Die Liegnitz-Trilogie – 1. In verlorener Heimat geboren - Siegfried Kobelt - ebook

Die Liegnitz-Trilogie – 1. In verlorener Heimat geboren ebook

Siegfried Kobelt

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Opis

Siegfried Kobelt wurde 1931 in Schlesien geboren. Seine gesamte Kindheit und den großen Teil der Jugend verlebte er in seiner Heimatstadt Liegnitz. Heute ist der Autor ein Leipziger, doch seine Gedanken kehren immer und immer wieder zurück in die schlesische Heimat. In verlorener Heimat geboren (1931-45) war der erste Teil einer Trilogie, die zur Erinnerung an Schlesien und vor allem an die Stadt Liegnitz beitragen soll. Es folgte der Band Flucht und Rückkehr (1944-50). Der Junge aus Liegnitz (1950-55) rundet das beachtliche Gesamtwerk ab. Nicht nur den Heimatvertriebenen wird gezeigt, welche Erinnerungen noch schwelen, welchen gewichtigen Inhalt das Wort Heimatvertriebene hat. Kobelts Trilogie wird die Erinnerung als Literatur bewahren, wenn es dann schon längst keine Heimatvertriebenen mehr gibt.

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Inhalt

Titelseite

Impressum

Liegnitzer Lied

Ein Licht beginnt zu leuchten!

Es erbaut die Menschen, wenn die Frucht gedeiht.

Blumen auf Weg gestreut ... und ihre Folgen!

Ohne Hand der Mutter!

Fahren auf Kufen und Rädern!

Schlesischer Winter

Das Ende eines erfüllten Lebens und ein früher Anfang mit anschließendem Wechsel des Umfelds!

Backe, backe Kuchen ... oder »der Pechvogel«

Jeder Landstrich hat seine Sitten. Aber den Krieg hatten alle gemeinsam!

Ihr Kinderlein kommet!

Umzugsfolgen

Eis und Speis!

Im Wald und auf der Heide!

Turbulenzen bis zum letzten!

Liegnitz ade!

Siegfried Kobelt

In verlorener Heimat geboren

1931 – 1945

Eine Kindheit in Liegnitz hinter der Grenze von heute

Der Autor erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit der Geschehen um seinen Helden herum. Vieles ist ihm noch widerfahren, was, alles geschildert, den Rahmen dieses Buches sprengen würde. Belassen wir es beim Angegebenen. Wandeln wir mit ihm durch die Gefilde der niederschlesischen Stadt Liegnitz mit ihrer wunderschönen Umgebung nach der Devise: den einfachen Menschen auf den Weg geschaut!

Eine richtige Erkenntnis darüber liegt allerdings erst vor, wenn man alle Werke der Trilogie des Autors kennt, wobei vorliegendes den Reigen als letztes eröffnet und die anderen bereits vorliegen. Die Vornamen der Familienmitglieder und die der Verwandtschaft wurden geändert. Die Handlung ist autobiographisch nachvollziehbar dargestellt. Die Begegnungsstätten entsprechen unumstößlichen geschichtlichen Ursprungs.

eISBN: 978-3-86901-016-8

Erste Auflage Copyright (2003) Engelsdorfer Verlag Alle Rechte beim Autor

Liegnitzer Lied

O du Heimat lieb und traut, von A bis Z hier aufgebaut, wenig ward nur hier genannt, doch so manchem wohl bekannt, Piastenstadt ward sie genannt. L bei Liegnitz erstes Wort, Liebfrauenkirche setzt es fort, Löbe einstmals Präsident, Leuchtspringbrunnen man hier nennt, Löwendenkmal jeder kennt. Infanterie und Artillerie, Immelmann vergisst man nie, I.R. einundfünfzig hört, In schwerer Zeit hat sich’s bewährt, Ist dann aller Ehren wert. E wie echte Leckerei, Edelbomben sind dabei, Erst in Liegnitz ausgedacht, Echt weltweit bekannt gemacht, Elsner über Liegnitz wacht. Gartenstadt wird sie genannt, Gugali war weit bekannt, Gurken wurden angebaut, Gemüse und auch Sauerkraut, Gabeljürge ist vertraut. Neben Mangeln und Klavier’n, Noch wär Textil anzuführ’n, Nepomuk hält Brückenwacht, Nordbad, Nordpark sei gedacht, Nordstadt auch hier angebracht. In Wahlstadt bricht der Hunnen Macht, Ist Blücher Herr der Katzenschlacht, In Armin ehrt man einen Held, In Bronce war er aufgestellt, In Liegnitz manch’ Entscheidung fällt. Turner sein im A T V, Teichert mit Maschinenbau, Thebesius die Drogerie, Töpferberg, den lieben sie, Theater uns enttäuschte nie. Z im Alphabet zuletzt, Zum Schlusse ist’s auch hier gesetzt, Zeppelin war stationiert, Ziegenteich das Stadtbild ziert, Zuchhold großes Lob gebührt. Nicht nur Heimatliebe ist’s, dass man Liegnitz nie vergisst, erst wer diese Stadt gesehn, wird von Herzen eingestehn, ehrlich, Liegnitz, du warst schön.

Erwin Hildebrandt

Ein Licht beginnt zu leuchten!

1931

Sengende Glut lag über der schlesischen Stadt an der Katzbach. Die gegenwärtigen Tagestemperaturen hatten tropische Ausmaße. Die Menschen stöhnten unter der großen anhaltenden Hitze Anfang August. Der Sommer lag im Zenit. Kein Lüftchen regte sich in der Natur. Wie eine gewaltige Dunstglocke hing seit Tagen die andauernde Hitzewelle über Liegnitz. Kein Regen oder eine Abkühlung zeigte sich für die nahe Zukunft. Etwas ungewöhnlich!

Sommer hin – Sommer her. Aber was die spätsommerlichen Temperaturen dieser Tage boten, ließ sämtliche Lebewesen auf den Straßen langsamer einhergehen. Jeder suchte Kühle, suchte Schatten oder ein erfrischendes Naß. Aber nicht alle. Freia umfing in der Goldberger Straße 60 in der Nähe des Wilhelmsplatzes angenehme Kühle. Die große anhaltende Hitzewelle war bisher noch nicht mit ihrer ganzen Kraft in ihre Wohnung eingedrungen. Die Wohnung lag zur Nordseite. Daher allerdings immer ohne einen Strahl Sonne. Bei den gegenwärtig herrschenden Tagestemperaturen ein nicht wegzudenkender Glücksumstand, im allgemeinen aber wohl nicht!

Wie dem auch sei, Freia war allein in ihrer Wohnung. Nun, so allein auch wieder nicht. Sie spürte neues Leben in ihrem Leib, das sich bereits bemerkbar machte. Sie erwartete ihr erstes Kind, die Niederkunft stand kurz bevor. Freia war auf einen Jungen aus, Siegmund sollte er heißen. Das stand für sie unumstößlich fest. Alles war bereits in blau, der Farbe der Jungen, hergerichtet. Das es noch anders kommen könnte und sie vielleicht ein Mädchen zu Welt bringen würde, kam ihr nicht im Sinn. Es wurde ein Junge!

Freias zukünftiger Sohn bewegte sich bereits frei im Mutterleib und hatte die Lage eingenommen, in welcher er am nächsten Nachmittag die Geburt vollziehen würde. Aber vorläufig ahnte Freia davon jedenfalls noch nichts. Sie fühlte sich in ihrer der Schattenseite zugewandten Wohnung äußerst wohl. Des Alleinseins überdrüssig, überlegte sie, was zu tun sei, um sich die Zeit bis zur Niederkunft ein wenig zu vertreiben. Die Sonne lockte sie hinaus in die Natur. Sie wollte raus aus den eigenen vier Wänden und an die Luft. Weiter dachte sie nicht. Nur, daß sie die Enge sprengen wollte, die sie umgab. Sie lechzte nach etwas Betätigung und Abwechslung. In ihrer Unbekümmertheit kam ihr nicht der Gedanke, daß ihr die gegenwärtig herrschenden fast subtropischen Witterungsverhältnisse auf den Straßen schaden könnten. Sie war einzig und allein darauf aus, die Wohnung zu verlassen und unter Menschen zu kommen. So kam ihr ein fast verhängnisvoller Gedanke: Der Herbst naht bald, und Gurken werden da in jeder Familie eingelegt und ich habe doch noch gar keinen Einlegetopf dafür!

Wie es bei Jungverheirateten so ist, fehlte halt hier und da noch etwas in der Wirtschaft an Haushaltsgegenständen. Das war auch bei ihr der Fall. Als Liegnitzer Kind aber wußte sie, daß in der Carthause, einem Stadtteil von Liegnitz hinter der Katzbach gelegen, heute auf dem Margaretenplatz Tippelmarkt (Liegnitzer Schlesisch für Topfmarkt) ist. Eine Radtour dorthin würde Bewegung und Abwechslung bringen. Und danach stand ihr Trachten. Gedacht – getan!

Sie hätte auch von zu Hause aus mit Umsteigen am Breslauerplatz die Elektrische bis zum Margaretenplatz nehmen können. Nein, sie wollte mit dem Fahrrad dorthin. Außerdem war das billiger, die Fahrt mit der Elektrischen zum Tippelmarkt auf dem Margaretenplatz und dazu noch mit Umsteigen am Breslauerplatz hätte nur wieder Geld gekostet und ihrem sparsamen wöchentlichen Wirtschaftsbudget geschadet. Und keiner war da, der die zukünftige Mutter von ihrem Vorhaben hätte zurückhalten können. Um Rat fragen konnte sie keinen, denn zu ihrer alten Nachbarin hatte sie wegen ihres Mannes Hagen ein gespaltenes Verhältnis, da er nicht immer ihrer Meinung war. Aber wie dem auch sei – was sie sich einmal in den Kopf gesetzt hatte, führte sie durch. Da ließ sie sich von keinem rein reden, zum großen Leidwesen ihres Mannes, dem diese Charaktereigenschaft seiner Frau trotz kurzer Ehe reichlich bekannt ist. Aber es entsprach dem burschikosen Verhalten Freias, sich kaum von irgend welchen Vorhaben abhalten zu lassen. Sie zog sich an. Eigentlich Unsinn bei den gegenwärtigen anhaltenden hochsommerlichen Temperaturen. Und dann – viel Auswahl blieb ihr nicht. Ihre Umstandsgarderobe beschränkte sich aufs wesentlichste. Also war das im doppelten Sinne eine Farce. Am Ende bedeckte ihren Körper mit dem sich schon reichlich im Endstadium befindlichen vorgewölbten Leib ein leichter, durchgehender Hänger mit tiefem Ausschnitt und kleinen, kurzen Flatterärmeln. Die Füße steckten ohne Strümpfe in offenen, weißen Sommerschuhen. Und darunter – aber darüber (Strümpfe waren bei den Temperaturen Luxus) – spricht man nicht!

Sie war klein von Wuchs, schlank, aber ein Energiebündel. Sie lief in den Keller und holte ihr Fahrrad. Und sie stieg aufs Fahrrad zur Fahrt durch die Stadt in Richtung Margaretenplatz. Na ja, eigentlich nicht richtig durch die Stadt. Mehr ein wenig hinten herum. Wobei ihr von zu Hause eingeschlagener Weg wohl auch die offizielle Strecke darstellte. Der weite bequeme Rock ihres leichten Hängers flatterte im Fahrtwind, unterstützt durch die Bewegung des Tretens in die Pedale, und fächelte ihr Kühle an die Oberschenkel. Sie hatte sich schnell an die sehr warmen Außentemperaturen gegenüber ihrer kühlen Wohnung gewöhnt. Der Fahrtwind tat gut, wenn er auch die Hitze des Tages spüren ließ. Ihre strammen Waden zeigten das Spiel der Muskeln bei den rotierenden Tretbewegungen. Sie trug Bubikopf, ein neumodischer Trend der damaligen Zeit. Erst vor kurzem hatte sie sich von ihrem langen Haar getrennt. Das frischgelockte Haar umspielte ihr hübsches Gesicht. Langsam röteten sich ihre Wangen durch die Anstrengung des Radfahrens. Es hätte also zu der Zeit keine schönere werdende Mutter auf Gottes weiter Erde geben können. Ein wenig holprig die Straßen, welche sie durch die Stadt gewählt hatte. So glatt und eben sind die Liegnitzer Straßen damals dann auch nicht gewesen, daß man bei ihrem Befahren mit dem Fahrrad ganz ohne Schlaglöcher ausgekommen wäre. Bei jeder unsanften Bewegung, die das Fahrrad mit ihr dabei machte, meldete sich das Kind leicht im Leib Freias. Und die wiederum verzog ob des kurz erlittenen Schmerzes nur ein wenig ihr Gesicht, um im nächsten Augenblick erneut kräftig in die Pedale zu treten Es waren halt oft noch rechte Preußenstraßen. Noch-Fötus Siegmund hüpfte da im Mutterleib mit.

Er dachte: Mutter könnte wirklich etwas vorsichtiger mit ihrem Fahrrad den Weg nehmen und nach Möglichkeit den plötzlichen Erschütterungen ausweichen!

Noch-Fötus Siegmund fragte sich weiter: Wo will denn Mutter heute bloß noch mit mir hin?

Sie weiß wohl gar nicht, daß ich morgen das Licht der Liegnitzer Welt erblicke und ich sie dann von Angesicht zu Angesicht strafend anschauen werde, weil sie mich den letzten Tag im Mutterleib so durchgeschüttelt hat?

Und überhaupt, kann denn eine hochschwangere junge Frau in dem Zustand nicht lieber zu Hause bleiben und sich in allem Anstand auf ihre Entbindung vorbereiten?

Aber das sieht Mutter wieder einmal ähnlich, keine Ruhe an den Tag zu legen, eher Unruhe und Hektik um sich herum verbreiten!

Vielleicht war das ihre Art, die Wartezeit zu überbrücken. Von Natur aus eben recht resolut und alles nicht so genau nehmend, paßte ihre heutige Handlungsweise zu ihr. Sie hielt es nicht zu Hause. Sie mußte ganz einfach raus!

Werdende Mütter rechnen sich ja die Kindesankunft selber aus. Es kommt natürlich auch vor, daß sich eine Mutter verrechnet oder eben ganz einfach der Nachwuchs schneller zur Welt kommen möchte, als eine werdende Mutter errechnet hat. Ihre Devise war: Es braucht halt alles seine Zeit!

Wenn die Frucht reif ist, wird sie schon von allein abfallen. Auch gut. Und dann lassen sich doch dazu die Töchter von ihren Müttern noch beeinflussen. Freia hatte zu dem Zeitpunkt zwei Mütter – ihre eigene in Liegnitz und ihre Schwiegermutter auf dem Dorf. Es waren fleißige, tapfere Mütter. War ihre Schwangerschaft um, kam der Nachwuchs zur Welt. Immer zu Hause, immer kerngesund. Eigenartigerweise kam die Hebamme da immer zur rechten Zeit. Meistens. Manchmal waren allerdings die Kinder eher auf der Welt als die Hebamme eintraf. So oder so – Komplikationen gab es kaum. Es ist erstaunlich, wie gesund und widerstandsfähig unsere weiblichen Ahnen zur damaligen Zeit gewesen sind und was sie für prachtvolle, gesunde Kinder zur Welt gebracht hatten. Sicher ist nur, von Freias heutiger Radtour wußten beide Mütter nichts. Die Idee, ausgerechnet heute in die Carthause auf den Töpfermarkt zu fahren, muß Freia der Teufel eingegeben haben. Und das war ja noch lange nicht alles. Es sollte noch kurioser kommen Sie setzte ihrem Ausflug zum Töpfermarkt noch eins drauf!

Da kann einer nur sagen: Wenn es dem Esel zu wohl ist, geht er aufs Eis tanzen!

Freia war die Goldberger Straße ein Stück bis zum Wilhelmsplatz stadteinwärts gefahren, um dann rechts in die Museumstraße abzubiegen. Danach ist sie die Baumgartstraße entlang in Richtung Friedrichsplatz. Durch die Jochmannstraße und die Jochmann Allee stieß sie, etwas bergab, auf die Hagstraße. Links abgebogen kam sie auf die Breslauer Straße, die sie rechtsseitig über die Katzbach mit der Nepomuk-Brücke führte in den damals herrschenden Liegnitzer Stadtstraßenverkehr mit der Elektrischen, der NepomukBrücke und danach sternförmig abgehenden Jänschenstraße, Gerichtsstraße, Breslauer Straße, Steinweg und der Uferstraße. Nachdem sie den gefährlichen Verkehrsknotenpunkt der Stadt heil und unfallfrei überwunden hatte, setzte sie ihre Fahrt stadtauswärts entlang der Breslauer Straße bis zur ersten Querstraße links, der Feldstraße, fort und war am Margarethenplatz angekommen und hatte so aller Unbill des Straßenverkehrs getrotzt, wenn man überhaupt von einem regen Straßenverkehr zur damaligen Zeit auf Liegnitzer Straßen sprechen kann. Die Elektrische fuhr eingleisig, aber die beiden Schienen dafür lagen hier rechts der Straße, die durch sie durchfahren wurde. Na, und mit dem Fahrrad mußte jeder immer streng preußisch, denn Liegnitz in Niederschlesien gehörte zu Preußen, ganz rechts entlang der Straße fahren. Und nur das Stück Goldbergerund Breslauer Straße berührte Freia immer schön rechts mit ihrem Fahrrad fahrend gemeinsam die Straße mit den Schienen der Elektrischen. In allen anderen von ihr benutzten Straßen ist keine Elektrische verkehrt. Dann gab es damals in den Straßen überwiegend mehr Pferdefuhrwerke, einoder zweispännig, als Autos. Freilich belebten bereits Personenkraftwagen, Omnibusse und auch Lastkraftwagen das Straßenbild. Wie dem auch sei, alles verlief etwas gemächlich. Auch der gesamte damalige Straßenverkehr. Und in dem befand sich in der Nachmittagsstunde Anfang August auf ihrem Fahrrad nun die hochschwangere Freia. Der Margarethenplatz in der Carthause zeigte sich als großes, freies Areal. Die vier Seiten des fast quadratischen Platzes waren außen mit Bäumen umgeben. Der Magarethenplatz wurde im Osten von der Feldstraße, im Norden von der Gustav-Adolf-Straße, im Westen von der Margarethenstraße und im Süden von der Kirchstraße umgeben. Auf dem Töpfermarkt angekommen, stellte Freia erst einmal auf der Feldstraßenseite ihr Fahrrad unter einen Baum in den Schatten. Die Menschen blickten vom Markttreiben auf und zu ihr hin. Es gab Frauen, die schüttelten den Kopf, als sie Freia vom Fahrrad steigen sahen und gewahr wurden, daß sie hochschwanger ist. Freilich – sie ist etwas erschöpft. Aber wer ist das nicht bei der sengenden Glut, welche über Liegnitz lag. Sie allein maß ihrem Befinden keine Bedeutung bei und ignorierte die fragenden Blicke der in der Nähe Stehenden. Vielleicht galten sie nicht nur ihrem vorgewölbtem Leib, sondern auch ganz einfach ihrem äußeren Erscheinungsbild. Sie war das Ideal einer jungen werdenden Mutter und schwangeren Frau. Ihr Körper zeigte keine Veränderungen auf. Alles bei ihr war bisher glatt und eben. Ein Wunder!

Oder auch nicht!

Ohne Wasser in den Beinen, die sie angeschwollen dargestellt hätten. Gerade und aufrecht gehend ohne Anzeichen von Rückenbeschwerden trotz ihres Zustandes lief sie in Richtung der Marktstände, um ihren beabsichtigten Kauf zu tätigen. Sie genoß vorerst das um sie herrschende Markttreiben mit roten, leuchtenden Wangen und wachen, das Umfeld betrachtenden Augen. Sie tauchte im Marktgetümmel unter und bummelte durch die Reihen. Interessiert schaute sie auf die angebotenen Töpferwaren. Das Angebot ließ keine Wünsche offen. Es erstreckte sich über den gesamten Platz. Tonerzeugnisse aller Arten sind an den Ständen zu haben, alle fein mit Lasur versehen. Schüsseln und Töpfe, große und kleine, Blumentöpfe, Vasen, »Schnäuztippel«, Butterdosen, Geschirr komplett als Service oder auch nur einzeln, Ziergefäße und eben Gurkeneinlegetöpfe in allen Größen. Die Tonwaren an den Verkaufsflächen lagen alle fürsorglich auf Stroh gebettet und sind zum Teil hoch übereinander gestapelt. Bei einem Verkaufsstand blieb Freia plötzlich stehen. Dieser Stand bot Gurkeneinlegetöpfe in allen Größen an. Sie kaufte einen bei einer Frau in ihrem Alter. Freilich unterschieden sich die Frauen, die ihre Vielfalt von Töpferwaren anboten, von ihren Käuferinnen im Äußeren ganz wesentlich. Alle Tonwarenanbieterinnen trugen schwarze Kleider und darüber eine schwarzweiß gemusterte oder gestreifte Latzschürze, dazu dunkle Strümpfe und praktische, feste schwarze Schuhe mit flachem Absatz. Als Haarfrisur zierte ein mehr oder weniger umfangreicher Kauz (Liegnitzer Schlesisch für am weiblichen Hinterkopf mit Haarnadeln und –klemmen zusammengehaltenes Kopfhaar) ihr glatt nach hinten gestriegeltes Haar. Sie waren der Prototyp einer Landwirtin, und die bäuerliche Herkunft ließ sich nicht verleugnen. Anders dagegen die Städterinnen, die Liegnitzerinnen, die Käuferinnen. Schmucke Frauen mit Bubiköpfen in hellen, leichten, wadenlangen Kleidern, naturfarbenen Strümpfen, die Pumps in der Farbe meist passend zum Kleid. Das ist der »kleine« Unterschied, der rein optisch Stadt und Land ungewollt darstellte. Männer sah man kaum auf dem Töpfermarkt. Er ist wohl ausschließlich die Domäne der Frauen?

Wenn auch die Ausmaße des Gurkeneinlegetopfes, für den sich Freia jetzt entschieden hatte, nicht allzu gewaltig zu sein schienen, so hatte er sein Gewicht und ließ sich tragen. Sie zahlte und ging, ohne sich noch weiter umzuschauen, mit dem gewichtigen Gurkeneinlegetopf zu ihrem abgestellten Fahrrad. Dort angekommen, setzte sie ihn erst einmal ab. Da sie nun das hatte, was sie eigentlich wollte, interessierte sie das weitere Markttreiben nicht mehr sonderlich. Sie holte ihr Fahrrad unter dem schattenspendenden Baum hervor und nahm mit der rechten Hand den linken Lenkergriff des Fahrrades fest zwischen ihre Finger. Am linken Arm hing schwer der Gurkeneinlegetopf. Sein Gewicht zog nach unten. So erreichte sie wieder die sonnendurchflutete Straße. Der Tag neigte sich zwar dem Spätnachmittag zu, aber ein wenig Abkühlung von der Hitze ließ noch auf sich warten. Nun stand sie bereit zur Abfahrt mit ihrem Fahrrad auf der Straße und besah sich Fahrrad und den tönernen Gurkeneinlegetopf. Freilich hatte ihr Damenfahrrad über dem Hinterrad einen Gepäckträger. Wohlweislich aber nur zum Mitnehmen und dem Transport kleiner Gepäckstücke. Aber auf dem Gepäckträger von ihrem Damenfahrrad ließ sich wohl kaum ein Gurkeneinlegetopf von der Größe, wie sie ihn gerade käuflich erworben hatte, transportieren. Nun hätte sie ja auch nach Hause laufen können. Mit der rechten Hand das Fahrrad geführt und in der linken Hand den Gurkeneinlegetopf. Aber Freia wäre nicht Freia gewesen, wenn sie sich dazu verstiegen hätte. Sie vergaß sich!

Sie vergaß, daß sie hochschwanger war. Nur von dem einen Gedanken beseelt – nach Hause – fuhr sie los. Die rechte Hand hatte den rechten Griff der Lenkstange des Fahrrades fest umschlossen. In der linken Hand hielt sie während der Fahrt an einem der beiden Henkel den Gurkeneinlegetopf. Da muß man sich fragen: Wo hatte nur zur damaligen Zeit in Liegnitz die Polizei ihre Augen?

Freia konnte zwar so mit ihrem Fahrrad fahren, gut und schön. Aber sie konnte keine Veränderung der Fahrtrichtung durch Handzeichen angeben, wie es bei Radfahrern im Straßenverkehr erforderlich ist. Ein gefährliches Spiel im doppelten Sinne. Sie gefährdete durch ihr sorgloses Verhalten nicht nur sich, nein, den gesamten Verkehr auf den Straßen. Aber der muß da wohl nicht so rasant gewesen sein, selbst nachdem sie sich – mit dem Fötus – einarmig radfahrend unter ihn gemischt hatte. Sie nahm den gleichen Weg zurück, den sie bereits bei ihrer Fahrt zum Margaretenplatz benutzt hatte. Eben immer ein wenig hintenweg. Nur mußte sie diesmal bis zum Anfang der Breslauer Straße vor der Nepomuk-Brücke, die sich über die Katzbach spannte, ein wenig kräftiger in die Pedale treten, um die allmähliche Steigung des dort vorherrschenden Straßenverlaufes zu überwinden. Dann war dort auch noch auf dem Teil ihrer Heimfahrtstrecke vor der Breslauer Post die perfide Weiche der Elektrischen zu beachten. Am Ziegenteich vorbei ging es jetzt auch noch eine langgezogene Steigung hinauf, wobei die großen Bäume rechts und links der Jochmann-Allee ausreichend Schatten spendeten. Alle anderen Straßen ihrer Tour verliefen flach und ohne nennenswerte Abweichungen. Schließlich liegt Liegnitz nicht wie Rom auf sieben Hügeln. Nur eines ließ sich bei ihrer Fahrt nicht vermeiden: das Straßenpflaster. Es führte zu anhaltenden, leicht vibrierenden, rhythmischen Bewegungen jedes Radfahrers – sehr zum Leidwesen von Fötus Siegmund, der schon gar nicht mehr wußte, wie er sich im Mutterleib betten sollte. Eng war es da geworden, äußerst eng. Alles drückte. Oben, unten, hinten, vorn!

Na warte, Mutter, dachte Fötus Siegfried, morgen bin ich da. Und dafür, daß du mich heute am letzten Tag im Mutterleib durch diese unbarmherzige Radtour noch einmal so richtig durchgerüttelt hast, werde ich morgen die Welt mit lautem Geschrei begrüßen. Nur die Mutter Freia wußte von alledem nichts. Noch nicht!

Sie konnte es zwar vage erahnen und auch bereits ein wenig spüren, aber noch nicht selbst vorhersehen, genauso wie sie nicht wissen konnte, daß Siegmund Siegmund sein würde – ihr stolzer Junge. Was den Zeitpunkt der Geburt von Kindern anbelangt, geht eine ganze Reihe althergebrachter Vermutungen einher. Mädchen pflegen etwas später auf die Welt zu kommen, weil sie sich erst dafür putzen müssen. Jungen hätten es da eiliger. Und Siegmund hatte es eilig. Er hielt seinen Termin ein. Aber gemach, erst ist einmal heute und noch nicht morgen. Und dann war Freia mit Fötus Siegmund noch unterwegs auf dem Fahrrad mit dem Gurkeneinlegetopf bei brütender Hitze auf Liegnitzer Straßen. Heil, aber ein wenig geschafft und völlig durchgeschwitzt bei diesen fast subtropischen Temperaturen trotz dünnen Sommerkleides, erreichte Freia wieder die Goldberger Straße 60. Uff, das war geschafft. Sie mit Fötus und der Gurkeneinlegetopf hatten, ohne Schaden zu nehmen, ihr Ziel erreicht. Ihre Wirtin fand keine Worte. Die alte Dame zeigte Entsetzen, als sie der Hochschwangeren mit dem Gurkeneinlegetopf mit den zwei Henkeln daran ansichtig wurde. Aber sie wußte von vornherein, daß da jegliche Worte überflüssig waren. Sie dachte nur im Stillen: So ein Leichtsinn, in dem Zustand und dann diese Kapriole!

Jawohl, sie dachte Kapriole. Laut hat sie es nicht gesagt, denn beide, Freia und die Wirtin, hatten ein gespaltenes Verhältnis zueinander. Und wer will schon noch mehr Unfrieden unter einem Dach?

So beließ es die Wirtin bei ihrem unmißverständlichen Blick auf Freia. Nun ja, und die war hochschwanger und daher gegenwärtig vielleicht ein wenig empfindlich, aber so empfindlich nun auch wieder nicht. Die Wirtin zog sich diskret zurück. Was hätte sie auch sonst tun sollen?

Sie tat klug daran. Der nächste Tag!

Auch der brachte keine Abkühlung in der Natur. Die Witterungslage hielt unverändert an. Nur, was sich heute änderte, war Siegmunds Drang nach draußen. Er dachte: Genug der Finsternis, laßt Licht um mich herum. Ich will kein Albe bleiben. Verheißt mich Höheres anstreben. Daher machte er sich bemerkbar. Erst abwartend in längeren Zeitabständen. Bald wurden die Intervalle kürzer, bis es Siegmund gar zu bunt wurde und er vehement nach außen durchzudringen drohte. Freia lag in den Wehen. Ihr erstes Kind meldete sich an. Wenn sie es bisher noch nicht genau wußte, jetzt wurde sie es gewahr. Denn so heftig kann nur ein Junge gegen den Leib der Mutter treten. Und einen solchen hatte sie sich ja insgeheim gewünscht. Die Freude darüber, daß sich ihr Wunsch erfüllen sollte, war groß. Gehofft hatten sie es, ihr Mann Hagen und sie, und den Kinderwagen bereits blau ausschlagen lassen. Ein wenig voreilig vielleicht, aber sie wollten es beide so. Und sie sollten Glück haben. Als die Trampelei gegen ihren Leib am späten Nachmittag Freia zuviel wurde, rief sie nach der Hebamme. Und die kam gerade zur rechten Zeit und keine Minute zu spät. Denn nun hatte es Siegmund endgültig satt und kam mit dem Kopf zuerst, mit dem er später immer durch die Wand wollte, laut schreiend in die noch heile Welt der schlesischen Stadt Liegnitz. Es machte plumps, Freia half mit Druck ein wenig nach, und ein neuer Liegnitzer war zu Hause in der elterlichen Wohnung unter der fürsorglichen Obhut einer erfahrenen Hebamme geboren. Siegmunds Geburt war ganz normal verlaufen, wie der Dienstag ein normaler Wochentag ist. Es stellte sich bei Freia vor, während und nach der Geburt ihres ersten Kindes all das ein, was jede Mutter in den Stunden erlebt. Nun hatte Freia mit kaum 112 Pfund Lebendgewicht und ihren gerade mal 162 Zentimeter Körpergröße ihr Werk vollbracht. Alles an ihr war fraulich gut verteilt, und sie ist nach der Geburt von Siegmund so geblieben. Der liebe Gott hatte die Katholikin Freia mit einem angenehmen Äußeren ausgestattet, was sie ihr Leben lang behalten sollte. Große Zufriedenheit lag auf Freias Gesicht. Nun war sie Mutter!

Sie hatte ohne Komplikationen die Geburt ihres gewünschten Jungen überstanden. Ihrer Sache bewußt, hatte die Hebamme ihre Pflicht getan. Stolz kam in ihr auf, wieder einem Erdenkind verholfen zu haben, das Licht der Welt zu erblicken. Diesmal einem recht ansehnlichen, wie sie nach dem Wiegen und Messen feststellen konnte. Sieben Pfund schwer und bereits 58 Zentimeter groß sind Befunde, die selbst eine Hebamme nicht jeden Tag macht. Nach getaner Arbeit gab sie Mutter und Kind alle guten Wünsche auf den weiteren, gemeinsamen Lebensweg. Vater Hagen war baden. Die spätsommerlichen Temperaturen boten sich dazu an. Auch suchte Hagen mit seinen 27 Jahren, er war nicht groß, aber stämmig vom Wuchs, eine Beschäftigung, eine sogenannte Freizeitbeschäftigung. Einer lohneinbringenden Beschäftigung konnte Hagen vorläufig leider nicht nachgehen. Wir schreiben das Jahr 1931, und noch leben Mutter Freia und Vater Hagen nun mit Stammhalter Siegmund in der Weimarer Republik. Es grassiert die Weltwirtschaftskrise mit ihren vielen Arbeitslosen in ganz Deutschland. Hagen hatte es auch getroffen. Er bekam als Unterhalt für seine erst im Mai des gleichen Jahres gegründete junge Familie Stempelgeld. So nannte man das damals. Bis dann zwei Jahre nach Siegmunds Geburt die »neue Zeit« anbrach, in der es gelang, die Arbeitslosigkeit nach und nach abzubauen. Da half dann auch Hagen beim Autobahnbau mit. Aber noch war es nicht so weit. Wissend zwar, daß seine Frau kurz vor der Niederkunft stand, kehrte er mit noch zwei Badelustigen trotzdem erst am späten Nachmittag zurück. Beim Verabschieden der beiden anderen illustren Bader auf der anderen Straßenseite gegenüber der Wohnung in der ersten Etage von Hagens Wohnung sagte der eine der beiden: »Du, Hagen, bei dir in der Wohnung läuft eine Frau im weißen Kittel herum.«

Flugs ließ Hagen seine Badefreunde stehen, eilte über die Goldberger Straße, stellte sein Fahrrad ab und stieg rasch die Treppen empor. Ein Junge – und alles war gut gegangen – seine Frau und Siegmund wohlauf!

Voller Inbrunst warf sich Hagen in die Brust – ein Sohn!

Ein dankbarer Blick streifte Freia. Der Gesetzgeber hat bestimmt, daß unabhängig von den angegebenen Bezeichnungen und Einteilungen der Neugeborenen nach Größe und Gewicht jedes Kind als Geburt standesamtlich gemeldet werden muß, wenn die natürliche Atmung eingesetzt hat. Und die hatte bei Siegmund eingesetzt. Nicht nur das – Siegmund schrie laut nach Leibeskräften. Am stärksten und anhaltendsten war sein Geschrei, wenn er Hunger hatte. Und er hatte immer Hunger und einen guten Appetit obendrein. Also tat Vater Hagen der Meldepflicht einen Tag nach der Geburt seines Stammhalters Genüge. Er ließ im grünen Familienbuch auf Seite 6 als erstes Kind im Geburtsregister Nr. 540 des Jahres 1931 G seinen Sohn als Hagen, Siegmund – Rufname Siegmund wohlweislich unterstrichen – auf das Geburtsdatum eintragen, unterschrieben mit: Links unter dem Vermerk (Siegel) prangte ein großer blauer Stempel auf der Seite der Eintragung, den in der Mitte ein nach rechts schauender Adler mit ausgebreiteten Flügeln zierte. Innen am Stempelrand stand oben entlang »Preußisches Standesamt« und darin unten »Stadtkreis Liegnitz«. Also war mit Siegmund nicht nur ein neuer Liegnitzer, ein neuer Schlesier, sondern sogar ein neuer Preuße geboren. Und alles das hatte Siegmund letztendlich eigentlich nur dem »Alten Fritz« zu verdanken, über dessen Tun und Handeln er aber erst viel später etwas erfahren sollte. Da kann man nur sagen: es lebe der kleine Preuße!

Mutter Freia stammte aus einer katholischen Familie, Vater Hagen war evangelisch erzogen worden. Getraut wurden beide nur standesamtlich. Freia wählte den einfachen Weg in der christlichen Erziehung für Siegmund. Er sollte evangelisch getauft werden. Vielleicht hatte sie als Kind den äußerlichen Glanz und das Ausmaß der katholischen Kirche selbst nicht recht gemocht. Ihr Siegmund sollte es in der Beziehung leichter haben. Bloß ein Heide dürfte er nicht bleiben. Und beide, die Eltern eben, hatten gut daran getan, so zu entscheiden. Siegmunds Taufe war am 13. September in der evangelischen Stadtpfarrkirche zu St. Peter und Paul in Liegnitz vorgesehen. Und wie es der Sitte Brauch ist, werden dazu Paten benötigt, Paten, die dem Kind bis zum 18. Lebensjahr jedesmal zum Geburtstag und den noch anfallenden sonstigen Feiertagen im Jahr etwas schenken – sollten. Oder auch nicht. Andere Gepflogenheiten von Paten gegenüber ihren Patenkindern sind nicht überliefert. Freilich sollen sich Paten auch bei Schulanfang und Konfirmation oder Firmung oder Kommunion besonders gegenüber ihren Patenkindern hervortun. Aber halt nur sollten!

Nun suchten Siegmunds Eltern, jeder in seiner Verwandtschaft, Paten für den Täufling. Vermögend waren alle nicht, nicht mütterlicherseits vom Neugeborenen und auch väterlicherseits kaum. Doch eine Taufe ohne Paten war undenkbar. Mutter und Vater einigten sich. Schließlich hatte Freia noch sechs lebende Geschwister und Hagen fünf. Die Wahl der Eltern als Paten für Siegmunds Taufe fiel auf die Schwestern Woglinde. War es Zufall?

Aber es gibt keine Zufälle, nur Überschneidungen von Gesetzmäßigkeiten. Damals auch schon?

Nun waren die durch Siegmunds Geburt neu gekürten Tanten keine leiblichen Schwestern. Nur – Freia hatte eine ein paar Jahre ältere Schwester Woglinde und Hagen ebenfalls eine gleichen Vornamens. Die Wahl war vollzogen und die beiden Woglinden mit der Patenschaft gegenüber ihres neugeborenen Neffen einverstanden. Schwester war katholischen Glaubens wie eben Freia auch. Aber das störte Siegmunds Eltern nicht. Sie gehörte zur Verwandtschaft und als Katholikin war sie schließlich auch eine Christin. Und das war ausschlaggebend gewesen für die Patenwahl. Freias Schwester hatte eine vierjährige Tochter. Der weitere Nachwuchs bei dieser Schwester Woglinde stellte sich erst Jahre nach der Geburt ihres Neffen Siegmund ein. Freias Nichte hatte recht krumme Beine, sehr zum Leidwesen ihrer Eltern. Die Tochter selbst verstand es noch nicht so richtig. Es sah nur unschön aus. An sich ein hübsches Mädchen mit rotblondem Haarschopf wie ihre Mutter und einer normalen geistigen Entwicklung. Sie litt von Geburt an Kinderlähmung, die sich aber später nicht mehr weiter entwickelte. Dank mütterlicher Fürsorge und intensiver ärztlicher, chirurgischer Behandlung war eine aussichtsreiche Besserung vorhanden. Als sie dann in die Schule kam, war mit Gottes Hilfe alles ausgestanden, und Siegmunds Cousine brauchte ihre Beine nicht mehr zu verstecken. Nun ja, aber welche Mutter hat nicht lieber von Geburt an ein ansehnliches Kind?

Hagens Schwester Woglinde dagegen hatte noch keine Kinder und hat auch nie Kinder bekommen. Auch waren Freias Familienbande zur Verwandtschaft ihres Mannes nicht so stark ausgeprägt. Oma Erda, Hagens Mutter, lebte bei ihrer ältesten Tochter auf dem Dorf im Kreis Liegnitz. Und besagte Tochter, Hagens Schwester Ortlinde, hatte bereits drei Jungen das Leben geschenkt. So wohnten zwei Seelen in Oma Erdas Brust. Eigentlich hätte sie sich eine Enkeltochter von ihrem Sohn Hagen und dessen Frau Freia gewünscht. Und zum anderen hatten die Schwiegertöchter ihrer beiden älteren Söhne bereits je einen Stammhalter geboren. So nahm Oma Erda Siegmunds Geburt zwar zur Kenntnis, ohne aber darin eine Besonderheit zu sehen. Ein Kind, ein Junge, der »erste« Sohn eines ihrer Söhne – was sollte es?

Oma Erda hatte vielen Kindern das Leben geschenkt. Was ist da schon ein Kind mehr oder weniger, selbst wenn es ihr fünfter Enkel war?

Eben einer von vielen und, wie Oma Erda zu glauben schien, sicher nicht der letzte Stammhalter im Hinblick auf einen Enkelsohn. Für Oma Fricka, Freias Mutter, war Siegmund allerdings bisher erst der vierte Enkel von all ihren Kindern. Frickas älteste Tochter Wellgunde hatte bereits zwei Mädchen das Leben geschenkt und eben ihre zweitälteste Tochter Woglinde mit ihrer gegenwärtig kindergelähmten vierjährigen Tochter. Und nun kam für Oma Fricka Siegmund. Ein Junge, ein Enkelsohn, stramm und gesund!

Ein kleiner Schreihals und Nimmersatt. Geboren von ihrer kleinen, wuschligen Tochter Freia. Fricka freute sich über ihren vierten Enkel über alle Maßen. Und die große Zuneigung zu ihrem Enkelsohn mußte ganz einfach auf Gegenseitigkeit vorprogrammiert und bereits bei Siegmunds Geburt in ihr großmütterliches Herz eingegangen sein. Ohne ihr damaliges Wissen gegenüber dem kleinen Wesen schenkte ihr ihr Enkelsohn Zuneigung ganz liebevollster Art. Bis sie den Weg ging, den wir alle gehen werden. Aber so weit ist es noch lange nicht. Erst wird Siegmund heute getauft. Freia bereitete ihr Neugeborenes dafür vor, was nicht ganz einfach war. Er war allzu lebhaft. Er strampelte mit den Beinen, fuchtelte mit den Händen herum und warf die Klapper im hohen Bogen durchs Zimmer und den Schnuller durch die Gegend. Siegmund war heute wie aufgezogen, als hätte er ahnen können, welch freudiges Ereignis ihm in Kürze zuteil würde. Erregt war der kleine Körper. Der reinste Zappelphilipp. Unruhe beschlich ihn. Vielleicht war es gar schon die Aufgeregtheit?

Niemand weiß, was in so einem kleinen Menschenkind vorgeht. Oft überträgt sich die Unrast der Eltern auf die Kinder. Das Gespür ist vielmals stark. Wenn Freia glaubte, es mit Siegmund geschafft zu haben, fing er an zu flennen, weil die Windel naß war. Freia wechselte die Windel. So, nun ist er trocken, dachte sie. Aber weit gefehlt!

Er flennte erneut. Er hatte Hunger. Sie hatte in ihrer Aufregung der Vorbereitung zur Taufe eine Stillzeit verpaßt. Nun war sie auf sich selbst ärgerlich. Es half nichts Siegmunds Natur verlangte ihr Recht. Darüber wurde die Zeit knapp. Hagen stand etwas hilflos daneben und besah sich das Treiben seiner Frau mit Siegmund ein wenig skeptisch von der Seite her an. Er zeigte seine Ungeduld, denn ihm dauerten die Vorbereitungen zur Taufe bereits viel zu lange. Aber es mußte schließlich alles seine Ordnung haben. Nur die Zeit verstrich dabei. Nun wollte man aber doch pünktlich in der Peter-Paul-Kirche sein. Freia machte die abwartende Ruhe ihres Mannes ganz nervös und er stand ihr beim Hantieren mit Siegmund nur im Weg herum. Daher wurde sie leicht ungeduldig gegenüber den Zurechtweisungen ihres Mannes. Sie konterte deshalb spitz: »Ich bin nur neugierig, ob deine Schwester in der Marienstraße (denn dort wohnte sie) rechtzeitig ins Korsett gekommen ist.«

Na ja, das war etwas unfair von ihr gegenüber ihrer Schwägerin. Aber sie fühlte sich etwas in die Enge getrieben durch die fortlaufende Drängelei ihres Mannes, sich doch bitte zu beeilen. Hagens Schwester Woglinde war ein wenig übel dran. Gesundheitshalber trug sie ein Hüftkorsett. Und das Korsett hatte so seine Tücken. Sie mußte es tragen wie alle Frauen ihren Hüftgürtel auch. Nur bei ihr lugten die Umrisse des starken Korsetts durch jegliche Bekleidung, selbst durch einen Mantel hoben sich noch die Konturen davon ab. Es sah ganz einfach unschön aus – immer!

Da hatte keine frauliche Eitelkeit Platz. Darüber blieben Spötteleien in der Verwandtschaft natürlich nicht aus. Wie eben heute bei Freia auch nicht. Inzwischen war Patentante Woglinde, Freias Schwester, mit Töchterchen eingetroffen. Man wollte den Weg zur Peter-PaulKirche gemeinsam gehen. Patentante Woglinde wohnte mit ihrem Mann und ihrer Tochter in der Moltkestraße Nr. 6. Daher hätte sie ihr Weg zur Peter-Paul-Kirche sowieso an der Goldberger Straße 60 vorbeigeführt. Als Woglinde den herausgeputzten, nun endlich für den Taufvorgang hergerichteten Neffen so liegen sah, konnte sie es sich nicht verkneifen, zu ihrer Schwester zu sagen: »Du wirst dir noch Schleifen um die Räder deines Kinderwagens binden.«

Aber das tat Freia dann doch nicht. Endlich brach man auf!

Man lief. Es war ein herrlicher Spätsommertag mit angenehmen Temperaturen. Eine Fahrt mit der Elektrischen ab Wilhelmsplatz bot sich zwar an, aber die zwei Haltestellen bis zur Peter-Paul-Kirche lohnten eine Fahrt mit der Elektrischen nicht. Die Taufgesellschaft blieb auf der rechten Straßenseite der Goldberger Straße stadteinwärts. Links lag der Wilhelmsplatz und danach auf ihrer Seite das Amtsund Landgericht. Ein Stückchen weiter stand an der Ecke Rosenstraße das Café Hocke. Im ersten Drittel der Goldberger Straße kam ihnen auf der eingleisigen Streckenführung in der Mitte der Straße eine Elektrische ohne Hänger Richtung Endstelle Logauplatz entgegen. Bald hatte die kleine festliche Gesellschaft die Passage des ErichSchneider-Hauses erreicht und den kleinen Ring links liegengelassen. Richtung Altes Rathaus grüßte der Springbrunnen mit dem Gabeljürgen und seinem Dreizack. Sie überquerten die enge Straße zwischen Passage und Eingang zur Peter-Paul-Kirche mit ihren Schienen der Elektrischen und befanden sich vor den beiden gotischen Eingangstüren des Westportales. In der Mitte über den beiden Eingangstüren war das Standbild von Martin Luther zu sehen. So ist in Liegnitz bereits 1522/23 evangelisch gepredigt worden. Das ist geschichtlich beurkundet. Dies ist das Haus, die Stätt’, der Ort, Daran hat Gott gefallen, Der Seelen Schatz, sein göttlich’ Wort, Läßt er allhier erschallen. Daniel von Czepko * 23.9.1605 in Koischwitz bei Liegnitz † 8.9.1660 in Wohlau Die rechte schwere Eingangstür vom Westportal der PeterPaul-Kirche ließ sich nur mit Kraft öffnen. Hagen hatte sie. Ehrfurchtsvoll betrat die kleine festliche Gesellschaft mit dem zur Taufzeremonie herausgeputzten Siegmund, zu welcher sich nun auch Hagens zum evangelischen Glauben bekennende Schwester Woglinde, von der Marienstraße kommend, hinzugesellt hatte, das Kircheninnere der evangelischen Peter-Paul-Kirche, nicht ohne daß vorher Mutter Freia und ihre Schwester Woglinde kurz niedergekniet und mit der rechten Hand das Kreuz vor der Brust geschlagen hatten, allerdings ohne sich dazu die Hände mit Weihwasser benetzen zu können, da es in einer evangelischen Kirche so etwas nicht gibt. Danach schritt die kleine festliche Gesellschaft andächtig in die Mitte der Kirche bis vor zum Altarraum, wo ein wenig seitlich davon der Taufkessel stand. Der Taufkessel der Peter-Paul-Kirche, um 1250 im Übergangsstil zwischen Spätromantik und Frühgotik geschaffen, war das älteste und wertvollste Stück der Kirche. Zwischen den Kleeblattbögen waren die Verkündung an Maria und Bilder aus dem Leben Jesus Christus’ als Weltenrichter dargestellt. Das Schriftband enthielt ein Wort des Zuspruchs an den Täufling. Pastor Schulz wartete bereits am Taufkessel, um die heilige Handlung der Taufe vorzunehmen. Die Taufzeremonie begann. Friedlich lag Siegmund in seinem Taufkissen. Als der offizielle Taufakt begann, rebellierte der sich bisher ruhig verhaltende Siegmund lauthals. Der Pastor benetzte im mit Wasser gefüllten Taufkessel die Fingerspitzen der rechten Hand und schlug so damit dreimal das Kreuz über Siegmunds Stirn, indem er immer wieder erneut seine Finger in den Taufkessel tauchte, mit den Worten: »Im Namen des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geistes taufe ich dich heute auf den Namen Siegmund Hagen. Amen.«

Bereits als Siegmund die ersten kalten Wassertropfen von den Fingern der rechten Hand des Pastors auf seiner Stirn spürte, erschrak er und brachte das durch nicht zu überhörendes, kräftiges Flennen zum Ausdruck, daß es in dem großen Kirchenschiff mächtig widerhallte. Freia hatte Mühe, Siegmund nach Beendigung des Taufvorganges wieder zu beruhigen, was ihr schließlich dann gelang. Inzwischen hatte Hagens Schwester Woglinde den Täufling in den Armen. Der Pastor schlug das Gesangbuch auf und verwies auf ein Lied, welches nun gemeinsam von der kleinen Taufgesellschaft gesungen werden sollte. Woglinde, schon immer gut bei Stimme, hob ihre Brust vor dem Täufling, holte tief Luft und stimmte so den Gesang des Kirchenliedes an. Ihre Stimme war hell und klar – aber auch sehr laut. Sie übertönte mit ihrem Gesang alle anderen Anwesenden um ein Vielfaches. Nur einer war kräftiger – Siegmund!

Wurde er heute doch zu seiner Taufe ein zweites Mal unsanft erschrocken – diesmal von seiner stimmgewaltigen Patentante. Siegmund flennte erneut. Es war stärker als Woglindes Singstimme. Freia wurde aufgrund der Reaktion Siegmunds unruhig, und Hagen zog die Stirn kraus und dachte: Junge, nun ist es aber bald genug. Das war es dann auch. Die Taufe hatte stattgefunden und wurde im Familienbuch der Eheleute verbrieft und versiegelt. Ein blaues rundes Siegel, in dessen Mitte zwei Mönche, der linke hielt zwei Schlüssel in der rechten Hand, dargestellt waren, zierte den Abschnitt auf Seite 6 des Familienbuches unter »Getauft«. Oben unter dem Rand hatte das Siegel die Inschrift »Sigill ecclesiae PetriPauli« und unten am Rand stand »Liegnitz«. Vorgegriffen und aufgezeigt werden muß, wie sich die Zeiten ändern, und mit den Zeiten die Gesellschaftsordnungen. Als Siegmunds Taufe in Liegnitz in Schlesien in der evangelischen PeterPaul-Kirche vollzogen wurde, herrschte in Deutschland die Weimarer Republik. Zwei Jahre später begann das »Tausendjährige Reich«. Und als am 8. Mai 1945 die tausend Jahre vorbei waren, hatten senile Politiker die rein deutsche Stadt Liegnitz ausländischen Administratoren zur Verwaltung übertragen. Aber Pastor Schulz waltete immer noch seines Amtes als Seelsorger einer deutschen Gemeinde, nun allerdings in der kleinen evangelischen Martinskirche in der Marthastraße in Liegnitz, welches fortan nun Legnice hieß. Sein Glaube an Gott war unerschütterlich und so stark war auch sein Glaube an seine deutsche Wirkungsstätte. Das Gute in ihm fiel jedoch dem Bösen zum Opfer. Sicher hatte er selbst das der Vorsehung verziehen. Seine Güte kannte keine Grenzen, und das im doppelten Sinne. Pastor Schulz betreute nach dem Zweiten Weltkrieg nicht nur die ehemaligen Liegnitzer Stadtchristen, sondern auch die zurückgebliebenen und wieder in ihre Dörfer zurückgekehrten deutschen Christen auf den Dörfern rund um die Stadt Liegnitz. Er nahm dafür lange Fußmärsche in Kauf. So wanderte er am 12. Mai 1946 allein in das Dorf Lobenau bei Liegnitz, um dort vor der deutschen Restgemeinde seinen Sonntagsgottesdienst abzuhalten. Aus persönlichen Sicherheitsgründen unternahm Pastor Schulz solche Touren immer im Talar eines evangelischen Pfarrers. Er kehrte von dort nicht zurück. Er wurde eine Woche später in einer Sandgrube gefunden, durch Kopfschuß getötet, ausgeraubt und ausgezogen. Jesus Christus starb aufrecht oben am Kreuz wegen Judas, dem Verräter. Pastor Schulz starb unten in einer Grube mit Sand, durch Heiden, die in ihrem Land seit 1917 keinen Gott mehr kennen durften. Baby Siegmund entwickelte sich prächtig. Es wuchs und gedieh. Hatte es Hunger, schrie es laut. War der Hunger gestillt, schlief es. Hunger, schreien, gestillt werden, schlafen. Das stellte den Tagesrhythmus dar. Siegmund war weder überfüttert noch unterernährt. Freia stillte, Siegmund war ein Brustkind. Und sie hatte kleine Brüste, die zu ihrer Figur paßten. Wie hätte das sonst ausgesehen, eine kleine zierliche Frau mit großen Brüsten?

Bei ihr war eben alles fraulich gut proportioniert. Sie war klein von Gestalt und daher auch ihre Brüste. Aber was gaben die schließlich an Nahrung für ihr Baby ab?

Das war hier die Frage. Und der kleine Nimmersatt hatte dauernd Hunger. Bei richtiger Stilltechnik kann eine Mutter ihre Milchmenge meist steigern. Aber Freia verstand das nicht. Sie bekam Siegmund durch Stillen nicht mehr satt, sie mußte deshalb zufüttern. Kam keine Milch mehr, stieß Siegmund, an Mutters Brustwarze saugend, mit seinem kleinen Kopf gegen ihre Brust. Half das nichts, biß er seine Mutter in die Brustwarze, daß es ihr arg schmerzte. Er hatte zwar noch keine Zähne, trotzdem tat es weh, wenn der nicht satt zu bekommende Siegmund ihr so rabiat an der Brust zusetzte. Auf der anderen Seite war es ein Zeichen dafür, daß er so nicht mehr zu sättigen war und zusätzliche Nahrung begehrte. Freia empfand das Bewußtsein, ihren Säugling durch Stillen nicht satt zu bekommen, nicht nur körperlich schmerzhaft, sondern auch seelisch. Deshalb mußte sie notgedrungenerweise erstmals Siegmunds Ernährung durch Flaschennahrung von höchstens 200 ml unterstützen, normal 4-5 Mahlzeiten täglich in richtiger Zusammensetzung. Sie stieg also bei der Nahrung ihres Säuglings um. Nachdem sie ihren kleinen Nimmersatt und Schreihals trokkengelegt und frisch gewindelt hatte, legte die glückliche Mutter Siegmund in sein Bettchen. Sie deckte ihn sanft zu. Sie nahm als ersten Versuch die Babyflasche, hielt sie zur Kontrolle der Wärme an ihre rechte Wange, fand, daß sie die richtige Temperatur zum Trinken hatte, beugte sich über ihn und steckte ihm den Nuckel in den Mund, indem sie die Flasche leicht aufs Deckbett legte. Hm, dachte sie, nun müßte Siegmund nur noch mit seinen Händchen die Babyflasche selbst festhalten. Er tat es dann auch und zog am Nuckel. Geschafft, dachte die junge Mutter, dem Kleinen stille ich schon den Hunger. In der Annahme, daß der hungrige Siegmund nun genüßlich seine Babyflasche austrinken würde, richtete sie sich wieder am Kinderbettchen auf und drehte sich von ihm weg. Sie war keinen Schritt gelaufen, da warf ihr Siegmund die fast noch volle Flasche flüssiger Babynahrung hinterher aus dem Kinderbettchen heraus und fing fürchterlich an zu flennen. Mutter Freia blickte sich erschrocken um und sah mit Entsetzen auf ihn. Zorn kam in ihr auf. Sie war der Verzweiflung nahe. Ihr kleiner Siegmund warf mit der Babyflasche nach ihr!

Aber was sollte sie nur machen?

Zwiespalt machte sich in ihrem Herzen breit. Wäre er schon größer ... aber so?

Es dauerte noch lange, bis Mutter Freia die Ernährungsumstellung von der Muttermilch zur Babyflasche mit erfolgreicher Unterstützung von Siegmund vollständig gelang. Vorerst war es nur ein Versuch, dem sicher noch viele folgen würden. Geduld war da gefragt. Und die lag bei der Mutter. Wie es sich weiter zeigen wird – sie hatte sie aufgebracht. Den Übergang und die Loslösung von der Muttermilch zur Babyflasche hatte Siegmund unbeschadet und gut überstanden. Er blieb gesund – zur Freude seiner Eltern. Weihnachten zählte Siegmund bereits fünf Monate, und es existierte noch kein Bild von ihm als Baby, was nun rasch nachgeholt werden mußte. Das Fotografieren erfolgte zu Hause in der Wohnung. In Ermangelung eines Eisbärfelles, worauf sich nackte Babys auf dem Bauch liegend immer gut fotografieren lassen, setzten die Eltern Siegmund in einen großen Korbsessel neben den Weihnachtsbaum. Angelehnt und aufrecht sitzend an der Rückenlehne des Korbsessels, harrte Siegmund der Dinge, die da kommen würden. Gerade hatte er sitzen gelernt, mußte er heute bereits so posieren. Er begegnete der Kamera auch nicht nackt. Freia hatte ihm eine Strickjacke angezogen und auf seine kleinen Beine eine leichte Wolldecke gelegt. Geknipst, das muß gesagt werden, wurde mit Blitzlicht, da es ja eine Innenraumaufnahme würde. Das hatte zur Folge, daß der kleine Siegmund auf dem nachher entwikkelten Bild entsetzt die Augen aufreißt vor Schreck der plötzlich auftretenden großen Helligkeit, was sein rundes, pausbäckiges Gesichtchen besonders reizvoll anschauen läßt. Und seine Eltern waren mit dem Bild ihres Stammhalters so und nicht anders sehr zufrieden. Nur eine Ähnlichkeit, nach wem er eigentlich kam, wie es immer im Volksmund heißt, ließ sich selbst auf dem Bild zu dem Zeitpunkt noch nicht genau feststellen. Nur eines war damals klar zu erkennen – aus ihm würde einmal ein hübscher Junge werden.

Es erbaut die Menschen, wenn die Frucht gedeiht.

1932

Oma Fricka wohnte in der Jänschenstraße, gleich vorn rechts in einem Mehrfamilienhaus im Erdgeschoß. Ihr jüngster Sohn Froh, Freias Bruder, noch nicht verheiratet, lebte nach wie vor bei seiner Mutter. Der Frühling zeigte sich von seiner schönen Seite. Siegmund mußte an die frische Luft. Freia fuhr aus. Siegmund lag dazu noch im großen Kinderwagen, wohlweislich von Mutter warm eingehüllt und weich gebettet. Nur sein Kopf mit dem pausbäckigen Gesicht schaute daraus hervor. Wie konnte es anders sein – Siegmund trug eine blaue Wollmütze. Er war schließlich ein Junge. Freia hatte an dem Frühlingstag kein rechtes Ziel für ihre Ausfahrt mit ihrem Sprößling. Da kam ihr der Gedanke: Du wirst einmal zur Mutter fahren. Sie nahm den gleichen Weg wie bei ihrer Radtour zum Töpfermarkt auf dem Margarethenplatz in der Carthause, als sie Siegmund einen Tag vor seiner Geburt noch unter ihrem Herzen getragen hatte. Nur eben diesmal auf dem Bürgersteig und nur bis zur Nepomukbrücke, welche über die Katzbach führte. Rechts davon, die Gerichtsstraße entlang, verlief wieder gleich rechts als erste Querstraße die Jänschenstraße. Sie traf mit Siegmund im großen Kinderwagen ihre Mutter und ihren Bruder zu Hause an. Logisch, denn Oma Fricka unterhielt von zu Hause aus einen Zeitungsvertrieb. Und diesen kannte Freia nur zu genau. Aber davon gleich mehr. Natürlich freute sich Oma Fricka über den unverhofften Besuch ihrer Tochter mit dem Enkel. Welche Oma erfreut sich nicht an ihren Enkeln?

Zumal, wenn sie noch so klein und schnucklig sind wie eben Siegmund. Freias Bruder Froh war ein junges Pirschel (Liegnitzer Schlesisch für Bürschlein), und er machte seiner Schwester gegenüber bezüglich ihres Babys unpassende Bemerkungen. Als größere und vor allem ältere Schwester überhörte sie es. Schließlich war ihr jüngerer Bruder gerade in der Pubertät und wurde dazu als Jüngster von Fricka über alle Maßen verwöhnt und bevorzugt behandelt. Freia kannte und wußte das und ertrug daher Frohs törichtes Gerede über Siegmunds Herkunft und Geburt mit Würde. So weit – so gut. Freia sollte aber ausgerechnet heute auf die Hilfe und Unterstützung ihres »kleinen« Bruders angewiesen sein. Und wer war schuld daran?

Natürlich Siegmund!

Freias Besuch dehnte sich dann doch länger als vorgesehen aus, und Siegmund meldete sich lebhaft durch lautes Flennen. Sie sah daraufhin erschrocken zur Uhr. Na ja, bei ihm meldete sich der Hunger. Was tun?

Um ihn vorerst zu beruhigen, steckte sie ihm den Nuckel in den Mund. Doch weit gefehlt!

Mit seiner kleinen Hand griff Siegmund zum Ring des Nuckels, zog ihn sich so aus dem Mund und warf ihn im hohen Bogen aus dem Kinderwagen und setzte sein Flennkonzert fort. Die Babyflasche oder etwas anderes zum Füttern, um seinen aufkommenden Hunger zu befriedigen, hatte sie nicht bei sich. Sie hatte sich gar nicht so lange bei ihrer Mutter aufhalten wollen. Zwieback, in Flüssigkeit aufgeweicht, wäre vielleicht eine Lösung gewesen, um Siegmunds Ernährungsbedarf vorerst zu stillen. Aber in Frickas Haushalt gab es keinen Zwieback. Wie sollte es auch!

So rief und bat Freia ihren Bruder, in der Gerichtsstraße in einem Kolonialwarenladen ein Päckchen »Hultsch« (damals bekannter Zwiebackhersteller im Liegnitzer Raum) – das Wort »Zwieback« hatte Freia bei ihrer Bitte an ihren Bruder unterschlagen – zu holen. Der Bruder wiederum konnte es nicht wissen, da er sich zu dem Zeitpunkt der Entscheidung, er solle Zwieback kaufen gehen, im Nebenzimmer befunden hatte. Daher wußte er nicht, daß seine Mutter und seine Schwester die Möglichkeit in Betracht gezogen hatten, mit Zwieback Siegmunds Verlangen nach Nahrung zu stillen. Bruder Froh, ohnehin ein wenig flatterhaft, hörte oft nicht richtig zu. Er war meist mit seinen Gedanken woanders, so auch heute. Und dann interessierten ihn Babys und ihre Bedürfnisse bislang wenig. So folgte das Verhängnis auf dem Fuß. Es muß noch ergänzend gesagt werden, daß zur damaligen Zeit in allen Wohnungen Kachelöfen standen, Zentralheizung war so gut wie ein Fremdwort. Und zum Anfeuern der Öfen jeglicher Art wurde natürlich Hulz (Liegnitzer Schlesisch für Holz) benötigt. Und gefeuert wurde in vielen Liegnitzer Haushalten noch täglich, sei es zum Kochen der Mahlzeiten oder eben zum Waschen in den Waschküchen der Mehrfamilienhäuser. So hatten viele einschlägige Läden Hulz in ihrem Sortiment. Es waren kleine quadratische Bündel mit 20 Zentimeter Kantenlänge von kleingespaltenem, trockenem, kienhaltigem Holz, die mit einem Draht zusammengehalten wurden. Chemisch hergestellte Feueranzünder waren noch ein Novum. Viele Liegnitzer Händler stapelten bei schönem Wetter ihre Hulzbündel auf der Straße vor ihren Läden auf, um sie so leicht sichtbar den Kunden anzubieten. Nun ist es mitunter der Deutschen Sitte, ein wenig maulfaul zu sein und ihre Aussprache dem Dialekt zuzuordnen. Und da kann schon einmal etwas schiefgehen. Zumal, wenn man ein leichtfertiger Bursche in jungen Jahren ist wie Bruder Froh. Und tatsächlich!

Halb in Gedanken und so auch nur hingehört, machte sich Froh auf den Weg, um den Auftrag von Mutter und Schwester auszuführen. Und kam zurück – mit einem Bündel »Hulz«. Fricka packte das Entsetzen, und Freia konnte gerade noch stammeln: »Mit Hulz kannst du später einmal selbst versuchen, deine hungrigen Kinder satt zu bekommen.«

Nachdem sie es gesagt hatte, war sie schnell mit dem immer noch leicht vor Hunger quengelnden Siegmund im Kinderwagen Richtung ihrer Wohnung verschwunden. In Freia kam Groll hoch. Nun konnte sie nicht mehr so, wie sie wollte. Sie war noch jung, aber eben bereits verheiratet, hatte einen Mann – und nun noch Siegmund, der ja eigentlich der wahre Grund für die Heirat gewesen war. Eine Frau mit einem unehelichen Kind gab es ganz einfach nicht. Sie hatte nun Pflichten, an die es sich zu gewöhnen galt. Freia gewöhnte sich nur langsam daran. Sie dachte unwillkürlich an die Zeit ihrer Pubertät, das langsame Wachstum ihrer Brüste mit anschließender Rundung der Hüften, bis sie das Jugendalter erreicht hatte. Sie blieb bei ihrer Mutter die Haustochter. Freias älteste Schwester Wellgunde war schon verheiratet und hatte mit ihrem Mann und den beiden Töchtern eine eigene Wohnung in der Carthause bezogen. Frickas Schwester und ihr Mann in der Heinrichstraße hatten Freias jüngste Schwester Floßhilde als Pflegetochter angenommen. Freias Schwester Woglinde arbeitete vor ihrer Heirat in der Wollwarenfabrik Merkur in der Bahnhofstraße. Freia unterstützte bis zu ihrer Eheschließung ihre Mutter beim Zeitungsvertrieb der Illustrierten wie »Die Koralle«, »Berliner Illustrierte«, »Die Gartenlaube« und was es an Wochenzeitschriften damals alles so gab, die bei Fricka paketweise angeliefert und ihr zur Verteilung überlassen wurden. Das Austragen der angelieferten Illustrierten erforderte keine festgesetzte, tägliche Arbeitszeit. Man konnte es sich einteilen, Hauptsache, die Zeitschriften und Illustrierten kamen im gewohnten Turnus an den Mann oder eben an die Frau. Die gesamte Stadt Liegnitz war einbezogen. Fricka stellte die Touren zusammen. Es gab damals noch keine Hausbriefkästen in den Hauseingängen der mehrstöckigen Häuser von Liegnitz. Das hätte auch nicht viel genützt, denn jede Zeitschrift wurde gleich abkassiert. Und oft genug wohnten gerade die Leser der Zeitschriften und Illustrierten in der dritten oder gar der vierten Etage eines Mehrfamilienhauses. Die Möglichkeit, Zeitschriften zu abonnieren, gab es damals nicht. Groß und dick waren die Taschen mit den Zeitschriften und Illustrierten und ließen sich gerade so schleppen. Ein kleines Wägelchen für die Taschen gab es nicht. Freias ältester Bruder Wotan fuhr mit dem Fahrrad mit eigens dafür hergerichtetem großen Gepäckträger zur Aufnahme der schweren Taschen in die Liegnitzer Peripherie und die die Stadt umgebenden Dörfer. Einmal erlebte Wotan auf dörflicher Landstraße im Liegnitzer Umfeld einen Zwischenfall. Ein Auto hatte beim Durchfahren einer kleinen Ortschaft im Landkreis ein Huhn totgefahren. Entsetzt rief da die den Vorfall beobachtende und nun herbeieilende Bäuerin aufgeregt: »Doas is doch nie die Menschenmeglichkeit. Meine beste Legehenne. Wenn ich bei der hingriff, hatte ich jeden Tag ein Ei.«

Wotan, der die Begebenheit mit angesehen und die Worte der Bäuerin gehört hatte, konterte belustigt: »Aber liebe Frau, wenn sie bei mir ...!«

Kam Freia von ihrer Austragstour nach Hause zu Fricka, warf sie manchmal die nicht leere Tasche, da oft viele Leser beim ersten Mal nicht angetroffen wurden, im hohen Bogen in die Ecke, entledigte sich kurzerhand ihrer Schuhe und legte sich auf die mütterliche Chaiselongue so lang, wie die kleine Person war, in ihrem Samtoder Seidenkleid. Freia ging nobel unter die Leute. Schließlich war der Zeitungsvertrieb eine öffentliche Dienstleistung, selbst wenn auch der Samt an einigen Stellen schon etwas abgewetzt wirkte und die Seide an Glanz verloren und einen abgetragenen Eindruck von Freias Kleidern hervorrief. Na, wenn schon, dachte Freia, irgendwie muß ich doch alle meine Kleider noch nutzen. Zu den Mahlzeiten ließ sich Freia von ihrer Mutter verköstigen und bedienen. Gab es mittags Fleischbrotel (Liegnitzer Schlesisch für Frikadellen) mit Katuffelsturz (Liegnitzer Schlesisch für Stampfkartoffeln) und Sauerkraut oder Schnitzel mit den entsprechenden Beilagen, kam es zum Händel (Liegnitzer Schlesisch für Disput