Die Gunst der Königin - Rita Maria Fust - ebook

Die Gunst der Königin ebook

Rita Maria Fust

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Opis

1804. Apotheker Conasmann verfolgt einen teuflischen Plan: Um die Gunst von Königin Luise zu erlangen, versucht er für die preußischen Soldaten ein leistungssteigerndes Mittel auf Opiumbasis zu entwickeln. Dabei überschreitet er alle Grenzen der Moral. 2012 wird der Journalist Oliver Thielsen Zeuge, wie bei dem jährlichen Altstadtlauf einer der Läufer tot umfällt. Als er dann auch noch durch Zufall beobachtet, wie der Apotheker Doktor Lange nachts Kapseln mit weißem Pulver füllt, ist seine Neugier geweckt.

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Rita Maria Fust

Die Gunst der Königin

Historischer Roman

Impressum

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www.gmeiner-verlag.de

© 2016 – Gmeiner-Verlag GmbH

Im Ehnried 5, 88605 Meßkirch

Telefon 0 75 75 / 20 95 - 0

[email protected]

Alle Rechte vorbehalten

1. Auflage 2016

Lektorat: Claudia Senghaas, Kirchardt

Herstellung: Julia Franze

E-Book: Mirjam Hecht

Umschlaggestaltung: U.O.R.G. Lutz Eberle, Stuttgart

unter Verwendung eines Fotos von: © https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Queen_Luise_of_Prussia,_by_Johann_Friedrich_August_Tischbein.jpg

ISBN 978-3-8392-4900-0

Vorbemerkung

Eventuelle Namensgleichheiten der fiktiven Figuren dieser Geschichte mit real lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

Die Charaktere der historischen Persönlichkeiten sind fiktiv.

Die Firmen Car & Vision World und farma-car, das New-Ku und die Lippstädter Tageszeitung LTZ sind fiktiv. Eventuelle Namensgleichheiten mit existierenden Firmen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

Prolog

Lippstadt, 3ter Junij 1799

»Königin Luise kommt! Heute kommt Königin Luise von Preußen nach Lippstadt!«, jubelt der Apothekergeselle Conasmann und kann seine Vorfreude kaum im Zaum halten. »Endlich sehe ich Luise wieder!« Aufgeregt stürmt er aus der Eingangstür der Adler-Apotheke und wird Bürgermeister Schmitz’ gewahr. »Die Königin von Preußen kommt!«, ruft Conasmann, als ob der Bürgermeister es nicht wüsste. Ja, er weiß es sogar besser.

»Herr Conasmann! Nicht so laut! Es schickt sich nicht, hier so herumzubrüllen, wo doch der König jeden Augenblick durch unser Lipper Tor kommen kann. Seine Majestät schätzt die Ruhe! Er befindet sich auf einer seiner Huldigungsreisen durch die Provinzen – im Augenblicke durch Westfalen. Das ist sehr anstrengend für ihn«, erklärt Bürgermeister Schmitz und sieht sich um. »Überhaupt ist es hier auf dem Marktplatz1 viel zu voll. Dieses ungestüme Gedränge des Volkes nimmt dem königlichen Gefolge jeden Raum zum Umspannen der Pferde. Seine Königliche Majestät machen hier heute doch nur eine kurze Rast auf dem Weg von Minden nach Wesel. Auf dem Rückweg nächtigt er hier im Delhaes’schen2 Hause, bevor er weiter nach Kassel reist. Er wird …«3

»Er? Er?«, unterbricht Conasmann den Bürgermeister. »Sie sollten lieber von Königin Luise sprechen! Sie ist es, die das Herz der Menschen berührt. Als junger Bursche sah ich sie, als sie einst im Dezember 1793 in Berlin einzog, und ich säumte zusammen mit vielen Menschen die Straßen der Stadt. Ein unbeschreiblicher Jubel kam auf, als das preußische Volk sah, wie schön und anmutig sie ist. Unsere Königin Luise ist so reizend, und: Sie macht Lippstadt durch ihren Besuch zu etwas ganz Besonderem!«, schwärmt Conasmann.

»Haben Sie es noch nicht vernommen?«, unterbricht Bürgermeister Schmitz. »Von Minden eilte Luise ›auf kürzestem Wege‹ zu ihrer Schwester nach Hildburghausen.4 In ein paar Tagen wird sie nach Wilhelmshöhe reisen und dort wieder mit dem König zusammentreffen.«

»Wie meinen?« Conasmanns Stimme bekommt augenblicklich einen hysterischen Ton.

»Königin Luise kommt nicht nach Lippstadt«, spricht Bürgermeister Schmitz jenes deutlich aus, was alle – von Magistrat bis Gesinde – mit Schrecken und unermesslichem Bedauern vernommen haben. Königin Luise kommt nicht nach Lippstadt! Sie war angekündigt, ja, aber dann änderte sie ihre Reiseroute.5 So bleibt Lippstadt diese große Ehre verwehrt. Luise hätte tatsächlich mit ihrem Glanze die Stadt erleuchtet, da hat Conasmann durchaus recht, denkt Bürgermeister Schmitz und muss schmunzeln, denn er weiß, dass Conasmann meist seine höchsteigene Sicht auf die Dinge hat.

»Sie kommt nicht?«, bricht es aus Conasmann hervor. »Luise kommt nicht? – Was ist das hier für eine Stadt, die es anscheinend nicht schafft, alles so prächtig herzurichten, dass Luise lieber nach Lippstadt kommt, statt irgendwo anders hinzureisen. Sie, mein lieber Schmitz, hätten ihr etwas Besseres bieten müssen. Ein Quartier, wo sie auch logieren möchte!«, fordert Conasmann und wird immer lauter.

»Aber das habe ich doch. Stellen Sie sich vor: Justizrat Rose wollte erreichen, dass König und Königin draußen vor den Toren der Stadt in seinem Hause nächtigen! Hinter dem Rücken des Magistrats hat er versucht, das einzufädeln. Können Sie sich vorstellen, wie bestürzt ich war?«, fragt Bürgermeister Schmitz, ohne eine Antwort zu erwarten.

»Und ich erst einmal! Ich kann es kaum ertragen! Königin Luise kommt nicht.« Conasmann reibt mit den Fingern seine Schläfen und schüttelt dabei voll Unverständnis den Kopf. Wie hat es so weit kommen können? Welch eine Enttäuschung!

»Ich habe seinerzeit umgehend einen Brief verfasst«, rechtfertigt sich der Bürgermeister, »um Seine Königliche Majestät zu seiner Zufriedenheit unterzubringen. Sämtliche Nachteile zählte ich auf: das Gebäude des Justizrats Rose sei verfallen, Fenster und Türen schlössen nicht recht, sodass sich der Rauch aus der Küche überall im Hause verteilen könne. Die …«

»Nicht auszudenken«, unterbricht Conasmann. Das Entsetzen schnürt ihm die Kehle zu.

»Fürwahr! Die übertünchten Wände dünsten ungesunde Gerüche aus, und es läge eine halbe Stunde von unserer Stadt entfernt, schrieb ich nach Berlin!«6, erinnert sich Bürgermeister Schmitz.

»Wie entsetzlich!« Ob Conasmann das Fernbleiben der Königin oder die schädlichen Ausdünstungen meint, bleibt unklar.

»Wir haben ja dieses prächtige Haus hier«, zeigt der Bürgermeister stolz auf das am Markte gelegene neue Gebäude. »Es wurde mit Eleganz möbliert und bietet alle nur denkbaren Bequemlichkeiten.7 Herr Delhaes, der Besitzer, ist so freundlich, es dem König für die Zeit seines Aufenthaltes zu überlassen«, erklärt Bürgermeister Schmitz und macht so deutlich, dass seitens der Stadt wahrlich alles getan worden ist, um es für das königliche Paar angenehm zu machen. »Wir, der Magistrat, haben mit äußerster Sorgfalt dieses Quartier für Seine Majestät und Seine Gemahlin ausgewählt. Es hätte ihr gefallen! Da bin ich ganz sicher! Aber nun …«

»Luise kommt nicht«, wiederholt Conasmann, denn das ist das Einzige, was zählt. Leider. Wie gut das Quartier ausgewählt wurde, ist nicht mehr von Bedeutung. Ob es der Königin gefallen hätte, wird niemand erfahren. »Sie kommt nicht. Sie kommt nicht«, sagt Conasmann ein ums andere Mal, schüttelt den Kopf und geht in die Schenke Goldener Hahn, die nur wenige Schritte entfernt liegt.

Nun steht Bürgermeister Schmitz wie bestellt und nicht abgeholt auf dem Marktplatz und weiß nicht, was er tun soll. Der anstehende Besuch überfordert ihn. Wie viel Arbeit Königliche Gäste machen, denkt er allzu oft, davon macht sich niemand ein Bild.

»Wie immer, Conasmann? Eine Kanne Bier bester Sorte?«, begrüßt der Wirt seinen Gast.

»Nein, heute brauche ich etwas Starkes. Einen Schnaps. Besser gleich zwei!« Die tiefe Enttäuschung in Conasmann will betäubt werden.

»Wie Sie wünschen.«

In Sekundenschnelle kippt Conasmann die beiden Schnäpse hinunter, schüttelt sich und schiebt ein leeres Glas über die Theke zum Wirt. Dieser versteht das Zeichen und gießt nach. Das wiederholt sich mehrere Male. Es dauert keine Viertelstunde, bis Conasmann aufsteht, den Wirt bittet, alles aufzuschreiben – er käme morgen, um die Rechnung zu begleichen – und den Goldenen Hahn verlässt.

Vor der Tür stolpert Conasmann über seine eigenen Füße und stürzt. So quer auf der Langen Straße liegend, zwingt Conasmann die Königliche Kutsche, die soeben das Lipper Tor passiert hat, zum Halten. Der Kutscher springt vom Bock und hilft ihm auf die Beine. Er klopft sogar den Staub hinten von Conasmanns Jacke. Dieser begreift trotz seines betrunkenen Zustandes, dass diese schmuckvolle Kutsche nur die des Königs sein kann. Statt ein Wort des Dankes zu seinem Helfer zu sprechen, geht Conasmann zur Kutschentür, reißt diese zum großen Erschrecken aller auf und schimpft mit wüsten Worten auf den König von Preußen ein. Wieso er seine Gemahlin nicht mit nach Lippstadt gebracht habe, er dürfe sie dem Volke nicht vorenthalten, nein, das ginge nicht und überhaupt, wie er es als König erlauben könne, dass die Königin allein durch die Welt reise. »Wo leben wir denn?«, fragt Conasmann aufgebracht, ohne eine Antwort zu erwarten. »Was bilden Sie sich eigentlich ein, Sie … Sie …« Noch bevor Conasmann die vermeintlich richtigen Worte für weitere königliche Beschimpfungen finden kann, zerrt der Leibkutscher mit geübtem Griff den wütenden Conasmann von der Kutschentür fort. Die tiefe Enttäuschung ist in blanke Wut umgeschlagen.

»Was ist geschehen?«, fragt Bürgermeister Schmitz, nach Luft schnappend. Vom Marktplatz aus hat er beobachten können – müssen! –, dass etwas Unvorhergesehenes geschehen ist, und sofort ist er in aufsteigender Sorge zur Kutsche gelaufen. »Eure Majestät, ich bitte aufrichtig um Verzeihung«, stammelt Schmitz ungeübt und verbeugt sich so tief vor der noch geöffneten Kutschentür, dass er sich den Kopf am Fußtritt stößt. »Au«, entfährt es ihm.

»So bin ich noch an keinem Ort empfangen worden«, stellt der König von Preußen fest. »Der eine schlägt lang hin und beschimpft mich, der andere stößt sich den Kopf. Alle anderen Menschen der Stadt umzingeln meine Kutsche, als wollten sie verhindern, dass ich in ihre Stadt einfahre. Ich kann Ihnen schon jetzt versichern, dass ich Lippstadt nie mehr vergessen werde!«

»Wir werden auch nie vergessen, wie Sie uns enttäuscht haben«, ruft Conasmann vom Straßenrand und reißt sich los. »Wenn wir es hätten verhindern können, wären Sie jetzt nicht hier. Ohne Luise …«

»Sprechen Sie nicht über meine Gemahlin, als seien Sie mit ihr vertraut!«, fordert der König von Preußen in strengem Ton.

»Luise – Luise – Luise«, ruft Conasmann provozierend wie ein dreckiger Straßenjunge und zeigt dem König die lange Nase.

»Entfernen Sie den Mann!«, befiehlt der König von Preußen. »Ich dulde diese Verspottung militärischen Grußes nicht!«

»Bitte entschuldigen Sie vielmals!«, stammelt Bürgermeister Schmitz unterwürfig und weiß nicht, wie er der Angelegenheit Herr werden soll. Noch während er überlegt, was zu tun ist, kommen zwei kräftige Männer, um Conasmann fortzubringen.

Wenige Stunden später steigt der König satt und erfrischt wieder in seine Kutsche. Die Pferde sind umgespannt. Das angenehme Wetter hält sich, und alle sind guter Dinge, dass nun der König nebst Gefolge ohne nennenswerte Vorkommnisse wie geplant nach Wesel reisen könne.

Das Volk drängt auf dem Marktplatz immer näher an die Kutsche heran. Dieses prunkvolle und größtenteils vergoldete Gefährt wollen sie bestaunen und sogar berühren. Doch das lassen Bürgermeister Schmitz’ Nerven nicht zu. »Geht! Geht heim! Seine Königliche Majestät braucht doch Luft zum Atmen. Macht ihm Platz. Gleich gehen die Pferde durch, wenn es hier so eng ist.«

Doch das Lippstädter Gesinde scheint Bürgermeister Schmitz nicht zu hören. Sie bestaunen lauthals die Kutsche, rufen sich Bemerkungen zu und freuen sich ausgelassen über den königlichen Besuch.

»Lasst mich duich!«, fordert Conasmann und lallt derart stark, als habe er in den letzten Stunden nicht geruht, sondern gesoffen. »Ich hab’ dem Könich noch was su sag’n!«

Conasmann bahnt sich den Weg durch die Menge; zwischen all den Menschen ist es sehr warm und stickig, sie stinken mehr als sonst nach Schweiß und anderem, sodass ihm, Conasmann, auf einmal ganz übel wird. Auch der Schnaps wird seinen Teil dazu beitragen. Sein Magen scheint sich zu wenden, und noch bevor er begreift, was kommt, geschieht es auch schon: Er übergibt sich. Nicht einmal, gleich mehrmals und trifft dabei sowohl die Tür der königlichen Kutsche, den entsetzten Leibkutscher, und – das ist das Beklagenswerteste überhaupt – des Königs neuen polierten Rindslederstiefel.

Dem König von Preußen, seinem Gefolge und dem Bürgermeister Schmitz fehlen die Worte. Sie schweigen, das Entsetzen ist zu groß. Nur das umstehende Gesinde findet in seiner Sprache derbe, aber leider passende Worte: Conasmann hat auf den König gekotzt!

1 Erst in den 1980er Jahren wurde der Platz vor dem Lippstädter Rathaus von Markt- in Rathausplatz umbenannt.

2 Heute Stadtpalais am Rathausplatz (Lange Straße 15, LP).

3 Vgl.: Besuch des Königs von Preußen in Lippstadt. Von v. Massow. In: Heimatblätter Lippstadt 1947. (Bekanntmachung des Magistrats, Lippstadt, am Rathaus, den 5ten Juni 1799)

4Königin Luise Büchlein. Leipzig: Verlag der Dürr’schen Buchhandlung, 1910. S. 58.

5 Vgl.: Rita Maria Fust: Die Legende von »Luise in Lippstadt« – Und wo Königin Luise von Preußen wirklich war … In: Heimatblätter Lippstadt 2014.

6 Vgl.: König Friedrich Wilhelm III. in Lippstadt. In: Heimatblätter Lippstadt 1914.

7 Vgl.: König Friedrich Wilhelm III. in Lippstadt. In: Heimatblätter Lippstadt 1914.

Lippstadt, 31. März 2012

»Guten Morgen«, sagt Oliver und kuschelt sich an Annika. »Hast du gut geschlafen?«

»Hmmm«, knurrt sie.

»Komm, wach auf. Es gibt viel zu tun.«

»Hmmm.«

»Du Schlafmütze! Ich gehe schon mal ins Bad und mache mich fertig«, verkündet Oliver.

Als die Badezimmertür ins Schloss fällt, dreht Annika sich im Bett liegend auf den Rücken und blickt nach oben. Die alte Stuckdecke ist wunderschön geworden. Oliver hatte sie, wie auch das ganze Gebäude – das Overkamp’sche Haus, wie er zu sagen pflegt – von Grund auf restaurieren lassen. 2010 hatte Oliver im Nachlass seiner Oma einen Brief aus dem Jahr 1764 gefunden. Darin hatte ein Lippstädter namens Ferdinand seine in Lübeck lebende Schwester gebeten, seine schwangere Tochter bei sich aufzunehmen. Dieser Brief brachte Oliver auf den Gedanken, ein Urlaubssemester zu nehmen und von Lübeck nach Lippstadt zu kommen. Er hatte ein altes Familiengeheimnis aufdecken wollen, was ihm zum Teil auch gelungen war: Oliver hatte erfahren, dass sein Urur…großvater, der erfolgreiche Kaufmann Ferdinand Overkamp, in diesem Haus hier in Lippstadt gelebt hatte, bis irgendetwas Tragisches vorgefallen war. Etwas Furchtbares muss es gewesen sein, da ist Oliver sicher, aber was genau geschehen war, hatte er nicht in Erfahrung bringen können. Trotz intensiver Recherche weiß Oliver nur, dass ein Mann namens Caspar Engerling nach und nach das gesamte Vermögen Ferdinand Overkamps an sich gebracht hatte. Zu guter Letzt war es diesem Engerling 1765 auch noch gelungen, dieses Overkamp’sche Haus zu bekommen, woraufhin sein Urur…großvater nach Lübeck gegangen war. Dort leben die Nachfahren heute noch. Olivers Großmutter war die letzte geborene Overkamp. Jetzt heißt die Familie Thielsen. Oliver Thielsen. Der Zufall hatte es so gewollt, dass Oliver 2010 dieses Haus ersteigern konnte. Nach 245 Jahren hatte er es wieder in Familienbesitz bringen können. Im November 2010 wurde das Haus zwangsgeräumt.8 Im Frühjahr 2011 war eine Apotheke ins Erdgeschoss des Hauses Kirchgasse 2 eingezogen, während im ersten Stock – Beletage, nennt Oliver sie – alles von der Pike auf renoviert und restauriert worden war. Es muss ein Vermögen gekostet haben. Aber Geld scheint für Oliver und die Thielsens kaum eine Rolle zu spielen. Es war sogar mehrfach ein Kunst- und Bauhistoriker vor Ort gewesen, der von der wiederentdeckten Schönheit der guten Stube, wie Oliver immer sagt, absolut begeistert war. »Das ist Stadtgeschichte«, hatte der Historiker gesagt. »Wunderbar, einfach wunderbar.« Dieser Mann war ein Experte in Sachen Denkmalschutz und Denkmalpflege. Er hatte Oliver viele Tipps gegeben, an wen er sich wenden sollte, um zum Beispiel die Holzwürmer zu vertreiben, wer die fehlenden Stellen im Stuck wieder ausfüllen konnte, wie man die verrauchte Raufasertapete entfernte, ohne die darunter verborgene Malerei über der Tür zu zerstören. Der Experte und die Fachleute hatten an alles gedacht, und das Ergebnis kann sich sehen lassen. Es ist traumhaft geworden – wieder traumhaft geworden.

»Hast du denn jetzt noch Sachen in deiner Wohnung in Lübeck, oder ist sie schon leer?«, fragt Annika, als Oliver aus dem Bad kommt.

»Nein, es ist jetzt alles hier. Alles, was mir wichtig ist. Auch du bist hier«, sagt Oliver und springt mit Anlauf wieder ins Bett. »Schön, dass du da bist.«

»Ja, schön, dass du es aus Lübeck ins schöne Lippstadt geschafft hast. Immer diese Fahrerei am Wochenende; der Weg von Paderborn nach Lübeck ist einfach zu weit. Von Paderborn nach Lippstadt hingegen ist es kein Problem«, findet Annika, die in Paderborn lebt und studiert.

»Wenn das so ist«, lacht Oliver, »dann zieh doch zu mir. Die Beletage ist viel zu groß für mich«, bittet Oliver. Er wünscht sich nichts mehr, als dass Annika endlich zu ihm zieht.

»Wie oft soll ich es dir noch erklären? Von meiner Wohnung zur Uni sind es nur wenige Minuten, das ist superpraktisch. Außerdem mag ich Paderborn.«

»Das Praktische will ich ja noch gelten lassen«, sagt Oliver, »aber eine schöne Stadt ist es nicht! Besser als Lippstadt geht es doch gar nicht. Lübeck ist nahe dran. Aber Lippstadt, das ist meine Stadt, deshalb bin ich hier.«

»Ja, ich weiß«, sagt Annika. »Aber Paderborn ist auch eine tolle Stadt!«

»Frühstück wäre jetzt auch toll, oder? Und dann gibt es hier noch viel zu tun. Ich muss heute unbedingt die Küche richtig anschließen. Gleich um elf Uhr kommt Andy und hilft mir. Bis dahin muss ich noch entsprechend Platz schaffen und …«

»Ich verstehe schon. Tu, was du tun musst. Ich mache mich eben im Bad fertig und hole dann Brötchen, okay?«

»Ja gerne. Ich habe einen Bärenhunger«, sagt Oliver.

»Ah, guten Morgen Frau Neff-Asseburg«, sagt Annika, als ihr die Apothekerin im Eingangsbereich des Hauses begegnet.

»Guten Morgen, Frau … äh …«

»Austerschmidt. Annika Austerschmidt heiße ich«, stellt sich Annika vor. Von der Apothekerin hat Oliver gestern Abend erzählt. Er sei noch am Tag seines Einzugs, also vorgestern, mit ihr ins Gespräch gekommen: Über Lippstadt und seine Geschichte, von der sie erstaunlich wenig wisse, hatte sich Oliver gewundert. Annika hatte instinktiv die Apothekerin verteidigt, es wären schließlich nicht alle so an Stadtgeschichte interessiert wie er. Oliver hatte dann schnell eingelenkt, doch fand er es unverständlich, wie man so wenig über seine Heimatstadt wissen kann.

»Haben Sie gestern Zeitung gelesen? In Der Patriot und in der Lippstädter Tageszeitung LTZ steht, dass es ein neues Lippstadt-Buch gibt. Das ist doch etwas für Ihren Freund, oder? Wir sprachen darüber«, erklärt Frau Neff-Asseburg.

»Ja, ich habe davon gehört. Und nein, ich glaube, er hat es noch nicht gelesen, sonst hätte er mir davon erzählt. Er hat viel zu tun. An diesem Wochenende muss er mit dem Umzug fertig werden. Alles muss angeschlossen sein, denn am Montag beginnt er mit seinem neuen Job«, berichtet Annika. Oliver war nach seinem Urlaubssemester im Sommer 2010 in Lippstadt nach Lübeck zurückgekehrt, um sein Studium abzuschließen. Nun hat er eine Anstellung bei der Lippstädter Tageszeitung LTZ bekommen, bei der er 2010 ein Praktikum gemachte hatte.

»Hier, ich habe den Artikel ausgeschnitten«, sagt Frau Neff-Asseburg mit einem Lächeln und reicht Annika den Ausschnitt. »Den können Sie behalten. Ist nicht so mein Thema.«

»Danke. – Wie lange hat denn die Apotheke heute geöffnet?«, fragt Annika mehr aus Höflichkeit denn Interesse.

»Heute bis 18 Uhr und morgen von 13 bis 18 Uhr«, antwortet Frau Neff-Asseburg. »Das macht einem das ganze Wochenende kaputt, und meine Kinder sind wieder viel alleine. Wissen Sie, ich sehe dann immer die glücklichen Familien, Vater – Mutter – Kinder, hier vor dem Schaufenster vorbeigehen, und ich weiß, dass meine Kinder allein zu Hause sitzen und womöglich fernsehen. Und das bei diesem schönen Wetter. Die Sonne scheint, und ich sitze hier in der Apotheke …«

»Morgen haben Sie geöffnet? Da ist doch Sonntag!«, wundert sich Annika.

»Ja, das stimmt. Aber es ist doch Lippstädter Lenz. Morgen ist verkaufsoffen und das legendäre Entenrennen.«

Annika geht über den Marktplatz – samstags ist immer Wochenmarkt – und überlegt, was Entenrennen sein könnte. Komische Sachen gibt es in Lippstadt. Sie würde Oliver fragen, der weiß immer eine Antwort und hält mit seinem Wissen nicht hinterm Berg. Ein waschechter Klugscheißer, denkt Annika manchmal, was der alles weiß, nicht nur über Lippstadt. Oft hat sie sich schon über Olivers Art geärgert, dass er immer nur ein Thema hat: Stadtgeschichte. Doch er hat natürlich auch seine guten Seiten, sonst wäre sie schließlich nicht mit ihm zusammen. Ihre Freundin Sara sagt immer, Oliver sehe aus wie Matthias Schweighöfer, nur jünger. Da hat Sara recht, denkt Annika und freut sich, dass Oliver so süß ist mit seinen blonden Strubbelhaaren. Er ist aber auch gebildet, zuverlässig und ein bisschen witzig. Und irgendwie konservativ: »Oliver, der Hüter der Traditionen«, sagt Olivers Bruder Daniel immer und trifft es damit auf den Punkt. Was für Daniel so negativ ist, ist für Annika von großer Bedeutung. Es kommt ja nicht von ungefähr, dass sie Geschichte studiert. So passen ihre Interessen ganz hervorragend zu Olivers, findet sie und freut sich. – Annika war kurz in ihren Gedanken versunken und wirft nun einen Blick auf den Zeitungsausschnitt, den Frau Neff-Asseburg ihr gegeben hat. Bunte Lesereise durch die Stadtgeschichte. »Lippstadt im Spiegel der Zeit«: Neue 231-Seiten-Chronik vorgestellt. Das ist doch genau das Richtige für Oliver, denkt Annika und liest weiter: Lippstadt – Zeitreise ohne Zeitmaschine: Wer sich auf eine ebenso unterhaltsame wie informative Reise durch die Stadtgeschichte Lippstadts begeben möchte, sollte einen Blick in das neue Buch »Lippstadt im Spiegel der Zeit« werfen, das jetzt im Stadthaus vorgestellt wurde. […] ist für 19,80 Euro in allen Patriot-Geschäftsstellen erhältlich und im Internet.9

»Entschuldigen Sie«, spricht Annika eine Marktbesucherin an. »Ist hier nicht in der Nähe eine Patriot-Geschäftsstelle?«

»Ja, da vorne«, sagt die Frau und deutet schräg auf die andere Straßenseite. »Am Aldi vorbei oder direkt neben dem Aldi. Sie werden es nicht verfehlen.«

»Danke!«, sagt Annika. Sie hat schon während des Lesens beschlossen, nicht nur Brötchen mitzubringen, sondern auch dieses Buch. Das wird Oliver gefallen, hundert pro!

»Wo warst du so lange?«, fragt Oliver, als er Annika die Treppe zur Beletage hochkommen hört.

»Augen zu«, fordert sie, ohne auf seine Frage einzugehen. »Mach schon!«

»Ich habe Hunger, und gleich kommt Andy. Dann will ich wenigstens mit dir schon einen Kaffee getrunken haben. Zur Feier des Tages habe ich ein Glas Nutella geöffnet. Der Kühlschrank ist noch leer. Ich sollte heute noch ein paar Sachen besorgen. Lebensmittel meine ich …«

»Psst. Sei ruhig und setz dich hin«, sagt Annika. »Sind deine Hände sauber?«

»Ja. Was soll das jetzt?« Es ist Oliver deutlich anzumerken, dass er etwas genervt ist.

»Hier, für dich«, sagt Annika und drückt Oliver das Buch in die Hände. »Augen auf!«

»Lippstadt im Spiegel der Zeit”, liest Oliver. »Cool! Wo hast du das denn her? Das gibt es doch nicht beim Bäcker! Wie … wie … wie genial ist das denn?«, freut er sich. »Schade, dass ich heute keine Zeit haben werde, in Ruhe zu lesen. – Woher weißt du, dass es das gibt?«, fragt Oliver.

»Ich habe die Neff-Asseburg getroffen. Stell dir vor, die hat extra für dich den Artikel ausgeschnitten, weil sie weiß, dass du auf so etwas stehst«, erzählt Annika.

»Ja, die ist echt nett. Dr. René Lange – das ist der Inhaber der Apotheke, dem ich die Verkaufsräume vermietet habe – habe ich seit meiner Ankunft am Donnerstag noch nicht hier gesehen. Aber egal …«

8 Vgl.: Rita Maria Fust: Der Kaufmann von Lippstadt. Gmeiner 2014.

9 »Bunte Lesereise durch die Stadtgeschichte. ›Lippstadt im Spiegel der Zeit‹: Neue 231-Seite-Chronik vorgestellt. In: Der Patriot, 30. März 2012.

Lippstadt, 6ter Juli 1801

»Jordan! Haben Sie es gehört? Apotheker Tilemann hat einen Nachfolger gefunden!«, ruft Fabro. Aufgebracht steht er in der Offizin, dem Verkaufsraum der Adler-Apotheke. »Tilemann verkauft seine Einhorn-Apotheke nebst Privileg an seinen Gehilfen Hülsemann! Heute noch!«

»Was sagen Sie?«, hakt Jordan, der Besitzer der Adler-Apotheke, erschrocken nach. »Tilemann verkauft? Das ist gegen die Verordnung. Unfassbar! Das darf nicht sein! In der Medicinal-Verordnung von 1778 steht, dass eine der drei Apotheken Lippstadts schließen muss, und zwar die, wo am ersten Mann oder Frau stirbt, und die beiden übrigen Apotheker müssen dem Erben das Privilegium abkaufen. So einen Fall haben wir jetzt in etwa! Tilemann kann nicht einfach so verkaufen! Das darf er gar nicht!«

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

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