Die Schattenbande - Ronald M. Hahn - darmowy ebook

Die Schattenbande ebook

Ronald M. Hahn

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Hundedieben auf der Spur Ein komischer Kriminalroman von Ronald M. Hahn Der Umfang dieses Buchs entspricht 138 Taschenbuchseiten. Hundedieben auf der Spur... Die Polizei bleibt gelassen, als sie hört, dass es sich bei dem entführten Daffy nicht um ein Kind handelt, sondern um einen kleinen Hund. Wollen Biggy und Huck ihn zurückhaben, müssen sie die Sache selbst in die Hand nehmen. Hundediebstähle sind an der Tagesordnung. Dies lässt sie vermuten, dass sie es mit professionellen Hundedieben zu tun haben, die mit ihrer Beute Versuchslabore beliefern. Die Spur, die Huck und Biggy verfolgen, führt zu einem abgelegenen Bauernhof – und zum Drahtzieher der Bande, dem "Schatten". Ein spannender, mit viel Witz und rasantem Tempo erzählter Jugendkrimi, in dem auch kritische Untertöne mitschwingen. Für clevere Leser ab 12 Jahre!

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Ronald M. Hahn

Die Schattenbande

Cassiopeiapress Junior/ Edition Bärenklau

BookRix GmbH & Co. KG80331 München

DIE SCHATTENBANDE

Hundedieben auf der Spur

Ein komischer Kriminalroman

von Ronald M. Hahn

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 138 Taschenbuchseiten.

 

Hundedieben auf der Spur... Die Polizei bleibt gelassen als sie hört, dass es sich bei dem entführten Daffy nicht um ein Kind handelt, sondern um einen kleinen Hund. Wollen Biggy und Huck ihn zurück haben, müssen sie die Sache selbst in die Hand nehmen.

Hundediebstähle sind an der Tagesordnung. Dies lässt sie vermuten, dass sie es mit professionellen Hundedieben zu tun haben, die mit ihrer Beute Versuchslabore beliefern. Die Spur, die Huck und Biggy verfolgen, führt zu einem abgelegenen Bauernhof – und zum Drahtzieher der Bande, dem „Schatten“.

Ein spannender, mit viel Witz und rasantem Tempo erzählter Jugendkrimi, in dem auch kritische Untertöne mitschwingen.

Für clevere Leser ab 12 Jahre!

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© dieser Ausgabe 2015 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen

www.AlfredBekker.de

[email protected]

EDITION BÄRENKLAU, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius

Roman © by Ronald M. Hahn und Edition Bärenklau, 2015

Die Originalausgabe erschien zuerst im Ensslin & Laiblin Verlag, Reutlingen

Cover © by Steve Mayer (Layout) – Pavel Timoveef und Jan Bruder / 123RF, 2015

AUF IN DIE GROSSE STADT

Biggy hatte ihre Tante Harriet seit drei Jahren nicht mehr gesehen. Als sie einander anlässlich des sechzigsten Geburtstags ihres Opas mütterlicherseits über den Weg liefen, überraschte es sie, wie sehr sie sich verändert hatte. Noch vor ein paar Jahren hatten sie auf der Wiese hinter dem Haus Federball gespielt - und jetzt sah Harriet aus wie eine richtige Dame.

Während Opa den Rest der Familie traditionsgemäß mit seinen Heldentaten aus den sechziger Jahren unterhielt (es gab niemanden, der die aufregende Story seiner Begegnung mit Elvis Presley auf dem Frankfurter Flughafen noch nicht gehört hatte), bewunderte Biggy Harriets schickes Cocktailkleid und fragte sich, ob ihre Tante einen Kursus besucht hatte, um auf Stöckelschuhen zu laufen, ohne sich die Beine zu brechen. Harriet erkannte sie zuerst gar nicht, doch als Biggy ihr zuzwinkerte, riss sie die Augen auf und rief: „Ja, ist es denn die Möglichkeit?“

Dann zogen sie sich auf den Balkon zurück, steckten die Köpfe zusammen und unterhielten sich über alte Zeiten, bis sie Opas Geburtstagsfeier völlig vergaßen. Und sie hatten sich eine Menge zu erzählen!

Harriet war neunzehn. Sie hatte die Schule vor einem knappen Jahr beendet und lebte nun in der fünfzig Kilometer entfernten Universitätsstadt, wo sie sich als Studentin der Psychologie eifrig bemühte, so genannte „Scheine“ zu machen. Sie hatte eine eigene „Wohnung“ in einem Haus, das ausschließlich von Studenten bewohnt wurde, und einen Freund, der als Reporter bei einer Zeitung tätig war.

Biggy, fünf Jahre jünger, drückte noch immer die Schulbank, und obwohl sie es inzwischen schon acht Jahre lang tat, hatte sie den Dreh immer noch nicht raus, wie man Einser schrieb, ohne sich anzustrengen. Harriet, das wusste sie noch gut, hatte in dieser Hinsicht nie die geringsten Schwierigkeiten gehabt. Deswegen finanzierte Opa auch ihr Studium; er wollte unbedingt eine Akademikerin in der Familie haben.

Als Biggys Mutter auf dem Balkon erschien und auf die mathematischen Leistungen ihrer Tochter zu sprechen kam, meinte Harriet, Biggy könne sie doch in den Herbstferien besuchen, sie könne ihr dann Nachhilfe geben. Zwar war die Aussicht, die Ferien über ihren Schulbüchern zu verbringen, nicht unbedingt nach Biggys Geschmack, doch die Vorstellung, ein paar Wochen in der Großstadt zu verbringen, setzte ihre Phantasie gleich in Bewegung. Auch ihre Mutter war von der Idee begeistert. Biggy stimmte frohgemut zu und spielte die Lernbegierige. Auch Papa drückte seine Zufriedenheit über Harriets Angebot aus. Er versprach Biggy sogar einen Hunderter, wenn sie Tante Harriet brav folgte, und so wurde die Sache beschlossen.

Zum Glück standen die Herbstferien mehr oder weniger vor der Tür, denn allzu lange hätte Biggy das Warten nicht ausgehalten. Endlich einmal in die große Welt hinaus! Die Vorstellung, ganz allein mit der Bahn zu verreisen, beflügelte sie, und ehe sie sich versah, steigerten sich ihre schulischen Leistungen von allein. Schlussendlich blieb ihr nichts anderes übrig, als zwei Arbeiten absichtlich in die Binsen gehen zu lassen - damit Mama und Papa nicht auf die Idee kamen, sie würde das Klassenziel auch ohne Tante Harriets Nachhilfe erreichen.

Am ersten Ferientag brachten ihre Eltern sie mit zwei Köfferchen und dem schon erwähnten Hunderter zum Bahnhof. Biggy stieg in den Zug, winkte ihnen fröhlich zu und dampfte ab. Eine knappe Stunde später war sie an ihrem Zielort angekommen und ließ sich von einem Taxi zu dem Haus bringen, in dem Harriet wohnte.

Es war ein großer, alter Kasten mit vielen Fenstern, und die Gegend, in der er stand, war nicht besonders fein. Eine hohe Hecke umsäumte das Haus. Biggy schleppte ihre Koffer an einem Meer von Mülltonnen vorbei, suchte auf dem Klingelbrett nach Tante Harriets Namen und schellte Sturm. Doch nichts tat sich. Entweder war die Klingel kaputt oder es war niemand zu Hause. Harriets Reaktion war gleich Null.

Die Haustür stand offen. Biggy ging hinein und landete in einem Korridor, dessen Wände mit zahllose Plakaten verziert waren. Ihr Blick fiel auf moderne Druckgrafik, bekannte Rockgruppen und Szenen aus legendären Filmen: Mick Jagger stand auf einer Bühne und tat so, als wolle er sein Mikrofon verschlingen; auf einem anderen Poster sah Humphrey Bogart Ingrid Bergman an und sagte in einer Sprechblase: „Ich schau dir in die Augen, Kleines“. Am besten gefiel ihr noch das Porträt des drolligen Komikers Groucho Marx, der schnauzbärtig-pfiffig an einer Zigarre nuckelte. Darunter stand: „Ich würde keinem Klub beitreten, der Leute wie mich aufnimmt.“

Biggy kicherte. Der Lift, ein eiserner alter Käfig, war außer Betrieb. Als Biggy sich ächzend und keuchend bemühte, ihre beiden Koffer die Treppe hinauf zu hieven, kam ihr in höchster Eile ein unglaublich dürrer junger Mann in einem flatternd weiten Jogging-Anzug entgegen. Abgesehen davon bestand er hauptsächlich aus Haaren, das er mit einem feuerroten Stirnband bändigte. Er hatte einen Stapel Bücher unter den Arm geklemmt. „Platz! Platz!“, schrie er panisch. „Ich komm zu spät zum Examen!“

Der Studiosus hatte offenbar einen wichtigen Termin verschlafen, und versuchte jetzt, die Lage durch sportliche Leistung zu retten. Biggy drückte sich an die Wand. Der Jogger-Student hüpfte über ihre Koffer hinweg und bog polternd und mit wehendem Haar um den Treppenabsatz.

Auch der nächste Hausbewohner, dem Biggy begegnete, wirkte nicht so, als sei er die Ruhe in Person. Mit einem genuschelten „Morjen, Morjen“ - und das am Mittag - fegte er an ihr vorbei. Er wurde von einem kläffenden, wuscheligen Yorkshire-Terrier mit einem blauen Schleifchen im Haar verfolgt, der ziemliche Schwierigkeiten hatte, seinem Herrchen über die hohen Treppenstufen zu folgen. Das Herrchen sah wie achtzehn aus; es trug hellblaue Jeans, weiße Turnschuhe, eine schwarze Motorradjacke voller Karnevalsorden und eine Irokesenfrisur. An seinen Ohrläppchen baumelten vier kleine Blitzwürfel.

„Kein Zweifel“, murmelte Biggy, als sie hinter Herrchen und Hund hersah, „das hier ist ein Irrenhaus.“

Als sie erschöpft im vierten Stock ankam, stellte sich heraus, dass Tante Harriet wirklich nicht daheim war. Biggy trommelte erfolglos mit beiden Fäusten gegen ihre Tür. Nichts rührte sich.

„Soll ich Ihnen ‘ne Axt leihen, Frollein?“, hörte sie plötzlich jemanden sagen.

Sie fuhr erschreckt herum. Hinter ihr hatte sich eine Tür geöffnet, und ein Mann, der etwa Anfang zwanzig war, musterte sie mit einem verschlafenen Blick. In seiner weinroten Hausjacke mit den schwarzen Samtaufschlägen wirkte er wie ein Lord in einem Film, doch sein Strubbelkopf, seine Filzpantoffeln und die blauweiß gestreifte Schlafanzughose wollten nicht so recht dazu passen. „Was soll der Krach?“, fragte er und wühlte in den Taschen seiner Jacke.

Biggy befürchtete schon, er würde einen Revolver ziehen, um die Ursache des Lärms zu beseitigen, doch dann erkannte sie beruhigt, dass er nur nach einer runden Nickelbrille gesucht hatte, die er umständlich auf die Nase setzte.

„Ich... ähm...“ sagte Biggy und deutete mit dem Daumen über die Schulter. „Fräulein Holtz ist wohl nicht da?“

„Himmelherrgottsakra!“, raunzte der verschlafene junge Mann. „Kann man denn dieser Klapsmühle nie in Ruhe schlafen? Ich habe eine anstrengende Nacht hinter mir, Frollein. Lärmen Sie gefälligst ein bisschen leiser!“

„Mach ich“, sagte Biggy verschüchtert. „Verzeihung auch.“

„Nix für ungut“, sagte der Nachbar. Rumms! Er warf seine Tür ins Schloss.

Biggy hörte ihn auf seinen Filzlatschen zum Ende eines langen Korridors hin entschwinden. In diesem Haus lebten ja wirklich komische Käuze.

Sie wollte sich gerade auf einen Koffer setzen und Tante Harriets Ankunft abwarten, als unter ihr flinke Schritte hörbar wurden. Dann tauchte Harriets Wuschelkopf auf. Als sie Biggy sah, schwenkte sie eine Tüte mit Brötchen und rief sie erfreut: „Hurra, meine Lieblingsnichte!“

Biggy begrüßte sie ebenso freudig, aber als sie Tante Harriet näher ansah, war sie doch ordentlich erstaunt. Sie sah nämlich ganz anders aus als auf Opas Geburtstag: Anstelle der Stöckelschuhe und des Cocktailkleides trug sie blaue Cordhosen und einen Pullover, der so aussah, als hätte er zuvor dem amtierenden Schwergewichts-Boxweltmeister gehört. Der Pullover reichte Harriet fast bis an die Knie, und sein Halsausschnitt war so weit, dass ein kleiner Elefant seinen Hals hätte hindurch stecken können.

„Du siehst so anders als damals“, sagte Biggy, als sie in Harriets Wohnschlafküche am Tisch saßen und sich Brötchen mit Erdbeermarmelade und Kaffee schmecken ließen. „Wie kommt das? Führst du etwa ein Doppelleben?“

„Wie man’s nimmt“, sagte Harriet fröhlich. „Aber wenn du glaubst, ich hätte mich verkleidet, kann ich dir nur sagen, dass ich auf Opas Geburtstag verkleidet war. Opa legt nämlich großen Wert darauf, dass ich nicht dem so genannten studentischen Lotterleben zum Opfer falle.“ Sie kicherte. „Also habe ich ihm zum Geburtstag den Gefallen getan und habe die schicke junge Lady gemimt. So wie ich jetzt aussehe, laufe ich normalerweise rum. Schließlich bin ich eine moderne Studentin.“

Diese Antwort befriedigte Biggy ganz und gar, und als sie sich umsah, entdeckte sie schnell, dass ihre jugendliche Tante auch so lebte, wie man es von einer modernen Studentin erwartete: Ihre Wohnschlafküche bestand hauptsächlich aus Bücherregalen. Die Möbel schienen vom Sperrmüll zu sein.

Natürlich hatte Biggy nicht erwartet, dass Harriet im Studium „Robinson Crusoe“ oder „Die Schatzinsel“ lesen musste, aber die Titel der dicken Wälzer, die in ihren Regalen standen, klangen so fachchinesisch, dass sie sie ohne die Hilfe eines Fremdwörterlexikons nicht verstehen konnte.

„In diesem Haus“, sagte Harriet, „leben nur Ausgeflippte; da muss man sich anpassen, wenn man nicht als alter Spießer gelten will.“

„Drei habe ich schon kennen gelernt“, sagte Biggy und berichtete von ihrer Begegnung mit dem langhaarigen Jogger.

„Das ist Micky“, sagte Harriet. „Er wird bald ein richtiger Doktor der Medizin sein.“

Als Biggy sich nach den beiden anderen erkundigen wollte, klingelte es, und der bebrillte junge Mann von gegenüber trat ein. Diesmal er sah er noch uriger aus als in seinem Lordjackett und der gestreiften Schlafanzughose: Er trug einen dunklen Nadelstreifenanzug, schwarze Schuhe, ein weißes Hemd und eine Krawatte.

Als er Biggy sah, blinzelte er sie mit kurzsichtigen Augen an. „Sie kommen mir bekannt vor, mein Fräulein“, sagte er. „Könnte es sein, dass wir uns schon mal irgendwo begegnet sind?“ Ehe Biggy etwas sagen konnte, nahm er in formvollendeter Manier ihre Hand und hauchte einen Kuss darauf. Biggy errötete bis unter die Haarwurzeln, weil sie das erst einmal verdauen musste. Harriet kicherte Kopf und stellte sie einander vor. Der junge Mann hieß Joe Hurtig und war Harriets Freund, der rasende Reporter.

„Wir haben uns eben im Treppenhaus gesehen“, sagte Biggy.

„Ich erinnere mich dumpf“, sagte Joe, bestrich ein Brötchen mit Marmelade und biss so herzhaft hinein, dass es eine Lust war, ihm zuzusehen. „Verzeih mir, dass ich so grantig war, aber wenn ich nach einer harten Nacht aus dem Schlaf gerissen werde, könnte ich die ganze Welt erwürgen.“

„Joe ist beim ‘Blickpunkt`“, erklärte Harriet. „Er war letzte Nacht bis drei Uhr im Einsatz.“

„Ach so...“ sagte Biggy, die allmählich kapierte, dass der `Blickpunkt’ die Zeitung war, bei der Joe arbeitete.

„Er wohnt gleich nebenan“, erläuterte Harriet überflüssigerweise. „Wir kennen uns, seit ich hier wohne.“ Sie beugte sich über den Tisch und zog Joes Krawatte gerade. „Und ich bin sicher, er wird eine Riesenkarriere machen.“

„Wenn dieser dämliche Suppelmann mir bloß nicht so viele Knüppel zwischen die Beine werfen würde“, sagte Joe missmutig und seufzte tief. „Im Moment legt er mir jeden Stein in den Weg, den er unterwegs findet. - Aber zum Glück brauche ich ihn nur noch eine Woche zu ertragen. Dann zieht er nach Ostfriesland, um seine Memoiren zu schreiben.“

„Wie schön“, sagte Biggy, die sich ein Leben als Schriftsteller in einem reetgedeckten Landhaus wie das reinste Paradies vorstellte. „So was würde ich auch gern tun“.

Joe warf in komischer Verzweiflung die Hände in die Luft. „Ein Glück hat der Kerl! Und dabei kann ich mir nicht im Geringsten vorstellen, wer an den Memoiren dieses Ekels Interesse haben könnte! Den Suppelmännern fällt einfach alles in den Schoß! Eine unserer Leserinnen, der er mit seinen Klatschberichten über den Hochadel die letzten Lebensjahre versüßt hat, hat ihm sogar ein Grundstück vererbt! - Na, ich will froh sein, wenn er weg ist. Aber für die nächsten drei Tage ist er noch mein Chef und hat das Sagen.“

„Suppelmann“, warf Harriet ein, „gilt als ziemliches Ekel.“

„Das kann man wohl sagen.“ Joe nickte und nahm einen Schluck Kaffee. „Beim Fernsehen haben sie ihn rausgeworfen, und seit einem Jahr haben wir ihn am Hals.“

Er schob sich den Rest seines Brötchens in den Mund, griff zum nächsten und kicherte. „Er hat im ‘Internationalen Frohschuppen’ - in der Sendung, in der fünf Journalisten aus sechs Ländern auftreten - behauptet, jede Pappnase könne den Intendanten ersetzen. Das hat dem Intendanten nicht gefallen, und er hat ihn mitsamt seinem Stuhl auf die Straße gesetzt.“

Biggy kicherte. Joe Hurtig war eine tolle Nummer! Auch sie gelangte allmählich zu der Überzeugung, dass er Karriere machen würde - als Humorist.

Schließlich stand Joe auf, wischte sich mit einer Serviette den Mund ab und gab Harriet ein Küsschen auf die Wange. „Ich muss jetzt los, mein Engel. Auf mich warten wahnsinnig wichtige Aufgaben - und Sepp Suppelmann.“ Er schüttelte sich. „Bis heute Abend.“ Und dann war er auch schon weg.

„Gefällt er dir?“, fragte Harriet.

Biggy nickte. „Wo hast du ihn her?“

Harriet riss die Augen auf. „Wo ich ihn herhabe? Das klingt so, als hätte ich ihn irgendwo gekauft!“

Biggy kicherte. „Ich meine, wie du ihn kennen gelernt hast.“

Harriet sagte mit verträumten Blick: „Eines Tages kam er rüber, um sich zwei Schnitzel, vier Eier, ein Tütchen Paniermehl, eine Prise Salz, eine Flasche Rotwein und zwei Gläser zu borgen.“

„Was denn“, staunte Biggy. „Alles auf einmal?“

„Er wollte mich zum Essen einladen“, sagte Harriet. „Aber sein Kühlschrank war leer.“

Der Mann gefiel Biggy immer besser.

„Wie alt ist er?“

„Einundzwanzig. Er wohnt hier mit seinem elternlosen kleinen Vetter.“

„Wie klein ist der Vetter?“, fragte Biggy interessiert.

„Ich schätze einen Meter achtzig“, sagte Harriet. „Er schlägt sich mehr schlecht als recht durch. Lebt sozusagen von der Hand in den Mund.“

Biggy beschloss, das Thema der Familie Hurtig nicht weiter zu vertiefen. Nachdem sie ihr Kaffeetässchen geleert hatte, inspizierte sie Harriets Schallplattensammlung und fand ein paar heiße Scheiben, die sie sich unbedingt anhören wollte. Doch bevor sie dazu kam, entdeckte sie Harriets Filmplakatsammlung, und als sie die durchgeblättert hatte, war der Nachmittag schon fast herum.

Nach der Inspektion der Bücher ihrer Tante, schaute sie auf die Uhr und stellte fest, dass sich der Tag schon seinem Ende zuneigte. Harriet hatte die ganze Zeit an ihrem überladenen Schreibtisch gesessen, einen dicken Wälzer nach dem anderen studiert und sich Notizen gemacht. Doch nun zuckte such sie zusammen. „Herrjeh“, sagte sie überrascht. „Es ist schon halb sechs! Wir müssen noch was einkaufen gehen!“

Sie zogen sich flink an und eilten zum Supermarkt, der glücklicherweise an der nächsten Ecke lag. Als sie endlich alles zusammenhatten, war es zwanzig nach sechs. Bepackt wie die Maulesel machten sie sich auf den Rückweg. Unterwegs blieben sie am Schaufenster einer Buchhandlung stehen, wo Harriet sich die Nase plattdrückte. Und natürlich entdeckte sie einen brandheißen Titel, den sie für ihr Studium unbedingt brauchte. Biggy blieb mit den vier vollen Plastiktüten allein draußen stehen.

Als sie so dastand, lief ein strubbeliger kleiner Yorkshire-Terrier mit einem blauen Schleifchen im Haar auf sie zu. Hinter ihm schlenderte gemächlich der Irokese mit den Karnevalsorden her, der ihr schon in Harriets Haus begegnet war. Er hatte beide Hände in den Taschen und sah aus wie Robert DeNiro in dem Film „Taxi Driver“.

Das Hündchen blieb vor Biggy stehen, wedelte mit dem Schwanz und kläffte fröhlich. Biggy verspürte große Lust, zurück zu kläffen, aber der Irokese war so nah, dass sie sich blöd dabei vorgekommen wäre. Schließlich war sie keine dreizehn mehr.

„Halli-Hallo“, sagte der Irokese, als der Hund eine Kläffpause einlegte, und blieb genau vor Biggy stehen. „Darf ich es wagen, Ihnen beim Tragen zu helfen, schöne Frau?“

„Heißen Dank“, sagte Biggy errötend. „Aber ich bin nicht allein.“ Sie sagte es mehr aus Vorsicht, denn das Aussehen des jungen Mannes verschreckte sie doch ein wenig.

Der Irokese zuckte bedauernd die Achseln. Die Blitzwürfel an seinen Ohrläppchen klimperten leise als er den Kopf schüttelte. „Wir sollten uns näher kennen lernen“, meinte er. „Wen Daffy ins Herz geschlossen hat, der kann kein völlig schlechter Mensch sein.“

Diese Formulierung gefiel Biggy. „Daffy heißt er?“ Sie musterte das kleine Kerlchen, das nun an ihren Schuhen schnupperte.

„Ich nenne ihn so“, sagte der Irokese. „Der Name, der in seinen Papieren steht, lautet Lord Nelson. Aber ich käme mir entsetzlich blöd vor, wenn ich ihn so anreden würde.“

Lord Nelson kläffte sich eins. Offenbar hatte er seinen Namen verstanden.

„Ist er nicht ein niedlicher Fratz?“, fragte der Irokese. „Er ist schon ein Jahr alt.“

„Ein wirklich nettes Bürschlein“, sagte Biggy. Und sie dachte: Zeig bloß nicht, dass er dir unheimlich ist!

„Ich heiße Benjamin“, sagte der Irokese, „aber die meisten nennen mich Huck.“ Er griff in die Jacke und bot Biggy eine Zigarette an, die sie dankend ablehnte. „Weil ich mir Nachnamen Finn heiße.“

„Tatsache?“

Der Irokese grinste. „Kennste nicht Huckleberry Finn?“

„Na klar, kenn ich den“, sagte Biggy und fing heimlich an zu beten, dass Harriet bald aus dem Laden kam. Sie wusste einfach nichts mit diesem komischen Burschen anzufangen und fragte sich, ob er nun einfach freundlich oder aufdringlich war.

„Wie alt bist du denn?“, fragte Huck.

„Achtzehn“, log Biggy, damit er sie nicht für ein wehrloses kleines Mädchen hielt.

„So alt hätte ich dich nicht geschätzt.“ Huck schüttelte den Kopf. „Ich bin erst sechzehn.“

Daffy drehte sich nun wie ein Wirbelwind um sich selbst bemühte sich, seinen Schwanz zu fangen, was ihm natürlich nicht gelang. Huck trat näher auf sie zu, und Biggy wich langsam an das Schaufenster zurück.

Dann stellte Daffy seinen sinnlosen Versuch ein und beschnupperte den Rinnstein. Biggy sah einen dunklen Wagen vor ihm halten und schöpfte Mut. Huck würde es bestimmt nicht wagen, ihr zu nahe zu treten, solange er dort stand.