Dr. Sonntag 10 – Arztroman - Peik Volmer - ebook

Dr. Sonntag 10 – Arztroman ebook

Peik Volmer

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Opis

Professor Dr. Egidius Sonntag ist ein wahrlich ungewöhnlicher Chefarzt, überaus engagiert, aber auch mit kleinen menschlichen Fehlern behaftet. Sie machen diese schillernde Figur ganz besonders liebenswert, aber auch verletzlich. Manchmal muss man über ihn selbst den Kopf schütteln, wenn er etwa den 15. Hochzeitstag vergisst und seine an Brustkrebs erkrankte Ehefrau töricht vernachlässigt. Er tut dies nicht aus Lieblosigkeit, aber er ist auch nicht vollkommen. Dr. Sonntag ist der Arzt, der in den Wirren des Lebens versucht irgendwie den Überblick zu behalten – entwaffnend realistisch geschildert, aber nicht vollkommen. Diese spannende Arztserie überschreitet alles bisher Dagewesene. Eine Romanserie, die süchtig macht nach mehr! Sehr verehrte Leserin, sehr geschätzter Leser, unser erstes gemeinsames Jahr liegt beinahe hinter uns! Hatten Sie ein frohes Fest? Und vor allem: Haben Sie den 2. und 3. Januar frei? In Norddeutschland vermutlich nicht. Aber wenigstens ist es eine kurze Arbeitswoche für Sie. Am Schliersee geht das Jahr gemächlich los. In Bayern feiert man am Montag den Dreikönigstag, sodass das Jahr 2020 erst am 7. 1. so wirklich beginnt. In unserer Geschichte hängen wir zeitlich ein wenig hinterher. Wir sind im Herbst angekommen, und große Ereignisse werfen ihre Schatten voraus. Gleich drei Hochzeiten, zum Beispiel. Karin Fürstenrieder und Kilian Kreuzeder. Aglaja Tauber und Felix Antretter. Und auch Katrin Gräber und Murat Kaya. Zeitlich drängen tut es bei keinem der Paare, auch wenn Aglaja gern ihrem Ex-Ehemann Richard Tauber, der mit seiner jungen Frau Barbara sehr, sehr glücklich ist, zeigen möchte, was eine Harke und wie glücklich sie mit dem attraktiven Gynäkologen ist. Gespannt bin ich, wie die Geschichte mit Schwester Maria und Tassilo Resch weitergeht. Ob sich Timon Südens Zustand weiter bessert und die Krise, in der das Ehepaar sich befindet, beigelegt werden kann.

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Dr. Sonntag – 10 –

Unendlich ist ziemlich weit weg

Oft ist der Weg das Ziel …

Peik Volmer

Sehr verehrte Leserin, sehr geschätzter Leser, unser erstes gemeinsames Jahr liegt beinahe hinter uns! Hatten Sie ein frohes Fest? Und vor allem: Haben Sie den 2. und 3. Januar frei? In Norddeutschland vermutlich nicht. Aber wenigstens ist es eine kurze Arbeitswoche für Sie. Am Schliersee geht das Jahr gemächlich los. In Bayern feiert man am Montag den Dreikönigstag, sodass das Jahr 2020 erst am 7.1. so wirklich beginnt.

In unserer Geschichte hängen wir zeitlich ein wenig hinterher. Wir sind im Herbst angekommen, und große Ereignisse werfen ihre Schatten voraus. Gleich drei Hochzeiten, zum Beispiel. Karin Fürstenrieder und Kilian Kreuzeder. Aglaja Tauber und Felix Antretter. Und auch Katrin Gräber und Murat Kaya. Zeitlich drängen tut es bei keinem der Paare, auch wenn Aglaja gern ihrem Ex-Ehemann Richard Tauber, der mit seiner jungen Frau Barbara sehr, sehr glücklich ist, zeigen möchte, was eine Harke und wie glücklich sie mit dem attraktiven Gynäkologen ist.

Gespannt bin ich, wie die Geschichte mit Schwester Maria und Tassilo Resch weitergeht. Ob sich Timon Südens Zustand weiter bessert und die Krise, in der das Ehepaar sich befindet, beigelegt werden kann. Er übt ja kräftig mit dem neuen Physiotherapeuten, Emmerich Fahl.

Ja, und Sorgen mache ich mir um Lolli Poppke. Die Diagnose ›Brustkrebs‹ kam doch sehr überraschend. Und ich fand es bewundernswert, wie mutig Hatice mit ihrem Outing war. Noch viel mehr Bewunderung hat mir die Reaktion ihrer Mama Ayse abgenötigt. Haha, ich sehe sie gerade in ihrer Küche stehen, und aus Mehl, Zucker, Salz, Butter und Wasser Blätterteig herstellen. Sie könnte natürlich Blätterteig auch tiefgekühlt kaufen, was die jungen Frauen heutzutage tun. Die Frauen, die nicht kochen können, denkt Ayse gelegentlich, und nur Tiefkühlpizza aufbacken! Das ginge gegen ihre Ehre! Gerade rollt sie den Teig hauchdünn aus …

»Du essen!«

Die Herstellung von Baklava war eine ihrer Stärken. Mit Baklava hatten ihre Eltern Hatices Vater gefüttert, nachdem er eine Zeit lang um ihre Hand angehalten hatte, als Zeichen dafür, dass sie ihn als Schwiegersohn akzeptierten. Und das honigsüße Gebäck war Nahrungsmittel und Trost zugleich. Für die Figur war es tödlich, aber wen scherte es? Sie war jenseits der 50, und niemand sah sie mehr an. Da konnte sie sich auch gern den leiblichen Genüssen hingeben, ohne ein schlechtes Gewissen haben zu müssen. Und wie man an der Lebensgefährtin ihrer Tochter sah, hatten auch üppige Kurven durchaus ihren Reiz.

Der Lebensgefährtin ihrer Tochter… Ja, das war eben eine andere Zeit. Da ging man mit so etwas anders um als noch in ihrer Jugend. Sie stammte aus einem bürgerlichen Stadtteil Istanbuls, Kadiköy. Ihr Eltern hatten dort eine Wohnung gekauft. Sie war ihrem Mann nach Deutschland gefolgt, der Arbeit wegen, und irgendwie hatten sie den Absprung verpasst, auch wenn sie fest vorhatten, irgendwann in die Türkei zurückzukehren. Sie hatte diese wunderbare Putzstelle in der Klinik St. Bernhard gefunden, wo sie sich wohl und akzeptiert fühlte. Sie war fleißig, gewissenhaft, fröhlich und eine Institution. Dadurch, das jeder mit ihr ein paar freundliche Worte wechselte, wurde ihr eigenes Deutsch immer besser, auch wenn sie mit Grammatik nicht viel im Sinn hatte. Ihre schöne Tochter war hier zur Welt gekommen, sie hatte sogar in der Klinik entbunden. Und ihr Kind hatte es zu etwas gebracht. Sie war eine Frau Doktor. Leider keine Ärztin, aber Lehrerin war doch auch etwas, oder? Und wenn man mit der alten Heimat telefonierte, konnte man die Verwandten dort beeindrucken mit so einer Karriere. Noch dazu in Deutschland.

Wie gern hätte sie alle mit der Nachricht von Hatices Hochzeit überrascht. Die Familie, Freunde, die Freunde der Familie, die Freunde der Freunde eingeladen. Aber auch wenn die Zeiten sich geändert hatten und man anders damit umging, dass zwei Frauen miteinander leben wollten, ein Hauch von Anrüchigkeit blieb. Gegeben hatte es so was zu allen Zeiten. Auch in der Türkei. Cousin Berat zum Beispiel. Er hatte nie geheiratet, weil er angeblich ›die Richtige‘ nicht finden konnte. Man traf in in der Regel in Gesellschaft anderer Herren und sprach nicht gern über ihn.

Hier war Deutschland. Hier war alles freier, zu frei manchmal. Für ihren Geschmack.

Aber die Hauptsache war, das Hatice glücklich wurde. Und Veronika machte sie glücklich.

Beinahe. Diese schreckliche Krankheit! Veronika musste zur Bestrahlung, immer wieder, und das war wohl unglaublich anstrengend. Wenn sie nach Hause kam – zu Ayse nach Hause kam, wohlgemerkt! –, war sie immer völlig erschöpft, legte sich auf die Couch und schlief ein, sobald ihr Kopf das dicke, braune Kissen berührte. Sie, Ayse, stand in der Küche und bereitete ihr die leckersten Speisen zu. Veronika kämpfte den Anflug von Übelkeit herunter. Nein, Hunger hatte sie nicht, aber Ayse akzeptierte kein ›Nein‹ als Antwort.

»Du essen. Sonst schwach, und viel krank!«

»Ayse, du bist so lieb, dank dir schön. Aber ich bin ja noch satt von gestern!«

»Essen!«

»Aber nur die Hälfte!«

Sie wollte um nichts in der Welt die Mama ihrer Frau verletzen, die sich so viel Mühe gab, um es ihr schön zu machen. Also arbeitete sie sich durch das Menü, so gut es eben ging, und lobte den Geschmack der dargebotenen Speisen, was ihr nicht schwer fiel. Alles war unglaublich lecker, besonders dass Baklava.

Also gestärkt, dachte Veronika über ihre Beziehung nach. Konnte – durfte sie Hatice derart belasten? Gut. Man blieb nicht ewig jung und gesund. Irgendwann schlug das Alter zu. Krankheiten kamen, und irgendwann war es dann so weit, dass man sich für immer Lebewohl sagen musste. Aber dies stand am Ende einer Beziehung, nicht am Anfang. Wollte sie ihre Frau zur Witwe machen, noch bevor sie sich offiziell das Jawort gegeben hatten? Man stelle sich vor: Man lernt jemanden kennen. Man verliebt sich. Plant das gemeinsame Leben. Und plötzlich ist die eine todkrank und stirbt. Worin lag da der Sinn?

Hatice würde sie nie im Stich lassen, dessen war sie gewiss. Sie würde sich für sie aufopfern. Womöglich ihren Beruf aufgeben, nur um sie zu pflegen. Das durfte nicht geschehen. Das durfte sie, Veronika Froschauer, nicht zulassen. Wenn der Krebs ihr Leben beendete, war das ärgerlich genug. Wenn er gleichzeitig Hatices Leben ruinierte, war das völlig übertrieben.

Sie musste einen Weg finden, sich von Hatice zu trennen. Sie hatte keine Vorstellung davon, wie sie es anstellen würde. Sie wusste nur, dass es geschehen musste. Freiwillig würde ihre Frau sie niemals verlassen. Nicht einmal, wenn sie sie dazu aufforderte zu gehen. Nein, im Guten würde das keinen Erfolg haben. Es musste gewaltsam geschehen. Als ob man ein Pflaster herunterriss. Das tat einmal kurz weh, und dann war es erledigt.

Hatice verletzen? Das war es, was nötig war! Sie musste den Menschen, den sie am meisten liebte, verletzen. Sie aus dem Haus treiben, unter einem albernen Vorwand. Auch wenn es ihr am meisten wehtäte! Da konnte sie sich auch gleich das Herz herausreißen!

Wäre das nicht eine Idee? Sie konnte ihrem Leben von eigener Hand ein Ende setzen. Aber dann würde Hatice weiterleben, mit Schuldgefühlen vielleicht, weil sie den Selbstmord nicht verhindert hatte! Sie würde sie finden, und das Bild ihres toten Körpers würde sich in ihre Vorstellung brennen und sie den Rest ihres Lebens daran hindern, wirklich glücklich zu sein.

Nein. Sie musste sie hassen. Das war ihre einzige Chance. Hass und Verachtung sollte sie empfinden. Dann wäre ihr ihr Tod egal. Im Gegenteil. Vielleicht hätte sie dies Gefühl von ›Geschieht ihr ganz recht!‹.

»Noch Baklava essen!«, ordnete ihre designierte Ex-Schwiegermutter an. Grimmig biss sie in den hauchdünnen Blätterteig, dass die Krümel sich wie Schneeflocken über die Couch ergossen.

Alles auf Anfang

Chris holte Timon vom Logopäden ab, um ihn auf die Station zurückzubringen. Es war nicht seine Aufgabe, aber er hatte nicht die Absicht, ihn hängenzulassen. Nicht, weil er noch etwas für ihn empfand. Also, Liebe, oder so. Aber Freundschaft. Ja, Freundschaft, verdammt. Sie hatten sich einmal – und wenn es auch nur ein kurzer Moment war – sehr nahe gestanden. Und daraus erwächst doch ewige Verantwortung, oder? Oder war das Quatsch? War diese Begegnung bedeutungslos und zu nichts verpflichtend? Er, Chris, war nicht so drauf. Schon gar nicht, wenn dieser Mensch, dem man begegnet war, plötzlich hilfsbedürftig wurde.

»Na, wie war es, Timon? Hast du neue Erkenntnisse gewonnen?«

»Ich wusste nicht, wie schwierig es ist, wieder brechen zu lernen!«

»Du meinst: Sprechen zu lernen, oder?«

»Sprechen!« Timon strengte sich sehr an, das Wort zu sagen. »Entschuldigung!«

»Du musst dich doch nicht entschuldigen, Timon! Vor ein paar Wochen hättest du so einen schönen Satz überhaupt nicht hinbekommen! Und jetzt war alles richtig! Nur ein einziges Wort war falsch! Wie ist es denn mit dem Laufen?«

Timon machte eine unsichere, resignierte Bewegung mit der linken Hand.

»So schwierig!«

»Das kommt alles wieder. Du darfst nur nicht aufgeben, hörst du?«

»Hatte ich nicht gesagt, dass Sie meinen Mann in Frieden lassen sollen?«

Na klar. Immer, wenn es am schönsten war, kam jemand, der den Frieden störte, wie in diesem Fall Frau Philine Süden. Aus irgendeinem Grund war Pfleger Chris heute auf Krawall gebürstet.

»Sie haben mir meine Arbeit weder zu erklären noch mir vorzuschreiben, Frau Süden. Wenn Sie wollen, beschweren Sie sich beim Chefarzt. Oder bei sonst wem. Ist mir völlig gleichgültig. Und jetzt gehen Sie mir sofort aus dem Weg!«

»Sagen Sie mal – wie reden Sie denn mit mir? Was fällt Ihnen ein? Sie spielen hier doch die mieseste Rolle in dieser widerlichen Schmierenkomödie! Also halten Sie hier keine Volksreden und benehmen Sie sich!«

»Ich glaube, meine Dame, dass Sie sich irren. Die Initiative zu dem, was Sie als Schmierenkomödie bezeichnen, ging nicht von mir, sondern von Ihrem Mann aus. Und da sollten Sie sich selbstkritisch einmal fragen, was an Ihnen und Ihrer Beziehung nicht stimmt, wenn Ihr Mann das nötig hat!«

Rumms! Das hatte gesessen! Die Dame wich zurück, hielt kurz inne, und lief dann, so schnell sie konnte, den Gang hinunter.

»Bitte entschuldige, Timon. Aber sie hat mich schon einmal so behandelt, und ein zweites Mal lasse ich mir diese Anwürfe nicht gefallen. Noch nicht mal von deiner Frau!«

Timon nickte.

»Versteh ich«, brachte er heiser heraus.

Der kleine Auftritt blieb übrigens ohne jede Konsequenz, sah man mal davon ab, dass künftig Frau Süden um Pfleger Christopher Mayr einen großen Bogen machte.

*

»Chris, du bist ein altes Ekel!«, lachte dessen Gatte, nachdem dieser ihm von den Vorfällen in der Klinik erzählt hatte. »Versteh doch die Frau Süden. Sie ist überfordert mit der Situation. Und sie versteht nicht, was ihrem Mann bei ihr fehlt! Dagegen hat sie nun mal kein Rezept!«

»Philipp, das ist mir doch klar. Sie tut mir ja auch leid. Glaub mir: Ich würde mich jederzeit mit ihr zusammensetzen, um das mit ihr auszudiskutieren. Um sie zu trösten und zu beruhigen. Aber wie sagt man so schön? Der Ton macht die Musik. Und ich lasse es nicht zu, dass sie so mit mir redet. Zumal ich nichts anderes tue, als ihren Mann anständig medizinisch zu versorgen und zu betreuen. Ich bin Pfleger auf der Inneren, und ein Apoplex ist nun mal ein internistisches Krankheitsbild!«

»Was hast du denn für einen Eindruck? Medikamentös ist er optimal eingestellt, und viel mehr tun als geduldig abwarten kann man nicht!«

»Ich glaube, am meisten leidet er unter den Wortfindungsstörungen. Es ist ekelhaft, wenn du ›Sonne‹ sagen willst und ›Kamm‹ kommt heraus! Er beklagt sich auch über die Hemiparese rechts. Dabei finde ich, er kann den Arm schon ganz gut wieder bewegen. Nur mit dem Gehen klappt es noch nicht wieder ganz optimal!«

»Ich werde mich mal mit dem Emmerich kurzschließen. Und vielleicht die Logopädie intensivieren. Ich sehe natürlich Fortschritte. Du darfst nicht Vergessen, dass Timon mit vielen Dingen bei Null anfängt.«

»Was denkst du? Wird er wieder in seinem Beruf arbeiten können?«

»Das hat Egidius mich auch schon gefragt. Ich denke, dass das noch sehr lange dauern wird. Aber ich halte es für möglich, dass man, wenn er mag, eine andere Stelle für ihn finden kann. In der Gerichtsmedizin oder der Pathologie. Auch Forschung halte ich für denkbar. Das ist körperlich nicht so belastend, und er muss nicht schnell arbeiten.«

Chris rührte betrübt in seiner Teetasse.

»Das ist ungerecht, nicht? Jemand, der so vielen Menschen geholfen hat, ist selbst völlig hilflos!«

»Vielleicht gibt es einen Sinn, meinst du nicht? Ich denke, dass es ganz gut sein kann, von Zeit zu Zeit mal zurückgeworfen zu werden, um nicht überzuschnappen, vor Allmacht-Fantasien. Und außerdem erkennt man, wer seine Freunde sind, wer zu einem hält, und wer da ist, wenn er gebraucht wird. Wie du, zum Beispiel.«

»Meinst du, dass es auch eine Bestrafung sein könnte?«

»Wofür den Strafe?«

»Naja …«

»Blödsinn. Krankheit ist doch keine Strafe! Krankheit ist die Folge von etwas. Meist einer genetischen Konstellation. Oder ungesunder Lebensweise. Oder dummer Zufälle. Aber Strafe? So darf man als Arzt nicht denken. Stell dir bitte vor, ein Patient kommt mit einer Erkrankung zur Behandlung, und ich sage, schade, Herr Müller, aber das ist ihre verdiente Strafe!«

In diesem Augenblick gab es klappernde Geräusche an der Haustür. Hannes betrat das Zimmer.

»Na? Wie war es in der Schule?«

»›Die Parallelen schneiden sich im Unendlichen‘. Wie weit ist ›unendlich‹?«

»Ich glaube, unendlich ist ziemlich weit weg«, antwortete Philipp. »Das ist eine Utopie!«

»Was ist eine Utopie?«

»Etwas, von dem man eine ungefähre Vorstellung hat, ohne in der Lage zu sein, eine genaue Definition abgeben zu können. Man hat einen Begriff für etwas geschaffen, um mit dieser Vorstellung umzugehen. ›Unendlich‹ bedeutet vom Wort her ja ewig, ohne Ende. So etwas gibt es ja eigentlich nicht. Alles ist endlich, irgendwann. Aber man benutzt das Wort gern, um deutlich zu machen, dass etwas sehr, sehr lange andauert. Oder sehr, sehr weit entfernt ist. Zum Beispiel kommt einem die Zeit, sagen wir, eine Stunde, wenn man etwas erwartet, viel länger vor. Und sie vergeht wie im Fluge, wenn man etwas tut, was einem Freude bereitet. Schaut man auf die Uhr, stellt man fest, dass es in beiden Fällen nur eine Stunde war. Bei Entfernungen ist das ähnlich. Weiß man, dass am Ende eines Weges etwas Schönes auf einen wartet, kommt einem der Weg nicht so lang vor. Befürchtet man etwas Schlimmes, dann zieht sich jeder Meter in die Länge.«

»Was erwartet mich am Ende meines Weges? Etwas Schönes oder etwas Schlimmes?«

Philipp und Chris sahen sich an.

»Du bist ein ganz besonderer Mensch, Hannes. Du hast Begabungen, die nicht alltäglich sind, weswegen man sie schwer versteht. Auf deinem Lebensweg wirst du immer Menschen begegnen, die dich mögen, und Menschen, die dich missachten. Das ist ganz normal. Aber es ist auch unwichtig. Wichtig ist, dass du dein Bestes gibst. Das ist der Teil des Lebens, den man selbst in der Hand hat. Ach ja, dein Weg ist natürlich noch lange nicht zu Ende!«

»Und wenn einer sagt, dass ich behindert bin?«

»Hat das jemand gesagt?«

Hannes schwieg.

»Weißt du, was komisch ist?«, entgegnete Chris. »Dein Asperger sorgt dafür, dass du viele Dinge wahrnimmst, erkennst, siehst, für die alle anderen blind sind. Also sind die eigentlich die Behinderten. Trotzdem finde ich es kümmerlich, über Menschen derartig zu urteilen. – Hey, du weißt, wie sehr wir uns mit deiner Mama gestritten haben, weil wir uns so sehr gewünscht haben, dass du bei uns lebst, oder? Wir wollten unbedingt deine Papas sein. Und du weißt auch, warum?«

»Weil ihr mich lieb habt.«

Chris und Philipp lachten. So, wie der Junge den Satz ausgesprochen hatte, hörte er sich so nüchtern an, wie die Feststellung, dass das Betreten des Rasens verboten ist.

»Wieso lacht ihr? Ihr habt mich doch lieb!«

»Deswegen lachen wir ja! Weil wir uns so freuen, dass du bei uns lebst!«

*