rücken. »Denn sie geht zum Angriff über.«

Ich seufze resigniert, als sie sich auch schon auf den Hocker neben mir niederlässt. Der saubere blumige Duft ihres Parfums hüllt mich ein und verdrängt den Geruch der überfüllten Bar. Ich halte den Kopf gesenkt und konzentriere mich auf die Schrammen im Holztisch, um dem triebgesteuerten Teil von mir klarzumachen, dass ich das Prickeln in meinem Inneren nicht brauche. Überhaupt nicht.

Doch je länger wir dort sitzen, umso bewusster wird mir, dass ich mich auf verlorenem Posten befinde. Sie starrt mich unverwandt an. Ich muss diese Geschichte von Anfang an im Keim ersticken.

»Nach wem du auch suchst – ich bin es nicht«, sage ich. Ich gebe mir Mühe, nicht zu unhöflich zu klingen, aber in meiner Stimme liegt keine Wärme. Eine solche Situation ist mir nicht unbekannt. Gerade Neulinge versuchen sich oft bei mir einzuschmeicheln, weil sie sich Insiderinformationen erhoffen – aber gerade jetzt nach der Tragödie um Stella kriegt niemand etwas von mir.

»Dann ist es nur gut, dass ich nach niemandem suche.« Ihre Stimme klingt wie aufgerauter Samt. Woher wusste ich bloß, dass sie eine sexy Stimme haben würde?

»Schön.«

»Whiskey Sour«, sagt sie zum Barkeeper, und ich gebe zu, dass mich ihre Wahl überrascht. »Und schreib das auf seinen Deckel.«

Als ich abrupt aufschaue, grinst sie mich frech an. Ihre Augen funkeln herausfordernd. Nicht schlecht. Anstatt das Weite zu suchen und ihre Wunden zu lecken, kontert sie einfach. Die Kleine hat Biss, das muss man ihr lassen.

»Ich glaube nicht, dass ich dir einen ausgeben wollte.« Tatsächlich ist mir der Drink vollkommen egal; wahrscheinlich hätte ich ihr allein aus Höflichkeit einen ausgegeben. Aber ich habe das dumpfe Gefühl, dass sie ein Spiel mit mir zu treiben versucht, und ich werde den Teufel tun und mich darauf einlassen.

»Tja, und ich glaube nicht, dass ich dich gebeten habe, das Arschloch zu mimen, also gehen die Drinks auf dich.« Sie zieht die Brauen hoch und setzt das Glas an, und natürlich kann ich meinen Blick nicht von ihren Lippen abwenden, als sie mit der Zunge über den Glasrand fährt.

Hm. Unwillkürlich überlege ich, was sie mit Mund und Zunge wohl noch alles anfangen könnte. Ein rein männlicher Automatismus, versteht sich.

»Nun, du bist diejenige, die sich neben mich gesetzt hat. Wenn du dich von mir fernhältst, müssen wir uns beide keine Gedanken darüber machen, ob hier jemand das Arschloch mimt oder nicht.« Zugegeben – ich habe keine Ahnung, warum ich mich ihr gegenüber so unmöglich benehme. Eigentlich hat sie ja noch nichts falsch gemacht.

»Du bist also der besagte, hm?«

Meine Hand mit dem Glas verharrt auf halber Strecke zum Mund. Mein Blick gleitet langsam zu ihr zurück. Was soll denn das heißen? »Der besagte?«

»Ja. Der Reporter, den jeder hier in der Bar hasst, obwohl er am liebsten mit ihm tauschen würde.«

Ich betrachte das Gesicht mit den ausgeprägten Wangenknochen. Einzelne Strähnchen haben sich aus dem Haarknoten gelöst und machen ihre Züge weicher. Unsere Blicke begegnen sich, und in ihrem liegt eine Mischung aus Trotz und Belustigung. So gerne ich ihre Herausforderung annehmen würde – ich tue es nicht. Nicht jetzt und nicht hier in einer Bar voller Journalisten, die nur darauf lauern, dass ich in irgendeiner Form die Nerven verliere.

Mit Blick zum Barkeeper deute ich auf die Flasche Fireball, während ich mein Geld über den Tresen schiebe. Er stellt die Flasche vor mich, und ich stehe auf und nehme sie. Mit einem halben Grinsen schaue ich auf sie hinab. »Stimmt. Genau der bin ich.«

Und ohne ein weiteres Wort verlasse ich die Bar. Auf dem Weg hinaus lästern und spotten die Jungs, was für ein Warmduscher ich sei, dass ich mich schon nach ein paar Drinks verabschiede, aber ich zeige ihnen schweigend die Whiskeyflasche, um ihnen klarzumachen, dass ich noch etwas vorhabe. Pauly fängt meinen Blick ein und nickt. Er weiß, wohin ich unterwegs bin und dass ich die Einsamkeit dort im Moment dringend nötig habe.

Doch als ich das muffig-feuchte Treppenhaus hinaufsteige, kann ich dummerweise ausschließlich an sie denken.

Die Metalltür klemmt.

Das stört mich nicht, denn das bedeutet, dass vermutlich schon lange keiner mehr hier oben war. Außerdem gefällt es mir, mich körperlich anstrengen zu müssen, um das verdammte Ding zu öffnen.

Ich ramme meine Schulter gegen die Tür, und sie fliegt auf und knallt gegen die Betonwand. Der Krach hallt in der Stille der Nacht wider, und ich bleibe einen Moment lang reglos stehen. Mit einem Mal bin ich misstrauisch, obwohl es normalerweise kein Fleckchen in dieser krisengeschüttelten Stadt gibt, an dem ich besser zur Ruhe kommen kann als hier.

Ich war nicht sicher, wie ich mich fühlen würde, wenn ich zum ersten Mal wieder auf dem Dach stünde – und ob es klug sei, gleich am ersten Abend hier hinaufzugehen, doch nun, da ich hier stehe, spüre ich, dass es richtig war. Hier an »unserem Ort« kann ich mich den Erinnerungen stellen und sie vielleicht ein für alle Mal aus meinen Träumen verbannen.

Der Lärm der Straßen unter mir dringt schwach zu mir herauf, und Staubpartikel tanzen im Licht der offenen Tür. Ich muss mich dazu durchringen, über die Schwelle zu treten. Nachdem ich die Tür gesichert habe, damit sie nicht zufällt und mich ausschließt, wandere ich langsam über das Dach bis zu der Stelle am anderen Ende hinüber. Gespannt umrunde ich den niedrigen Aufbau in Form eines Pluszeichens, in dem sich ein Teil der Klimaanlage des Hauses befindet, und stelle erleichtert fest, dass noch alles da ist.

Die zusammengefaltete Plane liegt neben der bezogenen Matratze, und als ich an der Wand dahinter den Zettel mit WILLKOMMEN ZURÜCK, TANNER entdecke, muss ich lachen.

Und dann wird mir bewusst, was die Jungs, die unten in der Bar feiern, für mich getan haben. Über die vielen Monate hinweg haben sie mir diesen Ort erhalten, weil sie genau wussten, wie sehr ich die Einsamkeit hier oben brauche und was mir dieses Fleckchen bedeutet. Ich lasse mich auf die Matratze sinken, lehne mich mit dem Rücken an die Wand und blicke hinaus auf die Stadt, die für mich Fluch und Segen zugleich ist. Ich brauche das Adrenalin, das nur hier so berauschend durch meine Adern pulst, aber was mir meinen Job verschafft, bedeutet für viele Menschen das Ende von Hoffnung und Träumen. In der Ferne blinken die Lichter wie Leuchtfeuer im Minenfeld des Elends.

Ich setze die Flasche Whiskey an und trinke. Die Schärfe in meiner Kehle tut mir gut, erinnert sie mich doch daran, dass ich noch hier bin und dass ich lebe.

Stella nicht.

Ich schüttle den Kopf. »Oh, Stella. Es ist komisch, ohne dich hier zu sitzen.«

Und plötzlich strömt die bittersüße Erinnerung an unser letztes Mal hier oben mit Macht auf mich ein, und das Brennen, das sie verursacht, ist zehnmal stärker als das des Whiskeys …

»Sag mal, Tan … fragst du dich eigentlich manchmal, ob dir die einmalige Chance auf Glück bereits begegnet ist und du es bloß nicht erkannt hast?«

Stella, die den Schmutzstreifen auf ihrer Wange vom Tag im Gelände wie eine Auszeichnung trägt, wirft mir einen Blick zu. Sie hat einen Ausdruck in den Augen, der normalerweise in jedem Mann den Fluchtinstinkt weckt, weil er bedeutet, dass sie Themen ansprechen will, die Männer meiden wie die Pest. Aber erstens ist sie nicht meine, sondern eine Freundin, und zweitens möchte ich wissen, worauf sie hinauswill.

»Du wirst mir jetzt hier aber nicht rührselig, oder?« Ich halte ihr den Styroporbecher mit dem Kaffee-Kahlúa-Mix hin, und sie trinkt einen Schluck und zieht scharf die Luft ein. Das Zeug ist verdammt heiß.

»Geh mir nicht auf den Keks, Thomas, und hör mir zu.«

»Dann erkläre dich bitte.« Ich schüttle den Kopf, als sie mir den Becher zurückgeben will. Ich brauche etwas Stärkeres als einen versetzten Kaffee, aber dazu treffe ich mich später mit Pauly. Jetzt geht es mir nur um unser Ritual, nach einem harten Tag außerhalb der vermeintlich schützenden Stadtmauern wieder herunterzukommen.

Stellas entnervtes Seufzen lenkt mich ab von den Gedanken an blutgetränkte Uniformen und ohrenbetäubende Schüsse. Sie kann es nicht leiden, wenn ich »den Anwalt rauskehre«, wie sie es nennt, was exakt der Grund dafür war, weswegen ich mich so gestelzt ausgedrückt habe: Ich wollte uns unbedingt auf der Ebene verankern, auf der wir seit zehn Jahren zusammenarbeiten.

»Vergiss es. Du verstehst sowieso nicht, was ich meine. Du verliebst dich doch häufiger, als du deine Hemden wechselst.« Sie verdreht die Augen, aber ich spüre, dass es ihr ernster ist, als sie zugeben will.

»Ich verliebe mich nicht häufig. Ich bin höchstens ein bisschen verknallt«, versuche ich die Situation aufzulockern, indem ich mein Standardargument bringe. Wir haben schon öfter Witze darüber gerissen.

Sie lacht laut. »Ja, stimmt. Du lässt dir ja manchmal ganze zwei Verabredungen Zeit, ehe du von Liebe sprichst.«

Ich muss lachen, obwohl mir ihre Bemerkung nicht behagt. »Verdammt. Bin ich wirklich so ein bemitleidenswerter Blödmann?«

Stella mustert mich einen Moment lang, dann wendet sie sich der Stadt in der Ferne zu. »Du bist kein Blödmann. Du hast einfach nur ein viel zu gutes Herz.«

»Ach, so nennt man das heutzutage? Ich glaube, ich muss unbedingt an mir arbeiten.«

»Bitte nicht. Es ist wunderschön. Ein großes, starkes Alphamännchen mit einem weichen Herzen. Du versteckst es unter all dem Testosteron und zeigst es viel zu selten.« Sie verstummt wieder, und mir wird klar, dass ihr eigentlich etwas vollkommen anderes im Kopf umhergeht – warum also sprechen wir gerade über mich? Plötzlich nimmt sie meine Hand und sieht mich an. »Ändere dich bitte nicht, Tanner. Eines Tages wird jemand es zu schätzen wissen. Dass du so einfach Liebe geben kannst und ein wunderbar großes Herz hast.«

Natürlich will ich sofort einen dummen Witz über ein anderes Körperteil machen, das auch sehr groß ist, aber ihr trauriger Blick bremst mich aus. »Stella, was ist denn los mit dir? Komm schon, spuck’s aus.«

»Nichts. Nichts ist los.«

Nichts. Na, klar. Für einen Mann die schlimmste Antwort nach Mir geht’s gut. »Das glaube ich dir nicht. Was war denn das eben mit der einmaligen Chance auf Glück?«

Sie sieht mich nicht an, deshalb pikse ich ihr in die Seite, bis sie zu reden beginnt. »Ich meinte den einen Menschen, mit dem man für immer zusammenbleiben will. Den Menschen, den das Schicksal dir zugeteilt hat.« Sie verstummt wieder und pustet gedankenverloren in den Kaffeebecher. »Stell dir vor, du hast ihn vielleicht schon getroffen, es aber irgendwie vermasselt. Oder schlimmer noch – es war einfach der absolut falsche Zeitpunkt.«

Ich betrachte ihr Profil mit der Stupsnase und stelle einmal mehr fest, wie angenehm es ist, sie an meiner Seite zu haben. Aber … hat sie recht? Nicht, dass ich mich alt fühle, aber jünger werde ich schließlich auch nicht. Mein Leben ist – freundlich ausgedrückt – unbeständig, manchmal ein einziges Chaos, aber gibt es wirklich nur diese einmalige Gelegenheit? »Es muss mehr als einen Menschen auf dieser Welt geben, mit dem es funktioniert. Ich glaube nicht, dass das Schicksal einem nur diese eine Person zuteilt. Das wäre doch grausam!«

»Ja, wahrscheinlich hast du recht.«

Sie klingt allerdings alles andere als überzeugt, und als ich es in ihren Augen funkeln sehe, nehme ich ihre Hand und drücke sie. Wer weiß, was in ihrem Kopf vor sich geht. Aber ich kenne sie lange genug, um zu wissen, dass sie es mir irgendwann erzählen wird. Falls sie es denn loswerden möchte.

Doch diesmal erwidert sie nicht einmal meinen Händedruck. Ich rutsche näher an sie heran, lege ihr einen Arm um die Schultern und ziehe sie an meine Seite. »Auf jeden Fall wissen wir beide seit Langem, dass nicht ich deine einmalige Chance bin«, necke ich sie mit einem leichten Lachen und küsse sie auf den Scheitel, aber mit einem Mal kommen mir Zweifel an meiner eigenen Aussage.

»Wir sind vielleicht ein verkorkstes Paar, was?« Sie lacht leise, und ich muss lächeln, als ich an unsere Zeit als Liebespaar denke. Nicht selten flogen bei uns die Fetzen, und so aufregend aggressiver Versöhnungssex sein mag, so wenig taugt er als alleinige Basis für eine dauerhafte Beziehung. Als uns das klar wurde, trennten wir uns, doch der Beruf führte uns wieder zusammen, und nach einigen gemeinsamen Aufträgen stellten wir fest, wie großartig wir als beste Freunde miteinander arbeiten konnten.

»Das dynamische Duo«, zitiere ich Rafes Spitznamen für uns. Sie schaut zu mir auf und hält meinen Blick im Dunkeln fest. »Was ist?«, frage ich.

»Ach, ich weiß nicht. Manchmal frage ich mich bloß, ob ich mir nicht durch das Leben, das ich führe, diese eine Chance verdorben habe, das ist alles.«

»Stella.« Es fällt mir schwer, sie auf einem Gebiet zu trösten, das mir schlichtweg Unbehagen bereitet. Nicht zuletzt, weil ihre verdammte Frage beunruhigende Gedanken aufwirft. Sie ist meine beste Freundin. Nach zehn Jahren kennt sie all meine Macken und Fehler, meine Vorzüge, einfach alles. Was würde geschehen, wenn wir es noch einmal miteinander probierten?

Bei dem Gedanken muss ich mir ein Lächeln verkneifen. Stella ist für mich wie meine Schwester Rylee. Nun gut, mit der Ausnahme, dass Stella und ich am Anfang miteinander im Bett waren.

Dennoch geht mir ihre Frage nicht aus dem Sinn. Was wäre, wenn wir tatsächlich füreinander bestimmt wären, aber uns zum falschen Zeitpunkt kennengelernt hätten? In diesem Moment ertönt von der Straße unter uns der laute Knall einer Fehlzündung, und als wir beide instinktiv in Deckung gehen, sind unsere Bewegungen beinahe synchron.

Und dann müssen wir lachen, als uns bewusst wird, wie wunderbar aufeinander eingestimmt wir sind – und wie albern wir hier oben auf dem sicheren Dach wahrscheinlich gerade ausgesehen haben. »Hör zu«, sage ich. »Wenn wir in zehn Jahren noch immer beide Single sind und ein Nomadendasein führen, dann sprechen wir noch mal drüber, okay?«

Sie zieht die Brauen zusammen und sieht mich verwirrt an. »Hm? Worüber?«

»Na ja, ob wir beide für den anderen die einmalige Chance sind.«

Sie zieht scharf die Luft ein, und erst jetzt begreife ich, was ich gerade gesagt habe und wie sie das auffassen könnte. Schließlich lacht sie, aber es klingt nervös, und die Verwundbarkeit in ihren Augen ist so deutlich erkennbar, dass es mir plötzlich die Kehle zusammenschnürt.

Es muss an dem Moment liegen – ein Augenblick, bei dem die Zeit stillzustehen scheint –, dass zwei Freunde, die durch ihre Arbeit zusammengeschweißt wurden, dem Bedürfnis nach Nähe und Trost in die Falle gehen. Während ich mich vorbeuge und meine Lippen auf ihre lege, hasse ich mich bereits dafür, doch was mich wirklich erschreckt, ist die Tatsache, dass ich nicht sofort wieder zurückfahre. Es ist nur ein hauchzarter Kuss, aber dass ich mich innerlich gar nicht dagegen wehre, macht mir eine Heidenangst.

Ich lege meine Stirn an ihre. »Verzeih mir«, murmele ich und fahre ihr mit den Händen durchs Haar.

»Na ja, das war nicht die Überraschung, die ich für deinen morgigen Geburtstag geplant hatte …« Sie lacht verlegen.

»Ich will nichts, das weißt du doch«, sage ich prompt, aber dann muss ich es noch einmal wiederholen. »Verzeih mir.«

»Unsinn. Es ist das erste Mal seit zehn Jahren, dass uns so was passiert.« Ihr heißer Atem streicht über meine Lippen und lockt mich, wo nichts locken dürfte.

»Wir können ja einfach die nächsten zehn Jahre darauf achten, ob es wieder passiert«, sage ich lächelnd, und obwohl wir uns vermutlich einig sind, dass das, was eben geschehen ist, nicht hätte geschehen sollen, sitzen wir schweigend noch eine Weile Stirn an Stirn da, als ahnten wir, dass dieser Abend unser letzter ist.

Und dieser Moment eine wichtige und tröstende Erinnerung sein wird, die ich hüten werde wie einen Schatz …

»Auf dich, Stella«, sage ich und hebe die Whiskeyflasche gen Himmel, ehe ich einen tiefen Zug daraus nehme. Das Gedankenkarussell, das eine wahre Schneise in meinen Verstand gefräst hat, setzt von Neuem ein. Ja, verdammt, ich habe sie geliebt – auf meine Art. Und ich frage mich, ob ihr Tod dafür gesorgt hat, dass ich mehr hineininterpretiere, als tatsächlich zwischen uns gewesen ist. Der Mensch neigt dazu, Verstorbene im Nachhinein auf einen Sockel zu heben, die Zweifel zu vergessen, um sich ihnen näher zu fühlen, zumal sie dem nichts mehr entgegensetzen können, und vielleicht habe ich das getan. Vielleicht ist das der Grund, warum ich mich an diesen letzten Kuss klammere, obwohl ich genau weiß, dass es eine dumme Aktion war.

Ich habe längst alle sieben Stadien der Trauer durchgemacht. Alles, was zu diesem Thema bekannt ist, kann ich bestätigen und würde es auch unterschreiben. Aber unterm Strich zählt nur eins: Ich bin hier und sie nicht. Und die Schuld ist wie ein Schraubstock, der Gefühle aus mir herauspresst, auf die ich gerne verzichtet hätte.

Sie fehlt mir so sehr. Unser ständiges Geplänkel, die Fähigkeit, miteinander zu schweigen, zu wissen, was der andere sagen will, bevor er es überhaupt ausspricht. Wir waren ein Team, und nun fühle ich mich hier fast fehl am Platz und muss mich fragen, wieso ich so unbedingt wieder herkommen wollte. Ich war derart scharf darauf, aus meinem Haus zu kommen, dass ich mir nicht klargemacht habe, wie vielen Erinnerungen ich mich hier würde stellen müssen.

Aber wahrscheinlich muss ich nur zu arbeiten beginnen. Mich mit dem neuen Fotografen kurzschließen und in den gewohnten Trott verfallen. Den Jagdtrieb, der die meisten von uns hier befällt, nutzen, um die Phasen der Traurigkeit über Stellas Tod zu überstehen. Dann wird alles besser. Bestimmt.

Und welche Wahl habe ich schon? Immer wieder blitzen Erinnerungen auf – gute, schlechte, entsetzliche –, und ich weiß nicht, wie viel Zeit vergangen ist, als ich die Flasche ansetzen will und feststelle, dass sie leer ist. Tja, das war’s wohl, Thomas. Das hier ist die einzige Hausdach-Selbstmitleidsfeier, die dir gewährt wird. Du wolltest zurückkehren, und jetzt bist du hier.

»Mist«, brummele ich, erhebe mich schwankend und warte einen Moment, bis ich mich halbwegs stabil fühle. Ich decke die Matratze zum Schutz gegen den allgegenwärtigen Staub mit der Plane ab und mache mich auf den Weg, um die Treppe zu meinem Zimmer hinabzusteigen.

Ich rieche sie, ehe ich sie sehe. Ihr subtiler Duft, der in der von Gewürzen schweren Luft so seltsam fehl am Platz wirkt, dringt durchs Treppenhaus, als ich im achten Stock ankomme. Sie ist auf dem Weg nach oben, ich nach unten. Im schummrigen Licht des Korridors begegnen sich unsere Blicke.

Und plötzlich werde ich sauer. Sie muss schon ziemlich dumm sein, allein herzukommen. Hat sie nicht von den Gefahren in diesem Land gehört? Von der Geringschätzung, die Frauen hier entgegenschlägt, nur weil sie Frauen sind? Außerdem ist sie Amerikanerin. Ich weiß noch, wie oft Stella und ich uns wegen dieses Themas gestritten haben, bis sie nachgab und mir endlich erlaubte, sie zu den meisten Anlässen zu begleiten.

Ich will mich nicht für diese angeblich so unberechenbare Frau verantwortlich fühlen, aber ich stehe wie angewurzelt auf dem Treppenabsatz, als plötzlich eine nicht zu beschreibende Spannung zwischen uns zu fließen beginnt. Ich würde sie nur allzu gerne leugnen, noch lieber gar nicht wahrnehmen, doch wir stehen nur da und sehen einander an.

»Wolltest du etwas?«, frage ich schließlich und ziehe die Augenbrauen hoch.

»Hm«, macht sie nachdenklich. »Nein. Ich dachte es, aber … wohl doch nicht.«

Sie setzt sich in Bewegung und will sich an mir vorbeischieben. Ihre hochnäsige Art und der Akzent, den ich nicht richtig einordnen kann, lösen etwas in mir aus, und ich strecke impulsartig meine Hand aus und packe ihr Handgelenk. Überrascht gerät sie aus dem Gleichgewicht und prallt gegen mich, und als sie nach Luft schnappt, schmiegt sich ihre Brust an meine.

Unsere Blicke verschränken sich, unser Atem vermischt sich, und die Lust schießt mir wie ein Stromstoß direkt in die unteren Gefilde. Wir stehen stumm da und sehen uns an. Vorhin in der Bar ist sie mir mit ihrer Anmache zwar auf die Nerven gegangen, aber dass sie jetzt anscheinend nichts mehr von mir will, nehme ich ihr auch übel.

So viel zum Thema Gefühlschaos. Herrgott noch mal, Tanner Thomas. Lass sie gehen. Reiß dich verdammt noch mal zusammen.

Aber meine Finger gehorchen mir nicht.

Die Luft verdichtet sich, und die sexuelle Unterströmung, die ich schon in der Bar gespürt und zu meiden versucht habe, indem ich aufs Dach geflüchtet bin, knistert um uns herum wie ein nicht isoliertes Stromkabel. Dass ich mich verbrennen werde, steht außer Frage; traurig nur, dass ich dennoch nicht loslasse.

»Nur fürs Protokoll, Pulverfass, den Drink hätte ich dir auch von selbst ausgegeben.« Aber noch während ich die Worte sage, ärgere ich mich schon darüber.

Sie mustert mich prüfend und scheint zu überlegen, wie sie das »Pulverfass« interpretieren soll. »Ich heiße BJ und tauche am liebsten gar nicht im Protokoll auf.« Herablassend hebt sie das Kinn, doch der beschleunigte Puls, den ich an ihrem Handgelenk spüre, straft ihre Ungerührtheit Lügen.

Und verdammt – mit einem Mal sehe ich vor meinem inneren Auge, wie sie von unten zu mir aufschaut, während ihre Lippen sich um meinen Schwanz schließen.

Zum Glück reißt sie mich aus meinem kleinen, aber feinen Tagtraum, als sie sich aus meinem Griff zu lösen versucht, aber verdammt! Ich bin jetzt nicht auf Widerstand eingestellt. Ich bin emotional ausgelaugt, erschöpft, und obwohl ich das Verlangen, das sich in mir breitmacht, überhaupt nicht begrüße, hätte ich dennoch nichts dagegen, mich eine Weile mit einer schönen Frau abzulenken, auch wenn sie sich noch so dreist gebärdet.

Ich presse die Kiefer zusammen, doch mein Zögern währt nur kurz. Sie schnappt nach Luft, als ich ihren Arm loslasse und sofort ihren Nacken packe. Mit einem Ruck ziehe ich sie an mich und presse meine Lippen auf ihre.

Ja, ich bin ein Arschloch, dass ich sie festhalte, als sie mich wegdrücken will, und, nein, es ist nicht richtig, mir diese Frau, die wahrscheinlich Ende der Woche wieder fort ist, einfach zu nehmen, ohne sie zu fragen, aber verdammt und zugenäht – das kleine, unabhängige Biest macht mich höllisch an.

Hart drücke ich meinen Mund auf ihren und dränge meine Zunge zwischen ihre Lippen. Sie stemmt die Hände gegen meine Brust, doch gleichzeitig fängt ihre Zunge an, mit meiner zu spielen. Verdammt, diese Frau ist ein einziger Widerspruch. Ihr Körper ist weich und geschmeidig, doch ich spüre auch harte Muskeln, und obwohl sie versucht, sich aus meinem Griff zu lösen, stöhnt sie lustvoll, als ich meine andere Hand auf ihren Hintern lege.

Sie greift in mein Hemd, während ich ihren Haarknoten packe, um ihren Kopf ein Stück zurückzuziehen, damit ich ihr in die Augen sehen kann, ohne lange von ihrem Mund abzulassen.

»Ich kann dich nicht leiden«, presst sie zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor, aber unsere Hände fahren gierig über den Körper des anderen, und ich muss lachen.

»Das sehe ich anders«, erwidere ich atemlos. Prompt versucht sie zurückzuweichen, doch dass sie mein Hemd nicht loslässt, zeigt mir, dass sie keinesfalls genug hat. Sie will mehr.

Und, verdammt – da ist sie bei mir an genau der richtigen Stelle. Erst jetzt wird mir bewusst, dass ich dieses Ventil mehr als alles andere brauche. In den vergangenen Wochen, in denen ich zu Hause war, habe ich mich mit Händen und Füßen gegen die Versuche meiner Schwester gesträubt, mich mit einer ihrer Freundinnen zu verkuppeln, und vielleicht wollte ich mich damit selbst bestrafen. Aber nun, da ich die Wärme dieser Frau spüre und ihr Geschmack sich in mein Hirn einbrennt, bin ich Feuer und Flamme.

»Ich kann dich nicht leiden«, wiederholt sie.

»Schade eigentlich«, erwidere ich und küsse sie wieder, küsse sie mit einer verzweifelten und wütenden Gier, die eine Direktleitung in meine Eier hat. Mit der Hüfte drücke ich sie gegen die kalte Steinwand.

Ihre Finger bohren sich in meine Schultern, unsere Atmung ist schwer. Und gerade als ihr Widerstand nachlässt und ihre Zunge wieder mit meiner zu spielen beginnt, mache ich mich los.

Ihre Augen blitzen wütend. »Du bist ein arrogantes, großkotziges –«

»Du musst mich nicht mögen, um mit mir zu vögeln«, unterbreche ich sie. »Du musst nur Lust auf mich haben.«

Sie will protestieren, aber ich schneide ihr das Wort, indem ich mich erneut hungrig über ihren Mund hermache.

»Fick dich«, presst sie atemlos hervor, als ich einen Moment von ihr ablasse.

Ich lache leise und blicke in ihre funkelnden Augen. »Lieber dich.«

Gott sei Dank sind wir bereits auf meiner Etage, denn sobald ich die Worte ausgesprochen habe, scheint es kein Zurück mehr zu geben. Wie ausgehungert stürzen wir uns aufeinander. Ihre Hände fahren in mein Haar, während ich hinter ihrem Rücken versuche, die Tür zu öffnen.

Ohne uns voneinander zu lösen, taumeln wir aus dem Treppenhaus in den Flur. Ich dirigiere sie rückwärts zu meinem Zimmer, während ihre Hände sich unter mein Hemd schieben und rastlos über meinen Rücken und meine Taille fahren. Endlich erreichen wir meine Tür, und ich mühe mich, den Schlüssel aus meiner Jeans zu fischen, deren Tasche sich durch die Erektion straff über meinen Hüftknochen spannt.

Zwischen den einzelnen Küssen fluchend, versuche ich den verdammten Schlüssel ins Schloss zu bugsieren. Ausnahmsweise wünschte ich mir, ich wäre nicht in einem gottverdammten Dritte-Welt-Land, denn mit einer Key-Card wäre ich längst am Ziel.

Dann ist die Tür endlich auf, und wir sind drin. Alles scheint gleichzeitig zu passieren. Hände ziehen T-Shirts aus, Schuhe fliegen zu Boden, meine Finger nesteln an ihrem BH-Verschluss, das Ding fällt zu Boden. Ich will diese Frau, und ich will sie jetzt, alles andere interessiert mich nicht.

Es ist dunkel im Zimmer, nur der Mond draußen spendet ein wenig Licht. Sie greift mit der Faust in mein Haar und hält meinen Kopf fest, als ich mit Lippen und Zunge von ihrem Hals abwärtswandern will.

»Ich kann dich immer noch nicht leiden«, murmelt sie und keucht auf, als ich ihren harten Nippel in den Mund nehme. Die Laute, die sie von sich gibt, ihr Geschmack und der Duft ihres Parfums, der zwischen ihren Brüsten aufsteigt, sind wie ein starkes Aphrodisiakum, das meine Sinne benebelt.

Das Vibrieren meines Lachens überträgt sich auf ihre Haut, als ich über ihren Nippel lecke. Im Moment ist es mir vollkommen egal, ob sie mich leiden kann oder nicht, weil es eine Ewigkeit her ist, dass ich überhaupt mit einer Frau im Bett war. Mein Fokus liegt in der Hitze des Augenblicks, mein einziges Bestreben, mich im Rausch des Höhepunkts zu verlieren. Ich weiß, dass das nach Arschloch schreit, aber ich habe in den ganzen zehn Minuten, die wir uns bereits kennen, niemals vorgegeben, etwas anderes zu sein.

Das Bett befindet sich nur wenige Schritte von der Tür entfernt, und sie stößt mit den Kniekehlen dagegen. Ich beuge mich vor, um nicht von ihr abzulassen, als sie sich auf die Matratze niederlässt. Und, verdammt, ich dachte, ich wäre ziemlich gut darin, mich zurückzuhalten, doch sie macht meine Hose auf, und der Kontrast ihrer kalten Hand auf meinem steinharten Schwanz fühlt sich verdammt fantastisch an.

Herrgott, normalerweise bin ich ein Mann, der auf Vorspiel steht. Ich liebe es, Frauen mit Fingern, Zunge, Spielzeug oder was immer gerade greifbar ist, zu necken, zu locken, scharfzumachen, bis sie kurz vor dem Höhepunkt stehen, denn ich brauche ihr Betteln, dieses tiefe kehlige Stöhnen, das das Tier in mir weckt. Erst wenn ihr Körper sich spannt wie ein Bogen, wenn ihre Muschi pulsiert und sich zusammenzieht, erst dann streife ich mir etwas über und dringe ein in die heiße Nässe, die ich mit zu verantworten habe.

Aber jetzt? Am liebsten sofort auf die Zielgerade. Als sie mich also langsam und gekonnt zu streicheln beginnt, richte ich mich auf, lasse den Kopf zurückfallen und ergebe mich den Empfindungen, die mich viel zu schnell auf den Höhepunkt zutreiben.

Das Beste daran ist die Tatsache, dass es sich um einen One-Night-Stand handelt. Ich muss mir keine Gedanken über irgendwelche Erwartungen machen, muss nicht einmal reden, denn wir beide wissen, warum wir hier sind. Und genauso ist es gut, genau das ist es, was ich brauche: schweißtreibender, schmutziger Sex ohne Liebesschwüre. Eine scharfe, willige Frau, die vermutlich meinem Blick ausweichen wird, wenn wir uns das nächste Mal in der Hotellobby treffen – und das soll mir nur recht sein.

Ihre Hände sind geschickt und tun mir gut, aber die Spannung baut sich viel zu schnell auf, und sosehr es mir widerstrebt, ich muss sie bremsen. Also lege ich ihr die Hände auf die Schultern und weiche mit einem Stöhnen zurück.

Ihre Wangen sind erhitzt, die Nippel aufgerichtet und hart, und ihr Lachen verspottet mich. Doch als ich ihr in die Augen sehe, erkenne ich das stumme Einverständnis darin: Auch wenn sie behauptet, mich nicht leiden zu können, so will sie das hier doch genauso wie ich.

Für den Bruchteil einer Sekunde starren wir uns an, dann fallen wir wie rasend übereinander her. Hektisch zerren und ziehen wir uns die restlichen Kleider vom Leib, ehe ich mich zu der Kommode im Raum umwende und nach einem Kondom wühle, weil es mir plötzlich vorkommt, als sei die Zeit ein entscheidender Faktor. Doch als ich mich wieder umdrehe, bin ich wie vom Donner gerührt. Mein Gott, ist diese Frau schön. BJ hat sich aufs Bett gelegt, und ihr schlanker, straffer Körper scheint nur darauf zu warten, dass ich mich in sie versenke. Ihr Haar ist inzwischen offen und umgibt ihren Kopf wie ein glänzender schwarzer Heiligenschein.

»Gefällt dir, was du siehst, Pulitzer?« Der Spitzname bringt mich einen Moment aus dem Konzept, doch dann konzentriere ich mich wieder auf die unverhohlene Einladung. Ihr Selbstvertrauen ist anziehend und verwirrend zugleich, aber wen interessiert’s, denn beim Anblick des schmalen Streifens Schamhaar zwischen ihren Beinen läuft mir das Wasser im Mund zusammen.

Ich nähere mich dem Bett und stelle mit Genugtuung fest, dass ihre Augen größer werden, als ihr Blick abwärts zu meinem besten Stück gleitet. Zwar weiß ich, dass ich überdurchschnittlich ausgestattet bin, doch es ist immer gut für mein Ego, diese Art von Anerkennung zu erhalten. »Keine Beschwerden, solange ich das, was ich sehe, auch haben kann. Meinst du, du kommst mit mir klar?«

Ihr Lachen ist satt und kehlig und verwandelt sich unerwartet in ein fast mädchenhaftes Kichern, als ich ihre Knöchel packe und mit einem Ruck zum Fußende des Bettes ziehe. Ihre Muschi drückt sich heiß an meinen Oberschenkel, und plötzlich kann ich keinen klaren Gedanken mehr fassen.

Ich packe sie an den Hüften und ziehe sie zu mir, während ich gleichzeitig in die Knie gehe. Ihr Hinterteil hängt in der Luft, und ich greife nach einem Kissen und stopfe es ihr zum Stützen unter. Sobald sie sich darauf ablegt, positioniere ich mich an ihrer Spalte und fahre mit der Spitze meiner Erektion durch die Nässe, und dass sie so scharf auf mich ist, macht mich umso schärfer auf sie.

Ich schaue zu ihr auf. Ihre Hände umfassen ihre Brüste, doch ich kann die dunklen Nippel durch die Finger sehen. Sie beißt sich auf die Unterlippe, und ihr Blick durch halb geschlossene Lider funkelt.

Mit dem Daumen reibe ich über ihre Klitoris, während ich mich in sie schiebe, doch die Empfindung ist so intensiv, dass meine Hand unwillkürlich verharrt. Stöhnend kosten wir beide diesen ersten Kontakt aus.

»Oh, gut«, murmle ich, so selig in dem Gefühl ihrer heißen, engen Muschi um meinen Schwanz, dass ich den Satz nicht vollständig herausbringe. »Du fühlst dich so gut an«, hätte es heißen sollen, aber was soll’s. Sie ist nass, ich bin hart, und ich schiebe mich bis zum Anschlag in sie hinein und halte still, damit sie sich an mich gewöhnen kann. Als ihre inneren Muskeln sich fest zusammenziehen, durchfährt mich grelle Lust, und ekstatisch lasse ich den Kopf zurückfallen.

Und dann beginne ich mich zu bewegen.

Das Verlangen in mir ist wie ein Inferno, und jeder langsame Rückzug, jeder schnelle Stoß facht es noch mehr an. Sie stöhnt und kommt mir mit ihren Hüften entgegen, und ihre Nässe am Ansatz meiner Erektion ist so unfassbar scharf … oh, verdammt. Immer weiter steige ich auf wie auf einer Achterbahn, auf der unweigerlich der Absturz folgt, aber ich schließe die Augen und kämpfe dagegen an, weil ich einfach noch nicht aufhören will.

»Genau so! Ja!«, stöhnt sie mit ihrer kehligen Stimme, die nach Befriedigung klingt.

Ich steigere das Tempo. Mein Schwanz ist so hart, so dick, dass er fast schmerzt, und doch halte ich mich zurück, um sie zuerst zum Höhepunkt zu bringen, damit sie sich windet und aufbäumt und mit ihren Muskeln meinen Schwanz massiert. Aber als ich auf meinen Daumen herabblicke, der über ihre Spalte reibt, als ich sehe, wie ihre Brüste mit jedem meiner Stöße hüpfen, wie ihre Hände sich in das Laken krallen und wie der feine Schweißfilm auf ihrer Haut im Mondlicht glitzert, weiß ich, dass ich es nicht mehr lange aushalten kann.

Normalerweise gebe ich alles, um den Höhepunkt hinauszuzögern und meine Gespielin zufriedenzustellen, doch heute wird nichts daraus. Sobald ich höre, wie BJ stöhnt, dass sie kommt, löst sich jeder Rest an Zurückhaltung in Wohlgefallen auf.

Obwohl ich es liebe, der Frau zuzusehen, wenn sie Erlösung findet, will ich ihr jetzt nur folgen. Fest zieht sie sich um mich zusammen, und mir schwindet die Sicht, und die sirrende Stromladung in mir entlädt sich und jagt ihre Blitze in meine Glieder. Sie schreit auf, und ich packe ihre Beine und drücke sie gegen sie, um mich noch tiefer in sie zu versenken.

Ich komme mit einem langen Stöhnen. Jeder einzelne Nerv gerät in Brand. Mein Schwanz ist so verdammt empfindlich, dass ich es kaum ertragen kann, als ihre Muskeln mich in den Nachwehen massieren, und so trete ich schneller den Rückzug an als üblich.

Ich sehe zu ihr hinunter. Bebend liegt sie da, das Haar wirr, die Wangen gerötet. Ich schenke ihr ein verlegenes Lächeln, das sie erwidert, ihr Blick wirkt allerdings plötzlich seltsam verhalten, als würde sie mir gerne etwas sagen, wüsste aber nicht wie.

Ich schüttle das Gefühl ab. Meine Hände halten noch immer ihre Hüften, mein Schwanz glänzt von ihrer Lust – muss ich wirklich wissen, was sie denkt? Vielleicht weiß sie bloß nicht, wie man höfliche Konversation macht, wenn man gerade miteinander gevögelt hat, obwohl man sich erst ein paar Minuten kennt.

Wir zucken beide zusammen, als mein Handy klingelt und uns aus dem verlegenen Schweigen heraushilft.

Ein gut erzogener Mann würde das Telefon natürlich ignorieren, und gewöhnlich tue ich das auch. Doch in Anbetracht der Situation und der Tatsache, dass ich auf einen Anruf von Rafe warte, ergreife ich die Gelegenheit gerne. Als ich auf mein Handy blicke, das auf dem Boden liegt, lese ich auf dem Display tatsächlich seinen Namen.

»Sorry, das muss ich annehmen.« Etwas unbeholfen drücke ich ihren Oberschenkel. »Tut mir leid«, murmle ich erneut. Sie löst ihre Beine von meinen Hüften, und ich trete rasch einen Schritt zurück und weiche peinlich berührt ihrem Blick aus.

Sie murmelt etwas, das nach Verständnis klingt. Ich hebe mein Telefon auf und gehe ins Bad, das mir eine gewisse Privatsphäre bietet.

»Alter, hast du eine Ahnung, wie spät es ist?«, sage ich, um meine Kurzatmigkeit zu erklären. Automatisch werfe ich einen Blick auf die Uhr. Es ist erst zwei Uhr morgens.

»Nein, ich habe keinen Schimmer, aber da du so schnell abgenommen hast, gehe ich davon aus, dass du noch nicht geschlafen hast.« Seine Worte hängen wie eine Frage in der Leitung, doch ich ignoriere sie.

»Worum geht’s?« Ich blicke über die Schulter ins Zimmer, wo BJ sich gerade mit dem Laken bedeckt. Mist. Aber vielleicht sollte ich es positiv sehen – es könnte bedeuten, dass wir noch einmal miteinander schlafen, und so schlecht ist der Gedanke nicht.

»Deine neue rechte Hand im Fotobusiness steht fest. Bo Croslyn. Ihr trefft euch am üblichen Ort.« Er meint den sogenannten Konferenzraum des Hotels, den alle Korrespondenten nutzen, wenn sie Offizielles hinter verschlossenen Türen zu erledigen haben.

Ich seufze innerlich. Ich wusste ja, dass man mir einen neuen Partner zur Seite stellen würde, aber nun, da es so weit ist, kommt es mir vor, als würde ich Stella irgendwie verraten. Lächerlich.

»Erfahrung?«, frage ich knapp, während ich das Kondom abstreife und in den Eimer neben der Toilette werfe. Es bleibt still in der Leitung, als ich den Hahn aufdrehe und mich sauber mache. »Rafe? Verschweigst du mir etwas?«

»Keine im Ausland, aber –«

»Keine im Ausland?« Meine Stimme wird lauter. »Sag mal, machst du Witze? Du schickst mir irgendeinen Frischling? Irgendein unbedarftes Milchgesicht, das sich zwangsweise in Gefahr bringt … und mich vermutlich gleich mit? Was hast du dir dabei gedacht?«

»Beruhig dich. So ist das nicht …«

»Ich. Bin. Ruhig«, bringe ich zähneknirschend hervor. Doch die wunderbare Wirkung, die der Whiskey und der Orgasmus auf mein aufgewühltes Gefühlsleben gehabt haben, löst sich bereits wieder auf. »Herr im Himmel, Rafe! Nach Stella – nach allem, was geschehen ist, willst du mir so was wirklich antun?«

»Es wird gut, glaub mir, alles wird gut. Bos Bilder sind der Wahnsinn!«

»Genau das befürchte ich.« Ich werfe im Spiegel einen kurzen Blick zu der Frau in meinem Bett, wende mich jedoch nicht um. Ich bin stocksauer auf Rafe.

»So habe ich das nicht gemeint, Tanner.«

»Ich weiß, was du gemeint hast.«