Die Totenhand - Alexandre Dumas - ebook

Die Totenhand ebook

Alexandre Dumas

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Opis

Fortsetzung des Romans "Der Graf von Monte Christo", so ist in dem Original dieses eBooks zu lesen. Bis heute ist allerdings nicht verbrieft, dass Dumas diesen roman wirklich geschrieben hat. Dennoch knüpft er nicht weniger spannend am Ende des "Grafen", einem der größten Werke der Literaturgeschichte, an ....

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Die Totenhand

Alexandre Dumas der Ältere

Inhalt:

Alexandre Dumas, der Ältere – Biografie und Bibliografie

Die Totenhand

Erster Band.

I. Wer auf Steigen und Fallen spielt.

II. Benedetto.

III. Frau von Danglars.

IV. Die sechzigtausend Franks Benedettos.

V. Das Grabgewölbe.

VI. Die Kulissen des Theaters Argentino in Rom.

VII. Das Guckloch in dem Vorhang.

VIII. Zwei Männer ohne Namen.

IX. Die französischen Spione.

X. Ueberraschung.

XI. Ein unerwarteter Besuch.

XII. Der Brief Benedettos.

XIII. Der vorgebliche Sekretär des Grafen von Monte Christo.

XIV. Der Raub.

XV. Mann und Frau.

XVI. Der römische Bandit und der Pariser Räuber.

XVII. Der Kranz.

XVIII. Der Vater und die Tochter.

XIX. Unverhoffte Ereignisse.

XX. Die Via Appia.

Zweiter Band.

I. Das Kolosseum.

II. Die Komödie.

III. Die Komödie verwickelt sich.

IV. Die Entführung.

V. Campi Lugentes.

VI. Gerechtigkeit.

VII. Eine Nacht auf dem Meere.

VIII. Der Schiffbruch

IX. Die Frau ohne Namen.

X. Ein Beistand des Himmels.

XI. Die Schlange.

XII. Zwei unschuldige Opfer einer furchtbaren Rache.

XIII. Das Gasthaus zur Glocke.

XIV. Die Abfahrt.

XV. Venedig.

XVI. Die Träume in der Grotte Monte Christo.

XVII. Nachforschungen.

XVIII. Die Contrebandiers.

XIX. Schrecken.

XX. Giovanni Gradenigo.

Dritter Band.

I. Die Grotte Monte Christos.

II. Der Ball des Herrn von Gradenigo.

III. Der erste gegen den Koloß geführte Streich.

IV. Der Zigeuner.

V. Das Festmahl der Armen.

VI. Der Brief.

VII. Von Mantua nach Florenz.

VIII. Der Brand.

IX. Von Ueberraschung zu Ueberraschung.

X. Die Eitelkeit des Menschen.

XI. Gift.

XII. Das Landhaus der Familie Morel.

XIII. Die rechte Hand des Herrn von Villefort.

XIV. Letzte Nacht auf der Insel Monte Christo.

XV. Die Rückkehr zu dem Grabe.

XVI. Die Geduld des Lammes Gottes sei mit Dir.

XVII. Nach der Hinrichtung.

XVIII. Der Büßer.

XIX. Die Schwester des heiligen Lazarus.

XX. Der 27. September.

Die Totenhand, Alexandre Dumas

Jazzybee Verlag Jürgen Beck

Loschberg 9

86450 Altenmünster

ISBN: 9783849628147

www.jazzybee-verlag.de

[email protected]

Alexandre Dumas, der Ältere – Biografie und Bibliografie

Berühmter franz. Schriftsteller, Sohn des vorigen, geb. 24. Juli 1802 zu Villers-Cotterets im Depart. Aisne, gest. 5. Dez. 1870 in Puy bei Dieppe, erhielt nur eine unregelmäßige Erziehung und kam mit 20 Jahren in das Bureau des Herzogs von Orléans, dessen Bibliothekar er wurde am Tage nach dem Erfolg seines historischen Dramas »Henri III et sa cour« (1829), das man als einen glänzenden Triumph der romantischen Schule über das klassische Theater ansah. 1830–1831 folgten die Dramen: »Stockholm, Fontainebleau et Rome« (mit Entlehnungen aus Goethe und Schiller), »Antony«, »Charles VII chez ses grands vassaux«, »Napoléon Bonaparte«. Die Leichtigkeit der Erfindung, geschickte Inszenierung, eine leidenschaftlich bewegte Handlung, eine unerschöpfliche Phantasie und Energie des Ausdrucks, Vorzüge, die fast allen seinen Stücken eigen sind, übten eine hinreißende Wirkung aus. Seine eigne ungeheure Produktionskraft genügte aber nicht seinem Durst nach Ruhm und Gold sowie den von Stück zu Stück sich steigernden Anforderungen des Publikums; darum entlehnte er nicht nur, was und woher er konnte, sondern bediente sich auch zahlreicher Mitarbeiter, von denen einzelne ganze Stücke (z. B. Gaillardet das Drama »La tour de Nesle«) für sich in Anspruch nahmen. Mit der gesteigerten industriellen Ausbeutung seines Talents wuchsen auch die Fehler seiner Stücke: Flüchtigkeit und Gedankenleere, Übertreibungen, die lächerlichsten Gasconaden und die Häufung der auf den Sinnenkitzel berechneten Effekte machen viele seiner Stücke ungenießbar. Wir erwähnen noch. »Térésa« (1832); »Angèle« (1833); »Catherine Howard« (1834); »Don Juan de Marana« (1836); »Kean, ou désordre et génie« (1836); »Caligula« (1837); »Paul Jones« (1838); besonders aber die Komödien: »Mademoiselle de Belle-Isle« (1839), »Le mariage sous Louis XV« (1841) und »Les demoiselles de St.-Cyr« (1843), die sich als Stücke von wirklichem Wert auf der Bühne erhalten haben. Ost recht interessant sind seine Reisebeschreibungen, obwohl voll von platten Späßen und Phantasiebildern und durchaus unzuverlässig. Er durchreiste die Schweiz, Italien, Deutschland, Spanien (1846 als Historiograph des Herzogs von Montpensier auf dessen Heiratsreise) und Nordafrika, später Syrien, Ägypten etc. und beschrieb diese Reisen in den Werken (1835–59): »Impressions de voyages«, »Quinze jours au Sinaï«, »Le Caucase, voyage« etc. Als die Feuilletonromane Mode wurden, warf sich D., dessen fürstlicher Aufwand ungeheure Summen erforderte, zugleich der Romanfabrikation in die Arme. Die Produktion war eine so rege, dass D. in der Regel mit einem halben Dutzend Romane zugleich beschäftigt war und zeitweise allwöchentlich ein Band die Presse verließ, wobei er doch noch Zeit übrig behielt, ein eignes Theater (Théâtre historique) zu gründen, das ermeist mit eignen Stücken versorgte. Von den zahllosen aus dieser Romanfabrik hervorgegangenen Werken, die D. mit der gesamten europäischen Lesewelt in innige Verbindung brachten, seien hier nur die berühmtesten erwähnt: »Le comte de Monte-Cristo« (1844–45, 12 Bde.), »Les trois mousquetaires« (1844, 8 Bde.) nebst den »Vingt aus après« (1845, 10 Bde.) und »Vicomte de Bragelonne« (1847, 12 Bde.), »La reine Margot« (1845, 6 Bde.); ferner: »Le chevalier de Maison-Rouge« (1846), »La dame de Monsoreau« (1846) u.a., die meist auch noch (wie namentlich »Le comte de Monte-Cristo«, »Les trois mousquetaires«, »La reine Margot«) in dramatischer Bearbeitung auf der Bühne Erfolge errangen. Sittlicher Gehalt fehlt diesen Romanen fast durchaus; doch sind sie reich an grellen Effekten und an zwar sehr unwahrscheinlichen, doch höchst spannenden Situationen. Die Februarrevolution unterbrach diese Produktion nur auf kurze Zeit, denn weder als politischer Schriftsteller noch als Kandidat der Kammer hatte D. Glück. In den 50er Jahren erschienen unter anderm (z. T. in den von ihm eigens dazu gegründeten Zeitschriften: »Le Mousquetaire« und »Monte-Cristo«) die Romane: »Le dernier roi des Français«, »Les Mohicans de Paris«, »Saltéator«, »La princesse Monaco«, die »Mémoires d'un jeune cadet« und »Mémoires d'Horace«, eine große Phantasie über das alte Rom. Während des italienischen Feldzugs war D. als Berichterstatter tätig, beteiligte sich dann an Garibaldis Feldzügen in Sizilien und Neapel, die er in einer besondern Schrift (»Les Garibaldiens«, 1861) beschrieb. Von sonstigen Werken sind noch verschiedene historische oder auf der Grenze von Geschichte und Roman stehende Werke zu erwähnen, wie: »Jeanne d'Arc« (1842), »Les Médicis« (1845), »Michel-Ange et Raphaël Sanzio« (1846), »Louis XIV et son siècle« (1847), »Louis XV« (1849), »Louis XVI« (1850) u.a., sowie seine »Mémoires« (1852–54, 22 Bde.; 1866, 2 Bde.). Aus seinem Nachlaß erschien 1872 ein »Grand dictionnaire de cuisine« (!), und ein nachgelassenes Bühnenstück: »La jeunesse de Louis XIV«, wurde 1873 mit günstigem Erfolg ausgeführt. Von seinen Hauptwerken sind mehrere Gesamtausgaben erschienen, z. B. im »Musée littéraire« und in der »Bibliothèque contemporaine« der Gebrüder Lévy in Paris. Sein »Théâtre complet« (über 60 Stücke) kam 1874 in 15 Bänden heraus. Vgl. Fitzgerald, Life and adventures of Alexandre D. (Lond. 1873); Blaze de Bury, A. D., sa vie, son temps, son œuvre (Par. 1885); Glinel, A. D. et son œuvre (Reims 1884); Parigot, Alex. D. père (Par. 1901); Davidson, A. D. (père), his life and work (Lond. 1902); Spurr, Life and writings of A. D. (das. 1902); Lecomte, Alex. D., sa vie intime, ses œuvres (Par. 1903). Denkmäler sind ihm in seinem Geburtsort und in Paris errichtet.

Die Totenhand

Erster Band.

I. Wer auf Steigen und Fallen spielt.

Ob das Unglück uns trifft, ob das Schicksal uns verfolgt, was tut das? Es wird deshalb doch niemals an Menschen fehlen, die, das Lächeln auf den Lippen, die Seele von Lust erfüllt, zu uns kommen, um uns an ihren Vergnügungen teilnehmen zu lassen, solange die Not nicht offen den Zauber unseres früheren Wohlergehens vernichtet hat.

Es ist daher dieser Zauber, aber auch dieser Zauber allein, welcher die glänzende Menge, die große Welt genannt, zu uns führt, welcher macht, daß wir von derselben nicht verlassen werden, wenn sie auch weiß, daß wir unter der Last des Verhängnisses leiden. Die Baronin Danglars hatte unter diesem furchtbaren Gewichte ihr Haupt beugen müssen, denn sie war von einem harten Schlage getroffen worden; gleichwohl versammelte sie in ihrem Hause noch immer eine glänzende Menge, und sie genoß das Vergnügen, ihre goldgeschmückten Salons als die rühmen zu hören, in denen während einiger Stunden alle die unfrommen Elegants des grünen Tisches am besten empfangen und unterhalten würden. Und nie fehlte an diesen grünen Tischen das Gold, noch der Wille zu spielen, wenn man nur nicht das Privatleben der Spieler zu ergründen strebte.

Der Stolz und der Ehrgeiz der interessanten Baronin Danglars, ihr hoher, schlanker Wuchs, ihr aristokratisch-blasses Gesicht, in welchem ein Paar schöne Augen bald funkelten, bald erloschen, je nachdem sie sich unter dem Einflusse eines süßen Gefühles erweiterten oder unter der Herrschaft des Ehrgeizes verkleinerten, ihr schneeweißer Busen, waren nicht das wenigste, was eine zahlreiche Menge in ihren Salons versammelte.

Denen, welche durch starke Eindrücke leben, mißfällt nie eine Frau wie die Baronin Danglars. Ihr geringschätziges Lächeln, ihr entschlossenes und arrogantes Wesen, welches aber unterwürfig und zärtlich war, wenn sie sich besiegen ließ, ihr beredter und scharfer Blick, ihre außerordentliche Beweglichkeit, alles trug dazu bei, sie für die jungen Modeherren zu einer Löwin zu machen, obgleich sie den Frühling des Lebens bereits überschritten hatte.

Dies war der Grund der Achtung, in welcher die Baronin Danglars sich im Jahre der Gnade 1837 befand.

Es war während einer Septembernacht eben dieses Jahres. Die Säle ihres Palastes waren glänzend beleuchtet und füllten sich nach und nach mit den Personen, welche die Gesellschaften der Baronin besuchten, die von einem Platze zu dem andern flatterte, mit Eifer und Leben sprach und die Galanterien eines ganzen Schwarmes von Kavalieren anhörte.

»Jesus, was für ein melancholisches Gesicht machen Sie, Herr Beauchamp«, sagte sie zu einem Kavalier, dessen strenge Züge einen finstern Ausdruck trugen, der ohne Zweifel darauf berechnet war, irgend ein geheimes Unglück ahnen zu lassen. »Man sollte wahrlich meinen, Sie wären geneigt, uns ein böses Spiel zu machen, weil Sie, wie man mir sagte, vergangene Woche verloren haben –«

»Nein, Frau Baronin, nein; Sie befinden sich im Irrtum. Ich bin es nicht gewohnt, an das zu denken, was ich im Spiel verloren habe; noch viel weniger also bewahre ich deshalb Groll; – ich spiele nicht aus Gewinnsucht, und es ist nicht recht von Ihnen, daß Sie das Gegenteil vermuten.«

»Ei!« entgegnete die Baronin mit ironischem Lächeln und indem sie seinen Arm ergriff. – »Ihre Physiognomie flößte mir wahrlich Furcht ein – Nun, erzählen Sie mir, um meine Besorgnisse zu beschwichtigen, was Sie Neues wissen – das Allerneueste.«

»Von wem verlangen Sie das, schöne Baronin? – Haben Sie nicht Herrn Lucian Debray hier, der Ihnen die besten Neuigkeiten mitteilen kann?«

»Was soll das heißen, mein Herr? Lassen Sie den Herrn Minister gehen, der in seine Gedanken vertieft zu sein scheint? Gott behüte mich davor, ihn seinen Träumereien zu entreißen! Er wäre imstande, mir irgend einen Gesetzentwurf auseinanderzusetzen, und das ist stets so langweilig!«

»Was? Wer? – Der Minister?«

»Ach nein, der Gesetzentwurf?«

»Armer Debray!« murmelte Beauchamp. »Er verdient ihre ironischen Worte nicht; ich gestehe ihm für das Ministerium weit mehr Talent zu wie vielen anderen, die es vor ihm bekleideten.«

»So müssen Sie sprechen, mein Herr – damit man Sie in gleicher Münze bezahle, in Beziehung auf Ihr neues Amt als Generalstaatsanwalt. – Nun endigen Sie nur nicht, wie Ihr Vorgänger.«

»Nein, Frau Baronin,« entgegnete Beauchamp rasch und mit einem Tone, der seinen Eifer bewies, sich eben dieser Worte zu bedienen, um auf einen Boden zu gelangen, nach dem er strebte. »Ich bin fest überzeugt, daß mir nicht das gleiche begegnen wird; wenigstens gewiß nicht aus der gleichen Ursache! Da Sie indes einmal von dem Staatsanwalt sprechen, den ich immer gern vergessen möchte, wenn ich an einem Abend wie diesem, den Fuß in Ihre Salons setze –«

»Mein Herr!«

»Verzeihung, Frau Baronin. Es hört uns niemand. Kein Mensch ahnt, wovon wir uns unterhalten«, sagte der Beamte.

»Genug, Herr Beauchamp, genug. Ich weiß, was Sie mir sagen wollten. Das ermüdet und langweilt mich aber entsetzlich, wissen Sie das? Ich habe Sie nach Neuigkeiten gefragt, um die Besorgnis zu zerstreuen, die Ihr trübes und ernstes Gesicht bei mir erweckte. Erzählen Sie mir dergleichen, wie damals, als Sie nur noch Zeitungsredakteur waren. – Das ist viel heiterer – besser angebracht – und zeigt von mehr Lebensart.«

Bei diesen Worten blieb Beauchamp stehen und sah die Baronin an, als wollte er in ihrer Seele lesen.

»Ei, seht mir doch!« sagte sie lachend und ungezwungen. »Der ehemalige Journalist weiß schon weiter nichts mehr zu sein als Beamter!«

»Nein, Frau Baronin, gegen Sie werde ich stets derselbe bleiben; erzeigen Sie mir die Ehre, das zu glauben. Gleichwohl können die Nachrichten, die ich Ihnen mitzuteilen habe – nicht aus dem Munde eines Journalisten kommen.«

Beauchamp betonte absichtlich die letzten Worte schärfer, so daß Frau von Danglars zu zittern begann.

»Und deshalb nicht?« fragte sie, indem sie ein unbekanntes Gefühl der Besorgnis zu unterdrücken strebte. »Haben Sie denn geschworen, mich heute abend durch Furcht zu töten.«

»Sie können deshalb nicht aus dem Munde eines bloßen Journalisten kommen,« entgegnete Beauchamp, »weil sie eine Dame betreffen, die der Beamte außerordentlich achtet und schätzt. Das ist alles!«

Aus der Art und Weise, wie der Beamte dies sagte, aus dem Ausdrucke seines Blickes, erkannte die Baronin Danglars, daß sie nicht weiter in ihn dringen dürfte. Gleichwohl wünschte sie daraus zu wissen, ob die Neuigkeit des Beamten Bezug auf sie selbst hätte. Sie drehte sich daher um, ließ seinen Arm los und sagte:

»Sehr gut, mein Herr – aus demselben Grunde ehre auch ich diese Dame. Bewahren Sie Ihr Geheimnis für sich.«

Frau von Danglars verlor bei diesem Spiele, denn der Beamte blieb vollkommen ruhig.

»Ah, Dein Gesicht ist von Erz!« murmelte er vor sich hin, indem er der sich Entfernenden nachblickte. Dabei legte er den Zeigefinger der rechten Hand an die Wange. »Indes,« fuhr er in seinem Selbstgespräch fort, »werde ich allein von all denen, die Dich umringen, nicht durch Dich getäuscht! In Deiner Vergangenheit gibt es ein entsetzliches Geheimnis, das Du den Augen der Welt sehr geschickt zu verbergen weißt, aber den meinigen nicht. In Deinem gegenwärtigen Leben liegt etwas Nichtswürdiges, Schmachvolles, das Du mit höllischer Gewandtheit auf dem Boden Deines Marmorherzens zu bewahren verstehst! – Aber – ans Werk! – Schon bin ich Herr eines Geheimnisses der Vergangenheit; arbeiten wir jetzt an der Entdeckung des übrigen – dessen, was sich auf die Gegenwart bezieht.«

Einige Augenblicke später bemerkte Beauchamp, daß jemand hinter ihm herging, wie ein Mensch, der mit ihm zu sprechen wünschte. Er verkürzte den Schritt und ohne sich umzusehen, sowie ohne bemerken zu lassen, daß er wüßte, man folge ihm, ließ er die Person an sich vorübergehen.

»Könnte ich die Ehre haben, Ihnen zwei Worte zu sagen, Herr von Beauchamp?«

»Wie – Herr Minister? – Ich stehe Ihnen zu Befehl!«

»Sie müssen wissen, in welchem Grunde ich Anteil an allem nehme, was sich auf unser aller Ruhe und Sicherheit bezieht,« sagte Lucian Debray, indem er mit Beauchamp einem kleinen, ganz verlassenen Zimmer zuschritt. »Da dies der Fall ist, glaube ich, daß Sie an meiner Stelle besorgt werden würden, wenn Sie das Gesicht eines Staatsanwalts unruhig und finster sehen.«

»Verzeihen Sie das dem Neulinge. Ich verstehe es noch nicht, die Marmorstirne zu zeigen, die einem Beamten geziemt.«

»Sie legen meine Gedanken falsch aus, Herr von Beauchamp. Ich wollte Ihnen keineswegs einen Vorwurf machen. Ich weiß sehr wohl, daß man Beamter sein kann, ohne deshalb aufzuhören, Mensch zu sein und Gefühle zu haben wie alle anderen Menschen. Die Wahrheit ist, daß ich durch meine geheimen Kundschafter von einem gewissen Falle unterrichtet bin, auf den ich wenig Gewicht lege, den ich aber jetzt für ernster zu halten geneigt bin, da ich Ihr trübes Gesicht sehe. Ich möchte daher heute glauben, was ich gestern bezweifelte! – In dieser Hypothese ist die Ehre einer Dame beteiligt, die ich achte und schätze. – Aus diesem Grunde nahm ich mir die Freiheit, Sie zu befragen, Herr von Beauchamp.«

»Ah, Sie wissen wohl, Herr Debray. – Nun gut, ich gebe Ihnen die Versicherung, daß, wenn der Fall wahr ist –«

»Ich darf hoffen, Sie werden als Beamter handeln,« unterbrach ihn Debray, aber mit einem Tone, welcher sagen wollte: Ich hoffe, Sie werden dann als Freund handeln! – »Jetzt bleibt mir noch übrig, den Namen dieser Dame mit dem der Ihrigen zu vergleichen, um alle meine Zweifel zu bannen. – Hätten Sie wohl die Güte –?«

Bei dieser unmittelbaren Frage, die er übrigens erwartet hatte, konnte Beauchamp sich nicht enthalten, zu antworten, ohne sich der Grobheit gegen den Minister schuldig zu machen, indem er ihm zu verstehen gab, daß er seiner Verschwiegenheit nicht traue. Er näherte sich daher Debray und flüsterte ihm sehr leise ein Wort in das Ohr.

Debray wurde blaß: aber er verhehlte schnell seine Unruhe, nahm Abschied von dem Staatsanwalt und kehrte in den Salon zurück, wo die Baronin seiner mit einer Besorgnis wartete, welche deutlich in ihren Mienen zu lesen war. Der Staatsanwalt verließ das Haus der Baronin Danglars mit einem ironischen Lächeln.

Als die Gesellschaft sich entfernte, die Bankiers die Tische beiseite schoben und ihr Gold, ihre Banknoten einsteckten, gab die Baronin verstohlen ein Zeichen an Debray und verließ dann sogleich die Salons, um sich nach ihren Zimmern zu begeben, wo Luxus und Reichtum sich mit einem vielleicht noch feineren Geschmacke zeigten wie in dem ganzen übrigen Gebäude.

Die Baronin öffnete eine Glastür, die zu einem Musikzimmer führte, in welchem das unerläßliche Pianino stand, und einen traurigen Blick auf das Instrument werfend, konnte sie die Worte nicht zurückhalten:

»Ach, Eugenie, weshalb hast auch Du mich verlassen?«

Eine Träne glitt an der bleichen Wange der stolzen Frau von Danglars herab, die eine Bewegung machte, als wollte sie einen peinlichen Gedanken verbannen, dann durch das Kabinett schritt und sich an das halbgeöffnete Fenster setzte, um verstohlen auf den Hof vor dem Hause hinabzublicken.

Hier blieb sie sitzen, bis sie das Rollen der letzten sich entfernenden Equipage gehört hatte. Dann bemerkte sie den Schatten eines Mannes, der auf das Gebäude zuschritt und mit aller Hast eilte sie nun, die Türe zu einer kleinen Seitentreppe zu öffnen. Darauf kehrte sie in ihr Zimmer zurück und nahm hier auf einem Sofa von himmelblauem Seidenstoff Platz. Lucian Debray stieg die kleine Treppe herauf, schloß die Tür derselben hinter sich und stand der Baronin gegenüber.

»Nun, Debray? Was ist es?« fragte sie ihn mit dem Wesen der lebhaftesten Besorgnis.

Debray zog seine Handschuhe aus, legte seinen Mantel und seinen Hut auf einen Stuhl, und setzte sich dann neben die Baronin, wie ein Mensch, der auf dem vertrautesten Fuß mit ihr stand.

»Sprich doch Debray! Deine Ruhe tötet mich! Du hast gewiß von Beauchamp irgend etwas Schlimmes erfahren?«

»Alles was ich herausbringen konnte, ohne unbescheiden zu werden, war ein einziges Wort,« antwortete Debray mit einer Ruhe, die seine Zuhörerin zur Verzweiflung zu bringen geeignet schien.

»Ha!« rief die Baronin mit einer Bewegung des Unwillens, gepaart mit furchtbarer Angst.

»Und dieses eine Wort war der Name einer Frau – Dein Name!«

»So glaubst Du also, daß ich in Gefahr schwebe?«

»Wie ich dies stets geglaubt habe!« entgegnete Lucian Debray. »Wenn bisher Deine Anwesenheit in Paris nicht zur Lächerlichkeit geworden ist, so habe ich mich deshalb doch nie überreden können, daß Du Deine Rolle, oder richtiger gesagt, Deine Maskerade, lange Zeit durchführen könntest, und jetzt glaube ich dies weniger wie jemals!«

Die Baronin stieß ein leises Lachen beleidigten Stolzes aus und antwortete: »Wenn Du so geurteilt hast, so kommt das daher, weil ich vor Dir nie Geheimnisse hatte wie vor aller Welt. Glaubtest Du gleich ihr, der Baron Danglars reise zu seinem Vergnügen mit seiner Tochter, so würdest Du Dir niemals eingebildet haben, ich sei von dem Baron und von Eugenien verlassen worden.«

»Ganz gut,« entgegnete Debray. »Seit einem Jahre ist Eugenie dem Beispiele des Barons gefolgt und die Pariser Welt glaubt, beide seien auf einer Vergnügungsreise begriffen. In der Tat ist das auch ganz einfach. Aber die Zeit vergeht und wird ferner vergehen, und könnte da nicht jemand den schlechten Einfall haben, Dich zu fragen, wann der Baron und Eugenie zurückkehren werden?«

Die Baronin machte eine Bewegung.

»Könnte nicht ferner,« fuhr Debray fort, »irgend ein boshafter Witzbold sich die Freiheit nehmen, über die verlängerte Abwesenheit der Reisenden zu lachen? Dann würde bald ganz Paris ebenfalls lachen. Du siehst also, teure Baronin, daß es auf dieser Seite nicht gut steht!«

»Nun, so gib mir einen Rat, Debray,« sagte jetzt die Baronin mit dem schüchternen Wesen einer Unschuld von fünfzehn Jahren und legte zugleich ihre Hände auf den Arm Debrays.

»Ich wiederhole Dir, was ich Dir bereits vor einem Jahre gesagt habe, als Du mir den Brief Deines Mannes zeigtest, in welchem er Dir die Worte schrieb: »Ich verlasse Sie, wie ich Sie genommen habe, das heißt, reich und wenig ehrenwert.«

Dieser Ausdruck, der jede andere Frau zu Boden geschmettert haben würde, rief auf den Lippen der Baronin nur ein zweites Lachen beleidigten Stolzes hervor.

Lucian fuhr fort: »Ich wiederhole Dir, daß Du reisen mußt. Vergangenes Jahr hattest Du ein Vermögen von einer Million und zweimalhunderttausend Franks, das heißt eine jährliche Rente von sechzigtausend Franks. Jetzt besitzest Du zwei Millionen und viermalhunderttausend Franks oder mit anderen Worten: Hundertundzwanzigtausend Livres Einkünfte. Was kümmert Dich dabei Paris? Sage zu Deinen Freunden, Dein Mann sei in Rom oder in Civita-Vecchia oder in Neapel und er habe Dich im Namen Eugeniens um Deine Gesellschaft gebeten. Deine Freunde werden dann nicht verfehlen, diese Nachricht überall zu verbreiten und Du könntest darauf nach London gehen.«

»Also willst Du, daß wir uns trennen, Debray?« fragte die Baronin, indem sie vergebens versuchte, eine widerspenstige Träne in ihr Auge zu locken. »Das wird uns sehr schwer werden!«

Lucian antwortete nicht, aber er warf ihr einen Seitenblick zu und stand auf.

»Es ist ein Jahr her, seit wir uns verbündeten,« fuhr sie dann fort, »und unsere Angelegenheiten gingen so gut. Jetzt würden sie eine noch bessere Wendung nehmen, denn da Du Finanzminister geworden bist –«

»Da kommen wir auf den wesentlichen Punkt der Frage!« unterbrach Lucian sie, indem er mit der Hand heftig auf die Lehne eines Armsessels schlug.

»Wie?« fragte Frau von Danglars, indem sie die Augen groß aufriß und sich auf dem Diwan in die Höhe richtete, auf dem sie bisher nachlässig ausgestreckt gelegen hatte, die Haltung einer leidenschaftlich Liebenden annehmend, die sich gehen läßt.

»Die Journalisten der Opposition,« fuhr Debray fort, »haben die Sucht, das Privatleben der Minister aufzudecken. Nun ist aber, unter uns gesagt und da niemand uns jetzt hört, der Hauptzweck Deiner Gesellschaften das Spiel, und ich will nicht, daß irgend jemand sich einfallen lasse, zu sagen, ich zöge daraus Vorteil.«

»Und gleichwohl hast Du ihn gezogen!« bemerkte die Baronin.

»Ich will aber nicht fortfahren, es zu tun,« entgegnete Lucian fest. »Ich sage mich von Deinen Interessen los, es bleibt uns das einfache Agio der Freundschaft.«

»Sehr gut, mein Herr!« rief die Baronin, blaß vor Wut und in ihrer Eigenliebe grausam verletzt; denn sie erkannte sehr wohl, was im Grunde alles in diesen Worten lag. – »Sehr gut, aber ich nehme dieses Opfer nicht an! Berechnen wir uns, und dann –«

»Und dann?« fragte er mit einem spöttischen Lachen, welches bewies, in welchem Grade er die ohnmächtige Wut der edlen Baronin verachtete.

»Sie wünschen ohne Zweifel, daß wir uns nie wiedersehen?«

Lucian steckte die Hände in die Taschen und sagte nichts; eine Antwort, die so viel sagen wollte, als: »Wie es Ihnen gefällig ist.«

»Gleichwohl verkünde ich Ihnen, daß ich diesen Winter noch in Paris bleibe.«

»Sie können nichts Besseres tun. Man hat mir gesagt, daß die Theater sehr gut sein werden. Das Repertoire ist beinahe ganz von Donizetti und Bellini.«

»Und auch von Herrn Lucian Debray,« fügte die Baronin hinzu, indem sie bedeutungsvoll lachte.

»Ich verstehe Sie nicht.«

»Ich will Ihr Debut im Ministerium sehen.«

»Hören Sie Baronin,« sagte Lucian mit einem Ernste, der auf eine eigentümliche Weise gegen den Ton der Frau von Danglars abstach, »wer auf Steigen und Fallen gespielt hat, kann nicht ohne Widerwillen Paris verlassen und sich mit der einfachen Rolle eines ausländischen Touristen begnügen; das ist begreiflich. Das wird aber gleichwohl zur Notwendigkeit, wenn zum Unglück der Staatsanwalt von gewissen Dingen Kenntnis erlangt hat. – Baronin, seien Sie klug, wie Ulysses es war, und weise wie Nestor.«

Bei diesen Worten zog Herr Lucian Debray sein Taschenbuch hervor, öffnete es, legte auf den eleganten Gueridon eine Handvoll Banknoten und setzte sich dann wieder an die Seite der Baronin, welche entsetzlich blaß und aufgeregt stehen blieb.

»Zum zweiten Male, Baronin, sage ich Ihnen, daß Associés miteinander abrechnen müssen, und ich hoffe, es wird zum letzten Male sein. – Benutzen Sie den Rat!«

*

II. Benedetto.

Als Beauchamp das Haus der Baronin verließ, begab er sich geradeswegs nach seiner Wohnung, welche am Anfange der Rue Coq-Héron lag, und deren Aeußeres das klassische Siegel der alten Aristokratie Pugets trug, eine Art von Gebäuden, welche in Paris von allen Emporkömmlingen älteren oder neueren Datums so gesucht sind, da ihre angeborne Niedrigkeit es liebt, sich hinter dem Walle einer Art von Wappenschild zu verschanzen.

Dieses kleine Gebäude, dessen Portal bis zur Höhe der Fenster des ersten Geschosses verziert war und über dem sich eine ungeheure Blume in Stein gehauen zeigte, von der es schien, als wollte sie auf den ersten besten gemeinen Menschen herabfallen, der es wagte, den Fuß über die Schwelle zu setzen; dieses Gebäude, sagen wir, hatte einen kleinen Hof vor dem Eingange, und dieser war umgeben mit geschwärzten, imposanten Mauern.

Auf diesen Hof gingen die Fenster von dem Arbeitskabinett Beauchamps, deren dunkelfarbige Vorhänge in dichten Falten von oben bis unten herabhingen. Eine kupferne Lampe mit einem Schirm von grüner Seide verbreitete in ihrem nächsten Kreise jenes halb dunkle, halb helle Licht, welches so passend für den ist, welcher während der Nacht schreiben und denken will, und welches eben nur das Papier, auf welches wir unsere Gedanken niederschreiben, auf eine solche Weise bescheint, daß es dem Auge nicht wehe tut.

Beauchamp saß schon einige Zeit nachdenkend an seinem Schreibtische, als er plötzlich aufstand, sich aus der Mitte der ungeheuren Stöße von Akten und Papieren, die zu beiden Seiten seines Armsessels aufgehäuft waren, erhebend. Er ging gerade auf das Fenster zu, hob eine Ecke des Vorhanges empor und richtete einen besorgten Blick auf den Hof hinab, der in diesem Augenblicke nur von dem rötlichen Scheine einer einzelnen Lampe beleuchtet wurde, die von der Decke der Vorhalle herabhing. Als er dann bemerkte, daß jemand sich nach der Seite seines Arbeitskabinetts wendete, ließ er den Vorhang fallen und setzte sich wieder an seinen Schreibtisch, auf den er die Ellenbogen stützte, während er den Kopf in die eine Hand legte.

Einige Augenblicke darauf öffnete sich die Türe des Kabinetts und zwei Männer traten herein. Der eine war durch seine finstere Physiognomie, seine Kleidung, sein entschiedenes Wesen und seinen herkulischen Bau als ein Polizeiagent bezeichnet; der andere war das lebendige Gegenstück dieses Menschen; jung, mager, bleich, mit zerrissenen Kleidern, und alles an ihm verriet den Angeklagten.

Auf ein Zeichen, welches der Staatsanwalt machte, entfernte sich der Polizeiagent, und man hörte, wie er die Türe hinter sich schloß.

Beauchamp blieb noch einen Augenblick regungslos sitzen und als er glauben durfte, der Polizeiagent habe die Zeit gehabt, über den Hof zu gehen, winkte er dem Angeklagten mit der Hand, sich auf die andere Seite des Tisches ihm gerade gegenüber zu stellen, schlug den Schirm der Lampe zurück und konnte so mit Bequemlichkeit das Gesicht des Verbrechers sehen.

»Euer Name?« sagte er, indem er seine Stimme so tief wie möglich machte, als wollte er sie verstellen.

»Sie richten stets dieselbe Frage an mich, mein Herr, und ich habe Ihnen darauf stets dieselbe Antwort zu geben: »Ich heiße Benedetto!«

»Benedetto!« wiederholte Beauchamp; – dann fuhr er in dem Verhöre fort: »Seid Ihr geneigt, alles das zu wiederholen, was Ihr mir bereits gestanden habt?«

»Was nützte das?« sagte der junge Mann mit einer gewissen Kälte. »Wozu soll ich solche Dinge wieder in das Gedächtnis zurückrufen? Man hat mich ergriffen – hier bin ich – verurteilt mich, und alles ist abgemacht.«

»Seid klug, Benedetto, das Gesetz bedroht Euch mit dem Tode.«

»Sind Sie dessen gewiß, so ist es um so besser! – Dann quälen Sie mich auch nicht weiter.«

»Ich will Euch gleichwohl noch einmal hören. Vielleicht habt Ihr irgend etwas vergessen, dessen Kenntnis, wenn sie durch hinlängliche Beweise unterstützt wird, die Strenge des Gesetzes mildern könnte.«

Und der Beamte lehnte sich tiefer in seinen Armsessel zurück.

»Nun gut, ich willige ein; doch hören Sie genau auf mich, Herr Staatsanwalt, denn ich sage Ihnen im voraus, es ist das letzte Mal, daß ich spreche.«

Es lag in den Worten des Angeklagten eine gewisse Bitterkeit, eine gewisse Verachtung des Lebens, welche auf die abgestumpften Nerven eines alten Richters sicher wenig oder gar keinen Eindruck gemacht haben würde, welche aber das Herz eines noch jungen Mannes ergriff, der, gleich Beauchamp, noch nicht gegen die verschiedenen finstern Geheimnisse abgehärtet war, welche sich zuweilen einem Staatsanwalts offenbaren.

»Ich saß in La Force, und wurde dort, glaube ich, durch einen unbekannten Freund beschützt, denn von Zeit zu Zeit besuchte mich ein gewisser Bertuccio, mit dem ich früher in Verbindung gestanden hatte, und der mir einiges Geld im Namen dieses unbekannten Beschützers gab, um mir bessere Nahrungsmittel kaufen zu können, als die, welche den Bewohnern der Löwengrube geliefert werden. Ich war schon vor dem Tribunal erschienen, hatte hier erklärt, der Sohn des Herrn von Villefort, Ihres Vorgängers, zu sein, und erwartete in Ergebung meinen Urteilsspruch. Aus dem Bagno entsprungen, der Ermordung des Caderousse überführt, was konnte ich da wohl anders erwarten als das Schafott?«

»Wartet einen Augenblick!« unterbrach ihn der Beamte. »Wie habt Ihr erfahren, daß Ihr der Sohn des Herrn von Villefort seid?«

»Dies ist eine Frage, die Sie noch nicht an mich gerichtet haben, mein Herr,« antwortete Benedetto mit dem Lächeln eines Menschen, der mehr begreift, als man von ihm vermutet. »Ich will Sie befriedigen. Ich sprach bereits von dem unbekannten Beschützer und von Bertuccio, welcher der Ueberbringer seiner Almosen war. Dieser Bertuccio nun sagte mir eines Tages, als er meine Zelle in La Force betrat:

»Benedetto, Du bist sehr kompromittiert; es gibt aber nun jemand, der wünscht, Dich zu retten, weil er ein Gelübde abgelegt hat, jedes Jahr einem Menschen das Leben zu erhalten. Dieser Beschützer ist auf ein Mittel verfallen, um Dich wenigstens vor dem Schafott zu bewahren. Höre dieses Mittel: Der Staatsanwalt, der Deine Sache leitet, hat sehr vertraute Verbindungen mit einer Dame gehabt und diese Dame hat ein Kind geboren – den Sohn Villeforts. Ein solches Aergernis durfte nicht an das Licht treten. Das Kind war daher auch kaum geboren, als Herr von Villefort es nahm, eine Schnur um seinen Hals wand, um es zu verhindern, zu weinen und zu schreien, es dann in ein Kästchen legte, mit einem gestickten Taschentuch der armen Mutter umwickelte, welches ihm zum Leichentuch dienen sollte, und endlich eine geheime Treppe hinabstieg, auf welcher er seit längerer Zeit in das Zimmer der Dame gelangte. Er wollte das unschuldige Wesen am Fuße eines alten Baumes im Garten begraben. In eben dem Augenblicke aber, als er in das Freie trat, stieß eine unbekannte Hand ein Messer zweimal in die Brust des Kindesmörders und raubte das Kästchen in der Meinung, es enthielte einen Schatz.

Der Mörder entfloh, und als er in geringer Entfernung sogleich das Kästchen öffnete, fand er das Kind, welches noch Zeichen des Lebens gab: er machte die Schnur von dem Halse los, hauchte dem kleinen Wesen die Luft seines Atems ein, schnitt ein Stück von dem gestickten Leichentuche ab, wickelte das Kind wieder hinein und trug es dann nach dem Findelhause, indem er ausrief: »Mein Gott, ich habe meine Schuld getilgt; ich raubte ein Leben, aber ich erhielt ein anderes!«

»Das ist die Geschichte Deiner Geburt«, fuhr Bertuccio fort, »und wenn Du vor Deinem Richter erscheinst, schleudere ihm sein Verbrechen in das Gesicht, und er wird davon überzeugt sein, Du wirst ihn dann sofort von dem Uebermut zur Demut, von dem Sitz des Richters zur Bank des Angeklagten übergehen sehen, das öffentliche Aergernis, welches Deine Offenbarung hervorruft, wird einen Stein auf die Akten Deiner Anklage wälzen, und Dein Beschützer kann diesen Umstand benutzen, um Dich zu befreien.«

»So tat ich«, fuhr Benedetto fort, »wovon Sie Zeuge sein konnten, am 27. September, dem Jahrestage meiner 1817 erfolgten Geburt, und einen Monat später erfüllte mein Beschützer sein Versprechen; ich war frei!

Frei, mein Herr, aber unter einer Bedingung, nämlich der, beständig meinen Vater zu begleiten, der wahnsinnig geworden war, und der mich ohne Rast und Ruhe suchte, indem er mit einem Spaten grub, wo er nur irgend Erde finden konnte! Ach, ich gestehe es, bei dem Anblick eines solchen Elends wurde ich von Schmerz und Mitleid ergriffen! Staatsanwalt gewesen zu sein, in dem Rufe eines rechtschaffenen und ehrenwerten Mannes gestanden zu haben und dann von der Höhe eines so riesigen und prachtvollen Gebäudes auf die Bank der Angeklagten herabgesunken zu sein! – Zum Glück verhinderte sein Wahnsinn den Prozeß! – und einige Tage später waren er und ich in vollkommener Freiheit. Sein Vermögen wurde konfisziert, und man ließ ihm kaum so viel, daß er die dringendsten Bedürfnisse seiner traurigen Existenz bestreiten konnte.

Allmählich aber kehrte der Verstand meines Vaters zurück, und nach sechs Monaten gemeinschaftlichen Lebens mit mir war er geheilt. Er erkannte und liebte mich, aber seine Stunde war erschienen. Gott schien ihn nur so lange am Leben gelassen zu haben, um ihm die Zeit zu gewähren, mich um Verzeihung zu bitten. – Ich schenkte ihm diese und empfing seinen Segen.

»Mein Sohn«, sagte er zu mir, als sein letzter Tag gekommen war, »ich fühle, daß ich sterben werde und bedauere dabei nur eines – daß ich nicht eine Schuld bezahlen kann – eine Schuld des Blutes und der Verzweiflung – eine Schuld, die ich um den Preis meines ewigen Seelenheils tilgen möchte. – Mein Sohn, ich bin ein Verbrecher gewesen, ich habe gleich allen Menschen die Larve der Heuchelei vorgenommen; aber die Rache, der ich zum Opfer fiel, überstieg alle Grenzen. Sie war entsetzlich! Gattin, Tochter, Sohn, – alle! – Die Hand eines Menschen hat sie mir sämtlich entrissen, ohne Reue, ohne Mitleid, um sich an mir zu rächen! – Benedetto, triff diesen Menschen, schmettere ihn nieder, martere ihn, – daß auch er heiße Tränen vergieße, und wenn seine Verzweiflung den höchsten Grad erreicht, dann sage Du ihm: Ich bin der Sohn Villeforts, ich strafe Dich in seinem Namen; seine Rache trifft Dich zur Vergeltung Deiner entsetzlichen Rache!«

»Ha, mein Vater, wer ist dieser Mann?« rief ich aus, »wo ist er?«

»Wo ist er?« murmelte mein Vater, indem er traurig den Kopf schüttelte, – »ich weiß es nicht.« Dann ergriff er meinen Arm, zog mich zu sich und sagte mit zitternder Stimme und einem Blick, als sei er von Furcht vor der Erscheinung eines Gespenstes erfaßt: »Befrage den Raum, befrage den Himmel, das Meer, die Erde – er wird dort sein, überall wie ein mächtiger Gott oder wie ein höllischer Geist des Verhängnisses. – Hüte Dich wohl davor, seinen starrenden, glühenden Blick nur einen Augenblick auf Dir ruhen zu lassen! – Ach, Du wärst für immer verloren und verflucht!«

»Aber sein Name?« rief ich von Wut erfaßt, denn es schien mir, als hörte ich bereits das Echo dieses fürchterlichen und großen Namens.

»Sein Name?« wiederholte Herr von Villefort mit bittrem Lächeln. »Hat er einen bestimmten, gewissen Namen? Ha, siehst Du, er wechselt den Namen und das Wesen täglich, stündlich, nur durch die Macht seines furchtbaren Willens, Ha, Abbé von Busoni, Lord Wilmore, Graf von Monte Christo –«

»Wie?« rief ich bei diesem Namen erbebend, »der Graf von Monte Christo? –«

»Oder Abbé Busoni oder Lord Wilmore«, fuhr mein Vater fort; »wer weiß, welcher sein rechter Name ist? Indessen suche ihn überall, steige, erhebe Dich, befrage den unendlichen Raum: klettere hinab in den Abgrund, durchsuche die Eingeweide der Erde und die Tiefe des Meeres. – Sein wahrer Name ist Edmund Dantes. Mein Sohn räche mich und stirb, oder sei verflucht!«

»In eben dieser Nacht«, fuhr Benedetto nach kurzer Pause mit großer Ruhe fort, »starb Herr von Villefort, indem er mir das versiegelte Papier übergab, welches Ihre Agenten bei mir gefunden haben, und das ohne Zweifel jetzt in Ihrem Besitz ist.«

»Und aus welchem Grunde habt Ihr dieses Papier nicht gelesen?« fragte der Beamte.

»Weil mein Vater das Versprechen verlangte, es erst zu öffnen, wenn ich bereits weit von Frankreich entfernt wäre. Unglücklicherweise wurde ich ergriffen, ehe ich diese Bedingung erfüllen konnte, indes werde ich nicht sterben, bevor ich den Inhalt erfahren habe, denn wenn ich vor das Tribunal gerufen werde, bestehe ich auf die Vorlage und Mitteilung dieses Aktenstückes.«

Beauchamp erbebte. Seine Blässe würde ihn verraten haben, hätte nicht Schatten sein Gesicht bedeckt.

»Und wohin wolltet Ihr, als Ihr arretiert wurdet?«

»Fort aus Frankreich.«

»In welcher Absicht?«

»Meine Sendung zu erfüllen.«

»Welche?«

»Das Vermächtnis meines Vaters, die Rache!«

Beauchamp stand auf, ging einige Male in dem Kabinett auf und nieder und verhüllte sich das Gesicht mit einem Zipfel seines Mantels. – Einige Augenblicke darauf blieb er stehen und machte die Bewegung eines Menschen, der einen bestimmten Entschluß gefaßt hat.

»Benedetto«, sagte er, »Ihr scheint mehr unglücklich, als strafbar zu sein.«

»Ja, gewiß!« rief Benedetto, »ich stehe unter dem Druck eines furchtbaren Verhängnisses, des Verhängnisses meiner Geburt! Mein Taufwasser waren die heißen Tränen meiner Mutter, die Weihworte meiner Taufe der Fluch meines Vaters! – Der Hölle gewidmet, wenn ich starb; dem Elend, wenn ich dem Tode entrann, und schon damals und immer und immer umherirrend – flüchtig – elend! – Es ist heut die Nacht des 27. September, mein Herr – hören Sie!«

Und Benedetto zählte langsam die Schläge einer Kirchenuhr, welche die Mitternachtsstunde verkündete.

»Dies ist die Stunde meiner Geburt! Stets trifft mich an diesem Tage irgend ein Unglück! – Heut bin ich in Ihrer Gewalt.«

Indem er so sprach, ließ er den Kopf auf die Brust sinken und kreuzte die Arme.

Der Staatsanwalt trocknete sich den Schweiß, der von seiner Stirne rann, und sank nieder auf einen Sessel, als ob er in dem, was er vernommen, den unerklärlichen Willen Gottes erkenne.

*

III. Frau von Danglars.

Es war 8 Uhr morgens, als ein Wagen ohne Livree in die rue du Coq-Heron fuhr, und vor dem Hause des Staatsanwalts hielt, in dessen Tür sogleich ein alter Diener trat.

»Macht das Tor auf«, sagte der Kutscher, »denn es ist eine Dame in dem Wagen und diese kann schicklicherweise nicht hier auf der Straße aussteigen.«

Der Türhüter machte einen Einwurf, indem niemand, und vorzüglich nicht eine Dame, um diese Stunde den Staatsanwalt zu stören pflegte; indes das wiederholte Wort des Kutschers, eine Dame, errang zuletzt den Sieg über die Zweifel des Greises, der mit seinen abgemagerten Händen die Flügel des großen schweren Tores öffnete.

Der Wagen hielt vor dem Vestibül, und sogleich stieg eine Dame heraus, deren Formen wir schon jetzt als reizend schildern könnten, wenn sie sich nicht vom Kopf bis zu den Füßen in die Falten eines Kaschemirs gehüllt hätte.

Diese Dame wurde gemeldet und dann in das Arbeitskabinett Beauchamps geführt, wo sie etwa eine halbe Stunde wartete.

Endlich öffnete sich die Tür, und Beauchamp erschien.

»Frau Baronin Danglars!« rief er, den Ueberraschten spielend.

»Es ist wahr, mein Herr; verzeihen Sie mir, wenn ich Sie störe, aber ein unvorhergesehener Fall – Herr Staatsanwalt.«

»Setzen Sie sich, Frau Baronin«, fiel ihr Beauchamp in das Wort, indem er sich stellte, als bemerkte er die Aufregung der Frau von Danglars nicht.

Es entstand ein Augenblick des Schweigens, während dessen die Frau Baronin sich zwei oder drei Mal mit ihrem feinen Batisttaschentuch über das Gesicht fuhr. Es schien, als suchte sie ihre Kräfte zu sammeln, um ein wichtiges Wort auszusprechen.

»Mein Herr«, sagte sie endlich, »meine Anwesenheit hier – darf Ihnen nicht sonderbar erscheinen – um Gottes willen ersparen Sie mir die Verlegenheit, oder wenn Sie lieber wollen«, fügte sie mit einem Seufzer hinzu, »die Schande eines Geständnisses –«

»Ha«, dachte Beauchamp bei sich selbst, »um ihren ganzen Stolz zu brechen, haben einige wenige Worte hingereicht.«

»Ja, Frau Baronin«, fuhr er dann laut fort, »ja, und zwar ohne mich darum zu kümmern, auf welche Weise Sie ein Geheimnis erfahren haben, welches kaum dem Herrn Finanzminister bekannt ist.«

Die Baronin machte eine Bewegung, und der Beamte lächelte, indem er ihr einen Seitenblick zuwarf.

»Ich bin bereit, den Zweck Ihres Besuches zu erraten. Was wollen Sie, daß ich tun soll?«

»Sie können alles, mein Herr«, rief die Baronin heftig, »Sie können alles, als Beamter und als Freund.«

»Das sind zwei Dinge, die sich vor dem Gesetze sehr schwer vereinigen lassen!« murmelte Beauchamp.

»Meine Ruhe, mein Glück, meine Ehre, alles hängt in diesem Augenblick von Ihnen ab«, fuhr Frau von Danglars fort. »Ach, ich komme jetzt, um Sie mit aufgehobenen Händen anzuflehen, mich zu retten. Erzählen Sie mir alles!«

Beauchamp stand auf, ging an seinen Schreibtisch, zog ein Fach auf und nahm daraus einen Brief, der zwar versiegelt, aber bereits erbrochen war. Dann zu seinem Platz zurückkehrend, traf er Anstalt, den Brief zu lesen. Die Baronin verhüllte sich das Gesicht mit ihrem Taschentuch. Der Beamte las:

»Benedetto, ein Eid, den ich nicht verletzen durfte, soll Dir enthüllt werden. Ich will Dich nicht in der Welt zurücklassen, ohne daß Du eines Tages die Hand Deiner Mutter küssen kannst, indem Du ihr für die Tränen dankst, mit denen sie Dich benetzte, für den Schmerz, den ich ihr durch meine Unbesonnenheit verursachte! Wenn das Geschick sie eines Tages von ihrem Manne trennen sollte, dann suche sie auf und diene ihr zur Stütze, wenn sie im Elend lebt oder eines befreundeten Busens bedarf, um ihr durch die Leiden erschöpftes Haupt daran auszuruhen. Erinnere Dich meiner Worte und wisse, daß Du der Baronin Danglars das Leben verdankst.

Empfange den Segen Deines Vaters. Villefort.«

Die Baronin stieß einen Schrei des Schmerzes aus, der Beamte aber blieb kalt.

»Ach, und mein Sohn kannte dieses entsetzliche Geheimnis nicht?« fragte sie mit bebender Stimme und die Wangen von dem Feuer der Scham und der Demütigung bedeckt.

»Nein, gnädige Frau«, erwiderte Beauchamp.

»Mein Gott, mein Gott, steh mir bei!«

»Genug, Frau Baronin,« sagte Beauchamp, »beruhigen Sie sich, man könnte Sie hören und möchte daraus schließen, Sie ständen als Verbrecherin vor Ihrem Richter!«

»Indes, was soll ich tun, um das Aergernis zu vermeiden, – oder vielmehr, was haben Sie die Absicht zu tun!« fragte sie, noch viel mehr beunruhigt. »Ach, weshalb mußte dieses Geheimnis eines begangenen Fehltrittes wieder in das Leben zurückgerufen werden!« fügte die arme Frau voll Bitterkeit hinzu.

»Wollten Sie etwa zufällig, der Unschuldige wäre für immer in der Grube geblieben, in die man ihn lebend eingesenkt hatte? – Gnädige Frau, die Erde besitzt nicht genug Kraft, um ein Verbrechen der Art zu verbergen!« sagte der Beamte, ohne seinen Blick von dem dunkelroten Gesichte der Frau von Danglars abzuwenden.

»Mein Sohn!« murmelte sie. »Ach, ich wußte wohl, daß Du atmetest – aber meine Tränen – meine Klagen konnten den Mann nicht andern Sinnes machen! Das Verbrechen war nicht das meinige – verzeihe mir! Und Sie, mein Herr«, fuhr die Baronin fort, indem sie sich unmittelbar an Beauchamp wendete, »retten Sie ihn, – wenn auch die Bitten einer Frau, die Sie ohne Zweifel verachten, in Ihren Augen nur wenig Gewicht haben, erfüllen Sie mein Flehen – retten Sie ihn! – Doch nein, vergessen Sie die Baronin Danglars, die nicht mehr den Anspruch auf Ihr Mitleid hat, vergessen Sie sie, doch bei den Manen Ihres unglücklichen Vorgängers, im Namen des Herrn von Villefort beschwöre ich Sie, retten Sie seinen Sohn!«

»Gnädige Frau, ich antworte Ihnen, was er selbst Ihnen geantwortet haben würde: Ich werde die Pflicht erfüllen, die das Gesetz mir auferlegt!« sagte der Beamte voll Würde.

»Wie! Ist das glaublich?« rief die Baronin außer sich. »Dieses Papier sollte öffentlich vor Gericht vorgelegt werden?«

»Vermeiden Sie das Aergernis!«

»Wie das, mein Herr: wie?«

»Indem Sie Frankreich verlassen.«

»Und wohin soll ich gehen – allein – verlassen von allen!« rief unbesonnen Frau von Danglars.

»Verlassen von allen?« wiederholte Beauchamp verwundert. »Und Ihr Gatte – und Ihre Tochter?«

»Ach«, rief die Baronin mit einem unbeschreiblichen Ausdruck der Wut, indem sie in ihrer Heftigkeit fortfuhr, »ich sehe wohl, daß ich Ihnen alles sagen muß! Sie sind wie alle Beamten, kalt, teilnahmlos, ohne Mitleid! Nun wohl, ich muß den Becher bis an die Hefe leeren. So erfahren Sie denn, mein Herr – mein Mann hat mich verlassen, – meine Tochter ist entflohen! Ich stehe allein in der Welt. Ich werde Frankreich verlassen – ich werde reisen, aber um Gottes willen – wenn es für Sie einen Gott außer dem Gesetze der Menschen gibt – retten Sie meinen Sohn!«

Bei diesen Worten verließ Frau von Danglars hastig das Kabinett des Staatsanwalts, sprang mit unglaublicher Leichtigkeit in ihren Wagen, fuhr nach ihrer Wohnung und machte sich hier sogleich daran, ihren Schmuck und ihr Geld in eine Reiseschatulle zu packen. Während dieser Arbeit rannen Tränen schweigend ihre Wangen herab und fielen auf ihre zitternden Hände; ihr ganzer Körper bebte krampfhaft, so sehr war ihr Nervensystem schmerzhaft erschüttert.

Sie sah jetzt Stein bei Stein das ganze Gebäude zusammenstürzen, welches sie für stark genug gehalten hatte, um selbst dem Blitze Widerstand zu leisten! Und dieses Gebäude sank in Staub, ohne daß ihr die geringste Hoffnung blieb, es wieder aufführen zu können.

»Ach, Villefort«, rief sie, indem sie mit dem Fuße stampfte und sich die Haare ausraufte, »nie hätte dieses Geheimnis über Deine Lippen kommen sollen!«

Dann trocknete sie die Tränen, die gegen ihren Willen ihren Augen entstürzten, öffnete die Fächer ihrer Schränke, wählte aus, was sie an Wäsche und Kleidungsstücken zu einer Reise von einigen Tagen bedurfte, und setzte diese geheimnisvollen Vorbereitungen mit dem festen Entschlusse fort, unverweilt Paris zu verlassen, wo ihr Verderben durch einen unbekannten und mächtigen Feind, dessen Schlägen sie nicht zu widerstehen vermochte, geschworen zu sein schien. Für eine Frau, wie Frau von Danglars, die angebetet, eitel und reich war, konnte es nicht unbedeutend oder gleichgiltig sein, den Mittelpunkt ihres Reiches zu verlassen, um sich im fremden Lande zu einer unbekannten Touristin herabzusetzen. – Je schöner der Traum, desto grausamer ist das Erwachen. Das empfand Frau von Danglars. Auf rohe Weise von ihrem Manne verlassen, einem dünkelvollen Kapitalisten, der es vorzog, mit den letzten Geldern, die er in der Kasse hatte und die ihm schon nicht mehr gehörten, zu entfliehen, statt seine Zahlungsunfähigkeit zu erklären, hatte sie, die überaus stolze und hochmütige Frau, sich in den Augen der Welt mit dem ganzen Luxus und dem ganzen Glanze, von denen sie bisher umgeben gewesen war, erhalten wollen, indem sie über das Benehmen des Barons täuschte.

Dieser Plan, der ohne Zweifel deshalb sehr schwierig auszuführen gewesen wäre, weil die Gläubiger an der Hand des Gesetzes erscheinen mußten, das Besitztum des Barons Danglars in Beschlag zu nehmen, wurde durch einen sehr ungewöhnlichen Umstand unterstützt.

Einige Tage nach der unerwarteten Abreise des Barons wurden in Paris alle Papiere desselben eingelöst und das Haus der Frau von Danglars so der furchtbaren Schuldenlast von fünf bis sechs Millionen entledigt!

Dank diesem Wunder des Glückes konnte die Baronin ihren Rang in Paris aufrecht erhalten, und alle Welt glaubte, Danglars sei abgereist, um seine Tochter auf eine Reise zu begleiten, welche die junge Dame zu ihrer Ausbildung unternommen hatte. Gleichwohl gab die verlängerte Abwesenheit der Reisenden schon Grund zu unbestimmten Gerüchten unter denen, welche den rohen Charakter des Herrn von Danglars und die Ueberspanntheit des Fräulein Eugenie kannten. Dann trugen das unerwartete Erscheinen Benedettos, der durch den ehemaligen Geliebten der Frau von Danglars geschriebene Brief, die Geschichte von dem überlegten Kindermord, dazu bei, die arme Baronin zu bestimmen, dem Beispiele der Flucht des Herrn Barons und ihrer interessanten Tochter zu folgen.

Der Baron Danglars war aus Paris entflohen, weil er nicht arm sein wollte, obgleich er, um dies nicht zu sein, stehlen mußte.

Eugenie war aus Paris entflohen, weil sie sich nicht verheiraten wollte.

Frau von Danglars stand im Begriffe, ebenfalls zu fliehen, weil über Paris eine schwarze Wolke schwebte, die den Sturm verkündete. Ihre Vergangenheit stand auf dem Punkte, enthüllt und den begierigen Blicken eines stets neugierigen Publikums bloßgestellt zu werden. Ihr Entschluß war daher schnell gefaßt. Schon weinte die Baronin nicht mehr. Die Wangen wie gewöhnlich blaß, und mit festem Wesen, setzte sie sich an ihren eleganten, mit Elfenbein ausgelegten Schreibtisch, faltete schnell zwei Blätter Papier, und begann zwei Briefe zu schreiben. Mit fester Hand und sicherer Schrift richtete sie den ersten an Herrn Lucian Debray, ihren Associé aus der Zeit, wo auch er auf Steigen und Fallen spielte, und zwar auf Kosten des armen Baron Danglars; aber plötzlich erhob sie, als besänne sie sich anders, die Hand, schob das Blatt beiseite und begann einen zweiten Brief, an Benedetto adressiert.

Das kam daher, weil die Baronin vor allem Mutter war, und weil das Muttergefühl stets auf erhabene Weise durch alle Leidenschaft durchbricht, wie mächtig sie auch sein mag, wie fest sie auch in dem Herzen des Weibes wurzelt. Einige Minuten darauf war der Brief beendigt. Die Baronin überlas ihn, und zum zweiten Male füllten ihre Augen sich mit Tränen.

»Mein Herr! Sie sind verlassen, in der Gewalt der Justiz, arm und elend, ohne andere Hilfe als Ihre eigene Beredsamkeit, um Ihre Freiheit wiederzugewinnen, wenn Ihr Richter gefühlvoll genug ist, sich durch die aufrichtige Auseinandersetzung des Verhängnisses rühren zu lassen, das seit Ihrer Geburt auf Ihnen zu lasten scheint. Ich weiß nicht, welches Ihr Los sein wird; indes erwarte ich alles von Gott. Vertrauen auch Sie auf seine unendliche Güte. Nun aber gestatten Sie mir, zu Ihrer Verfügung eine geringe Summe zu stellen, welche Ihnen dazu dienen kann, die Strenge Ihrer Kerkermeister zu mildern, und glauben Sie, daß es nicht ein demütigendes Almosen ist, welches ich Ihnen biete, sondern nur die Gabe, zu welcher sich eine Person verpflichtet fühlt, der Sie teuer sind.«

Als die Baronin gelesen hatte, öffnete sie ihre Brieftasche, nahm daraus für 60,000 Franks Bankbillets, schloß sie in den Brief, siegelte ihn und schrieb darauf: »Benedetto«. Dann umgab sie ihn mit einem zweiten Kuvert mit der Adresse: An den Herrn Generalstaatsanwalt.

Die Baronin ruhte sich einen Augenblick aus, und als sie ihre Tränen versiegen fühlte, gewann sie die erforderliche Ruhe zu der Fortsetzung der Vorbereitungen, welche ihre plötzliche, fluchtähnliche Abreise nötig machte. Wieder ergriff sie die Feder und schrieb an dem an Lucian Debray gerichteten Briefe weiter.

Diesem Manne teilte Frau von Danglars ihre Abreise mit, indem sie ihn bat, die Aufsicht über ihr Haus zu übernehmen, bis sie ihm neuerdings schreiben würde, um ihm ihre Absichten über dasselbe sowie über das Mobiliar und über das Silberzeug auszusprechen.

Als sie diese Arbeit beendet hatte, öffnete sie das nach dem Hofe hinausgehende Fenster und blieb in der Brüstung desselben liegen, bis sie ein Individuum bemerkte, das sich nach allen Seiten umzusehen schien. Sie gab demselben mit der Hand ein Zeichen, über eben die Seitentreppe heraufzukommen, über die Lucian Debray gewöhnlich in ihr Zimmer gelangte.

»Tretet ein, Thomas«, sagte sie zu einem Manne, der in eine blaugestreifte Bluse gekleidet war, rote Beinkleider und große Stallstiefel trug, und der verwundert auf der Schwelle der Tür stehen blieb.

»Wie, in diesem Zustande, Frau Baronin?« entgegnete er verlegen, indem er einen Blick über seine Bluse gleiten ließ.

»Tretet nur näher; ich muß mit Euch sprechen.«

Der Kutscher faßte Mut und trat ein, wobei er mit Staunen bemerkte, daß die Baronin die Tür der Treppe sorgfältig hinter ihm verschloß.

»Als ich Euch in meinen Dienst nahm«, sagte sie dann, »geschah es, weil ich Euch als einen verständigen und verschwiegenen Menschen betrachtete.«

»Sonst könnte ich kein guter Kutscher sein.«

»Schön. Für den Augenblick handelt es sich um eine längere Spazierfahrt, um eine Spazierfahrt, die sogar einer Reise gleicht: Abwechslung, Veränderung der Straße, ohne großen Aufenthalt an einem oder dem andern Ort, verschiedene Länder –«

»Ich verstehe, Frau Baronin«, unterbrach sie der Kutscher, indem er den Kopf mit dem Ausdrucke eines Menschen emporrichtete, der vollkommen begreift, was man ihm mit halben Worten auseinanderzusetzen sucht. – »Ich war es, der den Kutscher in die Schule nahm, welcher die Ehre hatte, den Herrn Baron zu fahren. Er war mein Kamerad und ein Bursche mit offenem Kopf.«

»Und Ihr könntet auch bei einer andern Gelegenheit für einen ebenso klugen sorgen?«

»Ich würde selbst gehen, Frau Baronin. Ich bin Nummer Eins, und mich kümmert es wenig, ob ich hier oder anderwärts bin.«

»Wirst Du morgen bereit sein?« fragte die Baronin in noch vertraulicherem Tone.

»Noch heute, wenn Sie es befehlen.«

»Eine Postchaise mit guten Pferden, die mich an irgend einem abgelegenen Orte erwartet; wir fahren von hier in meiner gewöhnlichen Equipage ab; Du besorgst die Pässe; das Gepäck wird leicht sein; hier ist das meinige.«

Der Kutscher warf die Augen auf einen kleinen Lederkoffer und machte ein Zeichen des Einverständnisses.

»Dann Straße nach Brüssel, Lüttich, Aachen –«

»Sehr gut. Alles soll bereit sein, Frau Baronin, und was die Pferde betrifft, so dächte ich, die Braunen zu nehmen, die kräftig und rasch sind. – Die armen Schäfchen haben mich freilich eines Tages aus dem Sattel geworfen, aber sie werden schön ruhig werden; das ist eine Geschichte, um darüber zu lachen. – Nun aber von wegen der Pässe?«

»Versteh mich wohl. – Es ist ein ganz junger Mensch, der reist; klein, mit blauen Augen, blondem Haar, blaß, regelmäßige Nase, dünne Lippen; – er ist kränklich und reist, um sich von einer moralischen und physischen Niedergeschlagenheit zu befreien.«

»Ich verstehe vollkommen!« rief der Kutscher mit dem Ausdruck der Verwunderung.

»Besonders sei verschwiegen! Hier hast Du Gold!«

Der Kutscher empfing die Börse aus den Händen der Baronin und eilte fort, indem er vor Lustigkeit beinahe große Sätze machte.

Am folgenden Tage bestieg die Baronin ihre Equipage, die ihrer auf dem Hofe wartete, und ein sonderbarer Zufall fügte es, daß sie eben die Treppe hinabging, über die ein Jahr zuvor Fräulein Eugenie mit ihrer Freundin Luise d'Armilly entflohen war.

*

IV. Die sechzigtausend Franks Benedettos.

Lucian Debray las mit einem wahren Entzücken den Brief, durch welchen Frau von Danglars ihm ihre schleunige Abreise von Frankreich anzeigte. Die innigen Verbindungen, welche Lucian Debray an die Baronin fesselten und die zu einer andern Zeit dem Privatsekretär eines Ministers mit 2000 Livres Einkünften nützlich gewesen waren, genügten dem Finanzminister mit dem ungeheuren Gehalte und der ganzen Repräsentation dieser hohen Charge nicht mehr. Ueberdies befand sich Frau von Danglars, wie wir bereits sagten, in einer sehr schwierigen Lage, und obgleich die Welt davon noch nichts wußte, kannte Lucian Debray sie doch zu gut, um es auch nur als möglich zu betrachten, noch längere Zeit die Larve vorzubehalten. Er tat daher, nachdem er gelesen, einen lauten Atemzug, als ob er aus einem peinlichen Traume erwachte.

»Ach«, sagte er, »diese Familien, die kommen, man weiß nicht woher, und deren Reichtümer imposant sind, machen auf mich den Eindruck jener Schauspieler, welche auf dem Theater während einiger Stunden die Rollen großer Personen ausführen!« Dabei fuhr er mit den Fingern durch seine vollen Haarlocken und drehte sich den Schnurrbart. »Endlich«, fuhr er fort, »sinkt der Vorhang, und sie werden wieder das, was sie vorher waren – nichts. – Niemand sieht sie mehr, niemand hört mehr von ihnen sprechen!«

Zu solchen Menschen gehörte auch der Baron Danglars.

Während Lucian Debray sich diesen philosophischen Betrachtungen hingab, ließ der Staatsanwalt nach dem Empfange des an ihn adressierten Briefes den Angeklagten Benedetto vor sich führen.

Der Beamte befand sich in seinem Amtslokale. Hier wurde der Sohn Villeforts eingelassen, und kaum war er eingetreten, als die Tür vorsichtig hinter ihm geschlossen wurde, und er sich dem Staatsanwalt gegenüber allein erblickte.

»Tretet näher, Benedetto«, sagte Beauchamp; »ich habe hier einen Brief, der für Euch bestimmt ist.«

»Einen Brief?«

»Vermutet Ihr, von wem er sein kann?«

»Ich? Wer auf dieser Welt kennt mich und schreibt mir?«

»Nun, überlegt es wohl? Wenn Ihr irgend jemand kennt, der im Laufe Eures bewegten Lebens Euer Mitschuldiger gewesen ist, so verbergt es mir nicht. Hier ist der Brief. Kennt Ihr wenigstens die Schrift?«

»Ich habe sie bis jetzt noch nie gesehen. Aber der Brief ist offen – Sie müssen darum wissen, was er enthält.«

»Worte und Geld.«

»Geld? Was sagen Sie mein Herr?«

»60,000 Franks.«

»Aus Barmherzigkeit, Herr Staatsanwalt!« sagte Benedetto, indem er in die Hände schlug und wechselweise rot und blaß wurde.

»Habt Ihr mir nicht gesagt, daß ein unbekannter Beschützer Euch zuweilen Unterstützungen schickte, als Ihr in La Force waret?«

»Ja. allerdings! aber seitdem hat er sich nicht mehr um mich bekümmert, und Bertuccio, welcher mir sein Geld und seine Ratschläge überbrachte, ist schon längst fort aus Frankreich.«

Der Beamte runzelte die Augenbrauen und senkte die Stirn, als dächte er tief nach.

»Wißt Ihr wohl, daß es jedem Gefangenen versagt ist, eine so bedeutende Summe zu seiner Verfügung zu haben?«

»Ich weiß es, mein Herr«, erwiderte Benedetto mit einem tiefen Seufzer.

»Und wenn Ihr sie empfinget, wozu würdet Ihr sie verwenden?«

»Ich würde mir Kleider kaufen, und ich könnte im Gefängnisse bleiben, ohne die harten Entbehrungen zu erdulden, denen wir jetzt unterworfen sind; dabei würde ich einen Teil für meine Reise aufbewahren, denn Sie haben mich ja davon benachrichtigen lassen, daß ich zur Verbannung verurteilt werden würde.«

Der Beamte schien wie nachzudenken.

»Und Ihr würdet die Albernheit begehen, Euern Gefährten mitzuteilen, daß Ihr dieses Geld besitzt?«

»Ei, wenn ich es in das Futter meiner Bluse eingenäht hätte, wer könnte es dann sehen, wer könnte es da vermuten?« antwortete Benedetto mit einem pfiffigen Lächeln. »Wollte ich übrigens verraten, daß ich Geld besäße, hieße das nicht ebensoviel, als es unter meine habgierigen Freunde der Löwengrube zu verteilen, welche weit entfernt sind, die Tugenden des Erzengels Raphael zu besitzen?«

Die Augen Benedettos glänzten wie zwei Karfunkeln, die den Strahlen der Sonne ausgesetzt sind, und der Schweiß rann ihm über die Stirn, als wäre er einer jener Gefangenen von Chalons, welche, mit Ketten belastet, einem Kruge Wasser und einem Brote gegenüber, Hungers zu sterben verdammt waren.

Wieder dachte der Beamte einen Augenblick nach; dann nahm er den Brief, übergab ihn Benedetto und sagte: »Lest!«

Der junge Mann hätte sich sehr gerne dieses Lesen erspart, um seinen Blick nur auf die Papiere zu richten, welche den Wert von 60,000 Franks vertraten, und für ihn einen Strahl der Hoffnung durch die Nebel seiner Existenz des höchsten Elends fallen ließen; er fügte sich indes dem Willen Beauchamps und überflog mit dem Blicke den Brief.

»Ach«, rief er aus, »hier erkenne ich einen jener guten Geister, deren Beschäftigung darin besteht, die Bosheit jener Feen zu vernichten, von denen Perault, mein Lieblingsdichter, spricht! – Aber die 60,000 Franks, Herr Staatsanwalt?« fragte Benedetto, indem er mit den Augen blinzelte.

»Hört mich wohl an, Benedetto. 60,000 Franks können als ein bedeutendes Vermögen für einen Menschen betrachtet werden, der sich in Eurer Lage befindet.«

»Ohne Zweifel, mein Herr.«

»Nun«, fuhr der Beamte fort, »laßt Euch nicht durch die Aufregung beherrschen, und danket mit Demut dem Himmel für die Unterstützung, die er Euch zu senden scheint; betragt Euch auch so, daß Ihr seines Schutzes ferner Euch wert macht.«

»Ja, Herr Staatsanwalt,« murmelte Benedetto mit einem Seufzer, der seine Brust zu erleichtern schien, und indem er einen flüchtigen, doch begierigen Blick auf die Banknoten warf, die der Beamte in der Hand hielt. Er glich dabei einem Hunde, der geneigt ist, alles zu tun, was man von ihm verlangt, indem man ihm ein Stück Fleisch hinhält.

»Wißt Ihr wohl, daß ich das Recht hätte, Euch den Besitz dieses Geldes zu verweigern?«

»O ja, mein Herr.«