Die Gefangene des Herzogs - Dukes Trilogie: Band 3 - Patricia Grasso - ebook

Die Gefangene des Herzogs - Dukes Trilogie: Band 3 ebook

Patricia Grasso

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Opis

Sie ist seine Gefangene – doch sein Herz gehört ihr: Der Regency-Roman »Die Gefangene des Herzogs« von Patricia Grasso jetzt als eBook bei dotbooks. London, 1813. James Armstrong, Duke von Kinross, kennt nur ein Ziel: Rache für den Tod seines Bruders zu nehmen. Die Spur führt ihn zu dem berüchtigten Spion »Goldene Lilie« – doch dieser entpuppt sich als wunderschöne und ebenso temperamentvolle junge Frau. Um sie zu bändigen und die Wahrheit zu erfahren, entführt er Lily auf seinen Landsitz … aber schon bald droht die wilde Schöne zur Gefahr für James zu werden. Wird sie ihm etwa sein Herz stehlen? Als er nur knapp einem Hinterhalt entkommen kann, muss er sich entscheiden: Ist er bereit, für Lily alles zu riskieren? Oder sind ihre leidenschaftlichen Küsse nur die Waffen einer Spionin? »Ein echter Wildfang als Heldin und ein Cinderella-Märchen mit einer ganz besonderen guten Fee.« The Best Reviews Jetzt als eBook kaufen und genießen: Der historische Liebesroman »Die Gefangene des Herzogs« aus der erfolgreichen Dukes-Trilogie von Historical-Romance-Queen Patricia Grasso. Wer liest, hat mehr vom Leben: dotbooks – der eBook-Verlag.

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Über dieses Buch:

London, 1813. James Armstrong, Duke von Kinross, kennt nur ein Ziel: Rache für den Tod seines Bruders zu nehmen. Die Spur führt ihn zu dem berüchtigten Spion »Goldene Lilie« – doch dieser entpuppt sich als wunderschöne und ebenso temperamentvolle junge Frau. Um sie zu bändigen und die Wahrheit zu erfahren, entführt er Lily auf seinen Landsitz … aber schon bald droht die wilde Schöne zur Gefahr für James zu werden. Wird sie ihm etwa sein Herz stehlen? Als er nur knapp einem Hinterhalt entkommen kann, muss er sich entscheiden: Ist er bereit, für Lily alles zu riskieren? Oder sind ihre leidenschaftlichen Küsse nur die Waffen einer Spionin?

»Ein echter Wildfang als Heldin und ein Cinderella-Märchen mit einer ganz besonderen guten Fee.« The Best Reviews

Über die Autorin:

Als Schülerin las Patricia Grasso »Vom Winde verweht« – und war enttäuscht von dem unglücklichen Ende. Schließlich glaubt sie an die große Liebe und das Happy End! Deswegen schreibt sie nun selbst Liebesromane mit glücklichem Ausgang. Zunächst war das Schreiben für sie nur ein Ausgleich zum alltäglichen Arbeitsstress, inzwischen ist sie eine erfolgreiche Bestsellerautorin: Ihre Romane sind preisgekrönt, wurden in fünfzehn Sprachen übersetzt und in zwanzig Ländern veröffentlicht. Patricia Grasso lebt in der Nähe von Boston, Massachusetts.

Eine Übersicht über weitere Romane von Patricia Grasso bei dotbooks finden Sie am Ende dieses eBooks.

Die Autorin im Internet: www.patriciagrasso.com

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eBook-Neuausgabe April 2019

Dieses Buch erschien bereits 2006 unter dem Titel »Unter der Flagge der Liebe« bei Heyne

Copyright © der amerikanischen Originalausgabe 2001 by Patricia Grasso

Die amerikanische Originalausgabe erschien 2001 unter dem Titel »To Tame a Duke« bei Kensington Publishing Corp. New York, NY, USA

Copyright © der deutschen Erstausgabe 2006 by Wilhelm Heyne Verlag, München, in der Verlagsgruppe Random House GmbH

Copyright © der Neuausgabe 2019 dotbooks GmbH, München

Dieses Werk wurde vermittelt durch die Langenbuch & Weiß Literaturagentur, Hamburg/Berlin. By arrangement with Books Crossing Borders, Inc.

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Titelbildgestaltung: Nele Schütz Design unter Verwendung von Bildmotiven von shutterstock/Mukul Banerjee und Mary Chronis, VJ Dunraven Productions & PeriodImages.com

eBook-Herstellung: Open Publishing GmbH (rb)

ISBN 978-3-96148-765-3

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Patricia Grasso

Die Gefangene des Herzogs

Roman

Aus dem Amerikanischen von Ellie Stern

dotbooks.

Prolog

Boston, September 1804

»Gütige Jungfrau, bitte für mich beim Heiligen Vater, dass meine Mutter sich von dieser schweren Geburt erholt.«

Die zehnjährige Lily Hawthorne stand im Eingang des Four Winds, der Schenke ihres Vaters. Sie trat zwei Schritte hinaus auf den Howell's Pier, wo sie der Geruch von Salzwasser empfing und die Sonne ihr das Gesicht wärmte.

Lily strich sich ein paar ebenholzfarbene Strähnen aus dem Gesicht und ließ den Blick über den Hafen von Boston schweifen. Tief durchatmend versuchte sie, die Hoffnungslosigkeit zu bekämpfen, die sich in ihrem Inneren auszubreiten begann. Schäfchenwolken zogen über den blauen Horizont, der sich so weit erstreckte, bis der Himmel mit der See verschmolz. Sie hörte das Kreischen der Möwen und sah ihnen zu, wie sie ins Wasser tauchten und wieder aufstiegen. Ein großer Schwarm Wildgänse flog in strenger Formation über Lily hinweg Richtung Süden.

Sorgen trübten ihre zarten Gesichtszüge. Das Herz war ihr schwer, und sie musste gegen die Tränen ankämpfen. Doch ihre Mutter würde es nur noch mehr belasten, wenn Lily dem Drang nicht widerstand, sich hinzuwerfen und hemmungslos zu schluchzen. Sie durfte nicht mit rot geweinten Augen vor ihre Mutter treten.

Ihre wundervolle Mutter lag im Sterben.

Ein tiefes Seufzen entrang sich Lilys Kehle. Ihr Herz kämpfte noch gegen das an, was ihr Verstand längst wusste. Ihre Mutter würde sterben, zu groß war der Blutverlust nach der Geburt ihres zweiten Kindes, einem Sohn.

Warum mussten ihre Eltern noch ein Kind bekommen?, dachte Lily. Schließlich hatte sie doch schon einen älteren Halbbruder! Das Leben ihrer Mutter für einen kleinen Bruder einzutauschen, das schien kein gerechter Handel. Aber nun konnte man nichts mehr ändern, nur das Ende abwarten.

Lily schloss die saphirblauen Augen und flüsterte inbrünstig: »Gütige Mutter Gottes, erhöre mein Gebet und bewahre meine Mutter vor dem Tod. Ich tue alles, wenn du dich beim Heiligen Vater für sie einsetzt.«

Ob Gott ein solches Angebot wohl als anmaßend empfand, fragte sich Lily, und plötzlich lief es ihr eiskalt den Rücken hinunter. Was, wenn er ihr zur Strafe auch noch den Vater und den Halbbruder nahm?

»Lieber Gott, es tut mir schrecklich Leid, dass ich mit Dir handeln wollte«, murmelte Lily. »Ich wollte doch nur meine Mutter retten.«

»Ich habe gehört, deine Mutter stirbt«, ertönte eine Stimme hinter ihr.

Lily wirbelte herum und erblickte Hortensia MacDugal, ihre Erzfeindin. Die einzige Tochter eines Schankwirts auf dem nächsten Pier und der Hebamme ihrer Mutter. Obwohl sie beide gleich alt waren, überragte Hortensia sie um ein gutes Stück, und Lily hatte das andere Mädchen immer um die blonden Haare und die kornblumenblauen Augen beneidet. Doch jetzt beneidete sie Hortensia darum, dass ihre Mutter nicht im Sterben lag. Verglichen mit dem Verlust der Mutter schien es so unwichtig, ob man schwarzhaarig oder blond zur Welt kam.

Lily starrte das Mädchen an. Wahrscheinlich wäre der schwärzeste Tag ihres Lebens ohne Hortensia einfach nicht vollständig gewesen.

»Was willst du?«, fragte Lily.

»Ich warte auf meine Mutter«, antwortete Hortensia.

»Sie wird noch eine Weile brauchen«, erklärte Lily und schielte zur Küchentür. »Du kannst also ebenso gut nach Hause gehen.«

Hortensia erwiderte störrisch Lilys Blick. »Ich warte lieber.«

Misstrauisch verengte Lily die Augen und bemerkte: »So kenne ich dich gar nicht, du hängst doch sonst nicht so am Rockzipfel deiner Mutter.«

Hortensia lächelte vielsagend. »Ich hörte, dass Bradley Howell da drinnen bei Seth ist.«

Das war es also! Hortensia hatte ein Auge auf den wohlhabenden Freund ihres Bruders geworfen, den einzigen Sohn des Besitzers von Howell's Wharf.

Lily verdrehte die Augen. »Ich hätte wissen müssen, dass es einen anderen Grund gibt.«

»Bradley sieht so gut aus«, schwärmte Hortensia. »Eines Tages werde ich ihn heiraten.«

»Verschwinde von hier und belästige mich nicht weiter.«

»Eifersüchtig?«

Lily reckte die Nase in die Luft und erwiderte: »Wie könnte ich auf ein Flittchen wie dich eifersüchtig sein, von der jedermann weiß, dass sie nach altem Fisch stinkt?«

»Du wagst es ...« Hortensia kam auf sie zu, die Hände zu Fäusten geballt.

»Lily!«

Als sie sich umwandte, sah sie ihren Bruder zusammen mit Bradley Howell in der Tür stehen. »Ist es soweit?«, fragte sie.

Der fünfzehnjährige Seth nickte finster. Schweren Herzens schritt sie langsam zur Tür.

Bradley trat zur Seite und flüsterte ihr im Vorbeigehen zu: »Sei tapfer, Lily.« Sie würdigte seine Worte mit einem Nicken.

Hinter sich hörte sie Hortensia sagen: »O Bradley, könntest du mich nach Hause begleiten?«

»Es wäre mir eine Ehre«, antwortete er.

»Mögen mir die Schutzheiligen vergeben«, murmelte Lily, als sie an ihrem Bruder vorbeischlüpfte, »aber ich hasse dieses Mädchen.«

Lily und ihr Bruder gingen durch die Küche in die Gaststube der Schenke. Die Stille in der sonst so geschäftigen Stube lastete schwer auf ihr und erinnerte sie schmerzlich daran, dass ihre Mutter im Sterben lag.

Während sie die Stufen hoch stieg, verlangsamte Lily ihre Schritte. Wenn sie nicht in das Schlafzimmer ihrer Mutter ging, um sich von ihr zu verabschieden, würde sie vielleicht auch nicht sterben. Nein, das war Unfug!

»Ich will da nicht hinein.« Lily blieb zögerlich vor der Tür zum elterlichen Schlafzimmer stehen.

»Fürchtest du dich?«, erkundigte sich Seth und beugte sich zu ihr herab, um ihr in die Augen zu sehen.

»Du solltest es besser wissen«, erwiderte Lily. »Ich habe vor gar nichts Angst.«

»Du fürchtest dich im Dunkeln«, erinnerte er sie.

Lily schüttelte den Kopf. »Die Dunkelheit beunruhigt mich.«

»Bist du jetzt beunruhigt?«

»Ja.«

Ihre Offenheit brachte ihn beinahe zum Lächeln. »Deine Mutter will dir etwas geben, bevor sie ...«

Lily wusste, was er sagen wollte und biss sich auf die Unterlippe.

»Wirst du weinen?«

Lily schüttelte den Kopf, sprechen traute sie sich nicht, aus Sorge, die Tränen könnten sie überwältigen.

»Weinen würde sie nur aufregen«, erklärte Seth. »Kannst du um ihretwillen tapfer sein?«

Beherzt streckte Lily die schmale Brust heraus, hob das Kinn ein wenig und nickte. »Ich werde alles tun, um ihr das Sterben zu erleichtern.«

»Braves Mädchen«, sagte Seth und berührte sie zärtlich an der Schulter. Dann hielt er ihr die Tür auf und ließ sie vorbei.

Das Zimmer war abgedunkelt, und Mrs MacDugal, Hortensias Mutter, stand in einer Ecke, den Säugling in Armen. Lilys Vater saß bei ihrer Mutter auf der Bettkante.

»Emmet, sie ist da«, flüsterte ihre Mutter, als sie Lily erblickte.

»Also gut, Sarah«, meinte ihr Vater und erhob sich. Er sah Lily an und sagte: »Setz dich hier hin. Mutter hat auf dich gewartet.«

Lily durchquerte das Zimmer und ließ sich auf den Platz nieder, den ihr Vater eben verlassen hatte. Tränen schossen in ihre saphirblauen Augen, während sie ihre Mutter betrachtete. Eine Woge der Hoffnungslosigkeit überrollten sie, und sie hatte das Gefühl, keine Luft mehr zu bekommen.

»Nicht weinen, mein Kind«, bat ihre Mutter und lächelte matt. »Niemand stirbt wirklich. Unser Geist kommt an einen besseren Ort und die Erinnerung an uns bleibt in den Herzen derer, die wir lieben.«

Der sanfte Ton ihrer Mutter und ihre trostreichen Worte überwältigten Lily. Ergriffen nahm sie die Hand ihrer Mutter und rief: »Verlass mich nicht, Mama!«

»Gott ruft mich zu sich«, antwortete sie schlicht.

»Sag Ihm, Er soll warten!

»Keiner kann dem Allmächtigen Befehle geben. Außerdem bin ich so müde.«

Lily betrachtete das Gesicht ihrer Mutter und prägte es sich noch einmal ganz genau ein. Ihre Mutter sah wirklich aus, als bräuchte sie viel Schlaf. Als ihr das bewusst wurde, schämte sich Lily für den Versuch, die Mutter bei sich zu behalten. Sie wusste, es war eigennützig, doch wie sollte sie leben, ohne das Gesicht ihrer Mutter zu sehen und ihre Umarmungen zu spüren? Wie sollte sie ohne deren liebevolle Sorge zurechtkommen?

»Ich bedaure nur, dass ich nicht miterleben werde, wie du zur Frau heranreifst«, sagte ihre Mutter, als würde sie die Gedanken ihrer Tochter erraten. Dann fuhr sie fort: »Ich habe ein Geschenk für dich.«

Lily sah zu, wie ihre Mutter die Kette abnahm, die sie immer um den Hals trug. Die Kette, die sie einst von ihrer Mutter bekommen hatte und diese davor von ihrer. An der feingliedrigen Goldkette hing ein goldenes Kreuz, das mit den griechischen Buchstaben Alpha und Omega verziert war.

Ihre Mutter winkte sie zu sich heran und legte Lily die Kette um den Hals. Beinahe ehrfürchtig berührte Lily das Kreuz, das Vermächtnis ihrer Mutter.

»Alpha und Omega bedeuten Anfang und Ende«, erklärte ihre Mutter. »Das, was ist, was war und was noch sein wird.«

»Das verstehe ich nicht«, entgegnete Lily verwirrt.

Liebevoll lächelte Sarah Hawthorne ihre Tochter an. »Das musst du nicht verstehen«, meinte sie. »Denk nur immer daran, dass deine große Liebe die erste und die einzige für dich sein wird. Alpha und Omega.«

Lily betastete das Kreuz und verkündete mit geschwellter Brust: »Das wird natürlich Bradley Howell sein!«

»Ich möchte, dass du den Namen für deinen kleinen Bruder auswählst«, bat ihre Mutter und beendete damit das Thema große Liebe. »Dann darfst du ihn halten.«

»Heute ist Sankt Michael«, sagte Lily ohne zu zögern. »Er soll Michael heißen, zu Ehren des Erzengels.«

Als ihr Mann zustimmend nickte, wandte sich Sarah Hawthorne mit ernster Miene an ihre Tochter. »Du musst für ihn meinen Platz einnehmen. Wirst du das für mich tun?«

»Ich werde ihn mit meinem Leben beschützen«, versprach Lily, stolz, für eine derart verantwortungsvolle Aufgabe ausgewählt worden zu sein. Mit rauer Stimme, von Gefühlen überwältigt, beteuerte sie: »Ich werde ihm von dir erzählen, Mama. Ich werde ihn seine Mutter nicht vergessen lassen.«

»Du bist ein braves Mädchen.« Sie sah zu Mrs MacDugal, die Lily vorsichtig den Säugling in den Arm legte und sagte: »Stütz seinen Kopf.«

Das Baby im Arm, musterte Lily lange das kleine Gesicht und sah dann überrascht zu ihrer Mutter auf: »Er hat ja Schlitzaugen!«

»Dein Bruder ist ein besonderes Geschenk Gottes«, sagte ihre Mutter und verwirrte sie damit nur noch mehr.

Lily blickte von ihrer Mutter zu ihrem Bruder. Abgesehen von den Augen fiel ihr nichts Außergewöhnliches an ihm auf. »Was ist an ihm besonders?», fragte sie.

Ihre Mutter schwieg eine Weile, dann antwortete sie: »Kinder wie Michael bringen Gott zum Lächeln ...«

Erstes Kapitel

Boston, November 1812

»Äffchen, Äffchen. Schlitzäugiges Äffchen!«

Wie von einem Windhauch getragen drangen diese Worte von fern an Lilys Ohren. Lily hatte sich im Eingang der Taverne ihres Vaters in der für November ungewöhnlich milden Sonne gewärmt. Nun trat sie hinaus auf den Howell's Pier und wandte das Gesicht empor.

Altweibersommer, kam es ihr in den Sinn, und ein Lächeln schlich sich auf ihre Lippen. Ihre liebste Jahreszeit. Gott hatte ihr ein wunderbares Geburtstagsgeschenk gemacht.

Lily legte den Kopf auf die Seite und lauschte den nur allzu vertrauten Geräuschen, doch nun herrschte vollkommene Stille. Sie lehnte sich an den Türrahmen, ihren Lieblingsplatz für Tagträumereien, und schloss die Augen. Sie dachte an das hübsche Gesicht von Bradley Howell, den Mann, den sie zu heiraten gedachte, wenn der Krieg erst vorüber wäre. Zu dumm, dass der Krieg ihre Pläne durchkreuzt hatte.

Unwillkürlich griff Lily nach der Halskette mit dem goldenen Kreuz, dem Erbe ihrer Mutter. Alpha und Omega, Anfang und Ende, so hatte es ihr die Mutter erklärt. Ihr erster und einziger Mann wäre ihre große Liebe. Lily wusste nicht, wie ihre Mutter das hatte erahnen können, aber sie hatte ihre Worte nie angezweifelt.

»Gütige Jungfrau, bitte mach, dass Bradley Howell der Erste und Einzige für mich ist«, flüsterte Lily. Und nach einem Moment fügte sie hinzu: »Und wenn es nicht zu viele Umstände macht, lass ihn dran denken, dass heute mein Geburtstag ist.«

Lily strich sich eine widerspenstige, schwarze Strähne aus dem Gesicht und betrachtete den vertrauten Anblick des Hafens von Boston. Singsang drang an ihr Ohr. Als wittere sie Gefahr, hob Lily den Kopf. Da war es wieder, lauter diesmal, ein halbes Dutzend Kinder vor der Schenke.

»Äffchen, Äffchen. Schlitzäugiges Äffchen!«

Lily rannte die Gasse hinter der Schenke hinunter. Als sie um die Ecke bog, hörte sie Hortensia MacDugal gerade noch sagen: »Dich hat der Teufel gezeugt, Michael Hawthorne. Du bist eine Satansbrut!«

Einige der Kinder fingen an zu singen: »Satansbrut ... Satansbrut ... Satansbrut!«

Als einer der Jungen einen Stein aufhob und ausholte, um ihn auf ihren Bruder zu werfen, sprang Lily dazwischen. Sie packte den Knaben am Handgelenk, wand ihm den Stein aus der Hand und riss ihn herum.

»Du tust mir weh«, weinte der Junge.

»Du kannst von Glück sagen, dass du diesen Stein nicht geworfen hast, Douglas MacDugal«, fauchte Lily den Zwölfjährigen an. »Sonst hätte ich dir beide Arme brechen müssen.« Sie stieß ihn weg und rief: »Scher dich nach Hause, oder es wird dir Leid tun!«

Die Kinder zerstreuten sich, nur Hortensia MacDugal wich nicht von der Stelle.

»Wag es nicht noch einmal, meinen Bruder anzufassen«, drohte das blonde Mädchen.

Doch Lily konnte sie keine Angst einjagen. Sie blickte ihre Erzfeindin verächtlich an und sagte: »Du pferdegesichtige ...«

Ohne Vorwarnung verpasste Hortensia Lily eine kräftige Ohrfeige und stieß sie zu Boden. In einer einzigen fließenden Bewegung war Lily wieder auf den Beinen und zog den kleinen Dolch, den sie in einem Lederriemen am Bein mit sich trug. –

Hortensia MacDugal starrte entsetzt auf die Waffe, dann rannte sie schreiend davon, sodass alle Welt sie hören konnte: »Lily Hawthorne will mich ermorden!«

»Ich wünschte nur, die Hexe würde lange genug still halten, damit ich sie aufschlitzen kann«, murmelte Lily und steckte den Dolch zurück in den Schaft.

Sie hörte ihren achtjährigen Bruder glucksen und drehte sich lächelnd zu ihm um. »Hat dir das gefallen?«, wollte sie wissen und brachte ihn damit noch lauter zum Lachen.

»Mir hat gefallen, wie du deinen Dolch gezogen hast«, antwortete Michael. »Mann, war die überrascht!«

»Wisch dir das Kinn ab«, sagte Lily und trat einen Schritt auf ihn zu. »Lass die Zunge im Mund und vergiss nicht, den Mund zu schließen, wenn du nicht sprichst.«

Gehorsam fuhr sich Michael mit dem Hemdsärmel übers Kinn. Lily legte einen Arm um seine Schulter und schob ihn zu einem Stapel von Hummerkäfigen.

Als sich die beiden setzten, tätschelte Michael ihren Arm. »Schwester, warum wollen die anderen nicht mit mir spielen?«, fragte er und sah sie mit seinen saphirblauen Augen an, die den ihren so glichen.

Lily blickte auf den geöffneten Mund und die leicht schräg gestellten Augen. Sie wollen nicht mit dir spielen, weil du anders bist, lag es ihr auf der Zunge, doch sie schwieg. Die meisten Kinder waren ebenso wie deren Eltern zu unwissend, was die Behinderung ihres Bruders anging. Anderen, so wie Hortensia MacDugal, machte es Spaß, grausam zu sein. Ein paar glaubten vielleicht wirklich, dass Michael ein Kind des Teufels war. Wie sollte sie ihrem Bruder solch sinnlosen Hass verständlich machen?

»Hast du keine Antwort?«, hakte Michael nach.

»Ich weiß zu jeder Frage eine Antwort, sogar auf die, die noch nicht gestellt wurden«, erklärte Lily überheblich und brachte ihn damit zum Lächeln.

»Und was ist nun die Antwort?«, bohrte er weiter.

Lily ahnte, dass sie sich diesmal nicht herausreden könnte und entschied, dass ihr Bruder schlauer war, als viele dachten. »Die anderen wollen nicht mit dir spielen, weil ihre Eltern Angst haben«, fing sie an und suchte nach Worten, die ihn nicht verletzen würden. »Sie sehen, dass du anders als sie bist, und verstehen das nicht.«

Verwirrung machte sich auf seinem Gesicht breit. »Was ist anders an mir?«

»Etwas ist passiert, als du auf die Welt kamst«, erklärte Lily. »Das macht dich zu etwas Besonderem.«

»Ich will aber nichts Besonderes sein«, jammerte er. »Ich will sein wie alle.«

»Ich weiß«, sagte Lily verständnisvoll und zog ihn an sich. »Aber wir beide werden immer zusammen sein, nicht wahr? Und nun, wisch dir bitte das Kinn ab.«

Michael nickte und wischte sich die Spucke vom Kinn. »Erzähl mir die Geschichte, Schwester.«

»Ich habe dich Michael genannt, weil du an Sankt Michael zur Welt kamst«, begann Lily, erleichtert über den Themenwechsel. »Der heilige Michael ist einer der Erzengel. Weißt du noch, was er getan hat?«

Michael grinste. »Er hat gegen Luzifer gekämpft und ihn aus dem Himmel geworfen. Ich wünschte, ich könnte mir die Geschichte so gut merken wie du.«

»Dass ich mich an jedes Wort erinnern kann, das ich lese, ist eine besondere Gabe«, erklärte Lily. »Die wenigsten können das.«

»Ich wünschte, ich könnte es auch«, seufzte ihr Bruder. »Dann würden mich die anderen mögen!«

»Du hast deine eigene besondere Gabe«, meinte Lily.

»Was denn für eine?«

»Du bringst Gott zum Lächeln«, wiederholte sie die letzten Worte ihrer Mutter. »Und deine Lebensfreude überträgt sich auf andere.«

Es zerriss ihr beinahe das Herz, als ihr Bruder in die Richtung blickte, in der die Kinder verschwunden waren und sagte: »Nicht diese anderen.«

Lily öffnete den Mund um zu antworten, hielt aber inne, als sie eine Stimme hörte: »Hier steckt ja mein kleines Hafenmädchen!«

Mit einem Lächeln, das ihr ganzes Gesicht zum Strahlen brachte, drehte sich Lily zu dem dreiundzwanzigjährigen Bradley Howell um, der sein Pferd auf den Pier führte. Begleitet wurde er von ihrem Halbbruder Seth. »Ein Gentleman würde eine Lady niemals als Hafenmädchen bezeichnen«, schalt sie ihn.

»Wie wäre es dann mit Hafenlady?«, scherzte Seth. Er zwinkerte ihr zu und fuhr fort: »Komm mal mit mir, Michael.«

Lily errötete, als Bradley sich zu ihr auf den leeren Hummerkäfig setzte. Gütiger Himmel, in seiner Nähe wurde ihr immer heiß und kalt.

War das Liebe?, fragte sich Lily und musterte Bradley Howell von der Seite. Sein sandfarbenes Haar und die warmen braunen Augen übten eine unwiderstehliche Anziehungskraft auf sie aus. Doch auch die anderen Mädchen schwärmten genauso für ihn, wie sie selbst es tat.

»Ich hörte, du hast mit deinem Dolch geübt«, sagte Bradley mit einem amüsierten Lächeln. »Ich wusste, du würdest dich als gute Schülerin erweisen.«

Lily lächelte fröhlich. »Du bist wohl gerade Hortensia begegnet.« Ihre Gesichtszüge verdunkelten sich, als sie hinzufügte: »Ich wünschte, diese Kinder würden aufhören, Michael zu ärgern.«

»Kinder können grausam sein«, stimmte Bradley zu. »Ich zweifle aber nicht daran, dass Michael keinen Schaden erleidet, solange du ihn verteidigst.«

Lily sah den Leuten zu, die auf dem Pier vorübergingen und seufzte: »Ich wünschte, wir könnten von hier fort.«

»Du wirst hier wegkommen, wenn der Krieg vorbei ist und wir heiraten«, meinte Bradley. Er blickte lange zu ihr herab und sagte: »Seth hat mir von deiner besonderen Gabe erzählt.« Dann zog er ein Pergament aus der Innentasche seiner Weste, gab es ihr und forderte sie auf: »Lies!«

Lily war zutiefst enttäuscht. Ihr Bruder hatte versprochen, Bradley nie von ihrer Begabung zu erzählen. Sie kam sich immer vor wie eine Zirkusattraktion, wenn sie ihre Fähigkeit unter Beweis stellen sollte.

Widerwillig faltete sie das Pergament auseinander und erblickte die Unabhängigkeitserklärung der Vereinigten Staaten. »Kenne ich«, sagte sie und reichte es ihm zurück, ohne sich die Mühe zu machen, es zu lesen. Dann rezitierte sie: »Wenn es im Zuge der Menschheitsentwicklung für ein Volk notwendig wird, die politischen Bande zu lösen, die es ...«

»Das gilt nicht«, fuhr Bradley dazwischen. »Den Anfang kennt jeder. Sag mir, was im sechsten Satz steht.«

»Aber wenn eine lange Reihe von Missbräuchen und Übergriffen, die stets das gleiche Ziel verfolgen, die Absicht erkennen ...«

»Und nun den zweiten Absatz, bitte«, unterbrach Bradley sie erneut.

Lily seufzte. »Daher tun wir, die in einem gemeinsamen Kongress versammelten Vertreter der Vereinigten Staaten von Amerika, ...«

»Und wer hat die Erklärung unterzeichnet?«

Lily lächelte ihn an. »John Hancock, Button Gwinnett, Lyman Hall, George Walton, William Hooper ...«

Bradley brach in schallendes Gelächter aus. »Jetzt glaube ich den Prahlereien deines Bruders. Dein Talent könnte sich durchaus als nützlich erweisen.«

»Ich wüsste nicht, wozu es gut sein sollte, wenn man sich Worte auf einem Blatt Papier merken kann«, zweifelte Lily.

»Wie fändest du es, deine Gabe in den Dienst unserer Sache zu stellen?«

Seine Frage verwirrte sie. »Was meinst du mit in den Dienst unserer Sache stellen?«

»Dich am Krieg zu beteiligen.«

Sich für den Krieg einzusetzen würde bedeuten, mehr Zeit mit Bradley zu verbringen, kam es ihr in den Sinn. »Was müsste ich tun?«, erkundigte sie sich.

»Seth und ich würden dich zu unseren Agenten begleiten. Diese übergeben dir kodierte Botschaften, die du auswendig lernen müsstest«, erklärte Bradley. »Dann überbringen wir die Nachricht einem anderen Agenten, der sie wiederum jemandem weiterleitet. Das Entscheidende ist, dass nichts Geschriebenes erhalten bleibt, wenn du die Botschaft einmal hast. Auf diese Weise können Geheimnisse nicht in falsche Hände geraten.«

»Und was ist mit den Agenten, die mir die Botschaften geben beziehungsweise sie von mir bekommen?«, wollte sie wissen. »Wer schützt ihre Sicherheit?«

»Du bist nicht der einzige Mensch im Universum mit der Gabe des vollkommenen Gedächtnisses«, antwortete Bradley. »Obwohl dieses Talent bei Frauen ziemlich selten ist, weswegen du geradezu ideal wärst, Botschaften innerhalb der Stadt zu übermitteln.«

»Frauen sind genauso schlau wie Männer«, protestierte Lily, und in ihrer Stimme schwang Verärgerung mit.

Bradley lächelte ihr besänftigend zu. »Was wünscht du dir zum Geburtstag?«, fragte er.

»Du hast an meinen Geburtstag gedacht?«, rief sie freudig überrascht aus.

»Wie könnte ich ein derart wichtiges Ereignis wie deinen achtzehnten Geburtstag vergessen?«, neckte er. »Also, was wünscht du dir?«

»Einen Kuss«, antwortete Lily und schloss sogleich die Augen.

»Eine Lady würde nie um einen Kuss bitten«, klärte Bradley sie auf.

Lily schlug die saphirblauen Augen und entgegnete schnippisch: »Ich dachte, ich sei ein Hafenmädchen!«

Spielerisch stupste Bradley die zu ihm hochgereckte Nasenspitze. »Ich hab etwas für dich«, sagte er und erhob sich. Er durchwühlte seine Satteltasche und zog ein Paket heraus.

Zu groß für einen Verlobungsring, schoss es Lily durch den Kopf.

Dann setzte er sich wieder neben sie und reichte ihr das Päckchen mit den Worten: »Für dich.«

Lily himmelte ihn an. Sie wollte das Geschenk nicht öffnen. Sie wollte die Zeit anhalten, damit dieser Moment nie vorüberginge.

»Mach es auf!«, drängte er.

Langsam löste Lily das rote Band, mit dem das Päckchen zugeschnürt war. Sie seufzte entzückt, als sie den roten Wollschal sah, der mit einer Goldbordüre gefasst und mit Sternen bestickt war.

»Ich werden ihn immer in Ehren halten«, flüsterte Lily und legte ihn sich um die Schultern. »Danke, Bradley.«

»Wie wäre es nun mit einem Kuss?«, fragte er spitzbübisch.

Lily ließ sich nicht zweimal bitten. Schnell schloss sie die Augen und spitzte die Lippen. Sie spürte, wie Bradley sich zu ihr beugte, und atmete seinen frischen Duft ein. Ein Stich der Enttäuschung durchfuhr sie, als sie seinen Mund auf der Wange fühlte. Dann hörte sie ihn kichern und öffnete die Augen.

Bradley stand vor ihr und reichte ihr die Hand, um ihr aufzuhelfen. Als er so auf sie herabblickte, merkte Lily, wie ihr beinahe die Sinne schwanden.

»Wir sehen uns bald, mein kleines Hafenmädchen«, raunte Bradley zärtlich und wandte sich zum Gehen.

Lily schaute ihm nach, wie er sein Pferd über den Pier zurück zur Blackstone Street führte. Als er aus ihrem Blickfeld verschwunden war, ging sie durch die Gasse hinter der Schankwirtschaft zurück. Sie wollte allein sein und die letzten Minuten noch einmal durchleben. Den neuen roten Schal um die Schultern gelegt, nestelte Lily am Kreuz um ihren Hals.

Anfang und Ende, dachte sie, und ein warmes Gefühl durchströmte sie.

Wahrlich, Bradley war ihre große Liebe. Er würde sie heiraten und fortbringen von hier. Und Michael würde mit ihnen kommen.

London, März 1813

»Eintausend Pfund Taschengeld im Monat klingt entsetzlich dürftig«, klagte die Frau mit samtener Stimme.

James Armstrong, der zweitgeborene Sohn des verstorbenen Dukes von Kinross, richtete seine dunklen Augen auf die schöne Blonde, die neben ihm stand. Valentina St. Leger, die zweiundzwanzigjährige Schwester des Earl von Bovingdon, zuckte zwar leicht zusammen, trotzte jedoch seinem Blick. Wie alle attraktiven Frauen war sie geldgierig und oberflächlich. Diese weniger vornehmen Eigenschaften konnten James nicht aus der Fassung bringen. Er wusste genau, auf was er sich bei dieser Heirat einließ.

»Eintausend Pfund sind besser als gar nichts«, erklärte er ungerührt. Als sie protestieren wollte, hob James abwehrend die Hand. Er hatte nicht vor, in Gegenwart seiner Mutter, seiner beiden Tanten und seinem zukünftigen Schwager, dem Earl von Bovingdon, über Geld oder sonstige Dinge zu streiten.

»Bitte entschuldigen Sie uns«, verkündete James mit einem Seitenblick auf die anderen. »Wir sind in einem Moment zurück.«

Er nahm seine Verlobte sanft aber bestimmt am Handgelenk und schob sie auf die Tür des Salons zu. Wenn sie ihren ersten Streit auszutragen hätten, würden sie dies unter vier Augen im Speisezimmer erledigen.

Hinter sich hörte James noch seine Mutter sagen: »O je! Ich wollte einen Ball zu ihren Ehren veranstalten und alle Welt einladen. Was mache ich, wenn er jetzt die Verlobung löst?«

»Meine liebste Tess, das wird auf keinen Fall geschehen«, erwiderte seine Tante Donna. »Er ist ganz verrückt nach ihr. Das dumme Ding könnte alles von ihm haben, wenn sie ihre Reize vernünftig einsetzen würde.«

»Sei dir dessen nicht so sicher«, widersprach seine Tante Nora. »Ich habe das Gefühl, es braut sich ein Unwetter zusammen. Die Sterne stehen ungünstig.«

Amüsiert gluckste der Earl von Bovingdon. »Alles wird sich zum Guten wenden, sobald meine Schwester gelernt hat, den Mund zu halten«, erklärte Reggie St. Leger. »Hat jemand Lust, eine kleine Wette zum Ausgang ihrer Unterredung abzuschließen?«

Sein Vorschlag wurde mit eisigem Schweigen quittiert.

James war froh, sich der Beobachtung der anderen entziehen zu können. Er führte Valentina den langen Gang hinunter und geleitete sie ins Speisezimmer. Dann schloss er die Tür hinter sich, wandte sich seiner Verlobten zu und befahl: »Nehmen Sie Platz!«

Valentina ließ den Blick durch den beeindruckend großen Raum mit der zehn Meter langen Mahagonitafel, den passenden Mahagonistühlen und den zwei riesigen Kristalllüstern schweifen, die drohend über ihnen schwebten. James hielt sie zurück, als sie Anstalten machte, sich in den Lehnstuhl am Kopf der Tafel zu setzen.

»Hierher!«, herrschte er sie an und deutete auf einen der Stühle an der Seite, entschlossen, ihr zu zeigen, wer der Herr im Hause war. Ohne abzuwarten, bis sie Platz genommen hatte, setzte er sich ans Kopfende.

Valentina sagte nichts, sondern nahm sich Zeit, sich auf dem ihr zugewiesenen Stuhl niederzulassen, und sah ihn dann aus unbeschreiblich grünen Augen an.

Bevor er anfing zu sprechen, wartete James einen Augenblick, lange genug, um die verführerische Rundung ihrer Brüste zu bewundern. Sollte Tante Donna Recht haben bezüglich seiner Gefühle für Valentina? War er verrückt nach ihr? Nein, er war noch nie nach niemandem verrückt gewesen und hatte nicht vor, das jetzt zu ändern. Diese Ehe war eine reine Geschäftsbeziehung, nicht mehr und nicht weniger.

Entschlossen, niemals eine Frau die Oberhand gewinnen zu lassen, weigerte sich James, in der Frage des Taschengelds nachzugeben. Valentina würde mit eintausend Pfund im Monat auskommen müssen.

Warum wollte er sie überhaupt heiraten?, fragte sich James. Er liebte sie nicht, und sie liebte ihn nicht.

Valentina St. Leger war, wie die meisten seiner weiblichen Bekanntschaften, an dem interessiert, was er zu bieten hatte. Als Besitzer einer der erfolgreichsten Schifffahrtslinien Englands konnte er es sich leisten, seiner Zukünftigen jeden Wunsch zu erfüllen. Aber er wehrte sich dagegen, sich Vorschriften machen zu lassen.

Er wollte mit ihr schlafen. Das stimmte.

James hatte ihr einen Antrag gemacht, weil er glaubte, es sei an der Zeit zu heiraten, und sie all seine Anforderungen zu erfüllen schien. Valentina St. Leger stammte aus bestem Hause und war eine außergewöhnlich schöne Frau. Ein Jammer nur, dass sie so einfältig war. Andererseits waren allerdings die meisten Frauen nichts als herausgeputzte Püppchen, die laufen und sprechen konnten. Beschäftigte sich das schwache Geschlecht denn jemals mit etwas anderem als Kleidern, Schmuck, Geld und Adelstiteln? Frauen fehlte es an Ehrgefühl, an Loyalität, an Geist.

Valentina zog einen hübschen Schmollmund. »Eintausend Pfund decken nicht einmal meine Kosten an Kleidern, Pelzen und Schmuck«, klagte sie.

»Gott bewahre! Das Lebensnotwendige sollen Sie doch nicht aus eigener Tasche bezahlen«, erwiderte James trocken und bemerkte sogleich, dass ihr der spöttische Unterton entgangen war. »Natürlich werde ich für alles aufkommen, was Ihr Überleben sichert.«

»O James, das hätten Sie mir sagen müssen«, rief Valentina, und ihre Miene hellte sich auf. »Was bin ich nur für ein Dummköpfchen!«

Nachsichtig lächelte James. »Aber ein hübsches.«

Valentina errötete wie auf Stichwort. James fragte sich, wie sie es anstellte, immer im richtigen Moment zu erröten oder zu weinen.

Als sie in den Salon zurückkehrten, verkündete James: »Das Problem ist gelöst.«

»Ein albernes Missverständnis meinerseits«, pflichtete Valentina bei.

Lady Donna blickte zu Lady Nora und murmelte: »Ich dachte, die Sterne stünden nicht günstig?«

»Noch sind sie nicht verheiratet«, mahnte Lady Nora.

»Ich freue mich schon so lange auf ein großes Hochzeitsfest«, sagte die Witwe und funkelte ihre Schwester böse an. Dann wandte sie sich an Valentina und fragte: »Sie werden uns doch erlauben, bei den Vorbereitungen behilflich sein zu dürfen, nicht wahr?«

»Selbstverständlich, Euer Gnaden.«

James stand vom Tisch auf, nahm den Federkiel und reichte ihn Valentina. »Unterzeichnen Sie zuerst, meine Liebe.«

Rasch unterschrieb Valentina den Verlobungsvertrag. Dann hielt sie James den Federkiel hin, doch der wehrte ab. »Als Ihr Vormund sollte als Nächstes Ihr Bruder unterzeichnen«, erklärte er und schob damit seine eigene Signatur hinaus. Er hatte es nicht eilig mit dem ehelichen Glück.

Reggie St. Leger nahm den Kiel aus der Hand seiner Schwester. Es gelang ihm sogar, noch schneller zu unterzeichnen, als sie es getan hatte. Dann reichte er ihn seinem zukünftigen Schwager. Mit dem Federkiel in der Hand lehnte sich James über den Tisch, um den Vertrag gegenzuzeichnen. Da wurde die Tür aufgerissen, und James zuckte zusammen. Alle Anwesenden wirbelten herum.

Der fünfundzwanzigjährige Sloane Armstrong, James' Cousin, kam hereingeeilt, nickte den Gästen kurz zu und richtete dann seinen Blick auf James. Sloanes Gesicht war von Schmerzen gezeichnet, das ansonsten fröhliche Lächeln aus seinem Antlitz verschwunden.

»Was machst du denn hier?«, herrschte James ihn an. »Schon zurück aus den Staaten? Wo ist Hugh?«

»Hugh ist tot«, sagte Sloane ohne lange Vorrede.

James hörte den Entsetzensschrei seiner Mutter und wollte zu ihr eilen, doch seine Tanten scheuchten ihn weg und halfen ihrer Schwester in den Sessel vor dem Kamin.

»Ich kam so schnell ich konnte, direkt vom Schiff«, berichtete Sloane. »Himmel, ich wünschte, nicht ich müsste diese schreckliche Nachricht überbringen.«

»War es ein Unfall?«, fragte James. »Ich will sofort wissen, was passiert ist!«

»Die Amerikaner haben ihn als Spion gehenkt«, presste Sloane hervor, fassungslos vor Wut.

James hörte seine Mutter hinter sich aufstöhnen und brüllte: »Ich wusste, er hätte nicht gehen dürfen. Ich habe versucht, ihn davon abzuhalten. Diese skrupellosen Hurensöhne laden ihn als Abgesandten zu Friedensgesprächen ein, und dann hängen sie ihn!«

»Es tut mir so Leid«, murmelte Sloane und fuhr stockend fort: »Sie haben ihn im Boston Common gehängt. ›Tod den britischen Spionen‹ haben sie auf ein Schild geschrieben und ihm an das Jackett geheftet. Seine Leiche zu bergen war zu gefährlich.«

»Damit wollen die Amerikaner einen Schlag gegen die englische Aristokratie führen«, sagte James und schielte besorgt zu seiner Mutter, die angefangen hatte, leise zu wimmern. »Großer Gott! Womit könnte man uns schlimmer schaden, als den dreizehnten Duke von Kinross zu exekutieren, einen Vertreter des ältesten Adelsgeschlechts von England!«

»Ich mochte die Zahl dreizehn noch nie«, sprach Tante Nora ihre Gedanken laut aus.

»James, Sie sind jetzt der vierzehnte Duke von Kinross«, bemerkte Valentina und zog damit die Aufmerksamkeit aller auf sich.

»Sie hat Recht, Euer Hoheit«, brach seine Mutter ihr Schweigen.

»Verdammt!« James blickte die Damen an und entschuldigte sich eilig: »Verzeihen Sie meine Ausdrucksweise.« Er fuhr sich mit der Hand durch das schwarze Haar und fragte: »Wie konnte das nur geschehen?«

»Boston rühmt sich, Amerikas erfolgreichsten Agenten zu beherbergen, die Goldene Lilie, die für den Tod einer ganzen Reihe unserer Agenten verantwortlich ist«, erklärte Sloane.

James funkelte seinen Cousin finster an: »Und warum bist du noch am Leben? Wo warst du, als es passierte?«, wollte er wissen. »Du solltest ihm doch Rückendeckung geben!«

»James, wie kannst du so grob mit einem Familienmitglied sprechen?«, schalt ihn seine Mutter. »Ich bin sicher, Sloane fühlt sich sowieso schon fürchterlich genug.«

»Ich mache mir die schlimmsten Vorwürfe«, sagte Sloane zerknirscht. »Ich ließ zu, dass Hugh allein fortging und werde mir das nie verzeihen.«

»Natürlich trägst du keine Schuld an Hughs Tod«, lenkte James ein und legte seinem Cousin die Hand auf die Schulter. »Du und ich, Sloane, sind nun die einzigen Armstrongs, die noch übrig sind. Aber diese Goldene Lilie muss unschädlich gemacht werden.«

»Was hast du vor?«, fragte sein Cousin.

James konnte den Tod seines Bruders nicht ungerächt lassen. Er würde es diesem kolonialen Teufel heimzahlen, und wenn es tausend Jahre dauerte!

»Ich werde sein Herz rösten und an meine Hunde verfüttern«, antwortete James. Dann wandte er sich zu den anderen um und verkündete: »Ich segle nach Amerika, um dieses Problem zu regeln. Erst danach kann ich mein eigenes Leben weiterführen. Die Tage dieser Goldenen Lilie sind gezählt, das versichere ich euch.«

James blickte zu seiner Mutter und sah in ihren Augen, dass sie nicht einverstanden war. Doch sie kannte ihn gut genug, um zu schweigen.

»Ich komme mit dir«, eröffnete Sloane. »Auch ich möchte auch ein Stück von diesem Bastard.«

»Ich brauche dich hier, damit du dich um meine Angelegenheiten kümmerst«, sagte James.

»Ich trage Mitschuld an dem, was passiert ist«, protestierte Sloane. »Du bleibst in England, und ich fahre zurück und ...«

Er verstummte abrupt, als er James' Gesichtsausdruck sah.

»Und was ist mit mir?«, rief Valentina. »Was ist mit unserer Verlobung?« Empört wandte sie sich an ihren Bruder: »Tu doch etwas!«

»Sei vernünftig, Valentina. Der Mann hat seinen Bruder verloren«, beschwichtigte Reggie St. Leger. »Selbst wenn er in London bliebe, wäre er in Trauer.«

»Wenn wir unsere Verlobung verschieben, wird sein Bruder auch nicht wieder lebendig«, jammerte Valentina wie ein verzogenes Kind. »Außerdem fehlt nur noch seine Unterschrift unter dem Vertrag.« Und damit brach sie in Tränen aus.

Gefühllose Hexe, dachte James und musterte sie finster. Er fluchte, ohne sich dafür zu entschuldigen und unterschrieb den Verlobungsvertrag. Dann knallte er angewidert den Federkiel auf den Tisch.

»Wenn Sie mich nun entschuldigen wollen«, sagte James in die Runde, »Ich muss Vorbereitungen für meine Reise treffen.« Rasch wandte er sich ab und schritt zur Tür.

»Ist der Vertrag rechtskräftig?«, hörte er Valentina zwischen zwei Schluchzern fragen.

»Ja, Valentina.« Reggie St. Leger konnte seine Ungeduld kaum verbergen.

Wenn er Glück hatte, würde sie sich in Sloane verlieben, dachte James, während er die Treppe zu seinem Schlafzimmer im dritten Stock hochstieg. Als Erstes würde er mit der Goldenen Lilie abrechnen, um danach Valentina fallen zu lassen. Niemals konnte er eine Frau heiraten, die ihre eigenen Interessen vor die der Menschen stellte, die ihr angeblich etwas bedeuteten. Die Verlobung zu lösen würde nicht schwer sein, er müsste lediglich ihrem Bruder eine großzügige finanzielle Entschädigung anbieten.

Daraufhin verbannte er Valentina aus seinen Gedanken und konzentrierte sich auf die Goldene Lilie. Was für ein Deckname sollte das überhaupt sein? Eines wusste er jedenfalls: Die Tage der Goldenen Lilie waren gezählt!

Zweites Kapitel

Boston, Mai 1813

»Eintausend Pfund für meine Ergreifung klingt nach einer lächerlichen Summe.« Lily starrte auf das Flugblatt, das Seth ihr gereicht hatte.

»Nicht deine Festnahme«, verbesserte ihr Bruder. »Die der Goldenen Lilie.«

»Sieh dich vor«, warnte Bradley Howell. »Man weiß nie, wer gerade mithört.«

Lily sah sich in der leeren Küche des Four Winds um. »Es ist schon spät.« Amüsiert blickte sie unter ihren ebenholzfarbenen Wimpern zu den beiden Männern empor. »Wir sind unter uns.«

»Man sollte nie seine Tarnung aufgeben«, ermahnte Bradley. »Egal unter welchen Umständen.«

»Brad hat Recht«, pflichtete Seth bei. »Deine Rolle muss dir zur zweiten Natur werden.«

»Ich füge mich eurer vereinten Weisheit«, entgegnete Lily verschmitzt. »Dennoch bin ich gekränkt, dass diese rückgratlosen Tölpel so wenig für Bostons berüchtigten Agenten bezahlen wollen. Die Goldene Lilie ist leicht das Zehnfache wert! Wie viele Agenten besitzen die Gabe des perfekten Gedächtnisses?«

Ihr Bruder grinste. »Vorsicht, Schwesterherz. Hochmut kommt vor dem Fall.«

»Dieses Flugblatt ist kein Scherz«, sagte Bradley und wies mit dem Kinn auf Lily.

»Sich hier im Schutze des Four Winds zu unterhalten, mag noch angehen, doch vor der Tür lauert die Gefahr.« Auch Seth wurde nun ernst.

»Zu viele Leute wissen, wer sich hinter der Goldenen Lilie verbirgt«, fügte Bradley hinzu. »Noch nie habe ich ein derart schlecht gehütetes Geheimnis erlebt.«

»Kein loyaler Amerikaner würde mich jemals hintergehen«, wand Lily ein.

»Dann erklär mir, mein Mädchen, woran du den Unterschied zwischen einem loyalen Amerikaner und einem illoyalen erkennen willst?«, konterte Bradley.

Lily blickte ihm in die braunen Augen und zuckte die Schultern. Leider hatte er Recht mit seinem Einwand.

Seth räusperte sich. »Brad und ich glauben, die Goldene Lilie sollte für eine Weile untertauchen.«

»Wir müssen aber morgen Abend im Salty Dog einen Kontaktmann treffen«, erinnerte ihn Lily. »Die MacDugals sind treue Amerikaner und würden mich niemals betrügen.«

»Würdest du wirklich dein Vertrauen in Hortensia MacDugal setzen?«, neckte ihr Bruder. »Der Weg zu einer Hochzeit mit Bradley wäre für sie frei, würde man dich ergreifen.«

Lily errötete und warf einen kurzen Seitenblick auf den begehrtesten Junggesellen von ganz Boston, der bei diesem Gedanken erschrocken den Kopf einzog. Bei dieser Geste musste sie kichern.

»Ich werde mich verkleiden«, schlug sie vor. »Außerdem hat es bisher noch niemand bemerkt, wenn er von der Goldenen Lilie besucht wurde.«

»Die Goldene Lilie wird diesen Kontaktmann morgen nicht aufsuchen.« Bradleys Stimme duldete keinen Widerspruch.

»Sie wird bis zu unserer Rückkehr untertauchen«, fügte Seth hinzu.

»Rückkehr?«, wiederholte Lily erstaunt.

Bradley nickte. »Seth und ich müssen Boston noch heute Nacht wegen eines Auftrags verlassen.«

»Ein Auftrag?«

»Ein Auftrag im Namen unserer Sache«, erklärte ihr Bruder.

»Wo müsst ihr denn hin?«

»Wir sind nicht befugt, das zu sagen«, meinte Bradley.

»Vertraut ihr mir nicht?« Lilys liebliches Gesicht verdunkelte sich vor Verblüffung und Zorn.

»Natürlich vertrauen wir dir«, versicherte er. »Doch wir mussten schwören, kein Wort darüber zu verlieren.«

Solange der Auftrag nur rasch erledigt wurde, konnte Lily dies hinnehmen. Immerhin war man im Krieg gegen die Briten auf die Hilfe der Goldenen Lilie angewiesen – das Leben amerikanischer Agenten hing von ihr ab.

»Wann werdet ihr zurückkehren?«, wollte sie wissen.

Bradley zuckte fragend die Achseln.

»Wir könnten mehrere Monate weg sein«, gestand Seth.

Überrascht sah Lily von ihrem Bruder zu Bradley. Wie konnten die beiden sie so unvermittelt verlassen? Insbesondere Bradley, der ihr doch seine Liebe erklärt hatte! Erwarteten sie tatsächlich von ihr, so lange untätig zu bleiben?

»Geh ja keine Risiken ein«, warnte Bradley, als könne er ihre Gedanken lesen. »Tu nichts Unüberlegtes, während ich fort bin.«

Lilys Gesichtszüge erhellten sich. »Ich verspreche, keine Risiken einzugehen.«

Bradley schenkte ihr ein Lächeln, das sie schier zerschmelzen ließ. Dann beugte er sich zu ihr und gab ihr einen keuschen Kuss auf die Wange. Im Aufstehen wandte er sich an ihren Bruder. »Bist du bereit?«

Seth nickte und erhob sich ebenfalls.

»Ihr müsst sofort los?«

»Sperr die Tür hinter uns zu«, befahl Bradley.

Lily begleitete sie zur Küchentür; sie spürte Tränen in den Augen.

Aufmunternd lächelte Bradley auf ihr Gesicht herab. »Ich danke dir jetzt schon, dass du mich vermissen wirst«, flüsterte er rau und führte ihre Hand an seine Lippen. »Bis zu unserer Rückkehr, mein Liebling.«

»Jeder Tag wird mir vorkommen wie hundert Jahre«, seufzte sie.

»Das hoffe ich.« Damit zog er sie in seine Arme, doch anstatt sie zu küssen, ermahnte er sie: »Verriegle die Tür!«

Lily schloss die Tür ab. Sie sehnte sich danach, ihnen nachzublicken, aber sie wusste, sie würden nicht gehen, bevor sie nicht den Riegel vorgeschoben hatte.

Als sie sich mit dem Rücken gegen das verwitterte Holz lehnte, fragte sich Lily, wie sie all diese langen, einsamen Tage und Nächte ertragen sollte. Niedergeschlagen kuscheltet sie sich in den roten Schal, den Bradley ihr einst geschenkt hatte. Wann immer sie bedrückt war, wickelte sie ihn sich zum Trost um die Schultern.

Zu dumm, dass sie seinen letzten Heiratsantrag nicht angenommen hatte, dachte sie und tastete nach dem Kreuz um ihren Hals. Dann säße sie nun gemütlich in seinem Haus auf Beacon Hill, und Michael hätte ...

Das war der eigentliche Grund, warum sie seinen Antrag nicht angenommen hatte. Was würde Bradley tun, wenn sie ihm ein Kind wie ihren kleinen Bruder gebären würde? Sicher, er mochte Michael. Aber ihr Bruder war nicht sein Sohn.

Mit solch beunruhigenden Gedanken stieg Lily die schmale Stiege zu ihrer Kammer über der Taverne hoch. Wieder berührte sie ihr Kreuz, und sie wusste, dass Bradley der richtige Mann war. Alpha und Omega. Anfang und Ende. Der Erste und der Einzige für sie.

Lily war klar, dass sie sich nicht um Dinge sorgen durfte, die sie nicht beeinflussen konnte. Sie brauchte eine Beschäftigung, während Bradley und ihr Bruder unterwegs waren. Sie brauchte die Goldene Lilie.

Der folgende Tag schleppte sich endlos dahin. Wie viele Tage würde sie so verbringen müssen? Am späten Nachmittag war Lily halb wahnsinnig vor Langeweile. Die langen Frühsommertage lagen vor ihr wie ein unüberwindliches Gebirge.

Lily stand in der Küchentür des Four Winds und sog die Abendluft tief ein. Sehnsüchtig starrte sie übers Wasser hinüber zur Salty Dog Taverne. Der Kontaktmann würde vergeblich auf die Goldene Lilie warten.

Plötzlich spürte sie die Anwesenheit eines Menschen und drehte sich zu ihrer Linken um. Da stand ihr achtjähriger Bruder und sah in dieselbe Richtung, in die sie vor kurzem noch geblickt hatte. Er sah ebenso gelangweilt aus wie sie selbst.

Gerade schon wollte sie ihm sagen, er solle sich das Kinn abwischen, da hob Michael bereits die Hand und fuhr sich mit dem Hemdsärmel über das Gesicht.

»Wo schaust du hin?«, fragte sie erneut mit Blick nach vorn.

»Wo schaust du hin?«, gab er zurück.

»Ich habe zuerst gefragt«, antwortete sie.

»Und ich habe als Zweites gefragt.«

Lily prustete laut los. Michael grinste breit.

»Weißt du, was heute für ein Tag ist?«, wollte Lily wissen und legte den Arm um seine Schultern.

»Freitag?«

»Freitag, der dreizehnte«, verbesserte sie.

Verständnislos sah sie ihr Bruder an.

»Freitag, der dreizehnte, ist ein Unglückstag«, erklärte Lily. »Die Zahl dreizehn bringt Unheil, und Jesus starb an einem Freitag.«

»Woher willst du wissen, an welchem Tag Jesus gestorben ist?«, entgegnete Michael zweifelnd. »Du warst doch gar nicht dabei.«

Wieder musste Lily lachen. »Im Gedenken daran feiert man Karfreitag.«

»Ach so! Dann sollten wir lieber reingehen und uns vor dem Pech verstecken.«

»Das ist nicht nötig.« Und in diesem Moment kam ihr eine unerhörte Idee. Sie flüsterte Michael ins Ohr: »Möchtest du gerne ein Abenteuer erleben?«

Die blauen Augen ihres Bruders, so ähnlich ihren eigenen, funkelten vor Aufregung. »Was für ein Abenteuer?«

»Ein geheimes Abenteuer«, wisperte sie.

Michael nickte heftig mit dem Kopf und legte sich den Finger auf die Lippen. Dann meinte er laut: »Niemand darf es wissen!«

»Geh hinauf«, wies Lily ihn an. »Hol mir die älteste Hose von Seth, ein Hemd und eine Weste. Vergiss nicht den Gürtel und eine Mütze.«

Strahlend rannte Michael die enge Stiege hinauf in den ersten Stock. Während Lily wartete, blickte sie wieder durch die Küchentür nach draußen. Im Zwielicht der Dämmerung schimmerte der Himmel rötlichblau, die ersten Sterne erschienen am östlichen Horizont.

»Hier«, hörte sie ihren Bruder sagen.

»Dreh dich um«, befahl Lily. Sie schälte sich aus Kleid und Unterkleid, zog die schwarze Hose an und befestigte sie mit dem Gürtel um die Taille. Danach streifte sie Hemd und Weste über. Zum Schluss kam die Mütze, die sie sich tief in die Stirn zog.

»Du siehst ja aus wie ein Junge«, bemerkte Michael.

»Wir gehen jetzt ins Salty Dog«, erklärte Lily ihrem Bruder und eilte voraus. »Wisch dir das Kinn ab!«

Michael tat wie ihm geheißen und verkündete: »Ich bin so weit.«

Zusammen machten sie sich auf den Weg. Sie ließen den Howell's Wharf hinter sich und bogen an der Blackstone Street nach Süden ab. In der Nähe des Hancock's Wharf verlangsamten sie den Schritt.

»Das hier ist kein Spaß«, sagte Lily eindringlich. »Sprich mich nicht mit Namen an. Verstanden?«

Michael sah sie aus zusammengekniffenen Augen an. »Ich bin doch nicht blöd.«

»Ich will nur sicher gehen, dass du unser Geheimnis wahrst.«

»Was heißt wahren?«

»Wahren heißt hüten, unser Geheimnis hüten«, erklärte sie.

Als Lily den Weg zum Hancock's Wharf und zum Salty Dog einschlug, zog sie sich die Mütze noch tiefer in die Stirn.

In der Taverne angekommen, ließ Lily sich an einem Tisch am hinteren Ende der Schankstube nieder. Erleichtert stieß sie einen Seufzer aus, als Michael sich ihr gegenüber setzte, ohne unerwünschte Aufmerksamkeit auf sie beide zu ziehen. Doch zu ihrer Bestürzung hob er den Arm, um sich das Kinn abzuwischen. Was, wenn nun jemand diese vertraute Geste gewahrte?

Niemand in dem großen Raum schien sie zu beachten. Dem lieben Herrgott sei Dank, auch Hortensia MacDugal war an diesem Abend nicht zu sehen.

Da trat der Inhaber der Taverne an ihren Tisch, Colin MacDugal, ein wahrer Riese und der Vater ihrer schlimmsten Feindin. Seine mächtige Gestalt schirmte sie vor den Blicken der anderen Gäste ab, während er verstohlen einen Zettel auf den Tisch gleiten ließ.

Ruckartig hob Lily den Kopf und betrachtete den Wirt, der ihr verschwörerisch zuzwinkerte. Heilige Jungfrau, kannte MacDugal etwa die Identität der Goldenen Lilie? Damit nicht genug, hatte er sie auch trotz ihrer Verkleidung erkannt?

Sie sah auf den Zettel und schnappte nach Luft. Gib Acht auf den britischen Kerl in der Ecke.

Vergeblich versuchte Lily, an MacDugal vorbei einen Blick auf die Gäste zu werfen; lehnte sie sich nach rechts, tat er das Gleiche, lehnte sie sich nach links, schob er sich ebenfalls dorthin.

»Schlüpf durch die Küchentür«, flüsterte MacDugal. »Sofort!«

Lily nickte. Sobald der Wirt den Tisch verlassen hatte, erhob sie sich und sagte: »Mir nach, Bruder.«

Michael wischte sich den Speichel vom Kinn und fragte: »Wollten wir nicht ...?«

Lily bedachte ihn mit einem unmissverständlich warnenden Blick und ging voraus. Dem erschrockenen Gesichtsausdruck der Küchenmagd schenkte sie keinerlei Beachtung, sondern marschierte direkt auf die Hintertür zu.

Sie hörten das Schloss hinter sich zuschnappen und fanden sich in der Gasse hinter dem Salty Dog wieder.

Die Nacht hüllte sie ein und gab ihnen ein Gefühl von Sicherheit. Hunderte von Sternen funkelten am Himmel, aber der Mond war nicht zu sehen. Lily holte tief Luft und spürte den vertrauten Geruch des Meeres in der Nase.

»Warum mussten wir schon los?«, fragte Michael halblaut.

»Britische Spione suchen nach mir«, antwortete sie. »Komm mit!«

Lily nahm Michael bei der Hand und zog ihn in Richtung Blackstone Street. Sie waren noch keine zehn Schritte weit gegangen, als Lily plötzlich von hinten gepackt wurde. Mit aller Kraft wehrte sie sich gegen den Angreifer und wollte nach ihrem Bruder rufen, doch eine riesige Hand legte sich ihr über Nase und Mund. Verzweifelt rang sie nach Luft, bis die Ohnmacht sie erlöste.

Als Lily einige Augenblicke später wieder zu sich kam, hatte sie bereits jemand in eine Decke gewickelt und trug sie nun wie einen Mehlsack über der Schulter. Ihr Kopf wippte gegen den Rücken ihres Entführers, und Lily musste gegen eine aufkommende Übelkeit ankämpfen.

Ihr einziger Gedanke galt Michael. War er entkommen? Wie sollte sie sich jemals verzeihen, falls ihr Bruder durch ihre eigene Dummheit zu Schaden gekommen war? Sie hatte ihrer Mutter versprochen, Michael zu beschützen, und nun hatte sie kläglich versagt.

O, warum nur hatte sie nur nicht auf Seth und Bradley gehört? Sie hätte ihnen vertrauen sollen!

Das Schaukeln wurde stärker, und sie spürte, dass es Stufen hinunterging. Dann ein ruckartiger Halt. Unsanft wurde sie auf den Boden gelegt, kurz darauf schloss sich eine Tür. Unvermittelt zog jemand die Decke fort.

Nachdem Lily langsam die Augen geöffnet hatte, sah sie auf ein Paar schwarze Stiefel. Handelte es sich um amerikanisches oder englisches Schuhwerk?

Verunsichert hob Lily den Kopf und bemerkte muskulöse Beine, die in engen schwarzen Hosen steckten. Ihre Augen wanderten höher, machten schlanke Männerhüften aus, eine breite Brust und dann ...

All ihren Mut zusammennehmend blickte Lily in das Gesicht über ihr. Die Haare und die Augen des Mannes waren schwärzer als die Sünde selbst, und obgleich er ungewöhnlich gut aussehend war, strahlte sein energisches Kinn Arroganz aus.

Heilige Jungfrau, dachte Lily panisch, und Entsetzen stieg in ihr auf. Der Teufel ist ein Gentleman!

Verdammt! Der Teufel ist eine Frau!, dachte James, als er in die entwaffnendsten saphirblauen Augen blickte, die er je gesehen hatte.

Er drehte sich kurz zu dem Jungen um, der in der anderen Ecke des Raumes lag, um seine Aufmerksamkeit erneut der außergewöhnlichen Frau zu seinen Füßen zuzuwenden. Dann sagte er spöttisch: »Die Goldene Lilie, wenn ich mich nicht irre?«

»Nein, Lady MacBeth«, gab sie scharfzüngig zurück.

»In der Tat, an Euren Händen klebt das Blut von Engländern«, meinte James. »Ich bin ...«

»Der britische Mistkerl, wenn ich mich nicht irre?«, unterbrach sie ihn.

James verzog den Mund. »Die Damen, die das Pech haben, nicht in mein Bett zu dürfen, pflegen mich gelegentlich so zu bezeichnen.«

Kaum hatte er diese letzten Worte ausgesprochen, als ihr Porzellanteint sich zu einem leuchtenden, bezaubernden Rot verdunkelte. Wann hatte er eine Frau zuletzt unwillkürlich erröten sehen? Dennoch, er hatte einen berüchtigten amerikanischen Agenten vor sich und durfte ihr dieses Erröten nicht zu ihren Gunsten anrechnen.

»Wo ist mein Bruder?«, fragte sie fordernd. »Wenn Sie ihm auch nur ein Haar gekrümmt ...«

»Ich bin hier«, antwortete Michael.

James beobachtete, wie seine Gefangene über die Schulter sah, um sich der Unversehrtheit des Jungen zu vergewissern, und bemerkte, wie ihr Ausdruck bei dessen Anblick weich wurde. Doch als sie sich wieder ihm zuwandte, war von diesem sanften Zug nichts mehr zu erkennen.

»Ich weiß nicht, warum Sie uns entführt haben«, sagte sie in einem sachlichen Tonfall, der sie ganz offensichtlich eine Menge Selbstdisziplin kostete. »Unser Vater ist kein reicher Mann und wird keinen Penny für uns bezahlen. Ich schlage vor, Sie lassen uns sofort frei.«

Durchdringend blickte James sie an, um ihre Nervosität zu steigern. »Ich bin der Duke von Kinross.«

»Ein richtiger Duke?«, ließ sich der Junge vernehmen.

»Michael, sei still und lass mich das machen«, befahl die junge Frau und fügte, offenbar aus Gewohnheit, hinzu: »Lass die Zunge im Mund. Wisch dir das Kinn ab!«

James sah, wie sich der Junge mit dem Ärmel übers Kinn fuhr und bemerkte erst jetzt, dass der Junge scheinbar leicht behindert war.

Das Mädchen liebte ihren Bruder; das war nicht zu übersehen. Hatte man sie vielleicht gezwungen, für die Amerikaner zu arbeiten, um ihn ernähren zu können? Nun, das spielte keine Rolle. Sein eigener Bruder war tot, und sie würde den Preis dafür bezahlen.

»Du heißt also Michael?«, fragte James den Jungen freundlich.

»Verrat ihm nichts«, mahnte die junge Frau.

Der Kleine warf seiner Schwester einen besorgten Blick zu. Dann sah er James an und sagte: »Ich bin Michael Hawthorne.«

»Und wie alt bist du?«, forschte James weiter.