Die Hure und der Meisterdieb - Bettina Szrama - ebook

Die Hure und der Meisterdieb ebook

Bettina Szrama

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Opis

Thüringen, im Dezember 1695. Der ehemalige Soldat und Wirt Nickel List, eigentlich ein herzensguter Kerl, zündet seine Wirtschaft an, um sich an seinem verräterischen Eheweib Magdalena und ihrem Liebhaber zu rächen. Enttäuscht verlässt er seine Heimat und trifft auf die schöne Diebin Anna. Die ist ihrem Mann, einem reichen Hamburger Weinhändler, davongelaufen und ebenso wie Nickel auf der Flucht. Jahre später ziehen sie als Herr von der Mosel und Anna von Sien durch den Norden. Selbst die größten Kirchen sind vor dem berühmt-berüchtigten Räuberpaar nicht mehr sicher. Doch ihre Häscher sind ihnen bereits auf den Fersen …

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Bettina Szrama

Die Hure und der Meisterdieb

Historischer Roman

Dieses Buch wurde vermittelt von

der Literaturagentur erzähl:perspektive, München

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© 2011 – Gmeiner-Verlag GmbH

Im Ehnried 5, 88605 Meßkirch

Telefon 07575 / 2095-0

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Alle Rechte vorbehalten

Herstellung: Christoph Neubert

Umschlaggestaltung: U.O.R.G. Lutz Eberle, Stuttgart

I.

In dieser Dezembernacht des Jahres 1695 waren nur wenige Fellhändler in der Händlergasse im Brühl auf einen Krug Bier unterwegs. Sie staunten nicht schlecht, als plötzlich eine verspätete Reisekutsche über das Pflaster polterte. Die dunkle Karosse war vom Schmutz der Straßen völlig verdreckt, und die vier Pferde davor glänzten vor Schweiß, was vermuten ließ, dass sie seit Tagen ohne längere Rast unterwegs waren. Wenn man genau hinsah, konnte man am Kutschenfenster eine gepflegte Hand erkennen, die vergeblich versuchte, dem Kutscher Anweisung zu geben. Mit starrem Gesicht lenkte der Mann die dampfenden Rösser weiter, vorbei an verwaisten Heringstonnen, Lagerhäusern, Fleischhallen und feinen Pelzhäusern. Am Eselsmarkt angekommen, änderte das Gefährt plötzlich die Richtung, in die es fuhr, bog nach Westen ab und steuerte auf ein doppelstöckiges Holzhaus zu, vor dem die Umrisse eines Wandertheaters zu erkennen waren. Hier zügelte der Kutscher die Pferde und umfuhr langsam die in einem Halbkreis stehenden Planwagen. Doch gleich darauf lenkte er, wie nach einer plötzlichen Sinnesänderung, sein Gefährt auf eines der Gasthäuser am Straßenrand zu, aus dem Licht und Lärm drang. Vor dem Eingang unter einem Schild mit drei ineinander verschlungenen Schwänen kam das Gefährt endlich zum Stehen.

»Wir sind angekommen, Herr«, rief der Kutscher und wies mit dem Finger auf das Schild. »Dies muss das Wirtshaus ›Zu den drei Schwänen‹ sein. Das Wirtshaus für das fahrende Volk, Herr.«

Er hatte noch nicht zu Ende gesprochen, als mehrere Knechte aus dem Wirtshaus geschäftig herbeieilten, ihm die Pferde abnahmen, ausschirrten, tränkten und ihnen lederne Futterbeutel um die Köpfe hängten. Es war Messe und so wunderte er sich nicht weiter über die etwas übertriebene Geschäftigkeit, sondern kletterte rasch vom Bock und riss mit einer Verbeugung den Kutschenschlag auf. Er verharrte einen Moment in gebeugter Stellung, bis der Fahrgast in der Tür erschien. Der Reisende, ein Mann von hoher Gestalt, der in einen schwarzen Mantel gehüllt war, ließ den dargebotenen Arm unbeachtet und eilte an seinem Kutscher vorbei. Vor dem Eingang stoppte er vor einem Plakat. Aus den vom Regen verlaufenen Farben warb ein schönes Weib mit einem noch schöneren Lächeln für die Aufführung einer Oper. Nach einem kurzen Blick darauf riss er es wütend von der Tür. Offenbar schien es schmerzliche Erinnerungen in ihm wachzurufen, denn er war blass geworden und die Fältchen um seine Mundwinkel traten noch schärfer hervor.

Im Inneren der Wirtsstube empfingen ihn die seltsamsten Gerüche und die müden Augen brauchten einen Moment, um sich an die rauchgeschwängerte Luft zu gewöhnen. Den späten Reisenden interessierten weniger die Pelzhändler und Dirnen, die im Halbdunkel an den spärlich beleuchteten Tischen zechten. Eine Gruppe Komödianten im hintersten Teil der Wirtsstube stand im Mittelpunkt seines Interesses. Noch lachten und lärmten die Schauspieler ausgelassen, ohne ihn wahrgenommen zu haben. Aber das sollte sich gleich ändern. Er hatte sein Ziel erspäht und seine Wangen begannen sich zu verfärben. Rasch ging er, den Blick fest auf ein Weib gerichtet, das sich besonders auffällig hervortat, auf die Gruppe zu. Fast hatte es den Anschein, als habe er gefunden, wonach er suchte. Denn die Auserwählte erblasste bei seinem Anblick unter der glänzenden Maske, was er nicht ohne Genugtuung bemerkte. Aber sie wäre keine gute Komödiantin, ließe sie sich durch das unerwartete Auftauchen ihres Ehemannes durcheinanderbringen. Mit einer hochmütigen Geste warf sie die schwarzen Locken in den Nacken, rieb provozierend die Wange an der kräftigen, männlichen Schulter des jungen Gecks neben ihr und lächelte ihrem Gatten unschuldig entgegen. Es war genau dieses Lächeln, das sein Blut reizte. Nur zu gut wusste sie, dass sie ihn damit mitten in sein Herz traf. Hatte sie es in ihrer kurzen Ehe doch immer schon verstanden, ihn auf diese Weise zu bezirzen, um sich von ihm Geld für ihren übertriebenen Kleiderputz zu erschleichen und ihn seine Vorwürfe wegen ihrer Verschwendungssucht vergessen zu lassen. Sie war ein liederliches Frauenzimmer, das sich lieber in der Welt herumtrieb, anstatt ihr Leben an der Seite ihres Ehemannes zu verbringen. Eine Hexe mit einem Lächeln, dem ein Mann so leicht nicht widerstehen konnte. Sie war seine Wonne und sein Unglück zugleich. Wieder einmal war er ihr von Hamburg nach Leipzig hinterhergefahren, um sie zurückzuholen, obwohl er längst in Unfrieden mit ihr lebte. Dabei wäre es besser gewesen, er hätte die schöne Anna auf der Straße gelassen, auf der sie vor ihrer Ehe, gemeinsam mit ihrer Schwester, der Hurerei und anderen Liederlichkeiten nachgegangen war. Aber er war eben nur ein alter, dummer Mann, der sich der trügerischen Hoffnung hingab, sich die Liebe eines jungen Weibes erkaufen zu können. Als er sie nun so fröhlich in den Armen eines Jüngeren erblickte, schmerzte ihn diese Erkenntnis umso mehr. Die Unverschämte ließ es zu, dass ihr Begleiter, offenbar der Anführer der Truppe, ungeniert ihren weißen Hals küsste. Sie bog sich ihm dabei mit einer so augenscheinlichen Koketterie entgegen, dass ihr Mann nicht umhin konnte, wütend den Degen zu ziehen. Er fühlte sich auf das Schmählichste von ihr beleidigt und zischte, während er dem Unverfrorenen die Degenspitze vor die Brust hielt: »Lass deine unreinen Finger von ihr, Hanswurst, wenn dir dein Leben lieb ist!« An sein Weibe gewandt sagte er: »Du kommst mit, oder ich werde dich Metze in die Gosse zurückstoßen, wo du hingehörst!«

Seine Worte schienen sie zur Besinnung zu bringen. Aber nur für einen Moment, dann zeigte sie ihr wahres Gesicht. Sie erhob sich, schob lachend den Degen zur Seite und streckte kampfeslustig das Kinn nach vorn. Als sie, wie erwartet, lebhaften Beifall vonseiten ihrer Kumpane erntete, bereitete es ihr ein besonderes Vergnügen, ihren alten Mann der Lächerlichkeit preiszugeben.

»Dann töte mich doch, du Feigling«, verhöhnte sie ihn, angefeuert von ihren zweifelhaften Freunden, die sich von der Auseinandersetzung einen interessanten Bühnenstoff erhofften. »Aber nicht einmal dazu bist du fähig. Sieh dich doch an, du alter Mann. Dein Körper ist vom Zerfall gezeichnet. Was kann so ein welker Körper einem Weibe wie mir bieten?«

Zur Bekräftigung ihrer Worte wippte sie mit den prallen, weißen Brüsten, bis sie fast aus dem Mieder hüpften, und lachte ihm frech ins Gesicht. »Sieh sie dir an. Willst du diese prächtigen Kunstwerke der Liebe wirklich in die Gosse zurückschicken? Oder willst du sie etwa mit Blut besudeln? Ist es nicht besser, sie von einem ›Hanswurst‹ mit Küssen verwöhnen zu lassen, als sie mit deinen alten Fingern zu erschrecken? Der ›Hanswurst‹ hier ist wenigstens ein echter Mann, ein besserer, als du es jemals gewesen bist.«

Plötzlich wurde sie ernst, und leiser fügte sie hinzu: »Erinnere dich, was du mir vorm Altar geschworen hast, damit ich dein Eheweib werde. Warte, ich helfe deinem greisen Gedächtnis nach …« Die Späße ihres Begleiters, der sich nun gleichfalls erhoben hatte, um die Worte der Geliebten mit provozierenden Gesten zu untermalen, ließen sie sich schier ausschütten vor Lachen. »Es war vereinbart, dass du mir alle Freiheiten lässt, insbesondere die fleischlichen Gelüste und den Umgang mit meinen Freunden …«

Jetzt war der Ehemann endgültig mit seiner Geduld am Ende. »Hure!«, entfuhr es ihm, während er grün wurde vor Galle. »Für ein Weib wie dich ist selbst ein gut gezielter Degenstich zu schade.« Bebend ließ er die Waffe sinken. Seine Hände in den seidigen Handschuhen waren schweißnass. »Und wenn das hier deine Freunde sind«, mit zitterndem Finger wies er auf seinen Konkurrenten, der jede seiner Bewegungen lachend nachäffte und ihn verhöhnte, »dann bist du nur zu bedauern, Weib.«

Um seiner Wut Ausdruck zu verleihen, warf er seinen Federhut schwungvoll über den Tisch und schnappte einen Moment nach Luft, als ob ihm die Worte im Halse stecken geblieben wären. Dann drohte er dem jungen Mann mit der Faust. Das Maß seiner Leiden war voll, doch seine Ehre ließ er sich nicht nehmen. Er vergaß seinen vornehmen Stand, griff sich einen Krug vom Tisch und goss dem verdutzten Komödianten das Bier mitten in das maskierte Gesicht. Einen Augenblick lang herrschte Verwirrung unter den Beteiligten, dann sprang der junge Mann galant über den Tisch und baute sich zornig vor seinem Herausforderer auf. Das blonde, wellige Haar klebte ihm, nass vom Bier, in der Stirn. Der Spott war aus den blauen Augen verschwunden. Hinter den Augenschlitzen funkelte es böse, während er sich mit einer wütenden Handbewegung seiner Harlekinsmaske entledigte. Hervor kam ein bleiches Gesicht mit so ebenmäßigen Zügen, dass der alte Edelmann sich trotz seiner Erregung überrascht fragte, weshalb Gott das Altern erfunden hatte.

Der Komödiant, etwas kleiner, aber sehniger und muskulöser als er selbst, spielte nun die Rolle seines Lebens. Theatralisch warf er sich in die Brust: »Vielleicht bin ich Eures Standes nicht würdig, mein Herr, der es sich erlaubt, mir wie einem Hund Bier ins Gesicht zu schütten. Es scheint mir auch, dass Ihr zu jener Sorte Herren gehört, die uns fahrendes Volk lieber als Zigeuner am Galgen sehen würde als auf der Bühne des Lebens, dessen Ihr bereits weit entrückt seit, weil Ihr offensichtlich keinen Spaß versteht. Aber bei Gott, ich war nicht immer ein umherziehender Spaßmacher und muss mich nicht von Euch demütigen lassen. Ich denke, dass Ihr weiterhin über Euren vornehmen Stand hinwegseht und mir, einem ›Hanswurst‹, Satisfaktion gewährt.« Mit geübtem Griff zog er den Theaterdegen aus dem Futteral seines Gürtels, warf Anna den Koller zu und ging in Fechtstellung.

Sofort bildete die Gruppe einen Kreis um die beiden Gegner und feuerte sie mit derben Sprüchen und witzigen Einlagen an. Doch was bisher wie ein gut inszeniertes Theaterstück gewirkt hatte, weitete sich rasch zu einem tödlichen Drama aus. Als der gehörnte Ehemann erkannte, dass seine Lage aussichtslos war und sein Weib, anstatt ihm bußfertig zu folgen, lachend auf dem Tisch tanzte, stach er blitzschnell zu. Die Attacke war so heftig und kam so unvermittelt für den Komödianten, dass er den Hieb nicht parierte und stattdessen verwundert auf die Spitzenrüschen an seinem Hemdsärmel sah, die sich plötzlich blutrot färbten. Das Weib hörte erschrocken auf zu tanzen und hielt gebannt den Atem an. Sie hatte ihren Ehemann unterschätzt. Jetzt endlich begriff auch sie, dass sich die ach so amüsante Auseinandersetzung zu einem Kampf auf Leben und Tod entwickelt hatte. Voller Angst sprang sie zwischen die Kämpfenden, um den Streit zu schlichten. Doch ihre Reue kam zu spät. Wild fuhren die Klingen aufeinander und sie selbst wurde gegen den Tisch geschleudert. Augenblicklich waren die letzten Lacher verstummt. Es war totenstill im Raum. Lediglich das Keuchen der Kämpfenden und der harte Klang der heftig aufeinanderschlagenden Eisen war zu hören. Niemals hatte Anna ernsthaft angenommen, dass ihr Ehemann fähig wäre, derart wild um sich zu schlagen. Aber sie sah auch, dass es die Verzweiflung war, die ihn dazu trieb, und ihr wurde klar, dass sie in ihrer Bosheit zu weit gegangen war. Von dieser Erkenntnis entmutigt, floh sie vor den Kämpfenden wie ein aufgeschrecktes Huhn von einer Ecke in die andere. Plötzlich hielt ihr Ehemann inne und blickte erstaunt auf die Degenspitze herab, die aus seiner Brust herausragte, als könnte er nicht begreifen, wie sie dort hinein gekommen war. Das Hemd klebte ihm am verschwitzten Körper, während ein Blutsfaden aus der Wunde die Hosen und die weißen Kniestrümpfen hinabfloss und die Schuhe beschmutzte.

Doch anstatt nun endlich zu ihm zu eilen, wie es sich für ein treues Eheweib gehörte, ließ Anna sich erneut vom Satan lenken und dachte: Ich sollte lieber weglaufen, bevor die Polizey eintrifft. In Gedanken sah sie bereits, wie ihr Ehemann sein Leben aushauchte und der Mörder seines am Strang beendete. Hinzu kam die Angst vor der eigenen Festnahme, sodass sie beschloss, die herrschende Aufregung zu nutzen, um unbemerkt das Wirtshaus zu verlassen. Ihr nicht allzu großer Wuchs und ihr zierlicher Körperbau halfen ihr dabei. Geduckt, wie eine Katze auf allen vieren, schlich sie zwischen den gaffenden Gästen hindurch bis zur Tür. Vor der Schänke atmete sie befreit die kühle Abendluft ein und lief dann flink, mit geschürzten Röcken, die Gasse hinunter. Der leise Regen ging in Schnee über, und so dauerte es nicht lange, bis ihr die Kleider am Leib klebten und die Füße in den aufgeweichten Schuhen steiffroren. Doch sie hetzte weiter, ohne sich umzuschauen, bis die Wagen des Wandertheaters vor ihr auftauchten.

Erleichtert stellte sie fest, dass der Wächter schlief und die angepflockten Pferde in den Pferchen vor sich hindösten. Selbst der Hund, der bei ihrem Erscheinen leise knurrend unter einem der Wagen hervorgekrochen kam, ließ sich rasch von ihr beruhigen. Als sie sich dann auf die Bretter schwang, auf denen sie am Tag zuvor noch vor Publikum gesungen und getanzt hatte, verharrte sie einen Moment unschlüssig. Aber für Sentimentalitäten war keine Zeit. Sie schüttelte die Gedanken ab wie Regentropfen, schürzte erneut die Röcke und kletterte behände in den Requisitenwagen hinter der Bretterwand der Bühne.

Es war der Wagen von Lorenz Schöne, dem Prinzipal, in dessen Späße sie sich vor ein paar Tagen verliebt hatte. Doch was war schon eine leichtfertig begonnene Liebe, wenn es nun ums nackte Überleben ging. Sie brauchte Geld, um in ihre Heimat zu reisen, und durchwühlte hastig die Berge von umherliegenden Kostümen, Töpfen, Waffen und kleineren Möbelstücken, bis sie die Schatulle mit Lorenz’ Barschaft in den Händen hielt. Hastig öffnete sie den Deckel des Kästchens und warf es dann zornig auf den Boden. Es war leer. Lediglich zwei armselige Dukaten verschwanden in ihrem Mieder. Verächtlich verzog sie den schönen Mund, dachte an das sorglose Leben, das sie bisher geführt hatte, und begann bei dem Gedanken daran, nun völlig mittellos zu sein, heftig zu weinen. Sie gab sich der Verzweiflung hin und warf all den bunten Tand, der in den vergangenen Tagen ihr Leben ausgemacht hatte, durch den Wagen, bis ihr plötzlich die Tageskasse einfiel. Zugegeben, sie war feige vor ihrem Mann geflohen, aber bei dem Gedanken, die Freunde zu bestehlen, die ihr Unterkunft und Brot gegeben hatten, war ihr nicht ganz wohl zumute. Sie fürchtete, dass Gott so etwas nicht ungestraft geschehen lassen würde und es besser wäre, arm zu sein als ein gemeiner Dieb. Zugleich meldeten sich Zweifel wegen des Wächters bei ihr, in dessen Wagen die Kasse aufbewahrt wurde. Sollte er sie entdecken, würde er bestimmt nicht sanft mit ihr verfahren. Lorenz hatte ihm sicher ans Herz gelegt, die Einnahmen wenn nötig mit seinem Leben zu verteidigen. Der Mann war vierschrötig, bullig wie ein Stier und hatte Handflächen so groß wie ein Teller. Außerdem war er der beste Fechter der Truppe und verstand es als ehemaliger Soldat meisterhaft, mit dem Gewehr umzugehen.

Sie kletterte erst einmal vom Wagen herunter, zurück auf die Straße, und lief hinunter zum Flussufer, um nachzudenken. Sie starrte auf das still vor sich hinfließende Gewässer und musste an Hamburg denken, an die Heimat, in der sie jetzt als Witwe ein reiches Leben führen könnte, und die so unerreichbar weit weg für sie war. Der Weg von Leipzig bis Hamburg nahm viele Tage in Anspruch und war zu Fuß nicht zu bewältigen. Ihre Furcht vor der Armut und der Einsamkeit in der wilden Landschaft wurde noch allgegenwärtiger. Doch Annas Gier war stärker als ihre Ängste. Sie fasste sich ein Herz und lief noch einmal zurück zum Wandertheater. Diesmal zitterten ihre Hände nicht, und sie bewegte sich sicher wie auf einer Bühne. Unbemerkt schlich sie zwischen den Wagen hindurch zu dem schlafenden Wächter, lenkte den anschlagenden Hund mit dem letzten Stück Brot aus ihrem Rock ab und entwendete vorsichtig eine Laterne von einem Kutschbock. Leise öffnete sie das Glas, entnahm die brennende Kerze, beschattete sie mit ihrer Hand, damit der Wind sie nicht ausblies, und lief damit zur Bühne. Es war nicht schwer, die leicht entflammbaren Requisiten in Brand zu setzen und den Wachposten dadurch aus seinem Wagen zu locken. Es dauerte nicht lange, bis die ersten Flammen den schweren Bühnenvorhang hinaufzüngelten. Wie erwartet erwachte der Wächter durch den Feuerschein, stürzte schlaftrunken aus dem Wagen, vergaß die Gelder der Theatergruppe und versuchte unter lauten Hilferufen, den Brand zu löschen.

Diesen Augenblick nutzte die Diebin. Unbemerkt schlich sie sich in das Wageninnere und begann eifrig mit der Suche nach der Tageskasse. Das Glück meinte es gut mit ihr. Schon nach wenigen Augenblicken spürte sie die schwere Eisenschatulle zwischen den Fingern. Stimmen und Hundegebell wurden laut. Das Prasseln des Feuers kam bedrohlich näher. Sie musste sich beeilen, wollte sie nicht entdeckt werden. Doch das war leichter gedacht als getan. Die Schatulle war mit einem Eisenschloss versehen, zu dem nur der Prinzipal einen Schlüssel hatte. In ihrer Not sah sie sich nach einem Gegenstand um, mit dem sie dem Schloss zu Leibe rücken konnte. Als sie keinen fand, wollte sie mit der verschlossenen Schatulle fliehen und sie später öffnen.

Da teilte sich plötzlich der Stoff vor dem Eingang und eine Gestalt erschien in der Öffnung. Es war ihr Geliebter, Lorenz. Sein Gesicht konnte sie nicht sehen. Sie erkannte ihn allein an den langen, blonden Haaren, die ihm wild über die Schultern hingen, und am Schweißgeruch seines blutverschmierten Hemdes. Es gab Momente im Leben, da half es nicht, lange über das Für und Wider nachzudenken. Da musste in Sekundenschnelle die richtige Entscheidung getroffen werden. So erschien es ihr nach dem ersten Schreck als das Vernünftigste, sich ihm in gespielter Naivität an den Hals zu werfen. Doch etwas lag in seiner Haltung was sie davon abhielt. Es schien ihr, als hätte er begriffen, was sie vorhatte, zögerte aber noch. Ein fataler Fehler. Dieses Zögern sollte über Leben und Tod entscheiden, da ihr genau in diesem Augenblick der Satan eine geladene Radschlosspistole zuspielte. Ohne nachzudenken, hob sie die Waffe, ein Theaterrequisit, vom Boden auf und drückte ab, just, als Lorenz einen Schritt auf sie zu machte. Sie vernahm das Klicken, den ohrenbetäubenden Knall, hustete und sah zwischen Rauchschwaden, wie er erstaunt den Mund öffnete, als wollte er etwas sagen, und dann wie ein gefällter Baum in sich zusammensackte.

II.

Zur gleichen Zeit blickte ein weiterer Reiter einsam von einer Anhöhe oberhalb der Straße, die vom Vogtland nach Thüringen führte, zurück auf sein Leben, das gerade in Schutt und Asche zerfiel.

»Herrgott, du hast mir nicht erlaubt, als Christ zu leben, aber ein Mann zu sein, das konntest du mir nicht nehmen«, murmelte er und dachte daran, dass das Haus, das unter ihm niederbrannte, bis zum letzten Stein des Fundaments und bis zum letzten Sparren unterm Dach einmal ihm gehört hatte. Mit ihm fielen sein ungetreues Weib Magdalena und ihr Liebhaber den Flammen anheim, und er spie voller Verachtung in den Sand.

Viel zu wenig Weiber haben die Gerichte auf dem Scheiterhaufen verbrannt, dachte er, denn sie sind alle Hexen und haben den Feuertod verdient. Eigentlich waren ihm solche Gedanken zuwider. Er sehnte sich einzig nach einem Leben in Ruhe und Frieden. Doch das war ihm nicht vergönnt gewesen, seit er beschlossen hatte, gemeinsam mit Magdalena – die eigentlich Margaretha Göden hieß und die er nach dem Krieg mit zu sich nach Hause genommen hatte –, eine Schankwirtschaft aufzubauen. Er hätte wissen müssen, dass die schwarzäugige Schönheit es mit der Treue nicht so genau nahm, und fragte sie dennoch eines Sommerabends beim Reifenspringen unter der Linde, ob sie sein Weib werden wolle. Zwar florierte das Schankleben mit ihr, aber seine Ehe war alles andere als glücklich. Nicht zu Unrecht nannten alle das Weib Magdalena. Mit verführerischen Blicken umgarnte sie jeden, der in ihrer Schänke einkehrte. Kein Mannsbild war vor ihr sicher. Das brachte oft Streit und böse Worte mit sich.

Es war ein Fehler von ihm gewesen, sich in die Bücher zu vergraben und das Weib nach Lust und Laune gewähren zu lassen, anstatt den verhassten Liebhaber mitsamt seinem Freund, einem Studenten, vor die Tür zu setzen, als es noch nicht zu spät war. Sein Zögern öffnete den zwei früheren Regimentskameraden alle Türen und er ahnte nicht, was die beiden wirklich im Schilde führten. Denn als sie sich seiner Freundschaft sicher waren, fielen sie wie Schmeißfliegen über seine Schänke her, brachten immer mehr Halunken mit, soffen und fraßen sich auf seine Kosten die Bäuche voll und planten ihre dunklen Geschäfte. Das Schlimmste daran war, dass ihn die Satansbrut zu einem Raubzug nach Mechelgrün überredet hatte – was ihr gelungen war, weil er dringend ein Pferdegeschirr und einen neuen Schauer brauchte. Der Einbruch bei Frau von Trettau hatte sich tatsächlich gelohnt.

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

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