Die Köchin und der König - Petra Gabriel - ebook

Die Köchin und der König ebook

Petra Gabriel

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Opis

November 1269, Interregnum: Rudolf von Habsburg strebt mit aller Macht nach der deutschen Königskrone. Um sich durchzusetzen, will er um jeden Preis in den Besitz des wundertätigen Grabtuchs Christi gelangen, der wertvollsten Reliquie der Christenheit. Bei seiner Suche bekommt Rudolf Hilfe von unerwarteter Seite: Mathilde von Waldshut, der Giftmischerei bezichtigt, muss aus ihrer Heimat am Hochrhein fliehen - und landet direkt in den Armen des Minnesängers Berthold Steinmar von Klingnau. Bald wird sie zur Spionin im Dienste Rudolfs von Habsburg. Petra Gabriel ist mit "Die Köchin und der König" ein üppiges und mitreißendes Mittelalterspektakel gelungen. Ein packender und dichter Roman, der Historie und Fiktion glänzend miteinander verknüpft.

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Petra Gabriel wuchs in Stuttgart und am Bodensee auf. Seit 1982 lebt sie mit ihrer Familie am Hochrhein. Über fünfzehn Jahre lang war sie Redakteurin in der Lokalredaktion des Südkurier in Bad Säckingen, die meiste Zeit als stellvertretende Leiterin. Seit 2004 arbeitet sie als freiberufliche Journalistin und Schriftstellerin. Petra Gabriel ist Autorin von bisher fünf historischen Romanen: »Zeit des Lavendels«, »Die Gefangene des Kardinals«, »Waldos Lied«, »Der Kartograph« und »Die Konkubine«. Im Emons Verlag erschienen außerdem die Kriminalromane »Tod am Hochrhein« und »Alemannischer Totentanz« sowie »Der Klang des Regenbogens«, ein Mystery-Roman. Ein weiterer Hochrheinkrimi ist in Vorbereitung.

www.petra-gabriel.de

Dieses Buch ist ein Roman, und alle darin geschilderten Ereignisse sind frei erfunden. In besonderem Maße gilt das für Handlungen und Äußerungen der auftretenden oder erwähnten Personen, auch wenn einige von ihnen nicht der Phantasie der Autorin entsprungen sind.

Im Anhang finden Sie die (Liebes-)Rezepte Mathildes, die Lieder Steinmars, ein Glossar (Begriffe und Orte) sowie ein Verzeichnis der realen Personen.

© 2014 Emons Verlag GmbH Alle Rechte vorbehalten Umschlaggestaltung: Tobias Doetsch eBook-Erstellung: CPI books GmbH, LeckISBN 978-3-86358-651-5 Historischer Roman Originalausgabe

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Für Mulle und Krümel.

In Liebe.

Und weil wir zusammen so schöne Geschichten gemacht haben.

Prolog

Die Nacht war zu hell. Aber sie konnten die Übergabe nicht verschieben. Das dreifach gefaltete Leinen war hier nicht mehr sicher. Der lederne Beutel mit dem Grabtuch, den er unter dem weißen Überwurf mit dem roten Kreuz verborgen hielt, glühte wie Feuer und brannte wie Eis. Als würde ihm das Antlitz des Gekreuzigten durch Leder, Harnisch und Kettenhemd hindurch in die Haut gesengt. Der Vollmond, dessen Licht sich im Gekräusel des Wassers brach, zog ein Gesicht. Eine Böe wehte ihm den Geruch des Meeres in die Nase, diese Mischung aus Salz, Tang und toten Fischen. Vom Hafen auf der anderen Seite der Landspitze drangen Geräusche zu ihm herüber. Poltern, Klappern, Knarren, noch verstärkt durch den Hall, den das Wasser erzeugte. Wahrscheinlich wurde dort trotz der späten Stunde ein Schiff entladen. Dem Mondstand nach musste es weit nach Mitternacht sein.

Der Tempelritter tastete zum hundertsten Mal nach dem Bündel. Es war so leicht und wog doch so schwer. Das Stück Stoff, das sorgsam in Kalbsleder eingenäht, verschnürt und versiegelt worden war, stand für die Zukunft der Christenheit. Und ausgerechnet er musste es hüten, bis der Mann kam, der es fortbringen würde.

Er erschauerte und zog die Schultern hoch. Wieso erschien der Händler nicht? Er drückte sich noch etwas mehr ins Dunkel einer Nische in den Mauern von Akkon und zog die Kapuze seines Mantels über die lockigen, nackenlangen Haare. Sein Gesicht war nun nicht mehr zu erkennen. Das Kreuz auf seiner Brust verschwamm zu einer Ahnung. Er kauerte sich auf seine Fersen, presste den Rücken an die Mauer. Nun drang ihm die Kühle der mächtigen Quadersteine durch Mark und Bein. Er hörte den unmelodischen Ruf eines Sturmvogels. Als eine Ratte über seinen linken Fuß huschte, hätte er beinahe aufgeschrien.

War da noch ein anderes Geräusch? Der Tempelritter richtete sich auf und beugte sich etwas vor. Er kniff die blauen Augen zusammen. Doch er sah nichts als den Himmel und die See, spürte nichts als den Druck der Buckelquadersteine gegen seinen Steiß, hörte nichts als die Brandung, die in stetem Rhythmus gegen die Steine klatschte. Nein, er hatte sich geirrt. Ein Mondstrahl erfasste den reich verzierten Griff seines Schwertes.

»Ihr solltet vorsichtiger sein und im Schatten der Mauern bleiben, mein Freund. Der Schatz, den Ihr tragt, ist zu kostbar, um ihn leichtfertig aufs Spiel zu setzen«, raunte ihm plötzlich eine Männerstimme ins Ohr.

Der Templer fuhr herum. Er hatte noch nicht einmal das Kollern eines Steines gehört, obwohl an dieser Stelle der Uferbefestigung viel Geröll lag. »Wo kommt Ihr denn her? Seid Ihr ein Geist?« Seine Stimme war die eines jungen Mannes, noch weich, mit dem Nachhall des Stimmbruchs. Er hatte den Akzent der Franzosen. Neugierig musterte er den Ankömmling. Er sah einen älteren Mann, um die vierzig vielleicht. Dann erst entdeckte er den kleinen Kahn, der ein ganzes Stück weiter westlich auf den Wellen schaukelte.

Der Mann lachte leise. »Von irgendwo und nirgends. Habt Ihr das Geräusch meiner Ruder nicht gehört? Ihr solltet wirklich besser auf Euch achten. Ihr seid wohl noch nicht lange im Heiligen Land? Hier gibt es viele Geister. Nach der abgesprochenen Parole habt Ihr mich auch noch nicht gefragt.«

Der Templer kniff die Lippen zusammen und starrte ihn prüfend an. Vom Gesicht des Mannes war außer dem Geflecht von Fältchen um die Augen, wenn der Mond einmal kurz hinter den Wolken hervorkam, nicht viel zu erkennen. Der Händler hatte den Stoff seines Turbans nach der Art der Nomaden bis unter die Augen gewickelt. Er war einfach gekleidet, um nicht zu sagen ärmlich. Sein weiter Umhang, aus einem robusten Baumwollstoff gefertigt, wirkte schon fadenscheinig. Darunter trug er einen knöchellangen Kaftan, der ihm viel Bewegungsfreiheit ließ. Dieser Mann sah aus wie ein armer orientalischer Händler, wie einer unter vielen. Er würde nicht auffallen. »Dann nennt die Parole«, forderte er ihn barsch auf.

Sein Gegenüber hatte die Musterung ungerührt über sich ergehen lassen. Er streckte die Hand aus. »Gebt mir, was Ihr mir geben sollt.«

Der Templer zuckte zurück, als wollte er seinen Schatz nun doch nicht hergeben. Er wirkte wie ein Liebender, der seine Liebste nicht loslassen kann. »Erst die Parole«, forderte er.

»Für Gottes Reich.« Der Mann zischte die Worte mehr, als dass er sie sprach.

Der Templer verneigte sich leicht. »Gestattet, dass ich mich vorstelle. Thiéry –«

Der Händler unterbrach ihn mit einer brüsken Handbewegung. »Lasst das. Es ist nicht wichtig, wer Ihr seid oder wer ich bin. Je weniger wir übereinander wissen, umso besser. Jetzt zählt nur, was Ihr mir zu übergeben habt.«

»Wo bringt Ihr es hin?«

»Auch das müsst Ihr nicht wissen. Wer nichts weiß, kann nichts verraten.«

Der Tempelritter packte den Händler ärgerlich an der Schulter, doch dieser schüttelte die Hand lässig ab. »Ich sagte es doch, Ihr seid noch nicht lange im Heiligen Land und wisst noch nichts von den Folterkünsten der Männer von Sultan Baybars. Unter ihren Händen redet jeder. Gebt es mir. Wir halten uns schon viel zu lange hier auf.«

»Nicht hier.« Er brach ab. »Folgt mir. Um das Boot kümmere ich mich später.«

Der Händler lachte leise. »So stimmt es also, was manche sagen. Die Tempelherren haben von ihrer Festung aus unter dem Quartier der Pisaner hindurch einen Gang gegraben.«

Der Templer schaute ihn erschrocken an. »Das sagen die Leute?«

»Gemach, gemach. Niemand weiß etwas Genaues. Doch so ein Bau lässt sich nicht verbergen. Es macht Lärm, ein Loch durch den Felsen zu treiben, egal, wie vorsichtig die Arbeiter auch sein mögen. Nun rätseln die Leute, wo die geheimen Eingänge liegen. Doch sie wissen es nicht. Wenn sie es wüssten, hätte ich davon gehört. Aber ich werde es ja nun erfahren, nicht wahr?« Erneut erklang dieses leise Lachen. »Macht Euch keine Sorgen, junger Tempelherr. Ich kann schweigen. Oder warum, glaubt Ihr, hat Euer Großmeister mich gerufen?«

Statt einer Antwort griff der Templer hinter sich und zog zwei Kienspäne aus einer Mauerspalte hervor. »Kommt.«

Er drückte gegen die Quader, ein Grollen ertönte, und eine Öffnung tat sich in dem für den Blick von Unkundigen fest zusammengefügt erscheinenden Mauerwerk auf. Erst als sie durch die Öffnung geschlüpft waren, gab er dem Händler eine der Fackeln. Dann entzündete er beide.

Die Flammen beleuchteten ein tonnenförmiges Gewölbe. Die Steine der Wände und Decken waren glatt behauen, der Boden bestand aus blankem Fels.

Sie waren etwas mehr als tausend Fuß gegangen, als der Templer seinen Begleiter leise anwies, die Fackel zu löschen. Erneut machte er sich an Steinquadern zu schaffen, erneut rollte ein Teil der Mauer wie von Geisterhand zur Seite.

»Wartet, ich habe vorhin gehört, wie ein Schiff entladen wurde.« Er spähte hinaus. »Nein, das muss im großen Hafen gewesen sein. Hier ist alles ruhig.«

»Wo sind wir?«

»In der Nähe des inneren Hafens. Dort vorne ist die Karawanserei. Es scheinen alle fest zu schlafen. Ich sehe kein Licht. Habt Ihr ein Reittier?«

Der Mann nickte. »Es steht vor den Stadtmauern, gut versteckt. Gebt mir jetzt, was Ihr mir geben sollt.«

Der Templer zögerte einen Moment. Schließlich zog er ein längliches, schmales Bündel aus seinem Mantel und reichte es behutsam weiter. »Ihr müsst –«

»Ich kenne den Weg.« Der Mann nahm das Paket, verstaute es in seinem Gürtel und wandte sich ohne ein weiteres Wort um. Er tauchte ein ins Gewirr der Gassen. Die Brandung des Mittelmeeres übertönte seine Schritte; die See sang der letzten Hochburg der Kreuzfahrer im Heiligen Land ein beständiges Wiegenlied. Doch der Eindruck des Friedens trog.

Der Mond verbarg sein Gesicht hinter Wolken. Der Händler duckte sich. Er musste ungesehen an den Schiffen vorbeikommen, die im Hafen dümpelten. Nichts rührte sich. Offensichtlich schliefen inzwischen selbst die Wachen, die an Bord zurückgelassen worden waren. Er schlug einen Haken in westliche Richtung. Die Häuser standen im Venezianischen Viertel dicht an dicht. Wie ein Schatten tauchte er immer wieder in die Dunkelheit schmaler Durchgänge. Nach einer Weile wandte er sich gen Norden, verließ das Viertel der Venezianer, passierte das Hospital des Deutschen Ordens, hielt kurz inne, brummte etwas, schüttelte den Kopf und ging weiter.

Der Mond erschien wieder hinter seinem Wolkenvorhang. Auf einen Schlag wurde es heller. Das war nicht gut. Glücklicherweise war es nicht mehr weit bis zur kleinen Pforte, auf die er zusteuerte. Sie lag in der Nähe eines Wehrturms in der nordöstlichen Wehrmauer und war selbst im Mondlicht kaum auszumachen. Er klopfte leise. Die schmiedeeiserne Tür schwang quietschend auf.

Er hielt inne und neigte lauschend den Kopf. Nichts.

»Kannst du nicht vorsichtig sein?«, raunte er dem Wächter zu, der ihm die Pforte aufgeschlossen hatte. Dann griff er unter seinen Umhang und drückte dem Mann einen Beutel in die Hand. Die Münzen darin klimperten leise.

Der Wächter wog den Beutel in der Hand, nickte und zerrte eine lange Leiter hinter einigen aufgeschichteten Steinen hervor. Gemeinsam schoben die beiden Männer sie über den breiten und tiefen Wassergraben, der vor dem doppelten Wall der Mauern von Akkon lag und die Stadt zusätzlich vor Angriffen aus dem Hinterland schützte. Dann balancierte er vorsichtig darüber, immer darauf bedacht, nicht in den Abgrund zu blicken, der unter ihm gähnte. Schließlich war er am anderen Ufer angekommen. Er wandte sich noch einmal kurz um, nickte dem Wächter zu und verschwand schließlich zwischen den vereinzelt stehenden Büschen der Ebene im Norden der Stadt.

Der Wächter blickte ihm nach, während er den Beutel mit Bakschisch erneut in der Hand wog. Er war schwer genug. Also war er bereit zu vergessen. Andererseits – Baybars, der große Mamluk, war bekannt dafür, dass er gut für eine solche Nachricht zahlte. Und zwei Beutel waren besser als einer.

Der Händler zog eine zierliche Eselin am Zügel hinter einem Gestrüpp hervor. Er steckte das Paket in die Satteltasche und schwang sich auf den Rücken des Reittieres. Seine Füße berührten fast die Erde. Mit einer Gerte schlug er der Grauen aufs Hinterteil. Die setzte sich eher widerwillig in Bewegung und fiel in einen kurzen Trab. Der Händler drehte sich einmal kurz um. Akkons Mauern wirkten abweisend. Als trauerte St. Jean d’Acre, nun seit etwa vierzig Jahren die behelfsmäßige Hauptstadt des Königreichs Jerusalem, um ihre Schwester Jerusalem, die gefallene Perle, die noch immer in den Händen der Ungläubigen war.

Er zog den Stoff vor seinem Gesicht noch ein wenig höher. Seine scharfen Augen musterten unablässig die Gegend, während er sich immer weiter von den trutzigen Mauern entfernte. Doch er konnte keine Verfolger ausmachen. Er sah nichts als das weich gewellte, zum Horizont hin hügelige Land von Kanaan.

Der Morgen dämmerte bereits, als er die Festung auf dem hohen Felssturz erblickte. Die großen Quadersteine leuchteten im Morgenrot. Er nickte zufrieden. Montfort kauerte sich wie ein junger Adler in sein Nest. Wer ohne Zustimmung der Burgbewohner dort hinaufwollte, würde es schwer haben. Das Tuch war sicher in der Bastion des Deutschen Ordens. Doch er musste sich beeilen, um ungesehen in die Burg zu kommen. Der Himmel im Osten wurde schnell heller. Bald würde die Sonne sich vollends über den Horizont geschoben haben.

Morgen würde er noch einmal aufbrechen und eine letzte Reise mit dem Heiligen Tuch antreten, ehe es dann für lange Zeit hinter den sicheren Mauern von Montfort verschwand. Er hatte es Rudolf versprochen, es ihm mit dem Heiligen Eid der Marianer geschworen. Albrecht, der Habsburger, wartete in seinem Grab zwischen Akkon und Tyros darauf, dass er es ihm zeigte. Auch um das Leinen mit dem Antlitz Christi zu schützen, war Albrecht vor über dreißig Jahren ins Heilige Land gezogen. Und viele mit ihm. Er hatte es nie gesehen. Doch morgen würde er es zu ihm bringen, würde er es ihm auf die Brust legen. Für einen kurzen Moment nur, in der Hoffnung, dass Albrecht dadurch der Vergebung der Sünden teilhaftig wurde und Eingang fand ins Paradies.

Und dann würde er den Sohn Gottes um seinen Segen für das Haus Habsburg anflehen. Zur Mehrung des Ruhmes dieses kämpferischen Geschlechts. Und um Schutz und Schirm für Rudolf, den Sohn Albrechts, auf dessen Weg zum Thron.

I

Das rhythmische Trommeln, unterbrochen vom Klatschen von Lederriemen auf nackter Haut, war zu hören, lange bevor der Zug durch das Waldshuter Osttor kam. Es übertönte sogar das Prasseln der mit Schneegriesel und kleinen Hagelkörnern vermischten Regentropfen auf dem Lehmboden. Die ersten Schaulustigen erschienen oder hingen neugierig in den Fenstern. Mathilde seufzte. Die Feuchtigkeit hatte bereits den Weg durch ihren Hemdausschnitt und den Rücken hinunter gefunden. Ihr Umhang aus grober Wolle war vollgesogen und schützte sie nicht mehr vor dem nasskalten Novemberwetter. Bei dem Gedanken an die Prozession, die sich da dem Stadttor näherte, bekam sie zusätzlich eine Gänsehaut. Sie wollte das nicht sehen. Eine Mischung aus Ekel und Faszination trieb sie dennoch vorwärts, sie drängte sich durch die Gaffer, um besser sehen zu können. Der tagelange Dauerregen schlug jedem auf die Stimmung. Und der Zug der Büßer versprach immerhin eine Abwechslung.

Anfangs hatte sie wegen der Trommeln einen Überfall des Neuenburgers befürchtet. Doch dessen Männer kamen mit Schwertern, Lanzen, Äxten und nagelbewehrten Knüppeln, nicht mit Peitschen. Die Angst ging um in Waldshut. Es gab Gerüchte, dass der Bischof von Basel plante, die Stadt seines Erzfeindes Rudolf von Habsburg dem Erdboden gleichzumachen. Wer sollte ihn auch zur Rechenschaft ziehen? Der Landfrieden war lange dahin. Und die Großen nahmen keine Rücksicht auf die Kleinen, auf ein paar Tote, Zerstückelte oder Waisen mehr, wenn es darum ging, ihre Streitigkeiten auszutragen und ihre Schäfchen ins Trockene zu bringen. Waldshut war zwar befestigt, aber noch eine junge Siedlung, erst vor etwa zwanzig Jahren als Tor über den Rhein zu den Besitzungen des Habsburgers und nach Klingnau gegründet. Die Stadt hatte dem Neuenburger nicht viel entgegenzusetzen. Es gab nur eine kleine Wachmannschaft.

Eine Hand tippte ihr von hinten auf den Rücken. Mathilde fuhr herum.

»Willste die Hühner nun oder nich? Entscheide dich, Mädchen, die Geißler kommen«, herrschte die dicke Bäuerin sie an. Sie war Mathilde nachgekommen. Die Frau brannte wohl darauf, ihre Siebensachen zusammenzupacken, um sich das Spektakel in Ruhe anzuschauen. Mathilde blickte zurück zum Marktplatz. Auch die anderen Händler kramten eiligst ihre Waren zusammen. Im Gefolge der Flagellanten streifte Gelichter durchs Land, das wusste jeder. Diebe, die einen Apfel schneller als ein Augenzwinkern in ihren Taschen verschwinden lassen konnten.

Mathilde zuckte die Schultern. Was blieb ihr anderes übrig. Die vier Hühner in den Holzkäfigen der Bäuerin waren dünn, zwei davon weit jenseits des Alters, in dem sie noch Eier legen konnten. Es würde schwer werden, aus diesem zähen Federvieh eine zarte Speise zu bereiten. Ihr guter Ruf stand auf dem Spiel. Und der des Gasthofs »Zum Salm«, fügte sie der Vollständigkeit halber hinzu. Dort kochte sie seit vier Wochen. Sie hatte sich als Küchenmagd verdingen müssen, um nicht zu verhungern.

Sie gab seufzend ihren guten Platz auf und ging zurück zum Stand der Bäuerin. Dort prüfte sie noch einmal die mageren Hühner. Sie sahen noch immer alt und zäh aus. Doch ausgerechnet für diesen Abend hatte sich überraschend eine Gesellschaft adeliger Herren angekündigt. Und andere Vögel würde sie heute wohl nicht mehr finden. Hoffentlich bekam sie keine Prügel vom Salmwirt, weil sie keine besseren Tiere brachte.

»Was is nun? Weißte endlich, wasde willst?« Die Stimme der Bauersfrau wurde noch eine Spur ruppiger. Mathilde nickte ergeben. Warum nur bestand der Salmwirt darauf, dass sie die Waren einzig von dieser Bäuerin bezog? Er hatte wohl einen Handel mit ihr abgeschlossen.

Die Bäuerin sah Mathilde streitlustig an und stopfte die flatternden, wild kreischenden Hühner in deren Korb. Die neue Magd im Salm würde schon noch begreifen, wie die Dinge lagen.

Sie musterte sie ungeniert. Die Kleine war entschieden zu ansehnlich, drall an den richtigen Stellen, mit dem unschuldigen Gesicht eines Engels. Doch sie hatte es offenbar faustdick hinter den Ohren. Denn die rauchgrauen großen Augen mit den grünen Sprenkeln hielten ihrem Blick ohne das geringste Anzeichen von Unsicherheit stand. Trotz des regennassen Umhangs reckte sie sich sogar noch ein wenig höher auf und hob energisch das kleine Kinn mit dem Grübchen. Haselnussbraunes lockiges Haar ringelte sich unter ihrer Mantelkapuze hervor und bildete einen reizvollen Kontrast zur Farbe der Augen unter den schmalen Brauen. Eine davon zog sie spöttisch hoch. Ob dieses Mädchen wirklich so selbstsicher war, wie es sich gab?

Die Bauersfrau strich sich mit der Hand über ihr durchnässtes Kopftuch, als wollte sie ihre Haare richten. Dann wurde ihr Blick tückisch. Baldur würde seiner neuen Magd gehörig die Leviten lesen, wenn er die Hühner sah. Und anschließend dafür sorgen, dass er nicht übervorteilt wurde. Das Winterholz hatte er, wie abgemacht, schon geliefert. Deshalb würde er sich von ihr auf andere Weise entschädigen lassen. Wie sie ihn kannte, noch in dieser Nacht. Doch diesen Preis zahlte sie gerne. Baldur war zwar nicht gerade zartfühlend, aber er war ansehnlich ausgestattet und so unermüdlich wie ein guter Zuchtbulle. Nach einem letzten Blick auf das Mädchen wandte sie sich ab.

Mathilde ergriff den Henkel des Korbs mit den Hühnern und hob ihn hoch. Die Vögel protestierten gackernd. Da entdeckte sie den Zug, der nun das Stadttor passierte. Vorneweg stapfte ein Trommler durch den Matsch. Er drosch im Takt des Herzschlages mit einem Schlegel aus dem Oberschenkelknochen eines Menschen auf eine aufgeblasene Schweinsblase ein. Neben ihm marschierte ein Predigermönch in einer löchrigen Kutte von undefinierbarer Farbe. Kreischend und gestenreich beschwor er alle Qualen der Hölle und forderte milde Gaben für die Büßer.

Immer mehr Schaulustige strömten herbei, um sich dieses Spektakel anzusehen. Es würde noch über Tage viel Gesprächsstoff liefern. Ausgemergelte Gestalten, alle barfuß, wateten müde durch den aufgeweichten Lehmboden, in den sie an manchen Stellen knöcheltief einsanken. Der Lehm gab jedes Mal ein protestierendes Schmatzen von sich, wenn ein Fuß wieder herausgezogen wurde. Nach einer Weile murrten die Umstehenden enttäuscht. Es war wie immer. Die wirklich guten Flagellanten, die, die sich richtig heftig geißelten, dass das Blut nur so über den Oberkörper strömte, bevorzugten die größeren Orte. Dort war mehr zu holen. Das hier war noch nicht einmal ein mittelmäßiger, es war ein kläglicher Zug. Nur etwa fünfzehn Büßer schlugen sich im Rhythmus der Schweinsblase den nackten Rücken wund. Die Körper der Vorüberziehenden waren von einer grauen Mischung aus Matsch, Kot und Pisse bedeckt, egal, ob Mann oder Frau. Sie waren nicht besonders gut. Nur wenige Blutstropfen zogen Schlieren durch die klebrige Dreckschicht.

Ach ja, die Basler und die Freiburger waren andere Geißler gewohnt, hörte man. Solche, die kräftig draufhauten und herrlich durchdringend stöhnten, die verzweifelt mit den Augen rollten oder wenigstens Schaum vor dem Mund hatten. Diese Gestalten hier hatten Augen wie tote Fische, ihr Stöhnen wirkte unecht. Da waren Tricks und betäubende Kräuter im Spiel. Das merkte selbst Mathilde.

Die Hühner in ihrem Korb gackerten bei dem Lärm wieder Zeter und Mordio. Da blieb Mathildes Blick an einer Frau im Zug der Geißler hängen. Sie war hochgewachsen, bis auf die Knochen abgemagert und schon sehr alt. Weit über vierzig Jahre, schätzte sie. Ihre nackten Brüste hingen schlaff und faltig herab und zitterten bei jedem Schlag. Mathilde bemerkte, dass einige Männer wollüstig grinsten. Ihr lief erneut ein Schauer über den Rücken. Die dunklen Augen im hohlwangigen Gesicht der Büßerin glühten wie Kohlen. Ihre mageren Arme führten die Geißel mit schier unglaublicher Kraft. Sie murmelte unentwegt etwas vor sich hin. Aber was, das war nicht zu verstehen. Als sie vorbeizog, sah Mathilde, dass an den Riemen ihrer Geißel scharfe Metallsplitter befestigt waren. Der magere Rücken, an dem man jede Rippe abzählen konnte, war eine einzige Wunde.

Das gefiel den Leuten. Sie pfiffen und jubelten ihr zu. Hinter dem Verhalten der Frau steckte bestimmt eine schreckliche Sünde. Dafür gaben die Gaffer gerne einen Obolus. Verschmutzte Kinder mit laufenden Rotznasen sammelten die Gaben ein. Kohlköpfe flogen in den Matsch vor dem Zug, ein Stück gesalzener Fisch segelte hinterher und verschwand blitzschnell in einem Beutel.

»Gib ein Huhn für ein Vergelts Gott«, krähte eine heisere Kinderstimme. Gleichzeitig spürte Mathilde einen schmerzhaften Kniff am Unterarm. Die Umstehenden blickten sie erwartungsvoll an.

»Los, gib dem Kleinen ein Huhn«, zischte eine Frau.

Der Knirps, ein Junge von etwa vier Jahren, hatte sich siegessicher vor Mathilde aufgepflanzt. Doch die wand sich. »Tut mir leid, die Hühner gehören mir nicht. Ich habe nichts, was ich dir geben kann.«

Von hinten spürte sie einen derben Stoß, der sie fast umgeworfen hätte, von vorne fauchte der Kleine zurück: »Sollst tausend Jahre in der Hölle schmoren!« Die Umstehenden feixten.

Plötzlich fühlte sich ihr Korb ziemlich leicht an. Mathilde hob das Tuch. Verdammt, während der Kleine sie vorne verfluchte, hatte ein anderer von hinten eines der Hühner gestohlen. Verteufelte Diebesbrut. Nun würde sie selbst hungern müssen. Salmwirt Baldur hatte kein Mitgefühl, wenn es um sein Eigentum ging, jeder Verlust wurde ohne Wenn und Aber von dem wenigen abgezogen, das er seinen Bediensteten zugestand.

Mathilde schossen die Tränen in die Augen. »Diese verwünschte, gottverdammte Hurensatansbrut«, schimpfte sie leise vor sich hin – und trat so wütend in eine Pfütze, dass der Matsch ihren Umhang hochspritzte. Sie versuchte, den Dreck abzuwischen, doch das machte die Sache nur schlimmer.

»Werte Jungfer, könntet Ihr bitte zuerst von meinen malträtierten Zehen steigen und dann Euren Umhang reinigen?«

Mathilde schaute erschrocken auf – direkt in die braunen Augen eines etwas korpulenten, mittelgroßen Mannes.

»Oh, verzeiht, Herr.« Hastig und verlegen hob Mathilde ihren Fuß.

»Es war mir ein Vergnügen, holde Maid«, meinte der Mann mit einem Kratzfuß. »Passt nur auf, dass Euch der Teufel nicht wirklich in sein Feuer holt.« Er lachte schallend, als er Mathildes erschrockenes Gesicht sah. »Nun, so schlimm isses auch wieder nicht. Wenn jeder, der flucht, in die Hölle käme, wäre dort kein Platz mehr für die wirklichen Sünder.«

»Ich weiß«, gab Mathilde schluchzend zurück. »Aber mein Huhn. Das verdammte Diebespack! Diese Satansbraten haben mir ein Huhn gestohlen.«

»Ah ja, fast hätte ich es vergessen.« Der Mann hielt ihr ein flatterndes und zeterndes Bündel hin. Es war ihr Huhn, das er an den Füßen gepackt hielt.

»Oh Herr, ich danke Euch. Die Heilige Jungfrau Maria möge Euch für Eure gute Tat belohnen!« Mathilde strahlte den Fremden dankbar an, die Grübchen in ihren Wangen wurden tiefer. In den Augen des Mannes glomm mit einem Mal ein Funke auf, den sie von der Arbeit im Wirtshaus inzwischen nur allzu gut kannte. Ihr Lächeln gefror.

»Oh, ich wüsste schon eine Belohnung«, erklärte er anzüglich.

Mathilde wollte gerade eine patzige Antwort geben, da hörte sie hinter sich eine zweite Stimme rufen: »Nogger von Klingnau, das werde ich Eurem Weib sagen. Ihr seid doch sonst nicht auf Abenteuer aus.«

»Das war doch nur ein Scherz. Die kleine Wachtel hier ist schon sehr verführerisch, ich wollte sie jedoch nur ein wenig aufmuntern«, knurrte der Gerügte.

»Stimmt, ansehnlich ist sie, unsere holde Maid. Ein wenig dreckig, aber ansonsten ist alles dran. Kleine Wachtel. Hm. Das passt. Zumindest, soweit ich das bisher sehen kann«, bestätigte der Mann in Mathildes Rücken. Ein Lachen schwang in seiner Stimme. »Außerdem gebührt die Belohnung ohnehin mir, mein Freund. Ich habe den kleinen Hühnerdieb erwischt.«

Der Mann namens Nogger hob beide Hände. »Habt ja recht, Herr Steinmar. Ich gebe mich geschlagen. Die Wachtel hier ist Euer.«

Steinmar? Der berühmte Minnesänger vom Schloss in Klingnau? Eine kräftige Männerhand wirbelte Mathilde herum, und sie blickte in die blauesten Augen, die sie je gesehen hatte. Die ganze Angelegenheit war ihr unendlich peinlich. Sie tat das Einzige, was ihr in diesem Moment einfiel. Sie packte Huhn und Korb und ergriff die Flucht.

»Unsere Freundin ist nicht nur drall und proper, sondern auch flink«, flachste der Blauäugige. »Ach, da fliegt sie nun davon und …«

Mehr konnte sie nicht mehr verstehen.

Mathilde kochte innerlich. Sie merkte nicht, wie sie bei ihrem Lauf in weitere Pfützen trat und der Matsch erneut an ihr hochspritzte. Nun gut, die Männer hatten ihr Huhn gerettet. Sie müsste eigentlich dankbar sein.

Trotzdem. Hoffentlich taten dem Dicken jetzt kräftig die Zehen weh. Und der andere, puh! Kleine Wachtel? Drall und proper? Unverschämtes Pack! Ach, die Männer waren doch alle gleich, ob zwischen Linnen geboren oder im Stall.

Nur die blauen Augen und dieser spöttische Blick wollten ihr einfach nicht aus dem Sinn. Seine Augen waren so blau, so leuchtend und ebenso durchsichtig wie der Himmel an einem sonnigen Frühlingsmorgen. Ihr war, als sei das Himmelsblau direkt in sie hineingetröpfelt.

Mathilde hielt inne und wandte sich um. Vielleicht hatte die hochgewachsene Frau im Zug auch einmal zu tief in die blauen Augen eines Mannes geschaut. Vielleicht war sie darauf schwach und sündig geworden. Zögernd und dann immer forscher ging Mathilde einige Meter zurück. Die beiden Männer waren inzwischen in der Menge der Schaulustigen verschwunden.

»Kommt nach Mitternacht an die Hintertür des Salm«, rief sie der Frau zu. »Das ist die Schenke beim Stadttor da vorne. Ich kann Euch jetzt nichts geben, doch vielleicht dann.«

Die Frau hob müde den Kopf, und Mathilde erschauerte. Sie hatte noch niemals Augen so voller Leid gesehen.

»Ich danke Euch«, flüsterten ihre blassen Lippen. »Ich werde kommen.« Dann schritt sie ruhig weiter. Jeder Herzschlag ein Schwung, jeder Trommelschlag ein Klatschen der eisenbewehrten Riemen auf blutiges Fleisch.

Es war noch still im Haus, als Mathilde vorsichtig durch die Hintertür in den Gasthof schlich. Baldur und seine Frau ließen sich am Morgen Zeit. Heute gab es auch keine Übernachtungsgäste. Mathilde packte den Korb etwas fester und brachte die Hühner nach hinten zum Stall. Dort fand sie sicher Martin. Der Knecht würde sie für sie schlachten, wenn sie ihn darum bat. Sie brachte das einfach nicht übers Herz.

Beim Gedanken an den Stallknecht wurde Mathilde warm ums Herz. Er war ein großer Mann, mächtig wie ein Bär. Und er sah auch so aus. Sein dunkler borstiger Bart bedeckte fast das ganze Gesicht. Sein Blick war finster. Anfangs hatte Mathilde sich vor ihm gefürchtet. Doch dann hatte sie beobachtet, wie liebevoll und sanft er mit den beiden Kutschgäulen im Stall des Salmwirtes umging. Als wären die Rösser seine Brüder. Inzwischen waren sie Freunde.

Außer Martin hatte Mathilde in den vier Wochen, in denen sie nun als Küchenmagd im Salm diente, noch zwei Freunde gewonnen. Der eine war ein räudiger, schon fast zahnloser Straßenköter mit klugen, traurigen Augen und einem Fell so struppig wie Martins Bart. Sie gab ihm hin und wieder Knochen und Essensreste, an denen er mit seinen wenigen Zähnen glücklich kaute. Dann war da noch eine junge, halbwilde Katze. Sie ließ sich nicht streicheln, doch sie kam immer wieder und beobachtete Mathilde mit zusammengekniffenen grünen Augen bei der Arbeit und hielt den Hof von Mäusen frei.

Martin hatte Mathilde schon kommen sehen – und vermutlich die Hühner gehört, die im Korb wieder ein Höllenspektakel veranstalteten. Er kam ihr entgegen, runzelte die Stirn, als er des Federviehs ansichtig wurde, und verschwand mit dem Korb im Stall, ohne ihre Bitte um Hilfe abzuwarten. Mathilde hörte die Tiere zetern, dann brach der Lärm ab. Nicht lange danach drückte er ihr den Korb mit den toten Vögeln in die Hand.

Sie transportierte sie eiligst ins Küchenhaus. In Waldshut hatten neben dem Salmwirt auch schon einige andere Leute diese Neuerung. Natürlich war die Brandgefahr auch an der ausgelagerten Kochstelle immer noch hoch, doch wenn es nun dazu käme, würde nicht gleich das ganze Wirtshaus in Flammen aufgehen. Der Stallknecht folgte ihr unaufgefordert.

Über den glühenden Holzkohlen in der Vertiefung des steinernen Kamins hing ein Kessel mit kochendem Wasser. Es war Mathildes Aufgabe, das Herdfeuer niemals ausgehen zu lassen und immer dafür zu sorgen, dass heißes Wasser da war. Das bedeutete auch, dass sie jede Nacht mehrmals aufstehen musste, um nachzulegen, im günstigsten Fall wie diesen Morgen Holzkohlen aus einem der umliegenden Meiler. Es gab viele Köhler im dichten Wald auf den Hügeln. Holzkohle brannte länger als Scheite, selbst die minderwertige Ware, die Baldur besorgte. Trotzdem war sie ihm oft zu teuer.

Manchmal übernahm auch Martin die Arbeit des Nachlegens, dann konnte sie einmal eine Nacht durchschlafen. Allerdings nur bis gegen fünf Uhr im Winter und vier Uhr im Sommer. Die wenigen Reisenden, die auf ihrem holprigen Weg Richtung Westen im Salm Station machten, weil sie nach Laufenburg zur Brücke über den Rhein oder mit der Fähre über den Fluss und weiter nach Brugg wollten, brachen zumeist mit der Morgendämmerung auf. Es war Mathildes Pflicht, sie zu versorgen.

Noch immer war es still im Haus. Mathilde wurde die Ruhe langsam unheimlich. Sie brühte die Hühner eilig ab und begann, sie zu rupfen. Die Federn packte sie sorgsam in einen Sack, um sie nach dem Trocknen noch zu verwenden. Die Daunen dienten als Füllung für Kissen und Decken, die starken brachte sie Martin. Er schnitzte daraus Federkiele. Der Stallknecht konnte zwar nicht schreiben, verdiente sich aber so ein Zubrot. Zum Dank half er ihr beim Rupfen der Hühner. So auch heute. Zusammen waren sie in einer halben Stunde fertig.

Mathilde kokelte mit einem Stück Holzkohle die Haare von der Hühnerhaut. Dann nahm sie die Vögel aus, wusch sie und warf sie in den Wasserkessel über dem Feuer. Martin legte Holz nach, und das Wasser brodelte auf. Beim Kochen bildete sich weißer Schaum, den Mathilde zunächst abschöpfte. Danach kamen Rüben- und Selleriewürfel, ein Becher getrocknete Pimpernelle, vier Knoblauchzehen, eine große Zwiebel, etwas Eberraute, Kardamom und Majoran hinzu. Später würden noch einige Safranfäden folgen, um die Suppe schön gelb zu machen. Falls der Salmwirt sie herausrückte. Safran war teuer.

Dazu würde es Fladenbrot geben. Der Teig stand seit rund zwei Stunden zugedeckt auf dem Tisch in der Nähe des Herdfeuers. Das Wirtshaus zum Salm war für sein würziges Fladenbrot inzwischen fast ebenso bekannt wie für seine Hühnersuppe, sein Griebenschmalz und seine Geflügel- und Wildpasteten. Es hatte sich in Windeseile herumgesprochen, dass die neue Magd etwas vom Kochen verstand. Und heute sollte nun zum ersten Mal eine adlige Gesellschaft kommen. Es erstaunte Mathilde deshalb, dass Baldur immer noch nicht aufgetaucht war. Bei seinem Weib wunderte sie das weniger. Die Salmwirtin würde bald niederkommen.

Martin war am Eingang des kleinen Kochhauses stehen geblieben. Er lehnte an der Türzarge und sah Mathilde stumm zu, wie sie die Fladenbrote formte und sie in den Ofen schob. Der zahnlose Hund hatte sich ebenfalls eingefunden. Weder Mann noch Hund ließen Mathilde auch nur für einen Augenblick aus den Augen. Beide sahen zu, wie sie den vorbereiteten Pastetenteig aus einer Schüssel nahm. Der wurde ausgerollt und kam in die gefettete Form. Dann machte sie sich an die Zubereitung der Füllung. Sie bestand aus den fein gehackten rohen Hühnerinnereien, vermischt mit Eiern, altem Brot, zerhackten Knoblauchzehen, einer Prise Bachminze, getrocknetem Beifuß, kräftig Muskat, zerstoßenem getrocknetem Bertram und Quendel sowie einer Prise des kostbaren Salzes. Später, wenn die Hühner fertig gegart waren, würde sie noch das ausgelöste und zerstampfte Fleisch hinzufügen.

»Erst die Gegensätze machen das Essen rund«, murmelte Mathilde. Sorgsam hob sie das Tuch von einem Steintiegel, fuhr mit dem Holzlöffel hinein und holte eine genau bemessene Menge Honig heraus, mit der sie die Füllung süßte. Dann schüttete sie noch etwas Apfelessig und einen kräftigen Schuss Gebrannten aus Zwetschgen in die Pastetenmasse. Anschließend walkte sie mit ihren kleinen, kräftigen Händen alles energisch durch. Zur Pastete würde es Mathildes besondere Soße aus Preiselbeermus geben.

Sie war so in ihre Arbeit vertieft, dass sie alles um sich herum vergaß. Martin beobachtete, wie sich ihr sonst oft so trauriges und verschlossenes Gesicht entspannte. Mathilde liebte, was sie tat. Er fand, dass sie aussah, als bete sie.

Da erhob sich ein Heidenlärm im Haus. Die aufgeregten Stimmen von mehreren Männern und Frauen schallten zum Küchenhaus herüber. Mathilde schaute auf und versteifte sich.

»Mathilde, Martin! Heilige Radegund, wo steckt denn dieses stinkfaule Gelichter schon wieder!«

Mathilde wischte sich die Hände am Rock ab, schürzte ihn und stürzte in Richtung Haus. Die Erfahrung hatte sie gelehrt, dass sie sich besser beeilte, wenn der Salmwirt in dieser Stimmung war.

»Leuteschinder«, knurrte Martin in seinen Bart.

»Da seid ihr ja endlich. Mein Weib ist tot, und ihr lungert herum! Liederliches Pack! Man sollte euch das Fell über die Ohren ziehen.«

Mathilde war erschrocken. Damit hatte sie nicht gerechnet. Obwohl es nichts Ungewöhnliches war, viele Frauen starben im Kindbett. »Mein Beileid«, murmelte sie und verstummte.

Sie nahm Baldur den trauernden Witwer nicht ab. Auch wenn er jetzt zwei Tränen im Augenwinkel zerquetschte, als er fortfuhr: »Und mein Sohn ist auch tot.« Dann wurde er sofort praktisch. »Martin, schaff die Schankmagd her. Dann zimmere den Sarg. Im Schuppen sind Bretter. Und du, faules Stück, kümmere dich schon mal um Bier und Wein. Bald kommen die Trauergäste, diese verdammten Schmarotzer. Nimm den Wein von der hinteren rechten Seite des Vorratskellers.«

Mathilde wusste, das war der schlechtere.

Baldur seufzte noch einmal theatralisch. »Ich brauch jetzt Ruhe.« Er machte eine Pause, dann musterte er sie von oben bis unten. »Heut Nacht, wenn der Salm zumacht, werden wir mal ein Wörtchen miteinander reden.«

Mathilde begriff sofort, was das bedeutete. Ihr wurde übel. Baldur verlor keine Zeit, er wusste schon, wer demnächst sein Bett wärmen sollte. Nun, da musste er sich eine andere suchen. Sie machte, dass sie davonkam. Martin ebenfalls.

»Hast du was vom Tod der Wirtin bemerkt?«, fragte er.

Mathilde schüttelte den Kopf. »Wenn du nachts nachlegst, schlafe ich ja nicht hier im Haus, sondern in meinem eigenen Bett.« Wer weiß, wie lange noch, dachte sie dann, und eine Klammer legte sich um ihr Herz.

»Tust wohl auch gut daran, im eigenen Bett zu bleiben«, erwiderte er.

Mathilde sah ihn erstaunt an. Martin machte selten persönliche Bemerkungen.

»Soll ich aufpassen, wenn du schläfst?«, fragte er.

Sie schüttelte erneut den Kopf und wurde rot. Martin hatte also auch verstanden, worum es ging. Sie schämte sich.

In einem Moment der Ruhe beobachtete Mathilde neugierig die Gäste durch den Vorhang, der den Hinterausgang verbarg. Dicker Qualm aus dem Kamin vernebelte den Raum, der Abzug musste dringend gereinigt werden. Der säuerliche Geruch von Wein, von Bier und von Menschenschweiß vermischte sich mit dem Pastetenduft. In der Wirtsstube ging es hoch her, als wären Baldurs Sohn und sein Weib nicht gerade erst gestorben. Die Trauergäste hatten den ganzen Tag über einen Humpen Bier und einen Krug Wein nach dem anderen geleert. Mathilde musste zusätzliche Fladenbrote backen und hatte es außerdem noch irgendwie geschafft, die Suppe, die Pasteten und die Soße für die angekündigte Abendgesellschaft fertig zu bekommen.

Es war inzwischen bald Mitternacht. Wo die hohen Herren nur blieben? Sie spürte einen Luftzug. Ah, jetzt ging die Tür auf.

Mathilde beobachtete, wie der Wirt vor den hochgestellten Gästen dienerte und diese in gebückter Haltung zu einem freien Tisch führte. Die anderen Gäste gafften mit offenen Mündern. Eilig und mit niedergeschlagenen Augen servierte Mathilde die vorbereiteten Speisen und machte dann, dass sie davonkam. Wieder nahm sie ihren Beobachtungsposten hinter dem Vorhang ein, um die späten Gäste in Ruhe zu betrachten.

Es war eine Runde von fünf Männern. Dieser Nogger war dabei, der Klingnauer vom Vormittag. Neben ihm saß ein großer Hagerer in schlichtem Wams auf der Holzbank. Seine hervorstechendsten Merkmale waren seine Hakennase und die leicht hängende, wulstige Unterlippe. Er genoss offensichtlich die besondere Achtung seiner Tischgenossen. Immer wenn er das Wort ergriff, schwiegen die anderen respektvoll. Seine Stimme war sonor, klang angenehm. Doch das war es nicht, was ihm die ungeteilte Aufmerksamkeit bescherte. Von diesem Mann ging große Autorität aus. Schon allein wie er dasaß, wie er sich bewegte. Jede Geste zeigte, dass er es gewohnt war zu befehlen. Er langte nur mäßig zu, trank wenig. Dieser Mann aß, furzte und rülpste sogar vornehmer als andere Leute, fand Mathilde. Die anderen am Tisch nannten ihn Graf Rudolf. Heiliger Eusebius, das musste der Habsburger sein! Die Leute behaupteten, er sei geizig. Vielleicht trug er deshalb einen so schmucklosen Rock, dunkel wie der Kittel eines einfachen Mannes.

Dann war da noch einer, den sie Heinrich riefen. Das war wohl der schwarze Minorit, der Vertraute des Grafen, von dem alle sprachen, Heinrich von Isny. Das grobe Gesicht, das kantige Kinn, die breiten Schultern – auf den ersten Blick wirkte er auf Mathilde wie ein Bauer oder Handwerker. Sein Vater war Bäcker oder Schmied gewesen, sagten die Leute. Manche glaubten, er sei mit dem Teufel im Bunde. Oder wie sonst konnte es sein, dass ein Niemand so hoch aufstieg? Seine Kutte war aus gutem, festem Stoff gefertigt. Trotz seiner Zugehörigkeit zu den Bettelbrüdern sprach er dem Wein kräftig zu, wohl nicht nur an diesem Abend. Er hatte Besenreiser auf den Wangen und auf der Nase. Es gab welche, die behaupteten, er habe ein höllisches Temperament. Nun ja, auch in der Kutte der kleinen Brüder des heiligen Franziskus steckten halt Menschen. Seine Augen wirkten wach, sie sahen viel.

Mathildes Blick wanderte über den runden Bauch nach unten. Doch der Tisch war zu hoch. Sie konnte den Gürtel nicht sehen, von dem der Minorit seinen Spitznamen hatte. Die Leute nannten ihn Knoderer, den Gürtelknopf. Wo Rudolf sich zeigte, da war auch der Gürtelknopf nicht weit. Er war der Einzige, dem der Graf traute, hieß es. Bei den ganzen Raubzügen, die er in den letzten Jahren unternommen hatte, tat der Habsburger wahrscheinlich auch gut daran, überall Feinde zu wittern. Er war weiß Gott nicht zimperlich, wenn es darum ging, sich Hab und Gut eines anderen Mannes anzueignen.

Den Vierten, der neben dem Mönch hockte, konnte Mathilde nicht sehen. Er wurde von Baldur verdeckt. Außerdem war da noch einer, den sie den Tettinger nannten. Er hatte eine Fistelstimme, goss den Wein nur so in sich hinein und war schnell völlig betrunken. »Man reiche mir mehr von dieser wundervollen Pastete, man gebe mir mehr von dieser schmackhaften Soße, damit ich mein Lied darauf reimen kann. Zeigt mir die Köchin dieser edlen Speisen. Bringt mir die Fee der Kochlöffel, damit ich ihr mit meinen Versen einen Lorbeerkranz flechten kann«, brüllte er mit schwerer Zunge. »Schickt sie uns, schickt sie uns, schickt sie uns …«

Mathilde kicherte leise. Sie fand es erstaunlich, dass dieser Mann trotz seines beachtlichen Weinkonsums noch so lange Sätze bilden konnte.

»Wirt, warum versteckt Ihr diesen Küchenschatz vor uns? Bringt sie her!«

Ein Mann nach dem anderen fiel ein. »Bringt sie her, bringt sie her«, grölten die Gäste und hämmerten im Takt auf die Tische, bis die Schankstube dröhnte. Magdalen, die Schankmagd, machte große Kuhaugen. Baldur dienerte und rieb sich mit dem Ärmel den Schweiß von der Stirn. Mathilde wäre am liebsten in Grund und Boden versunken.

Sie wollte sich gerade heimlich davonstehlen, als der Salmwirt sie entdeckte. »Dirne, komm her. Die Herren ham geruht, deine Pasteten zu loben«, brüllte er. »Komm sofort, sonst mach ich dir Beine!«

Schüchtern trat sie vor den Vorhang. Das rhythmische Hämmern der Fäuste wurde bei ihrem Erscheinen noch lauter. Mathilde war dieses Aufsehen um ihre Person mehr als unangenehm. Sie war sich ihres verdreckten Rocks nur allzu bewusst. Ihr Haar duftete nicht wie das einer feinen Dame, sondern stank nach Fett, Essensdünsten und dem Rauch des Herdfeuers. Einige Strähnen hatten sich unter ihrem Kopftuch aus dem hüftlangen Zopf gelöst und hingen ihr ins Gesicht. Sie kam sich so hässlich und linkisch vor. Aber ein wenig stolz war sie auch. Sie ahnte nicht, wie bezaubernd sie in ihrer Verlegenheit wirkte.

»Zu viel der Ehre, zu viel der Ehre«, murmelte Baldur unentwegt und ging ein wenig zur Seite, um Mathilde an den Tisch zu lassen, an dem die erlauchte Runde saß. Sie stockte mitten im Schritt. Da war er wieder. Steinmar, der Mann mit den blauesten Augen der Welt. Er war offenbar ebenfalls ziemlich betrunken und hatte die Arme auf den Tisch gelegt. Sein für seine Körpergröße wuchtiger Schädel ruhte darauf. Als sie näher kam, hob er den Kopf und blickte sie so durchdringend an, als wäre sie eine Ziege mit sechs Beinen. Zumindest kam es Mathilde so vor.

Zum zweiten Mal tat sie an diesem Tag etwas, was so gar nicht ihre Art war. Sie ergriff erneut die Flucht.

Im Gehen hörte sie, wie die Männer hinter ihrem Rücken grölend lachten. Das hast du nun von deinem Hochmut, Mathilde von Waldshut, dachte sie. Aber geschmeckt hatte es den hohen Herren doch. Obwohl sie sonst sicherlich viel Besseres aufgetischt bekamen. Da fühlte sie, wie jemand von hinten grob nach ihrem Zopf griff.

Der Salmwirt zerrte seine Küchenmagd außer sich vor Wut an den Haaren zurück zum Tisch der hohen Herren. »Was fällt dir ein! Rennst weg wie eine Blöde. Mach einen ordentlichen Knicks und sag Danke für das Lob, wie es sich geziemt. Obwohl dir so viel Wertschätzung gar nicht zukommt. Müsst wissen, sie ist nichts als eine dumme Metze, die ich aus dem Dreck gezogen habe, weil sie niemanden mehr hatte. Hab sie mühsam angelernt. Und jetzt wird sie aufsässig. Verzeiht, hohe Herren, werd ihr nachher tüchtig das Fell gerben.«

Mathilde griff nach ihrem Zopf, um sich loszureißen. In ihren Augen stand das blanke Entsetzen. Sie wusste, Baldur würde seine Worte wahr machen. Doch der Salmwirt hatte die Kraft eines Ochsen. Sie kam nicht los, sosehr sie auch zerrte.

»Lasst das Mädchen los. Sofort!« Der lange Graf war aufgesprungen. Sein blasses Gesicht war nur leicht gerötet, doch jeder konnte den Zorn spüren, den er nur mühsam im Zaum hielt. »Ihr seid selbst nichts als ein ungehobelter Rüpel. Sie ist eine Künstlerin in ihrem Fach. Wie könnt Ihr ein schwaches Weib so niederträchtig behandeln. Egal, woher sie kommt.«

Baldur stand wie erstarrt. Dann ließ er langsam Mathildes Haare los.

Die hatte bisher keinen Ton von sich gegeben. Nun sank sie wimmernd auf den gestampften Lehmboden. Sie fühlte eine sanfte Hand an ihrer Schulter und eine zweite unter der Achsel, die sie hochzog und wieder auf die Beine stellte. Blaue Augen blickten in ihre grauen. »Hab keine Angst, Mädchen«, flüsterte der Mann, den sie Steinmar nannten. »Werd nicht erlauben, dass er dich prügelt.« Er strich ihr sanft über die Haare. Jede Pore von Mathildes Kopfhaut schmerzte vom groben Zerren an ihrem Zopf. Dieses Streicheln tat unendlich wohl.

Sie hob den Blick. Der mittelgroße Mann vor ihr war nicht mehr jung, aber auch noch nicht alt, nicht sonderlich muskulös, aber mit kräftigen Schultern. Sie sah blonde Haare, die sich an der Stirn schon etwas lichteten, schaute in das Gesicht mit der in kühnem Schwung zur vollen Oberlippe strebenden Spitze einer beachtlichen Hakennase. Es war ein Gesicht, in dem der lustige Lebenswandel vieler Jahre in Form von Fältchen um die Augen seine Spuren hinterlassen hatte. Ihr Blick wanderte über die roten Äderchen der Wangen und das energische Kinn. Sie bemerkte die fleischige Unterlippe, die sie unwillkürlich vermuten ließ, dass sie es hier mit einem sinnlichen Menschen zu tun hatte. Für wenige Sekunden fühlte sie einen Körper an dem ihren, der sich in so manchem Kampf bewährt hatte. Sie spürte den kleinen Bauch, aber auch die Muskeln seiner Schenkel. Vor ihr stand ein Mann, der das Leben genoss. Der spotten konnte, trinken, kräftig zulangen, wüten, töten. Und lieben.

In diesem Moment war sie verloren. Ihr Herz raste. Das war er. Der Mann, dem sie folgen würde bis ans Ende der Welt. Falls er es wollte. Doch was sollte ein Ritter wie er schon mit einer dummen Küchenmagd? Sie senkte die Lider. »Danke, Herr«, murmelte sie. Mehr brachte sie nicht heraus.

Seine Antwort kam ebenso leise. »Gern geschehen, kleine Wachtel.«

Auch Martin war inzwischen in den Schankraum gekommen. Er hatte das Toben des Salmwirtes bis in den Stall gehört und fasste Mathilde nun sanft bei den Schultern, um sie hinauszuführen.

»So gehört diese Maid wohl dir, schwarzer Mann?«, fragte Steinmar. »Behandle sie gut, sie ist ebenso viel wert wie pures Gold.«

Martin musterte ihn für einen kurzen Moment, erwiderte aber nichts.

Mathilde wusste später nicht mehr genau, warum, aber sie straffte die Schultern, rieb sich mit dem Ärmel die triefende Nase ab und wischte sich die Tränen aus dem Gesicht. Dann sagte sie stolz, mitten hinein in diese blauen Augen: »Ich bin kein liederliches Weibsbild. Ich bin frei geboren und gehöre keinem Herrn. Nur dem, der unser aller Herr ist.« Damit verließ sie zusammen mit Martin den Raum. Mit erhobenem Haupt, wie eine Königin.

»Das wirst du mir büßen. Warte nur, wenn ich heute Nacht zu dir komme«, raunte ihr der Salmwirt im Hinausgehen ins Ohr.

Noch bevor sie draußen war, krampfte ihr die Furcht den Magen zusammen. Sie wusste nicht, wie es nun mit ihr weitergehen würde. Vielleicht musste sie ja als Bettlerin durch das Land ziehen. Mathilde schauderte. Es gab so viel Gesindel, für das die Ehre eines Mädchens nicht mehr wert war als eine Handvoll Dreck. Eines allerdings wusste sie sicher: dass sie dieses Wirtshaus verlassen und niemals wieder hierher zurückkehren wollte.

Stumm schritt Mathilde an der Seite von Martin ins Küchenhaus. Sie trat an den Milchtopf, schöpfte mehrere Kellen daraus in den Kessel, der nun leer neben der Herdstelle stand, und hängte ihn wieder über die Glut. Dann holte sie zwei hölzerne Becher und tat jeweils einen großen Löffel Honig hinein. Darüber schüttete sie wenig später die Milch. Einen Becher reichte sie Martin, am anderen nippte sie selbst. Die Wärme tat gut. Heiß und süß floss die Milch ihre Kehle hinab, füllte den Magen, wärmte ihn und löste den Knoten der Furcht. Langsam hörte Mathilde auf zu zittern.

Martin hielt seinen Becher, trank einige Male und beobachtete sie stumm. Ebenso wie die streunende Katze, die auf ihren nächtlichen Jagdzügen einen Halt im Küchenhaus eingelegt hatte. Auch der Straßenköter war erschienen.

Da nahm Mathilde eine kleine Holzschale und füllte eine ganze Kelle von Baldurs Milch hinein. Die Katze kam vorsichtig näher. Dann leckte sie begeistert. Die winzige rosa Zunge tauchte blitzschnell in die Flüssigkeit und verschwand dann im Mäulchen unter den Schnurrbartspitzen.

Der Hund blickte mit seinen gelben Wolfsaugen begehrlich zum Napf der Katze hinüber, doch er machte ihr die Milch nicht streitig. Mathilde nahm den Rest der Hühnerbrühe, die sie für ihr eigenes Essen morgen in einem Steintopf zur Seite gestellt hatte, und füllte damit einen weiteren Napf. Sie brockte einige Stücke Fladenbrot hinein, sodass sie schön weich wurden und der alte Hund sie trotz seiner Zahnlücken gut fressen konnte. Das letzte Fladenbrot legte sie zusammen mit dem letzten Stück Pastete auf den Tisch und schaute hinüber zu Martin. »Vor der Hintertür des Salm wartet eine Geißlerin aus dem Zug. Ich habe versprochen, ihr etwas zu essen zu geben. Ich kann nicht bleiben. Ich muss gehen, bevor das Wirtshaus schließt und Baldur Zeit für mich hat. Kannst du es für mich tun?«

Martin nickte. »So, gehst also. Für immer.« Es war keine Frage. »Soll ich dich in dein Haus begleiten?«

Mathilde schüttelte den Kopf. »Das ist nicht nötig, es sind nur wenige Schritte. Ich bin nicht in Gefahr, solange Baldur mit den Gästen beschäftigt ist. Und später? Ich weiß es nicht. Ich muss erst mal nachdenken. Keine Sorge, ich werde schon einen Weg finden, wie ich da wieder herauskomme. Gehab dich wohl. Und alles Gute, lieber Freund. Sag Baldur, dass ich die Milch gestohlen habe. Damit du keine Scherereien bekommst.«

»Ich komm schon zurecht«, erklärte Martin bestimmt, ohne das Gesicht zu verziehen.

Mathilde nahm ihren Umhang und schlüpfte hinein. Dann ging sie. Sie empfand kein Bedauern, den Salm zu verlassen. Aber Martin, den Hund und die Katze würde sie vermissen.

Die Katze ließ den Rest der Milch stehen und folgte ihr auf leisen Pfoten. Der räudige Köter schien ebenfalls zu ahnen, dass Mathilde nicht wiederkehren würde. Mit einem letzten, bedauernden Blick verließ er seinen zu noch fast einem Viertel gefüllten Napf. Aber sein Verlangen, bei diesem Menschen zu sein, war stärker als die Gier. So tappte auch er hinter ihr her. Martin rührte sich nicht, er schaute ihr nur nach.

Draußen atmete Mathilde tief die Nachtluft ein. Es war ein leichter Wind aufgekommen. Er hatte Lücken in die Wolkendecke geblasen, durch die der Mond schien und die Sterne glitzerten. Mathilde fiel bei ihrem Anblick eine große Last von der Seele.

Sie hörte ein Scharren, dann wurde sie von hinten umfasst, und ein Gewicht so schwer wie ein Mühlstein hing an ihr. Sie konnte ihm nicht standhalten und fand sich unversehens auf ihrem Hintern im Matsch wieder. Der Griff löste sich. Fluchend rappelte sie sich hoch und wandte sich um. Das Gewicht war ein Mann gewesen. Der saß ebenfalls im Matsch und fand die Angelegenheit zum Schreien komisch. Er wälzte sich grölend im Dreck, bis er von oben bis unten voller Lehm war. Dann krabbelte er auf allen vieren zu Mathilde und hangelte sich an ihren Kleidern hoch in eine mehr oder weniger aufrechte Stellung. Eher weniger. Der saure Geruch von Wein schlug ihr entgegen.

»Isch werde retten, schschschöne Maid«, versprach Steinmar voller Überzeugung und schwankte. Er war inzwischen vollends betrunken. Beinahe wäre er wieder zu Boden gestürzt.

Mathilde seufzte. »Wo sind Eure Kumpane?«, fragte sie.

»Ggggegangen«, erwiderte er und strahlte sie an, als wäre sein Benehmen das Natürlichste der Welt.

»Und wo geht Ihr jetzt hin, Herr?«, erkundigte sich Mathilde.

»Mit dir. Musch dich retten«, erklärte Steinmar mit schwerer Zunge.

Mathilde begriff, dass sie keine andere Wahl hatte. Wenn sie ihn hierließ, würde er in der Nacht vielleicht erfrieren, bezecht wie er war. Dabei hatte er vorhin in der Gaststube doch noch ganz vernünftig gewirkt. Männer! Sie hatte jedenfalls schon oft von unfreiwillig erfrorenen Trunkenbolden gehört. Außerdem klarte es auf. Sie konnte den Schnee und den Frost schon riechen. Also packte sie den völlig berauschten Ritter und schleppte ihn mehr schlecht als recht in ihr Haus. Dort setzte sie ihren Gast zunächst in einer Ecke ab, wo er sofort schnarchend einschlief, und betrachtete ihn eine Weile. Er wirkte irgendwie … zufrieden, wie er da so kauerte. Sie holte Kissen und Decken, legte sie auf den Boden und rollte ihn mühsam darauf. Er grunze nur kurz, schmatzte und schlief selig weiter. Mathilde fiel ein, dass dieser Mann nicht nur für seine Lieder berühmt war, sondern auch für sein außerordentlich aufbrausendes Temperament, das hervorbrach wie ein Gewitter. Das war kaum zu glauben, wenn man sah, wie er so dalag, friedlich wie ein Kind.

Sie stieg die knarrende, enge Holztreppe hinauf in ihre Kammer, um selbst ein wenig zu ruhen. Sie musste einen klaren Kopf bekommen, überlegen, was sie jetzt tun sollte.

Sie konnte nicht in Waldshut bleiben. Der Salmwirt würde darauf bestehen, dass sie ihren Teil des Vertrages erfüllte. Er hatte ihr erlaubt, Feuerholz in seinem Wald zu sammeln und sich einmal in der Woche einen Liter Milch von seiner Kuh zu holen. Alle zwei Jahre ein neues Gewand, alle drei ein neues Paar Schuhe und zu Weihnachten ein Viertel von einer Gans sowie ein kleines Fässchen Wein. Vom schlechteren natürlich. Dafür arbeitete Mathilde für ihn als Küchenmagd. Das war der Handel. Solche Verträge waren bindend. Wer sie brach, den trafen schwere Strafen. Doch Mathilde wusste, sie würde nicht wieder in den Salm gehen. Komme, was da wolle.

Aber wo sollte sie hin? Einfach alles im Stich lassen? Oder ihren Stolz hinunterschlucken, ein zweites Mal zu ihrem Onkel gehen und erneut um Hilfe bitten? Vielleicht konnte sie ihm ihr Verhalten erklären, und er beschützte sie wenigstens vor Baldurs Nachstellungen. Er hatte die Macht dazu, er war immerhin der Schultheiß von Waldshut. Doch als sie nach dem Tod der Mutter an seine Tür geklopft und um Hilfe angefragt hatte, war sie rundweg abgewiesen worden. Er verkehre nicht mit Lumpen und Schacherern und auch nicht mit deren missratenen Bälgern, hatte er erklärt. Sie war wie vor den Kopf geschlagen gewesen. Mathilde wusste, es hatte zwischen dem Vater und ihm vor langer Zeit einen bösen Streit gegeben. Aber sie gehörte doch zur Familie, wie konnte er sie da abweisen, jetzt, wo sie niemanden sonst mehr hatte? Vielleicht half er jetzt dennoch. Er musste einfach. Und sei es nur, damit die Verfehlungen der Nichte nicht auf ihn zurückfielen. Schließlich wäre es als Familienoberhaupt seine Pflicht gewesen, sich um sie zu kümmern. Trotz des Zwistes mit dem Bruder. Es musste ihr irgendwie gelingen, ihm das klarzumachen.

Von unten tönte Steinmars lautes Schnarchen in ihre Kammer. Nun, vor diesem Mann war sie jedenfalls sicher. Sein Schnarchen war eigentlich sogar ein schönes Geräusch. Sie fühlte sich nicht mehr ganz so einsam. Außerdem, gestand sie sich unwillig ein, fand sie es schon fast schade, dass sie von Steinmar nichts zu befürchten hatte. Mit diesem Gedanken und einem Lächeln auf dem Gesicht glitt sie hinüber in den Schlaf der Erschöpften.

II

Steinmar blickte nachdenklich auf das schlafende Mädchen in den Kissen hinunter. Ihr Gesicht war rosig. Die dunklen Wimpern wirkten wie kleine Fächer. Er verstand nicht, wie sie in ihrer Lage lächeln konnte. Aber er fand die kleinen Grübchen hinreißend, die dieses Lächeln in ihre Wangen zauberte, ebenso verführerisch wie das Grübchen in ihrem Kinn. Wie übrigens das ganze Mädchen, das zudem eine begnadete Köchin war. Am liebsten hätte er sie ständig angeschaut. Die Flechten des dicken haselnussbraunen Zopfes hatten sich etwas gelockert, einige kürzere Locken umrahmten ihr ovales Gesicht. Sie sah so unschuldig aus. Gleichzeitig war sie die Verführung selbst. Sie hatte sich im Schlaf etwas freigestrampelt, die Zehen eines nackten Fußes schauten unter der Decke hervor. Unter dem Hemd zeichneten sich ihre jungen, runden Brüste ab, hoben und senkten sich bei jedem ihrer ruhigen Atemzüge. Steinmars Gesicht wurde weich und straffte sich sogleich wieder, als er eine wohlbekannte Regung verspürte.

Dann wurde sein Ausdruck nachdenklich. Er war sich noch immer unsicher, hatte sich nur widerwillig auf den Plan eingelassen. Was sollte ein Mädchen in ihrem Alter schon ausrichten können? Heinrich von Isny hatte als Erster vorgeschlagen, sich die neue Wunderköchin des Salm genauer anzuschauen, von der so viele schwärmten. Und dem Minoriten widersprach man nicht so leicht. »Sie ist Mathias’ Tochter«, hatte er gesagt. »Und gutes Essen öffnet die Herzen und macht die Menschen gesprächig.«

Das Essen war wirklich vorzüglich gewesen. Und jetzt, wo er sie kennengelernt hatte, war er fast geneigt, dem von Isny recht zu geben. Womöglich war sie doch nützlich. Sie hatte einen wachen Verstand. Andererseits: Sie war zu jung. Eigentlich viel zu jung, um in die Fußstapfen des Vaters zu treten. Und die Nagelprobe kam erst noch. Nun, so würde er eben abwarten, wie das Urteil der Herrin von Klingnau ausfiel. Ihre Meinung würde den Ausschlag geben. Eine Frau konnte eine andere immer besser einschätzen als ein Mann.

Nach dem, was am Abend im Wirtshaus geschehen war, würde er sie nun auch nicht mehr überreden müssen, nach Klingnau zu gehen. Wenn er es richtig bedachte, war alles besser gelaufen als erwartet. Die Umstände spielten ihnen das Mädchen in die Hände. Sie würde froh sein, von hier fortzukommen. Natürlich durfte sie von dem Plan zunächst nichts wissen. Es war vorerst besser, wenn sie nicht erfuhr, dass sie einander nicht zufällig begegnet waren.

Sie war verteufelt anziehend. Es würde nicht einfach für ihn werden, sich zurückzuhalten. Er hatte ihren Blick gesehen. Sie war noch so unschuldig, hatte noch nicht gelernt, ihre Empfindungen zu verbergen. Doch er musste standhaft bleiben. Vielleicht gelang es besser, wenn er sich vor Augen führte, dass er selbst ihr Vater sein könnte. Zudem hatte er immer peinlich darauf geachtet, seine Buhlschaften und seine Pflichten getrennt zu halten. Das würde auch weiter so bleiben. Sein Herz gehörte ohnehin schon lange einer anderen.

Nein. Keine Gefühle. Auf keinen Fall. Gefühle machten die Zusammenarbeit zu einem Eiertanz. Frauen, deren Gefühle gekränkt wurden, taten manchmal die verrücktesten Dinge und waren für das unauffällige Auskundschaften unbrauchbar. Das würde alles verderben. Er verdrängte die leise Stimme, die ihn aufforderte, sie zu streicheln, ihre duftige, verschlafene Wärme an seiner Haut zu spüren, in diesen kleinen nackten Zeh zu beißen …

Er fasste nach ihrer Schulter und schüttelte sie unsanft.

Sie fuhr hoch. Zuerst war sie völlig schlaftrunken, nachgiebig und warm unter seiner Hand. Anfangs begriff sie nicht, wer der Mann war, der da an ihrem Bett stand. Dann sah er, wie die Erinnerung kam. Ihre grauen Augen mit den grünen Sprenkeln darin wurden klarer, sie funkelte ihn an. Gleich darauf wurde sie feuerrot und zog die Zudecke bis unters Kinn.

»Ich werde dir kein Leid zufügen, kleine Wachtel. Ich schwöre es bei meiner Ehre als Ritter.« Bei diesen Worten legte er die Hand auf sein Herz. »Ich warte unten auf dich.«

Mathilde spürte wieder dieses verwirrende Ziehen im Bauch. Er hat so kluge, warme Augen, dachte sie und wünschte sich für einen Moment, dass er sein Ehrenwort nicht halten möge.

Sie stand auf. Im Schlaf hatten sich die Haare aus ihrem Zopf gelöst. Sie flocht ihn hastig neu und holte ein Übergewand aus festem dunklen Leinenstoff mit einer hohen Taille und fein gearbeiteten Borten aus dem Kleiderkasten. Es hatte ihrer Mutter gehört und zeugte davon, dass die Familie einmal wohlhabend gewesen war. Sie hoffte, dass sie darin erwachsener wirkte. Über die Schultern legte sie ein braunes wollenes Tuch, das ebenfalls noch von ihrer Mutter stammte, und schlüpfte in ihre Schuhe. Sie hatte sie selbst aus einem Stück Leder gefertigt und war sehr stolz darauf. Gut, sie wirkten nicht besonders elegant, waren vielleicht etwas schief genäht, aber sie waren eindeutig als Schuhe zu erkennen. Außerdem erinnerten sie sie bei jedem Schritt daran, dass es einen Mann gab, dem ihr Essen geschmeckt hatte. Ein Fahrender und der erste Gast, den sie im Salm bedient hatte. Das Leder war der Dank für ihr Lächeln und einige Schöpfkellen Brei zusätzlich hinter dem Rücken des Salmwirtes gewesen.

Das brachte Mathilde zurück zu dem Mann in ihrem Haus. Schon im Hinuntergehen schlug ihr wohlige Wärme entgegen. Steinmar hatte Feuer im Kamin gemacht. Über der Feuerstelle hing ein Kessel, in dem bereits das Wasser siedete. Für einen Augenblick stieg Ärger in Mathilde hoch. Wie kam er dazu, ihr letztes Holz zu verfeuern?

Ihre verzweifelte Lage wurde ihr wieder bewusst. Sie schluckte den Unmut hinunter und mit ihm die Angst vor der Zukunft, die sie zu überwältigen drohte. Sie beschloss, den Augenblick zu genießen. Außerdem hatte ihre Mutter ihr beigebracht, den Gast zu ehren. Tränen stiegen Mathilde in die Augen, in ihrer Kehle bildete sich ein Kloß. Sie schluckte. Letztes Jahr, kurz nach dem Fest des Gorgianus und Epimachus, war die Mutter krank geworden, hatte schlimmer und schlimmer gehustet und schließlich angefangen, Blut zu spucken. Dann war sie binnen weniger Tage gestorben. Trotz allen Flehens. Sie hatte nichts tun können. Sie erinnerte sich genau an den Morgen vor zwei Monaten, als sie neben der Mutter aufgewacht war – von der Stille. Das Rasseln in ihrer Brust hatte aufgehört. Das war der Tag gewesen, an dem es bei Altorf so gewaltig geregnet hatte, dass sich ein großer Felsen von zwölf Fuß Breite und dreizehn Fuß Länge aus dem Hang gelöst und sieben Kühe getötet sowie Bäume und zahlreiche Weinstöcke zerstört hatte. Die Leute sagten, es sei ein Wunder, dass nicht die Kirche eingestürzt und der Prediger unter den Trümmern begraben worden war.