Die Liga der blonden Engel - Susanne Hühn - ebook

Die Liga der blonden Engel ebook

Susanne Huhn

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Opis

Was tun, wenn eine andere das eigene Leben lebt? Wenn sie die Träume verwirklicht, die man selbst hatte? Wenn einem die eigene Schwester die große Liebe, den Lebenstraum und sogar die Seele stiehlt? Gertrud, verbittert, graumäusig, enttäuscht, putzt Toiletten, statt Karriere zu machen, zieht ihr Kind allein groß, statt eine glückliche Familie zu gründen. Dann begegnet ihr das Schicksal in Gestalt eines struppigen Hundes, und plötzlich steht sie vor einer Herausforderung, größer als alles, was sie sich je vorstellen konnte. Eine seltsame Freundin, eine viel zu strahlende Zwillingsschwester, ein uralter, vernarbter Drache und der heimliche Wunsch nach einer glänzenden Haarpracht begleiten Gertrud auf ihrem Weg zu sich selbst und zu ihrer Bestimmung - doch dann schlägt das Schicksal erneut zu.

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SUSANNE HÜHN

Roman

Die Handlung und die Personen in diesem Buch sind frei erfunden. Jede Ähnlichkeit mit tatsächlich lebenden, realen Personen ist zufällig oder ließ sich nicht vermeiden, weil das Leben manchmal einfach so ist.

Dieses Buch enthält Verweise zu Webseiten, auf deren Inhalte der Verlag keinen Einfluss hat. Für diese Inhalte wird seitens des Verlags keine Gewähr übernommen. Für die Inhalte der verlinkten Seiten ist stets der jeweilige Anbieter oder Betreiber der Seiten verantwortlich.

Alle Rechte der Verbreitung, auch durch Funk, Fernsehen und sonstige Kommunikationsmittel, fotomechanische oder vertonte Wiedergabe sowie des auszugsweisen Nachdrucks vorbehalten

ISBN 978-3-8434-6183-2

© 2014Schirner Verlag, Darmstadt

1.E-Book-Auflage 2014

Umschlag: Simone Leikauf, Schirner, unter Verwendung

von #152885075 (Jacky Brown), #146103971 (Ermakova Polina) und #146762399 (James Daniels), www.shutterstock.com

Lektorat: Dirk Grosser, Schirner

Redaktion: Claudia Simon, Schirner, unter Verwendung von #146762399 (James Daniels), www.shutterstock.com

E-Book-Erstellung: Zeilenwert GmbH, Rudolfstadt, Germany

Inhalt

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AngelHeart – In Memoriam

Über die Autorin

1

Deine Gedanken formen deine Wirklichkeit, du bist ein wundervoller Schöpfer deines Schicksals. Wenn du das weißt, dann bist du frei, dir dein Leben selbstbewusst und glücklich in Fülle und Gesundheit zu erschaffen.

»Oh bitte. Fick dich doch selbst.« Gertrud schlug das zerfledderte Hochglanzmagazin zu und griff nach ihrer Plastiktüte. Oberflächliche spirituelle Weisheiten, das hatte ihr gerade noch gefehlt. Wenn diese Autorin nicht mehr drauf hatte… Ihr Herz begann zu schmerzen, heftig und doch so vertraut, dass es Gertrud fast nicht mehr wahrnahm. Sie schlurfte durch die Gänge der gemütlichen Leihbücherei, die sowieso auf ihrem Nachhauseweg lag und in der sie beinah täglich ein, zwei Stunden verbrachte, und ließ ihre Ausleihexemplare registrieren. Sie rieb sich mit einer Hand das Kreuz, während sie wartete. Seit heute Morgen um vier war sie auf den Beinen. Eine Kanne Tee, eine Suppe und ein gemütlicher Fernsehabend, das war alles, was sie heute noch brauchte. Oder zustande brachte. Sie verließ die angenehm geheizte Bücherei, und der Wind pfiff ihr entgegen, als sie wieder auf der Straße stand. Gertrud zog ihre Wollmütze fester über die Ohren und streichelte den räudigen Hund, der vor der Bücherei auf sie gewartet hatte und sie nun nach Hause begleitete. Jeden Tag saß er da. Eines Tages hatte er sie abgeholt, als wären sie alte Freunde, einfach so. Er hatte ein Zuhause, dessen war sie sicher, denn er brachte sie nur bis zur Haustür. Niemals versuchte er, ihr in die Wohnung zu folgen, obwohl sie es ihm mehrmals angeboten hatte. Sie tätschelte ihm zum Abschied den Kopf und ließ seine spitzen Ohren durch ihre Hände gleiten. Nichts berührte sie tiefer als Tiere, und dieses hier war ein besonders liebenswertes Exemplar. Sie spürte einen Zug in der Brust, Sehnsucht war das wohl. Sie sagte leise »Bis morgen«, griff in ihre Manteltasche und gab ihm ein paar Leckerlis. Der Hund leckte ihre Hand, und am liebsten hätte sie ihr Gesicht in seinem Fell vergraben, räudig hin oder her. Sie war selbst räudig genug. Gertrud schloss die Haustür auf. Er blieb sitzen, als warte er auf etwas, doch Gertrud konnte sich beim besten Willen nicht vorstellen, worauf. Sie hatte bereits darüber nachgedacht, ein Tier zu halten, doch sie war so oft unterwegs, dass es schlicht unzumutbar wäre.

Sie stieg die drei Treppen zu ihrer Wohnung empor, zog Mantel und Mütze aus, verstaute ihre kargen Einkäufe im Küchenschrank, füllte den Wasserkocher und hängte zwei Beutel billigen schwarzen Tees in die angestoßene Teekanne. Sie warf acht Süßstoff-Tabletten hinterher und schüttete einen großen Schuss Milch hinzu. Als das Wasser kochte, goss sie den Tee auf, nahm eine bereits benutzte Tasse von der Spüle und stellte sie auf ein rissiges Holztablett. Sie wärmte die Suppe von gestern auf, schöpfte sie in eine kleine Schüssel und trug alles ins Wohnzimmer. Beinah wäre sie dabei über eine Falte im ausgefransten Teppichboden gestolpert. Ehemals beige, gehörte er längst erneuert. Die Tapeten hätten auch schon vor fünf Jahren geweißt werden müssen, so stand es im Mietvertrag. Aber sollten sie sie doch rausschmeißen. Schwer atmend ließ sie sich in den Sessel fallen. Sie schob sich die ausgetretenen Halbschuhe von den Füßen und legte die Beine auf einen Schemel. Ich bin gerade mal zweiundvierzig Jahre alt und fühle mich wie hundert, dachte sie, und wahrscheinlich sehe ich auch so aus.

Während sie die Suppe aß, blätterte sie in einem der Bücher, die sie in der Bücherei ausgeliehen hatte. Es ging um Engel, um Licht, um Seelenheimaten– alles klang so einleuchtend, dass sie sich ernsthaft fragte, warum sich die Welt nicht schon längst in einer Lichtfontäne aufgelöst hatte. Wenn es nur tatsächlich so einfach wäre, wie es all diese Autoren suggerierten. Sie selbst scheiterte immer wieder an der Umsetzung dessen, was sie las. Es war, als gälten diese Gesetze, wenn es denn überhaupt welche waren, nicht für sie, da konnte sie so viel lesen und üben, wie sie wollte. Wahrscheinlich war sie einfach zu blöd. Oder nicht blond genug. Die meisten dieser Autorinnen, die über spirituelle Themen schrieben, trugen einen glänzenden, blonden, langen Haarschopf, als wollten sie ihre lichtvolle Präsenz mit einem Ausrufezeichen versehen. Oder ihre aschgraue Durchschnittlichkeit verbergen, wer wusste das schon. Sie machten sie wahnsinnig, diese gestylten, schönen Frauen, die sich Engel nannten, als wären sie dadurch etwas Besonderes. Sie hatten Luxusprobleme, diese Frauen, und Gertrud war sicher, dass keine von ihnen je ein fremdes Klo geputzt hatte. Alle erschufen sich ein wundervolles Leben– wer’s glaubte… Was war mit Demut, mit Hingabe, mit »Dein Wille geschehe«? Aufseufzend drückte sie auf die Fernbedienung. Endlich war ihr eigener Tag vorbei, und sie konnte sich dem glamourösen Leben anderer widmen. Sie fuhr sich mit der Hand über das Gesicht, spürte die raue Haut, die Schwielen an den Fingern. Gertrud schloss die Augen. Und während die Darsteller einer Vorabend-Sitcom ihre unsagbar hohlen Dialoge von sich gaben, begann sie zu träumen.

Sie tanzte mit dem Licht der Engel, sie schwebte im regenbogenfarbigen Glimmer der Einhörner, löste sich auf, war leicht, licht, frei. Ihre Seele schwang sich empor zu Gott, ihr Körper begann zu kribbeln, und der Druck im Herzen löste sich. Sie traf Göttinnen und Drachen, Engel und Elfen, und fühlte sich eins mit ihrem lichtvollen Selbst. Dieses Selbst war so viel größer als ihr karges menschliches Dasein, sie fühlte sich, als wäre sie ein Teil einer größeren Seelenflamme, womöglich einer ganzen Seelengruppe. Sie hatte nur einen sehr kleinen Seelenstrom auf der Erde abbekommen, das spürte sie, der allergrößte Anteil war nicht mit ihrem Körper verbunden, wirkte hier nicht, war wohl anderweitig beschäftigt.

Das war es, worüber sie alle schrieben, natürlich. Aber wie konnte man diese Energie auf der Erde leben, wie konnte man die Bürde Menschsein abstreifen, ohne zu sterben? Diese Antwort lag weder in der Kontrolle der Gedanken noch im Feng Shui, dessen war sie sich mehr als sicher.

Unvermittelt schoss ein feuerartiger Schmerz durch ihren linken großen Zeh, und sie landete hart und ungebremst auf der Erde. Nach solch einem Tag schmerzten ihre Füße und Beine immer öfter. Gertrud öffnete die Augen, schenkte sich eine Tasse Tee ein und genoss das warme, süße Getränk. Tränen rannen über ihre Wangen, während sie sich auf die alberne Serie zu konzentrieren begann, unbemerkt und sehr vertraut. Ihre Beine schmerzten weiterhin, heute brachte das Hochlegen nicht viel. Gertrud erhob sich nach einer halben Stunde, schaltete den Fernseher aus und schleppte sich ins Bad. Sie duschte, wusch sich den Schmutz der Menschen, für die sie putzte, aus ihren braungrauen, struppigen Haaren, vermied den Blick in den Spiegel und schlüpfte, obwohl es erst früher Abend war, in ihr kaltes Bett. Sie hatte einen weiteren harten Arbeitstag vor sich. Für einen geliebten Menschen hätte sie schon vor einer Stunde eine Wärmflasche ins Bett gelegt, damit es schön kuschelig und gemütlich würde. Nun, sie selbst gehörte nicht zu den Top Ten ihrer Liste.

Die vertraute Müdigkeit ergriff von ihr Besitz. Wann hatte sie die Lust an ihrem eigenen Leben so gründlich verloren? Wann immer sie ein Projekt starten wollte, und sei es auch nur, ihre Wohnung renovieren zu lassen oder sich ein neues Kleid zu kaufen, sank ihre Energie ins Bodenlose. Schon der Gedanke an Veränderung war anstrengend und ließ sie so müde werden, dass sie sich am liebsten drei Tage lang in ihr Bett gelegt hätte.

»Mutter, du nervst! Lass mich doch die Wohnung machen, meine Firma kann das, das ist ein Klacks, die fünfzig Quadratmeter. Es dauert zwei Tage, und du fühlst dich hier wieder wohl!«

Paul, ihr ganzer Stolz und das Einzige, was sie erfolgreich ins Leben gerufen hatte. Fünfundzwanzig Jahre war er alt und bereits Inhaber einer Baufirma, sie wusste wirklich nicht, woher er diesen Schwung hatte. Von ihr sicher nicht. Sie spürte, wie groß die Last war, die sie ihm durch ihre unentschiedene Graumäusigkeit auf die Schultern legte. »Jetzt nicht«, war ihre bevorzugte Antwort auf sein Angebot, »im Moment wird mir das alles zu viel.« Sie nervte sich selbst damit, doch sie fühlte sich die meiste Zeit wie gelähmt. Dass sie ihr Tagewerk überhaupt schaffte, war schon ein Wunder. Irgendwie fehlte ihr ein Teil ihrer Lebenskraft. Und obwohl sie ahnte, wo er sich aufhielt, ändern konnte sie es nicht.

Ihr Telefon klingelte, ächzend hievte sie sich aus dem Bett. Es war gerade erst 20Uhr, doch sie fühlte sich wie gerädert.

»Wir wollten doch ins Kino, wo bleibst du denn?«, fragte eine helle Stimme. Gertrud runzelte die Stirn, dachte einen Moment lang nach. Kannte sie Menschen, die so fröhlich waren? Oder Lust hatten, mit ihr ins Kino zu gehen?

Eher nicht. Da musste sich jemand verwählt haben. Auf einmal durchfuhr es sie wie ein Stromschlag, und sie hörte sich sagen: »Ich hab’s vergessen, entschuldige, ich bin in zehn Minuten da– wohin wollten wir noch mal?«

Was ritt sie denn plötzlich, fragte sie sich, als sich ihr Körper wie ferngesteuert erhob. Kino, was war das gleich? Bewegte Bilder, die die Seele erfreuen sollten? Es war so gar nicht ihre Art, spontan aus dem Haus zu gehen und sich fremden Menschen aufzudrängen, und der kleinste Blick in den Spiegel würde sie auf der Stelle entmutigen. Sie beobachtete sich selbst, wie sie einen Mantel über ihr T-Shirt und die Jogginghose warf, die sie im Bett getragen hatte, in ausgetretene Turnschuhe schlüpfte, sich ihren letzten Zehneuroschein in die Manteltasche steckte. Automatisch glättete sie die noch immer feuchten Haare mit ihren Fingern, wie sie es stets tat. Hoffentlich würde sie sich nicht erkälten.

Sie fühlte sich, als bliebe ein Teil von ihr im Bett liegen, während sich ihr Körper erhob und seine eigenen Wege ging, doch als sie sich umschaute, war ihr Bett zerwühlt und leer. Sie hatte gar nicht genügend Energie, um sich in verschiedene Teile zu spalten, dachte sie, sie lief sowieso schon auf Sparflamme. Sie vergewisserte sich, dass ihr Schlüssel in der Manteltasche war, drückte die Mütze auf ihren Kopf und schlug die Tür hinter sich zu.

Schräg. Das war sie wirklich, gestand sie sich ein. Natürlich würde sie sich der Anruferin nicht zu erkennen geben, sondern einfach so tun, als wäre sie mit Freunden verabredet. Sie würde sich in den vollen Saal setzen, eine Tüte Popcorn essen, den Film genießen und sich einbilden, weniger einsam zu sein. Als sie vor dem Kino stand, wäre sie am liebsten wieder nach Hause gegangen. Es ergab überhaupt keinen Sinn, sie hatte weder Geld noch Zeit, sich irgendeinen Film anzusehen. Zumal sie nur die Auswahl zwischen einem kitschigen Liebesfilm und einem James-Bond-Thriller hatte– der in 3-D gedreht war und damit mehr als zehn Euro Eintritt kostete. Sie kramte in ihren Taschen, es fehlten genau zwei Euro fünfzig. Was sollte das? Sie hatte ihre Wohnung verlassen, und jetzt fühlte sie sich noch ausgeschlossener und unzulänglicher als zuvor? Sie schuftete den ganzen Tag, fünf Tage die Woche und hatte nicht mal Geld für einen idiotischen James-Bond-Film? Sie würde nicht klein beigeben, heute nicht. Verdammt noch mal. Andere Menschen bekamen ihr Leben auch auf die Reihe und hatten sogar noch Geld übrig. Also der auf herkömmliche Weise gedrehte Liebesfilm, wenn sie nun schon mal da war. Der Eintritt kostete sieben Euro fünfzig, und so hatte sie noch Geld für eine kleine Tüte Popcorn.

Der Film begann vielversprechend, mutierte aber zu einer dieser Das-hässliche-Entlein-Geschichten. Kaum zog sich die zunächst unscheinbare Hauptdarstellerin das Haarband aus der glänzenden Mähne und setzte die Brille ab, schon verwandelte sie sich in die Schönste der Highschool. Und der coolste Typ verliebte sich in sie. Albern und krank ist das, und dafür gebe ich Geld aus, dachte Gertrud und spürte die vertraute Bitterkeit in sich aufsteigen. Sie könnte aufstehen und gehen, doch irgendeine innere Hartnäckigkeit–»Starrsinn« würde auch passen, dachte sie– hielt sie zurück. Sie hatte bezahlt, jetzt würde sie sitzen bleiben, auch wenn sie selbst wusste, dass sie damit dem verschwendeten Geld auch noch Lebenszeit hinterherwarf. Schnell schob sie ihren Unmut mit einer Handvoll Popcorn zurück in ihre Eingeweide.

Als der Abspann über die Leinwand flimmerte, wollte sie als eine der Ersten gehen, doch auf einmal ertönte eine sehr vertraute Stimme. Sie keuchte auf, ihre Brust wurde eng.

»Wir laden zwei Besucherinnen in das bekannte Kosmetikstudio ›AngelFace‹ ein, bitte schauen Sie auf Ihre Sitznummer– Reihe 16, Sitz acht und Reihe 20, Sitz eins gewinnen je einen Gutschein für einen kompletten Schönheitstag.« Gertrud schnaufte und zog ihre Karte hervor– tatsächlich. Das Schicksal war heute mal wieder besonders gut gelaunt. Sie saß in Reihe 16, und ihre Platznummer war die Acht. Die blonde Fee da vorn war Donna, die Besitzerin des angesagtesten Beautysalons. Und begehrte Autorin teurer Hochglanz-Lifestyle-Magazine. Diejenige, die sie heute Nachmittag nach der Lektüre ihres Artikels noch angeranzt hatte, sie solle sich selbst ficken…

Sie sprach oft im Radio, hatte eine eigene kleine TV-Talkshow und verwandelte graue Langweilerinnen in strahlende Göttinnen. Live im Fernsehen. Gertrud schaltete jedes Mal hastig um, wenn sie ihr Gesicht sah, so makellos, so kokett und so falsch. Sie verkaufte einen Traum, sie verführte, sie redete den Menschen ein, ein jeder könne glücklich, strahlend und schön sein. Sie, gerade sie, sollte wissen, wie hoch der Preis dafür sein konnte.

In genau dem Moment, in dem Gertrud aufstehen und sich unauffällig in den Strom der zum Ausgang strebenden Besucher reihen wollte, fand sie der Suchscheinwerfer. Hastig drückte sie ihre Karte der neben ihr sitzenden Besucherin in die Hand und verließ die Sitzreihe. Natürlich verließ keiner mehr das Kino, alle wollten Donna sehen. Und so stand sie eingekeilt zwischen zwei nach Parfüm duftenden, kichernden jungen Frauen. »Sie ist so toll«, wisperten sie sich zu, und ihre Augen glänzten. Donna verkörperte den Inbegriff der Traumfrau, alle wollten so sein wie sie.

Die Gewinnerinnen betraten die Bühne, lachten glückselig und fielen Donna um den Hals– sie hatte ihre Show.

»Zwei deiner unzähligen Jüngerinnen?«, sagte Gertrud so leise, dass sie es nicht einmal selbst hörte.

Bezaubernd und charmant plauderte Donna mit den Gewinnerinnen, ließ sich feiern, wehrte bescheiden das überschwängliche Lob ab, versicherte ihnen, wie sehr sie sich freue, ihren Seelen zu Diensten zu sein. Am Ende verneigte sich Donna mit den Worten: »Ich bin glücklich, eurer Weiblichkeit dienen zu dürfen!« Gertrud wurde fast schlecht.

Nach zehn Minuten war alles vorbei, doch es war der teuerste Kinobesuch aller Zeiten gewesen– er kostete Gertrud auch das letzte Bisschen ihrer Selbstachtung.

Sie verließ das Kino, es war mehr als spät, sie musste unbedingt ins Bett. Ein flatterndes laminiertes Pappschild an einem Eisengatter zog ihren Blick auf sich, vier Buchstaben standen darauf. CoDa. Kein Mensch verstand, was sie bedeuteten, wie unermesslich tröstlich dieses Schild war, es sei denn, man war betroffen. Sie schaute auf ihre Uhr, es wurde wirklich höchste Zeit, zu schlafen. Doch wieder übernahm ihr Körper das Kommando. Wie von selbst trugen ihre Füße sie zum Tor. Sie öffnete es und trat in einen Vorgarten. Die Haustür war nur angelehnt, als sie sie öffnete, ergoss sich warmes Licht über die Stufen. Wie magisch angezogen trat sie ein, durchschritt einen Flur und hörte sanfte, ruhige Stimmen aus einem der Räume kommen. Sie betrat den lichtdurchfluteten Raum. Fünf Menschen saßen darin, blickten sie freundlich an und sprachen dann weiter. Sie setzte sich, atmete auf, kam an. Das Gespräch, das offenbar schon länger andauerte, verebbte– nun war die Reihe an ihr.

»Ich heiße Gertrud«, sagte sie. Und ich habe einen Vollschuss, wollte sie hinzufügen, aber dann sagte sie: »Ich glaube, ich bin co-abhängig.« Und unfassbar wütend.

2

Zittrig und mit weichen Knien stakste Donna von der Bühne. Als die roten Lichter der Kameras erloschen, fiel ihr Gesicht in sich zusammen. Ausgerechnet Gertrud, niemals hätte sie damit gerechnet, sie bei einer solchen Veranstaltung zu treffen. Sie hatte sie nur für einen Wimpernschlag lang erblickt, als der Scheinwerfer sie streifte, doch der genügte, um ihre sorgsam gepflegte Aura zu zerstören.

Gertrud. Die Ich-geh-ab-sofort-Toiletten-schrubben-Gertrud. Die Ich-überlass-dir-kampflos-die-Arena-Gertrud. Jene Gertrud, die durch ihr bloßes Äußeres wie ein unübersehbarer Vorwurf durch ihr Leben schlich.

Donna zog ein Fläschchen hervor und nahm unauffällig einige Tropfen Notfall-Bachblüten. Die natürlich nicht auf allen Ebenen halfen, das war ihr auch klar. Das, was sie zu bewältigen hatte, konnte nicht durch ein bisschen feinstoffliche Energie beseitigt werden, obwohl es verführerisch klang. Ihren Kunden verkaufte sie es allerdings anders. Die wenigsten wollten hören, dass sie um ihre tiefen Prozesse nicht herumkamen, und so hatte Donna ein Wohlfühl-Imperium aufgebaut. Engelessenzen, verschiedenfarbige Öle, positive Gedanken und eine samtige Stimme, perlende Klaviermusik, sanfte Farben und die betörend duftenden Kosmetika erschufen eine so entspannte und anheimelnde Atmosphäre, dass sie für ihre Behandlungen unterdessen beinah jeden Preis verlangen konnte. Sie hatte es wirklich drauf, das musste man ihr lassen, gaben auch die Kolleginnen der Branche zu. Donna war der unumstrittene Star, wenn es um Selbstdarstellung und um das Verbreiten eines wirklich guten Gefühls ging. Sie gab jeder Frau ihr Strahlen zurück, damit warb sie. War sie zynisch?, fragte sie sich ab und zu, unterstützte sie die Frauen bei ihrer Weltflucht? Für sie selbst funktionierte es hervorragend. Wenn sie sich gut und gepflegt fühlte, dann war sie im Einklang mit sich und sah die Welt wieder mit anderen, freundlichen und vertrauensvollen Augen. Dadurch erkannte sie Möglichkeiten, ebneten sich Wege, die sie sonst gar nicht bemerken würde. Und so gab sie den Frauen, was ihr selbst half und woran sie glaubte. Daran konnte nichts verkehrt sein.

Wenn eine Frau, die sich grau und vom Alltag ausgelaugt fühlte, nach ein paar Stunden sorgsamer Pflege wieder spürte, dass sie ein strahlendes Wesen voller Schönheit und Erotik war, das nur ein wenig Staub angesetzt hatte, dann hatte Donna ihren Job gut erledigt. Sie erinnerte Frauen an die innere Aphrodite, an die Göttin, an die weibliche, romantische Märchenprinzessin und gab ihnen für ein paar Stunden das Gefühl zurück, alles wäre möglich und die Welt läge ihnen zu Füßen. In diesen Stunden konnten Wunder geschehen, denn in diesen Stunden waren die Frauen offen, trauten sich mehr zu, gingen aufrechter, ließen ihren natürlichen weiblichen Zauber wirken. Für einige Stunden waren sie in das Leben und sich selbst verliebt und deshalb weitaus offener, als sie es sich selbst zutrauten. Es war, als verschaffe ihnen Donna ein Zeitfenster für Wunder. Es befriedigte sie zutiefst, wenn sich eine Frau nach den Behandlungen im Spiegel selbst erkannte. Wenn sie das leuchtende Wesen spürte, für das sie sich insgeheim, ganz im Verborgenen hielt. Wenn es dazu Cremes, Wohlgerüche, Farben und eine zärtliche Hand brauchte, na und? Frauen waren sinnliche Wesen, und manchmal kam ihnen diese Sinnlichkeit in den Anforderungen des Alltags abhanden. Donna und ihr Team erschufen eine Oase, in denen sich die Frauen am Brunnen der Weiblichkeit satt trinken konnten. Zumindest die, die es sich leisten konnten.

Jede Frau wusste ganz tief im Herzen, dass sie eine Göttin war. Und so sehr sie sich auch selbst abwertete, für so unscheinbar sie sich auch hielt– dieses innere Wissen wirkte und ließ Frauen sehr verletzlich und sehr empfindlich reagieren, wenn sie nicht gewürdigt wurden. Genauso, hatte ihr Frederik erklärt, fühlte sich jeder Mann im Inneren als Held. Nicht wie eine muskelbepackte Comicfigur, sondern wirklich und wahrhaftig als Retter, der anerkannt und gebraucht werden wollte. Nahm man einem Mann sein Heldentum weg, dann blieb ein Wesen übrig, das nur noch sein eigenes Wohlbefinden und seine Bequemlichkeit pflegte, genauso wie eine Frau zickig, nörgelig und kritiksüchtig wurde, wenn ihre innere Göttin, die strahlende Hüterin des Lebens und der Schönheit, nicht gesehen und gewürdigt wurde. Für Donna ergab das absolut Sinn. Auf dieser Maxime hatte sie ihren Salon aufgebaut, und daran glaubte sie zutiefst– der Erfolg gab ihr recht.

Donna stieg in das wartende Auto, auf ihren Partner Frederik war Verlass. Noch während sie sich von ihren Mitarbeitern und dem Kamerateam verabschiedet hatte, hatte er den Wagen geholt und ihr damit den Weg durch die Tiefgarage erspart. Sie sank in das weiche Polster. Frederik legte schweigend eine Hand auf ihr Knie, während er sich in den Verkehr einfädelte.

»Ich will nur noch heim«, sagte sie.

»Du wirkst völlig ausgehöhlt, war es so anstrengend? Das kenne ich gar nicht von dir.«

Normalerweise zog Donna Energie aus der Bewunderung ihrer Fans. Doch sie würde sich hüten, Gertrud zu erwähnen.

»Heute ja.«

»Willst du darüber reden?«, fragte er. Es war eine große Herausforderung, Donna zufriedenzustellen, und so sehr er sich bemühte, sie glücklich zu machen, so wenig kam er hinter ihren sprunghaft wechselnden emotionalen Zuständen her. Sie war so empfindsam– manchmal allerdings fand er sie durchaus auch empfindlich, aber das würde er ihr niemals sagen. Es war nicht leicht, mit einer Engelfrau zusammen zu sein, dachte er, und ein bisschen war er stolz darauf, sie beschützen zu dürfen. Oder ihr zu Diensten zu sein, wenn sie ihre wundervolle Energie mit anderen teilte. Eine Engelfrau. Eine Frau, die spürte, dass sie ein Engel war, die tief davon überzeugt war. Ein Rockstar unter den vielen spirituellen Lehrern. Er warf ihr einen Blick zu. Wenn man Donna ansah, konnte man ihr durchaus glauben. Ihre großen, strahlenden Augen, das zarte Gesicht, ein Mund wie der einer sorgsam von Hand gefertigten Künstlerpuppe, das sanfte Lächeln, die weichen, seidigen Haare. Für einen Engel hatte sie einen verdammt sexy Körper, schmunzelte er und freute sich bereits darauf, in ihr zu versinken. Im Bett hatte sie ihn voll im Griff, es war unglaublich, was dieser Puppenmund alles konnte, und sie war sich für nichts zu schade. Entweder sie war wirklich ein Engel oder ein gut getarnter Teufel. Manchmal wusste er es tatsächlich nicht.

Er parkte vor dem Eingang eines eleganten Hotels, der Concierge würde sich um sein Auto kümmern. Frederik eilte um das Auto herum, öffnete Donna die Beifahrertür und reichte ihr die Hand.

»Komm, meine Schöne«, sagte er und war wie jedes Mal fasziniert von der Eleganz, mit der sie aus dem Auto stieg. Sie war schon immer eine Prinzessin gewesen. Seit er sie kannte, hatte sie diese Aura, dieses Irisieren, das so zerbrechlich und märchenhaft wirkte. Schon immer hatte er sie beschützen wollen, auch in einer Zeit, in der sie sich kannten, aber nicht zusammen gewesen waren. Donna brauchte einen Beschützer, schon als Kind und Jugendliche. Nun hatte er diese Rolle inne. Sie grüßten den Concierge am Empfang, Frederik verneigte sich vor ihm und gab ihm die Autoschlüssel. »Danke«, sagte er und lächelte dem älteren, in eine militärisch korrekt sitzende Fantasieuniform gekleideten Mann zu. Sie stiegen in ihren persönlichen Fahrstuhl, in dem es andeutungsweise nach Lavendel roch. Frederik gab einen PIN-Code ein, und ohne unterwegs zu halten, schwebten sie ganz nach oben.

Als sich die Aufzugstür öffnete, atmete Donna wie immer auf. Endlich zu Hause. Sie zog noch im Aufzug die Schuhe aus und trat auf den weichen Teppichboden, der so tiefblau war, dass er wie ein Stück toskanischer Himmel wirkte. Wolkenartige, weiße Knautschsessel standen um einen Glastisch gruppiert, die riesige Fensterfront ließ den Raum unendlich wirken. Hier in ihrem gemeinsamen Penthouse empfing sie Reporterinnen, die sie für teure Frauenzeitschriften interviewen wollten, es war der perfekte Rahmen, um sich in Szene zu setzen. Wenn sie in einem silberfarbenen Chiffonkleid auf einem der Sessel saß, fehlte nur noch die Harfe, um die Illusion zu vollenden, hatte eine der Zeitschriften einmal zynisch geschrieben, Donna hatte sie sofort verklagt. Und gewonnen.

So bühnenartig dieser Raum auch wirkte, Donna liebte ihn und hielt sich, wann immer sie konnte, hier auf. Nur so ertrug sie die Enge, den Schmutz, die Kleinheit des menschlichen Daseins, erklärte sie oft, nur in dieser Reinheit und Weite konnte sie atmen. Und so affektiert das auch in den Ohren anderer klingen mochte, Frederik wusste, dass es stimmte. Oft genug hatte er sie erlebt, wenn sie kurzatmig wurde, zu zittern begann, zu zerbrechen drohte. »Dir fehlt die Erdung!«, tönten wohlmeinende Kolleginnen, und vielleicht stimmte das auch. Doch war es nicht Donnas ganz besonderer Reiz, dass sie überirdisch schien, nicht von dieser Welt, und dass sie deshalb auch nicht allzu viel irdischen Schmutz ertragen konnte? Berührte sie nicht gerade deshalb all die Menschen tiefer, als diese es selbst jemals für möglich gehalten hätten?

Wenn Donna einen Raum betrat, änderte sich die Aura aller. Es war, als erschien ein Engel, hatte mal jemand gesagt, und so empfanden es die meisten Menschen. Man konnte sich über sie lustig machen, man brauchte sie nicht ernst zu nehmen, blond, empfindsam, püppchenartig, wie sie war. Aber jeder, der auch nur ein wenig ehrlich war, musste anerkennen, dass er sich Donnas Ausstrahlung nicht entziehen konnte. Sie leuchtete ein wenig heller, wirkte ätherischer, weniger menschlich als andere. Ihr nachzueifern musste unausweichlich in Enttäuschung enden, es war nichts, dass sie inszenierte, sondern etwas, dass sie war, so hatte es eine Reporterin beschrieben.

Es war nur logisch, dass eine Frau wie sie einen Beautysalon eröffnete. Wo sonst konnte sie ihre Vision von Reinheit und Makellosigkeit, von überirdischer Schönheit besser umsetzen? Wo sonst konnte sie den Engel, die Göttin in all den Frauen berühren, ihm Ausdruck verleihen, sodass die Frauen selbst sahen, wie zauberhaft sie waren? Ein Engelkult war in den letzten Jahren entstanden, und sie war ein tragender, charismatischer Teil davon. Ein Engelkult, der vielen Menschen Vertrauen in eine schützende und inspirierende Kraft gab, genauso vielen aber auch eine Rechtfertigung dafür lieferte, sich dem, was auf Erden getan werden musste, zu entziehen. Donna wusste das, doch sie fühlte sich für diesen Umstand nicht verantwortlich. Und vielleicht war sie es auch nicht.

Frederik brachte ihr einen Drink, genau so gemixt, wie sie es liebte, und setzte sich zu ihr. Er nahm ihre Füße auf seinen Schoß und begann, sie zu massieren.

»Jetzt erzähl, was hat dich so aus dem Gleichgewicht gebracht?«, sagte er. »Du weißt, ich mache mir Gedanken um dich.«

Donna lehnte sich aufatmend zurück und nippte an ihrem Drink.

»Danke, sie ist wunderbar, deine Massage. Ehrlich gesagt, ich glaube, ich habe Gertrud gesehen. Im Publikum.« Ihre Schultern sanken auf einmal, die innere Spannung verschwand, und sie war froh, es ihm doch gesagt zu haben.

Frederik schwieg.

»Sie hat nichts mehr mit uns zu tun, Liebste«, sagte er dann und küsste ihren linken Fuß. »Du weißt, ich liebe nur dich.« Donna entzog ihm ihre Füße und setzte sich auf.

»Ob ich sie…«

»Nein. Sie hat sich klar ausgedrückt. Und sie hat recht. Kein Kontakt. Nie wieder. Ihr tut euch nicht gut.«

Donna stand auf. Sie leerte ihr Glas und ließ es ganz selbstverständlich stehen, ihre Haushaltshilfe würde es wegräumen.

»Du hast ja recht. Kommst du?«

Er folgte ihr ins Schlafzimmer. Donna drehte sich um, damit er ihren langen Reißverschluss öffnen konnte, und er tat es. Sie ließ das pflaumenblaue, lange Kleid fallen, der glänzende Stoff bildete einen schimmernden Kreis um ihre Füße. Frederik umarmte sie von hinten, drückte ihren Rücken fest gegen seine Brust und hielt sie. Seine Hände lagen auf ihrem Bauch, und sie begann, tiefer zu atmen, kam wieder in sich an, stabilisierte sich.

»Ich brauche dich«, flüsterte sie, und »Ich bin bei dir« antwortete er. Seine Hände streichelten ihren Bauch, glitten nach oben zu den Brüsten– er kannte Donna. Das Einzige, das ihr half, sich zu erden, war Sex. Und wenn Donna Sex wollte, dann bekam sie Sex.

3

Co-abhängig. Das hieß, sie setzte die Bedürfnisse der anderen vor ihre eigenen, um zu gefallen, um keinen Ärger zu bekommen, um die Beziehung um jeden Preis zu erhalten. Stimmte es wirklich, war das ihr Thema? Es kam dem, worunter sie litt, am nächsten, dachte Gertrud, während sie den anderen zuhörte. Sie erzählten von schwierigen Beziehungen, von Einsamkeit, von der Fixierung auf einen bestimmten Menschen, ohne den sie meinten, nicht leben zu können. Was immer sie hierher geführt hatte, etwas in ihr kam zur Ruhe.

Eine halbe Stunde nach Gertruds Eintreffen trennte sich die Gruppe mit dem Satz »Kommt wieder, es funktioniert«, und Gertrud spürte, dass es stimmte. Sich selbst offen und schonungslos ehrlich mitzuteilen und die Dinge einer höheren Macht zu übergeben, wie es in den anonymen Selbsthilfegruppen üblich war, schenkte ihr für den Moment eine Art inneren Frieden. Als sie zusammen mit den anderen aus der Haustür trat und sich verabschiedete, fühlte sie sich leichter, freier, und sogar ein Funke Hoffnung stahl sich in ihr Herz. Vielleicht sollte sie doch zumindest die Wohnung renovieren lassen. Gleich morgen würde sie ihren Sohn anrufen.

Doch natürlich wurde nichts daraus. Als Gertrud am nächsten Tag wie immer völlig geschafft von ihrer Arbeit kam, durch zu wenig Schlaf noch müder als sonst, hatte ihre gewohnte Hoffnungslosigkeit ihr Leben wieder fest im Griff. Selbst der struppige Hund, der sie an der Bücherei abholte, wirkte entmutigt, schwächer als sonst. Er schmiegte seine Schnauze in ihre Hand, als sie ihm die gewohnten Leckerlis gab, und sie kniete sich mitten auf den nassen, schmutzigen Bürgersteig. Gertrud legte beide Arme um das zitternde Tier und drückte es fest an sich.

»Wer immer du bist, ich danke dir für deine Begleitung«, flüsterte sie. Und dann kam ihr ein Gedanke. Vielleicht wollte er sie gar nicht nach Hause begleiten? Vielleicht wollte er ihr etwas zeigen, sie an einen bestimmten Ort führen? Woher auch immer diese Idee kam, sie stand auf und ging an ihrer Haustür vorbei. Sie war müde, ja, aber auch dieser Hund brauchte etwas, und sie würde herausfinden, was es war. Würde er ihr folgen?

Und tatsächlich, der Hund begann, mit dem Schwanz zu wedeln, und lief ihr voraus. Ab und zu schaute er sich um.

»Ich komm, ich bin da, ich hab’s verstanden«, rief sie ihm zu. Nach einer Viertelstunde blieb der Hund vor einem Hoftor stehen. Es war nur angelehnt, und er drückte es mit der Schnauze auf. Gertrud folgte ihm zögernd. Ein kleines Schild zog ihre Aufmerksamkeit auf sich: »Gnadenhof für Kuscheltiere« stand darauf, außerdem Öffnungszeiten und eine Telefonnummer.

»Wohnst du hier?«, fragte sie ihren Begleiter, und wie zur Bestätigung blieb er vor einer Haustür sitzen. Er drehte sich so, dass er mit dem Schwanz gegen die Holztür klopfen konnte, Gertrud war beeindruckt. Die Tür öffnete sich, eine kleine, schwarzhaarige Frau blickte nach unten und lachte zärtlich. Schnaufend bückte sie sich, um das Tier zu streicheln, dann erst bemerkte sie Gertrud.

»Ja bitte?«, sagte sie mit harter Stimme, und ihr Gesicht verschloss sich. Ihre sowieso schon schmalen Augen verengten sich zu lodernden grünen Schlitzen. »Wo ist es?«

Gertrud schaute sich um.

»Was?«, fragte sie.

»Ihr Tier. Deshalb sind Sie doch hier, um Ihr altes Tier abzugeben, oder?«

Gertrud schüttelte den Kopf.

»Entschuldigen Sie die Störung. Er hat mich hergeführt. Ich dachte, er braucht was oder will mir was zeigen.« Sie deutete auf den Hund, der sich an die Frau drückte, und wandte sich zum Gehen.

Das konnte auch nur ihr passieren, dachte sie, einfach diesem Tier zu folgen und sich anderen aufzudrängen.

»Anubis hat Sie gewählt? Dann kommen Sie bitte herein. Wenn Sie mögen.« Auf einmal klang die Stimme der Frau atemlos.

Gertrud musste lachen, sie wunderte sich selbst über das Geräusch, das aus ihrem Mund drängte. Sie hatte es lange nicht mehr gehört.

»Anubis? So heißt er? Wie der ägyptische Gott? Hat er nicht dabei geholfen Osiris, seinen Vater, zu finden und zu mumifizieren? Und galt er nicht als Seelenwäger, der entschied, ob das Herz eines Toten leicht genug war, um sich mit seiner Ba-Seele zu vereinen? Ich dachte, er wäre ein schwarzer Schakal.«

Warum auch immer sie plötzlich losplapperte, als sei sie ein verdammtes Lexikon, immerhin schaffte sie es, der fremden Frau in die Augen zu schauen, und das war mehr, als sie seit Jahren getan hatte. Gertrud streckte sogar die Hand zur Begrüßung aus, sie kannte sich auf einmal selbst nicht mehr.

»Gertrud heiße ich.«

»Anubis wird auch als Hund dargestellt, und so heißt er nun mal, so nannten sie ihn schon immer. Kommen Sie rein.« Die Schwarzhaarige schüttelte ihr die Hand, und für einen kurzen Moment war es, als sprühten Funken zwischen ihnen auf. Die Wollmütze, dachte Gertrud, sie elektrisierte ihre Haare und wohl auch den Rest.

»Gut gemacht, mein Lieber.« Die Frau tätschelte Anubis’ Kopf, und er wedelte mit dem Schwanz.

Gertrud folgte ihr in eine völlig überheizte Küche, in der etwas köstlich Duftendes auf dem Herd brodelte. Sie riss sich die Mütze vom Kopf und schälte sich aus dem alten Tweedmantel.

»Setzen Sie sich«, sagte die Frau und deutete auf den ovalen Tisch. Er war merkwürdig dekoriert, jemand hatte ein paar zusammengesammelte Kräuter, Gräser und dürre Zweige achtlos in eine Vase gesteckt. Es wirkte so ungelenkt zusammengestoppelt, dass sogar Gertrud, die wahrlich nicht viel von sinnlos auf Tischen herumstehendem Zeug hielt, Hand anlegen wollte.

Die Frau schob Gertrud einen hölzernen Küchenstuhl zurecht. Als wären sie alte Freundinnen, füllte sie etwas aus dem Topf in eine Schale und stellte diese vor Gertrud auf den Tisch. Sie hatte immer noch nicht ihren Namen gesagt, dachte Gertrud, das war sehr merkwürdig, doch ihr Magen knurrte auf einmal laut. So nahm sie den Löffel, der plötzlich wie von Zauberhand neben der Schale erschien, und begann zu essen. Ohne zu warten, ohne Danke zu sagen. Als hätte sie schon immer hier gespeist.

»Auf Anubis ist Verlass, entschuldige, dass ich für einen Moment an dir gezweifelt habe. Aber wenn du wüsstest, wer hier alles auftaucht und sein Tier abliefert, du kämst aus dem Weinen nicht mehr heraus.« Die Frau schenkte sich selbst eine Tasse merkwürdig riechenden Tee ein und setzte sich zu ihr an den Küchentisch. Dann schlug sie sich mit der Hand auf die Stirn, und Tränen traten in ihre Augen, sie schien plötzlich ganz gerührt. Gertrud verstand diese Frau nicht, sie war wirklich komisch. Doch wer war sie, andere komisch zu nennen. »Herrje, jetzt erkenne ich dich endlich! Schön, dass du da bist. Wir warten schon lange, wirklich lange«, sagte die Frau. Dann betrachtete sie Gertrud ausführlich. »Super. Einfach toll, ich hab dich absolut nicht erkannt. Perfekte Tarnung«, lachte sie und griff in Gertruds Haar. Diese zuckte hastig zurück, die Strähne rutschte aus den Fingern der Frau.

»Ein wenig netter Mensch hat mal Putzwolle dazu gesagt. Ach nee«, sagte Gertrud, »das war ich ja selbst.«

Die Frau lächelte sie liebevoll an.

»Du bist immer noch so witzig wie damals. Ich hab dich vermisst.«

Gertrud holte tief Luft. Der Geruch– jetzt erinnerte sie sich. Baldrian. Katzen liebten Baldrian, schoss es ihr durch den Kopf.

»Warum haben Sie mich erwartet, wer sind Sie denn? Kennen wir uns? Dann tut es mir leid, ich habe Ihren Namen vergessen«, sagte sie. Ihre Müdigkeit war auf einmal wie weggeblasen, irgendetwas musste in dem Essen sein. Das wirklich delikat war, auch wenn sie in keiner Weise schmecken konnte, welche Zutaten es enthielt.

Die Frau schaute sie ungläubig an.

»Sogar du?«, fragte sie nur und pfiff leise. Sofort kam Anubis herbei und legte seinen Kopf auf ihre Beine. »Sie hat’s vergessen, mein Lieber, du bist großartig«, flüsterte sie ihm zärtlich zu. »Dank ihm, dass er dich gefunden hat!«, sagte sie dann laut. Gertrud schwieg eine Weile, aß die ganze Schale leer, obwohl sie gehen sollte. Das Essen war zu köstlich.

»Was hältst du von Magie?«, fragte die Schwarzhaarige auf einmal unvermittelt. Gertrud verschluckte sich fast.

»Sie meinen die Kraft der Gedanken, Bestellungen beim Universum oder Loslassen zur Wunscherfüllung?« Gertrud spürte ihre Müdigkeit zurückkehren. Sie konnte all das nicht mehr hören, es war so mental, als gäbe es keine anderen Ebenen.

Die Frau schnaubte verächtlich.

»Pillepalle«, sagte sie. »Komm mir nicht mit Gedanken, ich rede von echter Magie. Echte Kraft, nicht Gedankenkontrolle, obwohl sie auf eine gewisse Weise Teil davon ist. Ich nenne es lieber Gedankenhygiene, das klingt besser. Nein, ich meine Kraft, die dich vollkommen durchströmt, die den Himmel mit der Erde verbindet, Kraft, mit der du heilen, aber auch zerstören kannst. Schoßkraft, Sexualkraft, wie immer du es nennen willst. Liebe trifft es auch.«

Während die Frau redete, spürte Gertrud deutlich, dass auf einmal wirklich starke Energie floss. Sie machte besser, dass sie wegkam. Es wurde langsam unheimlich, die hatte doch einen Knall.

»Hören Sie«, sagte sie und legte den Löffel weg, »ich danke Ihnen sehr für das Essen, und ich bin wirklich froh zu sehen, dass Anubis gut versorgt ist, ich habe mir Sorgen um ihn gemacht. Und jetzt will ich nicht weiter stören, ich muss nach Hause. Aber darf ich fragen, was Sie da gekocht haben? Es war einfach unglaublich gut.«

»Herrje, du hast recht! Du musst todmüde sein von der langen Reise. Ich zeig dir dein Zimmer. Übrigens, in dieser Form heiße ich Akasha. Falls du dich tatsächlich nicht mehr erinnern solltest.«

Wie lange wollte diese Frau– Akasha, Sanskrit für »Himmel«, was war denn das für ein Name?– das merkwürdige Spiel noch aufrechterhalten? Gertrud wunderte sich nur ganz wenig über sich selbst, als sie »Gern« erwiderte.

Akasha– Akasha, ob sie wohl die Hüterin der Chronik war?, fragte sich Gertrud und musste kichern. Die spinnen doch, die Esoteriker. Sicher hieß sie in Wahrheit Elfriede!– ging auf die Rückwand der Küche zu und war auf einmal verschwunden. Als wäre sie durch die Mauer gelaufen, ganz wie die Zauberschüler bei »Harry Potter«. Aber das hier war nicht der Londoner King’s Cross Bahnsteig neundreiviertel, sondern eine normale Backsteinwand in einer normalen Stadt. Akashas Kopf erschien nun in der Wand.

»Kommst du?« fragte sie und öffnete die nahezu unsichtbare Tapetentür ein wenig weiter.

Gertrud schüttelte den Kopf, eine Tür, was denn wohl sonst. Sie wurde langsam verrückt, das musste an dem Haus liegen. Oder am Essen. Sie trat durch die Tür, und jetzt begann sie, wirklich an ihrem Verstand zu zweifeln. Anubis kam ihr entgegen, es musste Anubis sein, so freudig, wie er sie begrüßte– rabenschwarz, glänzend, so strahlend kraftvoll, dass sie schier von seiner Energie erschlagen wurde.

Der Raum hinter der Küche war riesig. Das Wort »Raum« war sowieso völlig unangemessen, dachte Gertrud, es war ein Palast. Oder eine Pyramide. Sie trat ein und befand sich in einer anderen Welt. Jemand hatte sich ernsthaft Mühe gegeben, die Illusion eines ägyptischen Tempels zu erwecken, doch wozu? Sie schaute sich um, Akasha war nirgendwo zu sehen. Dafür kam ihr eine unbekannte Frau entgegen, jetzt blieb sie stehen. Gertrud war bezaubert von ihrer Schönheit, auch wenn ihre Klamotten ziemlich albern waren.

Grauenhaft viel Gold und irgendeine merkwürdige Tracht, die wie dieser Saal am ehesten noch an das alte Ägypten erinnerte. Doch die Frau selbst war zum Niederknien schön, glänzend fiel ihr dunkles Haar über ihre Schultern. Das Gesicht klassisch, so stellte sie sich Kleopatra vor. Gertrud hob die Hand, die Frau tat es ihr gleich. Wenn es nicht so total absurd wäre, dann könnte sie glatt meinen, vor einem Spiegel zu stehen, zumindest bewegte sich diese Frau vollkommen synchron mit ihr. Eine schwarze, überaus anmutige Katze tauchte auf einmal auf und saß nun neben der zauberhaften Frau.

Etwas schnurrte neben Gertrud, sie schaute zur Seite. Akasha blickte sie mit smaragdgrünen Augen an.

»Ambrosia«, sagte sie mit samtener Stimme. »Natürlich hast du Ambrosia gegessen. Und selbstverständlich bist du nicht Kleopatra, diese eingebildete Zicke.«

Gertrud schluckte. Was hatte sie sich nur gedacht, wie peinlich.

»Weißt du es wirklich nicht mehr?«, fragte Akasha. »Isis. Du bist Isis. Der Inbegriff der weiblichen Liebe und Zauberkraft. Schau dich doch an!«

Sie wies auf die wunderschöne Frau, die ihr reglos wie sie selbst gegenüberstand. Gertrud glaubte auf einmal, sich an die Katze neben ihr zu erinnern, so schlank, so glatt, so königlich. Wie die Statue einer Göttin. Sie starrte ihr Spiegelbild an, wenn es denn eines war, griff in ihr Haar, es fühlte sich noch immer kraus und störrisch an, doch auch die Wundergestalt ließ eine Strähne durch ihre Hand gleiten. Sie ging auf den Spiegel zu. Akasha hielt sie zurück.

»Du kannst sie nicht berühren, sie ist eine Art Hologramm, ein Energiebild. Es zeigt dein wahres Wesen, das, was du normalerweise nur in einer Meditation auf geistige Weise erleben kannst. Das hier ist ein besonderer Raum. Er ist real und auch nicht real, wir können ihn spüren und erfahren, aber nicht mit nach draußen nehmen. Es ist wie das Innere deines Herzens. Es kann nach außen wirken, aber nicht außen sichtbar werden. Hier in diesem Raum bist du, was du schon immer warst, hier bist du Isis.«

Gertrud wagte kaum zu atmen. Welche Drogen auch immer in dieser Speise gewesen waren, die Illusion war zu schön. Isis, klar. Wieder berührte sie ihr Haar, hoffte, es würde sich so seidig anfühlen, wie das ihres Abbildes aussah, wenigstens im Traum. Wieder griff sie nur in Putzwolle.

Dann kam ihr ein Gedanke. »Die Katze, die ich da sehe, bist du das etwa? Bist du Bastet?«, fragte sie und deutete auf das Hologramm. Die Frau bewegte ebenfalls ihre Lippen.

»So nennt man mich. Wenn du genug gestaunt hast, dann komm weiter. Übrigens, du kannst deine menschliche Verkörperung nicht einfach so ändern, da kannst du an deinen Haaren zupfen, solange du willst. Wir sind in der irdischen Realität, was denkst du denn? Das Hologramm zeigt deine wahre Gestalt, das, was du in Wahrheit bist. Komm jetzt. Wir haben zu arbeiten, es wird Zeit. Es läuft einiges völlig schief. Und dein Leben ist ein Teil davon.«

Sie durchquerte den riesigen Prachtsaal und öffnete eine kunstvoll geschnitzte Flügeltür. Gertrud folgte ihr, in diesem Drogenrausch war alles möglich. Sie wunderte sich ein wenig darüber, dass sie sich eben nicht wunderte.

»Hier ist dein Zimmer«, sagte sie. »Du hast es dir selbst erschaffen, es sollte dir gefallen. Wenn nicht, kannst du es jederzeit ändern.«

Gertrud trat ein.

Immer, wenn sie meditierte oder sich an einen inneren Rückzugsort begab, wie sie es einmal in einem Kurs gelernt hatte, stellte sie sich einen bestimmten Raum vor. Er war hoch, hell, licht, unzählige Pflanzen bildeten eine grüne Oase. Helle Schiffsbodenplanken. Gläserne Verandatüren gaben den Blick auf das Meer frei, ein breites, sehr gemütliches Bett mit einem weiß lasierten Holzgestell lud zum Träumen ein.

In diesem Raum befand sie sich nun. Als sie auf das Bett zuging und sich setzte, fühlte sie sich genau so, wie sie es in den Meditationen erlebte– unfassbar geborgen. Sie schaute auf das vor ihrer Terrasse wogende, türkisgrüne Meer– in einiger Entfernung meinte sie, Delfine zu erkennen–, dann blickte sie Akasha an.

»Ist gut so«, sagte sie nur. Und fiel in Ohnmacht.

Eine nasse Zunge holte sie in die Wirklichkeit zurück, noch immer befand sie sich an ihren Traumort. Anubis lag neben ihr und leckte über ihr Gesicht.

»Ich hätte dich vorbereiten sollen«, sagte Akasha und setzte sich zu ihr aufs Bett. Gertrud blickte aus dem Fenster, es waren tatsächlich Delfine, sie sprangen aus dem Wasser und spielten miteinander, taten, was Delfine eben so taten. Natürlich. Akashas Blick folgte ihrem.

»Was?«, fragte sie. »Nicht gut? Zu viel?«

Gertrud schaute an sich herunter und keuchte. Noch immer trug sie die alten Klamotten, sogar ihre ausgelatschten Schuhe hatte sie noch an. Während sie in ihrem Traumbett lag. In einer Meditation würde sie das nicht wagen.

»Wieso ist Anubis eigentlich so glänzend und schön und ich nicht?«, fragte sie, nicht mal im Rauschzustand konnte sie aus ihrer Haut heraus, das war doch wirklich selbstquälerisch.

»Er ist ein Tier.«

Und das sollte eine Erklärung sein? Gertrud schwieg, da ihrem Unterbewusstsein keine Entgegnung einfiel…

»Er ist unschuldig.«

Damit konnte Gertrud etwas anfangen. Sie verstand den Zusammenhang nicht, aber das stimmte. Tiere hatten keine bewusste Wahl zwischen Gut und Böse, zwischen Boshaftigkeit und Güte.

»Anubis ist immer er selbst, er kann nicht anders, es gibt keinen Unterschied zwischen dem räudigen Hund und dem glänzenden Gott. Sein Verhalten, seine Liebe, sein Mitgefühl sind immer dieselben. Er kann die Gestalt verändern, weil sich seine Seelenkraft überall auf dieselbe Weise äußert. Wir Menschen sind anders. Der menschliche Körper kann die Lichtkraft nicht halten, die wir in unserer wahren Gestalt haben, wenn wir auch nur einmal nicht unserem Herzen gefolgt sind. Dadurch wird der Körper eng und seine Schwingung unwiderruflich verändert. Das ist auch richtig so, denn nur auf diese Weise können wir Bewusstsein erlangen und erschaffen. Aber es ist auch der Grund dafür, dass wir nicht einfach so unsere Gestalt wechseln können.«

Aha. Innerhalb dieser ganzen verrückten Angelegenheit schien es zumindest den Versuch von Logik zu geben, das beruhigte sie, auch wenn sich ihr die Argumentation nicht ganz erschloss. Sie nickte, als hätte sie alles verstanden.

»Brauchst du noch einen Moment, oder möchtest du, dass ich dir den Rest zeige?«, fragte Akasha.

»Zeig mir den Rest.« Oder gib ihn mir, dachte Gertrud. Jetzt kam es sowieso nicht mehr darauf an. Mal sehen, was sie sich noch alles ausdachte.

Akasha bedeutete Gertrud, ihr zu folgen, sie erhob sich nur sehr ungern von dem so überaus gemütlichen Bett. Sie durchquerten zwei weitere prachtvolle Räume.

»Hier besprechen wir uns, und in dem Nächsten verbinden wir uns mit all den anderen Welten«, erklärte Akasha, doch Gertrud hörte ihr kaum noch zu. Es war einfach zu viel für ihr armes Gehirn. Eine weitere Tür öffnete sich, und sie standen wieder auf dem Hof des Tierasyls. Von außen wirkte das Gebäude entschieden kleiner, als es sich innen präsentierte, aber was hatte sie schon für eine Ahnung von Architektur oder Energieräumen, dachte Gertrud. Sie gingen auf eine riesige Scheune zu, und nun begann ein ohrenbetäubendes Gekläffe.

»Schhhhhht«, machte Akasha nur, als sie das schwere, hölzerne Tor aufschob. »Die Hunde mögen mich nicht besonders, wenn ich von drüben komme.«

Aha. Natürlich nicht. »Drüben« war sie ja eine Katze, nein, die Katze aller Katzen.

Gertrud schaute sich um. Der hintere Teil der Scheune war komplett entfernt und durch Schiebetüren aus Sicherheitsglas ersetzt worden. Stützpfeiler stabilisierten das Dach, sodass Licht und Luft in die Scheune strömten. Gertrud erblickte sorgsam geplante und sehr gepflegte Gehege. Und Hunde. Jede Menge Hunde. Katzen stromerten überall herum, lagen auf den hohen Dachbalken, zwei Esel standen in einer Box, und es gab sogar ein Pferd.

»Das sind meine Schätze, und ich brauche Hilfe– bist du dabei?« Akasha wandte sich nicht einmal um, als sie fragte. Es schien selbstverständlich zu sein, dass Gertrud ihr Leben von Grund auf ändern und von nun an nicht mehr den Dreck von Menschen, sondern von Tieren wegputzen würde. Was ihr, wie sie erstaunt bemerkte, sehr viel lieber war. Menschen konnten ihre Scheiße alleine wegmachen. Für Tiere da zu sein, sie zu versorgen und ihnen damit für ihre Liebe und Hingabe zu danken, war hingegen eine Ehre. Gertrud war sehr verwundert über ihre eigenen Gedanken, so hatte sie es noch nie betrachtet, aber es fühlte sich auf einmal unerträglich an, noch einen Tag länger den Dreck anderer zu beseitigen– Dreck, bei dem sie manchmal das Gefühl hatte, die Leute ließen ihn absichtlich liegen. Für einen Hungerlohn. Einige Menschen schienen sich so sehr zu schämen, dass sie Gertrud nicht einmal in die Augen schauen konnten, wenn sie von der Toilette kamen, andere traten geradezu unverschämt auf. »Die lebt doch davon«, hatte sie neulich einen Teenager sagen hören, ein sorgfältig zurechtgemachtes Mädchen, das ihr benutztes Toilettenpapier mit voller Absicht neben der Toilette platziert hatte. »Ich verschaffe ihr nur eine Daseinsberechtigung.« Ihre pubertierenden Freundinnen hatten gekichert, offenbar war das eine Art Mutprobe gewesen. Gertrud stellte ihre Ohren auf Durchzug und tat, was zu tun war– doch die Beschämung, die Demütigung saß.

Am liebsten hätte sie sie gezwungen, einen einzigen Tag lang ihre Stelle einzunehmen, doch natürlich musste sie das Kichern klaglos über sich ergehen lassen.

»Wie meinst du das?« Gertrud hatte das dringende Bedürfnis, an einem vertrauten Ort zu sein, am liebsten in ihrem Fernsehsessel. Das waren entschieden zu viele Eindrücke an diesem Tag, auch wenn sie nur in ihrem Kopf stattfanden. Sie waren auch nicht logisch, diese Eindrücke. Wenn Akasha diese Prachtsäle erschaffen, wenn sie sich selbst als Katze und sie, Gertrud, als märchenhaft schöne Frau erscheinen lassen konnte, wenn selbst der alte Anubis glänzend und gesund aussah, dann sollte sie doch diese Tiere versorgen können, ohne einen Finger krumm machen zu müssen. Ach was, versorgen. Heilen, gesund werden lassen, ihnen das glücklichste Leben erträumen, das nur möglich war!

»So einfach ist das nicht. Und nein, ich kann hier draußen keine Gedanken lesen, aber deine Überlegungen sind ziemlich offensichtlich.« Akasha deutete auf zwei Heuballen. »Setzen wir uns, ich erkläre es dir.«

Gertrud sank seufzend auf einen der Ballen. Anubis, nun wieder struppig wie eh und je, ließ sich zu ihren Füßen nieder.

»Das da«, Akasha wies mit dem Daumen in Richtung Wohnhaus, »das ist zwar real, aber nicht irdisch, verstehst du? Es ist ein feinstofflicher Raum, eine Art Energiekugel, die durchaus große Wirkung auf die materielle Welt hat, aber dennoch ein entscheidendes Stück weiter oben angesiedelt ist. Wir treffen uns dort in unserer wahren Gestalt, du kannst dich in der Kugel aufhalten, wann immer du willst, ausruhen, schlafen, meditieren und natürlich die Geschicke der Welt lenken, aber außerhalb dieser Energiekugel gelten die guten alten irdischen Gesetze. Das ergibt auch absolut Sinn.«

Gertrud schwieg, nickte. Dann schüttelte sie den Kopf.

»Warum?«, fragte sie.

»Weil wir auf der Erde sind, um bedingungslos menschliche Erfahrungen zu machen. Diese Energiekugel ist nicht die Erde. Wenn wir das, was uns in der Kugel möglich ist, hier in der Materie anwenden könnten, dann wäre das ganze Experiment ›Leben auf der Erde‹ hinfällig. Dann könnten wir auch gleich zu Hause bleiben. Einen Zauberstab schwenken, um einen Stall zu säubern, das kann jeder. Aber sich mit der Mistgabel hinzustellen und die Arbeit zu leisten, das ist die menschliche Erfahrung. Wenn du es leichter haben willst, dann lehnst du das Menschsein ab, und dann hast du die Herausforderung nicht anerkannt. Weil wir aber hier sind, um Bewusstsein zu erschaffen, müssen wir auch wirklich hier sein, präsent sein. Verstehst du das? Sonst kannst du deiner Seele zwar einen akademischen Vortrag halten über das, was Menschsein bedeutet, aber sie spürt es nicht und kann sich nicht weiterentwickeln. Aber darum geht’s nun mal.«

Akasha hielt inne.

»Warum erkläre ich dir das eigentlich? Ich habe es doch von dir gelernt. Du kannst das nicht vergessen haben.«

Gertrud atmete tief durch. Sie wusste das alles. Irgendwie schon. Aber es hatte nichts mit ihr zu tun, mit ihrem eigenen Leben. Nichts mit der struppig-grauen, wütenden Toilettenfrau, die in einer schäbigen Wohnung hauste und sich von Suppe und zu süßem Tee ernährte.

»Woher weiß ich, dass das alles stimmt, dass ich nicht mit Drogen vollgepumpt am Tisch sitze und mir all das einbilde? Isis… Das ist entschieden zu groß für mich. Isis würde doch nicht putzen gehen, und sie hätte sicher ein bisschen mehr zu sagen als ich.«

»Einer der Beweise dafür, dass du dir das eben nicht einbildest. Eine Einbildung ist logischer und passt zu dem, der sich das alles ausdenkt, er bleibt in seinem vertrauten Weltbild. Aber weißt du, ist es nicht letztlich völlig egal? Warum tust du nicht einfach so, als wäre all das real, und schaust, was passiert? Ich weiß auch nicht, ob das alles so stimmt, woher auch? Es fühlt sich richtig an, und ich nehme es so wahr, aber mehr habe ich nicht. Du hast das Gleiche gespürt. Damit sind wir schon zwei. Schauen wir doch, ob wir was daraus machen können. Hältst du Anubis für real?«

»Den Struppigen: ja, den anderen nicht.« Gertrud stand auf. Sie dachte nicht einmal daran, sich das Stroh vom Hintern zu klopfen, so wenig interessierte sie sich für ihre eigene Erscheinung.

»Ich würde mir gern meinen Mantel holen, ich muss jetzt nach Hause, ich bin todmüde und habe morgen einen harten Tag. Eins noch. Angenommen, das wäre alles real, und ich zöge hierher, arbeitete für dich– wo würde ich wohnen? Im Raum am Meer? Wie soll mich mein Sohn dann besuchen?«

»Ich denke, ich könnte dir durchaus auch einen realitätstauglichen Raum anbieten«, schmunzelte Akasha. »Da kannst du deine Sachen unterbringen und das pure, ungeschminkte Menschsein zelebrieren.«

Akasha schob das schwere Tor auf, und sie gingen über den Hof zum Wohnhaus. Als Gertrud in ihren Mantel schlüpfte, fiel ihr noch etwas ein.

»Die Geschicke der Welt lenken, wie hast du das eben gemeint?« Ungeduldig zerrte sie ihren Haarschopf unter dem Kragen hervor, er reichte ihr bis weit unter die Schulterblätter.

»Du bist Isis, ich bin Bastet, und Anubis ist auch hier. Wie meine ich das wohl? Es wird Zeit, die wahre Schöpferkraft auf die Erde zu holen. Die spirituellen Lehrer, die heute an der Macht sind, rennen in eine falsche Richtung, sind zum großen Teil auf der Flucht vor der Erde, statt sich mit ihr innig zu vereinen. Die großen Religionsführer entfernen sich immer weiter von der Schöpfung und von Mutter Erde, vom Weiblichen, verachten es aus Angst, demütigen das Weibliche und versuchen, es klein zu halten. Dabei gebären wir das Leben, es ist einfach absurd. Das kann ich nicht verantworten, und du solltest das auch nicht, denn wir sind nun mal die Hüterinnen des Lebens. Und das, was da draußen passiert, ist oft das Gegenteil. Es geht immer mehr um Kontrolle und um den eigenen Willen statt um den Willen des großen Ganzen. Es gibt Ausnahmen, und gerade deshalb ist es so wichtig, dass wir diese Strömungen stärken und unterstützen. Sonst gewinnt die Kontrolle, das Denken, überhand. Die glauben tatsächlich, die Gedanken erschaffen die Realität, wie hochmütig kann man sein? Können Gedanken Babys zeugen? Also. Die Zeit ist reif, dass wir uns treffen, wir sind seit langer Zeit verabredet. Deine Unzufriedenheit, deine Wut auf bestimmte spirituelle Lehrer, dein Treffen im Kino, der Besuch in der anonymen Gruppe. All das hat dich zu uns geführt.«

Gertrud fuhr herum. Ihre Augen wurden schmal. »Woher weißt du das?«, fragte sie mit scharfer Stimme. »Manipulierst du mich? Hast du all das bewirkt?«

Akasha lachte.

»Erinnerst du dich an das, was ich dir über die Kugel gesagt habe? Ich kann nichts bewirken, nicht so. Was sollte ich denn mit dir, wenn ich dich so leicht lenken könnte? Dann bräuchten wir dich wohl nicht, oder?« Sie strich Anubis über den Kopf.

»Aber das tun wir«, fügte sie leise hinzu. »Sehr.«

Gertrud verließ das Haus, ungläubig, verwirrt. Sie schloss sachte das Hoftor hinter sich. Gnadenhof für Kuscheltiere. Sie würde ja sehen, ob er morgen noch da war, wenn sie ausgeruht und nüchtern danach schaute. Morgen war Samstag, und sie hatte frei.

Sie tappte nach Hause, todmüde. Als sie sich ins eiskalte Bett legte, ungeborgen wie immer, fasste sie einen Entschluss. Sie hasste es, Entscheidungen zu treffen, sie hatte überhaupt keine Lust, Verantwortung für irgendeine Veränderung zu übernehmen. Aber Tiere zu versorgen ergab so viel mehr Sinn als das, was sie zurzeit tat. Sie hatte die Nase voll von Menschen, sie sollte es tatsächlich für eine Weile mit Tieren probieren. Wenn es diesen Hof morgen noch gab, ob mit oder ohne mysteriöse Energiekugel, dann würde sie dort zu arbeiten beginnen. Zunächst ohne ihre Wohnung aufzugeben, doch vielleicht war es tatsächlich Zeit für den nächsten Schritt. Akasha. Sie war komplett durchgeknallt, diese Frau, aber auf eine wunderbare, belebende Weise. Und sie liebte Anubis, es wäre schön, ihn jeden Tag um sich zu haben. Isis. Das war wirklich verrückt. Was wusste sie eigentlich über Isis? Sie schloss die Augen und bat darum, ihre Energie spüren zu dürfen. Wenn sie das mit Engeln konnte, dann wohl auch mit einer altägyptischen Göttin. Entweder es gab diese Energien, dann sollte sie sie wahrnehmen können, oder sie bildete sich im großen Stil etwas ein. Auch dann sollte es funktionieren.

Auf einmal wurden ihre Füße warm, und es war, als strömte Leben in ihren Körper, besonders aber in ihr Herz zurück, und wenn das nicht verfrühte Klimakterium-Hitzewallungen waren, dann wachte gerade etwas in ihr auf. Bilder, Gedanken, Ahnungen und Gefühle durchblitzten ihre Aura, verbrannten den emotionalen Staub, der sich angesammelt hatte, der altvertraute Schmerz im linken Fußzeh zuckte auf.

»Geh deinen Weg«, hörte sie auf einmal eine klare innere Stimme sagen, »es ist alles in Ordnung, alles ist, wie es sein soll, geh jetzt weiter.«

Gertrud schlug die Augen auf, ihr Herz raste. Es war alles in Ordnung? Das sollte eine Ordnung sein?

»Nein«, sagte sie zunächst leise, dann laut. »Nein. Da mache ich nicht mit. Das ist nicht in Ordnung. Das ist einfach nur Scheiße.«

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