Drei Glenn Stirling Western - Glenn Stirling - ebook

Drei Glenn Stirling Western ebook

Glenn Stirling

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Opis

Drei Glenn Stirling Western: Sammelband mit drei Romanen von Glenn Stirling Der Umfang dieses Buchs entspricht 359 Taschenbuchseiten. Drei Western-Abenteuer von Glenn Stirling, einem der bekanntesten Western-Autoren Deutschlands. Harte Männer im Kampf um Recht und Rache. Dieses Buch enthält folgende drei Western: Belindas grausame Rache Von Verzweiflung getrieben Banditenpest

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Drei Glenn Stirling Western: Sammelband mit drei Romanen

von Glenn Stirling

Drei Western-Abenteuer von Glenn Stirling, einem der bekanntesten Western-Autoren Deutschlands.

Dieses Buch enthält folgende drei Western:

Belindas grausame Rache

Von Verzweiflung getrieben

Banditenpest

Cover: Firuz Askin

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© dieser Ausgabe 2016 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

[email protected]

1. digitale Auflage 2016 Zeilenwert GmbH

ISBN 9783956175367

Der Umfang dieses Buchs entspricht 359 Taschenbuchseiten.

Inhalt

Cover

Titel

Impressum

Belindas grausame Rache

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Von Verzweiflung getrieben

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„BANDITENPEST!“

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Belindas grausame Rache

Western von

Glenn Stirling

Waffenschmuggel! Der Weg führt durch die Wüste. Belinda, eine attraktive Frau, umgeben von hartgesottenen Männern, ist nur auf das Geld aus. Doch dann findet sie ihre große Liebe, und sie muss sich entscheiden. Freunde werden zu Gegnern.

1

Marek war nach Südarizona gezogen, um ein anderes Leben zu führen und Helen zu vergessen. Was er dort erlebt, ist authentisch, wie überhaupt die gesamte Story um Marek nach tatsächlichen Vorkommnissen geschrieben wurde. Übrigens nannte sich Marek in seiner wilden Arizonazeit wegen einer zurückliegenden Schießerei vorübergehend Patrick Lewitter. Auch unter diesem Namen wurde er bekannt. Wir haben ihn aber weiterhin mit seinem richtigen Namen benannt.

„Tucson“, schnaufte Mark Guiness und knallte die massige Pranke auf den schweren Tisch aus Quebracho-Holz. „Tucson ist eine Hölle. Aber ich lebe trotzdem hier. Jeder Tag kostet mich Monate meines Lebens.“

Captain Allan Fairbanks blickte kühl auf den massigen Mann, schnippte beiläufig etwas Zigarrenasche von seiner frisch gebügelten Uniformhose und sagte dann: „Für den Auftrag werden Sie von der Armee bezahlt. Niemand will wissen, Mr. Guiness, ob Sie für dieses viele Geld wenig oder stark schwitzen. Außerdem werden Sie wohl den Auftrag gar nicht selbst ausführen.“

Guiness lachte wild auf. Sein breites Mondgesicht war voller Schweißperlen. Der feiste Speckhals quoll über den nicht mehr frischen Hemdkragen, und auf dem Rücken waren Hemd und Leinenjacke durchnässt.

„Ich selbst? Na, das fehlte noch. Ich werde Ellis schicken.“

Der Captain runzelte die Stirn.

„Ich habe mir auch schon Gedanken gemacht, wem man so eine wertvolle Ladung anvertrauen könnte. Ich kenne Ihre Leute, Mr. Guiness. Deshalb dachte ich eher an Marek.“

„Marek?“ Guiness schien nachzudenken. Er massierte sein Doppelkinn, kratzte sich dann auf der verschwitzten Brust und meinte schließlich: „Haben Sie etwas gegen Ellis?“

Der Captain zögerte mit der Antwort, offenbar suchte er noch nach Worten, die man ihm nachher nicht falsch auslegen konnte.

Mark Guiness kam ihm zuvor. „Natürlich, ich weiß, dass Ellis ein Typ ist, für den Leute wie Sie nicht gerade schwärmen. Aber ich kenne keinen besseren Mann, wenn es um die Gila geht. Ellis ist wie dazu geschaffen, in der Wüste zu leben.“

„Schon, schon, aber … Ich meine, hier geht es um mehr als nur um einen Trail.“ Der Captain sah in Guiness feistes Gesicht und betrachtete die lebhaften kleinen Augen dieses Fleischberges. „Es geht auch darum, Mr. Guiness, dass wir unerhörtes Vertrauen zu denen haben müssen, die es für uns machen.“

„Gut, ich verstehe“, sagte Guiness, trat ans Fenster und riss die Vorhänge zur Seite. Fensterglas hatte dieses Haus nicht. Nirgendwo in dieser Gegend kannte man das.

Guiness spähte hinaus auf die trostlose weißgelbe Landschaft, auf die wenigen Saguaros, die wie riesige Hände zum Himmel ragten. Drüben am Ziehbrunnen, dem einzigen auf vierzig Meilen im Umkreis, hockten die Pferdejungen, kleine schmutzige Mexikanerlümmel, die mit ihren zwölf oder dreizehn Jahren schon wie die Schlote Cigaritos qualmten.

„Gut, Captain“, sagte Guiness und schnaufte, „ich werde sie alle drei losjagen, Marek, Varesa und Ellis.“

„Warum?“, wunderte sich der Offizier. „Das ist einfach. Ellis ist der beste Mann in der Wüste. Auf ihn kann ich bei solch einem Transport nicht verzichten. Aber Sie misstrauen ihm. Gut, dann muss Marek mit. Es war Ihr Wunsch …"

„Ja, richtig, aber Varesa?“

„Varesa und Marek sind nicht zu trennen!“

Der Captain blickte Guiness misstrauisch an. Er hatte in diesem frauenarmen Lande schon allerhand gehört und gesehen. „Bedeutet das was?“, erkundigte er sich.

Guiness schüttelte den Kopf. „Nicht das, was Sie meinen. Die beiden sind Freunde. Echte Freunde. Sie müssten die beiden sehen, dann würden Sie so etwas nicht vermuten, haha!“ Er lachte dröhnend, und der Captain machte ein verstörtes Gesicht.

„Also gut, Sie wissen, wie wertvoll die Fracht ist, und Sie wissen auch, was es bedeutet, wenn diese Ladung in die Hände von Apachen fällt.“

„Apachen?“ Guiness rieb wieder sein massiges Kinn. „Garantien kann keiner übernehmen. Nicht hier in Tucson. Die Greaser sind auf Waffen noch schärfer als die Apachen. Es gärt und brodelt in Sonora. Da liegt die eigentliche Gefahr, Captain. Nicht nur bei den Apachen.“

„Ihr Problem, Mr. Guiness.“ Der Captain erhob sich, strich die Uniformjacke glatt und wandte sich zur Tür. „Wir sind klar, nicht wahr?“

„Völlig klar. Der Transport trifft sicher bis übermorgen hier ein?“

„Absolut sicher. Und von hier an übernehmen Sie das Risiko.“ Der Captain trat wieder einen Schritt auf Guiness zu. „Sollte etwas schiefgehen, Mr. Guiness, hält die Armee sich an Sie. Nur an Sie, Mr. Guiness.“

Der bullige Unternehmer hob abwehrend seine schweißnassen Hände. „Ich bin nicht der liebe Gott! Wenn Sie drohen, macht die Armee das allein.“

„Ich habe nicht gedroht“, erwiderte der Captain scharf. „Ich habe Ihnen einen Auftrag erteilt und will, dass Sie ihn prompt und zuverlässig ausführen.“

„Wir tun, was wir können.“

Der Captain tippte mit dem Zeigefinger an die Krempe seines Hutes und öffnete die Tür.

Draußen schlurfte ein Mexikanerjunge heran, holte das langbeinige Armeepferd aus dem Schatten des Vordaches und führte es vor. Ohne ein Wort des Dankes schwang sich Captain Fairbanks in den Sattel und ritt an.

Guiness schaute ihm noch einige Zeit nachdenklich hinterher, dann wandte er sich ab, ging ebenfalls aus dem Haus und schloss die Tür mit einem Fußtritt. Die eben noch wie im Halbschlaf dösenden Mexikanerjungen wurden plötzlich lebhaft. Sie sprangen auf und schienen auf einen Befehl zu warten.

Guiness hatte einen Befehl. „Holt mir Benito, Joe und Clark!", brüllte er.

Drei Jungen jagten zu den Hütten am Rande der kleinen Stadt hin, aber sie rannten nur so lange, wie Guiness sie sehen konnte. Dann waren sie um die Ecke und nahmen sich wieder Zeit.

Der schwergewichtige Mann steckte sich eine Zigarre an, trat wieder in den Schatten des Vordaches und wartete. Gedankenverloren begann er Zahlen vor sich hinzumurmeln, streckte zählend die einzelnen Finger vor und nickte dann zufrieden. „Ein gutes Geschäft“, knurrte er. „Das Beste in diesem verdammten Jahr.“

Er paffte an seiner Zigarre und wollte gerade wieder ins Haus treten, als ein schlankes Mexikanermädchen um die Hausecke kam.

Guiness sah es und sagte: „Inez, was willst du jetzt schon? Ich habe etwas mit meinen Männern zu besprechen. Komm nachher wieder!“

Inez lächelte. Sie war noch jung, höchstens achtzehn, aber in ihren Augen war das Wissen einer Frau, die zu leben wusste.

Und sie war eine Mexikanerin, anschmiegsam und schutzsuchend. Guiness bedeutete für sie Vater, Geliebter und Ernährer zugleich. Jetzt, als er sie wegschicken wollte, schmollte sie wie ein kleines Kind, das gleich weinen würde.

Guiness wurde weich und sagte: „Na gut, dann komm her!“

Sie lief zu ihm, kuschelte sich an ihn, und er legte seinen fleischigen, stark behaarten Arm um ihre Taille.

In diesem Augenblick tauchte Clark Ellis auf. Er kam von einem der niederen Adobe-Häuser. Der Junge folgte ihm in respektvoller Entfernung.

Ellis war nicht sonderlich groß, aber breit in den Schultern, und auf seinem nackten Oberkörper zeichneten sich die Muskeln wie gespannte Drahtseile ab. Seine Haut im Gesicht und an den Unterarmen war tiefbraun. Hingegen an Oberkörper und Oberarmen in der grellen Sonne fast weiß, und nur dort, wo er einen dicken Haarpelz auf der Brust trug, sah man diese helle Haut nicht. Sein Haar erinnerte an reifes Maisstroh, so hell war es. Er trug es ziemlich kurz geschnitten, und dass die Prozedur des Abschneidens noch nicht lange her sein konnte, ließen die hellen Stellen an Schläfen und Nacken erkennen, wo das Haar die Haut vor der Sonne geschützt hatte.

Der Mann näherte sich mit einem tigerhaften, federnden Gang. Alles an diesem Menschen war Sehne und Muskel, kein Gramm Fett zu viel auf diesem durchtrainierten Körper.

Um die Hüften der staubigen grauen Hose hatte Ellis seinen Revolvergurt geschlungen. Die Waffe selbst hing tief und schwappte bei jedem Schritt gegen den rechten Schenkel.

Das von Narben übersäte Gesicht des Mannes entspannte sich zu einem amüsierten Grinsen, als er den Hünen Guiness betrachtete und das Mädchen neben ihm sah, das Guiness nicht einmal bis zur Schulter reichte.

„Du fängst schon früh am Tage mit ihr an, Mark“, sagte er heiter. „Wenn das deine Alte in Kansas sehen könnte, Mann!"

Aus den Augen des Mädchens zuckten Blitze, und Guiness grollte mürrisch: „Hör auf, mir den Tag zu vergällen, dass du von diesem Höllenweib redest. Ich habe nicht ein paar tausend Meilen zwischen sie und mich gelegt, damit ich von dir dauernd an sie erinnert werde! Wo sind die Anderen?“

Ellis gab darauf keine Antwort, sondern blieb einen Schritt vor Guiness und dem Mädchen stehen, sah aber nur das Mädchen an und musterte es auf eine Weise, die Inez die Schamröte ins Gesicht trieb.

„Sieh die Kleine nicht so an! Für dich ist sie tabu!“, knurrte Guiness.

Ellis grinste breit. „Sie wird eines Tages in meine Arme fliegen, Alterchen!“, versicherte er. Er zwinkerte Inez zu, aber die blickte verschämt zu Boden. „Nicht wahr, Täubchen, er ist doch fett und faul, dein großer Bär? Sieh mich an! Hier steht ein Mann, und die Nächte in Tucson sind herrlich, mein Kind!“

„Hör damit auf, sonst zerdrücke ich dich, Kläffer!“, fauchte ihn Guiness an. „Geh ins Haus, ich muss mit dir und den beiden anderen Satteltramps reden! Wo sind die bloß?“

Ellis erwiderte, ohne den Blick von Inez zu nehmen: „Joe hat sich diese kleine Mestizin zur Brust genommen, und Benito, wie ich ihn kenne, lässt sich die Zeit von seinem kleinen Schmetterling aus Chihuahua vertreiben. Was willst du? Wir haben heute und morgen noch frei. Kannst du das nicht mitansehen, wenn Männer nach einem harten Ritt zwei Tage ausspannen? Wir sind erst gestern zurückgekommen.“

„Stimmt“, sagte Guiness, und nun klang seine Stimme nicht mehr so harmlos und schwammig wie vorhin. Nun spürte man, dass dieser Mann weder ein schwitzender und verschlafener Fettwanst war - noch ein lascher Geldsack, der nicht im Stande war, mit Typen wie Ellis und anderen umzugehen. „Ihr seid gestern gekommen, und werdet morgen wieder losziehen. Morgen!“

„Übermorgen!“, bellte Ellis aufgebracht. „Du kannst deinen Revolver ziehen und dir eine Kugel durch den Kopf jagen, wenn du willst, aber ich habe morgen gesagt! Du und Joe und Benito. Aha, da sind die beiden Nichtsnutze endlich!“

Ellis blickte über die Schulter zu den Hütten und grinste wieder. Da kamen seine Kameraden. Und Guiness hatte morgen gesagt!

„Jetzt verschwinde, Inez!“, raunte Guiness dem Mädchen zu. „Diese Satteltramps machen Gesichter wie Essiggurken. Was jetzt kommt, ist nichts für dich. Geh!“

Das Mädchen nickte nur und huschte ums Haus, und zwar so, dass sie Benito und Joe nicht begegnen musste.

Benito Varesa war ungefähr einen Kopf kleiner als Marek. Dabei war er noch schlank, gar nicht so breit in den Schultern, was ihn zierlich wirken ließ. Er trug ein weißes Hemd, das nur zum Teil in der Hose steckte. Diese Hose hätte einem Cowboy der Brasada gehören können, so oft geflickt war sie. Da, wo sonst die Riemen der Chaparrals saßen, war die Hose abgeschabt und morsch. Große Duranga-Sporen zierten Varesas staubige Stiefel.

Varesa hatte einen Haziendero aus San Diego zum Vater und eine Yaqui-Indianerin zur Mutter. Die Indianerin war Arbeiterin auf der Hazienda gewesen und in einer schwülen Nacht die Beute des allmächtigen Patrons geworden, der sie nachher, als das Kind auf die Welt gekommen war, auch noch vom Gehöft jagen ließ. Zwei Monate später war der Haziendero von dem Geliebten der Indianerin erstochen worden. Die Mutter Benitos kam durch Pocken ums Leben, und Benito erlebte eine Kindheit, wie sie schrecklicher nicht sein konnte. Das hatte ihn fürs ganze Leben geformt. Es gab nur einen Menschen, den er wirklich mochte: Joe Marek.

Marek war Mitte Dreißig, hatte aber schon graue Haare an den Schläfen und ein Gesicht aus Leder. Obgleich er größer als Ellis war, gab es bei den beiden viel Gemeinsames. Auch Marek hatte einen Körper, der aus stählernen Muskeln zu bestehen schien. Auch er war von der Sonne tiefbraun an jenen Stellen, wo kein Hemd die Haut schützte. Auch er trug Narben an den Armen, Gesicht und Händen und noch an weiteren Stellen des Körpers, die jetzt von einem verwaschenen Hemd und den speckig glänzenden Lewishosen verdeckt waren. Und wie Ellis trug Marek einen Revolver, der bei jedem Schritt an den Schenkel klatschte.

Ellis rollte sich eine Zigarette, warf Joe Marek den Tabaksbeutel zu, den der geschickt auffing und nun auch eine Zigarette drehte. Dann ging der Beutel weiter an Benito Varesa, der dasselbe machte, nur statt Papier ein Maisblatt zum Drehen nahm.

„Was also willst du, Antreiber?“, brummte Joe Marek. Er hatte eine sonore, durchdringende Stimme, die zu der starken Männlichkeit passte, die Marek ausstrahlte.

Guiness sah die herumlungernden Mexikanerjungen an und scheuchte sie mit einer Armbewegung weg. „Bis hinter die Hütten! Lauft!“, rief er, und sie huschten demütig davon. Guiness war für sie ein Gott, der geben und nehmen konnte.

„Fairbanks war hier“, sagte Guiness und schmauchte an seiner Zigarre. Er blickte die drei Männer aus seinen kleinen Schweinsaugen an und lauerte auf ihre Erwiderung.

Benito kaute auf einem Grashalm. Joe zertrat die Kippe seiner Zigarette, und Ellis wippte auf den hochhackigen Absätzen seiner Stiefel, hatte den Zigarettenstummel wie ein Franzose auf der Unterlippe kleben und hielt die Daumen in seinen Gürtel gehakt. Keiner der drei gab einen Kommentar ab.

Etwas enttäuscht darüber fuhr Guiness fort: „Ihr wisst, was das bedeutet? Wieder ein Armeeauftrag.“

„Du machst es spannend, Dicker“, sagte Joe Marek. „Wir haben für die Armee schon hundertmal etwas getan. Sie haben mieser als andere bezahlt, unzählige Vorschriften eingebaut und herumgemäkelt, wo sie nur konnten. Hör mir auf mit der Armee!“

Guiness beugte sich etwas vor und sagte leise und eindringlich zugleich: „Es ist diesmal anders! Ganz anders! Wie viel Schulden hast du, Joe?“

„Keine, was soll die blöde Frage?“

„Du hast bei mir fast fünfhundert Bucks in der Kreide stehen, Junge. Und zu dir, Clark. Wie hoch sind deine Schulden?“

Ellis grinste, spuckte die Kippe weg und begann laut zu rechnen: „Bei dir sind es tausend Bucks, bei Mario im Store an die zweihundert. Und Nelly bekommt auch noch was von mir. Hm, ich glaube, das wäre alles.“

„Vergiss deinen protzigen Sattel nicht, den du dir hast machen lassen, Clark“, erinnerte ihn Guiness. „Also du hast Schulden wie ein verkrachter Spieler. Und du, Benito?“

„Der hat gar keine. Der schickt noch Geld an seinen Großvater in der Sierra Tarahumare. Stimmt's, Benito?“, erklärte Joe Marek.

Benito nickte. „Keine Schulden, Don Marco.“

„Aber er wird gerne noch mehr Geld zum Großvater schicken wollen, wie?“ Benito nickte eifrig. „Seguro. Sie beuten die Yaquis aus, wo sie können. Dort hungern sie in den Bergen.“

„Ich weiß, und deshalb brauchst du viel Geld“, sagte Guiness väterlich. Aber gerade dieser Tonfall machte besonders Ellis misstrauisch. Er hob wachsam den Kopf und spähte lauernd auf Guiness. Auch Marek beobachtete Guiness jetzt noch genauer und lauschte auf jeden Unterton in dessen Stimme.

„Ihr alle braucht viel Geld, ich auch.“ Guiness grinste, wurde aber sofort wieder ernst. „Der Auftrag der Armee ist großartig, aber …“

„Das sagst du bei jedem Auftrag, Mark“, erwiderte Joe Marek. „Ich bin es aber leid, diese hochmütigen Offiziere durch die Wüste zu führen und mir dauernd noch das großkotzige Gerede von denen anhören zu müssen.“

„Sie haben einen Transport von vierhundert Gewehren.“

„Pah!“, machte Ellis. „Vor einem halben Jahr haben wir das Doppelte nach Yuma geschafft und …“

„Narr!“, knurrte Guiness. „Nicht nach Yuma! Und nicht mit den Soldaten. Wir sollen das Zeug wegbringen, wir allein!“ Benito, der sich gelangweilt mit dem Bowiemesser die Nägel reinigte, sah auf. „Wir, ohne Armee, nur wir?“

„Nur wir! Sie vertrauen uns, Jungs. Sie wollen, dass wir die Gewehre …" „Was für Gewehre?“, fragte Ellis sofort. Guiness blickte sich um, als befürchte er Zuhörer, die nicht gebeten waren. Aber hier auf seinem Anwesen ließ sich alles übersehen. Nein, es hörte keiner zu, aber er sprach dennoch leise, als er antwortete: „Die neuen Winchester, Modell Kal.41, das beste überhaupt.“

„Moment mal, Dicker“, sagte Ellis, „du hast gesagt, dass die Armee die Gewehre transportieren lässt. Die Armee und neue Waffen? Das wäre ja mal was ganz Neues. Was ich sehe bei denen, das sind veraltete Lee-Enfields und neuerdings schon mal eine Winchester. Aber die haben doch selbst keine neuen Waffen. Warum schicken sie dann welche nach Yuma?“

„Nicht Yuma, Söhnchen, nicht Yuma, habe ich doch gesagt“, widersprach Guiness und wischte sich den Schweiß von der Stirn. „Unser Ziel ist Sonoita.“

„Santa Virgen, was soll das?“, fragte Benito. „Sonoita ist herrliches Mexiko!“

„In Sonoita sollen die Waffen den Rurales ausgehändigt werden.“

Fast eine Minute herrschte Schweigen. Guiness hatte Zeit und Muße, die verschiedene Mimik seiner Männer zu beobachten. Ellis nickte nur, als sei es ihm das Selbstverständlichste der Welt, dass die amerikanische Armee den mexikanischen Rurales die modernsten Gewehre schickte, die es überhaupt im Westen gab. Joe Marek kaute fassungslos auf der Unterlippe, und Benito hatte offenbar schon sein Erstaunen überwunden. Sein Gesicht färbte sich dunkel vor Empörung.

Und er platzte auch als Erster los. „Mierda!“, rief er. „Wissen diese Cabrones nicht, dass in Mexiko ein Rural ein menschgewordener Teufel ist? Männer, die das Volk unterdrücken und alles ausführen, was ihnen der sagt, der gerade regiert, und denen schickt die Armee moderne Gewehre!“

„Es gibt einen Mann in Mexiko“, erklärte Guiness, „der wieder geordnete Verhältnisse herstellen will. Porfirio Diaz. Er ist ein Indianer, jedenfalls fast vollkommen wie Juarez auch. Auf ihn setzen die Yankees.“

„In Sonora bestimmen die Hidalgos. Und das sind Kreolen, Don Marco!“, entgegnete Benito. „Die Rurales in Sonora sind Kreolenknechte. Sie würden nie etwas für Diaz tun, auch nicht, wenn die Americanos das wollen. Niemals.“

„Spielt für uns gar keine Rolle, Benito“, sagte Guiness. „Wir machen keine Politik, Junge, wir machen Geschäfte. Diesmal machen wir ein besonders gutes.“

„Ich schaffe keine Waffen zu den Rurales“, erklärte Benito aufbrausend. „Eher würde ich sie in der Wüste verscharren oder den Apachen schenken.“

„Ruhig, Junge!“, beschwichtigte ihn Joe.

„Er braucht sich nicht aufzuregen“, fuhr Guiness fort. „Die Rurales sollen ja auch die Gewehre nicht bekommen. Das ist nämlich unser Geschäft, Jungs. Fünfzig Prozent für mich, die andere Hälfte für euch. Abgemacht?“

„Nein“, widersprach Ellis.

„Zu viel für deinen dicken Bauch, Mark“, sagte Joe Marek. „Oder wolltest du mitkommen und noch mehr schwitzen als hier?“

Guiness nickte. „Diesmal wollte ich das. Rechnet mit: Bei Emilio Raquare bekomme ich pro Gewehr von diesen neuen Dingern tausend Pesos in Gold.“

„Und er wird nicht mehr Geld haben, als du für drei Gewehre verlangst“, sagte Joe Marek.

„Er hat mehr“, behauptete Guiness. „Und was er nicht in Pesos zahlt, zahlt er in Gold.“

„Hm!“ Joe Marek sah auf Ellis, der belustigt grinste.

„Du willst uns also unterjubeln, dass diese vierhundert Gewehre vierhundert mal tausend Goldpesos wert sind? So viel hat Mexiko nicht mal in der Staatskasse, Mann! Nicht zurzeit. Das wird kein Geschäft, Mark“, meinte Ellis und blickte auf Joe. „Was meinst du dazu?“

„Ich frage Benito, der kennt diesen Revolutionär Raquare persönlich. Benito?“

Der Mexikaner zuckte die Schultern. „Wenn ich Emilio wäre, würde ich keine tausend Peso in Gold zahlen. Außerdem hat er so viel nicht. Aber in der Sierra Madre ist so viel Gold, und Emilio kommt oft genug nach Durango. Es kann sein, dass er sehr viel Gold hat. Ein Goldpeso ist vier Dollar wert. Nein, so viel zahlt er nicht. Er wird dreihundert Goldpesos für ein Gewehr geben.“

„Immerhin“, meinte Ellis nachdenklich. „Das sind hundertzwanzigtausend Goldpesos, macht vierhundertachtzigtausend. Hast du so viel schon auf einem Haufen gesehen, Joe?“

„Nein, nicht mal den zehnten Teil.“ Marek sah Guiness an. „Glaubst du, die Armee lässt uns so einfach mit den vierhundert Gewehren allein?“

„Nach dem Friedensvertrag von Guadalupe-Hidalgo muss sie das. Sie kann nicht bis an die Grenze heran.“ Guiness sah seine Männer triumphierend an, als sollten sie seine famosen Geschichtskenntnisse bewundern.

Aber da sagte Marek trocken: „Du verwechselst das, Mark. Du meinst den Vertrag zwischen den USA und Mexiko, als Südarizona von Santa Ana an uns verkauft wurde. 'Kein Militär in der südlichen Gila' heißt es da. Aber wer will etwas tun, wenn die Armee dennoch dort herumspringt. Meinst du etwa die Mexikaner, so zerstritten wie sie mit sich selbst sind, würden nur einen Schuss gegen uns riskieren? Unsinn, Guiness, irgendwo ist ein toter Hund begraben, du hast ihn nur noch nicht entdeckt. Die Armee gibt keine vierhundert Gewehre an Leute wie uns, wenn sie das nicht alles selbst machen könnte. Ein guter Scout würde denen genügen.“

Guiness zuckte die Schultern. „Es ist, wie ich sagte. Und ich möchte, dass wir das Geschäft unseres Lebens machen.“

„Geschäft? Du meinst Diebstahl“, verbesserte ihn Ellis.

„Wie du willst, aber es ist mir gleich. Ich möchte endlich mal raus aus dem Dreck. Diese Wüstentransporte, Begleitritte und so, das alles ist doch ein mieser Kram gegen diese Chance.“

„Immerhin haben wir ganz gut verdient dabei. Vor allem du selbst!“, sagte Ellis spöttisch. „Dir sieht man das gute Fressen sogar an.“ Er lachte und deutete auf Guiness dicken Bauch.

„Wann kommen die Gewehre?“, fragte Joe Marek sachlich.

„Übermorgen“, erwiderte Guiness und zündete seinen erloschenen Zigarillo an. „Du hast gesagt, dass wir morgen …“

„Ja, morgen reiten wir, vielmehr ihr werdet reiten. Wir brauchen doch eine gute Vorbereitung, Jungs.“ Guiness sah Joe Marek herausfordernd an, aber es war Ellis, der darauf antwortete.

Ellis wippte auf den Hacken, hielt die Daumen in den Gürtel gehakt und spreizte die übrigen Finger von sich. „Vorbereitung, wenn ich das höre! Mark, du willst die Armee anschmieren und den größten Coup deines Lebens machen. Aber du redest und handelst wie ein Anfänger. In dem Augenblick, wo du hier zu früh verschwunden bist, ist die Sache schon auffällig. Du bist noch nie mit uns unterwegs gewesen. Also wirst du diesmal wenigstens ein paar Tage warten, bevor du hier abhaust. Selbst das ist dumm genug. Was wir brauchen, Mark, ist ein Überfall. Dann stehen wir sauber da. Ein Überfall in der Wüste. Aber die Armee ist auch nicht so blöd, wie dir das jetzt vorkommt. Ich wette, die haben noch eine Sicherheit eingebaut.“

„Welche?“, fragte Guiness gespannt. „Vor zwei Jahren hatten sie etwas Ähnliches vor. Damals waren die Systeme aus den Waffen herausgenommen. Die brachte dann jemand anderer zu den Greasern. So war es damals. Und diesmal wird es auch so sein. Was nützen dir Gewehre ohne Schloss? Die kauft dir keiner ab, zuletzt Emilio Raquare. Hast du überhaupt schon Kontakt zu Emilio aufgenommen?“

„Er war noch vor zwei Wochen hier.“

„Vielleicht haben ihn schon die Geier gefressen“, meinte Ellis grinsend. „In seinem Geschäft wäre das leicht möglich. Was sagst du, Joe?“

„Warten wir ab!"

„Wenn du den Coup machen willst, kannst du nicht abwarten. Wir müssen alles vorbereiten!“, protestierte Guiness.

„Gut, ich werde in einer Stunde losreiten“, erklärte Benito. „Überlasst es mir.“

„Was?“ Guiness starrte Benito verblüfft an. „Was, zum Teufel, sollen wir dir überlassen?“

„Die Vorbereitungen. Ihr braucht nur hier auf den Transport zu warten und ihn zu übernehmen. Bei den ,Drei Kreuzen' sehen wir uns wieder.“

Alle sahen den Mexikaner an. Benito verzog keine Miene. Und Joe Marek sagte: „Ich bin einverstanden. Benito weiß, was er sagt.“

„Weiß er das wirklich?“, knurrte Ellis, der Benito nicht so schätzte, wie Joe es tat.

„Er wird es schon wissen“, meinte Guiness. „Aber ich will hier nicht herumsitzen und warten.“

„Dann reite mit uns. Benito muss uns noch erklären, was er tun will“, sagte Joe Marek.

„Oh ja, das kann ich tun. Aber Don Marco hat noch nicht gesagt, wie er uns bezahlen will.“

„Gut, dass er daran denkt“, meinte Ellis. „Zu gleichen Teilen. Durch vier geteilt, Mark!“

„Es ist meine Idee, meine Planung!“, protestierte Guiness, und sein Gesicht färbte sich im Zorn dunkel.

„Du bist dem Schlaganfall näher als Emilio Raquare, Mark“, ermahnte Joe Marek begütigend. „Clark hat Recht. Jedem sein Teil. So oder es findet nicht statt!“

„Hol euch der Teufel! Dann lassen wir's eben!“, fauchte Guiness und drehte sich um, als wolle er in seine Hütte gehen.

„Fein, lassen wir es.“ Ellis machte kehrt, und Marek sah, wie sein Freund grinste.

Guiness blieb stehen, blickte über die Schulter und fauchte: „Halsabschneider! Also gut, vier Teile.“

„Du entwickelst dich im Laufe der Zeit geradezu zum normalen Menschen, Mark. Vier Teile, und Benito wird mit dir reiten. Aber erst will ich wissen, wie er es machen will.“ Ellis sah den kleinen Mexikaner an. „Für so viel Geld muss es ein besonders guter Einfall sein. Lass hören!“

Benito wollte gerade anfangen, als Joe Marek raunte: „Besuch kommt! Sei still, Benito, oder rede von sonst was.“

Guiness wandte sich um, und Ellis sah an ihm vorbei auf einen Reiter, der sich langsam näherte. Der Mann saß zusammengesunken auf einem müden, staubbedeckten Pferd. Mann und Reiter kamen von Nordosten und schienen die Stadt umgangen zu haben.

„Wer ist das? Er will zu dir, Mark“, sagte Ellis und rollte sich, ohne hinzusehen, eine Zigarette.

Joe Marek beobachtete den Fremden ebenso scharf. Guiness kniff die kleinen Augen zusammen. Jetzt wirkte der fleischige Mann wie ein indianischer Buddha.

Benito hielt die Hand schirmend über die Augen. „Fremd. Kenne ihn nicht.“ Guiness verzog das Gesicht, als der Reiter so nahe war, dass man ihn deutlich erkennen konnte. Und Guiness hatte ihn erkannt. „Verdammt“, brummte er mürrisch. „Wie hat er mich nur finden können?“

„Ein Marshal?“, fragte Ellis.

„Ach was, doch nicht so, wie du wieder denkst. Das ist ein alter Bekannter von mir. Thorsen, dieser Kojote.“

Nun schwiegen sie, denn der Fremde war weit genug, um sie zu hören und selbst gehört zu werden, ohne schreien zu müssen.

Er richtete sich etwas im Sattel auf und sah sie der Reihe nach an.

Er wirkte nun viel größer. Unter dem staubigen Lederhut quoll schwarzes Haar hervor. Das Gesicht wirkte schmal, aber die knollige Nase hätte einem Schwarzen gehören können. Der Fremde besaß blaue Augen, und aus ihnen starrte er jetzt wie ein sprungbereiter Wolf auf Guiness.

„Da bist du also“, murmelte er mit spröder Stimme, „und du siehst noch immer so aus wie früher. Willst du mich nicht mit diesen Gents bekannt machen?“

„Das ist Larsen Thorsen“, knurrte Guiness widerwillig. „Mein Schwager.“

„Ei der Deibel!“, rief Ellis und lachte auf. Guiness sah ihn daraufhin böse an.

Joe Marek kannte die Geschichte von Guiness' Flucht vor dessen Frau zu gut, um sich eines Grinsens erwehren zu können.

Benito sagte nichts und zeigte auch nicht, wie er darüber dachte. Aber er musterte diesen großen, hageren Mann im Sattel, der jetzt von Guiness die Namen von Joe, Ellis und auch Benitos hörte, dabei ausdruckslos auf die Männer sah und schließlich vom Pferd stieg. Er tat es nachlässig, müde und abgespannt.

Guiness klatschte in die Hände und rief: „Chico, Chico, die Pferdejungen!“

Kurz darauf kamen zwei halbwüchsige Mexikaner, die vorhin noch am Brunnen gesessen hatten, und nahmen das Pferd von Thorsen ab. Während es der Eine absattelte, führte es der Andere zur Tränke.

Guiness rief nach Inez, und als sie kam, bat er sie etwas zu trinken zu holen. Dann trat er mit Thorsen ins Haus und gab seinen drei Männern ein Zeichen, ihm zu folgen.

Drinnen war es dämmrig. Ein ungemachtes Bett, ein Tisch, ein paar Stühle, das konnte man auch im Halbdunkel erkennen. Guiness schob zwei leere Gläser vom Tisch und holte frische aus einer Metallkiste. Dann brachte er Whisky, goss ein und sagte: „Setzt euch nur, so was muss man feiern. Wie lange hast du nach mir gesucht, Larsen?“

Das Mädchen kam mit dem Krug und füllte den Whisky mit Wasser auf. In dieser Gluthitze war es die einzige Möglichkeit, nicht schon am Vormittag betrunken zu werden.

Larsen nahm das Glas mit dem Longdrink, trank es mit einem Zug aus, wischte sich den Mund mit dem Handrücken ab und sah Ellis an. Wie es schien, hatte der Drink Larsen Thorsen wieder mit neuem Leben erfüllt.

„Ich habe Guiness nicht lange zu suchen brauchen“, sagte Thorsen. „Ich habe ihn im Grunde nie suchen wollen. Aber der Zufall stand dabei Pate.“ Er wandte sich Guiness zu. „Du hast meine Schwester ziemlich reingelegt. Aber gut, ein Engel ist sie auch nicht. Ich kann dich verstehen. Deshalb also bin ich nicht da, Mark. Ich weiß seit ein paar Tagen, wo du steckst. Ich weiß es, weil ich einen gewissen Captain Fairbanks kennen gelernt habe. Fairbanks und ich waren seinerzeit zusammen in West Point.“

„Aber dich hat die Armee rausgeschmissen.“ Guiness lachte schallend.

„Hat sie“, gab Thorsen unbekümmert zu. „Die Armee mag keine Männer, die eine Indianerin zur Frau haben.“

„Eine Indianerin?", fragte Ellis interessiert.

Thorsen nickte. „Es war in Nebraska. Indianerinnen waren dort, wo wir lagen, die einzigen weiblichen Wesen. Aber das Mädchen ist tot. Sie ist an Cholera gestorben. Eine Krankheit, die wir Weißen eingeschleppt haben. Jetzt bin ich frei. Nun, ich traf also ausgerechnet in Camp Lowell auf Fairbanks. Wir sind damals Freunde gewesen, verstehen uns auch heute noch gut. Von ihm weiß ich, was ihr tun sollt. Er hat mich gebeten, euch zu begleiten.“

„Fairbanks?“, schrie Guiness, und es klang kaum noch wie eine Frage.

„Ja, Captain Fairbanks.“ Thorsen lächelte. „Er hat etwas Sorge um seinen Transport. Er wollte eigentlich noch ein paar Leute mitschicken, aber die Armee hat das abgelehnt. Die Armee, musst du wissen, lieber Mark, tut gerne so, als sei sie weißer und reiner als frisch gefallener Schnee. Das hier aber ist, und das wisst ihr auch, eine ziemlich schiefe Sache. Nun werde ich also mit euch reiten.“

„Das würde ich besser bleiben lassen, wenn ich in Ihren Stiefeln steckte“, sagte Ellis.

Thorsen grinste müde. „Meinen Sie wirklich?“

Joe Marek taxierte den Mann anders. Thorsen war nicht der schlaksige Narr, für den ihn Ellis offenbar anzusehen schien. Thorsen spielte ihn nur.

„Hören Sie, Thorsen“, sagte Marek, „wir verstehen, dass Sie sich engagieren möchten … Ihrem lieben alten Freund Fairbanks zuliebe. Aber wir brauchen keine Kontrolle. Sonst müssten wir nämlich den Job ablehnen.“

„Auch nicht schlecht. Ich kenne die Wüste ein bisschen. Vielleicht finde ich eine Hand voll Männer, die für mich die Waffen an die Grenze schaffen.“

„Moment mal!“, rief Guiness. „Moment, Larsen, da steckt mehr dahinter. Warum willst du das machen? Zum Teufel, du hast doch einen guten Job bei der Wells Fargo gehabt. Wieso strolchst du jetzt hier herum?“

„Wells Fargo?“, fragte Ellis und beugte sich vor. „Was hat er bei der Wells Fargo getan?“

„Er war Wells Fargo Marshal“, erklärte Guiness.

„Aha!“, meinte Ellis ahnungsvoll.

„So ist das also“, sagte Joe Marek, als wüsste er jetzt Bescheid.

Benito aber stand auf und ging hinaus. Er ging zu seiner Hütte, kleidete sich vollständig an, ging zum Korrai und fing sich seinen Braunen mit dem Lasso ein. Als er ihn gesattelt hatte, saß er auf und ritt die Spur entlang, die von Thorsens Pferd stammte und noch deutlich zu sehen war.

Einmal vermischte sie sich nahe der Stadt mit anderen Spuren, aber schließlich fand Benito sie wieder. Jetzt führte sie weit um die Stadt herum und führte den Mexikaner nach Norden auf Camp Lowell zu.

Das Land schien in der Gluthitze erstarrt. Grell blendete der Sand zwischen den verdorrten Mesquites und dem gelbbraunen Grammagras, dessen Büschel wie Inseln im Sande aufragten und oft weit über den Bauch des Pferdes ragten. Weiter im Norden, wo eine sanfte Senke das Tal teilte, zeigten haushohe Saguarakakteen zum Himmel. In der heißen Luft, die von der Senke aufstieg, schienen sie zu zittern.

Die Spur war nicht zu übersehen. Sie führte Benito nun etwas mehr nach rechts, wo die Senke flacher war. Einmal war der Reiter längere Zeit auf einer Stelle geblieben. Benito fand einen im Sand ausgedrückten Zigarettenstummel und die Fußspuren Thorsens neben den Hufabdrücken des Pferdes.

Nach einer halben Stunde, die Benito in der glühenden Sonne ritt, sah er das 'Apachengrab', ein von einem Hain wuchernder Organpipe-Kakteen umstandener Steinhaufen, der einmal vor etwa einem Jahr von Apachen gegen mehrere Patrouillen der Kavallerie verteidigt worden war. Die Armee hatte zuletzt die überlebenden Apachen einzeln zusammenschießen müssen. Ergeben hatte sich kein einziger.

Die Luft flimmerte über den aufgetürmten Steinen. Doch die Geier, die sonst diesen Ort als Lieblingsplatz erwählt hatten, waren heute nicht da. Dafür sah Benito zwei Pferde. Sie standen wie Denkmäler in der prallen Sonne, waren aber abgesattelt und trugen nur noch das Zaumzeug.

Genau vom 'Apachengrab' kam die Spur Thorsens. Und jetzt, da Benito etwas näher heran war, bemerkte er auch die Männer. Einer lehnte am Stapel der aufgetürmten Steine; der Andere hockte mit dem Gewehr im Hüftanschlag auf einem Sattel, der zwischen einem Trieb Organpipe-Kakteen und dem Steinstapel lag.

Die Gefahr, dass noch mehr Männer zwischen den Kakteen liegen konnten und möglicherweise auch noch mehr Pferde vom Steinstapel verdeckt wurden, warnte Benito. Er zügelte seinen Braunen und spähte wachsam hinüber.

Bis jetzt war all das, was die Männer dort taten, nicht ungewöhnlich. Also ritt Benito weiter. Sie konnten nicht wissen, wer er war, und er musste nicht unbedingt auf Thorsens Spur zurückgeritten sein.

Er erreichte die Stelle, von der aus es fast eben bis zum Steinschober ging. Und da sah er die anderen Pferde. Es waren sechs, und sie standen im Schutz des Steinberges. Ganz dünner, kaum sichtbarer Rauch stieg weiter links zwischen den Organpipes auf. Fünf Männer und eine Frau umringten das Feuer. Einer der Männer drehte einen Spieß über den gelb züngelnden Flammen.

Es war zuerst nur die Frau, die Benito sah. Eine Frau, wie er sie noch nie gesehen hatte. Groß war sie, schlank war sie, und ihre schwarzen Haare hatte sie straff nach hinten gebunden. Es hing ihr wie der Schwanz eines Mustangs über der linken Schulter. Das Gesicht hätte kein Bildhauer schöner formen können. Es war schmal und von einer Schönheit, die Benito faszinierte.

Die Augen waren hellblau oder hellgrau, jedenfalls leuchteten sie und bildeten einen Kontrast zum dunklen Haar.

Während Benito sein Pferd zügelte und auf die Frau starrte, wandten sich ihm nun alle Männer zu. Einige von ihnen ergriffen ihre bereitliegenden Gewehre.

2

Guiness schenkte noch einmal nach, und Inez, die noch im Raum stand, goss Wasser auf. Dann tranken die Männer schweigend. Ellis betrachtete dabei Inez auf eine Art, die dem Mädchen die Schamröte ins Gesicht trieb, Guiness aber zu einem wütenden Knurren veranlasste. Clark Ellis beachtete es gar nicht.

„Gut, Sie werden also den Kontrolleur spielen“, sagte Joe Marek, „aber wir haben etwas dagegen. Was nun?“

Clark Ellis wandte sich von Inez ab und sagte: „Mark, nimm die Kleine und verschwinde für ein paar Minuten.“

Guiness nahm sein Glas, nickte und raunte Inez zu: „Komm!“

Das Mädchen begriff nicht gleich und sah von einem zum anderen, dann blickte es nur noch auf Larsen Thorsen, der sich langsam, wie von einem Faden hochgezogen, erhob.

„Los, raus mit dir, Baby!“, brummte Ellis, und Inez huschte vor Guiness her ins Freie.

Ellis hatte wieder die Daumen in den Gürtel gehakt und lehnte am Stützpfosten des Daches. Joe Marek saß noch.

„Wir machen es auf eine sanfte Art, Thorsen“, sagte Ellis. „Joe und ich sind darin erfahren. „Was versprichst du dir davon, mit uns durch die Wüste zu ziehen?“

„Den Lohn, den mir die Armee dafür zahlt. Ich kann ihn gebrauchen“, erwiderte Thorsen.

„Du willst uns auf die Zehen springen, nicht wahr?“, fragte Ellis scharf und sein Kinn schien plötzlich noch kantiger zu werden. „Als ehemaliger Wells Fargo Marshal hast du doch in so etwas Übung, wie? Komm, Junge, schnalle den Gurt ab, wir regeln es mit den Fäusten. Das ist fair.“

„Nicht fair genug einem Mann gegenüber, der ein paar hundert Meilen hinter sich hat.“ Thorsen sah dabei Marek an, als hielte er ihn für fairer als Ellis.

„Glaubst du? Schnalle ab!“, fuhr ihn Ellis an.

„Nein!“, widersprach Thorsen, dann zuckte seine Hand zum Halfter. Aber darauf hatte Joe Marek die ganze Zeit gewartet. Er stieß mit dem Fuß zu, sprang gleichzeitig vom Stuhl und warf sich auf Thorsen, als der, von Mareks Faust ans Knie getroffen, zurücktaumelte.

Ellis kam von der Seite mit einem Satz heran, holte aus und schlug mit seiner stahlharten Pranke zu. Der Hieb traf Thorsen über dem Ohr und stieß ihn förmlich mitsamt Marek gegen die Wand. Das zusätzliche Gewicht, des nicht gerade leichten Marek, warf beide so vehement gegen den Adobe, dass Thorsens Hinterkopf dumpf aufprallte. Besinnungslos erschlaffte Thorsen in Mareks Armen.

Marek ließ ihn zur Erde sinken und sah auf ihn herab. „Schnell erledigt, was? Nimm ihm die Kanone ab, Clark, der hatte mehr vor, als uns in die Suppe zu spucken.“

„Genau das wird er uns erzählen, und wenn ich es aus ihm herausdresche“, meinte Ellis, während er den Revolver aus Thorsens Halfter zog.

3

Benito sah, dass einige der Männer Mexikaner waren wie er selbst. So grüßte er in seiner Muttersprache und blickte dann wieder auf die Frau.

Sie war es auch, die seinen Gruß erwiderte und mit dunkler Stimme in fließendem Mexikanisch-Spanisch fragte: „Wollten Sie zu uns?“

„Nein, Señorita, ich sah nur die Pferde und war neugierig. Ich bin auf dem Weg nach Camp Lowell.“

Die Männer musterten Benito mit starren Gesichtern. Keiner zeigte, was er dachte. Aber sie hatten alle die Hände an den Gewehren oder Revolvern. Drei der insgesamt sieben Männer waren Amerikaner. Sie sahen aus wie Banditen, stoppelbärtig und abgerissen. Doch hier in der Wildnis bedeutete das nicht unbedingt, dass einer ein Bandit sein musste.

Auch die Frau in ihrer abgescheuerten Lederjacke und dem verstaubten Reitrock wirkte nicht gerade salonfähig. Benito bemerkte das gar nicht. Die Schönheit dieser Fremden überstrahlte alles. Sie hätte in Lumpen nicht weniger auf ihn gewirkt.

„Steigen Sie ab und kommen Sie zu uns oder reiten Sie einfach weiter“, sagte die Frau, und sie machte eine Handbewegung.

Einer der Männer näherte sich Benito. Er richtete sein Gewehr vom Hüftanschlag aus auf ihn. Benito sah, dass der Mann eine Greenerflinte trug, die auf solche kurze Entfernung die Wirkung einer Kanone haben konnte, je nachdem, womit sie geladen war. Dass dieser stoppelbärtige Amerikaner da keinen Vogeldunst in den Hülsen hatte, stand für Benito fest.

Ein anderer Mann, ein Mexikaner, kam von der Seite her an Benitos Pferd heran und betrachtete das Brandzeichen. Er schien es nicht zu kennen, denn, er zuckte die Schultern und wandte den Blick wieder davon ab.

„Also?“, fragte die Frau.

Im ersten Impuls wollte Benito weiterreiten, doch dann überlegte er es sich anders. Er saß ab, und der Mann mit der Greener senkte die Flinte.

Die Frau lächelte und deutete auf das Fleisch am Spieß. „Sie sind eingeladen …“

„Ich heiße Benito.“

„Benito? Das klingt schön. Kommen Sie aus der Sierra Tarahumare? Da heißen viele so wie Sie. Setzen Sie sich zu uns. Ich bin Belinda, und das hier sind die Männer meiner Ranch.“

Benito spürte, dass sie keine Mexikanerin war, auch wenn sie fast so sprach wie eine seines Volkes. Etwas unterschied sie. Er konnte nicht gleich ergründen, was es sein mochte.

Sie lächelte wieder, und sie tat es auf eine Weise, die das Blut in seinen Adern zum Kochen brachte. Er kannte billige Mädchen, auch anständige, die erst von Heirat und dann von Liebe sprachen. Aber diese Frau dort konnte er nicht einordnen. Sie war auch keine von diesen kühlen Amerikanerinnen, weder eine heißblütige Schöne, der die Liebe auf den Lippen geschrieben stand, aber auch keine Madonna, wie es seine Mutter in seiner Erinnerung war. Diese Frau dort war etwas, das er nicht gleich erfasste. Er spürte, dass er bereits in ihren Bann geraten war, wie eine Mücke im Netz der Spinne. Aber er schien darüber gar nicht betrübt zu sein. Fast vergaß er, warum er nicht weitergeritten war.

Die beiden Posten blieben an ihrem Platz, während alle anderen Männer wieder ums Feuer traten und sich dann setzten. Die Frau nickte Benito aufmunternd zu und sagte: „Sie wollten also nach Camp Lowell. Von dort kommen wir. Wir wollen nach Tucson und später in die Wüste. Kennen Sie sich dort gut aus?“

„Ja, es geht eigentlich“, sagte er und spürte, wie aufmerksam ihn die Männer musterten. Sie sprachen nicht, aber sie verfolgten alles, was er und die Frau sagten und taten. Irgendwie kamen sie Benito wie Wachhunde vor, die nur auf ein Zeichen ihrer Herrin warteten, um Benito anzuspringen und zu zerfleischen.

Sie war jetzt etwas näher an ihn herangerückt. Aus ihren hellen Augen, in denen das grelle Tageslicht helle Flecke blitzen ließ, sah sie ihn an. „Benito, wenn Sie aus Tucson kommen, dann kennen Sie auch Mr. Guiness, nicht wahr?“

Also doch! dachte Benito und sagte sofort: „Natürlich, wer kennt ihn nicht? Ich habe bis vor Kurzem sogar in seinen Diensten gestanden.“

Die Frau warf einen kurzen Blick des Einverständnisses auf einen großen Mann, der ihr direkt gegenübersaß. Der war ein Amerikaner und erinnerte Benito etwas an Ellis, nur dass er größer war und noch helleres Haar hatte.

„Na, dann können Sie uns ja sehr helfen“, sagte Belinda. „Wir wollen nämlich zu Mr. Guiness. Und warum sind Sie nicht mehr dort?“

„Meinungsverschiedenheiten. Gestern habe ich bei ihm aufgehört.“

„Dann sind Sie unser Mann. Suchen Sie einen Job?“, fragte die Frau und rückte so nahe an Benito heran, dass ihre Schulter seinen rechten Oberarm berührte. Es ging durch ihn wie elektrischer Strom, als er diesen körperlichen Kontakt spürte.

Sie lächelte. „Na, fällt Ihnen die Antwort so schwer? Es ist keine Schande, einen Job zu suchen.“

„Ja, das zwar nicht, aber … ich … ich wollte eigentlich bei einem Bruder von mir in Camp Lowell …" Benito spielte die Rolle des eingelullten Narren, und er spielte sie so gut, dass Belinda leise auflachte und mit dem großen Blonden wieder einen Blich tauschte, in dem offener Triumph zu lesen war. Der Blonde lächelte zurück, sagte aber kein Wort.

„Würden Sie in meine Mannschaft eintreten wollen, Benito?“, fragte die Frau. „Ich bin sicher, dass Sie die Wüste besser als nur ein bisschen kennen. Und wir suchen genau so einen Mann. Für dreißig Dollar im Monat. Wenn Sie tüchtig sind, bekommen Sie auch eine Prämie. Nicht wahr, Sid?“ Sie sah wieder den großen Blonden an.

„Gewiss, Madam, die letzte Prämie, die wir bekamen, betrug zweihundert Dollar.“

„Wollen Sie Rinder aus Mexiko holen?“, fragte Benito und stellte sich bewusst einfältig.

Die Frau sah ihn einen Augenblick lang verdutzt an, dann lachte sie leise und sagte spontan: „Ja, richtig, genau das wollen wir.“

Die Männer, bis auf den Blonden, verkniffen sich ein Lachen.

Der Blonde aber erhob sich. „Ich glaube, Madam, es wird langsam Zeit.“

„Ja“, erwiderte sie, „reiten wir, um unseren Freund Guiness wiederzusehen. Ich möchte nur wissen, wieso Larsen noch nicht zurück ist. Benito, haben Sie niemand unterwegs getroffen?“

„Niemanden.“

„Aber Ihnen muss doch ein Reiter begegnet sein. Waren Sie nicht bei Guiness, bis Sie weggeritten sind?“

„Nein … ich … ich war bei meinem … ich wollte sagen, bei einer Bekannten in Tucson.“ Er kratzte sich verlegen am Kinn, und dafür erntete er bei den Männern ein Grinsen. Auch der Blonde lächelte diesmal mit. Belinda aber machte vorübergehend ein verächtliches Gesicht. Dann sagte sie: „Also los, wir reiten! Löscht das Feuer gut!“

4

Joe Marek blickte auf Thorsen herab. „Er kommt zu sich“, sagte er und hob den Kopf.

Clark Ellis lehnte an der Wand, hatte die Arme verschränkt und sah zur Tür, durch die Guiness trat. „Er ist wieder im Kommen, unser Kontrolleur, Mark. Ich würde ihn am liebsten rücklings auf einen Esel binden und in die Gila scheuchen. Doch da es ein teurer Verwandter von dir ist …“

„Hör auf, du verdammter Satteltramp! Hör auf, mir zu erzählen, dass er ein Verwandter ist. Alles, was mit meiner Frau zusammenhängt, ist schlimmer als Zecken an einem Augenlid. Hat er noch etwas gesagt?“ Er starrte auf den Mann am Boden, der sich zu regen begann.

„Er hat den Revolver ziehen wollen, weil er meinte, dass ein Mann wie er nach einem langen Ritt nicht mehr mit den Fäusten kämpfen kann. Das war ein Fehler von ihm, Mark!“ Ellis grinste und spie vor sich auf den Boden.

„Glaubt ihr wirklich, dass der Captain ihn geschickt hat?“, fragte Joe. Der Texaner sah zweifelnd auf Thorsen.

„Warum nicht? Die Armee ist zu allem fähig. Du siehst es an der Idee, den Rurales das Zeug zu liefern. Übrigens, ist dein Vaquero noch nicht zurück, Joe?“ Ellis sah an Guiness vorbei zur Tür. Aber dort tauchte jetzt das Mädchen auf.

Joe sah es auch und knurrte: „Mark, schaff deinen Betthasen weg! Weiber quatschen leicht, und hier brauchen wir kein Gerede.“

Guiness drehte sich um, sah Inez und fauchte gereizt: „Scher dich weg da!“

Inez verschwand wie ein Blitz.

Da kam Thorsen ganz zu sich, stemmte sich etwas hoch, schüttelte den Kopf und tastete nach seinem Hinterkopf. Dabei verzog er schmerzhaft das Gesicht.

„Wir könnten noch weitermachen mit dir“, erklärte Ellis und sah dabei Thorsen an.

Thorsen hob den Kopf. „Das sähe euch ähnlich“, keuchte er.

„Wer hat den Revolver gezogen, du oder wir?“, fragte Marek.

Thorsen schwieg.

Guiness setzte sich auf einen der Stühle und polterte: „Larsen, das mit dem Captain glauben wir dir nicht. Er wird übermorgen kommen, wenn er das Zeug bringt. Ich frage ihn. Und solange bleibst du hier.“

Thorsen hob den Kopf, sah Guiness an und erwiderte mit verzerrtem Lächeln: „Das glaubst du wirklich?“

„Sieh dir Ellis und Marek an, die beiden warten nur darauf, dass ich ihnen sage, sie sollen dich zerlegen. Sie tun das sogar gerne.“

Ellis nickte zustimmend, während Joe Marek an die Tür trat und hinaus in die grelle Sonnenglut blickte. Aber von Benito war nichts zu sehen.

Joe war mit Benito schon zu lange zusammen, um mit ihm alles bereden zu müssen. Er wusste, dass Benito Thorsens Spur gefolgt war, einen anderen Grund für seinen Wegritt gab es nicht. Und wenn er noch nicht zurückgekommen war, dann musste er auf etwas gestoßen sein.

Marek wandte sich um und ging auf Thorsen zu, der jetzt auf dem Stuhl saß und abermals seine schmerzende Beule am Hinterkopf betastete.

„Thorsen, du bist nicht allein gekommen. In der Nähe sind noch andere von deiner Sorte.“ Marek ging auf Thorsen zu.

Überrascht blickte Thorsen auf. „Wieso?“

„Benito ist unterwegs, Thorsen. Benito wäre längst zurück, wenn deine Spur nichts hergegeben hätte. Wer ist das, der mit dir irgendwo bis in die Nähe von Tucson gekommen ist?“

„Niemand“, sagte Thorsen, aber Joe Marek spürte, dass der Mann log.

Ellis schien ebenso zu empfinden. „Also gut, er schwindelt uns was vor, und wir sind sehr ungeduldige Leute. Steh auf, Mensch! Jetzt kommt die zweite Runde!“

Er schlug zu, bevor Thorsen überhaupt auf die Beine gekommen war. Thorsen, noch halb betäubt von eben, flog mitsamt dem Stuhl zu Boden.

„Eine etwas größere Chance hättest du ihm schon geben können, Clark“, meinte Marek.

„Das ist ein Bulle, sage ich euch, der braucht keine Chance!“, rief Guiness. „Macht dieses Stinktier fertig. Dieser feine Schwager!“

Thorsen blickte aus glasigen Augen auf Mareks Stiefel, versuchte aufzustehen, aber da packte ihn Ellis schon und riss ihn hoch.

„Ich mache dich hier so fertig, dass du dir wünschst, als Regenwurm auf die Welt gekommen zu sein, damit du dich verkriechen kannst. Rede, oder ich mache weiter!“

Thorsen schwankte, und als Ellis losließ, taumelte er einen Schritt nach vorn, aber dann schlug er so unvermittelt zu, dass Ellis überhaupt an keine Gegenwehr oder Abwehr dachte. Der Schlag schoss in Ellis Magengrube und hob ihn förmlich aus.

Bevor Ellis noch die Hände herunter bekam, erhielt er einen Leberhaken, der ihn zu Boden warf.

Thorsen hatte offenbar alle Kraft, über die er noch verfügte, in diese beiden Schläge gelegt. Jetzt war er fix und fertig. Er torkelte rücklings bis an die Wand und rutschte an ihr herab. Als er unten war, kippte er zur Seite und blieb reglos liegen.

Ellis lag verkrümmt und ächzte. Doch die Schlagwirkung ließ nach, und allmählich fand er seine Fassung wieder und kam auf die Beine. Marek half ihm hoch.

„Du hättest diesem Bastard eine verpassen sollen, Joe“, keuchte er.

„Nicht nötig, er ist von allein umgekippt. Und vorher war er etwas schneller, als ich gedacht habe.“

„Verflucht, das war er wirklich“, ächzte Ellis und betastete seine schmerzende Lebergegend.

Guiness grinste breit, trat neben dem am Boden liegenden Larsen Thorsen und stieß ihm mit der Fußspitze in die Rippen. „Packt ihn auf ein Muli und schafft ihn ein Stück weit in die Gila. Dort, wo die Steinplatten liegen, gibt es mehr Klapperschlangen und Königsnattern als Patronen in eurem Gürtel. Es wird aussehen wie ein Unglücksfall.“

Marek wandte sich von Ellis ab, sah Guiness an und musterte den großen schweren Mann. „Mark“, sagte er voller Verachtung, „du bist ein Schwein und wirst immer ein Schwein bleiben!"

Guiness brüllte wütend: „Rede nicht so mit mir, du Habenichts!“

„Ich rede noch ganz anders mit dir, wenn es mir passt, Mark!“, fuhr ihn Marek an. „Einen wehrlosen Mann in die Wüste schicken und möglichst noch zwischen die Schlangen werfen. Feiner Zug von dir, wirklich fein. Clark, ich bin in diesem Moment bei Guiness ausgestiegen.“ Er sah Ellis an, der immer noch das Gesicht schmerzhaft verzog.

„Ja, ein Lump war er immer. Den eigenen Schwager in die Wüste schicken. Wirklich stark", murmelte Ellis.

„Also gut, dann machen wir es anders! Gib ihm seinen Revolver zurück, Joe!“, befahl Guiness. „Er wird ziehen, und darauf warte ich.“

„Einen Dreck! Clark, wir setzen ihn auf seinen Gaul, wenn er aufwacht, dann sehen wir, wohin er reitet.“

„Gut Idee“, stimmte Ellis zu, dem es sichtlich besser ging. Es kam auch wieder Farbe in sein Gesicht.

Guiness schnaufte wie eine Dampfmaschine. „Hier bestimme ich! Er bleibt hier!“

„Du hörst schlecht, Alter“, sagte Marek sanft. „Ich hatte dir erklärt, dass ich nicht mehr zu deinem Verein gehöre. Also bestimmst du über mich nicht. Und du, Clark?“

„Gekündigt! Fristlos!“, knurrte Ellis. „Ich mach alles mit, aber keinen feigen Mord, wie er ihn vor hat. Am Schwager!“

„Ihr Idioten! Er ist mein Schwager, aber er will uns alle hochgehen lassen, merkt ihr das nicht? Er ist ein Bulle!“ Guiness' Hand fiel auf den Revolver.

„Lass die Kanone wieder los, Mark, sonst werde ich ungemütlich!“, warnte Joe Marek.

„Nur keine Sorge!“ Guiness riss die Waffe aus der Halfter. Er richtete sie auf Thorsen, der noch immer reglos am Boden lag.

„Wenn einer von euch Zicken macht, bekommt der dort die Kugel“, versprach Guiness. „Ich bin verdammt nicht der harmlose Elefant, für den ihr mich haltet.“ Er rollte die Augen und prustete wie ein Walross.

„Jetzt ist er übergeschnappt“, meinte Marek und trat zwei Schritte zur Seite.

„Bleib nur stehen, wo du bist, Joe, ich mache verdammt keinen Spaß, du elender Satteltramp! Alle beide taugt ihr nichts. Ich hätte euch längst zum Teufel jagen sollen. Aber ihr kennt die Gila, und nur deshalb habe ich euch behalten. Doch jetzt ist mir auch das egal. Der Teufel soll euch alle beide holen!“

Blitzschnell, viel schneller, als man es diesem Berg von Mensch zugetraut hätte, riss er den Revolver herum. Ein Feuerstrahl schoss auf die Stelle zu, wo Joe Marek eben noch gestanden hatte.

Marek war nicht mehr da. Schon bei Guiness' Ansatz zur Drehung flog er zu Boden, griff zum Colt, aber dennoch krachte der Schuss von Ellis noch früher. Er fiel unmittelbar nach Guiness' Abschuss.

Guiness wurde von dem Treffer des Kalibers förmlich zurückgeschoben. Er riss den Mund auf, als wolle er schreien, aber dann hatte er schon den ersten Schock überwunden und wollte abermals schießen.

Ellis feuerte ein zweites Mal, und das riss Guiness endgültig von den Beinen. Er schrie auf und stürzte schwer zu Boden.

Das schrille Kreischen von der Tür ließ Ellis und Marek herumfahren. Und da sahen sie Inez, die mit weit aufgerissenen Augen auf Guiness starrte.

Guiness war mit der Schulter auf Thorsen gestürzt. Der noch immer besinnungslose Thorsen war halb unter dem Koloss Guiness begraben.

Marek trat zu Guiness, zog ihn an der Schulter von Thorsen herunter und kniete sich neben Guiness zu Boden.

Ellis sah ihm gelangweilt zu und lud dabei seinen Revolver auf. „Lebt er noch?“

Marek schüttelte den Kopf und wandte sich Thorsen zu.

„Was ist mit dem? Ist der etwa auch tot?“, fragte Ellis, als Marek etwas nervös das Ohr auf Thorsens Brust drückte.

„Sei still!"