Die Shoah in Belgien - Insa Meinen - ebook

Die Shoah in Belgien ebook

Insa Meinen

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Opis

Am 10. Mai 1940 griffen deutsche Truppen Belgien an, erst im September 1944 mussten sie das Land räumen. In der Zwischenzeit wurden Tausende von Juden gefangengenommen und nach Auschwitz deportiert. Dieses Drama, von der deutschen Geschichtswissenschaft bisher noch nicht untersucht, stellt Insa Meinen hier mit großer Sachkenntnis dar. Wie konnten die Deutschen weitgehend unbehelligt die jüdische Bevölkerung in ihre Gewalt bringen, wo doch die belgischen Behörden und die Polizei weit weniger an diesen Aktionen beteiligt war als etwa in Frankreich und den Niederlanden? Wie reagierten die Juden selbst? Welche deutschen Dienststellen waren an der ›Endlösung‹ beteiligt? Das Buch stützt sich auf bisher unveröffentlichte Quellen aus deutschen, belgischen und französischen Archiven.

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Insa Meinen

Die Shoah in Belgien

Impressum

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Das Werk ist in allen seinen Teilen urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlags unzulässig. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung in und Verarbeitung durch elektronische Systeme.

ISBN der gedruckten Ausgabe: 978-3-534-22158-5

© 2009 by WBG (Wissenschaftliche Buchgesellschaft), Darmstadt

Die Herausgabe dieses Werkes wurde durch die Vereinsmitglieder der WBG ermöglicht.

Einbandgestaltung: Peter Lohse, Büttelborn

Einbandabbildung: Innenhof der Dossin-Kaserne Malines (Mechelen) - Durchgangslager für die Transporte nach Auschwitz, wahrscheinlich Sommer/Herbst 1942., © Musée Juif de la Déportation et de la Résistance, Malines, Fonds Kummer.

Der Abschluss der Arbeiten an diesem Buch wurde von der Deutschen Forschungsgemeinschaft gefördert.

eBook ISBN 978-3-534-70430-9 (epub)

Als epub veröffentlicht 2010.

www.wbg-wissenverbindet.de

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Innentitel

Inhaltsverzeichnis

Informationen zum Buch

Impressum

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Besatzung, Kollaboration und Judenverfolgung

Das Besatzungsregime

Die Sipo-SD und das Judenreferat in Belgien

Die belgischen Behörden und Kollaborationsbewegungen

Antijüdische Verordnungen

„Der Judenstern war der Auftakt der eigentlichen Verfolgung“

Deportation nach Nordfrankreich

Die Brüsseler Administration lehnt die Verhaftung von Juden ab

Grenzen der Kooperation

Der Beginn der „Endlösung“ in Belgien

Arbeitseinsatzbefehle

Die Großrazzien des Sommers 1942

Antwerpen: Drei Razzien im August 1942

Die Brüsseler Razzia vom 3. September

Die Antwerpener Razzia vom 11./12. September

Eine Razzia in Lüttich

„Die Abschiebungsaktion nimmt trotz der Schwierigkeiten ihren Fortgang“

Die belgischen Juden werden deportiert

2. Die jüdische Zwangsvereinigung

L’Association des Juifs en Belgique (AJB)

Deutsche Zuständigkeiten

Zweck, Aufgaben, unsicherer Status

Demarchen

Wohin fahren die Züge?

Taktiken der Besatzer

Zur Rolle der Militärverwaltung

3. Wie wurden die Juden in Belgien verhaftet?

Tausende von Einzelaktionen

Stellenwert der deutsch-belgischen Behördenkooperation

Das Devisenschutzkommando

Mitwirkung der Zollfahnder bei der „Endlösung“

Reaktionen und Selbstverteidigung der Juden

Verhaftung jüdischer Flüchtlinge

V-Leute

Raub von Devisen

Willige Vollstrecker

4. Der XXI. Transport nach Auschwitz

Biographische Studien

Kinderaustausch Holland/Belgien

Passagiere der St. Louis

Fluchthilfe von Belgien nach Frankreich 1941/42

Fluchtversuche nach Frankreich 1942

Fluchten aus den Niederlanden 1942/43

Heiraten

Verstoß gegen antijüdische Verordnungen

Nichttragen des „Judensterns“

Falsche Papiere

Résistance

Verhaftung außerhalb der Wohnung

Versteckte Kinder

Festnahme im Versteck

Fluchten aus Transporten

Die Opfer und ihre Rettungsanstrengungen

Woher kamen die deportierten Juden?

Individuelle Überlebensstrategien in Zahlen

Das Vorgehen der Täter

Wer nahm die Juden fest?

Verhaftungstechniken

5. Menschenjagd

Antwerpen und Brüssel

Die Verhaftung von Juden in Antwerpen ab Herbst 1942

Die Festnahmekommandos des Brüsseler Judenreferats

Andere deutsche Dienststellen

Die belgische Polizei

Die Gegenwehr der Juden aus der Sicht der Täter

Schlussbetrachtung

Die Besatzungsmacht

Belgische Behörden und Kollaboration

Selbstverteidigung der Juden und organisierte Hilfe

Anmerkungen

Abkürzungen

Quellen und Literatur

Karte Belgiens

Tabelle: Die Deportation von Juden aus Malines nach Auschwitz

Schaubild: Die an der Judenverfolgung beteiligten deutschen Stellen

Biographische Notizen

Personenregister

[Informationen zum Buch]

Veröffentlichungen der Forschungsstelle Ludwigsburg der Universität Stuttgart, Bd. 15

Herausgegeben von Klaus-Michael Mallmann

Einleitung

Belgien findet in Deutschland wenig Aufmerksamkeit. Beide Länder haben im 20. Jahrhundert entscheidende Perioden gemeinsamer Geschichte geteilt. Und doch gibt es im Land der Täter mehr als 60 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs keine Gesamtdarstellung der deutschen Besatzung Belgiens. Daher dürfte kaum jemand wissen, dass die deutschen Machthaber nur kurze Zeit nach dem Überfall der Wehrmacht auf das neutrale Belgien 1940 in dem halbwegs zwischen Brüssel und Antwerpen gelegenen Fort Breendonk ein Konzentrationslager einrichteten, das sich zu einer der übelsten Folterstätten im besetzten Westeuropa entwickeln sollte. Jean Amérys Essay über die Tortur geht auf die Gefangenschaft des 1938 aus Wien entkommenen jüdischen Flüchtlings in diesem Lager zurück. Dass Belgien in der Lebensgeschichte eines anderen Juden ebenfalls eine zentrale Rolle spielte, ist der Öffentlichkeit womöglich besser bekannt. Paul Spiegel, bis zu seinem Tod im Jahr 2006 Vorsitzender des Zentralrats der Juden in Deutschland, musste 1939 als Kind aus Westfalen mit seinen Eltern in das Nachbarland fliehen, wo er bei einem belgischen Bauern versteckt wurde und der Verfolgung entging. Ein dritter Flüchtling war der erst nach seinem Tod zu Ruhm gelangte Maler Felix Nussbaum, der seine künstlerische Arbeit im Brüsseler Versteck fortsetzte, bis er im Jahr 1944 verhaftet und mit dem letzten Transport nach Auschwitz deportiert wurde. Nussbaums Geburtsstadt Osnabrück stellt seine Bilder in einem von Daniel Libeskind entworfenen Museum aus. Eine gewisse Publizität hat schließlich ein in Belgien stattgefundenes Ereignis gefunden, das einmalig in der Geschichte des Judenmords ist: 1943 brachten drei junge Männer den XX. Transport nach Auschwitz noch in Belgien zum Halten und befreiten annähernd 20 darin gefangene Juden. Mehr als 200 weiteren Frauen, Männern und Kindern gelang der Ausbruch aus dem Todeszug aus eigener Kraft. Der jüdische Arzt Youra Livschitz, der den Transport zusammen mit zwei ehemaligen nichtjüdischen Schulfreunden überfallen hatte, wurde 1944 auf Weisung des Militärbefehlshabers als Geisel durch die Wehrmacht hingerichtet. Die Journalistin Marion Schreiber hat dieser Widerstandsaktion eine Buchveröffentlichung gewidmet1. Hingegen mangelt es in Deutschland an wissenschaftlichen Werken über die Deportation von 25000 Juden aus Belgien. Das Interesse der deutschen Holocaustforschung konzentriert sich auf Osteuropa. Die erste deutschsprachige Darstellung der Shoah in Belgien wird mit diesem Buch vorgelegt.

Es ist nicht zuletzt den hartnäckigen Bemühungen französischer und belgischer Juden zu verdanken, dass die Kieler Justiz im Jahr 1980 mit Kurt Asche wenigstens einen der Hauptverantwortlichen für die „Endlösung“ in Belgien, die jahrzehntelang unbehelligt in der Bundesrepublik lebten, zur Rechenschaft gezogen hat. Im selben Jahr publizierte der belgische Historiker Maxime Steinberg, der an diesem Verfahren als wissenschaftlicher Berater der belgischen Nebenkläger beteiligt war, seine Forschungsergebnisse in Buchform und gab gemeinsam mit dem französischen Rechtsanwalt und Historiker Serge Klarsfeld einen deutschsprachigen Dokumentenband zum Kieler Prozess heraus2. Zwei Jahre später folgte das Mémorial der aus Belgien deportierten Juden. Mitte der achtziger Jahre erschien Steinbergs opus magnum unter dem Titel: „L’Étoile et le fusil“ (Gelber Stern und Gewehr) – bis heute übrigens nicht ins Deutsche übersetzt. Darin findet sich nicht nur eine differenzierte Analyse der antijüdischen Politik der Besatzer, die ausführlich auf die Beteiligung belgischer Behörden und belgischer Kollaborateure eingeht, sondern der Autor hebt zugleich die Reaktionen der Juden hervor. Er kontrastiert die Tätigkeit der vom Militärbefehlshaber eingesetzten jüdischen Zwangsvereinigung mit der jüdischen Selbstverteidigung und dem organisierten Widerstand gegen die Besatzer, wobei er auch die von Nicht-Juden geleistete Hilfe und die Haltung der belgischen Bevölkerung beleuchtet. Mit seiner vierbändigen Studie, der das vorliegende Buch manche Einsicht verdankt, hat Maxime Steinberg die Geschichte der Verfolgung und Deportation und des Widerstands der Juden in Belgien geschrieben. Die immense Forschungsleistung, die „L’Étoile et le fusil“ zugrunde liegt, dürfte von niemandem einzuholen sein. Dies ändert nichts daran, dass die Klärung der historischen Ereignisse, auch durch nachfolgende Schriften desselben Autors, inzwischen weiter vorangeschritten ist.

Die einzige außerhalb Belgiens publizierte wissenschaftliche Buchveröffentlichung zum Thema „Belgien und der Holocaust“, die von dem israelischen Gelehrten Dan Michman herausgegeben wurde und Beiträge eines bereits 1989 veranstalteten Kolloquiums versammelt, beschäftigt sich vorrangig damit, wie ausgewählte Gruppen der jüdischen Gemeinschaft und verschiedene gesellschaftliche Kräfte auf antijüdische Maßnahmen im Vorkriegsdeutschland oder im deutsch besetzten Belgien reagierten3. Ein Standardwerk des flämischen Historikers Lieven Saerens zur Geschichte der Juden in Antwerpen, wo etwa die Hälfte der jüdischen Bevölkerung lebte, zeichnet die Mitwirkung von einheimischen Dienststellen sowie belgischen SS-Angehörigen und Antisemiten bei der Judenverfolgung in der flämischen Metropole nach4. Saerens’ These, dass aus Antwerpen prozentual weit mehr Juden deportiert wurden als aus Brüssel, hat sich in der belgischen Forschung durchgesetzt. Der Verlauf der sogenannten „Arisierung“ und die ökonomische Ausplünderung der Juden wurden erstmals von einer durch die belgische Regierung eingesetzten Kommission untersucht5. Eine Forschergruppe unter der Leitung der Historiker Jean-Philippe Schreiber und Rudi Van Doorslaer hat die Geschichte der vom Militärbefehlshaber eingesetzten Zwangsvereinigung der Juden aufgearbeitet und dabei Maxime Steinbergs Interpretationsrahmen von Kollaboration oder Widerstand der Juden deutlich erweitert6. Was die Rolle der belgischen Behörden betrifft, so wurde jüngst im Auftrag des belgischen Senats am Brüsseler zeitgeschichtlichen Centre d’études et de documentation guerre et sociétés (CEGES) unter der Leitung Rudi Van Doorslaers eine weit ausgreifende Gesamtdarstellung angefertigt7. Es wird noch darauf einzugehen sein, dass die Mitwirkung der Brüsseler Polizei bei der Deportation der Juden in diesem detaillierten, jedoch mit manchen Irrtümern behafteten Forschungsbericht überbewertet wird.

Die vorliegende Monographie setzt nicht auf Vollständigkeit; ich glaube jedoch, alle wesentlichen Sachverhalte angesprochen zu haben. Die Beraubung der Juden, zu der eine umfassende Studie existiert, deren Ergebnisse auch in deutscher Übersetzung vorliegen, wird lediglich am Rande behandelt8. Mein Ausgangspunkt waren Forschungsdefizite, deren Bearbeitung mir für die Geschichte der Shoah in Belgien von zentraler Bedeutung schien. Die Frage, wie und mit wessen Beihilfe Eichmanns Brüsseler Statthalter die Juden in ihre Gewalt brachten, die sie nach Auschwitz in den Tod schickten, bildet einen Leitfaden des Buches. Ein weiterer Schwerpunkt betrifft die Rettungsanstrengungen der Juden. Die organisierte Selbstverteidigung, der Widerstand von Juden und die Hilfe von nicht-jüdischen Unterstützern haben in der Literatur bereits viel Aufmerksamkeit gefunden und werden daher hier nicht ausführlich geschildert9. Ich untersuche vor allem, wie und in welchem Umfang die Masse der jüdischen Bevölkerung sich vor der Verhaftung und Deportation zu schützen versuchte.

Das erste Kapitel vermittelt einem Überblick über die Herrschaftsverhältnisse und die Judenverfolgung im besetzten Belgien. Die eigentümlichen Beziehungen zwischen Militärverwaltung und Sipo-SD sind ebenso relevant wie die keineswegs reibungslose Zusammenarbeit des deutschen Besatzungsapparats mit den belgischen Behörden bei der Durchsetzung der antijüdischen Maßnahmen. Im Mittelpunkt stehen die dramatische Phase der Verfolgung ab dem Frühjahr 1942, die Vorbereitung der Deportationen nach Auschwitz und die großen Verhaftungsaktionen, die 1942 und 1943 in Belgien durchgeführt wurden, um die Juden abzutransportieren.

Hieran wirkte zunächst die auf deutsche Anordnung gegründete Vereinigung der Juden in Belgien (AJB) mit. Die AJB war freilich alles andere als ein passives Instrument der deutschen Machthaber. Dies ist einer der Schlüssel, um ihre Geschichte zu begreifen, mit der sich das zweite Kapitel befasst. Die Umstände ihrer Tätigkeit wurden durch die Arbeitsteilung zwischen der Militärverwaltung und den Vertretern der Sicherheitspolizei bestimmt, die die jüdischen Repräsentanten mit jeweils verschiedenen Vorgehensweisen konfrontierten. Bemerkenswerterweise hatten die Militärs einen nicht zu unterschätzenden Einfluss auf die Funktionalisierung der Zwangsorganisation.

Die belgische Forschung rückt Großrazzien oder sonstige Massenaktionen in den Vordergrund. Indes wurden die aus Belgien deportierten Juden in ihrer Mehrheit einzeln oder in kleinen Gruppen verhaftet. Offenbar kam es hierbei weniger auf die belgische Polizei und um so mehr auf deutsche Dienststellen an, deren Mitwirkung bei der Judenverfolgung man bislang kaum berücksichtigt hat. Dieser zweifache Perspektivenwechsel gegenüber der vorliegenden Fachliteratur wird in Kapitel III begründet. Erstmals ausgewertete Akten zur Verhaftung von Juden durch das Devisenschutzkommando – ein Ableger der Reichsfinanzverwaltung – und die deutschen Grenzschutzorgane an der niederländischen und französischen Grenze verweisen nicht zuletzt auf die Anstrengungen der jüdischen Bevölkerung, der drohenden Deportation zu entkommen. Belgien, wo mehr als 90 Prozent der Juden entweder Immigranten vorwiegend osteuropäischer Herkunft oder Flüchtlinge aus Deutschland waren, blieb noch in den Jahren 1942 und 1943 Transitland für Juden aus den Niederlanden, die aus dem deutschen Herrschaftsgebiet fliehen wollten.

Sofern wir Näheres über die Gegenwehr der von der Deportation bedrohten jüdischen Bevölkerung wissen, stützen sich unsere Kenntnisse zumeist auf veröffentlichte und unveröffentlichte Zeugnisse der entkommenen und überlebenden Juden oder auf die Erinnerung der „Retter“. Dabei geraten diejenigen, die nicht aus den Vernichtungslagern zurückkehrten, aus dem Blick. Und doch hatten sie vielfach bis zur letzten Minute vor ihrer Verhaftung versucht, sich oder ihre Familie in Sicherheit zu bringen. Ihre Überlebensstrategien sind in nicht wenigen Fällen dokumentiert – selbst wenn sie keine Tagebücher oder Briefe hinterließen. Ausgehend von einem Transport des Jahres 1943 widmet sich das vierte Kapitel der Frage, welche Rettungsbemühungen die deportierten Juden unternommen hatten, bevor sie der Gestapo schließlich doch in die Hände fielen. Außerdem wird untersucht, wie die Sicherheitspolizei mehr als 1500 Frauen, Männer und Kinder in diesen Deportationszug brachte, ohne große Razzien durchzuführen.

Ein Vergleich mit vier anderen Transporten der Jahre 1942 und 1944 findet sich in Kapitel V, das neue Aufschlüsse zur Verteilung der Opferzahlen zwischen den Großstädten Brüssel und Antwerpen enthält. Im Zentrum stehen die Techniken der Menschenjagd. Die Aktivitäten des „Judenreferats“ der Brüsseler Sipo-SD werden detailliert nachgezeichnet. Die Mitwirkung der Feldgendarmerie oder der Geheimen Feldpolizei bei der Verhaftung der Juden wird ebenso behandelt und gewichtet wie der Rückgriff der Besatzungsmacht auf die belgische Polizei und andere einheimische Helfershelfer. Neue Quellen beleuchten die Sicht der Täter auf die Gegenwehr der jüdischen Bevölkerung. So lässt sich die Wechselwirkung zwischen dem Vorgehen der Deutschen und den Reaktionen der Juden ermessen.

Die Quellen deutscher und belgischer Provenienz, auf die sich die folgende Darstellung stützt, sind vorwiegend unveröffentlicht und stammen aus deutschen, belgischen und französischen Archiven, wobei die Quellenlage einerseits dürftig und andererseits reichhaltig genannt werden kann. Der überlieferte Bestand der verantwortlichen deutschen Dienststellen weist große Mängel auf. Zwar verfügen wir über die Berichte und ausgewählte Aktendossiers der deutschen Militärverwaltung – die bezeichnenderweise nicht den Schriftverkehr des in der Zeit der Deportationen für die „Judenfrage“ zuständigen Referats einschließen – sowie über einige relevante Schriftstücke des Brüsseler Vertreters des Auswärtigen Amts. Doch die in Belgien tätigen Statthalter des RSHA haben ihre Akten vor dem Rückzug vollständig beseitigt, und auch ihre nach Berlin gesandten Meldungen zur Judenverfolgung gelten fast ausnahmslos als verschollen. Immerhin konnte ich im Berliner Bundesarchiv mehrere sehr aussagekräftige Meldungen aus dem Jahr 1942 ausfindig machen. Aktenbestände der Feldgendarmerie oder der Wehrmachtgerichte sind nicht vorhanden. Von der Geheimen Feldpolizei liegen zumindest die Tätigkeitsberichte vor, die einige Aufschlüsse bieten, zumal sie in der einschlägigen Literatur nicht berücksichtigt werden. Eine Reihe von Schriftstücken der genannten deutschen Stellen sowie der deutschen Grenzschutzorgane an den Grenzen zu Holland und Frankreich, die die Verhaftung von Juden betreffen, finden sich in dem teilweise überlieferten Bestand des Devisenschutzkommandos, der nicht zuletzt aus diesem Grund eine wichtige Quelle bildet. Schließlich sind in den Archiven der belgischen Behörden Schriftstücke deutscher Provenienz auffindbar – in nennenswertem Umfang, was die Umsetzung der antijüdischen Verordnungen betrifft, an der die belgische Verwaltung nicht unerheblich beteiligt war. Bezüglich der Verhaftung der Juden handelt es sich lediglich um wenige Dokumente.

Von großer Bedeutung ist die Überlieferung des Archivs der Zwangsvereinigung der Juden, das Verhandlungen der jüdischen Repräsentanten mit deutschen Dienststellen und Eingaben für verhaftete Juden beinhaltet. Außerdem sind für individuelle Personenrecherchen – für die vorliegende Darstellung wurden Nachforschungen nach mehr als 5000 aus Belgien deportierten Juden durchgeführt – reichhaltige Bestände verfügbar. Hierzu gehören die Karteien des Brüsseler Judenreferats der Sipo-SD, des Devisenschutzkommandos, der jüdischen Zwangsvereinigung, die auf deutsche Veranlassung angelegten „Judenregister“ belgischer Kommunen, die Transportlisten der Todeszüge nach Auschwitz und die teilweise aufbewahrten persönlichen Dokumente, die den Juden nach der Verhaftung abgenommen wurden, darunter falsche Papiere. Hierzu zählen gleichermaßen die nach 1945 angelegten Personendossiers des belgischen Kriegsopferdienstes (SVG). Sie enthalten zeitgenössische Quellen – wie Kriegsgerichtsurteile oder Karteiblätter aus deutschen Haftanstalten – sowie in der Nachkriegszeit protokollierte Angaben und polizeiliche Vernehmungen von Überlebenden, Angehörigen der deportierten Juden oder belgischen Augenzeugen der Verhaftung.

Sehr ergiebig sind schließlich die Akten der belgischen Militärgerichtsbarkeit, die nach der Befreiung gegen ehemalige Angehörige deutscher und belgischer Dienststellen und belgische Kollaborateure ermittelte. Die zahlreichen Vernehmungen inhaftierter deutscher Polizeibeamter, die in der Brüsseler Gestapo oder in dem zur Zusammenstellung der Todeszüge zwischen Brüssel und Antwerpen errichteten Sammellager Malines tätig gewesen waren, und ihrer einheimischen Handlanger stellen angesichts der defizitären Überlieferung deutscher zeitgenössischer Quellen einen Glücksfall für die historische Forschung dar. Von unschätzbarem Gewinn ist auch, dass die belgischen Ermittlungsbehörden schon sehr früh – zumeist 1949 – mehr als die Hälfte der etwa 1200 Überlebenden der Shoah vernommen haben. Diese Quellen haben, von einzelnen Ausnahmen abgesehen, in der Forschung bisher keine Berücksichtigung gefunden. Hinzu kommen die Vernehmungen von Juden, die der Deportation entgangen waren, darunter ehemalige Funktionshäftlinge oder Mitarbeiter der jüdischen Zwangsvereinigung, die Auskunft über das Vorgehen der deutschen Polizei erteilten. Die 20 Jahre später begonnenen Ermittlungen der deutschen Justizbehörden, die schließlich zum Kieler Prozess führten, bezogen einen teilweise abweichenden Personenkreis ein. Die in diesem Rahmen protokollierten Vernehmungen von ehemaligen Angehörigen des deutschen Besatzungsapparats bieten manche neuen Aufschlüsse zu den Großrazzien und Einzelverhaftungen, die in Belgien durchgeführt wurden, um die Züge nach Auschwitz zu füllen. Dass Einlassungen solcher Art besonders kritisch gelesen werden müssen, versteht sich von selbst.

Zur Verwendung der Quellen sind einige technische Hinweise angebracht. Personennamen der aus Belgien deportierten Juden, die bereits in den einschlägigen Verzeichnissen und in Datenbanken öffentlich zugänglich sind, werden im Folgenden genannt. In wenigen anderen Fällen wurde der Name von verfolgten Personen durch ein Pseudonym ersetzt und entsprechend gekennzeichnet. Die Namen von belgischen oder jüdischen informellen Handlangern der deutschen Polizei wurden ebenfalls anonymisiert, sofern sie nicht seit Jahren aus der belgischen Literatur bekannt sind. Dasselbe gilt für einige wenige untergeordnete deutsche Angehörige des Besatzungsapparats, deren Name ausschließlich durch ihre in der Nachkriegszeit erfolgte Vernehmung dokumentiert ist. Sofern nicht anders vermerkt, wurden die in französischer oder niederländischer Sprache vorliegenden und im Text zitierten Quellen von der Verfasserin ins Deutsche übersetzt. Die nach zwei Fundorten angeführten Zeugenvernehmungen aus dem Kieler Prozess sind vollständig im Brüsseler CEGES und lediglich in begrenztem Umfang in der Ludwigsburger Außenstelle des Bundesarchivs vorhanden. Deutsche Dokumente aus dem im CEGES verfügbaren Bestand German Records Microfilmed at Alexandria sind auch im Freiburger Militärarchiv aufzufinden.

Mein Dank geht an die Leiter und Mitarbeiter der aufgesuchten Archive, vor allem an Laurence Schram (MJDR) und Sophie Vandepontseele (SVG), die mir den Zugang zu Karteien, Akten und Datenbanken ermöglicht und die mein Vorhaben mit wichtigen Hinweisen und Auskünften unterstützt haben. Sophie Vandepontseele war darüber hinaus bei der ersten Durchsicht von mehr als 4000 Personendossiers behilflich. Ohne meine Mitarbeit in dem von Wolfgang Seibel an der Universität Konstanz durchführten und der Volkswagen-Stiftung geförderten Projekt „Holocaust und ‚Polykratie‘ in Westeuropa“ wäre dieses Buch über Belgien nicht begonnen worden. Wolfgang Seibel ermöglichte mir überdies auf großzügige Weise, meine Forschungen mit Unterstützung der Deutschen Forschungsgemeinschaft in Brüssel fortzuführen. Die Diskussionen mit belgischen Kollegen und die Mitarbeit in dem von Jean-Philippe Schreiber (Université libre de Bruxelles) und Rudi Van Doorslaer (CEGES) geleiteten Projekt über die Geschichte der Zwangsvereinigung der Juden in Belgien haben mich dazu ermutigt, die ausschließliche Perspektive auf die Täter aufzugeben. Dass ich auf die freundliche Unterstützung durch die von Albert Mingelgrün und Jean-Philippe Schreiber an der Université libre de Bruxelles geleiteten Fondation de la Mémoire contemporaine zählen konnte, hat den Abschluss der Arbeiten wesentlich erleichtert. Die Recherchen zum XXI. Transport (Kapitel IV) wurden gemeinsam mit Ahlrich Meyer durchgeführt, dem ich außerdem die kritische Durchsicht des Buchmanuskripts verdanke. Dank gebührt schließlich dem Lektor der Wissenschaftlichen Buchgesellschaft, Daniel Zimmermann, der das Erscheinen des Buches sicherte, und Klaus-Michael Mallmann, dem wissenschaftlichen Leiter der Forschungsstelle Ludwigsburg der Universität Stuttgart, für die Aufnahme in die von ihm herausgegebene Schriftenreihe.

Brüssel, im Mai 2009

Insa Meinen

1. Besatzung, Kollaboration und Judenverfolgung

Das Besatzungsregime

Nach dem Einmarsch der deutschen Wehrmacht am 10. Mai 1940 wurde Belgien dem General der Infanterie Alexander von Falkenhausen unterstellt, der ab Juni 1940 als „Militärbefehlshaber in Belgien und Nordfrankreich“ auch für die beiden französischen Departements Nord und Pas-de-Calais zuständig war, während die ostbelgischen Gebiete Eupen und Malmedy abgetrennt und vom Deutschen Reich annektiert wurden1. Von Falkenhausen verfügte über einen Kommandostab unter Bodo von Harbou zur Ausübung der militärischen Gewalt und über einen Militärverwaltungsstab, dem die Regierung und Ausplünderung des besetzten Landes oblag. Als Chef der Militärverwaltung fungierte der ehrgeizige Eggert Reeder, Regierungspräsident in Köln und ehrenamtliches SS-Mitglied, der während seiner Tätigkeit in Belgien zum SS-Gruppenführer aufstieg.

Reeder wusste sich eine außerordentliche Machtfülle zu sichern. Seine am nationalsozialistischen Führerprinzip orientierte Formel von der „Einheit der Verwaltung“, die er in seinen Berichten nach Berlin und in zeitgenössischen Veröffentlichungen wiederholt zur Vorbedingung der Besatzungsherrschaft über Belgien erklärte, stand für die sehr weitgehend durchgesetzte Absicht, sämtliche in seinem Befehlsbereich agierenden deutschen Verwaltungs- und Wirtschaftsstellen selbst zu kontrollieren2. Dies bezog sich bemerkenswerterweise auch auf die Brüsseler „Dienststelle“ bzw. den „Beauftragten“ des Chefs der Sicherheitspolizei und des SD (Sipo-SD) – also auf die Außenstelle des Berliner Reichssicherheitshauptamts.

Heydrichs Stellvertreter in Brüssel unterstanden aufgrund der Vereinbarungen zwischen dem RSHA und der Wehrmacht dem Militärbefehlshaber3. Auf Betreiben Reeders wurden sie nicht – wie ursprünglich geplant – dem Kommandostab, sondern dem Militärverwaltungschef selbst untergeordnet. Während das Oberkommando des Heeres (OKH) und der Militärbefehlshaber in Paris die Einflussnahme der Sipo-SD zu begrenzen suchten, setzte Reeder sie in Belgien als Exekutivorgan der Militärverwaltung ein und stattete sie im Februar 1941 mit eigenen Festnahmekompetenzen aus. Ein zugleich eingeführtes Haftprüfungsverfahren begründete eine Kontrolle der sicherheitspolizeilichen Verhaftungen durch die Militärverwaltung, von deren Zustimmung jede Inhaftierung abhängig gemacht wurde, die länger als vier Wochen währte. Mithin konnte die Gestapo in Belgien – und dies dürfte für den nationalsozialistischen Terrorapparat einmalig gewesen sein – auf eine von der Militärverwaltung autorisierte Form der „Schutzhaft“ zurückgreifen, die als „Sicherheitshaft“ bezeichnet wurde und zu deren Durchführung der Militärverwaltungschef explizit ein Konzentrationslager bestimmte4. Das mitten in Belgien errichtete Lager Breendonk war eine der grauenvollsten Haft- und Mordstätten des NS-Regimes und unterstand ab Mai 1942 direkt Militärverwaltungschef Reeder5.

Im Gegensatz zu Frankreich, wo die Einflussgewalt des Militärbefehlshabers auf die Sipo-SD spätestens im Frühjahr 1942 mit der Berufung eines Höheren SS- und Polizeiführers endete, blieb der Beauftragte des Chefs der Sipo-SD in Belgien auch später dem Militärverwaltungschef unterstellt. Denn Heinrich Himmler sah bis kurz vor dem Ende der Besatzungszeit davon ab, in Belgien einen HSSPF einzusetzen. Obwohl es an entsprechenden Planungen und Vorstößen nicht mangelte, behauptete Reeder sich bis Juli 19446. Lediglich auf dem Gebiet der Volkstumspolitik, die im flämisch-wallonischen Belgien bei der Förderung von Kollaborationsbewegungen eine nicht unwesentliche Rolle spielte, konnte er nicht verhindern, dass Himmler und insbesondere der Chef des SS-Hauptamtes und Leiter der „Germanischen Leitstelle“, Gottlob Berger, fortlaufend auf eine seinen eigenen Optionen zuwiderlaufenden Weise in die Besatzungspolitik eingriffen. Reeder musste die Einsetzung von Himmlers Bevollmächtigtem Richard Jungclaus hinnehmen, der ihm nicht untergeordnet war.

Dagegen stellten die Statthalter Heydrichs bzw. Kaltenbrunners Reeders Führungsanspruch nicht in Frage. In dem hier interessierenden Zeitraum, als die Deportation der Juden vorbereitet wurde und der Großteil der Züge aus Belgien nach Auschwitz fuhr, fungierte Ernst Ehlers als Beauftragter des Chefs der Sicherheitspolizei und des SD (BdS) in Brüssel. Er löste im Dezember 1941 Constantin Canaris ab und leitete die Sipo-SD in Brüssel bis einschließlich Januar 19447. Ehlers war 15 Jahre jünger als Reeder. Als SS-Sturmbannführer und Regierungsrat stand er bei seiner Ankunft in Brüssel einem Militärverwaltungschef gegenüber, der ihm als SS-Brigadeführer und Regierungspräsident in mehrfacher Hinsicht übergeordnet war. Der Beauftragte war also relativ schwach, und es kam vor, dass er sich von Reeders Mitarbeitern abfertigen ließ, wenn er bei der Militärverwaltung vorstellig wurde8.

Noch wichtiger war, dass es zwischen der Militärverwaltung und dem BdS nicht zu grundsätzlichen Auseinandersetzungen, sondern vielmehr zu einer „harmonischen“ Zusammenarbeit kam9. Dieses von den Beteiligten noch in der Nachkriegszeit gegenüber der belgischen Justiz unisono unterstrichene Faktum steht allerdings im Widerspruch zu der gleichzeitig von Reeder und von Falkenhausen ausgegebenen Rechtfertigungslegende, derzufolge die Sipo-SD ihnen lediglich formell unterstanden habe und tatsächlich ihrer Kontrolle zunehmend entglitten sei10. Dass die Unterstellung alles andere als formal war, zeigt die Tatsache, dass der BdS seine „Meldungen aus Belgien und Nordfrankreich“ im Entwurf und vor der Absendung nach Berlin Reeders politischem und persönlichem Referenten Günter Heym zur Durchsicht vorlegen musste11. Vor allem jedoch war die Sicherheitspolizei bei der Ausführung ihrer Verbrechen von der Autorisation der Militärverwaltung abhängig. Dies gilt ebenso für die Verschleppung von Juden und Widerstandskämpfern in das Lager Breendonk wie für die Deportation der Juden nach Auschwitz.

Die Sipo-SD und das Judenreferat in Belgien

Am 1. Juli 1940 traf Feldpolizeidirektor Franz Straub, zur Abwehr einberufener Mitarbeiter der Münchner Gestapo, mit einem Sonderkommando von 20 bis 25 in die Geheime Feldpolizei (GFP) aufgenommenen Polizeibeamten in Brüssel ein und meldete sich weisungsgemäß bei Militärverwaltungschef Reeder12. Dass die ersten Kommandos des RSHA sowohl in Frankreich als auch in Belgien in Uniformen der GFP – dem Vollzugsorgan der deutschen Abwehr – auftraten, ging darauf zurück, dass das Heeresoberkommando sich zunächst gegen eine Tätigkeit der Sicherheitspolizei im besetzten Gebiet sperrte. Allerdings besteht kein Zweifel darüber, dass Reeder Heydrich im Juni 1940 um Personal zur Verstärkung der unzureichenden GFP-Kräfte ersucht hatte. Nachdem die Wehrmacht dem RSHA eine Mitwirkung im Brüsseler Besatzungsapparat zugestanden hatte, kam Heydrich am 27. Juli in die belgische Hauptstadt, um seine Statthalter offiziell einzuführen. In seiner Begleitung befanden sich sein Beauftragter für Belgien und Frankreich, SS-Brigadeführer Max Thomas, und der zukünftige Leiter von Thomas’ Brüsseler Dienststelle, Obersturmbannführer Haselbacher. Reeder setzte durch, dass diese Dienststelle seinem Stab angegliedert wurde, und Heydrich holte seine Zustimmung ein, bevor er den bereits im September 1940 verstorbenen Haselbacher durch Obersturmbannführer Constantin Canaris ersetzte.

Anfang Oktober ermächtigte das OKW die Sicherheitspolizei zum Tragen ihrer eigenen Uniformen in Frankreich und Belgien, räumte ihr allerdings keine Exekutivbefugnisse ein, sondern beauftragte sie in erster Linie mit der „Erfassung und Überwachung von gegen das Reich gerichteten Bestrebungen“ der Juden, Emigranten, Freimaurer, Kommunisten und Kirchen13. Drei Monate später schrieb der Oberbefehlshaber des Heeres von Brauchitsch die Unterstellung unter die Militärbefehlshaber fest, erteilte diesen generelle Weisungsbefugnisse und erlaubte der Sicherheitspolizei lediglich in Ausnahmefällen die Durchführung von Verhaftungen, sofern die militärischen Stellen unverzüglich informiert würden. Kurz darauf erhielt die Brüsseler Sipo-SD jedoch von Reeder umfassende exekutive Vollmachten, während die Militärverwaltung sich zugleich die Entscheidungsgewalt über alle länger dauernden Inhaftierungen sicherte. Ende 1941 berief Heydrich seinen Beauftragten für Belgien und Frankreich ab, womit die Brüsseler Dienststelle selbstständig wurde. Daher amtierte Ernst Ehlers, der im gleichen Zeitraum mit Reeders Einverständnis die Nachfolge von Canaris antrat, als „Beauftragter des Chefs der Sicherheitspolizei und des SD für den Bereich des Militärbefehlshabers in Belgien und Nordfrankreich“.

Der Apparat der Sipo-SD mit Hauptquartier in der Brüsseler Avenue Louise entsprach weitgehend der Gliederung des RSHA. Abteilung IV war die Gestapo und Abteilung V wurde von der Kriminalpolizei gebildet. Im Gegensatz zur Organisation in Deutschland und im besetzten Frankreich unterstand das Judenreferat allerdings zunächst nicht der Abteilung IV, sondern der Abteilung II (Kirche, Freimaurer, Juden), die ab August 1940 von dem SD-Mann und zeitweiligen Stellvertreter des BdS Alfred Thomas geleitet wurde14. Erst nach dessen Tod gehörte das Judenreferat ab Ende Februar 1943 zur Gestapo; deren Chef war der erwähnte Franz Straub, inzwischen SS-Sturmbannführer. Parallel dazu existierte ein direkter Befehlsweg von Eichmann zur Brüsseler Judenabteilung II C bzw. IV B 3 (ab Frühjahr 1944: IV 4 B 4 [sic]) – insofern bildete Belgien keine Ausnahme.

Der erste Judenreferent Viktor Humpert, dessen Aktivitäten kaum dokumentiert sind15, wurde Mitte 1941 von Kurt Asche abgelöst, der schon in den dreißiger Jahren in der Judenabteilung des Berliner SD tätig gewesen war16. Asches Nachfolger Fritz Erdmann, im November 1942 berufen, kam aus dem Amt VII des RSHA, wo er „Freimaurerfragen“ bearbeitet hatte17. Aufgrund von kriminalpolizeilichen Ermittlungen des BdS gegen Asche u. a. wegen Unterschlagung des den Juden geraubten Eigentums wurde Erdmann im Oktober 1943 seines Amtes enthoben18. Von nun an leitete der Kriminalpolizeibeamte Fritz Weidmann das Judenreferat, bis er im März 1944 durch SS-Obersturmführer Werner Borchardt ersetzt wurde19. Unter den fünf Außendienststellen des BdS (Antwerpen, Lüttich, Charleroi, Gent und Lille), ist Antwerpen hervorzuheben, wo SS-Oberscharführer Erich Holm von 1940 bis 1944 für die Judenabteilung verantwortlich war. Auch in Lüttich und Charleroi wurden mit Willi Stade und Heinrich Knappkötter spezielle Sachbearbeiter zur Verfolgung der Juden bestimmt, wenngleich dort lediglich ein kleiner Teil der jüdischen Bevölkerung Belgiens lebte20.

Die belgischen Behörden und Kollaborationsbewegungen

Im Vordergrund der Besatzungspolitik stand die ökonomische Ausbeutung des Landes für die deutsche Kriegswirtschaft. Hierbei und bei der Aufrechterhaltung ihrer militärischen Sicherheit waren die Deutschen auf die einheimische Verwaltung angewiesen. Die Leitlinie der Militärverwaltung, die belgische Administration weitmöglichst dazu heranzuziehen, das Land gemäß der deutschen Weisungen zu verwalten, und ihr insbesondere die Anordnung bzw. die Durchführung unpopulärer Maßnahmen zu übertragen, traf sich auf belgischer Seite mit dem Interesse, die Kontrolle nicht vollständig der Besatzungsmacht zu überlassen und zu diesem Zweck eine pragmatische Kooperation mit den deutschen Machthabern einzugehen, für die der Begriff „Politik des geringeren Übels“ geprägt werden sollte.

Hintergrund waren die Erfahrungen des Ersten Weltkriegs, und die vorrangigen Interessen betrafen – ebenso wie auf deutscher Seite – den Wirtschaftssektor. Die Ernährung der belgischen Bevölkerung war zu einem erheblichen Teil von Nahrungsmittelimporten abhängig21, die Erwerbslosenrate lag im Sommer 1940 bei über 25 Prozent, und aus Sicht der belgischen Eliten sollte die Indienststellung der Wirtschaft für die deutsche Kriegsökonomie vor allem verhindern, dass die Besatzer wie im Ersten Weltkrieg Industrieanlagen aus Belgien nach Deutschland transferierten und zu Massendeportationen belgischer Arbeiter schritten. Hinzu kam das Bestreben, einer Herrschaft der belgischen Kollaborationsbewegungen zuvorzukommen, die eine faschistische Gesellschaftsordnung nach deutschem Vorbild bzw. den Anschluss an das nationalsozialistische Deutschland durchsetzen wollten – zumal die deutsche „Flamenpolitik“ während des Ersten Weltkriegs eine Radikalisierung des flämischen Nationalismus bewirkt und die Ausrufung eines autonomen Flanderns nach sich gezogen hatte.

Im Zweiten Weltkrieg verfolgte die Militärverwaltung ausdrücklich einen anderen Kurs. Hitlers Weisung lautete, die Flamen zu bevorzugen, jedoch einer Entscheidung über die politische Zukunft Belgiens nicht vorzugreifen. Reeder begriff die vorläufige (!) Fortexistenz des belgischen Staates und die Mitwirkung der frankophonen Eliten sowie des großen Teils der flämischen Bevölkerung, der den Kollaborationsbewegungen nicht angehörte, als Voraussetzung der wirtschaftlichen Ausplünderung des Landes. Aus diesem Grund kam es zum Konflikt mit Himmler und insbesondere mit Gottlob Berger, der Flandern baldmöglichst dem Reich angliedern wollte.

Wenngleich die Militärverwaltung auch die Einsetzung ideologischer Kollaborateure in administrative Funktionen für zwiespältig hielt, weil sie sich darüber im Klaren war, dass diese keine Massenbasis hatten und von der Mehrheit der belgischen Bevölkerung nicht akzeptiert wurden, sollte sie bei der massenhaften Auswechselung von Funktionsträgern in der belgischen Verwaltung ab Ende 1940 zunehmend auf Angehörige der beiden Kollaborationsbewegungen „ VNV“ (Vlaams Nationaal Verbond) und „Rex“ zurückgreifen22. Dies waren die wichtigsten, von der Militärverwaltung geförderten Organisationen der „Neuen Ordnung“, wobei Rex unter Léon Degrelle, dessen Anhänger sich aus dem französischsprachigen Bevölkerungsteil Brüssels und der Wallonie rekrutierten, eine wesentlich kleinere Größenordnung aufwies als der flämische VNV, der zunächst Staf De Clercq, ab Herbst 1942 Hendrik Elias unterstand.

Ihre Konkurrenz bildete die von Gottlob Berger protegierte und unter seiner Präsidentschaft Mitte 1941 in die SS integrierte DeFlag (Deutsch-Flämische Arbeitsgemeinschaft/Duitsch-VlaamscheArbeidsgemeenschap). Im Gegensatz zu dem VNV, der einen flämischen bzw. großniederländischen Staat anstrebte, propagierte die DeFlag den Anschluss Flanderns an das Deutsche Reich. Beide Organisationen waren antisemitisch ausgerichtet. Allerdings kam dem – aus der NS-Ideologie übernommenen – radikalen Antisemitismus in der politischen Kultur des VNV und des Rex lediglich ein untergeordneter Stellenwert zu 23. Noch im Sommer 1942 meldete der BdS nach Berlin: „In der Tagespresse ist ein größeres Interesse an der Judenfrage auch heute noch ebenso wenig wie bei den politischen Erneuerungsbewegungen festzustellen.“24

Unter den übrigen, von der Mitgliederzahl her unbedeutenden, Kollaborationsorganisationen gab es zwei, die bei der Judenverfolgung eine wichtige Rolle spielten, auch wenn ihre Angehörigen nicht in den belgischen Behördenapparat gelangten, sondern mit der Sipo-SD zusammenarbeiteten:

Die Allgemeine SS-Flandern – 1942 in Germanische SS-Flandern umbenannt und ab 1943 faktisch mit der DeFlag identisch – stand ebenfalls in Konkurrenz zu dem von der Militärverwaltung favorisierten und geförderten VNV und repräsentierte Himmlers Machtansprüche und seine Volkstumspolitik. Außerdem stellte sie freiwillige flämische Polizeikräfte, die insbesondere in Antwerpen, aber auch in Brüssel bei der Verhaftung von Juden mitwirken sollten.

Die Antwerpener Gruppierung Volksverwering (Défense du Peuple), 1937 von dem Anwalt René Lambrichts als eine der ersten antisemitischen Organisationen Belgiens gegründet, betrieb antijüdische Hetzpropaganda und rief zur Denunziation von Juden auf25. Die Sipo-SD holte sie 1941 in die belgische Hauptstadt. Alfred Thomas, Leiter der Abteilung II, zu der das Judenreferat gehörte, bis es Anfang 1943 der Gestapo unterstellt wurde, wollte Lambrichts offenbar zum Chef einer belgischen Behörde machen, die dem französischen „Generalkommissariat für Judenfragen“ gleichen sollte. Als aus deren Einrichtung nichts wurde, gründete das Judenreferat mit Hilfe von Volksverwering ein von der offiziellen Verwaltung unabhängiges Büro unter dem Namen Centrale Anti-Juive pour la Flandre et la Wallonie, dessen hauptamtliche Mitarbeiter von deutscher Seite besoldet wurden26. Diese „Antijüdische Zentrale“ baute die „Judenkartei“ der Sipo-SD auf. Ihr Leiter Pierre Beeckmans, einer der Köpfe der Volksverwering, war überdies ab 1943 für die rassenkundlichen Expertisen zuständig, die darüber entschieden, ob den Anträgen von verfolgten Personen, die sich selbst als Nicht-Juden im Sinne der deutschen Definition bezeichneten, stattgegeben wurde oder ob die Antragsteller deportiert wurden. Darüber hinaus fahndete die Zentrale bereits ab 1941 nach Juden, die die deutschen Verordnungen unterliefen und unterhielt zu diesem Zweck zumindest in Antwerpen einen eigenen Kontroll- und Streifendienst.

Zwar hatten antisemitische bzw. xenophobe, gegen die jüdischen Flüchtlinge gerichtete, Ressentiments in der Metropole Antwerpen bereits vor der deutschen Besatzung in verschiedenen gesellschaftlichen und politischen Milieus Platz gegriffen. Gleichwohl gingen die Sipo-SD wie die Militärverwaltung davon aus, dass der Antisemitismus in Belgien nur von einer kleinen Minderheit befürwortet wurde, und diese Tatsache bewog den Militärverwaltungschef dazu, die Verfolgung und Deportation der Juden möglichst unauffällig durchzuführen, um Rückwirkungen auf seine Besatzungspolitik zu vermeiden. Reeder suchte diese Taktik auch in Berlin begreiflich zu machen:

„Da der Belgier, teils weil er den Juden nicht kennt [sic], für die Berechtigung der Judenmaßnahmen kein Verständnis aufbringt und darüber hinaus durch die jahrelange Hetze gegen das Dritte Reich in diesem Punkt besonders empfindlich ist, würden großaufgezogene Judenaktionen verfehlt sein. Die Militärverwaltung wird fortfahren, den jüdischen Einfluss ohne laute Aktionen aus dem öffentlichen und wirtschaftlichen Leben auszuschließen.“27.

Die Grundlagen der Zusammenarbeit von deutschen und einheimischen Behörden waren in Belgien wesentlich fragiler und komplizierter als in Frankreich. Da die Regierung sich im Exil in London befand und Hitler dem kriegsgefangenen König Léopold jede politische Tätigkeit untersagte, gab es in Belgien keinen Souverän. Es kam daher nicht wie in Frankreich zu einer „Staatskollaboration“ (Stanley Hoffmann28), die – etwas verkürzt ausgedrückt – dazu führte, die von deutscher Seite gewünschten Maßnahmen in vorauseilender Weise selbst einzuleiten, um so die eigene Souveränität unter Beweis zu stellen. Allerdings hatte die belgische Regierung mit Blick auf die Erfahrungen aus dem Ersten Weltkrieg am Tag des deutschen Überfalls ein Gesetz erlassen, das die Beamten dazu ermächtigte, in dringenden Fällen die Amtsbefugnisse ihrer verhinderten Vorgesetzten auszuüben. Die belgischen Generalsekretäre – den deutschen Staatssekretären vergleichbar – und ihr Kollegium, das Comité des Secrétaires généraux, bildeten die oberste belgische Verwaltungsinstanz während der Besatzungszeit. Auf Drängen Reeders unterzeichneten die Generalsekretäre Mitte Juni 1940 ein Protokoll, in dem sie sich dazu bereit erklärten, (1) die deutschen Verordnungen, sofern sie den Rahmen der Haager Landskriegsordnung respektierten, ebenso wie die belgischen Gesetze auszuführen, (2) selbst Verordnungen mit Gesetzeskraft zu erlassen, sofern es sich nicht um politische Angelegenheiten handelte, und (3) diese vor Erlass vom Militärverwaltungschef genehmigen zu lassen.

Mit dieser weiten Auslegung der Kompetenzen der Generalsekretäre schien die Militärverwaltung ihr Ziel erreicht zu haben, die Umsetzung der von deutscher Seite gewünschten Maßnahmen großenteils der belgischen Verwaltung übertragen zu können. In der Praxis sollte sich jedoch zeigen, dass sie hierbei immer wieder auf beträchtliche Widerstände traf, obwohl sie Tausende von Beamten austauschte und in nicht unerheblichem Maße in die Verwaltungsstrukturen eingriff. Diese Widerstände resultierten in Belgien, wo die Justiz traditionell eine herausragende Stellung genoss, aus der Beachtung rechtstaatlicher Normen. Für die Besatzer stellte dies ein erhebliches Hindernis dar. Zum einen ging es um die Frage, wie weit die unter Punkt 2 genannte Rechtsetzungskompetenz der Generalsekretäre reichte und inwieweit die Häupter der belgischen Administration tatsächlich dazu bereit waren, die deutschen Vorgaben in eigene Gesetzesverordnungen zu übersetzen. Zum anderen beriefen sich die Generalsekretäre und andere belgische Funktionsträger, wenn sie die Ausführung deutscher Vorgaben verweigerten, immer wieder auf deren Unvereinbarkeit mit der belgischen Verfassung, und dabei beharrten sie auf Artikel 43 der Haager Landkriegsordnung (HLKO), der – außer im Falle eines zwingenden Hindernisses – die Einhaltung der landeseigenen Gesetze durch den Besatzer verlangte. Beides war für die Judenverfolgung relevant, wie sich schon im Herbst 1940 erweisen sollte.

Antijüdische Verordnungen

Da die belgische Verfassung die Erhebung der Religionszugehörigkeit verbot, weiß man nicht genau, wie groß die jüdische Gemeinschaft im Frühjahr 1940 war29. 65000 Juden, die vor dem Überfall der deutschen Wehrmacht in Belgien lebten, sind nach 1945 von den belgischen Behörden namentlich identifiziert worden. Doch ist beispielsweise ungeklärt, wie viele der jüdischen Flüchtlinge aus dem Deutschen Reichsgebiet – 25000 von ihnen sollen sich noch am 10. Mai 1940 in Belgien aufgehalten haben30 – sich überhaupt in ihrem Zufluchtland hatten registrieren lassen. Auch gibt es keine verlässlichen Zahlen darüber, wie vielen Juden nach der deutschen Invasion die Flucht aus Belgien gelang. Zudem wies die belgische Administration noch in den Maitagen 1940 annähernd 10000 „unerwünschte Ausländer“ – in der Mehrzahl Juden – nach Frankreich aus. Fest steht hingegen, welchen Personenkreis die deutschen Machthaber in Belgien ausfindig machten: In der überlieferten Kartei des „Judenreferats“ der Brüsseler Sipo-SD sind 56186 Frauen, Männer und Kinder registriert, die den deutschen Bestimmungen zufolge als Juden galten31. Weniger als sieben Prozent von ihnen besaßen die belgische Staatsangehörigkeit. Bei den Juden in Belgien handelte es sich überwiegend um Immigranten, die seit dem späten 19. Jahrhundert vorrangig aus Osteuropa gekommen bzw. seit 1933 und vor allem 1938/39 aus Deutschland geflohen waren. Polnische Staatsangehörige standen mit Abstand an erster Stelle. Ein großer Teil der jüdischen Einwanderer arbeitete in kleinen Handwerks- und Familienbetrieben, die sich in der Textil- und Lederbranche oder, insbesondere in Antwerpen, im Diamantensektor konzentrierten. Die jüdische Bevölkerung lebte – von wenigen tausend Personen in anderen Städten abgesehen – in Antwerpen und Brüssel. Waren noch Anfang 1941 wesentlich mehr Juden in der flämischen Metropole registriert als in der belgischen Hauptstadt, so kehrte sich das Zahlenverhältnis bis zum Frühjahr 1942 um, da die Besatzer die Verfolgung in Antwerpen schärfer vorantrieben als in Brüssel.

Als die Militärverwaltung die Generalsekretäre im Oktober 1940 zur Herausgabe einer Verordnung aufforderte, die u. a. die Registrierung der Juden und ihrer Vermögen sowie ihren Ausschluss aus dem öffentlichen Dienst beinhalten sollte, lehnten diese ab, wobei sie sich ausdrücklich auf die belgische Verfassung beriefen, vor der alle Belgier gleich seien, und auf Artikel 43 der HLKO hinwiesen, der den Besatzer zur Beachtung der Landesgesetze verpflichtet32. Daraufhin erließ der Militärbefehlshaber am 28. Oktober 1940 selbst eine erste „Judenverordnung“. Sie umfasste die Definition und Registrierung, das Rückkehrverbot für Juden, die vor dem deutschen Einmarsch nach Frankreich geflohen waren, die Anmeldung und das Verfügungsverbot von bzw. über Unternehmen sowie die Kennzeichnung von Gaststätten jüdischer Inhaber. Eine weitere Verordnung vom gleichen Tag schloss Juden aus dem öffentlichen Dienst und öffentlichen Ämtern aus33.

Die Unvereinbarkeit dieser Verordnungen mit der belgischen Verfassung hinderte die Generalsekretäre und die Kommunalverwaltungen allerdings nicht daran, bei der Umsetzung mitzuwirken. Denn das mit hochrangigen belgischen Juristen besetzte Comité permanent du Conseil de Législation – ein einflussreiches Beratungsgremium – traf die folgenschwere Entscheidung, dass die „passive Mitwirkung“ (collaboration passive) bei der Durchführung der Verordnungen mit dem belgischen Recht vereinbar sei34. Die Kommunen legten – wenngleich manche zunächst eine gewisse Hinhaltetaktik verfolgten – „Judenregister“ an und sorgten für die Entlassung der relativ wenigen im öffentlichen Dienst beschäftigten Juden. Anders verhielt es sich mit der Registrierung der Unternehmen, die die Militärverwaltung selbst durchführen musste. Das gleiche gilt für den gesamten Prozess der sogenannten „Arisierung“. Die grundlegenden Verordnungen zur Ausplünderung und Enteignung der jüdischen Bevölkerung ergingen im Mai 1941 von Seiten des Militärbefehlshabers, und an ihrer Umsetzung war die belgische Administration nicht beteiligt. Militärverwaltungschef Reeder betonte in diesem Zusammenhang ausdrücklich den grundlegenden Unterschied zwischen den Besatzungsstrukturen in Frankreich und in Belgien:

„ Während die französische Regierung unter der Leitung des Marschalls als Staatschef souverän und selbstverantwortlich ist, fühlen sich die belgischen Generalsekretäre weitgehend nur als Platzhalter und sind innerlich um so unsicherer, als sie – oft ungewollt – von London beeinflusst werden, von wo das Ministerium Pierlot durch Rundfunk und Flugblätter ihnen laufend Anweisungen zu erteilen versucht […].

Insofern muss hier die Militärverwaltung von sich aus manche Maßnahmen erzwingen oder selbstverantwortlich durchführen, die in Frankreich die Regierung unter dem Staatschef von sich aus treffen kann und auch trifft. Dies galt in den letzten Monaten insbesondere für die politischen Maßnahmen, z. B. gegen die Juden, Freimaurer, Kommunisten; Anordnungen, die in Frankreich von der französischen Regierung und ihren Organen beschlossen und durch ihre Organe durchgeführt werden, in Belgien dagegen von der Militärverwaltung getroffen werden mussten.“35

Bestrebt, ihren Einfluss auf die belgische Verwaltung zu verstärken, sorgte die Militärverwaltung dafür, dass das Innenministerium ab April 1941 dem VNV-Angehörigen Gerard Romsée unterstellt wurde, dessen bereitwillige Kooperation mit der Besatzungsmacht Reeder in der Folgezeit unablässig in seinen Berichten hervorheben sollte. Romsée hatte zuvor, seit dem Sommer 1940, den Posten des Gouverneurs der Provinz Limburg bekleidet, und in diesem Zusammenhang die Kontrolle der etwa 3300 Juden organisiert, die auf Weisung von Falkenhausens Ende 1940 und Anfang 1941 unter militärischen Vorwänden aus Antwerpen nach Limburg deportiert worden waren36. An der Spitze des Innenministeriums angelangt, wies Romsée die belgischen Kommunen auf deutsche Veranlassung im Juli 1941 an, die Ausweise von Juden mit dem roten Stempel „JUIF-JOOD“ zu versehen und der Sipo-SD Abschriften der kommunalen Judenregister zuzusenden. Diese Kopien dienten zur Anlage der deutschen Judenkartei. Eine im November 1941 vom Militärbefehlshaber gegründete Zwangsvereinigung der Juden in Belgien (Association des Juifs en Belgique – AJB) sollte den Ausschluss aus der belgischen Gesellschaft vervollständigen und den Besatzungsdienststellen zugleich als zentraler Ansprechpartner bei der Durchführung der antijüdischen Maßnahmen dienen. Ein halbes Jahr darauf radikalisierte die Militärverwaltung die Judenverfolgung mit einer Serie von Verordnungen, die der Deportation nach Auschwitz unmittelbar vorausgingen.

„Der Judenstern war der Auftakt der eigentlichen Verfolgung“

Ende Mai 1942 führten von Falkenhausen und Reeder auf Drängen des Reichssicherheitshauptamts den sogenannten „Judenstern“ in Belgien ein – zeitgleich mit einem entsprechenden Erlass im besetzten Frankreich37. Die Unterwerfung der Juden unter den Kennzeichnungszwang wurde zwischen den deutschen Dienststellen in Westeuropa koordiniert. Dabei kam der Sipo-SD Frankreich eine maßgebliche Rolle zu. Bereits Ende Februar 1942 sandten der stellvertretende Befehlshaber Lischka und Judenreferent Dannecker ein Schreiben an den BdS in Brüssel, in dem sie behaupteten, dass in Frankreich in Kürze eine Kennzeichnungsverordnung erlassen werde, und in dem sie zugleich „im Interesse einer einheitlichen Handhabung in den besetzten Westgebieten“ darauf drängten, den Brüsseler Militärbefehlshaber zur Herausgabe einer entsprechenden Verordnung zu bewegen. Der nächste Schritt erfolgte am 4. März anlässlich einer im Gefolge der Wannseekonferenz angesetzten Tagung der Judenreferenten bei Eichmann in Berlin, bei der die gleichzeitige Einführung des „Judensterns“ in den Niederlanden, Belgien und Frankreich geplant wurde. Als Eichmanns Vertreter in Brüssel war zu dieser Zeit Kurt Asche tätig. Am 14. März trafen Dannecker und Asche zu einer Besprechung über die Kennzeichnung der westeuropäischen Juden in Paris zusammen, wobei sie insbesondere skizzierten, wie die von den Militärbefehlshabern bzw. dem Reichskommissar zu erlassenden Verordnungen aussehen sollten. Zentrale Bedeutung kam den Strafbestimmungen zu, die bei Zuwiderhandlung die Einweisung von Juden in Konzentrationslager vorsahen. Die Verordnungen von Stülpnagels und von Falkenhausens entsprachen dieser Vorgabe.

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