Die Niederlage - Charles Jackson - ebook

Die Niederlage ebook

Charles Jackson

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Opis

John Grandin ist ein erfolgreicher Mann, doch in der Ehe kriselt es. Ein Urlaub auf Nantucket ohne die Kinder soll frischen Wind in die Beziehung bringen. Es ist Juni 1943, Amerika befindet sich seit zwei Jahren im Krieg. Nantucket ist voller Soldaten auf Fronturlaub. Schon auf der Überfahrt zur Insel vor Neu-England läuft Grandin zufällig Cliff Haumann, ein junger Capitän der Marines, über den Weg. Cliff ist beeindruckt von dem gebildeten Hochschullehrer und weicht ihm nicht mehr von der Seite. Grandin ist vom naiven Charme des Offiziers begeistert. Als er bemerkt, in welche Richtung sich seine Gefühle entwickeln, ist es bereits zu spät. Als erster amerikanischer Roman thematisiert "Die Niederlage" (OA 1946) homosexuelle Gefühle – wie sein literarisches Vorbild Gustav von Aschenbach wird John Grandin plötzlich von Emotionen überwältigt, die sich der Kontrolle seines Geistes entziehen. Wie schon in seinem Debüt-Roman "Das verlorene Wochenende" seziert Jackson auch hier meisterhaft das Seelenleben eines amerikanischen Bürgertums, das sich standesbewusst an einem europäischen Bildungsbegriff orientiert. Die Helden beider Romane sind sich der Katastrophe, die ihnen bevorsteht, bewusst, aber es fehlt ihnen die Kraft, sich der Entwicklung entgegenzustemmen. Das Ambiente eines kriegsführenden Amerikas – Zerstörer liegen auf dem Hudson, in den Vorgärten wird wegen Nahrungsmittelknappheit Gemüse angebaut, vor den Rekrutierungsbüros bilden sich lange Schlangen – und die knappe, immer treffsichere Zeichnung auch der Nebenfiguren geben dem Roman seine besondere Tiefenschärfe. "Der Erfolg von Mr. Jacksons jüngst erschienenen Roman 'The Fall of Valor' scheint darauf hinzudeuten, dass sowohl das Feuilleton wie das Lesepublikum die Bedeutung dieses Themas erkennen." (Klaus Mann 1946 im Exposé des Romans "Windy Night, Rainy Morrow")

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VERLAGSTEXT

John Grandin ist ein erfolgreicher Mann, doch in der Ehe kriselt es. Ein Urlaub auf Nantucket ohne die Kinder soll frischen Wind in die Beziehung bringen. Es ist Juni 1943, Amerika befindet sich seit zwei Jahren im Krieg. Nantucket ist voller Soldaten auf Fronturlaub.

Schon auf der Überfahrt zur Insel vor Neu-England läuft Grandin zufällig Cliff Haumann, ein junger Capitän der Marines, über den Weg. Cliff ist beeindruckt von dem gebildeten Hochschullehrer und weicht ihm nicht mehr von der Seite. Grandin ist vom naiven Charme des Offiziers begeistert. Als er bemerkt, in welche Richtung sich seine Gefühle entwickeln, ist es bereits zu spät.

Als erster amerikanischer Roman thematisiert Die Niederlage (OA 1946) homosexuelle Gefühle – wie sein literarisches Vorbild Gustav von Aschenbach wird John Grandin plötzlich von Emotionen überwältigt, die sich der Kontrolle seines Geistes entziehen. Wie schon in seinem Debüt-Roman Das verlorene Wochenende seziert Jackson auch hier meisterhaft das Seelenleben eines amerikanischen Bürgertums, das sich standesbewusst an einem europäischen Bildungsbegriff orientiert. Die Helden beider Romane sind sich der Katastrophe, die ihnen bevorsteht, bewusst, aber es fehlt ihnen die Kraft, sich der Entwicklung entgegenzustemmen.

Das Ambiente eines kriegsführenden Amerikas – Zerstörer liegen auf dem Hudson, in den Vorgärten wird wegen Nahrungsmittelknappheit Gemüse angebaut, vor den Rekrutierungsbüros bilden sich lange Schlangen – und die knappe, immer treffsichere Zeichnung auch der Nebenfiguren geben dem Roman seine besondere Tiefenschärfe.

«Der Erfolg von Mr. Jacksons jüngst erschienenen Roman The Fall of Valor scheint darauf hinzudeuten, dass sowohl das Feuilleton wie das Lesepublikum die Bedeutung dieses Themas erkennen.»

(Klaus Mann 1946 im Exposé des Romans

Windy Night, Rainy Morrow)

«Wer Charles Jacksons Werk auf das 1944 erschienene Trinkerdrama Das verlorene Wochenende reduziert, täuscht sich: Die Niederlage, zwei Jahre später publiziert, ist ein nicht minder packender, souverän erzählter Roman, der skrupellos und mutig schildert, wie das scheinbar solide Lebensfundament eines Mannes in mittleren Jahren ins Wanken gerät und die Eindeutigkeit sexueller Präferenzen außer Kraft gesetzt wird.»

Prof. Dr. Rainer Moritz, Literaturhaus Hamburg

Die Niederlage

Charles Jackson

Roman

Aus dem amerikanischen Englisch und mit einem Nachwort von Joachim Bartholomae

Männerschwarm Verlag

Hamburg 2016

Für Rhoda, auch dieses

Unvorbereitet, ward nur des Mangels Diener unser Wille.

Shakespeare, Macbeth

Sollte sich in der nun folgenden Geschichte jedoch erweisen, dass Schritt für Schritt des armen Starbuck Tapferkeit zu Schanden wird, brächte ich’s kaum übers Herz, das aufzuschreiben; denn bloßzulegen, wie die Kraft aus der Seele entweicht, ist höchst beklagenswert – ja, empörend. Versammelt in Geschäften und Nationen mögen die Menschen niederträchtig erscheinen; sie mögen Schurken sein, Narren und Mörder; die Menschheit mag ein böses und jämmerliches Antlitz zeigen; und doch ist der Mensch in seinem Ideal so edel und so strahlend, ein derart leuchtendes und wunderbares Geschöpf, dass, falls sich an ihm ein schändlicher Makel zeigt, all seine Freunde zu ihm eilen sollten, um ihre kostbarsten Tücher darüber zu decken. Das reine Mannestum, das wir in uns spüren, tief drinnen, wo es keinen Schaden nimmt, auch wenn der äußere Charakter verloren ist, blutet in höchster Pein beim unverhüllten Anblick eines gebrochenen Menschen.

Melville, Moby Dick

ANFANG

WIE SIE ES IHM in ihrem letzten Brief aufgetragen hatte, der am Morgen eingetroffen war, ging John Grandin von Raum zu Raum und zog die Rollos hinunter. Er empfand es noch immer als sehr ungewöhnlich, Briefe von seiner Frau zu erhalten; zwar hatte sie ihm in der letzten Woche ein halbes Dutzend geschrieben, doch würde er ihre Handschrift wohl nicht so bald wieder zu sehen bekommen. Trotz des strahlenden Morgens war es im Wohnzimmer jetzt so dunkel, dass er für den letzten prüfenden Blick eine Lampe einschalten musste.

Das prall gefüllte Bücherregal dem Fenster zum Drive gegenüber war ihm ein solch vertrauter Anblick, dass er es fast nicht mehr sah, wie ein Familienfoto, das man nach ein paar Wochen nur noch selten anschaute, weil man sich ganz genau an jedes Detail erinnerte und es selbst im Dunkeln vor Augen hatte; er wusste zum Beispiel, wie weit er die Hand nach links ausstrecken musste, um auf dem dritten Regalbrett die Essays Hazlitts zu berühren, gerade weit genug und kein bisschen zu viel, wie ein Pianist, dessen Finger blind die Tasten finden. Die Aschenbecher waren leer, die Schonbezüge der Polstermöbel glatt gezogen; die Zeitschriften lagen übersichtlich sortiert auf dem Servierwagen, der als Couchtisch vor dem großen Sofa stand. Er war zufrieden, alles war sauber und ordentlich. Nur der Kamin war schmutzig; er hatte dort noch am Abend einige Hausarbeiten verbrannt, die von nachlässigen oder gleichgültigen Studenten nicht abgeholt worden waren, und die schwerelosen Ascheteilchen waren hinter dem Kaminschirm unablässig auf und ab gewirbelt. Er schob den Schirm zur Seite, nahm den Messinggriff des Schürhakens und schob die festeren Aschehaufen weiter nach hinten in den Kamin hinein. Damit hatte er Ethels Anweisung befolgt, die Wohnung aufzuräumen; er schob ihren Brief zwischen die Seiten des Buchs, das er für die Zugfahrt mitnehmen wollte, und steckte das Buch in die Jackentasche. Zuletzt warf er noch einen Blick durch die Tür des Arbeitszimmers, das schon viel zu lang im wahrsten Wortsinn seine Zuflucht gewesen war – hohe Konzentration und Hunderte einsam dort verbrachter Stunden hatten ihm geholfen, die aufsteigende Depression abzuwehren, die ihn in letzter Zeit zu überwältigen drohte.

Er sah auch hier die entlang der Wände aufgereihten Bücher, den stets überhäuften Schreibtisch, den außer ihm niemand berühren durfte, und die Couch, auf der er alleine schlief. Eigentlich hatte er allen Grund zur Freude: Gestern erst war er offiziell in den Verwaltungsausschuss berufen worden, als dessen Mitglied er im nächsten Semester die Studentenberatung übernehmen sollte, und Scribner’s hatte Das tragische Ideal begeistert angenommen und wollte es im November herausbringen. Gerade erst war er auf eine volle Professorenstelle befördert worden; all diese Ereignisse waren Ausdruck großer Anerkennung für seine Arbeit und sein Engagement der letzten sechzehn Jahre. Er hatte Ethel am Abend die Neuigkeiten telegrafiert und war sehr gespannt, was sie dazu sagen würde, wenn sie sich nachmittags am Cape trafen. Als wären seine Frau und die zwei Söhne noch nicht genug, hatte er nun wirklich alles, um ein erfülltes Leben zu führen, doch die Genugtuung darüber verblasste angesichts der unerklärlichen Beklemmung, die ihn Tag und Nacht verfolgte. Sein Glück, sein Erfolg, selbst seine Ehe schienen auf Sand gebaut. Welches Menschenwerk war das nicht? Doch in manchen Momenten wurde ihm schmerzlich bewusst, dass eine namenlose Macht sein sorgfältig geplantes Leben bedrohte. Er blickte in das dunkle Arbeitszimmer, in dem sein Werk entstanden war (wie viel Konzentration es gekostet hatte, würde seine Frau nie ermessen), das seine Stellung in der Welt der Wissenschaft vielleicht, vielleicht auch nicht verändern würde. Obwohl dies seit vielen Jahren ihr Zuhause war und er schon bald hierher zurückkehren würde – sicherlich ohne zu zögern, sobald ihr Urlaub vorüber war –, war er doch froh, den Ort zu verlassen. Auf irgendeine unklare Weise hing seine Unruhe mit dieser Wohnung zusammen, vor allem dem Arbeitszimmer und der Abgeschlossenheit und Isolation, die er dort durchlebt hatte. Sie war die Folge einer ungesunden Selbstbezogenheit, der Zurückweisung des Lebens um ihn herum. Wenn er fortging, würde diese Last von ihm abfallen; was er brauchte, war ein Urlaub mit Ethel, die Insel und die frische Luft, das Wandern, Schwimmen, die See und die Sonne. Als er die Tür zuschlug und abschloss, hörte er, wie der schwere Schürhaken drinnen mit lautem Poltern zu Boden fiel – wahrscheinlich auf den Kaminrost. Schon auf dem Weg zum Fahrstuhl besann er sich anders. Er schloss die Tür wieder auf und betrat noch einmal die Wohnung.

Er hob den Schürhaken auf und lehnte ihn seitlich an den Kamin, gegen die schwarzen Marmorplatten unter dem Sims. Noch einmal blickte er unruhig umher. Inmitten des vertrauten dunklen Raums stand er da und grübelte über seine namenlose Vorahnung.

Obwohl mit seinem Leben äußerlich alles in Ordnung war, war John Grandin vor einiger Zeit klar geworden, dass er unter großer Anspannung stand. Manchmal beherrschte ihn über Stunden hinweg das Gefühl, es würde ihm etwas zustoßen, etwas Ungehöriges, Perverses, das in seinem so bequem eingerichteten Leben keinen Platz hatte; das Gefühl ging vorüber, und er dachte nicht mehr daran, bis es irgendwann zurückkehrte. Es überfiel ihn bei der Arbeit oder störte sein Familienleben und ließ ihn aufgewühlt zurück. Des Abends in seinem Arbeitszimmer – oder auch am Nachmittag, im vollen Tageslicht – geschah es, dass er plötzlich mit hellwachen Sinnen den Kopf hob und sich verblüfft bei der Frage ertappte: Wann wird die Bombe platzen? Was würde er tun, wenn sie platzte, und was für eine Bombe würde es sein? Seit Monaten war er nicht mehr vollkommen Herr seiner Gedanken, etwas oder jemand anderes schien für und durch ihn zu denken. Eine vage, furchtsame Unsicherheit, eine Katastrophenwarnung nistete in seinem Hinterkopf, und hin und wieder fragte er sich geradezu beiläufig (so sehr war es schon zur Gewohnheit geworden): Was ist dieses Etwas, weshalb ich mich schlecht fühle oder fühlen sollte? Als hätte er in letzter Zeit eine grauenhafte Erfahrung gemacht, die, obwohl er sie abgeschüttelt hatte, in seinem Geist weiterlebte und einen Nachhall ihrer Unerfreulichkeit in sein alltägliches Denken aussandte; sie schlummerte zwar, doch war sie noch immer bedrohlich, noch immer in der Lage, aufs Neue zu erwachen. Wenn das Gefühl sich meldete, würde er, um endlich Ruhe zu finden, am liebsten verkünden: Jawohl, ich bin schuldig, sie haben mich durchschaut, die Polizei ist schon unterwegs, Ethel wird mich verlassen, man wird uns die Kinder fortnehmen, ich werde alles verlieren und meine Zeit absitzen – und danach wird es mir besser gehen … Doch was er verlieren würde und weshalb, war ihm ein Rätsel.

Er führte es auf den Krieg zurück. Überall auf der Welt platzten Bomben. Auch ihn, in der Sicherheit seines Arbeitszimmers, wo er nichts mit dem zu tun hatte, was in Übersee geschah, würden sie erreichen und in die Luft jagen. Manchmal, wenn er in der mitternächtlichen Stille des Hauses die Stimme seines Gewissens hörte, trat er an die Tür des Arbeitszimmers und lauschte den tiefen Atemzügen der schlafenden Ethel in ihrem Bett, oder er ging ins Zimmer der Kinder, um nachzusehen, ob es ihnen gut ging und sie (was für ein absurder Gedanke!) noch da waren. Während er im Dunkeln tastete, ob sie auch gut zugedeckt waren, verließ ihn die Furcht, vergaß er die unbegründeten Vorahnungen, und mit einem Gefühl von Dankbarkeit, das intensiver und bewegender war als je zuvor in seinem Leben, schlich er auf Zehenspitzen aus dem Raum. Dennoch, sobald er wieder in seinem Arbeitszimmer war, kehrte die Vorahnung eines Schicksalsschlags, der ihn treffen würde, zurück, oder sie wartete ein wenig, um einige Tage später in einem unachtsamen Moment am helllichten Tag ihr Haupt zu erheben. Sie ließ ihm keine Ruhe; erst wenn das Geheimnis gelüftet sein würde (falls es ein Geheimnis war), würde er Ruhe finden – wenn das Verbrechen benannt und eingestanden war. Er hatte nichts «getan», keinen Grund, sich schuldig zu fühlen. Vielleicht käme er im Laufe der Zeit darüber hinweg und es würde Gras über die Sache wachsen. Aber worüber, zum Teufel, sollte denn Gras wachsen? Etwa über die Tatsache, dass er ein besserer Lehrer, ein gründlicherer Student, ein ehrbarerer Mann gewesen war als andere, dass ihm die Suche nach Wahrheit wichtiger gewesen war als der Erfolg? Der Gedanke stank vor Eitelkeit, er hätte es nie vermocht, ihn offen auszusprechen, und doch wusste er tief im Herzen, dass er zwar keine großen Taten vollbracht und wenig vorzuweisen hatte, aber dennoch mehr ins Grab mitnehmen würde als die meisten anderen Menschen.

Er trat hinaus in den Hausflur und zog die Tür ins Schloss. Als er den Schlüssel umdrehte, hörte er, dass der Schürhaken wieder scheppernd zu Boden fiel, mit einem scharfen Klirren, das bis zum Ende des Flurs zu hören war; zum Teufel damit, dachte er nur. Er fuhr im klapprigen Fahrstuhlkäfig nach unten und ging zur Bushaltestelle an der Ecke.

II

ETHEL GRANDIN STAND in der Mitte des kleinen, niedrigen Zimmers, das einmal ihr Kinderzimmer gewesen war, in das man später dann ein Doppelbett gestellt hatte, für die seltenen Gelegenheiten, an denen sie und ihr Mann ihre Eltern besuchten. Ihre Taschen waren gepackt, und sie war bereit zum Aufbruch, aber dennoch blieb sie stehen und runzelte unsicher die Stirn, als hätte sie irgendetwas vergessen. Sie hörte, wie ihr Vater den Wagen rückwärts aus der Garage setzte und hupte. Sie ging zum Fenster, rief: «Nur einen Augenblick, ich komme gleich», und blieb doch stehen.

Ihre Mutter war mit den Kindern in die Stadt gefahren, damit sie nicht dabei waren, wenn sie sich auf den Weg machte. Aber die beiden hatten schon akzeptiert, dass sie bei den Großeltern in Maine bleiben mussten, und würden sie wahrscheinlich kaum vermissen, wenn überhaupt.

Sie nahm das Telegramm, das sie von ihrem Mann erhalten hatte, und las es noch einmal durch. Sie freute sich über die Beförderung und auch darüber, dass Scribner’s sein Buch angenommen hatte, das Buch, für das er sie so sehr vernachlässigt hatte; aber sie fragte sich unwillkürlich, ob seine neuen Pflichten an der Universität, die zusätzliche Arbeit und der Zeitaufwand, den sie mit sich brachte, sie nicht noch stärker einander entfremden würden.

Auf der Kommode stand ein Foto ihres Mannes. Sie liebte das Bild, es wurde ihm wirklich gerecht; sie hatte ihn immer für einen sehr attraktiven Mann gehalten. Er hatte dichtes sandfarbenes Haar mit einer leichten Welle und einen dichten, ebenfalls sandfarbenen Schnurrbart. Am bemerkenswertesten war seine Stirn, sie war hoch, klar und sehr vornehm. Die Augen waren hellbraun, sie wirkten ehrlich und ziemlich jugendlich. Er hatte sehr männliche Nasenflügel und einen großen, festen Mund mit vollen, sinnlichen Lippen. Sie wusste noch ganz genau, wie es war, wenn diese Lippen sich öffneten und sie küssten – und dabei ihren Mund ganz bedeckten – und sie ein Rausch durchfuhr, als wäre dies schon beinahe der Höhepunkt. Sie betrachtete das Foto des einzigen Mannes, den sie je geliebt und mit dem sie ihr Leben zu teilen gehofft hatte, und sie fragte sich, wann er sie das letzte Mal so geküsst hatte. Lag es Wochen zurück? Monate? Konnte es wirklich schon Monate her sein? Es war gut, dass sie es nicht wusste. Es zu wissen, wäre ein echter Grund zur Verzweiflung gewesen, doch so konnte sie Tag für Tag weiterleben und hoffen, dass es diese Nacht so weit sein würde, oder spätestens morgen.

Weil sie in einem lieblosen Elternhaus aufgewachsen war, hatte Ethel Cameron sich nur eins vom Leben gewünscht: Liebe. Ihre ganze Jugend über hatte sie mit angesehen, wie ihre Eltern ihr Leben vergeudeten. Sie bedeuteten einander nichts, waren wie Fremde, so einsam miteinander, als lebte jeder für sich allein; die Ehe war ihnen keine Bereicherung, und deshalb konnten sie nichts geben oder nehmen. Als Mädchen hatte sie sich heimlich geschworen, wenn – oder falls – sie eines Tages dem Mann begegnete, den sie liebte, dann würde sie sich ihm ganz und gar hingeben und nur für ihn da sein. Und das hatte sie getan. Trotzdem hatte sie die Liebe verpasst. Vielleicht war sie selbst schuld daran; vielleicht war er zu alt für sie, oder sie zu jung. Als sie John Grandin kennenlernte und sich in ihn verliebte, war sie dreiundzwanzig gewesen und er zehn Jahre älter. Vielleicht war auch er es, der die Liebe verpasst hatte. Das könnte der Grund sein (sie wusste es nicht; außer dem, was sie selbst betraf, wusste sie wirklich gar nichts über diese Dinge, oder wie es sich bei anderen damit verhielt), warum er sich so früh in ein eigenes, abgesondertes Leben zurückgezogen und sie mit so viel unerfüllter Liebe alleingelassen hatte, dass sie manchmal glaubte, es nicht ertragen zu können. Als die Kinder kamen, hätte sich das ändern müssen, aber das war nicht geschehen; sosehr sie sie auch liebte, umso mehr sehnte sie sich nach der Liebe ihres Mannes. In den kurzen Anfangsjahren ihrer Ehe hatte sie diese Liebe so intensiv erfahren, dass ihr das Leben nun geradezu bedrohlich leer erschien.

Es war zehn Uhr morgens; in sechs Stunden würden sie sich in Woods Hole auf dem Cape wiedersehen, nach einer Trennung, die ihr viel länger als eine Woche vorkam. Sie würden die Nacht im selben Raum, möglicherweise (endlich) im selben Bett verbringen. Bei dem Gedanken sank ihr Mut; zu ihrer Überraschung spürte sie statt zärtlicher Gefühle Ärger in sich aufsteigen.

Von der Einfahrt klang wieder die Hupe herauf. Sie nahm ihre beiden Taschen und lief hinunter.

III

OBWOHL SEIN GEPÄCK sich bereits am Bahnhof befand – er hatte es mitgenommen, als er am Abend zuvor seine Platzkarte abholte – und er nicht mehr zu tragen hatte als das Buch in der Jackentasche, beschloss John Grandin kurzerhand, ein Taxi zu nehmen – der Urlaub hatte für ihn begonnen, und er wollte so schnell wie möglich eine Atmosphäre von Unbeschwertheit und Leichtfertigkeit schaffen, wie die Ferien es mit sich bringen; es war geradezu ein Anflug von Leichtsinn und Luxus, denn für gewöhnlich fuhr er nicht im Taxi. Jawohl, «Luxus», Genuss im elisabethanischen Sinn des Wortes, sagte er sich, und er freute sich über diese Vorstellung: eine Betörung der Sinne. Zivilisten sollten nur in Notfällen Taxen benutzen, und normalerweise hielt er sich an diese Bestimmung, so wie er und seine Frau gewissenhaft alle Kriegsverordnungen befolgten. Aber dies war ein besonderer Anlass, für den diese Regeln nicht galten. Er gab dem Bus ein Zeichen, dass er nicht einsteigen wollte, und winkte einem Taxi.

Der Tag hatte heiß begonnen. Man schrieb den 25. Juni 1943 – es war Sommer, und ein sommerlicher Dunstschleier lag über der Stadt, auch wenn die Jahreszeit noch keine Woche alt war. Er lehnte sich zurück, als säße er bereits im Liegestuhl, und wies den Fahrer an, ihn zum Grand Central zu bringen. Mit aufheulendem Motor ließ das Taxi die 116th und den Drive hinter sich.

Er hatte schon lange auf diesen Urlaub gewartet; er hatte ihn verdient und brauchte ihn wirklich, und dass er kurz sein würde, machte ihn besonders wertvoll. Manche Kollegen am Fachbereich Englisch blieben bis September fort, doch er hatte sich für die Ferienkurse eingetragen – nicht unbedingt, weil er so gern unterrichtete; wegen des Kriegs fehlte Personal, und er hatte sich freiwillig gemeldet, um zu helfen. Während das Taxi im Tau dieses frühen Junimorgens den Riverside Drive hinabschaukelte und das Bild der Stadt jenseits des Flusses schon in der flirrenden Hitze zitterte, machte sich John Grandin nur über eins Sorgen: dass sein Urlaub in zwei Wochen vorüber sein würde.

Doch dieser Gedanke war bald verflogen: Jetzt kam erst einmal der Urlaub mit seiner Frau, seit Langem das erste Mal, dass sie ohne die Kinder verreisten, und an einen Badeort, wo sie noch nie gewesen waren. Ethel war schon eine Woche früher gefahren, um die Kinder zu ihren Eltern nach Maine zu bringen; heute Nachmittag würden sie sich in Woods Hole treffen und das Schiff nach Nantucket besteigen, um rechtzeitig zum Abendessen in Sconset einzutreffen, wie der Werbeprospekt des Hotels versprach. Unter den waltenden Umständen konnte ihnen das Dune House keinen Wagen schicken, aber am Pier würde der Inselbus auf sie warten.

«Waltende Umstände» – das klang so endgültig und erweckte den Eindruck unausweichlicher Notwendigkeit; und was das Schlimmste war, man brauchte nicht zu erläutern, auf welche Umstände man sich bezog. Jeder wusste, was gemeint war, als gäbe es in diesen wechselvollen Zeiten nur einen einzigen Umstand, der «waltete».

Es war der zweite Kriegssommer, für andere Länder der vierte (und für wieder andere bereits der siebte): Der Krieg war Teil des Lebens geworden. Selbst als behüteter Zivilist war er sich dessen mit jeder Faser bewusst, und er ärgerte sich über die kleinen, irrationalen, aber beunruhigenden Zwangsvorstellungen, die sich nicht abschütteln ließen, kleine Irritationen, für die er sich in Anbetracht der realen Turbulenzen in Übersee schämte. Das ganze Leben änderte sich mit alarmierender Geschwindigkeit, und selbst die Sprache war davon nicht ausgenommen. Eine Bluse war keine Damenbekleidung mehr, sondern ein Uniformhemd; eine Schlacht war nicht länger das Treffen zweier Armeen auf dem Schlachtfeld, sondern die Eroberung ganzer Staaten zu Land, zu Wasser und aus der Luft, man sprach von der Schlacht um Frankreich oder der Schlacht um Italien – und benannte die Schlachten nicht mehr wie in alten Zeiten nach Ortschaften oder Flüssen wie Soissons oder Marne; Formulierungen wie unter den waltenden Umständen waren in den alltäglichen Sprachgebrauch eingegangen und so vertraut, dass sie ihre ursprüngliche Bedeutung beinahe verloren hatten. Darüber hinaus drang der Krieg sogar in die Seminarräume ein, in denen immer weniger Jungen saßen und immer mehr Studenten Uniform trugen. John Grandin sah unter dem fröhlich gestreiften Stoffverdeck des Taxis hervor, dessen lose Kante geräuschvoll im heißen Wind flatterte, und ignorierte bewusst das Geschwader der Zerstörer, die auf dem Hudson schaukelten, und die hässlichen Transporter und Frachtschiffe, die hoch aus dem Wasser ragend auf ihre unheilvolle Fracht warteten, die sie im bewaffneten Konvoi zu geheimen ausländischen Häfen bringen sollten. Er sah das alles, verschwendete jedoch keine Gedanken daran. Stattdessen dachte er an das Dampfschiff, das sie nach Nantucket brachte, und an die Überfahrt … Ein Akkordeonspieler würde umhergehen, Schuhputzjungen ihre Dienste anbieten, Wimpel würden flattern und Hüte im Wind davonfliegen …

… Und Ethel würde ein hübsches und zweckmäßiges Kostüm tragen, ohne wehenden Taft oder flatternde Seide, denn auf dem Meer konnte der Wind kühl sein; und später, auf der Insel, würde sie Hemdblusen und Röcke aus Leinen tragen und keine der Strandkleidchen, Latzhosen und Shorts, die andere Frauen an Urlaubsorten zur Schau trugen. Während der Überfahrt würde sie ihm von den Jungs erzählen oder Fragen zur Wohnung stellen und, wie es ihrem Wesen entsprach, kein Wort über das verlieren, was sie mehr als alles andere beschäftigte: ihr gemeinsamer Urlaub.

Das Buch beulte seine Jackentasche aus, und er nahm es heraus; aus Vorsicht, es nicht liegen zu lassen und zu vergessen, behielt er es in der Hand. Instinktiv, aus alter Gewohnheit hielt er es falsch herum, den Buchdeckel zum Körper gedreht, sodass niemand den Titel lesen konnte, wenn er durch die Bahnhofshalle ging. Warum er das tat, hätte er nicht sagen können. Auch wenn es ein bekannter Schmöker, das Tagebuch eines Kriegsberichterstatters oder ein gelehrtes Werk über Philosophie oder Metaphysik gewesen wäre, hätte er das getan.

Das Taxi hatte den Columbus Circle erreicht. In der City war die Luft schwül und drückend, sie war schwer vor Feuchtigkeit. Eine frische Inselbrise wäre jetzt genau das Richtige, dachte Grandin: Auch wenn Manhattan eine Insel war, merkte man nur sehr wenig davon. Der Fahrer des altmodischen Busses, der geräuschvoll neben dem Taxi fuhr, trug ein blaues Hemd, dessen Rücken ganz dunkel war vom Schweiß. Auf der Straße war kaum jemand im Jackett zu sehen. Mehrere Menschen standen vor den Kinokassen. Wer ging denn schon so früh am Morgen ins Kino, fragte er sich, oder überhaupt tagsüber? Natürlich wollten all diese Leute nur der Hitze entkommen und in einem klimatisierten Saal sitzen.

Sie hatten die Wahl gehabt, entweder jetzt zwei Wochen Urlaub zu nehmen – die letzte Woche im Juni und die erste im Juli – oder drei Wochen zwischen dem Ende der Sommerkurse und dem Beginn des Wintersemesters; doch ein Blick in den Kalender hatte die Sache entschieden: In ein paar Tagen würde Vollmond sein, das hatte für seine Frau den Ausschlag gegeben, und für ihn ebenfalls.

War das ein Fehler gewesen? Er ließ sich nicht gern von solchen Dingen leiten, deshalb ärgerte er sich darüber, dass ihn dieser romantische Spleen um einen späteren, längeren Urlaub gebracht hatte. Doch um ihr einen Gefallen zu tun und sie glücklich zu machen (womit er auch sich selbst glücklich machte), hatte er seiner Frau nur zu gern zugestimmt. Ethel brauchte den Vollmond. Wie ein romantisches Schulmädchen glaubte sie, dass ein Urlaub ohne Mond kein richtiger Urlaub war; und wenn sie den Gedanken auch nicht in Worte fasste, so begriff er doch, dass ihr Wunsch, bei Vollmond nach Nantucket zu fahren, ein gutes Zeichen war, die stumme, aber womöglich sehnsüchtige Bekundung, dass sie sich noch immer liebten.

Der Fahrer bog in den Broadway ein. Er fuhr schnell, und doch war die Luft, die durch das offene Taxi wehte, ganz gewiss keine Brise. Die Straßenschlucht schien ein Vakuum zu sein, ohne Luft zum Atmen; die Fahnen, die überall hingen, waren so leblos, als wären sie aus Metall; eine Stunde später würde an den Kreuzungen der Asphalt unter den Schritten nachgeben und die Schuhe Abdrücke hinterlassen, weshalb die Fußgänger sich beeilten, die Sicherheit des gegenüberliegenden Bürgersteigs zu erreichen, um nicht im Sog des heißen Straßenbelags die Schuhe zu verlieren.

Die letzte Woche, die er allein, ohne Ethel verbracht hatte, war trübe und ruhelos gewesen. Normalerweise verbrachten sie kaum ein Dutzend Abende im Monat zusammen. Wenn sie nichts zu tun hatte – und weil sie wusste, dass er bald wieder über seinen Büchern sitzen würde –, ging Ethel früh zu Bett und schlummerte über einer Zeitschrift ein, während er noch aufblieb. Eine halbe Stunde später hörte er für gewöhnlich den klatschenden Aufprall, wenn die Zeitschrift vom Bett zu Boden rutschte; Ethel wachte davon auf und schaltete das Licht aus. Nun war er sich selbst überlassen; da seine Frau und die Kinder schliefen, würde er nicht mehr gestört werden, und es gefiel ihm, Tag für Tag bis weit nach Mitternacht in seinem Arbeitszimmer zu sitzen und sich in Genüsse zu vertiefen, die niemals erschöpft, niemals zu oft oder gründlich genug durchdacht sein würden, egal, wie lang er seine Tage ausdehnte. (Und auch wenn er über den Cartoon gelächelt hatte, wie gut hatte er den Mann verstanden, der in einem Comicstrip in einer der letzten Ausgaben des New Yorker gezeigt wurde, wie er, ein aufgeschlagenes Buch vor sich, die ersten Worte eines Briefs formulierte: «Ich befürchte, Professor Witherspoon zitiert Verlaine nicht ganz korrekt. Der Vers lautet, wenn mich das Gedächtnis nicht täuscht, vielmehr folgendermaßen …») Diese Nächte des Lesens und Studierens waren vielleicht seine glücklichsten Momente, auch wenn sie durch die Anstrengung getrübt wurden, den flüchtigen Stunden ein möglichst hohes Pensum abzutrotzen. In diesen Momenten überkam ihn die Vorahnung, wie kurz das Leben doch war, und er missgönnte dem Schlaf jede Stunde. Doch als Ethel abgereist war, hatte er, obwohl er sie schon so lange vernachlässigte, nicht gewusst, was er mit sich anfangen sollte; etwas fehlte, die stillen Zimmer waren zu still, allein fühlte er sich in ihnen nicht wohl. Am Abend spazieren zu gehen war sinnlos; der Drive war voller Seeleute und Mädchen, und es deprimierte ihn, dass sie sich überall ungehindert ihrer bedeutungslosen Liebe hingaben – selbstverständlich eine ganz natürliche Begleiterscheinung des Krieges; er wollte nichts damit zu tun haben und es am liebsten nicht mit ansehen müssen. Er stellte überrascht fest, dass er, obwohl er zu Hause war, Heimweh bekam; mit schlechtem Gewissen dachte er daran, dass er in der vergangenen Woche fünf Mal in Maine angerufen hatte. Gut, er hatte bis zum Abend gewartet, wenn die Tarife günstiger waren, aber es war ein Betrag zusammengekommen, den er sich kaum leisten konnte – und außerdem war auch das ein Verstoß gegen die Kriegsverordnungen. Warum hatte er angerufen, was hatte er davon gehabt? Worüber hatten sie geredet? Worüber redeten sie überhaupt miteinander? Die Anrufe waren nur Ausdruck seines Bedürfnisses gewesen, sich ihr nah zu fühlen; doch die Sprache, derer sie sich bedienten, falls man das eine Sprache nennen konnte, taugte nun einmal nicht dazu, Nähe zu schaffen.

In Ausnahmezuständen wie diesem überließ er sich der intensiven und bohrenden Selbsterkundung (soweit er dazu bereit und in der Lage war), ehrlich sich selbst gegenüber und offen, auch wenig schmeichelhaften Tatsachen ins Auge zu sehen. Welche Rolle spielte in ihrer Ehe die Gewohnheit, welche Rolle spielte die Liebe? Doch was machte das schon für einen Unterschied? – Und falls es Liebe war, welche Art von Liebe? Auf Ethels Seite hatte es darüber von Anfang an nie irgendwelche Zweifel gegeben; sie war eine Frau mit menschlichen Bedürfnissen und menschlichen Fähigkeiten, sie nahm und gab Liebe wie das Herz Blut und die Lunge Luft. Er hatte sich vor zehn Jahren in sie verliebt, und obwohl er sie noch immer liebte, hatte er stets auch andere Interessen gehabt, Interessen, die ihn mit zunehmendem Alter mehr und mehr in Beschlag nahmen, sodass er tatsächlich nicht sagen konnte, welchem Menschen oder welcher Sache er sich je rückhaltloser hingegeben hätte als seiner Arbeit. Er war Ethel ein guter Ehemann gewesen, treu und zuverlässig, aber sein wahres Lebenselixier war die Welt des Geistes. Er war froh und glücklich darüber, geliebt zu werden, er wollte und brauchte das, aber er freute sich auf die Zeit, in der ihre Ehe noch mehr als jetzt zur Gewohnheit geworden wäre. Im mittleren Alter war alles so viel einfacher als in der Jugend; das Leben war viel friedlicher und besser geregelt; immer weniger lenkte ihn ab von der Verfolgung seiner immer anspruchsvolleren Interessen, und mit seiner Frau lief alles glatt, ohne dass dafür viel Aufwand nötig war. Vielleicht hatte sich im Lauf der Zeit erwiesen, dass ihre Ehe nicht dem Ideal entsprach, das sie sich gelobt und erhofft hatten, als sie Bräutigam und Braut waren, aber war sie nicht ebenso solide und sicher wie die meisten? Dass er darauf nicht besonders stolz sein konnte, war ihm nur allzu bewusst. Auf Zufriedenheit konnte man sich nicht wirklich etwas einbilden.

Wenn er daran dachte, mit welchem nahezu kindlichen Vergnügen Ethel die Vorbereitungen für ihren Urlaub getroffen hatte, berührte es sein Herz, und eine Welle von Zärtlichkeit, die er seit vielen Wochen nicht mehr verspürt hatte, durchlief ihn. Wie hatte er sich ihrer Beziehung so sicher sein können, ohne selbst etwas dafür zu tun, und Ethel warten lassen – immer nur warten –, dass er irgendwann die Zeit hatte und daran dachte, ihr irgendeine halbherzige Aufmerksamkeit zu schenken. Sie zu vernachlässigen war zur Gewohnheit geworden, darin bestand seine Sünde. Er hatte zu hart gearbeitet und abends zu lange über den Büchern gesessen und dabei vergessen, was sie einander bedeuteten. Voller Erleichterung und Dankbarkeit begriff er, dass der Urlaub für sie beide genau zur rechten Zeit kam. Nichts konnte ihr Interesse aneinander so gut beleben und eine Liebe, die zur Gewohnheit geworden war, so gut erneuern wie eine Zäsur, ein Ortswechsel, der Aufenthalt in einem beliebigen Hotel oder die Reise zu einem Urlaubsort wie dem, an dem sie heute Abend ankommen würden. Fort von zu Hause und den Kindern, nur sie beide allein miteinander an einem fremden Ort, die Aussicht auf Vollmond – es würde sein, als wären sie noch einmal jung, und er konnte wieder ein Ehemann sein, der Ethel zu einer glücklichen Frau machte.

Das Taxi war vom Broadway abgebogen und fuhr nach Osten, als wäre dort sein Zuhause – Nantucket, der Vollmond und das Treffen mit Ethel … Er wusste nicht, warum, doch plötzlich schien es ihm, in einer mehr gefühlsmäßigen als mentalen Wahrnehmung, als wäre er es gewesen, der diese zwei Wochen dem späteren, längeren Urlaub ohne Vollmond vorgezogen hatte. Als hätte, in heimlichem Einvernehmen mit seiner Frau, er selbst den Vollmond gewollt und auf ihn gesetzt. Er fühlte sich schuldig, weil die Intensität, mit der er sich so oft in seine Arbeit vergraben hatte, andere Vergnügungen verhindert hatte, und deshalb war er (um die Wahrheit zu sagen) dankbar für jeden Stimulus der Liebe. Ein Hotelzimmer, vor allem an einem Ferienort, war geradezu eine Ermutigung jeder erotischen Regung, selbst dann, wenn ein Mann mit seiner eigenen Frau darin wohnte. Das Wissen darum und die Hinweise darauf, dass Fremde in diesem Raum gewesen waren, die Abwesenheit der Kinder und das Fehlen häuslicher Verpflichtungen, die verschlossene Tür, das Gefühl, dass in den Nachbarräumen andere Menschen schliefen oder sich liebten, die routinierte Überprüfung an der Rezeption, ob sie ein verheiratetes Paar waren, die abschätzenden Blicke, die ihnen beim Verlassen des Speisesaals folgten, oder das verständnisvolle Augenzwinkern der Gäste in der Lobby, wenn sie eine gute Nacht wünschten und die Treppen emporstiegen, all das hatte einen stimulierenden Effekt. Oder existierte das alles nur in seiner Fantasie – die Atmosphäre von Ehebruch und Promiskuität, die Handlungsreisenden, die Untreuen oder die jungen, unverheirateten Paare? Was es auch war, ob fiktiv oder real, es verlieh dem Aufenthalt in einem Hotel eine angenehme Würze, und er kehrte zu seiner ersten Vorstellung zurück: Ein Hotelzimmer, vor dem Fenster die weiße Nacht, das Mondlicht über dem Bett wie ein weißes Laken, lebendig und leuchtend durch ihre Bewegungen; oder ein Strand, eingetaucht in den blendend weißen Dunst des Mondes, an dem sich die Gischt bricht wie Kaskaden zerbrochenen Glases; vielleicht lag in der Nähe ein frisch vermähltes Paar still im Sand, und er und Ethel … Das Taxi hatte angehalten.

«Tut mir leid, Chef.» Der Fahrer drehte sich um. «Im Moment geht’s nicht weiter. Haben Sie’s eilig?»

John Grandin beugte sich vor. «Was ist denn los?»

«Das da.» Der Fahrer zeigte nach vorn, und er sah, weshalb sie stehen blieben.

Das Taxi war in der East 44th zum Halten gekommen, nur einen kleinen Block vom Grand Central entfernt, aber jenseits der Madison Avenue. Auf dem Bürgersteig der Avenue marschierte von Süden über den Murray Hill kommend in Zweierreihen eine seltsame Parade bunt zusammengewürfelter Männer, die bis auf Weiteres jeden Verkehr in west-östlicher Richtung unterbrach. Er warf einen Blick auf die Uhr. «Meinen Sie, das dauert noch lange?»

Der Fahrer zuckte die Schultern. «Weiß nicht. Dauert manchmal ’ne Viertelstunde oder länger.»

Es war fünf vor halb neun. Der Zug nach Cape Cod fuhr in zwanzig Minuten. Wahrscheinlich hatte er noch genug Zeit, aber er war gern früh auf dem Bahnsteig. Außerdem musste er noch seine Taschen aus der Gepäckaufbewahrung holen. «Dann sollte ich wohl besser …»

«Klar, Sie gehen besser zu Fuß. Ist ja nur noch ein Katzensprung.»

«Danke.» Grandin zahlte, gab ein Trinkgeld und stieg aus.

Es störte ihn nicht, dass er das letzte Stück zu Fuß gehen musste. Wie der Fahrer gesagt hatte, es war nur ein Katzensprung. Was ihn störte, war die Unterbrechung, und vor allem die Art dieser Unterbrechung. Sie brachte ihn aus dem Gleichgewicht.

Mit anderen Fußgängern blieb er auf dem Bürgersteig stehen und schaute der Parade zu; immer wieder gingen einzelne Passanten los und durchbrachen die Marschkolonne, die ihnen den Weg versperrte, als hätten sie Wichtigeres zu tun und für so etwas keine Zeit. Er wünschte sich inständig, er könnte ebenfalls vorpreschen und schnell zwischen den Zweierpaaren hindurchgehen, um sein Ziel zu erreichen, aber er brachte es nicht fertig.

Es war keine Parade im üblichen Sinn. Die Männer marschierten nicht in ordentlicher Formation die Straße entlang, sondern schlurften oder spazierten in einer lockeren Gruppe über den Bürgersteig und schafften es kaum, eine Zweierreihe zu bilden. Es waren Männer und Jungs verschiedener Altersgruppen. Einige gingen hemdsärmelig, andere trugen trotz der Hitze Pullover, einige waren förmlich gekleidet; sie hatten Koffer bei sich, zusammengerollte Kleidung oder Papiertüten. Selbst dem oberflächlichsten Betrachter war klar, dass diese Männer auf dem Weg zum Einberufungsamt in der Lexington Avenue waren – ihnen stand schon bald ihr großer Moment bevor.

Der Anblick war so bedrückend, dass John Grandin merkte, wie er verlegen wurde. Damit war er nicht der Einzige. Auch andere in der Menschenansammlung um ihn herum betrachteten diese Prozession mit unbehaglichem Gesichtsausdruck, der klar zum Ausdruck brachte, dass sie sich diesen Anblick gern erspart hätten. Eine eigenartige Stille lag über der Straße, während die Männer vorbeigingen. Nur die ganz Jungen, kleine Jungen und Mädchen, lächelten die Einberufenen an, lachten und riefen ihnen die gängigen Parolen zu. Das Lachen klang hohl in Grandins Ohren. Er spürte den Drang, die Doppelreihe zu durchbrechen und weiterzugehen, fort, nur weg von hier – aber in melancholischem Respekt blieb er wie angewurzelt auf dem Bürgersteig stehen.

Wie sehr unterschied sich diese Szene von anderen Kriegen, anderen Jahren. Er dachte daran, wie fröhlich die Soldaten früher eingerückt waren; damals war die Menge aufgeregt gewesen und ergriffen und hatte offen ihre Bewunderung gezeigt, eine Welle der Solidarität war von ihr ausgegangen, die jubelnde Menge und die einrückenden Soldaten gehörten zum selben großen, eng verbundenen Volk, das sich in einer Welle massenhafter Zuneigung vereinigte, die in diesem Moment stärker und umfassender war als jedes andere Gefühl. Hier war es anders. Die Menge stand mit dümmlichem Gesichtsausdruck da. Die ganze Straße atmete Verlegenheit und Scham.

Am meisten berührte ihn der Anblick der Männer selbst. Es versetzte ihm einen Stich, beunruhigte und empörte ihn. Auch sie machten schweigend dämliche Gesichter. Dümmlich, mit Armesündermiene zogen sie dahin; mit albernem Grinsen schauten sie zur Seite oder geradeaus, ohne etwas zu sehen, die Zähne zusammengebissen; hin und wieder blickten einer oder zwei von ihnen einem Passanten mit frechem, trotzigem Blick direkt in die Augen, als ob sie sagen wollten: Na los, lach doch. Auch der Gedanke, wie schnell sich das alles ändern würde, machte die Sache nicht besser; die Männer würden eine Veränderung durchlaufen und einheitlich, stolz und diszipliniert werden, mit starkem Zusammengehörigkeitsgefühl und gut aufeinander eingespielt, sodass man sie kaum noch voneinander würde unterscheiden können, ihre angeborene Persönlichkeit als gute oder schlechte Menschen würde in der unausweichlichen, großen Maschine aufgehen, der sie dann als ergebene, anonyme Rädchen angehören würden. John Grandin war so unbehaglich zumute, dass er nicht länger hinsehen konnte; und als das letzte Rekrutenpaar an ihm vorbeigetrottet war, rannte er so schnell zum Grand Central hinüber, als gelte es, in letzter Minute den allerletzten Zug zu erreichen, egal wohin.

IV

DER ZUG AUS BOSTON war heiß, laut und schmutzig. Ethel Grandin fuhr im normalen Abteilwagen; nicht weil es keinen Salonwagen gab (sie hatte sich gar nicht danach erkundigt), sondern weil sie es extravagant gefunden hätte, für eine Reise von drei Stunden so viel Geld auszugeben; sie vermied alles, das wie Luxus und Protzerei wirken konnte. Ihr Gepäck war im Netz über ihrem Kopf verstaut; eine Tasche hatte nicht mehr hineingepasst und stand im Gang, zum Ärger der anderen Fahrgäste, aber das konnte sie nicht ändern. Jedes Mal, wenn der Schaffner vorbeikam, verzog er grimmig das Gesicht und war drauf und dran, diesen gedankenlosen Fahrgast zurechtzuweisen, der den Gang mit seinem Gepäck verstopfte; doch als er sah, wie souverän und ruhig diese Dame auf ihrem Platz saß, von Soldaten geradezu umzingelt, änderte er seine Meinung und ging weiter. In ihrem Schoß lagen die Sandwiches, die sie zum Lunch essen würde, und ein Detektivroman mit dem Titel Heiliger Mord, in dem sie immer wieder einige Seiten zu lesen versuchte. Der stämmige Gefreite, der sich beinahe an ihre Schulter lehnte, und die zwei Matrosen, die sich auf den gegenüberliegenden Sitzen lümmelten – einer der beiden hatte die Füße auf das schmutzige Plüschpolster zwischen ihr und dem Soldaten gelegt –, warfen immer wieder verstohlene Blicke auf ihre Sandwiches, ihr Buch oder, am häufigsten, ihre Beine.

Dass das Buch ihr Interesse nicht zu fesseln vermochte, war weniger die Schuld des Autors als ihres Mannes; indem er ihre Gedanken mehr und mehr beschäftigte, stand er zwischen ihr und dem Roman. Sie legte das Buch zur Seite und betrachtete die vorbeiziehende Landschaft, doch der Soldat meinte wohl, der Blick gelte ihm, und schaute zurück. Also sah sie sich im Waggon um, über die Köpfe der beiden Matrosen hinweg. Einer der beiden, ein dunkelhaariger, unrasierter Bursche, lehnte sich mit offenem Mund an die Fensterscheibe und war kurz vorm Einschlafen; der andere war ein blondes Kind weit unter zwanzig. Seine sorgfältig geputzten Schuhe streiften immer wieder ihren Rock – ob absichtlich oder unabsichtlich, konnte sie nicht feststellen. Wenn er ihren Blick einfing, lächelte er ihr frech und hinterlistig, aber dennoch jungenhaft zu.

Ihre Söhne Alan und Ted hätten sofort ein Gespräch mit den Matrosen angefangen, und auch mit dem Soldaten; ihr Ehemann hätte dasselbe getan. Aber sie brachte es nicht über sich, diesen jungen Männern offen ins Gesicht zu blicken, geschweige denn mit ihnen zu reden. Wie viele Frauen liebte Ethel Grandin den Krieg, sie liebte es, dass ihr Land daran teilnahm, sie liebte Soldaten und Uniformen; beim Klang und Anblick einer Parade mit Militärmusik füllten sich ihre Augen mit Tränen und ihre Brust drohte zu bersten; doch wenn ein Soldat oder Matrose auf der Straße Annäherungsversuche unternahm – oder Anstalten machte, zutraulich zu werden, wie es bei dem Jungen der Fall zu sein schien –, dann spielte die Uniform plötzlich überhaupt keine Rolle mehr, und sie sah in ihm nur das, was er in Wirklichkeit war: ein halbes Kind.

Manche Frauen hätten gelacht und es lustig gefunden, vielleicht auch forsch; andere hätten sich geschmeichelt gefühlt. Doch sie fühlte sich nicht geschmeichelt und fand es nicht forsch. Im Gegenteil, der Gedanke, er könnte glauben, sie interessierte sich für ihn, hatte etwas entschieden Unerfreuliches an sich. Sie richtete die Augen starr auf das Ende des Waggons, fest entschlossen, an etwas anderes zu denken und ihn aus ihrem Kopf zu verscheuchen.

Sie war froh, dass sie daran gedacht hatte, Alan und Ted bei ihrem kurzen Aufenthalt in Boston Postkarten zu schicken; sie würde in Woods Hole weitere Karten kaufen, und auch in Nantucket, bevor sie nach Sconset weiterfuhren. Sie hatte die Kinder nicht mitnehmen wollen, und als ihr Ehemann es vorschlug, nur kurz darüber nachgedacht. Sie wusste sehr genau, weshalb sie mit ihm allein sein wollte; in ihrem jetzigen verwirrten Zustand war das im Grunde das Einzige, was sie genau wusste. Es waren keine romantischen Gründe, aus denen sie ihren Ehemann ganz für sich allein haben wollte; dieser Urlaub – vielleicht schon diese Nacht – sollte vielmehr über einen Aspekt ihres Ehelebens entscheiden, der (zumindest in ihrer Vorstellung) einen kritischen Zustand erreicht hatte. Wären die Jungen dabei, würden sie die Aufmerksamkeit des Vaters oder der Mutter auf sich ziehen, und eine Entscheidung wäre unmöglich. – Doch was dieser «Aspekt» war und wie man zu einer Entscheidung kommen könnte, wusste sie nicht. Wüsste sie es, könnte sie ihrem Ehemann mit mehr Selbstvertrauen und Zielstrebigkeit gegenübertreten, als es jetzt der Fall war.

Sein Vorschlag, sie sollte die Jungen mitbringen, hatte ihr nicht geholfen. Sie war froh, dass er die Jungen vergötterte, darauf war sie immer stolz gewesen. So vielen Männern waren ihre Kinder gleichgültig, besonders wenn sie noch klein waren, doch er hatte sie vom ersten Augenblick an geliebt – hatte sich um sie gekümmert, für sie gesorgt und war ihnen mit einem Interesse begegnet, das er sonst nur an seiner Arbeit zeigte. Was die Kinder betraf, ließ sein Verhalten nichts zu wünschen übrig. Doch in letzter Zeit – besonders während der letzten ein bis zwei Jahre – hatte Ethel Grandin immer wieder das Gefühl, übergangen zu werden; er liebte die Kinder mehr als sie, brauchte sie mehr als seine Frau und schenkte ihnen mehr Aufmerksamkeit als ihr. Wieder und wieder hatte sie in letzter Zeit plötzlich einen eigenartigen Stich verspürt, wenn sie sah, wie rückhaltlos er sich einem ihrer Söhne widmete, wie liebevoll er die beiden anschaute und wie dankbar und glücklich sie ihn machten. Der Stich war nicht Ausdruck von Eifersucht, sondern des Gefühls, unerwünscht zu sein. Sie hätte viel darum gegeben, zu erfahren, ob sie ihm ebenso viel Freude bereitete wie die Jungen, ob er sie ebenso liebte. Früher war es so gewesen.

Vom ersten Augenblick an war er der einzige Mann gewesen, der sie je verstanden hatte; aber verstand er sie auch jetzt, und wusste er überhaupt, wie sie sich fühlte? Sie erinnerte sich noch ganz genau an das erste Mal, als er sie nach einer Abendgesellschaft mit nach Hause nahm, und auch, warum. Es war ein unangenehmer Abend gewesen, mehrere dumme Menschen hatten jedes gute Gespräch im Keim erstickt. Geselliger Umgang lag ihr nicht, wenn Geselligkeit hieß, mit Männern und Frauen, die sie kaum kannte und an denen ihr nichts lag, über banale Dinge zu reden. Eine der anwesenden Frauen hatte einen Hang zum Dramatischen und fing an, anderen Gästen aus der Hand zu lesen. Ethel überließ ihr widerstrebend ihre Hand, und die Frau riss vor Erstaunen die Augen auf und stieß hervor: «Sehen Sie sich diesen Venusberg an! Haben Sie in Ihrem ganzen Leben schon mal einen solchen Venusberg gesehen? Sagen Sie selbst!» Äußerst verlegen murmelte Ethel Cameron: «Man hat mir gesagt, ich hätte die Hand eines Mörders oder Selbstmörders.» Die Frau machte ein finsteres Gesicht, legte eine effektvolle Pause ein und erwiderte: «Nun, die Hand eines Mörders ist das nicht.» – Von allen Anwesenden hatte nur John Grandin verstanden, dass Ethel einfach improvisiert hatte (wie auch die Bemerkung der Handleserin über den Venusberg nur eine Improvisation gewesen war), sie hatte versucht mitzuspielen, behilflich zu sein, der Frau ein Stichwort zu geben, das sie aufgreifen konnte. Ihre Bemerkung war albern gewesen, aber sie hatte sich verpflichtet gefühlt, etwas zu erwidern. Weder sie noch John Grandin waren so verrückt, der verwegenen Interpretation der Frau irgendwelche Bedeutung beizumessen, doch sie ärgerten sich über ihre Dummheit. Kurz darauf verließen sie zusammen die Party; und eine Stunde später hatten sie sich geliebt.

In dieser Nacht war er für sie die einzige Seele auf der Welt geworden, deren Schicksal (so viel stärker als das der Kinder) unwiderruflich mit dem ihren verbunden war.

INHALT

Verlagstext

Die Niederlage

Anfang

II

III

IV