Dreimal mit dem Arzt ins Paradies: Drei Arztromane - Glenn Stirling - ebook

Dreimal mit dem Arzt ins Paradies: Drei Arztromane ebook

Glenn Stirling

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Opis

Dreimal mit dem Arzt ins Paradies: Drei Arztromane für den Sommer von Glenn Stirling Über diesen Band: Dieser Band enthält folgende Romane von Glenn Stirling: Eine Kinderärztin mit Herz Krank im Paradies Verzweifle nicht, Christine Ute hat es so satt, sich im Krankenhaus, wo sie als Lernschwester arbeitet, schikanieren zu lassen. Sie träumt davon, mit ihrem Freund Fred auf einer Insel zu sein - allein. Eine Insel mit einer Bucht mit Palmen, weißem Sand und strahlend blauem Wasser. Als Fred der Schwarzarbeit überführt wird, überlegen beide nicht lange. Mit seinem Motorrad fahren sie in den Süden bis nach Spanien und finden ein idyllisches Plätzchen. Doch der Schein trügt ...

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Dreimal mit dem Arzt ins Paradies: Drei Arztromane

Glenn Stirling

Published by BEKKERpublishing, 2022.

Inhaltsverzeichnis

Title Page

Dreimal mit dem Arzt ins Paradies: Drei Arztromane für den Sommer | von Glenn Stirling

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Eine Kinderärztin mit Herz

Eine Kinderärztin mit Herz

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Die Hauptpersonen dieses Romans:

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Krank im Paradies

Krank im Paradies

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Verzweifle nicht, Christine!

Verzweifle nicht, Christine!

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Dreimal mit dem Arzt ins Paradies: Drei Arztromane für den Sommer

von Glenn Stirling

Über diesen Band:

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Dieser Band enthält folgende Romane

von Glenn Stirling:

Eine Kinderärztin mit Herz

Krank im Paradies

Verzweifle nicht, Christine

Ute hat es so satt, sich im Krankenhaus, wo sie als Lernschwester arbeitet, schikanieren zu lassen. Sie träumt davon, mit ihrem Freund Fred auf einer Insel zu sein - allein. Eine Insel mit einer Bucht mit Palmen, weißem Sand und strahlend blauem Wasser. Als Fred der Schwarzarbeit überführt wird, überlegen beide nicht lange. Mit seinem Motorrad fahren sie in den Süden bis nach Spanien und finden ein idyllisches Plätzchen. Doch der Schein trügt ...

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Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker (https://www.lovelybooks.de/autor/Alfred-Bekker/)

© Roman by Author / COVR MARA LAUE

© dieser Ausgabe 2022 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

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Alles rund um Belletristik!

Eine Kinderärztin mit Herz

Eine Kinderärztin mit Herz

Roman von Glenn Stirling

Der Umfang dieses Buchs entspricht 137 Taschenbuchseiten.

Als Axel, der schon seit einiger Zeit auffallend bedrückt wirkt, eines Tages nicht aus der Schule nach Hause kommt, fürchten seine Eltern, dass etwas geschehen ist. Sie bitten auch die Kinderärztin Dr. Monika Lohmann um Hilfe. Zufällig weiß sie, wo Axel und seine Freunde sich meist aufhalten. Unter Einsatz ihres eigenen Lebens versucht sie, den Jungen zu retten.

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker.

© by Author

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

[email protected]

Die Hauptpersonen dieses Romans:

Axel Windmöller – der 12jährige hat große Schwierigkeiten in der Schule. Als er erfährt, dass er nicht versetzt wird, beschließt er in panischer Angst, sich das Leben zu nehmen

Anni Hentrich – Axels Mutter, leidet darunter, dass sich ihr Sohn und ihr zweiter Mann nicht verstehen. Auch sie findet keinen Zugang mehr zu ihrem Kind und kann ihm deshalb nicht helfen

Bernd Hentrich – der Maschinenbauingenieur liebt seine Frau über alles. Er versucht immer wieder, auch das Herz des Jungen zu erobern. Er ahnt nicht, dass ihm dies nicht gelingen kann, weil Axel die Liebe seiner Mutter nicht teilen will

Hinketatsch und Mäusebär – die besten Freunde von Axel, die nicht nur die Nachhilfe fest in die eigenen Hände nehmen

Herr Klausner – ein unsympathischer Zeitgenosse, der Kinder und kleine Hunde zu hassen scheint

Dr. Fechner – Mathematiklehrer und der strengste Lehrer der Schule

Dr. Monika Lohmann – die sympathische Kinderärztin erforscht stets einfühlsam die Seele eines Kindes

1

Wehmütig blickte Axel durch die verschmutzten Scheiben nach draußen. Am blauen Himmel stand eine prächtige Frühsommersonne und schien auf die blühenden Kastanien auf dem Schulhof. Schwalben segelten dicht am Fenster vorüber.

Der Zwölfjährige beneidete sie um ihre Freiheit. Sie konnten herumfliegen, sie mussten nicht wie er und die anderen in der Klasse eine Mathematikarbeit schreiben.

Fünf Aufgaben hatte er gelöst. Aber da waren noch weitere drei. Und er kam und kam nicht weiter. Zu dumm, dass sein Nebenmann krank war. Der schaffte Mathematik spielend. Von dem hätte er abschreiben können.

Er versuchte nach links zu schielen. Da saß die Beate. Die war auch gut in Mathematik. Aber zwischen ihm und ihr war der Gang. Und wenn er den Hals noch weiter in Beates Richtung reckte, dann würde Krümel ihn sehen.

Krümel, das war der Mathematiklehrer. Eigentlich hieß er Dr. Fechner. Krümel nannten sie ihn, weil er so klein war. Aber der Name täuschte. Krümel war der strengste Lehrer in der Schule. Er konnte gnadenlos sein, und sie wussten das. Sie hatten Angst vor ihm. Auch Axel.

Er blickte wieder nach draußen. Ein Segelflieger war aufgetaucht. Ganz oben am Himmel zog er seine Kreise. Ich wünschte, dachte Axel, ich könnte da oben in der Kabine sitzen, könnte einfach so dahinsegeln und brauchte nicht diese verdammte Mathearbeit zu schreiben.

Ich muss es schaffen! Wenn die Arbeit daneben geht, bleibe ich kleben: Mutti würde es nicht begreifen. Und dann ist ja auch noch der Herr Hentrich da. Sie hat ihn geheiratet. Vati ist erst zwei Jahre tot. Und sie hat diesen Hentrich geheiratet. Ich hasse ihn! Wie konnte sie das nur tun?

Seine Gedanken kreisten jetzt ganz und gar um seinen frischbackenen Stiefvater. Seit vierzehn Tagen erst waren sie verheiratet. Mutti hat gesagt: „Ich liebe ihn.“

Wie kann sie einen Menschen lieben, der nicht Vati ist? Vati ist tot ....

„Windmöller“, kam die schneidende Stimme von Krümel. „Wenn du deine Arbeit schon fertig hast, dann gib sie ab, statt in der Weltgeschichte herumzuschauen.“

Auch das noch, dachte Axel. Am Ende nimmt er mir die Arbeit weg, und ich habe drei Aufgaben noch nicht gelöst. Wenn die ungelöst bleiben, bekomme ich ungenügend. Er zensiert immer härter als die anderen. Mein Gott, was mache ich nur, wenn die Arbeit verpfuscht wird? Wenn sie daneben geht? Und ich bringe das nicht. Ich weiß einfach nicht, was ich schreiben soll. Wie ich diese verdammte Aufgabe lösen soll. Ich hätte doch besser aufpassen sollen. Hentrich wollte es mir erklären. Aber von dem will ich keine Hilfe. Nicht von dem. Vielleicht hätte es mir der Hinketatsch erklären können. Ich bin sicher, der Hinketatsch schon. Der ist in Mathematik nicht so schlecht wie ich. Der Mäusebär ist auch nicht gut. Vom Mäusebär hätte ich nicht einmal abschreiben können. Der bekommt sicherlich auch mangelhaft oder ungenügend. In Mathe bringt der nichts.

Axel versuchte sich nun, auf die Arbeit zu konzentrieren. Es fiel ihm wahnsinnig schwer, zumal jetzt die Sonne direkt in die Klasse hineinschien, ihm aufs Gesicht. Und wieder irrte sein Blick ab durch die Scheiben nach draußen zum blauen Himmel. Der Segelflieger war nicht mehr da. Aber noch immer die Schwalben, die blühenden Kastanien. Und irgendwo in der Ferne heulte ein Martinshorn.

Jetzt draußen sein, am Rutzebuck Weiher, im Schilf, zusammen mit Mäusebär und Hinketatsch. Statt dessen sitz’ ich in dieser verdammten Schule. Warum müssen Kinder in eine Schule? Die Erwachsenen haben es gut. Die brauchen nicht in die Schule. Die brauchen nicht zu pauken, die brauchen nicht vor den Zensuren zu zittern und ein schlechtes Gewissen zu haben, wenn sie pfuschen.

Warum bin ich nur noch nicht erwachsen? Warum dauert das so lange? Bei den Tieren geht es viel schneller. Die sind gleich groß. Ein Pferd ist in drei Jahren erwachsen. Und ich? Jetzt bin ich zwölf. Ich werde bald dreizehn. Aber erwachsen bin ich dann noch lange nicht ...

„Windmöller, willst du dich nun an dieser Arbeit beteiligen oder weiter in der Weltgeschichte herum gucken?“

Das war wieder Krümel. Immer hat er etwas an mir auszusetzen. An der Brigitte und an Mäusebär auch. Den Mäusebär kann er auch nicht leiden. Aber Mäusebär ist mein Freund, genau wie Hinketatsch.

Axel versuchte es jetzt mit der siebten und achten Aufgabe, ließ die sechste einfach ungelöst. Aber selbst die beiden anderen gingen ihm sehr schwer von der Hand. Und als er fertig war und die Pausenklingel sie alle von dieser Arbeit erlöste, da hatte Axel nicht das Gefühl, diese beiden letzten Aufgaben richtig gelöst zu haben.

Die Sonja und der Herbert sammelten die Arbeiten ein, Krümel saß indessen vorn hinter seinem Katheder und blickte über die Köpfe der zweiunddreißig Jungen und Mädchen hinweg. Dann nahm er den Stoß der Hefte und ging mit seinen typischen kurzen Trippelschritten zur Klassentür. Dort wandte er sich noch einmal um und rief: „So, Herrschaften, das war die Stunde der Wahrheit. Wer von euch auf der Kippe steht und diese Arbeit verdorben hat, sollte seine Eltern jetzt schon darauf hinweisen, dass in Kürze ein blauer Brief kommt. Das gilt auch besonders für dich, Windmöller,“

Axel zuckte zusammen, und Hinketatsch, der seinen Platz verließ und zu ihm trat, meinte: „Hast du sie verrissen, Kung Fu?“

Axel zuckte die Schultern. Sie nannten ihn hier in der Klasse und auf der Straße Kung Fu. Die meisten der Jungen hatten einen Spitznamen. Aber er dachte nicht daran, warum er Kung Fu genannt wurde. Seine Gedanken kreisten ausschließlich um die Mathearbeit.

„Hast du die Ergebnisse?“ Hinketatsch, der eigentlich Rudi hieß, nickte. „Klar. War doch eine astreine Sache. Kinderleicht.“

„Für dich vielleicht, Hinketatsch“, meinte Axel. „Zeig mir die Zahlen!“

Hinketatsch hatte sie sich auf einem kleinen Zettel notiert und gab sie Axel. Der brauchte nur einen kurzen Blick darauf zu werfen, um zu erkennen, dass er gerade eine einzige Aufgabe richtig gelöst hatte, und zwar die erste.

„Ich habe nur eine richtig, Hinketatsch.“

„O heiliger Strohsack. Und warum? Hast du das nicht geschnallt?“

Axel schüttelte den Kopf. „Überhaupt nicht.“

„Welche hast du denn?“

„Die erste.“

„Mein Gott, das ist die leichteste gewesen. Der gibt dir glatt eine Fünf. Dann stehst du bis zu den Ohren im Schnee. Menschenskind, Kung Fu! Du kriegst die Kurve nicht. Der lässt dich hängen. Wie ist denn das mit der Ausgleichszensur? “

„Da ist doch nichts. Die brauch ich doch für Latein.“

„Oh, das ist ein Mist! Mensch, Kung Fu. Jetzt machst du aber eine Bauchlandung. Wir müssen miteinander pauken. Aber ich glaube, das reicht nicht. Du musst einen richtigen Nachhilfelehrgang haben. Irgendeinen, der dich von Grund an neu aufbaut. Ich würde das nicht schaffen. “

Axel dachte daran, dass sich Hentrich, der ja immerhin Ingenieur war, oft genug angeboten hatte, ihm zu helfen Aber nein, nicht von Hentrich! Dann lieber kleben bleiben. Wieso musste er auf diese verdammte höhere Schule gehen? In der Hauptschule wäre es nicht so schwer gewesen. Das hätte er gepackt. Aber Mutti wollte ja um Biegen und Brechen, dass er in die höhere Schule ging. Und am Anfang, da hatte es ihm ja sogar Spaß gemacht. Aber jetzt ...

„Jetzt bin ich im Eimer“, meinte Axel.

„Mensch, Kung Fu, lass doch die Ohren nicht hängen! Du musst eben ein bisschen pauken“, meinte Hinketatsch. „Komm, die nächste Stunde ist Bio! Das reißen wir noch ab. Und dann reden wir über alles. “

Hinketatsch humpelte wieder zu seinem Platz zurück. Er hatte vor Jahren einen Verkehrsunfall gehabt, und seitdem konnte er mit dem damals schwerverletzten Bein nicht mehr richtig gehen. Vom Sport war er befreit. Aber Axel wusste, wie gut er klettern konnte. Wenn sie am Nachmittag am Rutzebuck Weiher spielten, da war der Hinketatsch nicht zu schlagen. Er war ein Jahr älter als Axel und hatte von ihnen immer die besten Einfälle. Auch in der Schule war er besser als die meisten. Dabei hatte er zu Hause niemanden, der ihm hätte helfen können. Sein Vater und seine Mutter arbeiteten beide in der Fabrik. Er musste sogar noch die jüngeren Geschwister versorgen. Aber Zeit zum Spielen hatte er außerdem.

Nun kam der Mäusebär. Uwe hieß er eigentlich. Der war im Grunde der allerbeste Freund von Axel. Mäusebär hatte struppiges rotes Haar, das Gesicht voller Sommersprossen, eine freche Stupsnase. Und der Nase und der struppigen Haare wegen hatte einmal eine Lehrerin gesagt, er sehe wie ein Mäusebär aus. Damals hatten sie alle gelacht. Und Uwe würde den Spitznamen nicht mehr los. Doch es machte ihm nichts. Uwe war ein Draufgänger, genau wie Axel. Beide prügelten sich für ihr Leben gern. Und von den Prügeleien hatte Axel auch seinen Spitznamen weg. Irgendwann einmal hatte er ein paar Judogriffe gelernt und bei den Keilereien in der Straße immer angewendet. Seither nannten sie ihn Kung Fu. Doch ihm wäre jetzt lieber gewesen, diesen zweifelhaften Ruhm nicht zu genießen, sondern stattdessen wenigstens sechs der acht Matheaufgaben gelöst zu haben, und zwar richtig.

Die Wirklichkeit sah aber ganz anders aus. Die Stunde der Wahrheit, wie Krümel gesagt hatte, war also gekommen. Und Kung Fu, den sonst so leicht nichts erschrecken konnte, war das Herz in die Hose gerutscht.

„Was machst du nun?“, fragte Mäusebär, der immerhin eine Ausgleichszensur in Deutsch hatte. Auch in Latein war er ganz gut.

„Ich weiß nicht. Hentrich versteht keinen Spaß. Das hat er mir gesagt. Er mischt sich in alles ein.“

Mäusebär sagte nichts. Er kannte ja den Hass seines Freundes auf den Stiefvater. Er selbst fand Hentrich gar nicht so schlecht. Auch Hinketatsch hatte nichts gegen Herrn Hentrich. Im Gegenteil. Aber sie respektierten, dass Kung Fu den Stiefvater nicht leiden konnte.

„Weißt du was?“, sagte Axel. „Ich haue ab! Bio ist sowieso stinklangweilig. Die merkt das doch nicht, wenn ich weg bin.“

„Wo willst du hin?“

„Ich werde nachdenken“, erwiderte Axel auf die Frage des Freundes. „Unheimlich nachdenken.“

„Mensch, mach bloß keinen Mist! Wenn die merkt, dass du weg bist, bekommst du Ärger. “

„Mehr Ärger als ich habe?“, fragte Axel und lachte. „Also, ich bin weg.“

Er verließ tatsächlich die Schule und irrte erst einmal in den Straßen herum. Schließlich aber fasste er einen Entschluss. Er machte sich auf den Weg zum Rutzebuck Weiher, zu dem Fleck, wo er und seine Freunde immer unter sich gewesen waren, wo kein Erwachsener störte, wo Hentrich noch nie hingekommen war. Der wusste überhaupt nichts vom Rutzebuck Weiher. Der nicht. Und auch solche Teufel wie der Krümel nicht. Am Rutzebuck Weiher war höchstens Klausner. Aber der konnte nicht immerzu dort sein und seine Jagd ausüben. Klausner, das war auch ein schlimmer Finger. Axel schwoll der Kamm, wenn er nur an den Pferdemetzger dachte. Dem gehört die ganze Jagd am See. Und da ballerte er auf alles, was sich bewegte. Ihm passte es nicht, dass die Jungen dort eine Hütte hatten. Aber er konnte nichts machen. Er versuchte, sie nur dauernd zu ärgern, zu schikanieren, hetzte ihnen sogar seinen Hund nach.

An den Klausner dachte er im Augenblick aber weniger. Er hatte Angst vor Hentrich. Den Stiefvater nannte er grundsätzlich Hentrich. Und dass seine Mutter den Mann so vergötterte, dass sie so an ihm hing, stachelte seinen Hass nur noch mehr auf. Wie kann sie nur? Sie hat Vati völlig vergessen. Sie hat ihn einfach aufgegeben. Zwei Jahre ist es erst her, und sie heiratet Hentrich. Immer hängen sie zusammen, wenn man sie sieht. Kleben aneinander. Dann gibt sie sich Mühe, zu mir besonders nett zu sein. Er auch. Er spielt den Verständnisvollen. Ich hasse sie! Ich hasse sie alle beide.

Es war Mittagszeit, als er die Hütte am Rutzebuck erreicht hatte. Sie lag mitten im Schilf. Aus alten Brettern und Spanplatten hatten die Jungen die Hütte gebaut. Im Schilf gab es eine Insel. Sie blieb immerzu trocken. Aber man musste den Weg zur Insel kennen. Im Schilf war das schwierig. Wenn man daneben trat, steckte man sofort mit den Beinen im Wasser.

Aber da drüben der Bagger des Kieswerks schepperte und brummte. Durchs Schilf hindurch konnte Axel sehen, wie die Lastwagen vorfuhren, und wie der Kies auf die noch leere Ladefläche prasselte.

Dann auf einmal tauchte die Hütte auf. Das Dach hatten sie neuerdings aus Blech. Seitdem war es dicht. Die eine Seite, die zum See hin ungedeckt war, hatten sie mit einer Plastikfolie abgedeckt und Zweige darüber geflochten. Dieses Flechten, das konnte der Hinketatsch so gut. Selbst vom Wasser her sah man wegen der Zweige die Hütte kaum. Manchmal, da fuhren die Jungen mit dem Boot des Baggerunternehmers. Er hatte nichts dagegen. Er mochte die Jungen. Wenn er sie traf, dann bekamen sie immer irgend etwas. Einen Kaugummi oder einen Apfel, manchmal auch ein Butterbrot. Hier draußen an der frischen Luft bekam man Hunger. Einige Male durften sie ihm helfen. Da drückte er jedem von ihnen eine Ölkanne in die Hand, und sie mussten diese riesige Raupe des Baggers schmieren. Es machte ihnen großen Spaß. Der dicke Baggerunternehmer war ein freundlicher Mann, und er hatte ein Herz für die Buben. Das Blech vom Dach hatten sie auch von ihm.

Axel dachte daran, dass auch Klausner schon einmal versucht hatte, bis zu ihrer Hütte zu kommen. Er wollte sie vertreiben. Aber auf dem Weg hatte er den Pfad verfehlt und war ins Wasser gestürzt. Die Jungen hatten es gesehen und schallend gelacht. Seitdem hasste er sie wie die Pest. Aber zur Hütte und der Insel wagte er sich nicht mehr. Selbst sein Hund hatte Angst.

In der Hütte standen zwei uralte Bettgestelle. Axel und Hinketatsch hatten die aus dem Wasser gezogen, danach angestrichen, aber sie fingen schon wieder an zu rosten. Axel achtete aber nicht darauf, sondern verteilte das Schilf, das sie wie eine Decke darauf liegen hatten, und legte sich hin. Die Hände unter dem Kopf gefaltet, starrte er zur Decke und beobachtete eine Spinne, die dort ihr Netz baute. Aber seine Gedanken irrten von der Spinne weg zur vertuschten Mathearbeit, und das drohende Damoklesschwert des Sitzenbleibens versetzte Axel nun doch in Angst und Schrecken. Er hatte nicht nur Furcht vor Hentrich oder vor den anklagenden Augen seiner Mutter. Es war einfach die Blamage und die Tatsache, dass er nicht mehr mit Hinketatsch und Mäusebär in eine Klasse gehen würde, seine beiden Freunde, an denen er hing. Diese Freundschaft, so sagte er sich, würde darunter leiden. Und eine Klasse tiefer, bei diesen Kleinen ... Nein! Dann lieber tot sein.

„Eher sterben als kleben bleiben“, hörte er sich selber sagen, und er erschrak. Er erschrak vor dem Gedanken, den er bisher noch gar nicht gedacht, aber eben ausgesprochen hatte.

Sterben! Einfach nicht mehr leben. Die Schule, die Versetzung, Prügel und Latein, das er auch nicht mochte, das alles wäre dann vergessen. Das gäbe es nicht mehr.

Sie sagen ja, dachte er, dass man nach dem Tode weiterlebt in einer anderen Welt, die viel schöner ist. Warum geh’ ich nicht hin in diese Welt? Hier ist es nicht schön. Nachmittags ist es schön. Aber in der Schule ...

„Zu Hause ist es auch nicht schön“, murmelte er. „Zu Hause ist es mies. Warum hat sie nur den Hentrich genommen? Vorher, bevor er kam, da war es viel besser. Sie hat nicht mal ein Jahr gewartet. Gekannt hat sie ihn schon früher.“ Vielleicht, überlegte er plötzlich, waren sie schon die dicksten Freunde, als Vati noch lebte.

„Ich werde nicht mehr zu ihnen zurückkehren“, sagte er vor sich hin. „Ich werde nicht mehr nach Hause gehen, zu Hentrich und zu Mutti, die Vati verraten hat. Und ich werde nicht mehr zu Krümel in die Schule gehen. Zu ihm nicht, und zu den anderen nicht. Es tut mir leid um Hinketatsch und um Mäusebär. Sie sind wirklich gute Freunde. Auch die Beate war immer nett. Aber man kann nicht alles haben im Leben, hat Vati immer gesagt. Ich werde in diese andere Welt marschieren, die besser sein soll. Sie haben es immer gesagt in der Schule, sogar Vati hat das gesagt! Vati hat auch daran geglaubt. Er ist in dieser besseren Welt. Vielleicht seh’ ich ihn da wieder, dann können wir in Ruhe über alles reden. Mit Vati habe ich immer über alles reden können.“

Ich werde in diese andere Welt gehen. Zurück zu Hentrich, zurück zu Krümel möchte ich nie mehr ...

2

Anni Hentrich war das, was man eine bildhübsche Frau nennt. Die sechsunddreißig Jahre sah man ihr keinesfalls am Sie hatte dunkles Haar, sanft geschwungene schöne Augenbrauen und ein schmales Gesicht mit einem sehr ansprechenden Profil. In einem seltsamen Kontrast zu dem dunklen Haar standen die leuchtend blauen Augen. Fast grau waren sie. Und das gab ihrem Äußeren etwas Apartes. Auch sonst war ihre Figur noch wie die eines jungen Mädchens.

Dass Männer ihr nachsahen, war für sie nichts Besonderes mehr. Aber sie hatte nur Augen für einen einzigen. Dass sie so jugendlich wirkte, lag vielleicht auch an ihrer großen Liebe zu dem zweiundvierzigjährigen Maschineningenieur Bernd Hentrich. Er war ein robuster breitschultriger Typ, energisch, was man ihm auch ansah. Seine ausgeprägte Stirnglatze, und dass sein übriges Kopfhaar ebenfalls schon sehr spärlich zu werden begann, störte Anni Hentrich so wenig, wie ihn selbst.

Hentrich war nicht nur ein dynamischer Typ, er war vor allen Dingen ein leidenschaftlicher und sehr zärtlicher Liebhaber. Anni Hentrich fand bei ihm die Erfüllung ihrer Wünsche, ihrer Sehnsüchte, und sie liebte ihn mehr, als sie jemals einen anderen Menschen zuvor geliebt hätte. Ihr verstorbener Mann Bruno Windmöller, der bei der Feuerwehr Dienst getan hatte, war gut zu ihr gewesen und auch gut zu seinem Jungen. Als Vater war er Anni immer vorbildlich erschienen. Aber in ihrer Ehe hatte sich sehr rasch tiefe Langweile eingestellt. Anni hatte nie darüber gesprochen. Es lag einfach daran, dass sie das Andenken an einen Toten nicht schmälern wollte. Doch mit Bernd Hentrich hatte sie zum ersten Mal erlebt, was man als große Liebe bezeichnet.

Hentrich war genau der Typ, der eine Frau auf Händen trug, und der für sie kämpfte. Und zum Kampf war er auch für Annis Sohn bereit. Doch da war er auf Widerstand gestoßen. Trotzdem war Hentrich der Meinung, dass Axel schon begreifen würde, wie gut er es mit ihm meinte.

Bernd Hentrich hatte sogar die Adoption eingeleitet, damit Axel auch seinen Namen tragen konnte. Doch das dauerte noch an. Er und Anni waren erst vierzehn Tage verheiratet. Aber nun, nach vierzehn Tagen, war zum ersten Mal die Stimmung gereizt.

„Der Junge hätte längst da sein müssen“, sagte Anni und warf einen verzweifelten Blick auf die Standuhr in der Ecke. Das war noch ein Relikt aus ihrer Ehe mit Bruno. Immer wenn sie die Standuhr sah, musste sie an ihn denken.

„Er wird noch irgendwo spielen. Du weißt doch, wie Jungs so sind“, erwiderte Bernd Hentrich. „Da sehen sie irgend etwas, da laufen sie hin. Das ist doch alles kein Beinbruch.“

„Aber Bernd, es ist schon zwei. Halb eins hätte er hier sein müssen.“

„Also, wenn du willst, dann geh ich mal zu seinem Freund, den er Hinketatsch nennt.“

„Ach, fang du nicht auch an, solche Namen zu sagen. Der Junge heißt Rudi. Es sind grässliche Spitznamen, die sie sich gegenseitig geben. “

„Ich finde das nicht so schlimm. Ich hatte als Junge auch einen Spitznamen.“

Anni schüttelte verständnislos den Kopf. „Wenn man sich überlegt, wie sehr du ihn immer wieder in Schutz nimmst, und er ist so garstig zu dir, so gemein. Ich möchte nur einmal wissen, warum er so ist. Dafür muss es doch eine Erklärung geben. “

Hentrich zuckte die Schultern. „Mit der Zeit kommt das alles noch. Du musst nur abwarten. Der Junge ist zwölf. Er hat sehr an seinem Vater gehangen.“

„So sehr hat er gar nicht an ihm gehangen“, widersprach Anni. „Nur nachher, als er tot war, da auf einmal ist er ausgeflippt. Da hat er Tabletten geschluckt. Aber Gott sei Dank waren es nicht genug. Aber ich wünsche meinem ärgsten Feind die Angst nicht, die ich da ausgestanden habe. Erst bringen sie mir die Mitteilung, dass der Mann tot ist, und dann macht der Bub solche Sachen.“

„Er hat eben doch an seinem Vater gehangen, wahrscheinlich mehr als du ahnst.“

„Hör doch auf! Er kultiviert lediglich das Andenken. Er poliert es immer wieder auf. Manchmal denke ich, er hasst mich.“

Hentrich sagte nichts. Er dachte dasselbe. Aber er wollte kein Öl ins Feuer gießen So lenkte er die Gedanken seiner Frau wieder auf die gegenwärtigen Probleme.

„Also, wenn du mich fragst‟, sagte er, „ich geh’ mal und sehe zu, dass ich den Hinketatsch erwische. Dann frag’ ich ihn, wo der Axel steckt.“ Er erhob sich, verließ das Zimmer, setzte sich draußen seine Mütze auf, zog sich seine Lederjacke an, und dann hörte ihn Anni die Treppe hinunterlaufen. Er nahm immer zwei Stufen mit einmal, wenn er hinunterging, und auch wenn er heraufkam. Langsames Gehen kannte sie bei Bernd überhaupt nicht. Er war ein kräftiger, sehr sportlicher Mann. Sie liebte ihn abgöttisch.

Als sie die Haustür klappen hörte, trat sie ans Fenster und blickte hinunter, bis sie ihn sehen konnte. Er hatte zwar den Wagen vor der Tür, aber er ging zu Fuß bis an die Ecke, wo Rudi wohnte.

Sie ärgerte sich jedes Mal, wenn die Jungen ihn Hinketatsch nannten. Der Rudi konnte doch nichts dafür, dass ihn das Auto angefahren und sein Bein so verunstaltet hatte. Und sie glaubte auch nicht, dass es stimmte, was Axel sagte, wenn er behauptete, es sei Rudi völlig gleichgültig, ob er nun Hinketatsch oder anders genannt wurde. Die Hauptsache sei, alle hielten zu ihm.

Ihre Gedanken schweiften ab. Du lieber Gott, was mach ich nur! Der Junge hat es schon einmal versucht. Damals mit Tabletten, vielleicht ist er verzweifelt. Ich habe ihn heute morgen noch so angebrüllt. Aber er macht auch immer Sachen. Und wie er mit Bernd umgeht. Das ist einfach gemein ...

Sie schaute über die Straße hinweg und entdeckte plötzlich Uwe, einen von Axels Freunden. Der Rotschopf hatte eine Tragetasche umgehängt und marschierte zielstrebig die Straße hinunter.

Anni zog rasch die Gardine beiseite, öffnete das Fenster und rief hinunter: „Uwe! Uwe!“

Uwe reagierte gar nicht. Erst als sie abermals rief, blieb er stehen, sah sich suchend um und entdeckte sie oben am Fenster.

„Uwe, weißt du, wo unser Axel ist?“ Der Rotschopf zögerte einen Augenblick. Wie er so hinauf sah, da dachte Anni: Er hat so was Freches an sich, dabei ist er ein lieber Junge, und sie nennen ihn Mäusebär. Schrecklich, diese Spitznamen!

„Vielleicht ist er schon auf dem Bahnhof.“

„Was, Bahnhof?“, fragte Anni.

„Wir wollten doch die Drei-Tage-Fahrt machen, heute Nachmittag. Ich bin schon auf dem Weg. Um drei müssen wir alle dort sein. Vielleicht ist er direkt hingegangen. Ich will bloß den Hinketatsch abholen. Dann ...“

Da sah Anni ihren Mann zurückkommen. Mit langen Schritten strebte er eilig der Haustür entgegen, sah den Jungen, entdeckte seine Frau am Fenster und blieb ein Stück weit von Uwe entfernt stehen. „Der Junge weiß nichts“, rief er nach oben.

„Der Uwe sagt, er könnte am Bahnhof sein. Sie wollen eine Fahrt machen. Ich weiß gar nichts davon. Er hat mir nichts gesagt.“

„Aber wir machen alle mit“, erklärte Uwe.

„Wo soll es denn hingehen?“, wollte Bernd Hentrich wissen.

„Zum Großvater von der Sabine. Die haben einen Bauernhof und eine große Alm. Wir sind alle eingeladen.“

„Und wer begleitet euch? Fährt da kein Lehrer mit?“

„Doch, das Fräulein Zander“, sagte Uwe. „Und der Herr Michels wollte auch mitkommen. Es müssen ja immer zwei mit. Ist Vorschrift.“

Bernd Hentrich hatte jetzt wenig Sinn für Vorschriften der Schule. Ihn interessierte weit mehr, wo der Sohn seiner Frau steckte. Manchmal nannte er ihn auch seinen Sohn. Aber das Verhalten von Axel hielt ihn in letzter Zeit wieder davon ab, das zu sagen.

Er blickte kurz zu seinem Wagen hin und dann wieder hinauf zum Fenster und rief seiner Frau zu: „Ich fahre zum Bahnhof, Anni!“

Sie erwiderte nichts darauf, nickte nur. Hentrich blickte den Jungen an. „Willst du mit?“

„Nein, nein. Ich gehe zusammen mit dem Hinketatsch.“

„Ihr könnt doch beide mitfahren.“

„Nein, danke. Wir treffen auch noch andere. Vielen Dank, Herr Hentrich“, sagte der Rotschopf, und dann lief er weiter.

Bernd Hentrich fuhr zum Hauptbahnhof, und als er endlich einen Parkplatz ergattert hatte, fragte er sich, wo er den Jungen überhaupt suchen sollte. Er hätte fragen müssen, wo der Treffpunkt war. Das hatte er versäumt. Nun lief er auf dem langen Querbahnsteig herum. Er sah dort eine Jugendgruppe und hier eine Ansammlung junger Leute. Aber alle waren irgendwie älter. Und die Jugendgruppe, das schienen Pfadfinder zu sein, denn sie trugen Uniformen.

Er gab aber nicht auf. Er suchte weiter. Ohne Erfolg.

Der Junge wird viel zu sehr verwöhnt, dachte er, als er da herumlief und sich sagte, dass so ein schöner freier Tag vertan wurde. Ich habe doch nicht, dachte er, am Wochenende Dienst gemacht, damit ich jetzt hier auf dem Bahnhof herumrenne. Dann, endlich, als er schon aufgeben und zu seinem Wagen zurückgehen wollte, da sah er eine Gruppe von Jungen, von denen er einige kannte. Die waren aus Axels Klasse. Er ging sofort auf sie zu.

„Ist mein Sohn bei euch? Habt ihr ihn gesehen?“

Sie schüttelten alle den Kopf. Und einer meinte: „Wir haben ihn zuletzt nach der Mathearbeit gesehen.“

„Mathearbeit?“ Hentrich hatte sofort einen Verdacht. Ihm fiel auch ein, dass in letzter Zeit viel von Mathe zu Hause die Rede gewesen war. Er hatte Axel angeboten, ihm zu helfen. Aber das war von dem abgelehnt worden.

„Die Bio-Stunde“, sagte ein Mädchen, „hat er schon nicht mehr mitgemacht.“

„Die Bio-Stunde hat er nicht mitgemacht?“

Die Jungen warfen dem Mädchen einen strafenden Blick zu. Es biss sich auf die Lippen, aber die Worte konnte es nicht mehr zurückholen.

„Was hat er denn für eine Zensur in der Mathearbeit?“, fragte Hentrich sofort.

„Wir haben noch keine Zensuren bekommen. Wir haben sie erst geschrieben“, erklärte ein Junge. Und ein Mädchen sagte:

„Kein Mensch weiß, wie die Arbeit ausgegangen ist. Sie war sehr schwer.“

Er hat sie wahrscheinlich verpatzt, dachte Hentrich, bedankte sich bei den Kindern und sagte: „Wenn ihr Axel seht, er soll sofort zu Hause anrufen! Nur anrufen.“

Als er zu seinem Wagen kam, war die Parkzeit überschritten, und er hatte schon einen Strafzettel am Scheibenwischer hängen. Er schimpfte zornig, steckte den Zettel ein und fuhr los. Als er wieder daheim war, empfing ihn Anni mit Vorwürfen.

„Er ist bestimmt unseretwegen weggelaufen. Du bist auch immer so hart zu ihm.‟

„Wenn aus dem Bub etwas werden soll, dann darf man ihn nicht mit Samthandschuhen anfassen. Das Leben ist rau“, erwiderte er. „Im Leben muss man sich bewähren.“

„Er ist noch ein Kind“, widersprach sie. „Man kann mit ihm nicht so umgehen wie mit einem Erwachsenen. Er nimmt sich noch alles so zu Herzen.‟

„Du verwöhnst ihn‟, warf er ihr vor.

„Und du bist manchmal viel zu hart zu ihm.“ Sie wusste, als sie es sagte, dass es nicht stimmte. Im Gegenteil. Er war viel nachsichtiger zu Axel als seinerzeit ihr verstorbener Mann. Er hatte auch sehr viel Verständnis für alles. Das mochte sie im Augenblick bloß nicht aussprechen. Ihr ganzer Groll, ihre Sorge, ihre seelischen Nöte, was den Jungen anbetraf, auch die Folgen dieser nervenzermürbenden Streiterei zwischen dem Jungen und Hentrich in dein letzten Wochen und Monaten, das alles entlud sich nun. Und sie schrie ihren Mann an, schrie ihn an, wie sie auch den Jungen angeschrien hatte.

Bernd Hentrich sagte sich in diesem Augenblick, dass sie sich in einer Verfassung befand, wo sie drauf und dran war, alles um sich herum zu zerschlagen. Das durfte nicht sein.

„Sei doch vernünftig!“, bat er. „Hör doch auf, mich und die ganze Welt zu beschimpfen! Du hast ebenfalls Fehler gemacht. Wir alle machen Fehler. Aber der Junge macht auch Fehler. Er ist nicht makellos, wie du denkst.“ Er wollte sie in die Anne nehmen, wollte sie beruhigen, aber sie mochte nicht. Sie war einfach zu wütend. Zornig stampfte sie mit dem Fuß auf und verließ die Küche, knallte die Tür hinter sich zu, und er starrte kopfschüttelnd in diese Richtung.

Als er später die Küche verließ, hörte er sie im Schlafzimmer schluchzen. Er öffnete leise die Tür und sah seine Frau auf dem Bett liegen, das Gesicht in die Hände vergraben. Sie weinte hemmungslos. Er ging zu ihr, zögerte erst, ob er sie trösten, ob er ihr beruhigend übers Haar streichen sollte, aber dann tat er es doch, und diesmal ließ sie es geschehen. Später nahm er sie in die Arme, und sie schluchzte an seiner Brust weiter. Jetzt floss aller Kummer aus ihr heraus. Es war wie eine Befreiung. Aber die Sorge um den Jungen ließ nicht nach.

Als ihre Tränen versiegt waren, meinte sie, von einem Schluckauf unterbrochen: „Aber wenn er nun ... wenn er nun wieder etwas getan hat ... so wie damals, als sein Vater verunglückt war ... du weißt doch, da hat er ... vielleicht ... vielleicht hat er wieder so etwas getan.‟

Hentrich nickte. ,,Ein Selbstmordversuch. Möglich ist das bei ihm. Er verrennt sich manchmal in eine Sache. Du hör mal, wie hieß gleich die Ärztin, die ihr habt, die Kinderärztin, die ihn damals auch behandelt hat?‟

Anni wischte sich eine Strähne ihres dunklen Haares aus der Stirn. „Meinst du Frau Dr. Lohmann?‟

Er nickte. „Ja, genau die. Die ist doch sehr nett. Vielleicht kann sie uns einen Ratschlag geben. Sie hat doch selbst Kinder.‟

„Aber die sind viel kleiner. Die hat noch nicht diese Sorgen mit ihnen wie wir. Das älteste Kind, die Stefanie, ist ja erst acht. Und der Andreas ist sechs. Als Axel so alt war, da ist er auch noch nicht auf so verrückte Ideen gekommen. Das alles hat erst nach Brunos Tod angefangen.‟

„Ist auch eine Altersfrage‟, gab Hentrich zu bedenken. Als er eine Träne auf ihrer Wange, entdeckte, küsste er sie ihr weg und sagte tröstend: „Mein Liebes, wir werden ihn schon finden. Ich suche nach ihm. Vielleicht ist er doch auf dem Bahnhof. Ich werde noch einmal hinfahren.‟

Sie sah auf die Uhr. „Jetzt sind die Kinder doch weg.“

„Das mit der Mathearbeit geht mir nicht aus dem Kopf. Hast du eine Ahnung, wo die Jungen nachmittags stecken?“

„Sie sagen es ja nie. Aber weit von hier sind sie bestimmt nicht. Ich glaube, die sind in den Gärten hinten. Du weißt doch.‟

„In den Schrebergärten? Was sollen sie denn da?‟

„Dahinter ist, wenn ich nicht irre, ein Bolzplatz.‟

„Ein Bolzplatz? Nun gut, ich werde nachsehen. Aber da kann er ja auch nicht die ganze Zeit herumsitzen.‟

„Wenn doch die anderen da wären! Der Uwe und der Rudi. Die wissen ja, wo sie immer nachmittags hingehen mit ihm. Die drei kleben ja richtig aneinander. Deswegen kann ich nicht verstehen, dass er die Fahrt nicht mitmacht.‟

„Das werden wir ...‟

Das Telefon unterbrach Bernd Hentrich, der erschrocken zusammenfuhr. Auch seine Frau war erschrocken. Eine Sekunde lang tat keiner von beiden etwas. Schließlich stürzte Bernd Hentrich zum Telefon.

„Hier ist Rudi Heuner. Sie wissen doch, ich bin der Hinketatsch. Ich rufe vom Bahnhof an. Der Zug fährt gleich. Aber der Kung Fu, ich meine, Ihr Axel, ist nicht da.‟

„Er ist nicht da? Du lieber Gott! Sag mal, Rudi, wo spielt ihr immer? Wo ist das?“

„Im Bruch.‟

„Was für ein Bruch?‟

„Das ist ...“ Das Gespräch war unterbrochen.

„Verdammt nochmal‟, schimpfte Hentrich und rief immer wieder „Hallo!‟ in die Muschel. Aber dann resignierte er und legte auf.

Seine Frau stand neben ihm und sah ihn fragend an.

„Unterbrochen. Er wollte es mir sagen. Er sagte im Bruch.‟

„Im Bruch? Das ist doch dieses Gebiet mit den Seen. Da, wo der Speichersee ist.‟

„Ich habe keine Ahnung. Aber Speichersee ... natürlich, das ist mir ein Begriff. Ziemlich weit weg, nicht wahr? Sollten die Jungen tatsächlich nachmittags so weit ...“

Sie zuckte die Schultern. „Um Gottes willen, ich werde wirklich Frau Dr. Lohmann anrufen. Sie hat uns damals so geholfen, als der Junge die Tabletten geschluckt hat. Vielleicht kann sie mir einen Tipp geben. “

„Tu das“, riet er ihr.

Als Anni Hentrich den Hörer nahm, sah ihr Mann deutlich, wie ihre Hand zitterte.

3

Die ganze Zeit nur auf dem Bett zu liegen, wurde Axel langweilig. Er stand auf, und plötzlich hörte er auf der anderen Seite des Sees einen Schuss.

„Der Klausner“, murmelte er. „Jetzt knallt er wieder herum und schießt auf alles, was sich bewegt.“

Er beugte sich zu der Kiste hinüber, an der ein Vorhängeschloss hing, und die ihren Schatz barg.

Der Schlüssel für das Vorhängeschloss war an einer versteckten Stelle untergebracht. Oben, in einem Winkel des Daches, lag er. Axel nahm ihn, öffnete dann wie in einem Ritual die Kiste, und drinnen lag eingewickelt in ein Tuch das Fernglas.

Neben dem Fernglas lag noch ein Messer, ein echter Hirschfänger. Der stammte von seinem Vater. Das Messer hatte sogar eine Blutrinne. Auf die kam es Axel am meisten an. Darauf war er stolz. Aber jetzt interessierte er sich nicht dafür. Er nahm das Fernglas; es war abgeschabt, alt, und der Antrieb wackelte. Aber das störte den Jungen nicht. Er hielt es an die Augen, stellte es ein, und sah dann drüben auf der Halbinsel Klausner. Der hat wohl auf Enten geschossen. Er stand jetzt dicht vor dem schilffreien Ufer, und neben ihm war sein Hund.

Die Landzunge ragte ein wenig in den Baggersee hinein. Weiter hinten, wo der Bagger zuletzt gestanden hatte, war keinerlei Vegetation. Nun befand sich der Bagger ein gutes Stück weiter entfernt, und da rumorte er auch. Der Lärm, den der Bagger machte, übertönte, bis auf die Schüsse, alle übrigen Geräusche.

Aber jetzt hatte Axel das Fernglas wieder auf Klausner gerichtet. Nun sah er, wie er sein Gewehr hochriss und über die Bucht hinweg auf das Land zu zielte.

Was schießt er denn da?, dachte Axel, nahm das Fernglas weiter nach rechts, und da sah er den Dackel.

Er kannte den Hund. Er gehörte einer alten Frau. Der Dackel war träge und viel zu dick. Er watschelte regelrecht am Ufer entlang, blieb da und dort einmal stehen und hatte wohl eine Fährte.

Und dann auf einmal geschah etwas, das Axel jäh erschrecken ließ. Er zuckte zusammen wie unter einem Schlag;.

Er sah, wie der Dackel einen Stoß erhielt, wie er sich regelrecht überschlug, und dann ertönte der Knall über den See hinweg bis in Axels Ohren.

Der Dackel rollte auf die Seite, seine kurzen Beinchen strampelten hilflos. Dann lag er still.

„Dieser Mistkerl! Er hat ihn hingemacht! Er hat den Dackel von der alten Frau hingemacht!“

Axel war in hellster Aufregung. Seine Empörung trieb ihm das Blut ins Gesicht. Und nun schaute er auf Klausner. Er war so erregt, dass er das Glas nicht richtig stillhalten konnte und gar nicht so genau sah, was Klausner tat. Aber der hetzte den Hund, diesen großen Jagdhund, und der fegte jetzt am Ufer entlang in die Bucht hinein. Dennoch dauerte es eine ganze Weile, bis er über Land den gewaltigen Umweg hinter sich gebracht hatte und den Dackel erreichte. Aber hier reagierte er ganz anders als sonst. Er packte die Beute nicht, wie es ihm beigebracht worden war. Er schnupperte hilflos, lief irritiert um den toten Dackel herum und hob dann den Kopf. Verbellte das Wild nicht einmal. Er stand nur da. Und irgendwie hatte Axel sofort das Gefühl, dass der Jagdhund genauso traurig war wie er.

Doch langsam kam Klausner, der Dicke, mit umgehängter Flinte am Ufer entlang. Er brauchte fast viermal so lange wie sein Hund. Doch dann stand er neben dem Dackel, schaute sich nach allen Seiten um, und schließlich packte er ihn an den Hinterbeinen, holte aus und schleuderte ihn ein Stück weit ins Wasser hinein. Es tat einen Platsch, der Dackel verschwand einen Moment. Doch dann tauchte er wieder auf, schwamm, den Bauch nach oben, im Wasser, doch auf einmal war er wieder verschwunden.

Axel schlug das Herz bis zum Hals vor Wut und ohnmächtigem Hass. Und seine Finger krallten sich regelrecht um das Fernglas. Tränen rannen ihm über die Wangen. Er dachte an die alte Frau, die ihren Dackel so geliebt hatte. Jetzt besaß sie niemanden mehr.

Er war schon entschlossen, zu dieser Frau zu laufen, ihr zu sagen, dass es Klausner gewesen war, der ihren überfütterten Liebling ins Jenseits befördert hatte. Aber dann tat er es nicht. Er ließ das Fernglas sinken, nachdem Klausner im Wald verschwunden war. Und mit einem Male standen ihm seine eigenen Probleme wieder vor Augen. Die Schule, die zu erwartende Fünf in der Mathearbeit, die höchst gefährdete Versetzung.

Axel wickelte das Fernglas wieder ein, aber nicht ganz so sorgfältig, wie er es sonst tat, und vergaß sogar, die Kiste abzuschließen. Er warf sich wieder auf das Bett und überlegte, was er tun sollte.

Der Vorgang, wie Klausner den toten Dackel ins Wasser geschmissen hatte, war ihm wieder gegenwärtig. Er blickte zum Bagger hinüber, sah den langen Ausleger, und sein Entschluss war gefasst.

Jetzt allerdings, dachte er, kann ich nicht hin. Da ist der Baggerbesitzer noch da. Aber am Abend, nach sechs, wenn keine Lastwagen mehr kommen, dann geht er nach Hause, dann fährt er heim.

Wenn er weg ist und es dunkel wird, gehe ich zum Bagger hinüber. Und morgen bin ich dann vielleicht in dieser anderen Welt, in dieser schönen Welt, wo auch Vati ist ...

4

„Was soll ich denn sonst noch tun?“, rief Anni Hentrich verzweifelt. „Ich habe mit Frau Dr. Lohmann gesprochen, ich habe die Polizei informiert, und sie suchen ja auch schon. Mein Gott, ich kann doch nichts dafür, dass der Junge weggelaufen ist. Sieh mich nicht so an, bitte, Bernd! Es trifft uns beide.“

Er nickte. „Es trifft uns beide. Du hast recht. Es ist nicht mein Kind. Und ich bin immer sehr rücksichtsvoll gewesen, deshalb. Ich wollte nicht in etwas hineinreden, was in erster Linie deine Sache ist. Aber mein Standpunkt ist, dass ein Mensch seine Pflicht erfüllen muss, dass er Disziplin zu halten hat, und auf Ordnung achten sollte. Ich tue meine Pflicht, mache meine Arbeit, und ich versuche, immer pünktlich zu sein. Es gelingt mir in der Regel. Ein bisschen guter Wille ist nun einmal für das tägliche Leben notwendig.“

„Aber er ist noch ein Junge. Er ist so ganz anders als du. Er hat viel von seinem Vater. Und glaub mir, ich werfe dir das nicht vor, ich bin ja selbst ganz unglücklich.“

„Dieser Junge“, sagte Bernd Hentrich ernst, „vermiest uns vieles. Er hat schon so viel zerstört. Wenn wir beide Streit hatten, dann immer nur seinetwegen. Manchmal denke ich, er legt es richtig darauf an, uns aufeinander zu hetzen. Jeder Krach gibt eine kleine Wunde. Es sind schon viele von diesen kleinen Wunden da. Mögen sie auch vernarbt sein, es sind gerade die Narben, die nie mehr weggehen. Ich habe Angst um uns beide.“

„Aber es könnte ihm doch etwas passiert sein.“

Er nickte. „Du bist nachlässig mit ihm“, sagte er. „Ich habe Verständnis für vieles, was der Junge tut, Er kann ja nicht anders sein, als er ist. Die wesentlichen Dinge sind ihm nicht beigebracht worden. Woher soll er sie kennen?“

„Das wirfst du mir vor, nicht wahr?“, rief sie erregt.

„Natürlich, wem sonst. Du hast ihn erzogen.“

„Ach, hör doch auf! Du willst mir nur wehtun.“

„Siehst du, jetzt haben wir uns wieder richtig in der Wolle“, meinte er resignierend. „Also gut, ich fahre noch einmal los und suche nach ihm. Ich bin ja schon zweimal in diesem Bruch, wie der Rudi gesagt hat, gewesen. Das ist ein riesiges Gebiet. Wo soll ich da suchen? Überall ist Schilf. Man kann mit dem Auto teilweise überhaupt nicht weiterkommen. Da sind viele Seen.“

„Ich kenne mich da draußen auch nicht besser aus. Aber die Polizei ... “

„Die Polizei sucht mit Hunden. Das haben sie jedenfalls versprochen. Ich werde noch einmal hinausfahren, vielleicht treffe ich die Polizisten, die da suchen.“

Anni schlug die Hände vors Gesicht. „Willst du mich hier allein lassen? Das halte ich nicht aus. Ich werde wahnsinnig. Diese Ungewissheit und ....“

„Aber jemand muss doch am Telefon bleiben. Sieh das doch ein.“

Sie sah es ein, und trotzdem war sie verzweifelt.

„Also gut, ich melde mich in regelmäßigen Abständen. Womöglich taucht der Junge plötzlich auf. Wie Jungen so sind, und er ganz besonders.“

„Was willst du damit sagen?“, rief sie gereizt. „Er besonders! Glaubst du, dass er schlecht ist?“

„Nein, das glaube ich nicht. Aber er ist eben sehr disziplinlos. Für die Schule hat er nie etwas getan. Und daher kommt das doch alles. Diese Mathematik-Arbeit ist schuld daran. Ich habe diesen Lehrer ja angerufen! Er hat mir zuliebe extra die Arbeit herausgesucht und mir dann gesagt, dass nur eine einzige Aufgabe richtig ist. Er wird nicht besser als mangelhaft zensieren können. Und mangelhaft, wenn ich dich richtig verstanden habe, Anni, bedeutet für ihn ja, dass ein Wunder geschehen müsste, damit er versetzt wird. Das hat mir übrigens auch dieser Dr. Fechner bestätigt. Immerhin ist er optimistisch, wenn Axel endlich einmal anfinge zu lernen.“

„Aber er hat doch gelernt“, rief Anni verzweifelt.

„Was er so lernen nennt. Er kann sich nicht konzentrieren. Also, hör mir damit auf! Ich suche ihn jetzt. Es wird schon alles wieder gut werden. Wir müssen uns eben noch intensiver mit dem Jungen befassen. Und du auch.“

Bernd Hentrich war noch keine fünf Minuten weg, als das Telefon klingelte. Anni nahm sofort ab, in der Hoffnung, dass es eine Nachricht von Axel war.

Aber die Stimme, die sich meldete, war die einer Frau: „Hier Lohmann. Frau Windmöller — entschuldigen Sie bitte, ich habe nicht daran gedacht, dass Sie inzwischen Hentrich heißen. Frau Hentrich, ich bin hier augenblicklich in Garching. Das mit Ihrem Jungen ist mir nicht aus dem Kopf gegangen. Da ist mir eingefallen, wo ich die Jungen schon einmal gesehen habe. Durch Zufall war das. Könnten Sie nicht hierherkommen?“

„Mein Mann ist gerade mit dem Wagen weg. Ich habe kein Fahrzeug. Nichts.“

„Zu dumm. Nun ja, ich will mal sehen, ob ich Glück habe. Es ist nur eine Vermutung.“

„Und wo ist das?“

„Schwer zu erklären. Ich kann mich allerdings an den Spazierweg, den ich damals mit meinen Kindern gegangen bin, gut erinnern. Und seinerzeit habe ich auch die drei Jungen gesehen. Ich finde zwar hin, aber das zu erklären ... Es ist jedenfalls nicht weit von hier. Also gut, ich will mal nachsehen. Vielleicht habe ich Glück.“

„Sagen Sie’s doch gleich der Polizei! Die müssen irgendwo dort sein.“

„Ich weiß nicht. Ich sehe selbst erst einmal nach, bevor ich die Polizei verrückt mache. Am Ende ziehe ich eine Niete. Lassen Sie mal, ich kümmer’ mich darum! Schließlich kenne ich die drei Jungen ja, ihren Axel so gut wie die beiden anderen.“

Anni wusste, dass Frau Dr. Lohmann den Rudi damals nach seinem Unfall behandelt hatte. Aber das Wunder, ihm wieder ein gesundes Bein zu verschaffen, hatte auch sie nicht bewirken können. Uwe hatte seinerzeit nach dem Mumps eine schlimme Bauchspeicheldrüsenentzündung gehabt, und die war von Frau Dr. Lohmann geheilt worden.

Annis Hoffnung, dass Dr. Monika Lohmann mehr Glück hatte bei der Suche, als ihr Mann und sie selbst, war winzig klein.

Dem Jungen darf nichts passiert sein! Es darf ihm nichts passiert sein! Ich werde wahnsinnig, wenn sie ihn plötzlich bringen würden. Tot.

In ihrer Fantasie sah sie, wie ein Polizist, ihren leblosen Jungen in den Armen, vor der Wohnungstür stand.

Der Gedanke daran peinigte sie so sehr, dass sie wieder in Tränen aus brach und verzweifelt schluchzte. Und dann starrte sie auf das Telefon, wartete darauf, dass es anschlug, dass irgendwer anrief und ihr sagte: „Wir haben Ihren Jungen. Er ist gesund und munter. Ihm fehlt nichts.“

Aber das Telefon blieb stumm.

5

Von einer Telefonzelle aus rief Dr. Lohmann in ihrer Praxis an. Es war Gaby Goldmann, die sich meldete, und Monika Lohmann sagte: „Ich habe noch etwas Besonderes vor. Sind noch Anrufe gekommen?“

„Nein, Frau Doktor“, entgegnete Gaby Goldmann. „Jedenfalls nichts Besonderes.“

„Ist Andreas schon vom Bastelunterricht zurück?“, erkundigte sich die sympathische Ärztin.

„Ja, Frau Doktor, schon seit einer halben Stunde. Frau Seidel hat ihn unter ihre Fittiche genommen.“

„Wunderbar. Und sonst ist alles in Ordnung?“

„Ja, alles in Ordnung. Wann kommen Sie zurück, Frau Doktor?“

„Ich weiß es nicht genau. Es könnte länger dauern. Aber vor Dunkelheit bin ich auf jeden Fall wieder da. Wenn sich Herr Dr. Oberreuther nach mir erkundigt, dann sagen Sie ihm bitte, er soll für morgen keine Karten für die Oper bestellen. Ich würde es ihm später erklären.“

„In Ordnung, Frau Doktor.“

Monika Lohmann verabschiedete sich und hängte ein. Dann ging sie zu ihrem Wagen zurück, doch bevor sie einstieg, tippte sie sich mit dem Finger ans Kinn und überlegte. Wo war das nur, fragte, sie sich, wo ich die drei Jungen gesehen habe? Man müsste eine Karte von der Gegend haben. Doch, jetzt fällt es mir ein. Das war hinter der Weggabel. Der eine Weg führte zu dem See, und Stefanie wollte unbedingt auf diesem See Boot fahren. Aber dort gab es keine Boote. Richtig, so ist es gewesen. Und im Schilf am See, da hab ich die Jungen gesehen. Etwas entfernt stand ein großer Bagger. Ein Kieswerk. Ich müsste mich nur nach dem Kieswerk orientieren.

Sie warf einen Blick auf ihre Armbanduhr. Noch hatte sie Zeit. Sie überlegte, ob es nicht doch besser wäre, die Polizei zu informieren. Aber dann sagte sie sich, dass sie damit möglicherweise alles noch schlimmer machte. Nein, es ist besser, ich warte mit einer Mitteilung, bis ich etwas Genaues weiß.

Sie stieg ein, ließ den Wagen an und fuhr los.

So einfach, wie sie dachte, war es zunächst gar nicht. Erst verfuhr sie sich. Aber dann glaubte sie, auf dem richtigen Weg zu sein. Und schließlich erreichte sie die Weggabelung.

Nun gab es für sie keinen Zweifel mehr. Links der Weg führte zum See hinunter. Es stand zwar ein Sperrschild da, aber sie ignorierte es und fuhr weiter. Die Asphaltdecke des Weges endete, und der Wagen rumpelte über Schlaglöcher und Spurrillen. Dann war der Weg so schlecht, dass sie fürchtete, in den tiefen Furchen, die offensichtlich von Lastwagen herrührten, einzusacken und mit dem Wagen aufzusetzen. Sicherheitshalber hielt sie an, stieg aus und schloss den Wagen ab. Er stand hier zwar mitten auf dem Weg, aber wer, so fragte sie sich, sollte kommen? Und lange wollte sie ohnehin nicht bleiben.

Zu Fuß machte sie sich auf. Aber schon nach ein paar Schritten blickte sie ein wenig zweifelnd auf ihre Stöckelschuhe. Der Weg hätte weit sportlicheres Schuhwerk verlangt. Aber es musste einfach gehen. Wie denn, dachte sie, wenn sich der Junge hier irgendwo verkrochen hat?

Der Lärm, den das Baggerwerk machte, wurde immer lauter. Den See selbst konnte sie noch nicht sehen. Weiden und Schilf nahmen ihr die Sicht. Doch dann endete der Weg abrupt an einer Stelle, wo Schutt abgekippt worden war.

Zum Teil war der Schutt noch nicht begradigt. Sie stieg auf einen großen Haufen und konnte von hier übers Schilf sehen. Endlich entdeckte sie den See. Und weiter rechts, wo die Kette der Pappeln den See umrahmte, musste auch der Bagger stehen. Tatsächlich konnte sie von dem nicht viel erkennen. Denn zwischen ihm und ihr war wieder eine ganze Reihe von Weiden. Doch sie hörte, wo der Bagger sein musste. Weit war das sicherlich nicht.

Und plötzlich glaubte sie etwas zu sehen, was nicht ins Schilf hineingehörte. Es sah im ersten Augenblick für sie aus wie ein Kasten. Doch als sie sich auf die Zehenspitzen stellte, konnte sie mehr davon erkennen. Ein Wellblechdach sah sie und auch einen geringen Teil einer primitiv gezimmerten Bude.

„Da ist es. Da ist eine Hütte.“

Sie legte die Hände trichterförmig an den Mund und rief so laut sie konnte: „Axel! Axe1!“

Der Lärm des Baggers schien ihren Ruf übertönt zu haben. Dort vorn rührte sich nichts. Nur ein Stück von ihr entfernt flatterten plötzlich zwei Enten aus dem Schilf empor. Das Klatschen ihrer Flügel erschreckte Monika Lohmann so sehr, dass sie herumfuhr und dann erleichtert über sich selbst lachen musste.

Noch einmal rief sie den Namen des Jungen. Ohne Erfolg.

Es kann ja nicht schwer sein, dorthin zu gelangen, dachte sie, und machte sich zu Fuß auf den Weg. Aber es sah aus, als gäbe es keinen Steg zu dieser Hütte. So sorgfältig sie suchte, sie fand keine Möglichkeit.

Und wieder hielt sie die Hände an den Mund und rief Axels Namen. Ohne Erfolg.

Es ist sicherlich Unsinn, dachte sie. Aber ich sollte wirklich erst einmal nachsehen.

Sie war wie besessen von der Idee, dass der Junge sich womöglich dort vergraben hatte. Ihr fiel auch ein, dass sie ungefähr an dieser Stelle den Rauch eines Lagerfeuers gesehen hatte, damals, als sie mit Stefanie hier gewesen war. Die Jungen hatte sie weiter vorn entdeckt. Die waren aber dann in dieser Richtung verschwunden. Es muss, sagte sie sich, einen Weg geben, der zu dieser Hütte führt.

Sie ging weiter, und mehr durch Zufall entdeckte sie ihn. Er war schmal, führte mitten durchs Schilf. Doch an abgebrochenen Schilfhalmen, aber auch an Spuren im Dreck, sah sie, wo der Pfad entlangführte.

Sich Gedanken um ihr Schuhwerk zu machen, hatte sie längst aufgegeben. Die Schuhe bedurften sicherlich nachher einer großen Reinigung. Aber welche Rolle spielte das?

Sie fand sogar frische Spuren. Man musste kein Pfadfinder sein, um sie zu sehen.

„Der Junge ist hier gewesen. Auf alle Fälle war jemand hier. Und erst vor Kurzem. Aber wie denn, wenn irgendein Landstreicher in dieser Hütte liegt, wenn ich dorthin komme.

Monika Lohmann hatte ein wenig Angst. Aber dann überwand sie sie, ihre Entschlossenheit, der Sache auf den Grund zu gehen, trieb sie an.

Auf dem letzten Stück vor der Hütte lag eine Planke. Und als Monika Lohmann dieses Brett betrat, konnte Axel ihre Schritte hören.

Erschrocken fuhr der Junge hoch, spähte durch eine Ritze in der Hüttenwand und sah die Frau. Sie war blond, die tiefstehende Sonne fiel voll auf ihr Gesicht, so dass die grauen Augen zu leuchten schienen. Eine Frau Ende dreißig, die in ihrem dunkelblauen Kostüm sehr gut aussah.

Axel hatte sie sofort erkannt. Erschrocken fragte er sich, was sie denn hier wollte. Wieso kam sie hierher? Damals, als er die Tabletten geschluckt hatte, war sie auch da gewesen.

Er fand auf seine Fragen keine Antwort, denn da stand die Kinderärztin schon vor ihm und blickte zu ihm herab. Sie lächelte.

„Grüß dich, Axel! Kann ich zu dir hereinkommen?“

Er war völlig verwirrt. Auf der einen Seite mochte er Frau Dr. Lohmann. Sie war so verständnisvoll. Sie konnte mit Jungen richtig reden. Das gefiel ihm an ihr. Auf der anderen Seite war er sich klar, dass sie nicht durch Zufall hier war. Ganz bestimmt nicht. Er musste sofort an Hinketatsch und Mäusebär denken. Hatten die ihr den Weg gezeigt? Nein, das war unmöglich. Die mussten doch längst mit dem Zug weg sein.

Er hatte ihre Frage immer noch nicht beantwortet. Aber sie ließ es dabei, trat einfach, als hätte er sie dazu eingeladen, in die Hütte. Sie musste sich bücken. Dann entdeckte sie die Kiste.

„Darf ich?“, fragte sie. Bevor er antworten konnte, setzte sie sich hin.

Ein wenig missbilligend sah er auf sie herab.

„Setz dich doch“, sagte sie. „Ich bin gekommen, um mich mit dir zu unterhalten.“

Sie haben sie geschickt, dachte er. Sie haben sie geschickt, aber wie hat sie den Weg gefunden? Nicht mal Klausner hat sich hergetraut. Aber sie ist einfach durch das Schilf, mit solchen Schuhen dazu. Diese Tatsache rang ihm Anerkennung ab. Er zeigte auf ihre Schuhe und sagte:

„Sie sind ganz schmutzig geworden, Frau Doktor.“

„Das macht nichts. Man kann sie wieder säubern.“

„Soll ich sie Ihnen sauber machen?“, fragte er, noch immer verlegen.

„Nein, nein, lass mal! Es geht jetzt nicht um die Schuhe. Du kannst dir vorstellen, dass ich nicht auf einem Spaziergang hergekommen bin.“

Er nickte. Natürlich, dachte er, das kann ich mir vorstellen. Sie hat mich gesucht. Aber was hat sie mit der Sache zu tun? Wieso sie?

„Deine Eltern sind sehr in Sorge. Du bist einfach verschwunden. Von der Schule abgehauen, und jetzt hast du dich hier versteckt. Was ist denn passiert. Hat es wirklich mit der Mathearbeit zu tun?“

„Ich werde kleben bleiben“, stieß er hervor. „Sie werden mich nicht versetzen. Der Krümel lässt mich keinesfalls durchrutschen.“

„Wer ist der Krümel?“, wollte Monika Lohmann wissen und sah Axel ganz ernsthaft an.

„Krümel ist Dr. Fechner, unser Mathelehrer. Ein knallharter Bursche.“

Sie lächelte. „Glaubst du wirklich? Ich kenne Dr. Fechner zufällig.“

O verdammt, dachte er, wie er das hörte. Jetzt hält sie noch mit dem zusammen. Das fehlte noch.

Und sie, die von seinen Gedanken nichts ahnte, fuhr fort: „Die Fechners haben ein kleines Mädchen, das mit einem Herzfehler geboren wurde. Jetzt ist das Kind zweieinhalb. Man wird in Kürze eine Operation wagen können. Vorher war das nicht möglich. Und vorher haben die Eltern jeden Tag mit dem Schlimmsten rechnen müssen. Allmählich hat sich die Gesundheit der Kleinen ein bisschen stabilisiert, und eine Operation wird sicherlich die Heilung bringen. Ich will dir damit nur sagen: Auch diese Leute haben Sorgen. Du kannst mir glauben, dass der Dr. Fechner, den du kennst, noch eine andere Seite hat, von der du keine Ahnung hast. Wo er Vater ist, wo er um das Leben seines Kindes bangt, wo er sich verzweifelt fragt, wie er seiner kleinen Susi helfen soll. Mir kommt er gar nicht so streng vor, und auch nicht knallhart. Vielleicht ist das nur äußerlich. Er hat eine sehr nette, noch ziemlich junge Frau.“

Warum erzählt sie mir das?, fragte sich Axel.

Monika Lohmann hatte ihre Arme um die Knie geschlungen und sah ihn an. Er hatte sie wirklich sehr gern. So hätte er sich eine Tante gewünscht. Früher noch. Jetzt dachte er über so etwas nicht nach. Aber er mochte sie und war bereit, ihr zuzuhören.

„Du solltest mit mir mitkommen. Solltest mit nach Hause fahren. Die Sache mit der Schule lässt sich doch in Ordnung bringen. Weißt du, es liegt auch nicht nur an Dr. Fechner. Ich würde sagen, es liegt vornehmlich an dir, Axel. Du hast nicht viel getan in der Schule. Es ist natürlich viel schöner für einen Jungen wie dich, zu spielen, am Nachmittag draußen herumzutoben, oder hier in der Hütte zu sitzen und geheimnisvolle Pläne zu schmieden. Mein Gott, Axel, du darfst nicht denken, dass ich nie ein Kind gewesen bin.“

Sie lächelte. „Und ich verstehe, wenn du nicht immer Lust hast. Aber wenn du weiterkommen willst im Leben, musst du schon für die Schule etwas tun. Nun gut, du hast also eine ganze Weile geschlampt und nichts gemacht. Jetzt gibt es zwei Möglichkeiten: Entweder du streckst die Waffen, oder du versuchst, das Steuer herum zu reißen, strengst dich noch einmal sehr an, damit du versetzt wirst. Du hast die Chance. Ich weiß, dass du sie hast. Und ich bin auch bereit, mit deinen Lehrern zu reden, mit Dr. Fechner zum Beispiel.“

„Der lässt nicht mit sich reden. Der nicht“, behauptete Axel.

Monika Lohmann war sehr froh, dass sie den Jungen überhaupt gefunden hatte. Es erschien ihr als das Wichtigste, ihn gesund gefunden zu haben. Jetzt ging es nur darum, ihn zu überzeugen, dass er hier nicht bleiben konnte. Natürlich wäre es ein Leichtes gewesen, den Weg zurückzulaufen, die Polizei und die Eltern zu verständigen und den Rest ihnen zu überlassen. Aber das wäre ihrer Meinung nach genau das Falsche gewesen. Und zudem hätte es nicht zu ihrer Überzeugung gepasst. Sie wollte dem Jungen helfen. Sie wollte ihn nicht zurückbringen, sondern ihn davon überzeugen, dass er das, was gut war für ihn, freiwillig tat.

Sie mochte diesen aufgeweckten Burschen, der allerdings jetzt einen so verzweifelten Eindruck machte. Ihn und seine zwei Freunde kannte sie. Sie hatte sie alle drei gern, wünschte sich insgeheim, dass ihr Sohn Andy auch einmal so werden würde. Natürlich hätte Axel mehr für die Schule tun müssen. Aber irgendwie besaß sie großes Verständnis dafür, wenn Kinder einmal in eine Phase des Faulenzens gerieten. Wenn der sogenannte Ernst des Lebens schon in der Kindheit allgegenwärtig ist, dann kann eine Kindheit, sagte sich Monika Lohmann, nicht mehr schön sein. Kinder müssen auch lachen, müssen unbeschwert sein dürfen – und es ist, so überlegte sie weiter, ihr gutes Recht, auch einmal Dummheiten zu machen.

„Gibt es vielleicht noch einen Grund, warum du nicht nach Hause gehen möchtest?“, erkundigte sie sich.

Axel schwieg und sah nervös durch die Ritzen der Hütte nach draußen.